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Herausforderungen des Fairen Handels durch neue Akteure wie

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Herausforderungen des Fairen Handels
durch neue Akteure wie Transnationale
Unternehmen und Discounter
Wie wirkt sich die Ausweitung des Fairen
Handels auf seine Zielgruppen aus?
Tagungsdokumentation
www.forum-fairer-handel.de1
Inhalt
Liebe Leserin, lieber Leser,
Zielgruppen im Fairen Handel
Die Partner von Fair Handels-Organisationen im Süden
und ihre Organisationsformen
Andrea Fütterer (gepa Fair Handelshaus)
der Faire Handel boomt, und immer mehr Akteure wollen an dieser
positiven Entwicklung teil haben: weltweit steigen große Supermarktketten mit Fairtrade-Produkten in den Handel ein, in Deutschland führt Lidl eine TransFair-gesiegelte Eigenmarke ein. Nestlé ist
Fairtrade-Lizenznehmer in Großbritannien, andere Transnationale
Unternehmen streben eine FLO-Zertifizierung an oder arbeiten mit
konkurrierenden Zeichen, um sich ein soziales Image zu geben.
3
Neue Erfordernisse durch neue Akteure?
Marktentwicklung des Fairen Handels in Europa
und Deutschland
Dieter Overath und Norbert Dreßen (TransFair)
4
Neue Akteure im Fairen Handel
Wie reagiert die internationale Standardentwicklung?
Luuk Zonneveld (FLO)
6
Das Beispiel Bananen
Wir wirken sich neue Akteure auf dem Markt aus?
Rudi Pfeifer (BanaFair)
8
Diskussion und Schlussfolgerungen
Wie verändert sich der Faire Handel durch neue Akteure?
Birgit Schößwender und Antje Edler
10
Wie wirkt sich das auf den Fair Handels-Markt insgesamt aus? Können Kleinbauern davon profitieren oder werden sie eher verdrängt?
Verändert das die Grundidee, mit der der Faire Handel vor über 30
Jahren angetreten ist? Wie kann gewährleistet werden, dass diese
Entwicklungen positiv für alle Beteiligten verlaufen?
Ca. 70 TeilnehmerInnen diskutierten am 27.04.06 über diese Fragen
auf einer internen Diskussionsveranstaltung des Forum Fairer Handel. Ziel der Veranstaltung war es, über neue Entwicklungen in Bezug auf Markt- und Standardentwicklungen, neue Zielgruppen und
mögliche entwicklungspolitische Wirkungen des Fairen Handels zu
informieren. Daneben gab es Raum, über diese Entwicklungen zu
diskutieren.
Die Nachricht, dass Lidl ab Juni in seinen rund 2.700 deutschen
Filialen TransFair-gesiegelte Produkte unter dem eigenen Label
„Fairglobe“ anbieten wird, machte die vom AK Monitoring organisierte Veranstaltung hoch aktuell. Die Diskussion über Lidl nahm
dann auch einen breiten Raum ein.
Mit dieser Dokumentation möchten wir Ihnen die Ergebnisse der
Veranstaltung zur Verfügung stellen. Zum einen gab es interessante
Referate mit einer Fülle von Informationen über neue Entwicklungen im Fairen Handel. Zum anderen wurden in der Diskussion unterschiedliche Einschätzungen deutlich. Wichtige Argumentationslinien haben wir für Sie zusammengefasst.
Daneben wurden viele weiter führende, grundsätzliche Fragen aufgeworfen, mit denen sich der Faire Handel in der nahen Zukunft auseinandersetzen muss. Vielleicht kann man sogar sagen, wir haben
am 27.04. mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben. Diese
Dokumentation stellt eine Momentaufnahme einer aktuellen, nicht
abgeschlossenen Diskussion in der Fair Handels-Bewegung dar. Wir
möchten die vielfältig aufgeworfenen Fragen an dieser Stelle fest
halten und Sie einladen, sich in die zukünftige weiterführende Diskussion einzubringen!
Eine interessante und anregende Lektüre wünscht
Antje Edler
Koordinatorin des Forum Fairer Handel
2
Andrea Fütterer (gepa Fair Handelshaus) Zielgruppen im Fairen Handel
Die Partner von Fair Handels-Organisationen im Süden und ihre Organisationsformen
Als Zielgruppen sind im Fairen Handel definiert: benachteiligte
KleinproduzentInnen in der Landwirtschaft und in der handwerklichen Produktion sowie abhängig beschäftigte ArbeiterInnen auf
Plantagen und in Fabriken. Häufig werden im Fairen Handel Begriffe
wie ‚Zielgruppen’ und ‚Handelspartner’ benutzt, als wären sie identisch. Eine Differenzierung ist aber notwendig.
Die FINE-Definition des Fairen Handels Fairer Handel ist eine Handelspartnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht und
nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt. Durch bessere Handelsbedingungen und die Sicherung sozialer Rechte für benachteiligte ProduzentInnen und ArbeiterInnen - insbesondere in den Ländern des Südens - leistet der Faire Handel einen Beitrag zu nachhaltiger
Entwicklung. Fair Handels-Organisationen engagieren sich (gemeinsam
mit VerbraucherInnen) für die Unterstützung der ProduzentInnen, die
Bewusstseinsbildung sowie die Kampagnenarbeit zur Veränderung der
Regeln und der Praxis des konventionellen Welthandels.
Die Zielgruppen sind in verschiedenen Strukturen eingebunden, die
Teile einer Handelskette darstellen. Fair Handels-Importeure in
Deutschland kommunizieren und handeln mit bestimmten Teilen
dieser Handelskette. Exemplarische Handelsketten sind :
ProduzentInnen > Kooperative oder Gruppe > Dachverband
oder NRO > Verarbeiter > Exporteur > Importeur
ArbeiterInnen > Plantage/Fabrik > Verarbeiter > Exporteur
> Importeur
Entscheidend ist, ob und wie die positiven Wirkungen des Fairen
Handels bei der Zielgruppe ankommen. Dies hängt u.a. vom Grad
der Selbstbestimmung der ProduzentInnen ab bzw. von ihrer Einbeziehung in Entscheidungsprozesse. Im Folgenden sollen die häufigsten Organisationsformen vorgestellt und anhand einiger konkreter
Beispiele aufgezeigt werden, auf welcher Ebene sich die Handelspartner der Fair Handels-Importeure befinden. Bei den gewählten
konkreten Beispielen handelt es sich um Handelspartner der gepa.
