close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

1 SWR2 Tandem - Manuskriptdienst Meu Rio - mein Rio Wie junge

EinbettenHerunterladen
2
SWR2 Tandem - Manuskriptdienst
Meu Rio - mein Rio
Wie junge Cariocas den Protest weiter führen
Autor:
Tom Noga
Redaktion:
Ralf Kröner
Regie:
Günter Maurer
Sendung:
Montag, 16.06.14 um 19.20 Uhr in SWR2
Wiederholung:
Dienstag, 17.06.14 um 10.05 Uhr in SWR2
__________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte der Sendungen SWR2 Tandem auf CD können wir Ihnen zum größten Teil
anbieten. In jedem Fall von den Vormittagssendungen. Bitte wenden Sie sich an den
SWR Mitschnittdienst. Die CDs kosten derzeit 12,50 Euro pro Stück.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-26030.
Einfacher und kostenlos können Sie die Sendungen im Internet nachhören und als Podcast
abonnieren:
SWR2 Tandem können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter
www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/tandem.xml
Kennen Sie schon das neue Serviceangebot des Kulturradios SWR2?
Mit der SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des
SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen.
Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen
Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert.
Jetzt anmelden unter 07221/300 200 oder swr2.de
___________________________________________________________________
1
MANUSKRIPT
Atmo 1 (Candelária 1)
Länge: 4‘59‘‘
Erzähler: Die Szene hat etwas Absurdes: 200, 300 Polizisten in Kampfmontur
bilden einen Ring um die Verkehrsinsel hinter A Candelária, der
Kathedrale von Rio de Janeiro. Sie sind mit Schlagstöcken bewaffnet,
einige zusätzlich mit Maschinenpistolen. Innerhalb des Ringes wuseln
an die hundert Reporter umher, die meisten hoch gerüstet, mit Helmen
auf den Köpfen und Schonern an Ellenbogen und Knien. Das sind
Vorsichtsmaßnahmen, weil vor ein paar Wochen ein Kameramann des
TV-Senders Bandeirantes von einer Leuchtrakete getroffen wurde und
an den Folgen der Verletzung gestorben ist.
Jene aber, um die es geht – die Demonstranten – sind in der
Minderzahl. 60, 70 mögen es sein. Vor einem Jahr, während des
Konföderiertenpokals, als die Welt auf Brasilien blickte, sind hier über
100.000 Menschen auf die Straße gegangen.
Regie: Blende zu Atmo 2 (Candelária2, Batmans Rede)
Länge: 3‘19‘‘
Erzähler: Ein als Batman verkleideter Mann erklimmt die Stufen der Kathedrale
und schwenkt ein Bündel Monopoly-Geld. Kameras surren,
Fotoapparate klicken, Mikrofone werden ihm entgegen gereckt. Er
geißelt den brasilianischen Staat als faschistisch, wettert gegen
korrupte Politiker und viel zu teure Großveranstaltungen wie die
Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Spielen im Jahr 2016.
Regie: Atmo 2 hoch ziehen. Wir hören Batman reden bei
Erzähler: Dieser Batman heißt Eron Morais de Melo, er ist groß und muskulös,
32 Jahre alt – und von Beruf Demonstrant. Das sagt er jedenfalls selbst
von sich.
2
Regie: Blende zu Atmo 1
O-Ton 1 (Eron)
Länge: 0’29’’
O Batman, no primeiro lugar era um símbolo do heroísmo, da luta
contra a injustiça e o sistema, pelo lutar para o que é certo. Que me dio
a ideia do Batman? Justamente os movimentos sociais do Facebook
que colocaram o prefeito do RdJ, Eduardo Paes, pintado de coringa.
Me di si vemos Eduardo pães pintado de coringa vamos a chamar um
Batman. . Ele foi o responsável pelo aumento dos pasageems. Si
vemos Eduardo Pães como coringa vamos a chamar um Batman. Eu
tirei a roupa de Bateman e ali pegou.
Übersetzer 1: Batman ist ein Held, ein Kämpfer gegen die Ungerechtigkeit und
gegen das System. Auf die Idee bin ich gekommen, als ich auf
Facebook ein Bild von Bürgermeister Eduardo Paes gesehen habe,
angemalt wie der Joker. Er war für die Fahrpreiserhöhungen im letzten
Jahr verantwortlich. Und ich habe mir gedacht: Wenn er der Joker ist,
dann brauchen wir einen Batman als Gegenspieler. Deshalb habe ich
die Rolle übernommen.
