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AUSGABE 04 SCHWERPUNKT Wie im Himmel – Spezialstation für

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aktuell
Psychiatrie und Psychotherapie von Stuttgart bis zum Bodensee
AUSGABE 04
Juli 2012
SCHWERPUNKT Wie im Himmel – Spezialstation für psychisch
kranke Menschen mit geistiger Behinderung Seite 8 | POSITION
Was hat die Depression in der Psychosomatik verloren? Seite 13 |
EINBLICK Mit angezogener Handbremse unterwegs – Erwachsene
mit ADHS Seite 18 | FACHBEITRAG ZfP Südwürttemberg erprobt
zusätzliches Klassifikationssystem ICF Seite 20
Südwürttemberg
EDITORIAL
Heike Engelhardt,
Pressereferentin
Liebe Leserinnen und Leser,
lautes Rufen, wildes Gestikulieren, verschämtes Lächeln, wiederholte Annäherung: Fremde mögen irritiert sein,
über die ungewohnte Atmosphäre, die auf zwei Stationen im ZfP Südwürttemberg herrscht. Ungeschulte wissen mit
körperlich betonten Ausdrucksformen und der häufigen Suche nach Nähe nicht umzugehen. Die Klientel, die hier
wegen psychischer Erkrankungen behandelt wird, ist zusätzlich eingeschränkt durch eine geistige Behinderung.
Bundesweit gibt es bislang viel zu wenige auf diese Patientengruppe zugeschnittenen therapeutischen Einrichtungen mit besonderem pädagogischem Konzept. Dabei bedürfen diese Patienten besonders einfühlsamer Begleitung.
Die Zwiefaltener Abteilung mit ihren beiden Stationen gilt mittlerweile bundesweit als Modell. Lesen Sie unseren
Schwerpunkt von Seite 8 an.
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INHALT
04
PSYCHIATRIE IM ALLTAG
06
NACHRICHTEN
08
8
Geistig behinderte Menschen mit psychischen Erkrankungen erfahren auf der Spezialstation Neuropsychiatrie eine
differenzierte und bedarfsgerechte Behandlung.
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18
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23
13
SCHWERPUNKT
Wie im Himmel –
Spezialstation für psychisch kranke
Menschen mit geistiger Behinderung
POSITION
Was hat die Depression in der
Psychosomatik verloren?
EINBLICK
Mit angezogener Handbremse unterwegs –
Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität bei Erwachsenen
MENSCHEN & MELDUNGEN
HINTERGRUND
Psychiatrie braucht zentrale und dezentrale
Versorgungsstrukturen
FACHBEITRAG
ZfP Südwürttemberg erprobt zusätzliches
Klassifikationssystem ICF
NACHGEFRAGT
Wozu ein Buch zum Bus, Herr Krauss?
IMPRESSUM / FUNDSACHE
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PSYCHIATRIE IM ALLTAG
»
MENSCHEN
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Wirbel in der Küche, Wohnheim Vielfalt, Riedlingen
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PSYCHIATRIE IM ALLTAG
»
LEBEN
«
Wenig Stress im Alter beugt Demenz vor
Stress im Alter kann zwar nicht direkt Demenzerkrankungen auslösen aber Abbauprozesse im Gehirn fördern
und damit zu Symptomen von Demenz führen. Das haben argentinische Neurologen herausgefunden. Die Forscher präsentierten ihre Ergebnisse unlängst beim Europäischen Neurologenkongress (ENS) in Prag. Die Argentinier hatten insgesamt 107 Patienten untersucht, die an
»
LESEN
einer leichten bis mittleren Alzheimererkrankung litten.
Ihr Durchschnittsalter betrug 72 Jahre. 73 Prozent der
Untersuchten standen unter schweren psychischen
Belastungen. Gerade Ältere sollten deshalb besonders
auf ihre seelische Gesundheit achten, empfehlen die
Forscher aus Südamerika.
«
Wenn Angehörige depressiv sind
Leidet ein Familienmitglied an einer Depression, sind auch die Angehörigen betroffen. Wer hilft dem
Partner oder der Partnerin und was
ist mit den Kindern? In dem Buch
„Wenn die Liebe überschattet wird.
Leben mit einem depressiven Partner“ klärt die Paar- und Familientherapeutin Ulrike Borst über die
Krankheit Depression auf und zeigt
Angehörigen Behandlungsmethoden
und Wege, wie man mit einer Depression umgehen kann. Es ist ein
Ratgeberbuch, das durch Fallbeispiele aufgelockert wird. Das Buch
gibt konkrete Hinweise und Hilfeleistung. Es bleibt dennoch allgemein genug, um der Vielschichtigkeit der Krankheit und der Individu-
Das Buch „Wenn die Liebe überschattet
wird. Leben mit einem depressiven Partner“
von Ulrike Borst ist 2011 im Patmos Verlag
erschienen. Es umfasst 160 Seiten und kostet
14,90 Euro. ISBN: 978-3-8436-0088-0
alität der Einzelnen gerecht zu werden. Einerseits zeigt die Autorin,
wie man dem Betroffenen helfen
kann, andererseits hebt sie hervor,
wie man als Angehöriger gesund
bleibt. Ausführlich geht sie auch auf
die Kinder ein und wie man ihnen
die Krankheit nahe bringt, ohne sie
zu verängstigen. Die meisten Ratschläge fußen auf aktuellen Forschungen, die ebenfalls erläutert
werden. Das Buch ist klar strukturiert und gegliedert, so dass es sich
auch als Nachschlagewerk eignet
oder nur einzelne Kapitel gelesen
werden können.
Linda Klein
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NACHRICHTEN
Vom Tollhaus zur psychiatrischen Klinik: Zum Jubiläum machten sich Mitarbeitende des ZfP
Südwürttemberg in Zwiefalten per Fahrrad auf den Weg, den vor genau 200 Jahren die ersten
Patienten aus Ludwigsburg nach Zwiefalten nahmen.
Vom Tollhaus zur modernen
Psychiatrie
Forschungsbericht 2011
veröffentlicht
Immer mehr Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter engagieren sich in Forschungsprojekten der klinischen,
sozialwissenschaftlichen sowie der
Versorgungsforschung. Acht habilitierte Ärztinnen und Ärzte und eine
habilitierte Psychologin sind mittlerweile im ZfP Südwürttemberg
tätig. Zahlreiche Publikationen und
Kongressbeiträge werden aber auch
zunehmend von Mitarbeitern getragen, die sich außerhalb der Forschungsabteilung rein aus Interesse
verschiedensten Fragestellungen
widmen. Dadurch zeichnet sich die
Forschung des ZfP Südwürttemberg
durch eine große Themenvielfalt
und breitgefächerte Kompetenzen
aus. Der aktuelle Jahresbericht gibt
einen Überblick über alle Projekte.
Der kumulative Impact-Faktor der
hier aufgelisteten Arbeiten liegt bei
über 43, bislang der höchste Wert
in der Geschichte des ZfP Südwürttemberg. Der Jahresbericht steht
im Internet unter www.zfp-web.de
zum Download bereit.
06
www.zfp-web.de
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Vor genau 200 Jahren sind die ersten Psychiatriepatienten aus dem Ludwigsburger Tollhaus nach Zwiefalten in die erste königliche Heil- und
Pflegeanstalt verlegt worden. Das heutige ZfP Südwürttemberg ist beispielgebend für die Psychiatrie im Land.