Handelspartner und ihre Organisationsformen:
• Kooperativen von KleinproduzentInnen (Organisation 1. Grades),
die Weiterverarbeitung und/oder Export entweder selbst durchführen oder als Serviceleistung extern einkaufen
Dachverbände von Kooperativen (Organisation 2. Grades), die
Weiterverarbeitung und/oder den Export entweder selbst leisten
oder als Serviceleistung extern einkaufen
Private Unternehmen (Plantagen), mit Produktion, Weiterverarbeitung und Export. (Beispiele: TPI in Indien, Stassen in Sri Lanka)
Private Unternehmen (Fabriken), mit Produktion und Export
(Beispiele: Talon Sports in Pakistan, Coronilla in Bolivien)
Private Kleinunternehmen, bes. im Handwerksbereich, die mit
Produzentengruppen zusammenarbeiten und u. a. den Export übernehmen (Beispiele: CRC in Indien, EDUCE in Mexiko)
NRO (Nicht-Regierungsorganisationen), bes. im Handwerksbereich, die mit Produzentengruppen zusammenarbeiten, die NRO
übernimmt u. a. den Export. NRO sind oft Stiftungen oder Treuhänder mit entwicklungspolitischer Zielsetzung. (Beispiele: Navdanya in
Indien, Tara in Indien, Preda auf den Philippinen)
•
•
•
•
•
Entscheidend ist, ob und wie
die positiven Wirkungen des
Fairen Handels bei der Zielgruppe ankommen. Andrea Fütterer
Für die aktuelle Debatte stellt sich die Frage, welche Auswirkungen
es für die Zielgruppen hat,
wenn neue Organisationsformen wie Transnationale Unternehmen in den Fairen Handel einsteigen?
wenn das selbe Produkt sowohl von Kleinbauern als auch von
Plantagen produziert wird (z.B. Bananen)?
wenn Akteure mit großer Marktmacht im Fairen Handel auftreten?
•
•
•
Handelspartner und ihre Organisationsformen. Beispiele:
Kooperativen
(Organisationen 1. Grades)
Dachverbände
(Organisationen 2. Grades)
Ohne eigene Verarbeitung, ohne
eigenen Export
Mit eigener Verarbeitung, ohne
eigenen Export
Ohne eigene Verarbeitung, mit
eigenem Export
Mit eigener Verarbeitung,
mit eigenem Export
COMUCAP,
Wupperthal Farmers,
RAOS
Ch’ilan Kaabo’ob
COAGROSOL
Yeni Navan, UCIRI, COPAVIC, El Ceibo,
Asprome, Los Robles, Flor de Campanilla,
Tzeltal Tzotzil
CEPICAFE
Sidama Union, COOCAFE, La Sureñita,
Conacado, Fedecocagua
3
Dieter Overath und Norbert Dreßen (TransFair) Neue Erfordernisse durch neue Akteure?
Marktentwicklung des Fairen Handels in Europa und Deutschland
Discounter in Deutschland und Europa
Discounter erreichen in Deutschland einen Marktanteil im Lebensmittel-Einzelhandel (LEH) von 40,8%, bei einigen Produkten liegt er
sogar noch darüber, wie bei Bananen (62%) oder Orangensaft. 50%
aller Discount-Supermärkte europaweit sind in Deutschland, 85%
aller deutschen Haushalte kaufen bei Aldi, 75% bei Lidl ein.
Die Rentabilität liegt mit 10.000 € /qm bei Discountern sehr hoch,
ein normaler Supermarkt erreicht in der Regel lediglich 3.000 € /qm.
Discounter schöpfen daraus die Finanzreserven, um ihre Marktmacht weiter auszubauen. Ihr jährliches Wachstum in Deutschland
liegt bei 6%. Dabei ist Lidl derzeit der am stärksten wachsende Handelskonzern und plant den Sprung von gegenwärtig 2.700 auf 3.500
Märkte. Europaweit gehen 80% aller Neugründungen im Supermarktbereich auf das Konto von Aldi und Lidl. Bereits jetzt ist Lidl
mit einem Jahresumsatz von 30 Mrd. Euro die Nr. 5 in Europa.
Die Marktmacht der Discounter beeinflusst das Preisgefüge im
Handel deutlich, so sind Lebensmittel im europäischen Vergleich in
Deutschland am billigsten. Für den deutschen Markt kann von einer
‚Aldisierung’ gesprochen werden, KonsumentInnen fokussieren extrem auf den Preis. Die Landschaft des LEH verändert sich dadurch.
Die klassischen Supermärkte nehmen Impulse des Discount auf
(z.B. durch Preisdrückerprodukte) oder unterhalten eigene Discountketten (Tengelmann mit Plus, Rewe mit Penny). Andererseits bewegt
sich auch der Discount in Richtung konventioneller LEH mit Vollsortimenten, Frischtheken, kompletten Produktreihen (Bio, Wellness…).
Discounter werben mittlerweile auch mit Qualität, Sortimentsvielfalt oder Frische.
Marktanteile des Fairen Handels im
europäischen Vergleich
In anderen europäischen Ländern war es bisher für Discounter ungleich schwieriger sich zu etablieren. Die Übertragung von Erfolgskonzepten aus einem Land ins andere klappt nicht unbedingt. Das
gilt auch für den Fairen Handel.
Um die im Vergleich zu Deutschland deutlich höheren Marktanteile des Fairen Handels in anderen europäischen Ländern wie der
Schweiz, England oder auch Österreich zu verstehen, muss die
Struktur des dortigen LEH berücksichtigt werden. So ist das Preisniveau von Lebensmitteln bei den starken Supermarktketten - z. B.
Migros und Coop in der Schweiz, tesco in England und Spar und Billa
in Österreich - allgemein deutlich höher als in Deutschland, was den
Unterschied zu den Verkaufspreisen von Fairtrade-Produkten verringert. Es besteht eine direkte Korrelation zwischen einem hohen
Fairtrade-Marktanteil und einem hohen Preisniveau im Lebensmittelbereich.