Atmo 3 (Candelária3)
Länge: 9‘04‘‘
Erzähler: Eron grinst und entblößt ein Gebiss, das seinem eigentlichen Beruf
als Zahntechniker zur Ehre gereicht. Die Wut über
Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr hat ihn im Frühjahr
2013 auf die Straße getrieben. Ausgehend von Sao Paulo ist damals
eine Protestwelle durchs Land geschwappt – und bis heute nicht
abgeebbt. In Rio findet seitdem einmal pro Woche eine Demo statt;
nicht immer am selben Wochentag – dies ist schließlich Brasilien – aber
trotzdem regelmäßig. Und Eron Morais de Melo ist als Batman immer
dabei.
3
O-Ton 2 (Eron)
Länge: 0’26’’
É mais estratégico também. Si você tivesse simples, normal, você tal
vez no passa direito. Como Batman: Que é a essa cara, que é o louco?
Mais você tem que ver, no é só uma fantasia, eu tenho visão, tenho
ideal. Não é só uma fantasia, uma infância retrasada, não, eu ta aqui
justamente paras ser ouvido.
Übersetzer 1: Diese Verkleidung hat auch strategische Vorteile. Als normaler
Mensch nimmt dich niemand wahr. Aber bei Batman fragen sich alle:
Was ist das für ein Typ? Was will der Verrückte? Du regst die Fantasie
der Leute an. Für mich ist das kein Spiel, keine Kinderei, ich habe
Ideale, ich habe ernsthafte Anliegen. Ich bin hier, damit ich gehört
werde.
Erzähler: Eron ist einer der Protagonisten der brasilianischen
Protestbewegung. Im September 2013 wurde er verhaftet, offiziell
wegen eines Verstoßes gegen ein kurz zuvor erlassenes
Vermummungsverbot. Mit seiner Verhaftung begannen die ersten
Straßenschlachten, und es brachte Eron zur besten Sendezeit in alle
Fernsehkanäle. Er trifft sich staatsmännisch mit Vertretern der
indigenen Bevölkerung, taucht unangemeldet in Einkaufzentren auf,
etwa im noblen Strandviertel Leblon, wo ihn private Sicherheitskräfte
prompt entfernen. Und er wird bei Besuchen in Favelas wie ein Befreier
gefeiert, zuletzt in Mangueira, einer verschachtelten Ansammlung
unverputzter Häuser, die nur durch eine Bahntrasse vom Stadion
Maracanã getrennt ist; dort wird am 13. Juli das WM-Finale stattfinden.
Wo Eron auftritt, sind Kameras nie fern. Seine medienwirksamen
Inszenierungen haben ihm über die Landesgrenzen hinaus den Ruf
eingebracht, ein Kämpfer für die Armen zu sein.
O-Ton 3 (Eron)
Länge: 0’50’’
As manifestações em gera são fruto da insatisfação geral. Nós não
temos escolas publicas decentes, a educação em Brasil é penúltima
do mundo, diante do Indonésia.
4
A saúde do Brasil é uma das últimos do mundo. Nós pagamos
impostos muito altos e não tem retorno, e os políticos ganan salários
absurdo em contra da população que gana salários miserables. Isso
não queremos mais, essa corrupção, um, governo que não ouve na
população. Por isso estamos nas ruas, para pressionar o governo, o
estado para que nos ouvisse, para exercer nossa democracia.
Übersetzer 1: Die Demos hier in Brasilien sind das Ergebnis einer allgemeinen
Unzufriedenheit. Wir haben keine vernünftigen Schulen. In der PISAStudie liegen wir irgendwo weit hinten, knapp vor Indonesien, im
öffentlichen Gesundheitswesen ebenso. Wir zahlen extrem hohen
Steuern, aber nichts fließt in Form einer verbesserten Infrastruktur
zurück. Politiker genehmigen sich absurd hohe Diäten, während die
meisten Menschen nur das Nötigste zum Leben haben. Jetzt reicht es
uns, wir wollen gehört werden. Deshalb sind wir auf der Straße, um
Druck auf die Regierenden auszuüben. Sie sollen unsere Anliegen
ernst nehmen und dieses Land soll endlich demokratisch werden.
Regie: Blende zu Atmo 4 (Café)
Länge: 6‘33‘‘
evtl. Atmo 5 (Centro) drüber
Länge: 6‘38‘‘
Erzähler: Alessandra Orofino würde diesen Satz bedenkenlos unterschreiben.