Ein Königliches Dekret König Friedrich I. an seine „Lieben Getreuen“
im Staatsministerium „gegeben am
10ten May 1811“, leitete einst die
psychiatrische Versorgung in Württemberg ein. „Da Wir beschlossen
haben, daß das hiesige Irrenhaus
nach Zwiefalten verlegt werden
soll, so geben Wir euch solches mit
dem Anliegen gnädigst zu erkennen,
daß das ehemalige Kloster darselbst, selbst die für und darin bestimmten Wohnungen, welche Wir
gerne abgeben, dazugezogen und
eingerichtet werden können.“
Waren „Irre“ bislang im 1748 erbauten Ludwigsburger „Tollhaus“ zusammen mit „Trinkern und Arbeitsscheuen“ verwahrt, so galt es fortan, diese Personengruppe als Patienten zu erkennen, die besonderer
Pflege und Beschäftigung bedürfen.
Die ersten Patienten aus Ludwigsburg wurden in der Folge des Erlasses ein gutes Jahr später mit
Ochsenkarren über die Alb nach
Zwiefalten in die neue Anstalt im
ehemaligen Benediktinerkloster gebracht.
Heute gilt die Psychiatrie, wie sie
das ZfP Südwürttemberg an rund 30
Standorten differenziert, spezialisiert und gemeindenah vorhält als
beispielgebend. Sie entwickelt sich
ständig weiter – stets an den Bedürfnissen der Patienten orientiert,
wie Sozialministerin Katrin Altpeter
beim Jubiläum in Zwiefalten betonte.
Heike Engelhardt
Neue Tagesklinik für Menschen
mit Migrationshintergrund
Bei der Behandlung psychisch kranker Migranten bilden Sprachbarrieren
oder kulturspezifische Besonderheiten häufig Hindernisse. Um diese zu
überwinden hat das ZfP Südwürttemberg bereits spezielle Ambulanzen
für Fremdsprachige Mitbürger eingerichtet. Nun wurde das bestehende
Angebot zusätzlich um eine psychiatrisch-psychotherapeutische Tagesklinik erweitert.
In der Tagesklinik für fremdsprachige Mitbürger in Reutlingen finden Migranten Hilfe in ruhiger
Atmosphäre. Die Therapie ist hier in fünf Sprachen möglich.
„Da der Bedarf nach einer intensiveren als nur der ambulanten Behandlung kontinuierlich zunahm,
haben wir reagiert und in Reutlingen eine Tagesklinik mit fünf Plätzen eingerichtet“, erzählt Dr. Ismet
Aslani, der die neue Einrichtung leitet. Das Angebot wird überaus gut
angenommen – gleich bei der Eröffnung im April 2012 war die Tagesklinik voll belegt. Da das multiprofessionelle Team über eine umfangreiche Sprachkompetenz verfügt, ist
eine Behandlung auf Albanisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und Türkisch möglich.
Unter Berücksichtigung ihres kulturellen Hintergrundes werden Erwachsene mit sämtlichen psychiatrischen Erkrankungen behandelt.
„Derzeit haben wir es vermehrt mit
depressiven Patienten zu tun“, berichtet Aslani. Auch hier spiele der
kulturelle Hintergrund häufig eine
wichtige Rolle. „Menschen, die für
längere Zeit in einem fremden Land
oder einer ihnen fremden Kultur leben, leiden oftmals und entwickeln
eine Form von Heimweh, die bis zur
Depression wachsen kann.“
In der Tagesklinik für Fremdsprachige Mitbürger finden diese Personen
Hilfe. Von Montag bis Freitag stehen
ihnen von 8 bis 16 Uhr verschiedenste Therapieangebote zur Verfügung.
Diese reichen von therapeutischen
Einzelgesprächen und psychiatrischpsychotherpeuticher Diagnostik über
Ergo- und Gestaltungstherapie bis
hin zu Sozialkompetenztraining in
der Gruppe. Aufgrund der langen
Wartelisten wird bereits schon jetzt
über eine Erweiterung um weitere
fünf Plätze nachgedacht.
Heike Amann
NACHRICHTEN
Neuer Webauftritt
für Versorgungszentren
Alle Informationen auf einen Klick
– dies ist jetzt für Patienten der
Medizinischen Versorgungszentren
(MVZ) möglich. MVZ sind facharztübergreifende Gemeinschaftspraxen, die mehrere medizinische
Fachgebiete vereinen. Die neukonzipierten Onlineauftritte der MVZ in
Biberach, Ulm und demnächst auch
Ravensburg geben einen anschaulichen Überblick über deren Angebote. Es finden sich zum einen Informationen zu den Behandlungsmöglichkeiten in den jeweiligen Fachbereichen wie beispielsweise Neurologie, Psychosomatik oder Psychiatrie
und Psychotherapie. Darüber hinaus
hat jeder Behandler eine persönliche Seite, auf der Behandlungsphilosophie, Qualifikation oder spezielle Therapieverfahren vorgestellt
werden. Dieser Aufbau ermöglicht
es Patienten, innerhalb weniger
Sekunden an die gewünschten Informationen zu kommen. Eine eigene
Seite mit Kontaktdaten erleichtert
die rasche Terminvereinbarung.
i Die neue Webseite des MVZ
Biberach ist unter www.mvz-bc.de
zu finden, das MVZ Ulm erreichen
Sie über www.ulm-mvz.de.
Die Medizinischen Versorgungszentren des ZfP
Südwürttemberg stellen ihre Arbeit auf eigenen
Webseiten dar.
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SCHWERPUNKT
Wie im Himmel
Spezialstation für psychisch kranke Menschen mit
geistiger Behinderung
Psychisch Kranke, die zusätzlich durch eine geistige Behinderung beeinträchtigt sind,
können auf herkömmlichen Stationen oft nicht ausreichend behandelt werden. Für
diese Patienten hat das ZfP Südwürttemberg in Zwiefalten die Abteilung Neuropsychiatrie eingerichtet. Ein besonderes Behandlungssetting in beschützter Atmosphäre mit
einer offenen und einer beschützten Station.
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SCHWERPUNKT
„Hallo, Herr Baier, hallo Herr Baier!“ Von allen Seiten ruft es nach
dem Chefarzt, als der die Station
betritt. Eine Traube von Menschen
ringt sich um Dr. Alexander Baier.
Alle wollen den freundlich lächelnden Facharzt begrüßen, ihm die
Hand geben, von ihm bemerkt werden. „Ich habe heute gar kein Heimweh!“, sagt eine Frau ganz stolz.
Alltag auf einer allgemeinpsychiatrischen Station in Zwiefalten.
Allerdings auf einer besonderen. Die
Patientinnen und Patienten, die hier
wegen einer Psychose, Depression,
Anpassungsstörung, Belastungsreaktion oder zunehmend auch demenzieller Syndrome behandelt werden,
sind zusätzlich beeinträchtigt durch
eine geistige Behinderung.
Deshalb bedarf es spezieller Diagnostik und besonderer Therapieverfahren. Wer sich nur eingeschränkt
ausdrücken und seine Befindlichkeit
äußern kann, ist häufig nicht in der
Lage, an Einzel- oder auch Gruppentherapien auf herkömmlichen Stationen teilzunehmen. „Oft brauchen
unsere Pateinten eine andere Behandlung“, erklärt Alexander Baier.
Sie brauchen ein spezielles Setting,
in dem sie sich unter Gleichartigen
wohlfühlen. Die psychotherapeutische Behandlung ist überdies vielmehr auf Erleben und Verhalten
ausgerichtet denn auf gesprächslastige Verfahren. Außerdem spielt Pädagogik eine wichtige Rolle.
Krankheit äußert
sich unspezifisch
Die Krankheiten äußern sich bei dieser Klientel oftmals unspezifisch
und mehrdeutig und sind häufig
überlagert durch die Symptome
der Behinderung. So kann sich eine
Depression, üblicherweise gekennzeichnet durch Antriebsschwäche,
in vermehrter Aktivität bis hin zu
sehr aggressivem Verhalten äußern.
Wie dies etwa bei dem türkischen
Patienten Omar N.* der Fall war.