Als beispielsweise Ende der 1990er und Anfang 2000er Jahre der
Kaffeepreis im konventionellen Handel extrem niedrig war, sank
auch die verkaufte Menge von Fairtrade-Kaffee deutlich – der Preisunterschied war den meisten KundInnen einfach zu groß. Dass also
4
beispielsweise gesiegelter Röstkaffee in England einen Marktanteil
von 20% erreicht und gesiegelte Bananen in der Schweiz auf über
45% kommen, hat viel mit der dortigen Konsumlandschaft und dem
allgemeinen Preisgefüge zu tun.
TransFair und Discounter
TransFair wurde mit der Zielsetzung gegründet, über den Vertrieb
in Supermärkten weitere Absatzmöglichkeiten für fair gehandelte
Produkte zu schaffen und so noch mehr benachteiligten ProduzentInnen im Süden die Möglichkeit zu geben, ihre Produkte zu fairen
Bedingungen zu verkaufen. Das von vielen zu Beginn befürchtete
Ende der Weltläden und des Fairen Handels insgesamt ist nicht eingetreten. Im Gegenteil: den Weltläden geht es besser denn je.
Seit der Gründung von TransFair 1992 bis heute hat sich das Siegelsystem stark verändert. Es gab zwar zunächst einige Siegelinitiativen in Europa, aber noch keine effiziente und gute Zusammenarbeit
auf internationaler Ebene. Das hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert, vor allem was Absprachen, Prozedere und Arbeitsteilung betrifft. Hauptaufgabe von TransFair als nationale Siegelorganisation ist heute das Marketing des Siegels.
Was TransFair jahrelang zu schaffen machte, war das Desinteresse
des Handels – von Ausnahmen abgesehen. Seit 2000 beginnt der
LEH nun Interesse zu entwickeln, was an der wachsenden Zahl von
Lizenznehmern und Umsatzzuwächsen abgelesen werden kann. Dabei ist das Engagement der Unternehmen für den Fairen Handel und
die Betreuung der Produktlinie recht unterschiedlich. Die Struktur
der Lizenznehmer und beteiligten LEH-Ketten ist sehr heterogen.
Gesiegelte Produkte waren bereits in den 1990ern bei Plus vertreten,
einem sog. ‚Weichdiscounter’. Damals betrug der Jahresumschlag
bei gesiegeltem Kaffee 4.500 Tonnen pro Jahr. Als Fairtrade-Kaffee
1998 bei Plus im Rahmen einer Sortimentsverringerung ausgelistet
wurde, sank der Umschlag deutlich. Weitere Rückgänge wegen der
großen Preisdifferenz zwischen konventionell und fair gehandeltem
Kaffee führten bis 2002 zu der Tiefstmarke von 2.800 Tonnen/Jahr.
Die Rückgänge aus der Auslistung bei Plus konnte nicht mehr kompensiert werden, und es brauchte Jahre, um auf die aktuelle Menge
von 3.300 Tonnen/Jahr zu kommen. Dies zeigt, dass der Vertrieb
über Discounter die Absatzmengen fair gehandelter Produkte
stark steigert, und man daher speziell in der Handelslandschaft in
Deutschland nicht auf diesen Vertriebsweg verzichten sollte.
Für TransFair ist es wichtig, auch die Käuferschicht zu erreichen, die
im Discount einkauft, die nicht identisch ist mit Weltladen-KundInnen und die nur gewisse Überschneidungen mit klassischen LEHKundInnen hat. Ein Beispiel: TransFair hat die Studentenwerke für
Fairtrade-Kaffee gewinnen können. StudentInnen kommen nun in
den Universitäten mit Fairtrade-Produkten in Berührung – und StudentInnen kaufen selbst vielfach im Discount ein, wo es bisher kaum
fair gehandelte Produkte gibt. Wenn der Faire Handel eine Breitenbewegung werden soll, muss er sich auch an diejenigen wenden, die
mit Geld genau haushalten müssen. Auch sie sollen die Gelegenheit
haben, sich solidarisch gegenüber noch Schwächeren zu zeigen.
Damit verändert der Faire Handel nicht die Handelslandschaft in
Deutschland, kann sie sich aber nutzbar machen. TransFair sieht
dies als einen Weg an, um ihrem Auftrag gerecht zu werden: mehr
Absatz für die ProduzentInnen im Süden.
Die Zusammenarbeit mit Lidl
Lidl hatte Ende 2005 gesiegelten löslichen Kaffee aus Tansania in
seinen Filialen präsentiert. Der erfolgreiche Absatz des Kaffees
bewirkte, dass Lidl Kontakt mit TransFair aufnahm. Grundsätzlich
müssen Handelsunternehmen nicht mit TransFair zusammenarbeiten, um Fairtrade-gesiegelte Produkte ins Sortiment aufzunehmen.
Lidl hat den für sich unbequemeren Weg gewählt und realisiert eine
Eigenmarke ‚Fairglobe’, wofür sie einen Siegelnutzungsvertrag mit
TransFair geschlossen haben.
Der Vertrag zwischen TransFair und Lidl bezieht sich auf die Nutzung
der Marke ‚Fairglobe’ und das entsprechende Marketing. So ist beispielsweise geregelt, dass ‚Fairglobe’ nur in Kombination mit dem
TransFair-Siegel genutzt werden kann und das Siegel nicht auf Geschäftspost von Lidl verwendet werden darf. Nach Beendigung des
Vertrages ist es Lidl untersagt, die Marke ‚Fairglobe’ (ohne Siegel)
weiter zu verwenden. Lidl wird die Produkte von TransFair-Lizenznehmern beziehen, die ganz normal im allgemeinen Kontrollmechanismus integriert sind und auch die Lizenzgebühren abführen. Lidl
wird nicht Lizenznehmer von TransFair! Das allgemeine Regelwerk
für Lizenznehmer gilt auch für die Lieferanten von Lidl.
