close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

27 Es ist für uns schon rätselhaft, wie man aus den Hieroglyphen auf

EinbettenHerunterladen
Es ist für uns schon rätselhaft, wie man aus den Hieroglyphen auf den Stelen all die Texte und
Beschreibungen entziffern konnte, die sie darstellen. Im Führer klingt das alles logisch, und
die Stelen beinhalten auch meistens „nur“ die Auflistung von Datum, Name des Fürsten und
Anlass, zu dem sie aufgestellt wurde. Das erleichterte sicher den Archäologen deren
Entzifferung, bleibt uns als Schrift aber dennoch ein Rätsel.
So schön und kunstvoll gearbeitet die Stelen auch sind, ist ein Vergleich mit der parallelen
Geschichte in Europa doch interessant: Kaiser Karl baute den Dom zu Aachen, in Rom stand
das Kolosseum schon fast 1000 Jahre und die Pyramiden der Ägypter waren schon über 2000
Jahre alt. Dies soll keineswegs die Leistung der damaligen Bewohner schmälern, aber es ist
dennoch verwunderlich, warum diese großen Kulturen nur wenige hundert Jahre andauerten,
zumindest was ihre Hochblüte betraf. Die letzte Stele in Quirigua verweist auf das Datum
812. Danach haben wohl die höher gestellten Familien die Macht übernommen und ihre
Fürsten entmachtet. Diese Familien hatten demnach keinen Sinn oder auch keine Erlaubnis
für solche Machtdemonstrationen, und vielleicht auch kein Geld für solch ein KunstSponsoring – es mag viele Gründe geben. Jedenfalls wird Pedro de Alvarado über 600 Jahre
27
später von all diesen Kunstwerken kaum etwas gesehen haben, denn erst die Archäologen des
19. und 20 Jahrhunderts haben die vom Urwald überwucherten Kunstschätze freigelegt und
restauriert.
Von Quirigua aus fuhren wir noch eine Stunde bis zum Rio Dulce, dem großen Zufluss aus
Guatemala in den Atlantik. Eine große Brücke führt ca. 20 km vom Meer entfernt über den
Fluss, und ab hier – kurz nur „Die Brücke“ genannt – kann man die Dörfer und den Atlantik
nur noch per Schiff erreichen. Auch unser Hotel lag direkt am Fluss, der sich kurz hinter der
Brücke zu einem kleinen See weitet – dem „El Golfete“. So liess sich die tropische Hitze bei
einem Bad im Fluss oder am Swimming-Pool des Hotels gut aushalten.
Mittwoch 07.01.
Natürlich sind wir nicht zum Vergnügen oder gar zum Urlauben hier, Rainer hat uns mehrfach
daran erinnert, dass dies eine „Arbeitsreise“ sei und wir bitte schön alle Belege und
Abrechnungen zusammentragen müssten, damit das deutsche Finanzamt mit dem
Kassenbericht unseres Vereins „Padre Pedro Guatemala-Hilfe“ zufrieden ist. Und
selbstverständlich hat Pedro auch hier in der Karibik ein kleines Projekt. Ganz am Anfang
habe ich ja kurz von der Casa Hogar, dem Waisenhaus-Internat, das Werner Römich in der
Hauptstadt gegründet hat, berichtet. Werner Römich wiederum ist begeisterter Segler,
weshalb es ihn häufig hierher zog. In einem kleinen Ort am Ende des El Golfete, kurz vor der
Mündung in den Atlantik, hatte er immer sein Segelboot liegen, und so entstand seine
Freundschaft mit den dort wohnenden Familien. Als damals noch aktiver Lehrer der
österreichischen Schule hatte er bereits einen Verein gegründet, SOL Solidarität mit
28
Lateinamerika, der sich besonders der Förderung des Bildungswesen verantwortlich fühlt.
SOL baute dort – der Ort heißt Cayo Quemado – eine Schule. Zur Einweihung kam auch
Pedro hierher, und so gesellte sich bald zur Schule ein kleines Pfahlbauten-Gemeindezentrum
und eine Kirche.
Cayo Quemado wird - wie der gesamte Rio Dulce - vom Pfarrer von Livingston betreut, und
das Gemeindezentrum hier sollte eine Basis für die Pastoralarbeit schaffen, mit einfachen
Übernachtungsmöglichkeiten, zum Beispiel für Katechetenkurse oder auch einfach für den
Pfarrer, damit er nicht jedes Mal zurück die Stunde Bootsfahrt nach Livingston einplanen
muss. Heute hatte sich sogar hoher Besuch in Cayo Quemado angekündigt: der Bischof von
Izabal, der hiesigen Diözese, wollte uns mit Padre Nicolaus aus Livingston zu einem
Mittagessen im Gemeindezentrum empfangen. Dieses „Arbeitsessen“ nahmen wir natürlich
gerne an, nur Regina musste leider aufgrund Unpässlichkeit im Hotel bleiben, denn eine
Stunde Bootsfahrt ohne Toilette traute sie ihrem Darm an diesem Tag nicht zu.