Wenn Eron Morais de Melo einer der Repräsentanten der
brasilianischen Proteste ist, dann darf die zierliche Endzwanzigerin als
einer der Köpfe der Bewegung gelten, auch wenn sie diese
Bezeichnung nicht gerne hört. Im Herbst 2011 hat Alessandra mit ihrem
Schuldfreund Miguel Lago „Meu Rio” – Mein Rio – gegründet, eine
Organisation, die ihr Programm im Namen trägt: diese Stadt gehört
allen, die hier leben. Meu Rio hat die ersten Proteste gegen
Fahrpreiserhöhungen organisiert
5
O-Ton 4 (Alessandra Orofino)
Länge: 0‘59‘‘
I think it ignited something that was bigger than the reasons for starting.
Where mobility is such a huge problem and where so many people are
completely cast away from the interesting things in a city because they
cannot really access them. Raising the prizes for bus tickets was almost
like the last drop, the thing that needed to happen for people to be really
angry. And then of course the whole set of other frustrations concerns
came along with it. I don’t think anyone realizing the real importance of
it right away, and honestly, I don’t think we realized it even to this day.
When the protest started in Rio, I think, the first one had about 1.000
people, and the 2nd had 5.000, the 3rd 10.000 and finally the 4th or 5th
had 100.000 people. By that time we knew that we were living through
something that would change the country in some way or another.
Übersetzerin: Diese Proteste haben etwas entfacht, was über den eigentlichen
Anlass hinaus geht. In unseren Städten ist Mobilität ein großes
Problem. Viele Menschen sind von vielem ausgeschlossen, was die
Städte zu bieten haben, weil sie schlicht nicht dort hinkommen. In einer
solchen Situation die Fahrpreise zu erhöhen, war der Tropfen, der das
Fass zum Überlaufen gebracht hat. Und dann kam anderer Ärger mit
hoch. Wir haben damals alle nicht recht verstanden, was passiert ist,
ich glaube, bis heute nicht. Zur ersten Demo in Rio kamen 1.000 Leute,
zur zweiten 5.000, dann 10 und schließlich zur vierten und fünften
100.000. Da fingen wir an zu spüren, dass wir an etwas teilnehmen,
das das Land irgendwie verändern wird.
Erzähler: Alessandra Orofino sitzt in einem Café im Zentrum von Rio de
Janeiro, mit Blick auf die Kathedrale. Öffentliche Auftritte, wie sie
Batman Eron Moroais de Melo regelrecht zelebriert, mag sie nicht
besonders. Sie wirkt lieber im Hintergrund. Wann sie das letzte Mal an
den Demonstrationen teilgenommen hat? Alessandra denkt lange nach
und rührt dabei in ihrem Capuccino. Irgendwann im letzten Herbst muss
das gewesen sein. Damals hat sie das Gefühl beschlichen, dass diese
Form des Protests ihren Zweck erfüllt hat.
6
Ihrer Ansicht nach haben die Demonstrationen den Unmut weiter
Bevölkerungsteile kanalisiert und in die Öffentlichkeit getragen. Und
damit eine Grundlage geschaffen, auf die es jetzt aufzubauen gilt.
O-Ton 5 (Alessandra Orofino)
Länge: 0’54’’
Brazil is not a country that was built upon conflicts. Our independence
was declared by the Portuguese prince. I think … that’s amazing. Our
seminal history as a nation started with the colonizer declaring us
independent, that’s pretty odd. We’re not a country where things are
usually solved through violence or confrontation, from our
independence through the transition for monarchy to republic to the
beginning and the end of dictatorship. There was an amnesty, no one
was really punished. So it’s a very conciliatory country historically where
people are terribly afraid of confrontation and try to solve things through
diplomacy. Which is a good thing because it keeps the country peaceful
relatively but it also inhibits all sorts of social rebellion.
Übersetzerin: Brasilien ist nicht aus einem Konflikt entstanden, unsere
Unabhängigkeit wurde von Dom Pedro erklärt, dem Sohn des
portugiesischen Königs – erstaunlich, nicht wahr. Unsere Geschichte
als Nation hat damit begonnen, dass die Kolonialmacht uns die
Unabhängigkeit gewährt hat. Wir sind kein Land, in dem die Probleme
durch Gewalt oder Konfrontation gelöst werden. Das zieht sich durch
unsere gesamte Geschichte, von der Unabhängigkeitserklärung über
das Ende der Monarchie bis zum Beginn und dem Ende der
Militärdiktatur. Damals gab es eine Amnestie und niemand wurde
wirklich bestraft. Historisch ist Brasilien ein auf Versöhnung bedachtes
Land. Statt für eine Sache zu kämpfen, suchen wir lieber nach
diplomatischen Lösungen. Das ist einerseits gut, weil es den inneren
Frieden garantiert. Aber es hat lange auch jede Form von sozialem
Aufbegehren verhindert.