Lidl wird Anfang Juni 2006 acht Produkte in sämtlichen Filialen
einführen. Dazu wird der erste von TransFair gesiegelte Rohrzucker
aus einer Kooperative in Malawi gehören. Bei Instantkaffee werden
äthiopische Handelspartner zum Zug kommen. Für ProduzentInnen
in Afrika bedeutet dies die Chance, zum ersten Mal signifikante
Mengen über den Fairen Handel abzusetzen.
Die Einführung wird in den üblichen Filialen- und Haushaltsprospekten mit einer Auflage von 16 Millionen beworben. Daneben erfolgt
die Werbung für „Fairglobe“ in Zeitungsanzeigen – für Lidl ist das
(Eigen-)Werbung mit dem Siegel, aber natürlich auch für das Siegel.
TransFair hat mit Lidl Point-of-Sales-Maßnahmen verabredet, wie es
in jedem anderen Kooperationsfall ebenso üblich ist. Aktionen zur
Neueinführung gehören zu den Aufgaben von TransFair. Die Produkte werden im oberen Preissegment des Sortiments angesiedelt
sein. Die häufig befürchtete Verramschung von Fairtrade-Produkten
wird es nicht geben, sondern eher deutliche Preisunterschiede zum
übrigen Sortiment.
Über die möglichen Gründe, die Lidl zum Einstieg in den Fairen Handel bewogen haben, wird viel gemutmaßt. Aber ob es nun um die
Ablenkung von Missständen geht (verseuchtes Gemüse, Arbeitsbedingungen…) oder um einen generellen Wandel in der Unternehmenspolitik – letztlich sind das Spekulationen. Sicher ist, dass Lidl
als erster Discounter in ein Segment einsteigt, im dem sie Trendsetter sein werden. Die Konkurrenten von Lidl heißen Aldi, Plus, Penny,
Norma – mit der Expansion in den Bio-Bereich und in den Fairen
Handel versucht Lidl, sich positiv abzusetzen. Mit der Eigenmarke
‚Fairglobe’ wird Lidl die komplette LEH-Szene aufrütteln. Die klas-
sischen Handelsketten (Edeka, Rewe) haben die Chance ungenutzt
verstreichen lassen, ihren Kunden eine Fairtrade-Eigenmarken anzubieten – nun wurden sie von einem Discounter überholt.
TransFair besiegelt keine Unternehmen, sondern nur Produkte, die
von Unternehmen ins Sortiment genommen werden. Wenn die Fairtrade-Standards auf Unternehmen im Norden ausgedehnt werden
sollten, bedürfte es einen Diskussionsprozess und eine Abstimmung
auf internationaler Ebene.
Das allgemeine Regelwerk für
Lizenznehmer gilt auch für die
Lieferanten von Lidl. Dieter Overath
Es gibt die Hoffung, dass die vereinbarte Kooperation nicht ohne
Wirkungen auf die allgemeine Unternehmenspolitik von Lidl bleiben
wird, aber dies taugt nicht als Messlatte für den Erfolg der Zusammenarbeit. Es gehört auch nicht zu den Aufgaben von TransFair, sich
um die gewerkschaftliche Organisation der Lidl-Verkäuferinnen zu
kümmern – hier gibt es eine Arbeitsteilung mit anderen Nichtregierungsorganisationen. Der Tenor der bisherigen nicht unbeträchtlichen Medienresonanz zu dieser Frage: Lidl wird die Einführung fair
gehandelter Produkte nicht als billige Werbekampagne zur allgemeinen Imageaufbesserung nutzen können – denn wer sich beispielsweise für Kaffeebauern und –bäuerinnen in Honduras einsetzt, wird
auch an die Verkäuferin in Darmstadt denken müssen. Lidl wird hier
intensiv beobachtet. Sollte das Unternehmen beispielsweise sehr
schnell wieder aus dem Vertrag aussteigen, hätte dies sicher zusätzliche negative Effekte für das Image. Insofern ist von Lidl auch
ein langer Atem zu erwarten, wenn sich die großen Umsätze im Fairtrade-Bereich nicht binnen Wochen einstellen werden.
Angesichts der Tatsache, dass immer mehr Konzerne mit ‚pseudofairen’ Angeboten in den Markt drängen, ist es immens wichtig,
dass große Akteure in Deutschland sich dem gesiegelten Fairen
Handel anschließen. Chiquita macht bereits massiv Werbung mit
der durch die Rainforest Alliance zertifizierte Banane, Jacobs wird
im Bereich Kaffee demnächst mit der Rainforest Alliance auftreten.
In anderen europäischen Ländern versuchen z. B. Carrefour und
Utz Kapeh, eigene ‚faire’ Produktlinien ohne Siegel zu etablieren.
Die Kooperation mit Lidl kann helfen, die Akzeptanz der FairtradeStandards auch bei neuen Akteuren zu erhöhen, vor allem wenn im
Erfolgsfall weitere Unternehmen nachziehen. So lässt sich eventuell verhindern, dass andere Akteure im ‚fairen’ Markt Fuß fassen
können, die nicht den internationalen Fairtrade-Standards gerecht
werden. Dem befürchteten Imageschaden muss der Faire Handel mit
der Schärfung seines Profils begegnen. Auf diese Art können wir die
neuen Herausforderungen gemeinsam zum Wohl der ProduzentInnen meistern.
5
Luuk Zonneveld (FLO) Neue Akteure im Fairen Handel
Wie reagiert die internationale Standardentwicklung?
Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) ist ein Verein
mit 20 Mitgliedern: die nationalen Siegelorganisationen in Europa,
USA, Kanada, Australien, Mexiko und Japan, weitere sind in Gründung. Die Aufgaben von FLO sind die Entwicklung von Standards für
den Fairen Handel und die Unterstützung von ProduzentInnen bei
der Zertifizierung und beim Marktzugang. Der Verein ist Eigentümer
einer GmbH, welche die konkrete Zertifizierung und Kontrolle durchführt: FLO Cert.