Wegen seiner Trisomie, bekannt als
so genanntes „Down-Syndrom“, lebt
Omar N. seit vielen Jahren in einer
Behinderteneinrichtung auf der
Schwäbischen Alb. Dort erhält der
31-Jährige eine feste Tagesstruktur,
arbeitet in der beschützten Werkstätte und betreibt mit Begeisterung sein Hobby Mountainbiking. Vor
anderthalb Jahren gebärdete sich
Omar N. zunehmend aggressiv, attackierte unvermittelt Mitbewohner
und Mitarbeitende der Einrichtung
und legte selbstverletzendes Verhalten an den Tag. Er kratzte sich im
Gesicht, und zwar so stark, dass sich
lebensbedrohliche Entzündungen
entwickelten. Von der Chirurgie, wo
er notfallmäßig behandelt wurde,
kam er direkt nach Zwiefalten in die
neuropsychiatrische Fachabteilung.
Schon vorher hatte Omar N. nur wenig gesprochen, meist nur einzelne
Worte. Bei seiner Aufnahme nahm
er schließlich überhaupt keinen Kontakt mehr auf. Er antwortete nicht
auf Fragen und äußerte sich auch
sonst nicht. Der Verdacht auf eine
Depression erhärtete sich schnell.
Antidepressive Medikation und
psychotherapeutische Behandlung
schlugen bald an. Nach zwei bis drei
Wochen ließen die Autoaggressionen
nach, der Patient kam aus seinem
Stimmungstief heraus. Besuchte er
anfangs das sehr niederschwellige
Angebot der Ergotherapie auf der
beschützten Station, wo er sich mit
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Behandlung der Patienten zu beginnen. Kein Freund langer Wartelisten, nimmt er die Patienten spätestens nach drei bis vier Tagen auf
den beiden Stationen auf, in Krisenfällen rund um die Uhr sofort, auch
am Wochenende.
SCHWERPUNKT
Helle Atmosphäre für
unruhige Patienten
einfachsten Tätigkeiten wie Sortieren oder Malen beschäftigte, nahm
er zunehmend auch an Spezialangeboten außerhalb der Station wie Musiktherapie oder Reittherapie teil.
Zuletzt ging er sogar zur Arbeitstherapie in die Hallen auf dem ZfP-Gelände und widmete sich in der Papierwerkstatt der Buchbinderei.
Nach knapp vier Wochen hatte sich
Omar N. so weit stabilisiert, dass er
wieder in seine Einrichtung entlassen werden konnte. Seit mehr als
einem Jahr ist er dort stabil und unauffällig. Seine Medikamente muss
er weiterhin einnehmen. Die bekommt er von einem Arzt der psychiatrischen Institutsambulanz, die
Omar N. einmal im Monat aufsucht.
Ein modulares Therapieprogramm
hat die neuropsychiatrische Fachabteilung in Zwiefalten für ihre Pati-
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entinnen und Patienten entwickelt.
Aus unterschiedlichen Bausteinen
entwickeln die Behandelnden einen
individuell an den Bedürfnissen und
auch Wünschen der Patienten ausgerichteten Therapieplan. Los
geht’s am Tag nach der Aufnahme,
betont Alexander Baier. Der Chefarzt legt Wert darauf, sofort mit der
Die Zwiefaltener Abteilung gliedert
sich in zwei Stationen mit jeweils
16 Plätzen. Geschlossen wird die
Station 3023 geführt. In beschütztem Rahmen werden die psychisch
Kranken geistig Behinderten intensiv betreut. Den oftmals unruhigen
Patienten begegnet man in einer
hellen, freundlichen Atmosphäre.
Ein „weiches Zimmer“, das die Patienten auch freiwillig als „Time-outRaum“ aufsuchen können, gehört
ebenso dazu wie ein schallisoliertes
Patientenzimmer, das die Station
und den Kranken bei Bedarf voneinander abschirmt. Ein spezielles
Licht- und Farbkonzept mit großformatigen Bildern wirkt überdies beruhigend.
Großer Beliebtheit erfreut sich der
Snoezelen-Raum. Das Kunstwort bil-
det sich aus den holländischen Begriffen für schnüffeln und dösen.
Die Idee stammt von niederländischen Heilpädagogen, die Lichtspiele, Wassersäule, Klangliege und
Aromatherapie zur Beruhigung und
Aktivierung geistig Behinderter entwickelt haben. Auf dem Wasserklangbett – es ist auf 31 Grad erwärmt – übertragen sich die Schwingungen der Musik auf den Körper.
„Das ist wie im Himmel“, schwärmt
eine Patientin, die mit ihrer Therapeutin gerade das Zimmer verlässt.
Hierher würde sie am liebsten jeden
Tag kommen und ihre Lieblingsmusik
mitbringen.
SCHWERPUNKT
Manche Patienten, vor allem solche,
die schwer geistig behindert sind,
bleiben die komplette Therapiezeit
auf der beschützten Station. Andere, die mittelschwer behindert
oder grenzbegabt sind, können zur
Krisenintervention auf die beschützte Station kommen und nach der
Stabilisierungsphase auf der offenen
Station 3024 weiterbehandelt werden. Je nach Störungsbild und persönlicher Stabilität werden die Patienten auch von Anfang an der offenen Station zugeteilt. Überwiegen im beschützten Stationssetting
pädagogisch-erlebnisorientierte
Behandlungsverfahren, so wird auf
der offenen Station hauptsächlich
psychotherapeutisch gearbeitet.
Die beste Behandlung freilich verpufft erfolglos, wenn das in der
Therapie erlernte nicht auch im gewohnten Lebensumfeld umgesetzt
werden kann. Die Behandlungsteams des ZfP stimmen die einzelnen Schritte deshalb stets mit den
Familienangehörigen oder den Betreuenden in den Einrichtungen ab.
Auch nach der Entlassung finden sie
Rat und Hilfe beim ZfP oder den
Mitarbeitenden der psychiatrischen
Institutsambulanzen. „So gelingt es
uns, die Klinikaufenthalte so kurz
wie möglich zu halten“, sagt Alexander Baier. Denn auch für geistig
behinderte Patienten gilt der
Grundsatz: ambulant vor stationär.
Heike Engelhardt
* Name des Patienten aus Datenschutzgründen geändert.
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SCHWERPUNKT
Zwiefalten als Modell – aber:
Es fehlt ein flächendeckendes Angebot
Die Nachfrage ist groß, der Bedarf steigt. Allein, das Angebot ist bescheiden. Wenn geistig behinderte Menschen psychisch erkranken, können
sie in Deutschland nicht flächendeckend adäquat versorgt werden.
Ein spezielles Therapiekonzept für
geistig behinderte psychisch Kranke
wird am Fuße der Schwäbischen Alb
in Zwiefalten schon seit Jahrzehnten verfolgt. 1979 als Spezialstation
begründet, wurde sie 1988 der
Abteilung für Rehabilitations- und
Sozialpsychiatrie angegliedert. Im
Jahre 2005 wurde diese Station der
Abteilung für Alterspsychiatrie zugeordnet. Fünf Jahre später wurde die
eigene Abteilung Neuropsychiatrie
gebildet mit zwei differenzierten
Stationen. Die Abteilung kooperiert
übrigens mit der Abteilung für Epileptologie des ZfP Südwürttemberg
am Standort Weissenau.
Die Abteilung in Zwiefalten gehört
zwar zum Versorgungsgebiet der
Kliniken in der Region um Alb und
Neckar. Hauptsächlich kommen die
Patienten aus Einrichtungen der
BruderhausDiakonie in Reutlingen,
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Buttenhausen, Münsingen und Bad
Urach, aus Grafeneck, den Mariaberger Heimen in Gammertingen,
den Heggbacher Einrichtungen der
St. Elisabeth-Stiftung und dem Tannenhof bei Ulm. Das Einzugsgebiet
erstreckt sich aber darüber hinaus
auf den Bodenseeraum bis in den
Nordschwarzwald.