7
Erzähler: Alessandra nippt an ihrem Capuccino. Aber diese, wie sie es nennt,
Friedhofsruhe ist passé. Allein in Rio sind in den letzten Jahren ein paar
hundert Bürgerkomitees entstanden, die sich für soziale und politische
Belange in den Stadtteilen einsetzen: im mitteständischen Flamengo,
den Arbeitervierteln der Zona Norte – dem industriellen Norden der
Metropole, und in vielen Favelas – den Armensiedlungen. Meu Rio
vernetzt diesen Protest. Die Organisation hat über 100.000 Mitglieder,
die sich für Demonstrationen, aber auch als Flashmob aktivieren
lassen. Und sie berät lokale Anführer. Heute Morgen etwa war
Alessandra in Babilônia, einer Favela auf dem Hügel, der die Strände
der Copacabana von der Halbinsel Urca mit dem Zuckerhut trennt. Die
Bewohner von Babilônia wollen ein leer stehendes Gebäude zum
Theater umbauen, sind bisher aber an bürokratischen Hürden
gescheitert.
Regie: Mix aus Atmo 4 und 5 als Trenner
Erzähler: Alessandra Orofino ist eine erfahrene Aktivistin. Ihre politische
Feuertaufe war das Engagement für Fernando Gabeira. Der ehemalige
Untergrundkämpfer hatte im Jahr 2008 für die Grünen bei den
Bürgermeisterwahlen kandidiert und das Amt nur denkbar knapp
verfehlt.
Alessandras Eltern sind Ärzte, sie hat an der Sorbonne in Paris und an
der Columbia University in New York Politik studiert, spricht fließend
portugiesisch, englisch und französisch. Mit dieser Ausbildung könnte
sie sich in Brasilien einen lukrativen Job aussuchen, stattdessen
arbeitet sie für ein eher symbolisches Gehalt für Meu Rio. Das ist
typisch für die Aktivisten der Protestbewegung. Und genau das kann
die politische Elite Brasiliens auch nicht verstehen. So bezeichnet der
Bürgermeister von Rio, Eduardo Paes, die Bewegung immer wieder als
„Aufstand verwöhnter Kinder“.
8
O-Ton 6 (Alessandra Orofino)
Länge: 0’23’’
I think the mayor just wanted to create this image of –my good – brats,
teenagers who have everything and they are ungrateful and on the
streets. That’s not the reality. There is an expectation that you should
be very happy if you have a job and a good income and that’s what you
should be aspiring to. But I think that’s not the game, we want to play.
Übersetzerin: Ich denke, der Bürgermeister hat versucht, dieses Bild von
Rotzlöffeln zu malen, von Teenagern, die alles haben und trotzdem
undankbar sind und auf die Straße gehen. Aber das stimmt nicht.
Dahinter steckt die Erwartung, dass man zufrieden sein soll, wenn man
einen Job hat und ein gutes Einkommen. Und nur das sollen wir
anstreben. Aber bei diesem Spiel wollen wir nicht mehr mitmachen.
Atmo 6 (Manifestação 1)
Länge: 7’56’’
Erzähler: Am nächsten Tag treffe ich Alessandra in der Rosinha. Sie schickt
zwei junge Männer mit einem Plakat auf die Fußgängerbrücke, gleich
hinterm Túnel Zuzu Angel. Dann platziert sie ein Skelett in einer
Kloschüssel auf der Rua de Alegria, der Straße der Freude. Und
schließlich gibt sie dem Fahrer des Lautsprecherwagens letzte
Instruktionen, damit der die Botschaft des Tages auch richtig verkündet.
Regie: Atmo 7 (sana sim)
Länge: 1‘19‘‘
über Atmo 6. Wir hören die Lautsprecherdurchsage: „.. saneamento sim,
teleférico não...” bei .
Erzähler: „Saneamento sim, teleférico não” – Ja zum Abwassersystem, nein
zur Seilbahn, dringt aus dem Lautsprecher: Kommt alle zur Demo,
heute von 4 bis 6.
9
Der Staat Rio de Janeiro plant in Rosinha eine Seilbahn, mit der das
Armenviertel an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen werden
soll, ohne dass man eine Infrastruktur aufbauen müsste.
O-Ton 7 (Alessandra Orofino)
Länge bis Wortende: 0‘33‘‘
Rosinha is one of the biggest favelas in Rio. It was the biggest Favela in
Latin America for a while, now it’s one of the biggest. And they have no
real sanitation whatsoever. If you can go up and you will see running
down the street pretty much everywhere. The federal government had
give the state government a big pack of money to build a tramway in
Rosinha, it’s a big project that will probably remove at least 4.000
families and the community has been fighting to use that money for
sanitation instead.