Das Essen wäre ihrem Darm auch nicht unbedingt gut bekommen, es war ein typischer
Fischeintopf mit allerlei Zutaten aus dem Rio Dulce und dem Meer, mit Langusten und
Hummer und einem leckeren gegrillten Mojarra obendrauf. Das ist hier das „Arme-LeuteEssen“, und so nahmen wir es als unsere Pflicht an, dieses „kärgliche“ Mahl mit dem Bischof
zu teilen. Die Unterhaltung war interessant – dank Teres Simultanübersetzung auch
verständlich – aber auch recht einseitig. Padre Nicolaus, ein Argentinier, ist seit einem halben
Jahr Pfarrer von Livingston. Davor war er viele Jahre im Norden Guatemalas - in Ixcan, ganz
in der Nähe von Zunil, wo wir seit vielen Jahren mit einem Solaranlagen-Projekt auch
engagiert sind. Er ist sehr gesprächig, was noch zurückhaltend ausgedrückt ist. Er redete von
Anfang bis Ende wie ein Wasserfall! Das Spanische und die gestenreiche Sprache verstärken
29
für uns noch die Rhetorik, und selbst Tere, sonst auch um kein Gespräch verlegen, hatte Mühe
zu Wort zu kommen. Aber so erfuhren wir interessante Ausführungen über die Charaktere der
unterschiedlichen Indianerstämme, über seine Pfarrarbeit in Ixcan und was er hier am Rio
Dulce alles vorhat. Das Pfarrzentrum möchte er für ein geistliches Zentrum nutzen, sehr zur
Freude von Padre Pedro. Ab und zu kam auch der Bischof zu Wort, wurde aber rasch wieder
von Padre Nicolaus unterbrochen.
Nach dem Essen fuhren wir den Rio Dulce hinunter bis nach Livingston, einem kleinen
Kolonial-Städtchen am Atlantik, ebenfalls nur per Boot erreichbar und bei Rucksacktouristen
sehr beliebt. Die Einwohner hier sind dunkelhäutig und gehören zu den Garifunas,
Abkömmlingen der dunkelhäutigen Sklaven, die sich von den karibischen Inseln nach den
Sklavenaufständen im 19. Jahrhundert hier niedergelassen haben. Ich ließ es mir natürlich
nicht nehmen, im Atlantik zu baden – wer kann schon innerhalb einer Woche in den beiden
Weltmeeren schwimmen ?
30
Donnertag 08.01.
Aufgrund der näheren Lage zum Äquator sind hier die Tage das ganze Jahr über fast gleich
lang, zwischen Winter und Sommer ist es nur eine halbe Stunde unterschiedlich hell. Abends
geht die Sonne um 6 Uhr unter und dann wird es sehr schnell dunkel – Sonnenaufgang ist
ebenfalls um 6 Uhr. Wir haben uns an diesen Lauf angepasst und sind meistens schon um 9
Uhr im Bett gewesen. So hat es mich auch heute früh herausgezogen, ich liebe den Morgen,
wenn alles noch ruhig ist und die Natur allmählich zum Leben erwacht. Wenn man dann noch
wie hier im T-Shirt unter Palmen sitzt, ein Bad im Rio Dulce nimmt und auf das angerichtete
desayuno chapin – das guatemaltekische Frühstück mit Rührei, Frijolles, Tortillas und viel
Obst – wartet, ist das Paradies nicht fern. Die Schönheit der Natur ist hier schon besonders
vielseitig und beeindruckend – sicher auch ein Grund, warum ich dieses Land so lieb
gewonnen habe.
Auch die Temperaturen sind hier mitunter extrem, wie wir heute auf unserer Fahrt zurück
nach Antigua spürten. Das Thermometer stieg stetig bis auf 96 Grad – ungelogen, aber
natürlich Fahrenheit, denn Pedros Auto ist eine US-Ausführung. Regina konnte uns jedoch
durch ihr Allgemeinwissen beeindrucken und die Umrechnungsformel nennen: minus 32
durch 9 mal 5. Also losgerechnet: über 35 Grad Celsius. 80 Kilometer weiter und 1500 Meter
höher waren wir dann in Antigua, wo wir abends lange Hosen und warme Jacken rausholen
mussten, es ist schließlich auch hier Winter !
31
Von meinem letzten Besuch hatte ich noch ein wunderschönes kleines Hotel in Erinnerung,
Hotel Palacio Chico, und es machte seinem Namen alle Ehre, es war ein kleiner Palast.