Derartige Behandlungsformen für
psychisch Kranke mit geistigen
Behinderungen gibt es vor allem
im Süden der Republik. Vier davon
in Baden-Württemberg. Neben der
neuropsychiatrischen Abteilung in
Zwiefalten sind die neurologischpsychiatrische Klinik der JohannesDiakonie in Mosbach zu nennen,
die St. Lukas-Klinik der Stiftung
Liebenau in Meckenbeuren und eine
Spezialstation im ZfP Winnenden.
In Bayern gibt es spezielle Einrichtungen in Kaufbeuren, in der Klinik
Ursberg im Landkreis Günzburg und
im Isar-Amper-Klinikum MünchenHaar.
Dem Versorgungsmangel wollen
leitende Mediziner entgegenwirken.
Um sich ein Bild von räumlichen
wie auch therapeutischen Bedingungen und Behandlungskonzepten
für die betroffenen Patientinnen
und Patienten zu machen, tagte im
vergangenen Herbst der Arbeitskreis
Geistige Behinderung der Bundesdirektorenkonferenz in Zwiefalten. In
diesem Verband haben sich bundesweit die Leitenden Ärztinnen und
Ärzte der Ambulanzen, Stationen
und Abteilungen in denen Menschen
mit geistiger Behinderung psychiatrisch behandelt werden, zusammengeschlossen. Arbeitskreissprecherin
Dr. Franziska Gaese nannte die
Zwiefaltener Abteilung vorbildlich.
Diesem Modell müssten bundeweit
noch viele folgen.
Heike Engelhardt
POSITION
Was hat die Depression in
der Psychosomatik verloren?
Psychiatrische Kliniken und Klinken für psychotherapeutische Medizin
versorgen Patienten, die nach der Art Ihrer Erkrankung und dem Behandlungsbedarf nicht trennscharf dem einen oder anderen Fachgebiet
oder der jeweiligen Klinik zuzuordnen sind. Wie diese Trennung heute
konzeptionell überwunden werden kann, erklärt Chefarzt Dr. Frank
Schwärzler.
Oft werden Patienten, deren Störungsbilder durch ähnliche Therapiestrategien behandelt werden
könnten, in verschiedenen Stationen und Einrichtungen versorgt.
Bei Betroffenen beispielsweise mit
depressiven Erkrankungen, Anpassungsstörungen, posttraumatischen
Belastungsstörungen, schweren
Angsterkrankungen oder Schmerzstörungen spielen spezifische psychotherapeutische Hilfen die zentrale Rolle. Damit ist nicht nur die
Psychotherapie im Einzelsetting
durch den Arzt oder Psychologen
gemeint. Auch die vielfältige und
multiprofessionelle Behandlung im
Team gehört dazu, die sehr spezifische, auf die Störung und aufeinander abgestimmte Angebote bereit
hält.
Daneben sind Patienten mit den
oben genannten Störungsbildern oft
gut sozial integriert. Sie leben in
Familien, sind erwerbstätig, sodass
die Soziotherapie in den Hintergrund tritt. Eine sozialpsychiatrische Komplexbehandlung wie die
Angebote des gemeindepsychiatrischen Verbundes ist also eher zweitrangig. Die Wiedererlangung der
beruflichen Leistungsfähigkeit spielt
dagegen eine wichtige Rolle. Somit
ist es naheliegend, die Zuweisungen
und Aufgaben einer Akutbehandlung
oder einer Rehabilitation gemeinsam zu konzipieren.
Bislang sind bundesweit wenig Ansätze bekannt, wie diese Patienten
in einem abgestimmten Konzept
behandelt werden können. Abgestimmte und transparente Behandlungspfade mit einer verbindlichen
Versorgungsverpflichtung könnten
Abhilfe schaffen. Aktuell hängt es
meist von der zufälligen Verfügbarkeit eines Behandlungsplatzes ab
(meist nur stationär, viel zu wenig
tagesklinisch oder ambulant) und
nicht davon, von welcher Behandlung der Patient am besten profitieren könnte. So werden Patienten zum Beispiel „auf der grünen
Wiese“ wohnortfern behandelt, wo
doch eine tagesklinische Behandlung mit viel Realitätserprobung
gewünscht wäre.
Vor diesem Hintergrund scheint die
Zusammenfassung der ehemaligen
Geschäftsfelder Depression und Psychosomatische Medizin sinnvoll. Ein
wichtiges Ziel ist es, transparente
und verbindliche Versorgungsstrukturen zu schaffen.
Die Zusammenlegung bildet eine
Struktur, die eine gemeinsame stra-
tegische Planung der Versorgung
über die Sektoren (ambulant, tagesklinisch, stationär) und Regionen
hinweg ermöglicht. Sowohl hochspezialisierte Einrichtungen als
auch Satelliten, Wohnheime oder
Einrichtungen zur beruflichen Rehabilitation werden in abgestimmte
Konzepte eingebunden. Synergien
sollen genutzt und Versorgungslücken geschlossen werden, wobei die
Entwicklung ambulanter Angebote
eine wichtige Rolle spielt.
Dr. Frank Schwärzler
Dr. Frank Schwärzler koordiniert im ZfP
Südwürttemberg die Behandlung von
Depressionskranken und Patienten mit
psychosomatischen Störungen.
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Einblick
Mit angezogener Handbremse unterwegs
Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität bei Erwachsenen
Seit einem Jahr werden in der Wangener Ambulanz des ZfP Südwürttemberg Erwachsene mit Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität,
dem so genannten „ADHS-Syndrom“, behandelt. Mehr als 50 Patienten
haben mittlerweile bei Dr. Andrea Patzner Hilfe gefunden.
Dr. Andrea Patzner kennt die besonderen Bedürfnisse Erwachsener, die an ADHS leiden.
„Wie ist es Ihnen ergangen, sind Sie
mit dem Medikament klargekommen?“ Freundlich begrüßt Dr. Andrea Patzner ihren Patienten.
Martin K.*, 27, berichtet flüssig und
redegewandt. Er habe die Dosis etwas reduziert. Vorher habe er sich
gefühlt wie eine Maschine, kaum
mehr als Mensch. Er sei zu konzentriert gewesen und gar nicht mehr
einfühlsam. Außerdem habe er extreme Schwankungen gespürt und
sei in ein tiefes Loch gefallen, wenn
die Wirkung nachgelassen habe.
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Aufmerksam hört Andrea Patzner
zu, macht sich Notizen und sagt:
„Beobachten Sie das weiter, ich
glaube, wir sind auf dem richtigen
Weg.“ Möglichst viel in die Eigenverantwortung des Patienten geben,lautet die Devise der Fachärztin. Vor einem Jahr hat sie bei ihrem Patienten ADHS diagnostiziert.
Ein Kollege der psychiatrischen Institutsambulanz im Schussental hatte
Martin K. in die Spezialambulanz ins
Allgäu überwiesen. Der Patient war
vor Jahren wegen einer Psychose
behandelt worden, die sich nach
Drogenmissbrauch entwickelt hatte.
In seinem Fall gilt es deshalb, besonders behutsam geeignete Medikamente zu finden und zu dosieren.
„Hier in der Ambulanz wurde einiges nachvollziehbar, was ich schon
aus meiner Kindheit kannte“, erklärt Martin K. Und in der Tat, wie
ein roter Faden ziehen sich die Anzeichen für das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)
durch das Leben des 27-Jährigen. In
den Schulzeugnissen ist vermerkt,
dass er sich schnell ablenken ließ,
ihm logisches Denken schwer fiel, es
an zielstrebigem, aktivem Einsatz
mangelte und er oft unkonzentriert
war. Ein katastrophales Schriftbild
bei dem Schüler, der sich wenig um
Regeln kümmern konnte, dafür
ständig in Streit mit seinen Mitschülern geriet, komplettiert den Eindruck. „Oft tragen die Patienten ein
ganzes Bündel an Misserfolgen mit
sich und leiden sehr daran“, erklärt
Andrea Patzner.