FLO-Standards
Die FLO-Standards liegen dem Fairtrade-Siegel zu Grunde. Aktuell
existieren folgende Standards:
Allgemeine Standards für kleinbäuerliche ProduzentInnen (ursprünglich entwickelt für Kaffee-Kleinbauern in Lateinamerika; zur
Zeit in Überarbeitung)
Allgemeine Standards für abhängig Beschäftigte (ursprünglich
entwickelt für Tee-PlantagenarbeiterInnen; in 2005 komplett überarbeitet. Dabei wurden die Bedingungen für Plantagen- und Firmeninhaber deutlich nach oben geschraubt, sie müssen sichtbar in den
Fairen Handel investieren.)
Allgemeine Umweltstandards (allgemeine und spezifische
pro Produkt)
Allgemeine Methodologie, wie der Fairtrade-Preis bestimmt wird
(die Lebenshaltungskosten plus Kosten einer nachhaltigen Produktion müssen gedeckt sein)
Produktspezifische Standards (z.B. für Frischobst)
•
•
•
•
•
Im Fokus war bisher, wie die Produkte im Süden hergestellt wurden
und unter welchen Bedingungen die ProduzentInnen im Süden ihre
Produkte verkauft haben. In der Diskussion ist, ob es in der Zukunft
weitere Standards geben soll:
Allgemeine Standards für die Weiterverarbeitung
Allgemeine Standards für die Handelstätigkeit
•
•
Ziel dabei wäre, die Fairtrade-Prinzipien für jedes Produkt durch die
gesamte Kette hindurch zu sichern und zumindest die Einhaltung
von allgemeinen Arbeitsrechten, z. B. der ILO, zu garantieren, denn
die Bedeutung der Verarbeitung im Fairen Handel nimmt zu. Dabei
sind vielfältige Fragen zu beachten: Ist das Vorhaben realistisch?
Was kostet das Ganze? Können wir das bezahlen? Nicht nur: Wollen
wir das konzeptionell?
Standards für KleinproduzentInnen und Plantagen
Die überwiegende Zahl der produktspezifischen Standards gilt nur
für Kleinbauern und Kleinbäuerinnen. Standards für Firmen mit abhängig Beschäftigten gibt es nur für Tee, Frischfrüchte, Fußbälle und
Blumen. Generell fragt der Standard bei Plantagen nach der Angemessenheit der Löhne, unabhängig davon, wie viel die Plantage in
den Fairen Handel verkauft. Wenn produktspezifische Standards
auch für Plantagen eingeführt werden sollen, muss gewährleistet
sein, dass dies nicht auf Kosten der KleinproduzentInnen sein wird.
6
Der Vorrang für KleinproduzentInnen hat vor allem entwicklungspolitische Gründe. Der Besitz von Land und das Eigentum an den
Produktionsmitteln sind einer langfristigen Entwicklung förderlicher als der bloße Verkauf der eigenen Arbeitskraft. Die Einbeziehung von Plantagen in den Fairen Handel würde sich in einigen
Bereichen, z.B. bei Kaffee, katastrophal für Kleinbauern-Kooperativen auswirken. In anderen Bereichen aber wäre sie durchaus
auch unter entwicklungspolitischen Gesichtspunkten möglich und
sinnvoll, z.B. bei Mangos aus Südafrika – dies sollten die Standards zukünftig auch zulassen.
Das Beispiel Rooibos-Tee zeigt, dass die Einbeziehung von Plantagen auch wieder zurückgenommen werden kann. Rooibos wurde
in den Teestandard integriert, was es ermöglichte, auch RooibosPlantagen zu zertifizieren. Diese Einordnung war möglicherweise
ein Fehler, die Bedingungen bei der Rooibos-Produktion sind andere als bei Tee. Rooibos gehört als nicht-fermentiertes Getränk
zu den Kräutergetränken. Der Standard wird gegenwärtig überprüft und vermutlich geändert.
Standards für Handwerk
Ein schwieriger Bereich bleibt die Zertifizierung von Handwerksprodukten. Klassisches Fair Handels-Handwerk wird meist nur in
kleinen Stückzahlen produziert, die nicht kontinuierlich zur Verfügung stehen. Die Standardisierung wird durch die Vielfalt erschwert. In vielen Bereichen ist zu befürchten, dass die Kosten den
Nutzen übersteigen. Zusammen mit IFAT (International Fair Trade
Association) wird gegenwärtig an einem Konzept gearbeitet, wie
die Besiegelung von Handwerk mit geringen Kosten realisiert werden könnte. Wenn ProduzentInnen selbst ein System haben, wie
sie Standards garantieren können und wenn IFAT ein System hat,
dies zu kontrollieren, dann müsste FLO keine eigenen Standards
entwickeln. FLO würde als externer Zertifizierer des IFAT-Systems
auftreten und die Produkte könnten das Siegel bekommen. Bedingung wären allerdings miteinander kompatible Zertifizierungssysteme von FLO und IFAT.
Transparenz und Einflussmöglichkeiten auf die
Standardentwicklung
FLO ist Teil der weltweiten Vernetzung von Standard setzenden
Organisationen (u.a. IFOAM, FSC, SAI, siehe www.isealalliance.org),
die sich einem ‚Code of good standard setting’ unterworfen haben:
Die Entwicklung von Standards ist demnach ein öffentlicher und
transparenter Prozess, in dem Stakeholder befragt werden und
Input geben können. Die anstehende ISO-Zertifizierung von FLO
wird die Nachvollziehbarkeit und Transparenz dieses Prozesses
unterstützen. FLO unterhält ein Standard-Komitee, das diesen
schwierigen Prozess verantwortet: vielen Beteiligten, die ihren
Beitrag leisten können sollen, stehen aber begrenzte Ressourcen
und Partizipationsmöglichkeiten gegenüber. Sämtliche Standards
werden regelmäßig einer generellen Überprüfung (Review) un-
terzogen, zurzeit sind es diejenigen für kleinbäuerliche ProduzentInnen. Dabei ergeht zunächst eine allgemeine Einladung an alle
Beteiligten, Kommentare, Kritik und Anregungen an FLO zu melden.
Was sich bisher an spezifischen Fragen, Ungereimtheiten und evtl.
Überarbeitungsbedürftigem herausschält:
• Was ist ‚klein’, was ist ‚benachteiligt’? Beispiel: In Brasilien ist ein
Bauer mit 20-50 ha von der Einkommenssituation her Kleinbauer,
von der Fläche her jedoch nicht (üblich sind 2-3 ha).