So stellen wir uns die Paradores in Spanien vor, noch einer unserer Träume,. eine Rundreise
durch Spanien mit Übernachtung in den alten Kolonialstil-Hotels. Hier hatten wir schon einen
kleinen Vorgeschmack darauf, mit Himmelbett, alter bemalter Holzdecke und
wunderschönem Innenhof.
Natürlich hatten wir auch nicht den Geburtstag von Damian vergessen, der heute 19 Jahre alt
wird. Am Morgen gab es daheim das traditionelle Geburtstagsständchen von den
Geschwistern und der Freundin, die Omas hatten schon angerufen, so dass Damian auch ohne
uns einen schönen Festtag feiern konnte – zumindest vermittelte er am Telefon diesen
Eindruck. Das hat uns natürlich gefreut, wir können also in Zukunft häufiger solche „ElternFerien“ machen !
32
Freitag 09.01.09
Unser letzter gemeinsamer Tag in Guatemala gehört traditionell der alten Hauptstadt Antigua.
Von hier können wir morgen Mittag direkt mit dem Minibus zum Flughafen fahren, so dass
wir nicht noch mal in der Hauptstadt übernachten müssen.
Antigua und Guatemala City sind Gegenpole wie man sie sich unterschiedlicher nicht
vorstellen kann. Dort die große, überquellende Hauptstadt, viel Verkehr, wenig Sehenswertes.
Hier Antigua, bis zu dem großen Erdbeben 1773 die alte Hauptstadt und seitdem wie in einem
Dornröschenschlaf konserviert. Die Wohnhäuser waren alle nur 1-2-stöckig und sind daher
noch gut erhalten, während die größeren Gebäude – das waren damals vor allem Kirchen und
Klöster – fast allesamt bei dem Erdbeben wie Kartenhäuser zusammengefallen sind. Wenige
hat man wieder aufgebaut, die restlichen sind einfach so liegengeblieben, wie sie damals
eingestürzt sind..
Das gibt Antigua eine authentische Atmosphäre. Die drei Vulkane Agua, Fuego und
Acatenango bilden den eindrucksvollen Hintergrund, auf der Plaza Central und den vielen
Cafes und Bazars trifft sich ein bunter Querschnitt der Guatemalteken mit den
unterschiedlichsten Spezies von Touristen auf einem Quadratkilometer. Wer Spanisch lernen
will, findet in einer der zahlreichen Sprachschulen ein reichhaltiges Angebot
33
Für uns ist das dann immer ein Ausspann- und Bummeltag, mit Rückschau auf das Erlebte
und natürlich auch schon ein bisschen wieder Vorschau auf den Alltag, der uns in zwei Tagen
dann wohl ziemlich abrupt wieder einfangen wird.
Diese Reise war natürlich eine besondere, da erstmals unsere Frauen dabei waren. Regina war
es vorher schon etwas mulmig, aber rückblickend ist auch sie – die in dieser Beziehung sicher
nicht so leicht zu begeistern ist wie ich – fasziniert von dem Land, der Freundlichkeit der
Leute, der Schönheit der Natur. Zudem kann sie sich nun ein viel besseres Bild unserer
Projekte machen und sieht manches in einem anderen Licht. Für mich ist jede Reise wieder
von neuem ein Erlebnis und eine Bereicherung, wir lernen die Menschen hinter unseren
Projekten immer besser und persönlicher kennen und bekommen auch einen Eindruck, wo wir
mit unseren Projekten Schwerpunkte setzen müssen. Natürlich hängt noch vieles an Padre
Pedro, aber er ist ja erst „60“ – zumindest wurde ihm von einem Freund dank seines
ungebremsten Elans zu diesem Alter gratuliert. Aber mehr und mehr haben wir direkte
Kontakte, dank Fax und Email können wir mit den Projektverantwortlichen heute einfacher
kommunizieren. So nehmen wir wieder viele Eindrücke mit nach Hause, die ganz sicher bald
wieder aufgefrischt werden.
34
Samstag 10.01.
Noch ein gemütlicher Vormittag in Antigua,...
... und um 16:30 geht es ab via Mexiko, Frankfurt und Stuttgart nach Bietigheim-Bissingen,
wo wir am Sonntagabend ankommen. Die Nacht war nicht mehr ganz so komfortabel wie im
Palacio Chico, aber für ein paar Stunden Schlaf hat es gereicht. Und den Rest Müdigkeit
werden wir mitsamt dem Jetlag in den nächsten Tagen auch überwinden.
Sonntag 11.01.
Den letzten Kaffee unter Palmen haben wir dann im Flughafen-Bahnhof in Frankfurt
getrunken, die Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt erinnerten uns daran, dass wir
wieder zuhause sind !!!
Johannes & Regina Schockenhoff
35
Document
Kategorie
Reisen
Seitenansichten
9
Dateigröße
5 399 KB
Tags
1/--Seiten
melden