Seinen 9+1-Abschluss an der Werkrealschule schaffte K. im guten
Dreierbereich. Obwohl er fast nie
seine Hausaufgaben erledigt hatte,
gelang es ihm, sich irgendwie
durchzumogeln. In der Ausbildung
bei einem Motorenhersteller in
Friedrichshafen fiel er auf als der
Kasper vom Dienst, schlug sich mit
Ach und Krach durch. Da er ständig
zu spät kam und oft unentschuldigt
fehlte, wurde er natürlich nicht
Einblick
In regelmäßigen Gesprächen schildern Patienten ihre Befindlichkeiten.
übernommen. Verschiedene Jobs
über Zeitarbeitsfirmen an 14 Stellen
kennzeichneten die nächsten Jahre
des Elektronikers.
Anteile, so haben Erwachsene gelernt, nicht mehr über Tische und
Bänke zu springen. Um so anstrengender ist die Kompensation.
Während Gleichaltrige auf eine eigene Wohnung sparten und Familien
gründeten, klare Strukturen und
Ziele verfolgten, kam Martin K.
nicht in die Gänge. „Ich wurde fast
leicht depressiv und fiel in ein großes Loch“, blickt er heute zurück.
„Ich hatte ständig das Gefühl, unter
meinen Möglichkeiten zu bleiben
und war wie mit angezogener Handbremse unterwegs.“
Regelmäßig kommt Martin K. zu
Andrea Patzner in die Sprechstunde.
Seine Ärztin kümmert sich nicht nur
um die Einstellung der Medikamente. Vielmehr erarbeitet sie mit ihm
Strategien, wie er sich besser organisieren und im Alltag klarkommen
kann. Bei der Freundin, zu der er
Hals über Kopf eingezogen war, wo
er aber nach kurzer Zeit wieder das
Weite suchte, will er vorerst nicht
mehr wohnen. Obwohl er sich mit
ihr versöhnt hat. Aber Haushalt,
putzen, kochen, einkaufen muss er
erst mal für sich alleine regeln. Sich
dabei noch auf ein gemeinsames
Leben einstellen – dafür braucht er
Zeit. Andrea Patzner arbeitet auch
verhaltenstherapeutisch mit ihrem
Patienten. Er lernt Muster seines
Handelns erkennen, übt Zeit- und
Geldmanagement. Termine trägt er
immer sofort in seinen Kalender im
Handy ein, der Schlüssel hat einen
einzigen festen Platz in der Wohnung.
Mittlerweile, da er die Erklärung für
seine Gedächtnisaussetzer kennt,
legt Martin K. viel Disziplin an den
Tag. Die Medikamente helfen ihm
dabei. Er absolviert die Fachhochschulreife, legt demnächst seine
Prüfung ab und ist immens „stolz
darauf, dass ich das durchgezogen
habe“. An seiner Schule geht er offensiv mit seiner Krankheit um.
Seine Lehrer hat er informiert, und
sie zeigen Verständnis, wenn’s mal
an einem Tag nicht ganz so rund
läuft. Und trotzdem passiert es ihm
manchmal noch, dass er während
einer Klassenarbeit ans Einkaufen
oder an den Wohnungsputz denkt.
„Das ist typisch für ADHS bei Erwachsenen, die Aufmerksamkeitsstörung und Organisationsdefizite
sind häufig die Hauptprobleme“, erklärt Andrea Patzner. Überwiegen
im Kindesalter oft die hyperaktiven
Etwa 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die an ADHS erkrankt
sind, weisen Symptome auch im
Erwachsenenalter auf. Allerdings
verändern sie sich. Aus den Zappelphilipps werden unzufriedene, unruhige Patienten, die oftmals den
Kick fürs Leben in Risikosportarten
suchen, um der Langeweile zu ent-
fliehen. Bei 20 ihrer 50 Patientinnen
und Patienten wurde die Diagnose
erst im Erwachsenenalter gestellt.
Die Ausprägungen sind unterschiedlich und ebenso das Ausmaß für den
Alltag. Andrea Patzner kennt Personen, die so schwer beeinträchtigt
sind, dass sie ambulant betreut
wohnen, andere sind so chaotisch
organisiert, dass sie einer finanziellen Betreuung bedürfen. „Nicht
jede ADHS ist behandlungsbedürftig“, warnt die Ärztin. Sie hat geniale, kreative Patienten erlebt,
die innovativ und anders denken
und eine Nische finden, in der sie
bestens leben können
Heike Engelhardt
* Name von der Redaktion geändert
ADHS-Ambulanz für Erwachsene am Krankenhaus in Wangen
Fachärztin Dr. Andrea Patzner
hält Sprechstunden freitags von
9 bis 12 Uhr und nach Vereinbarung. Einmal wöchentlich gibt
es Abendtermine für Schüler
und Berufstätige. Im September
startet eine psychoedukative
Gruppe, in der die Patienten lernen, ihre Krankheit zu verstehen
und im Sinne eines „Coachings“
ihren Alltag zu strukturieren.
Information und Anmeldung über
das Sekretariat der Station 2052
des ZfP Südwürttemberg, Telefon 0751 7601-2923.
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MENSCHEN & MELDUNGEN
Architekturpreis für
Klinik Friedrichshafen
Schussental-Klinik zeigt
Mitarbeiterkunst
Einen AIT-Award in der Kategorie
„Gesundheit + Pflege/Health + Care“
hat das Berliner Architekturbüro
Huber und Staudt für das Klinikgebäude des ZfP Südwürttemberg in
Friedrichshafen erhalten. Die Auszeichnung vergibt die „Internationale Zeitschrift für Architektur und Innenarchitektur“ (AIT), eine der führenden Architektenzeitungen in
Deutschland, in 20 Kategorien in
einem 2012 erstmals ausgelobten
Wettbewerb. Die Awards wurden
vergeben für Arbeiten, die nach
dem 31. Dezember 2008 fertig gestellt worden sind und „eine hohe
Qualität und Funktionalität aufweisen sowie einen innovativen Umgang mit Raum, Material, Farbe und
Oberfläche erfüllen“.
Frei nach dem Motto von Joseph
Beuys „Jeder Mensch ist ein Künstler“ haben sich Mitarbeitende aus
der Schussental Klinik zusammengefunden. In einer Ausstellung vom
27. Juni bis zum 27. September
zeigen sie ihre selbstgeschaffenen
Werke. Auf die Besucher warten im
Foyer der Klinik unterschiedliche
Stile und künstlerische Ausdrucksweisen, angefangen von Fotografien
und Acrylmalerei über Mischtechnik
und Zeichnungen bis hin zu Collagen
und Skulpturen. Initiiert hat das
Projekt Irmgard Wirtensohn-Baader.
„Die Idee war, berufsgruppenübergreifend ein gemeinsames Projekt
auf die Beine zu stellen und so das
Miteinander zu fördern“, erklärt die
leitende Kunsttherapeutin. Dies ist
gelungen. Mit großem Engagement
und vollster Unterstützung der Geschäftsleitung haben Mitarbeitende
aus Pflege, Verwaltung und Therapie die Ausstellung „Kunst von uns“
realisiert. Interessierte Besucher
können die Werke täglich von 8 bis
16 Uhr betrachten.
Für den Friedrichshafener Klinikbau erhielten Huber und
Staudt Architekten einen AIT-Award.
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i Die Ausstellung „Kunst von uns“
ist noch bis zum 27. September täglich von 8 bis 16 Uhr im Foyer der
Schussental Klinik, Safranmoosstraße 5 in Aulendorf zu sehen.