Es existieren nur Kriterien für nicht-permanente Lohnarbeit. Die
permanente Beschäftigung von externen Arbeitskräften ist KleinproduzentInnen untersagt, kommt aber vor. Probleme bereitet der
Vorwurf von Gewerkschaftern, Fair Handels-ProduzentInnen würden für ihre Arbeitskräfte die ILO-Standards nicht einhalten.
Vertragsproduktion ist oftmals nötig, z.B. bei Baumwolle in der
Sahel-Zone. Die Bauern und Bäuerinnen sind nur informell organisiert und können sich die für die erste Verarbeitungsstufe benötigte
große Anlage nicht leisten. Sie verkaufen ihre Produktion an eine
lokale Verarbeitungsfirma, die der Vertragspartner von FLO bzw.
der Siegelinitiative ist. Die ProduzentInnen sind die eigentliche Zielgruppe des Fairen Handels – wie kann hier der entwicklungspolitische Anspruch umgesetzt werden? Müssen die Bauern und Bäuerinnen angeregt werden, eine Kooperative zu gründen?
•
•
Die Überprüfung soll bis Ende des Jahres 2006 zu einem Konzept für
einen überarbeiteten Standard führen.
Transnationale bzw. Globale Unternehmen (TNC)
und Fairer Handel
Globale Unternehmen werden verstanden als Unternehmen mit
Marktmacht plus der Kontrolle über die gesamte Kette. Der aktuelle
Stand der Zusammenarbeit: Nationale Siegelinitiativen schließen
die Verträge mit ihren Lizenznehmern. So konnte es möglich sein,
dass die britische Siegelinitiative im Alleingang einen Lizenzvertrag
mit Nestlé abgeschlossen hat. Verarbeiter/Zwischenhändler müssen
sich bei FLO registrieren lassen.
Mit dem Fairtrade-Label sollten nie Firmen zertifiziert werden. Aber
man wird auf Dauer wohl wahrscheinlich nicht um Standards auch
für weiterverarbeitende Firmen herum kommen. Diese Frage ist
insbesondere bei der Zertifizierung von Baumwolle aufgekommen,
die in vielen Schritten verarbeitet wird und wo soziale Mindeststandards auch in der Verarbeitung sinnvoll erscheinen. Daher gibt es in
diesem Jahr ein Pilotprojekt mit Firmen in diesem Bereich.
Wie können die Perspektiven der Zusammenarbeit mit Globalen
Unternehmen aussehen? Erforderlich sind international abgestimmte Lizenzverträge, da das bisherige Verfahren nur an national operierenden Firmen orientiert ist. Eine umfassende Politik
gegenüber Globalen Unternehmen könnte entwickelt werden,
indem Bedingungen festgelegt werden, unter denen der Faire
Handel mit ihnen zusammen arbeiten könnte. Denkbar wären:
Eingangskriterien (alle, die mitmachen wollen, müssen sie einhalten): Verpflichtung zur Einhaltung der Basisstandards (UN, ILO) plus
öffentliches Bekenntnis zum Fairtrade-Siegel und zur Unterstützung
von KleinproduzentInnen.
•
• Fortschrittskriterien:
deutliches, kontinuierliches Investieren
in den Fairen Handel plus öffentliches Bekenntnis zu den weitergehenden Zielen des Fairen Handels (gerechterer Welthandel…)
plus einen jährlichen öffentlichen Fair Handels-Fortschrittsbericht.
Öffentlichkeit soll dabei betont werden, um neben FLO eine weitere
Kontrollinstanz zu haben.
Es existieren bereits Rahmenabkommen mit einigen wenigen Globalen Unternehmen in Richtung dieser Kriterien (Starbucks, Dole, die
Kompass-Gruppe). Diese Rahmenabkommen sind innerhalb von FLO
bisher ein freiwilliges, noch nicht ausgereiftes System. Die Erfahrung zeigt, dass es für die Firmen ein langer Prozess ist, bis sie sich
für den Fairen Handel entscheiden. Ist die Entscheidung getroffen,
führt dies oftmals zu fruchtbarer Zusammenarbeit. Es gab bisher nie
Versuche eines Unternehmens, den Fair Handels-Preis zu drücken.
Das gesamte System gründet nicht auf möglichst niedrigen Preisen
- das wird in der Regel von allen akzeptiert, die in den Fairen Handel
einsteigen.
Man wird auf Dauer wohl wahrscheinlich nicht um Standards
für weiterverarbeitende Firmen
herum kommen. Luuk Zonneveld
Einige Unternehmen gehen aber eben auch andere Wege. Sie suchen nicht die FLO-Zertifizierung, sondern versuchen anderweitig,
ihr soziales Verhalten zu demonstrieren. So ist z. B. die Rainforest
Alliance ein reines Chiquita-Projekt. Die Standards sind durchaus
sinnvoll und besser als nichts. Die Unabhängigkeit des RainforestSiegels kann aber in Frage gestellt werden, da es ausschließlich an
eine Marke gebunden ist. Bisher hat Rainforest Alliance noch keine
Plantage dezertifiziert, was die Glaubwürdigkeit des Siegels schmälert. Wer Ansprüche an KonsumentInnen stellt (sie sollen mehr machen, Produkte gezielt suchen usw.) muss ihnen auch etwas bieten
– hier ist der Standard der Rainforest Alliance einfach zu schwach.
Wesentlich für die Glaubwürdigkeit des Fairtrade-Siegels ist, dass es
das System der ProduzentInnen ist – und nicht einzelner internationaler Unternehmen.
Auch bei einer möglichen Zusammenarbeit mit Globalen Unternehmen gilt es sicher zu stellen, dass die entwicklungspolitischen
Wirkungen des Fairen Handels den ProduzentInnen im Süden zu
Gute kommen. Für Kleinbauern und –bäuerinnen bedeutet der Faire
Handel in erster Linie (verbesserter) Marktzugang, ein deutlicher
finanzieller Gewinn und die Stärkung ihrer Eigenorganisation. Für
ArbeiterInnen schlägt sich der Faire Handel in besseren Arbeitsbedingungen, oftmals höheren Einkommen und allgemein besseren
Sozialleistungen nieder. Dazu kommt als langfristige Auswirkung
ein deutliches Empowerment (Nachdenken über die eigene Situation, Verbesserung derselben…).