Übersetzerin: Bis vor ein paar Jahren war die Rosinha die größte Favela ganz
Lateinamerikas, jetzt ist sie immer noch eine der größten. Und sie ist
nicht an die Kanalisation angeschlossen. Wenn man hoch geht, sieht
man, wie Fäkalien am Rande der Straßen und Gassen herabfließen.
Die Bundesregierung hat der Regierung des Staates Rio viel Geld
gegeben, um die Seilbahn in Rosinha zu bauen. Das ist ein
Riesenprojekt, sehr teuer, und mindestens 4.000 Familien müssten
dafür umgesiedelt werden. Und die Gemeinde hat dafür gekämpft, das
Geld nicht für die Seilbahn, sondern für eine Kanalisation zu benutzen.
Regie: An Atmo 6 hängen Sprechchöre, dann Blende zu
Atmo 8 (manifestação 2)
Länge: 5’34’’
Erzähler: Aber zunächst feiern sich die Demonstranten selbst, mit RosinhaSprechchören und gereckten Fäusten. Auch das ist neu, sagt
Alessandra: Viele Menschen haben einen Stolz auf ihr Viertel
entwickelt, auch wenn sie aus einer Favela kommen. Dabei ist die
Stimmung hier und heute angespannt.
10
Rosinha ist zwar eine befriedete Favela. Im letzten Jahr wurden die
Drogenbanden vertrieben und eine Wache der UPP eingerichtet, der
Unidade de Policia Pacificadora, der Friedenspolizei von Rio de
Janeiro.
Aber im April ist es zu einer Schießerei mit zwei Todesopfern
gekommen. Jugendliche seien bei einer Feier aneinander geraten.
Anschließend hätten sie eine Wache der Friedenspolizei angegriffen
und Autos auf der Schnellstraße beschossen, um in der allgemeinen
Konfusion die Leichen ungestört zu bergen. So lautet die offizielle
Version. Doch unter der Hand hört man, dass Drogenbanden versucht
hätten, die Kontrolle über die Rosinha zurückzugewinnen.
Regie: Atmo 8 als Trenner
Erzähler: Ein Bewohner nach dem anderen ergreift das Mikrofon und erläutert
seine Position. Andere lassen sich auf der Kloschüssel fotografieren
und filmen. Für Alessandra Orofino ist das der erste Schritt, um den
Protest in die Medien zu bringen und so ein öffentliches Bewusstsein
für die Problematik zu festigen. So haben die Aktivisten von Meu Rio
auch in Cantagalo angefangen, einer der vier Favelas, die die
Copacabana umschließen.
O-Ton 8 (Alessandra Orofino)
Länge: 1’21’’
In Cantagalo we ran a campaign that was very successful, for an
environmental project, they recycle and they do permaculture and other
things. And they were informed by the government that they had to
leave the area, where we started the project. They had 2 weeks to do
so, that was late last year. They were being removed because
Odebrecht, a big development company wanted to create a depósito de
obras right on their project. And because they didn’t have any property
rights as no one really does in the slums they were helpless. O.k. we
thought about, how we can make am campaign. We started a campaign
himself on one of our applications online called the pressure cooker that
allows people to start campaigns on any topic they want. And we saw it
and thought it needed more help. it was a small issue but very symbolic.
11
So we sent e-mails to our entire network saying: this guy needs your
help. And within 4 or 5 hours we had 6.000 people pressuring the
secretary through this application online. Then we ran another e-mail to
these 6.000 people saying thank you now you need to call them. And
they started calling the secretary all day long. The next day we got a
meeting with the secretary. And he said: Ok, we gonna leave, just leave
me alone.
Übersetzerin: Wir haben dort eine Kampagne gemacht, die sehr erfolgreich
war, für ein Umweltprojekt. Die Leute dort haben Recycling und
Permakultur gemacht. Und dann wurden sie von der Regierung
informiert, dass sie das Gelände innerhalb von zwei Wochen verlassen
müssen, weil Odebrecht, eine große Baufirma, genau dort eine
Müllkippe für Bauschutt einrichten wollte. Und weil sie kein
Eigentumsrecht hatten wie niemand in den Slums, wussten sie sich
nicht zu helfen.