Professor Dr. Cornelia Albani-Blaser
Forschungsarbeit
gewürdigt
Der Forschungsgruppe mit Professor
Dr. Cornelia Albani, Regionale Geschäftsbereichsleitung der SINOVA
Kliniken Donau-Riss und medizinische Geschäftsführerin der Schussental-Klinik, wurde beim Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
der mit 10.000 Euro dotierte HeiglPreis verliehen. Der Preis würdigt
Arbeiten aus der Psychotherapieforschung. Die Arbeitsgruppe fragte
nach dem Stand der ambulanten
Psychotherapie in Deutschland aus
Sicht der Patienten. Die Untersuchung zeige, dass die Zugangswege
zur ambulanten Psychotherapie
durch eine enge Kooperation zwischen allen Behandlern verbessert
werden muss. Haben die Patienten
den Weg in die ambulante Fachpsychiatrie gefunden, seien sie sehr
zufrieden mit der Behandlung. Psychotherapie dürfe deshalb kein mit
Vorurteilen behaftetes gesellschaftliches Randphänomen bleiben.
Forschungsprojekt in
Amerika veröffentlicht
Die renommierte Fachzeitschrift
nature medicine veröffentlichte im
Juni eine Forschungsarbeit, an der
ein Experte aus dem ZfP Südwürttemberg beteiligt war. Dr. Tomas
Dehmer, Oberarzt in der Klinik für
Psychiatrie, Psychotherapie und
Psychosomatik Reutlingen (PP.rt),
arbeitete während seiner Ausbildung in der Neurologie in der Forschungsgruppe mit. Thema des Forschungsprojekts ist die erhöhte
Schmerzempfindlichkeit durch diabetische Polyneurotherapie. Die
amerikanische Fachzeitschrift stellt
biomedizinische Themen dar.
Forscher beschreiben
Geschichte Zwiefaltens
Die Geschichte der psychiatrischen
Klinik in Zwiefalten beschreiben
Mitarbeitende des ZfP Südwürttemberg. Anlässlich des 200-jährigen
Bestehens bearbeiteten sie verschiedene Kapitel der Psychiatriegeschichte, wie sie sich am Rande der
Alb zugetragen hat. Der Band gibt
Einblick in die Entwicklung der Psychiatrie in Württemberg beeinflusst
von Strömungen aus Frankreich,
zeigt Verköstigung und Behandlung
der Patienten, die Zeit des Nationalsozialismus, Zwiefalten als Zwischenanstalt vor der Ermordung und
als Auffangort für umgesiedelte Patienten aus Südtirol. Neue Erkenntnisse liefert ein Beitrag über Kranke, die der Ermordung in Grafeneck
entronnen sind. Eine Bilanz der ersten zehn Jahre des Württembergischen Psychiatriemuseums komplettiert das lesenswerte Buch.
i Nach dem Tollhaus – Zur Geschichte der ersten Königlich-Württembergischen Staatsirrenanstalt
Zwiefalten, Hrsg. Thomas Müller,
Bernd Reichelt, Uta Kanis-Seyfried,
Verlag Psychiatrie und Geschichte,
Zwiefalten 2012, 18,90 Euro.
MENSCHEN & MELDUNGEN
Neuer Leiter für die
Allgemeine Verwaltung
Neuer Leiter der Allgemeinen
Verwaltung im ZfP Südwürttemberg
ist seit Mai Thomas Weiße. Der
47-jährige Diplom Verwaltungs-,
Betriebswirt und Diplom Kaufmann
stammt aus Bergatreute und war
zuvor bei der Deutschen Bahn
tätig. Dort nahm er unter anderem erfolgreich die Neubaustrecke
zwischen Nürnberg und München
in Betrieb und zeichnete für den
Service in Baden-Württemberg
verantwortlich. Wichtige Themen
dabei waren, wie die Beschäftigten
im Service am Bahnsteig und in der
Kundeninformation Stresssituationen bewältigen können und wie die
Reisenden in den Bahnhöfen und
Haltestellen durch Leitsysteme zum
Zug geführt werden. Darüber hinaus
oblagen Weiße der Verkauf und die
Vermietung des Immobilienbestands
der Bahn in Bayern. Im ZfP gefällt
dem neuen Verwaltungsmann der
vertrauensvolle und wertschätzende
Umgang mit den Mitarbeitenden
und dass das Leitbild gelebt wird.
Thomas Weiße ist neuer Leiter der Allgemeinen Verwaltung.
Geschäftsbericht weltweit
unter den 100 Besten
Der Geschäftsbericht der ZfP-Gruppe Baden-Württemberg hat es ins
renommierte New Yorker DesignJahrbuch „100 Best Annual Reports
2012“ geschafft. Eine internationale
Jury wählte aus tausenden von eingereichten Publikationen die 100
besten aus. Auf Platz 21 landete der
gemeinsame Geschäftsbericht der
Zentren für Psychiatrie Baden-Württemberg, den die Agentur Bitter
gestaltet hat. „Ausschlaggebend
für jeden Designer ist jedoch nicht
die Platzierung, sondern bereits die
Aufnahme in den Design-Report“,
freut sich Agenturchef Peter Bitter.
Die Redaktion lag bei den Referentinnen für Öffentlichkeitsarbeit Susanne Roßberg vom Psychiatrischen
Zentrum Nordbaden und Heike
Amann vom ZfP Südwürttemberg
sowie bei Betriebsdirektor Eckhard
Scholz vom ZfP Reichenau, die gemeinsam für das Marketing der ZfPGruppe zuständig sind.
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HINTERGRUND
Psychiatrie braucht zentrale und dezentrale
Versorgungsstrukturen
„Für die psychiatrische Versorgung der Bevölkerung ist das Zusammenspiel von zentralisierten und dezentralen Angeboten unerlässlich.“ Klar
zum Bestand großer psychiatrischer Einrichtungen hat sich Gesundheitsministerin Katrin Altpeter bekannt.
Auf dem Landespsychiatrietag in
Stuttgart erteilte Gesundheitsministerin Katrin Altpeter einer kompletten Dezentralisierung aller psychiatrischen Angebote eine klare Absage.
Zwar sei der Trend in den großen
psychiatrischen Einrichtungen unübersehbar und werde auch vom
Land unterstützt. Einer vollständigen Auflösung größerer zentraler
Einrichtungen zugunsten lokaler
Versorgungssysteme werde sie aber
nicht die Hand reichen. „Konzepte
der Spezialisierung und der Gemeindepsychiatrie sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie
können und müssen sich vielmehr
sinnvoll ergänzen. Wir brauchen
beides: dezentrale Einheiten zur
Verbesserung gemeindepsychiatrischer Angebote, aber auch zentralere Einheiten einer bestimmten
Größe“, sagte Altpeter.
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In zentraleren Einheiten könnten
Therapieangebote vorgehalten werden, die sich in kleineren Einheiten
betriebswirtschaftlich oft nicht
rechneten. Altpeter nannte beispielhaft eine ausdifferenzierte Arbeitstherapie oder auch die Vielfalt
kunst- und musiktherapeutischer
Angebote. Auch könnten Teams mit
vielfältiger multiprofessioneller
Kompetenz Konzepte verwirklichen,
die auf die Bedürfnisse verschiedener Patientengruppen besonders abgestimmt sind. Exemplarisch verwies die Ministerin auf Depressionsstationen oder Stationen für Patienten mit einer Borderline-Störung.
Außenstellen und dezentrale Hilfeangebote dagegen würden helfen,
die psychiatrische Versorgung in der
Fläche durch gemeindenahe vollund teilstationäre Angebote zu verbessern.
Auf dem Landespsychiatrietag
machte Altpeter deutlich, dass sich
die psychiatrische Landschaft seit
der Psychiatrie-Enquete vor über 35
Jahren grundlegend verändert habe
– und mit ihr auch Rolle, Form und
Qualität der psychiatrischen Krankenhäuser. Neben die früher oft als
„Dinosaurier“ bezeichneten Großkrankenhäuser seien Abteilungspsychiatrien getreten, die durch
ihre räumliche Nähe zur somatischen Medizin der Stigmatisierung
psychisch Kranker entgegenwirkten
und innerhalb eines gemeindepsychiatrischen Verbundsystems einen
wichtigen Part im Zusammenspiel
mit einer Vielzahl anderer Leistungsanbieter übernähmen.