7
Rudi Pfeifer (BanaFair) Das Beispiel Bananen
Wir wirken sich neue Akteure auf dem Markt aus?
Die Macht der (Super-)Märkte
50% der Lebensmittel in Europa werden uns von fünf Lebensmittelketten verkauft. Die daraus resultierende Marktmacht ist auch eine
Beschaffungsmacht - mit Auswirkungen wie Preis- und Lohndumping bei den Zulieferern. Ein Beispiel: Lidl verkauft neuerdings BioProdukte. Die Milch etwa kommt von einer dänischen Molkerei, die
als Preisbrecher bekannt ist. Wie sehen wohl die Auswirkungen für
heimische Bio-Bauern aus? Um gleich zu Beginn ein Missverständnis auszuräumen: Die attac-Kampagne der vergangenen Monate
forderte von Lidl faire Preise für Milch, Wasser und Bananen als beispielhaft herausgegriffene Produkte. Ziel der Kampagne war nicht,
dass Lidl einige wenige fair gehandelte Produkte in das Sortiment
aufnimmt, sondern dass bei der Warenbeschaffung generell angemessene Preise bezahlt werden.
Fairtrade-Produkte sind europaweit erhältlich in 55.000 Supermärkten
und 2.600 Weltläden (so viele Filialen unterhält Lidl allein in Deutschland ...). Bananen sind das mengenmäßig stärkste Produkt, die es in
etlichen Ländern auf signifikante Marktanteile bringen, z.B. in der
Schweiz 47%, in Großbritannien, Belgien, Österreich, Finnland ca.
5-7%. In Italien ist der Marktanteil mit ungesiegelten fairen Bananen ähnlich hoch. Die klassische Vertriebsschiene Weltläden spielt
bei Bananen in den meisten Ländern keine Rolle - Ausnahme ist hier
Deutschland mit ca. 20%. Ansonsten findet der faire Bananenhandel überwiegend im Supermarkt statt.
Bananen-Produktion:
Plantagen oder kleinbäuerlich?
Das Verhältnis von Plantagen und Kleinbauern in der Bananenproduktion muss differenziert betrachtet werden. Bananenproduktion
findet – von wenigen Ausnahmen abgesehen - überwiegend in Plantagen statt. Dabei kontrollieren nur fünf Transnationale Unternehmen 80% der weltweiten Produktion und Vermarktung. Das Hauptproblem für KleinproduzentInnen ist oft der fehlende Marktzugang.
Die größeren arbeits- und menschenrechtlichen sowie ökologischen
Probleme jedoch existieren in der Plantagenproduktion.
Der Faire Handel kann sich bei Bananen deshalb nicht auf Kleinbauern beschränken, sondern muss sich auch um die Beschäftigten von
privaten Plantagen kümmern. Aus meiner Sicht ist allerdings eine
klare Trennlinie zu Transnationalen Konzernen zu ziehen, die letztlich ja genau für die Zustände verantwortlich sind, die der Faire Handel überwinden will. Fairer Handel ist kein geeignetes Instrument
zur Verbesserung von Multis. Es kommt einem Missbrauch gleich,
über Fairtrade das erreichen zu wollen, was eigentlich ohnehin die
Aufgabe der Multis wäre, z.B. angemessene Löhne zu bezahlen. Eine
Benachteiligung im Sinne der ursprünglichen Definition von Fairem
Handel, also etwa durch „ungerechte Handelsbedingungen“, kann
ich bei einem TNC wahrhaftig nicht konstatieren.
Im Bananen-Produzentenregister von FLO sind zurzeit 29 ‚producer’.
Zwei Drittel davon sind gemeinschaftlich organisierte Produzentengruppen, zum Teil recht kleine und schwache, aber auch einige große
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und sehr leistungsfähige. Ein Drittel sind private Plantagenbetriebe,
mit teilweise mehreren hundert ha Größe und mehreren hundert Beschäftigten.
Die Rolle von Transnationalen Unternehmen
im Fairen Handel
Transnationale Unternehmen sind bereits heute im Fairen Handel
aktiv, wenngleich - noch - nicht als ‚producer’ zertifiziert. Einige
Firmen sind als ‚trader’ (Exporteur, Importeur) registriert, u. a. drei
Tochterfirmen von Dole (in Peru, Belgien und Deutschland) sowie
Fyffes (Holland) und Uniban/Turbana (Kolumbien/USA). Die Differenzierung zwischen der Registrierung als Händler und der Zertifizierung als Produzent wird in der Öffentlichkeit allerdings kaum
wahrgenommen. Und die Firmen nutzen dies für die Eigendarstellung.
Beispiel Uniban/Turbana: Die Firma ist der größte Bananenexporteur Kolumbiens. Uniban exportiert Fairtrade-Bananen einiger von
FLO zertifizierten Plantagen in die USA. In der Presse erweckt das
Unternehmen den Eindruck, als sei es selbst Fairtrade-zertifiziert.
OAKLAND, CA - Bananas, the most popular produce item in the
United States, have a new player on the scene: Fair Trade-certified
bananas from Uniban, a Colombia-based grower association.
The bananas are coming in through Turbana Corp., Uniban’s U.S.
marketing arm based in Coral Gables, FL. The first shipments came
in to the United States the week of Jan. 10. Uniban attained Fair
Trade certification through TransFair USA, a non-profit organization
based here. TransFair is the only independent third-party certifier of
Fair Trade products in the United States.
(“Fair Trade Bananas From Colombia Enter U.S. Market”
By Brian Gaylord, The Produce News, 01/26/2005)
Beispiel Fyffes: Der mittlerweile größte Bananenvermarkter in Europa hat mehr als zehn Jahre von der EU-Bananenmarktordnung profitiert und nutzt nun die Freigabe des Marktes auch zur Beschaffung
aus Herkunftsländern, die bisher keine Rolle spielten, aber niedrigere Produktionskosten haben, wie etwa Brasilien. Damit verschärft
sich die soziale Situation in den ‚klassischen’ Bananen produzierenden Ländern. Gleichzeitig ist Fyffes Importeur und Vermarkter von
Fairtrade-Bananen. Auf den entsprechenden Kartons erscheinen
FLO-Siegel und Fyffes-Logo nebeneinander.