Wir haben darüber nachgedacht, wie wir eine Kampagne machen
können. Über eine Anwendung auf unserer Website, die Dampfkochtopf
genannt wird, haben wir eine Aktion gestartet. Wir waren der Meinung,
dass sie eine besondere Unterstützung brauchen. Es war zwar eine
kleine Sache, aber von symbolischem Wert. Wir haben E-Mails an
unser gesamtes Netzwerk geschickt, und innerhalb von vier bis fünf
Stunden haben 6000 Leute Druck auf die Behörde ausgeübt. Dann
haben wir an die 6000 Leute eine zweite Mail geschickt, ihnen gedankt
und geschrieben, jetzt müsst ihr dort anrufen. Und den ganzen Tag
haben sie den Beamten angerufen. Am nächsten Morgen hatten wir ein
Treffen mit dem Mann. Er sagte nur, „wir ziehen die Pläne zurück, und
nun lasst mich bitte in Ruhe“.
Erzähler: Es war ein wichtiger Sieg, weil in den Favelas das Gefühl verbreitet
ist, recht- und schutzlos zu sein, und dass man sowieso nichts ändern
kann. Und es war ein schneller Sieg. In einem anderen Fall war ein
langer Atem vonnöten. Die staatliche Schule Escola Municipal
Friedenreich gilt als eine der besten im Bundesstaat Rio de Janeiro.
12
Bei Rankings belegt sie seit Jahren vordere Plätze. Nach Plänen des
Bauamts sollte sie einem Parkplatz für das WM-Stadion Maracanã
weichen. Die 300 Schüler wären auf andere Schulen im Stadtgebiet
verteilt worden, was neben langen Schulwegen auch den Verlust ihrer
vertrauten Umgebung, von Lehrern und Freunden bedeutet hätte. Der
Gang in die Medien hatte nichts gebracht, persönliche Besuche beim
Bürgermeister auch nicht.
O-Ton 9 (Alessandra Orofino)
Länge: 0’43’’
Then we put a webcam in front of the school, 24-7. And People could
sign up to be guardians of the school. And they could watch the school
24-7 and when they saw bulldozers coming they could activate the
other guardians through SMS. It was a mess, we did so many things
and those parents and students they never gave up, they were
amazing. And finally, more than a year later the governor came out and
said: O.k. this school can stay. It was fun campaign and it was very
successful one. And it gave us hope that even smaller groups that are
not very powerful by our usual standards can actually fight for what they
want and get it.
Übersetzerin: Schließlich haben wir vor der Schule eine Webcam aufgebaut,
24 Stunden an 7 Tagen in der Woche. Und Mitglieder von Meu Rio
wurden als Schulwächter eingeteilt – 24 Stunden an 7 Tagen in der
Woche
Wenn sie Bulldozer kommen sahen, haben sie die anderen Wächter
per SMS benachrichtigt. Das war eine tolle Aktion. Am besten waren
die Schüler und ihre Eltern, sie haben nicht aufgegeben, das war
phantastisch. Schließlich hat sich mehr als ein Jahr später der
Gouverneur des Bundesstaats Rio de Janeiro eingeschaltet und
gesagt, „gut, die Schule kann bleiben!“. Die Aktion war nicht nur
erfolgreich, sie hat auch richtig Spaß gemacht. Und sie hat uns
Hoffnung gegeben, dass sich auch vergleichsweise kleine Gruppen
erfolgreich zur Wehr setzen können.
13
Regie: An OT 6 hängen Sprechchöre. Dann Blende zu Atmo 9
(manifestação 3)
Länge: 4’13’’
Erzähler: In der Rosinha gibt der Sozialarbeiter Martins das Mikrofon an den
nächsten Redner weiter. Martins ist ein drahtiger Mann mit
schulterlangen Haaren und wallendem Bart. Er wohnt ganz oben in der
Favela, seine Wohnung ist nur über eine steile Treppen erreichbar. 50
Minuten braucht er zu Fuß hinunter zur Bushaltestelle an der
Schnellstraße, für den Rückweg mehr als eine Stunde. Die geplante
Seilbahn brächte ihm persönlich Vorteile, sein Weg zur Arbeit in
Cantagalo würde sich drastisch verkürzen. Trotzdem ist Martins
dagegen.
O-Ton 10 (Martins)
Länge: 0‘41‘‘
Primeiro teleférico não consegue carregar nenhuma coisa de compra,
na verdade é uma coisa feito para os turistas passear. A gente foi muito
inclinado do um plano inclinado, como se tem em Santa Marta hoje. É
muito mas barato, manutenção é muito mas barato também y
consegue carregar material, compras e lixo. Mas chegamos no Alemão,
descubrimos que teleférico do Alemão gasta 2 milhoes por mês y gana
500.000 por mês. Um milhão e meia a sociedade paga.