Auch die Zentren für Psychiatrie
hätten die Herausforderungen aus
dem gewandelten Verständnis psychiatrischer Versorgung angenommen. Alle Zentren verfügten inzwischen über ein flexibles System vollund teilstationärer sowie ambulanter Behandlung und auch das Netz
Eine Vielfalt therapeutischer Angebote wie
beispielsweise die Kunsttherapie können
gerade größere Einrichtungen am ehesten
gewährleisten.
vertraglich festgelegter Kooperationen durch gemeindepsychiatrische
Verbünde werde enger geknüpft.
Landespsychiatriegesetz
Die Gesundheitsministerin ging auch
auf aktuelle Gesetzesvorhaben ein.
Derzeit erarbeite eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Medizin, der
Wissenschaft, der Kommunen und
Landkreise sowie der Leistungsträger, aber auch der Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen, ein Eckpunktepapier als Grundlage für ein
Landespsychiatriegesetz: „Erstmals
werden in Baden-Württemberg
durch ein Gesetz Hilfen und Schutzmaßnahmen zusammengeführt und
gesetzlich geregelt werden.“
Katrin Altpeter macht sich stark für
ein System der komplementären,
ambulanten, teilstationären und
stationären Versorgung, in dem
die individuellen Bedürfnisse der
betroffenen Hilfesuchenden im Vordergrund stehen. Den Betroffenen
müsse in jedem Krankheitsstadium
die jeweils passende Hilfe angeboten werden. „Unser Bestreben sollte es auch sein, ein System von psy-
chosozialen Vor- und Nachsorgemaßnahmen zu entwickeln, das die Betroffenen zu einem eigenverantwortlichen und selbstbestimmten
Leben in der Gemeinschaft befähigt. Anordnungen von Schutzmaßnahmen, insbesondere Unterbringungen, sollen dabei möglichst vermieden werden“, so die Ministerin.
Die niederschwelligen Angebote der
sozialpsychiatrischen Dienste stellten insbesondere für chronisch psychisch Kranke häufig die einzige
Möglichkeit dar, wieder ein Leben
in der Gemeinschaft führen zu können. Insbesondere durch die nachgehenden Hilfen, etwa durch Hausbesuche, werde den Betroffenen
ein Weg eröffnet, eine möglichst
selbstständige, bei Bedarf beschützte Lebensführung in gewohnter Umgebung zu erhalten. Hinzu komme,
dass Hemmschwellen und Stigmatisierungen durch niederschwellige
Hilfeangebote abgebaut würden.
Altpeter wies auch darauf hin, dass
die Regelungen zur Zwangsmedikation derzeit in einem transparenten
Verfahren überarbeitet werden.
Zu einer Expertenanhörung im Mai
HINTERGRUND
über die Eckpunkte der künftigen
Regelung sei die gesamte Landespresse eingeladen worden. Auf der
Basis dieser Anhörung würden jetzt
die gesetzlichen Voraussetzungen
für eine Novellierung des Unterbringungsgesetzes geschaffen, die eine
Zwangsmedikation unter den vom
Bundesverfassungsgericht dargelegten engen und strengen Voraussetzungen ermöglichen werde.
Helmut Zorell, Pressesprecher
des Sozialministeriums
Expertenanhörung
Mehrere Vertreter des ZfP Südwürttemberg arbeiten in der Expertenrunde zum Landespsychiatriegesetz mit: federführend in
ihren Arbeitsgruppen der Chefarzt der Kliniken für Forensische
Psychiatrie und Psychotherapie Dr.
Udo Frank zu Fragen des Maßregelvollzugs und Versorgungsforscher
Professor Dr. Tilman Steinert zu
solchen des Unterbringungsgesetzes. Zahlreiche weitere leitende
ZfP-Mitarbeiter bringen ihr Expertenwissen in alle das Gesetz vorbereitenden Arbeitsgruppen ein.
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FACHBEITRAG
Der soziale Kontext spielt eine wichtige Rolle.
Psychische Probleme können zum Rückzug
aus dem sozialen Umfeld führen. Umgekehrt
können mangelnde soziale Kontakte psychische
Beschwerden verstärken oder sogar auslösen
ZfP Südwürttemberg erprobt
zusätzliches Klassifikationssystem ICF
Die englische Abkürzung ICF steht für „Internationale Klassifikation der
Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“, die deutsche Version
wurde 2005 von der WHO eingeführt. Die ICF gehört neben dem ICD zur
Klassifikationsfamilie der WHO und stellt eine Ergänzung zur ICD im Sinne einer Komplementärklassifikation dar.
Während die ICD-10 einen ätiologischen und diagnostischen Rahmen
für die Klassifikation von Gesundheitsproblemen liefert, befasst sich
die ICF mit Funktionsfähigkeit und
Behinderung, denn die ICD bildet
nicht ab, mit welchen Beeinträchtigungen und Behinderungen die
diagnostizierten Erkrankungen jeweils einhergehen. Sie wurde in
der heutigen Form erstmalig 2001
veröffentlicht. Die ICF definiert
Funktionsfähigkeit beziehungsweise
Behinderung eines Menschen als dynamische Interaktion zwischen dem
gesundheitlichen Problem und den
sogenannten Kontextfaktoren, also
Umwelt- und personenbezogene
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Faktoren. Das Gesundheitsproblem
besteht aus den Anteilen „Schaden“
– Körperfunktion und –struktur, auch
psychische Faktoren -, „Aktivität“
und „Partizipation“. Damit können
vor allem Krankheitsfolgen besser
eingestuft werden: Eine Schädigung
kann beispielsweise die Aktivität
einschränken, woraus sich eine Einschränkung der Partizipation ergeben kann. Diese drei Elemente interagieren mit den Kontextfaktoren.
Die Abbildung verdeutlicht dies.
Auch der umgekehrte Fall ist jedoch
denkbar: Eine Partizipationsstörung
kann zu einem Schaden führen,
wenn zum Beispiel eine ältere Person in relativer Isolation gelassen
wird und dadurch einen Mangel an
intellektueller Stimulation erfährt.
Der Mangel wirkt sich wiederum
auf die Gedächtnisfähigkeiten aus.
Behinderung als negativer Ausgang
oder Funktionsfähigkeit als positiver
Ausgang wird in diesem bio-psychosozialen Modell als Ergebnis der
Wechselwirkung zwischen dem
Gesundheitsproblem und den Kontextfaktoren gesehen. Als persönliche Faktoren werden zum Beispiel
Geschlecht, Alter, Lebensstil, Persönlichkeitsmerkmale oder Bewältigungsstrategien betrachtet, als
umweltbezogene Faktoren zum
Beispiel die Einstellung der Gesellschaft oder Vorhandensein von behindertengerechten Einrichtungen.
Letztlich ermöglicht die ICF damit
eine genaue Beschreibung der Lebenssituation eines Patienten mit
bestimmten Gesundheitsproblemen,
die nicht als Folge einer Erkrankung
FACHBEITRAG
Beispiel:
Eine Person, die sich von einer akuten psychotischen Episode erholt
hat, aber das Stigma eines „psychiatrischen Patienten“ trägt, kann
wegen der negativen Einstellungen der Menschen in ihrer Umwelt
Leistungsprobleme in den Domänen „Beschäftigung“ und „interpersonelle Interaktionen“ haben. Daher ist die Partizipation der Person an
der Beschäftigung und am sozialen Leben eingeschränkt.
betrachtet wird, sondern je nach
den individuellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten unterschiedlich beschaffen sein kann… soweit
die Theorie…
ICF in der
psychiatrischen Praxis
In der Praxis konnte sich die dezidierte Anwendung der ICF bisher
kaum durchsetzen, was vor allem
an der großen Komplexität des Klassifikationssystems und damit auch
an der Komplexität der Kodierung
lag. Jedoch wird die ICF unter den
dargestellten Voraussetzungen mit
einem bio-psycho-sozialen Störungsmodell als Grundlage auch für eine
moderne Psychiatrie und für Menschen mit psychischen Störungen zu
einem interessanten, zukunftsweisenden und sehr patientenbezogenen Ansatz. Mit dem Mini-ICF-Rating
für Aktivitäts- und Partizipationsstörungen bei psychischen Erkrankungen (Mini-ICF-APP) steht seit
2009 ein Screening-Instrument zur
Quantifizierung von Fähigkeitsstörungen bei psychischen Störungen
zu Verfügung, das für die Praxis
vielversprechend erscheint. Hierbei
kann in 13 Fähigkeitsbereichen das
Ausmaß der Störung von Aktivitäten
und Partizipation beurteilt werden.
Die jeweilige Beeinträchtigung
wird auf einer fünf-stufigen Skala
zwischen „Keine“ und „Vollständig“
eingeordnet. Beispiele für diese Fähigkeitsbereiche sind Fähigkeit zur
Planung und Strukturierung von
Aufgaben, Kontaktfähigkeit zu Dritten oder Fähigkeit zur Selbstpflege.
Einsatzgebiete sind neben einer
aktuellen Zustandsdiagnostik auch
eine Therapieverlaufskontrolle sowie die Bedarfsermittlung therapeutischer und sozialer Hilfen.
die wöchentliche Teamsitzung beziehungsweise Visite besser strukturieren und die interdisziplinäre
Kommunikation im Team verbessern
kann.
PD Dr. Carmen Uhlmann
Dynamische Interaktion zwischen Gesundheitsproblem und Kontextfaktoren.
Quelle: ICF-Praxisleitfaden 3 (2010) der
Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation
Modellversuch auf
drei Stationen im ZfP
Um einen möglichen Nutzen des
Ansatzes der ICF und des Instruments Mini-ICF-APP im ZfP Südwürttemberg genauer einschätzen zu
können, wurde vom Zentralbereich
Medizin nun eine Pilotstudie initiiert, bei der auf drei Stationen des
ZfP - einer allgemeinpsychiatrischen
Station in Zwiefalten, einer Suchtstation in Weissenau und einer Depressionsstation in Reutlingen - die
praktischen Anwendungsmöglichkeiten überprüft werden. Als weiteres
Ziel gilt es herauszufinden, inwiefern die Anwendung des Instruments
PD Dr. Carmen Uhlmann ist Leiterin
der Abteilung Unternehmensentwicklung und stellvertretende Leiterin des
Zentralbereichs Medizin im ZfP Südwürttemberg. Außerdem leitet sie das
Fachgebiet Medizinische Psychologie
in der Versorgungsforschung.
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NACHGEFRAGT
Wozu ein Buch zum Bus, Herr Krauss?
Das Denkmal der grauen Busse erinnert an die psychisch kranken und geistig behinderten Opfer der Nationalsozialisten. Jetzt ist ein Dokumentationsband zu dieser Erinnerungskultur erschienen. Gut und wichtig, findet der Ravensburger Stadtrat Wilfried
Krauss. Aber nicht genug.
Straßennamen gehen ebenfalls auf
das Konto des streitbaren Pädagogen.
„Man muss alles tun, was möglich
ist, um das Vergessen zu verhindern!“ Im privaten wie im gesellschaftlichen Zusammenhang. Wilfried Krauss, Jahrgang 1946, hat die
Nachkriegswehen und den Umgang
der Deutschen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit erlebt
und festgestellt, dass vor allem Hakenkreuze entfernt und damit Erinnerung getilgt wurde.
Als Lehrer hat er mit seinen Schülern vor allem die Ravensburger
Ortsgeschichte untersucht und unter anderem einen Preis der KörberStiftung gewonnen für Interviews,
die seine Klasse mit Weissenauer
Zeitzeugen geführt hatten. – Diese
Arbeit wurde übrigens später in
Berlin im Deutschen Historischen
Museum als beispielhaft gewürdigt
und ausgestellt. Stolpersteine und
eine Kontroverse zum Umgang mit
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Wilfried Krauss, Stadtrat in Ravensburg ist einer der Väter des Denkmals der grauen Busse.
Mit dem Mahnmal erinnern das ZfP Südwürttemberg und die Stadt Ravensburg an die von
den Nationalsozialisten ermordeten psychisch
Kranken. Es ist mittlerweile überregional bekannt, auch im Ausland. Der frühere Geschichtslehrer hat mit seinen Schülern dunklere Kapitel in der Geschichte ihrer Heimat
erforscht und so manche Diskussion in Ravensburg angestoßen. Die Dokumentation „Das
Denkmal der grauen Busse ist kostenlos erhältlich beim Ravensburger Kulturamt sowie
bei Professor Dr. Paul-Otto Schmidt-Michel,
dem Ärztlichen Direktor des ZfP Südwürttemberg in Weissenau, Telefon 0751 7601-2589.
Ein spezifisches Denkmal für die
Weissenauer Opfer hatte Krauss
schon in den 1980er-Jahren gefordert und angeregt, einen grauen
Bus aufzustellen – „das Abbild des
Grauens“. Dass diese Idee später erfolgreich aufgegriffen wurde, erfüllt
den Historiker mit Stolz: „Der Bus
ist sichtbar – das Stein gewordene
Grauen!“ Bücher findet Krauss prinzipiell gut, Artikel auch. Allein, sie
verschwinden im Schrank. Ungüngstigenfalls ungelesen. Insofern gefällt Krauss, dass in Köln ein Abbild
des Busses künftig dauerhaft an die
grauenvolle Geschichte erinnert.
Das sollten alle bisherigen Standorte so handhaben: „So viel Geld muss
sein!“
Aufgezeichnet von Heike Engelhardt
FUNDSACHE | IMPRESSUM
Impressum
aktuell – Das Magazin des
ZfP Südwürttemberg
Herausgeber
ZfP Südwürttemberg
Geschäftsführer Dr. Dieter Grupp
Pfarrer-Leube-Straße 29
88427 Bad Schussenried
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Mitarbeit
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Melanie Gottlob, Elgin Hackenbruch, Ilona Herter,
Linda Klein, Professor Dr. Gerhard Längle,
Ingrid Mutter, Christine Schuler, Dr. Frank Schwärzler,
PD Dr. Carmen Uhlmann, Anneliese Volk, Klaus Weishaar,
Franz Wohnhaas, Helmut Zorell
Fotos
Wahrhaftig und authentisch zu bleiben gehört, so weiß
die Psychologie, zu den Grundbedürfnissen der Menschen. Am wohlsten fühlt sich, wer ganz er selber
bleiben kann, sich nicht zu verstellen braucht. Ob die
Handwerker das gemeint haben, als sie ihre Schilder
an den Maschinen in den Weissenauer Werkstätten aufstellten?
Heike Amann, Veronika Blank, Heike Engelhardt,
Wolfgang Engler, Ernst Fesseler, Jürgen Frick,
Karl Gerhardt, Melanie Gottlob, Elgin Hackenbruch,
Patricia Häußel, Made Höld, Brigitte Daniela Messer,
Bernd Reichelt, Christine Schuler, Rolf Schultes,
Franz Wohnhaas
GRAFIK
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Gestaltung
Dipl. Grafik-Designerin
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Gesamtherstellung
Druckerei der Weissenauer Werkstätten,
Auflage: 4200 Exemplare
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Ausgabe 05 | September 12
erscheint in der Kalenderwoche 37
Redaktionsschluss
ist der 15. August 2012
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