Übersetzer 2: Mit der Seilbahn kann man nichts Größeres transportieren, sie
ist nur etwas für Touristen. In der Favela Santa Marta haben sie eine
Art Zahnradbahn gebaut, die ist billiger in der Herstellung und im
Betrieb. Und sie ist besser, weil sich darin auch Lasten hoch- und Müll
runter transportieren lässt. Wir haben mit dem Betreiber der Seilbahn
im Complexo de Alemão gesprochen. Der Betrieb kostet 2 Millionen
Reais pro Monat, die Einnahmen belaufen sich auf eine halbe Million.
Die Differenz von anderthalb Millionen zahlen die Bürger.
14
Erzähler: Das sind umgerechnet rund 500 000 €. Alessandra nickt. Dass die
Bewohner der Favelas Entscheidungen von oben kritisch hinterfragen
und friedlich für ihre Belange kämpfen, ist ein Novum. Aber es war
längst überfällig. Genauso überfällig wie ein Bewusstseinswandel in der
Politik. Dort werden Favelas primär unter dem Aspekt der Kriminalität
gesehen.
O-Ton 11 (Alessandra Orofino)
Länge: 0’54’’
I think that public safety is a priority and that it should be something that
every citizen should have access to including those who live in a slum.
And you cannot have entire territories in a city dominated by gangsters.
So of course you should have police presence there and of course
these spaces should not be dominated by criminals. However, police
enforcement is not enough and it is not something that will perpetuate
itself, if other public services don’t come along with it, like education,
like sanitation, like house systems. And if those services are not in
place the police chief becomes the king and that’s prone to become a
problem in the medium term. So I hope that now as the state has
access to territory in a very physical way that they will use the
opportunity to implement the systems that are needed. And I’, sure that
residents from slums will fight for that tin the years to come.
Übersetzerin: Natürlich ist öffentliche Sicherheit wichtig, überall in der Stadt,
auch in den Favelas. Und klar: es darf nicht sein, dass Gangster weite
Teile der Stadt kontrollieren. Deshalb ist es richtig, dass die Polizei dort
präsent ist, und natürlich dürfen diese Gebiete nicht von Kriminellen
beherrscht werden. Aber das allein reicht nicht und wird auf Dauer nicht
erfolgreich sein, wenn nicht andere öffentliche Einrichtungen dazu
kommen, wie Bildung, Gesundheitswesen, Wohnungsbau. Geschieht
das nicht, thront der lokale Polizeichef über allem, wie ein kleiner König,
und das führt zu Problemen. Ich hoffe, dass jetzt, wo der Staat einen
direkten Zugang zu den Favelas hat, diese Gelegenheit dazu genutzt
wird, die Infrastruktur zu schaffen, die notwendig ist.
15
Und ich bin sicher, dass die Bewohner der Slums in den nächsten
Jahren dafür kämpfen werden.
Atmo 10 (comité)
Länge: 4’38’’
Erzähler: Ich besuche eine öffentliche Versammlung des Comitê Popular Copa
e Olimpíadas no Rio, des Volkskomitees gegen WM und Olympische
Spiele. Während die Aktivisten in Cantagalo oder der Rosinha an
Veränderungen im Kleinen arbeiten, wird hier in größeren
Zusammenhängen gedacht. 50, 60 Menschen drängen sich im
Konferenzraum einer Büroetage im Zentrum von Rio. Die meisten sind
jung, unter 30. Nacheinander ergreifen sie das Wort und berichten von
Aktivitäten in ihren Stadtvierteln. Das Komitee ist basisdemokratisch
organisiert, erläutert Alessandra Orofino, echte Anführer gibt es nicht.
Auf den Tischen liegen Broschüren aus, mit einem rot unterlegten Foto
der Demonstrationen vom letzten Jahr auf dem Titel und der Frage:
Quem são os proprietários do Brasil? - Wem gehört Brasilien? Die
Fußball-WM und die Olympischen Spiele würden kostenneutral, hatte
Ex-Staatspräsident Lula versprochen. Alles werde von der
Privatwirtschaft finanziert. Tatsächlich ist es genau andersherum. In der
Broschüre listen die Autoren die Kosten allein für Rio des Janeiro
penibel auf. Über 30 Milliarden Reais, umgerechnet rund zehn
Milliarden Euro, muss die öffentliche Hand aufbringen. Soviel kosten die
grotesk überteuerten Projekte, wie die Renovierung des MaracanãStadions, der Ausbau des ohnehin kaum ausgelasteten Flughafens
Galeão, der Bau einer Hafenstadt sowie des Olympischen Dorfes in
Barra da Tijuca, im sehr wohlhabenden Süden der Stadt, nebst einer UBahn-Linie. Zu den Profiteuren zählen laut der Broschüre vier
Baufirmen, die sich die Aufträge gesichert haben, teils mit
wahrscheinlich abgesprochenen Angeboten.
Als die Versammlung zuende ist und die meisten Teilnehmer gegangen
sind, spreche ich noch mit einem Teilnehmer, mit dem mich Alessandra
bekannt gemacht hat. Caio Calima ist Mitte zwanzig, hat schwarze,
millimeterkurze Haare und ein spitzbübisches Lächeln.
16
Auch er ist schon ein erfahrener Aktivist, bereits 2007 ging er gegen die
Ausrichtung der Panamerikanischen Spiele in Rio auf die Straße. Das
Thema war im Grunde das gleiche, aber die Resonanz in der
Bevölkerung war damals viel schwächer, resümiert er.
O-Ton 12 + 13 (Caio)
Länge 1’01’’
Ano passado a população em geral foi pra ruas. E isso foi uma nova
fase da luta popular no Brasil, mudou a cultura política no Brasil. Além
o comitê ta intentando uma unidade para lutar juntos . ... ....pra você
conquistar se tem luta continuais., pra dar um sentido mas bem
definido sobre o que a gente quer. Para conquistar isso você tem que
ter lutas continuais.
No fundo a gente quer uma sociedade mas justa, mas igual, mas
democrática. OA nossa luta é um projeto da resistência a um projeto da
cidade escudente, elitista, a colocar a cidade come um negocia para o
capital internacional. Gente vendou Rio para conseguir a copa e as
olimpíados. Por isso tenta fazer a nossa luta a geral.
Übersetzer 3: Im letzten Jahr sind große Teile der Bevölkerung auf die Straße
gegangen – das ist etwas Neues für Brasilien. Die Demos haben die
politische Landschaft komplett verändert. Nun gilt es, den Protest
aufrechtzuerhalten und eine gemeinsame Idee davon zu entwickeln,
was wir wirklich wollen, denn nur wer weiß, wofür er kämpft, kann seine
Ziele erreichen.
Im Grunde wollen doch alle Menschen in einer Gesellschaft leben, die
gleicher, gerechter und demokratischer ist. Niemand will eine Stadt, in
der viele Dinge exklusiv sind, nur für die Elite. Aber die Machthaber
haben Rio ans internationale Kapital verkauft. Dagegen muss sich
unser Kampf richten.
Atmo 11 (Praça Flamengo)
Länge: 6’01’’
Erzähler: Wir gehen hinunter, auf die Praça Largo do Machado im Stadtteil
Flamengo. Auf dem Platz spielen Straßenmusiker.
17
Während Caio an einem Kiosk ein Bier holt, erklärt mir Alessandra
Orofino den Unterschied zwischen dem Volkskomitee und ihrer
Organisation Meu Rio.
Das Comitê Popular Copa e Olimpíadas no Rio verfolge einen anderen
traditionelleren Ansatz als Meu Rio. Der sei aber deshalb nicht minder
wichtig, betont sie:
O-Ton 14 (Alessandra Orofino)
Länge: 0’36’’
The challenges that we are facing here in Rio are not that different from
challenges people in other cities are facing. Of course we have a very
peculiar city. But still, the idea that people feelin less and less
represented by their representatives is true wherever you got, To me
this is the fight of our generation. We can lose the democratic
institutions that our parents and grandparents fought for. And of course
they are not perfect and of course there is so much more that we must
change and to do. But still it is a big win that we are living in a country
with free elections, with freedom of speech. And we can lose that.
Übersetzerin: Die Herausforderungen, vor denen wir in Rio stehen, sind nicht
so anders wie die Herausforderungen, vor denen die Menschen in
anderen Städten stehen. Natürlich ist unsere Stadt besonders, aber der
Eindruck, dass sich die Menschen immer weniger von ihren politischen
Repräsentanten vertreten fühlen, ist überall der gleiche. Für mich ist
dies der Kampf unserer Generation. Es ist möglich, dass wir die
demokratischen Einrichtungen verlieren, für die unsere Eltern und
Großeltern gekämpft haben. Natürlich sind sie nicht perfekt, natürlich
müssen wir noch viel tun und ändern. Aber es ist ein großer Gewinn,
dass wir in einem Land leben, in dem es freie Wahlen gibt und
Meinungsfreiheit. Und das dürfen wir nicht verlieren.
18
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
9
Dateigröße
267 KB
Tags
1/--Seiten
melden