Beispiel Dole: die weitestgehende Zusammenarbeit zwischen FLO
und einem TNC besteht mit Dole. Dole steht unter massiver Kritik
lateinamerikanischer Bananengewerkschaften sowie einer weltweiten Koalition von NROs wegen Verletzung der Rechte auf Organisationsfreiheit und tarifvertragliche Regelungen. Gleichzeitig ist der
Konzern ins FLO-System einbezogen und vermarktet über FLO-registrierte Tochterfirmen europaweit Bio-Bananen von FLO-zertifizierten Kleinbauern aus Peru.
„Following the execution of a Memorandum of Understanding
between Dole Europe and the Fairtrade Labelling Organization
(FLO), COPDEBAN has worked with Fairtrade-certified growers in
the Chira Valley and exported Fairtrade bananas to Europe. (…) A
Dole subsidiary in Europe has been registered by FLO as an importer
to trade the Peruvian bananas under the Fairtrade mark. Today, a
Dole subsidiary distributes an agreed upon number of containers
of Fairtrade bananas under licensing agreements with four NIs, all
located in Europe.”
(Aus: Dole Corporate Social Responsibility Report)
Dole hat erklärtermaßen weitergehende Interessen und prüft die
Möglichkeit der FLO-Zertifizierung einzelner Unternehmensteile als
Fairtrade producer.
Beispiel Chiquita: Nach dem Beinahe-Bankrott Anfang der 1990er
Jahre begann der Konzern mit einer Imagekorrektur (sozial verantwortlich, ökologisch, nachhaltig). Mit der Rainforest Alliance wurde
eine umfassende Zusammenarbeit vereinbart. Seit 2000 sind alle
Chiquita-eigenen Plantagen nach deren Kriterien zertifiziert. Zudem hat Chiquita ein Rahmenabkommen mit der Koordination der
lateinamerikanischen Bananengewerkschaften (COLSIBA) und dem
Internationalen Dachverband der Gewerkschaften aus dem Agrarund Lebensmittelsektor (IUF) geschlossen. All diese Maßnahmen
dienen nach Chiquitas eigener Aussage dazu, die Marktposition des
Unternehmens zu stärken.
In einer 2005 geschlossenen Vereinbarung mit COLSIBA sichert
TransFair USA den Gewerkschaften zu, entweder Bananen aus kleinbäuerlicher Produktion einzuführen oder aber aus Plantagen mit gewerkschaftlicher Organisation. Vor dem Hintergrund, dass Chiquita
über den vergleichsweise höchsten gewerkschaftlichen Organisationsgrad verfügt, nutzt TransFair USA diese prinzipiell begrüßenswerte Position als Legitimation für das Ziel, Chiquita als „starken
Partner“ für den großen US-Markt zu gewinnen, einschließlich der
möglichen erstmaligen Zertifizierung einer TNC-eigenen Plantage
durch FLO. In der Folge kam es zu einer Vor-Inspektion einer Chiquita-eigenen Plantage in Honduras („Buenos Amigos“), die jedoch
im Winter 2005/2006 durch den Hurrikan Gamma zerstört und geschlossen wurde.
It is particularly regrettable that the Buenos Amigos farm was
destroyed by the flooding. In fact, we had made a significant
investment of time and money to attain Fair Trade certification on
this farm. We were encouraged by our progress. Indeed, we had
passed pre-certification audits and had hoped to attain Fair Trade
certification on this farm in the near future. We will explore other
alternatives for potential Fair Trade certification at other farms.”
(Manuel Rodriguez, Senior Vice President Government and
International Affairs & Corporate Responsibility Officer Chiquita
Brands International)
Diese Ereignisse und Beispiele verdeutlichen, in welchem Umfeld
der Faire Handel sich mittlerweile bewegt. Die Befürchtungen kleinbäuerlicher ProduzentInnen, auch in anderen Bereichen wie Kaffee
oder Tee, sind groß, dass mit dem zunehmenden Vordringen von
Plantagenbetrieben größerer Unternehmen ihre Absatzchancen im
Fairen Handel sinken.
„Der Faire Handel ist kein
geeignetes Instrument zur
Verbesserung von Multis.“ Rudi Pfeifer
Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: dass das Prinzip der
Gewinnmaximierung weltweit zu Sozialdumping führt, lässt sich
an vielen Beispielen belegen, ebenso wie die Tatsache, dass die
Erfüllung von Sozialstandards diesem Prinzip untergeordnet ist. Die
Glaubwürdigkeit einer ethischen Zertifizierung ist in Frage gestellt,
wenn sie sich nur auf einen kleinen Teil der Firmenaktivitäten bezieht, umgekehrt aber von den Firmen imagefördernd eingesetzt
werden kann. Dies trifft besonders im Falle von Transnationalen
Konzernen zu, die wegen ihrer übrigen Geschäftspraktiken in der
Kritik von Gewerkschaften und NGOs stehen.
“Fair Trade certification is a powerful marketing tool that adds value
to commodities, allowing retailers to choose the higher ground,
both morally and financially.“
(TransFair USA)
Die Platzierung von TransFair-gesiegelten Produkten im Discount
sowie die angestrebte FLO-Zertifizierung von Produktionseinheiten multinationaler Konzerne sind Fragen, an denen sich in der Fair
Handels-Bewegung die Geister scheiden. Darin liegt zumindest die
Chance einer notwendigen Diskussion über Ziele und Strategien und
die Grundprinzipien des Fairen Handels. Drei Punkte will ich nennen,
die aus meiner Sicht in dieser Diskussion wichtig sind:
Klärung und Präzisierung von Begriffen (z.B. ‚die Produzenten’:
ist das wirklich eine homogene Gruppe oder gibt es nicht vielmehr
auch Interessenskonflikte, die zu benennen wären?, Vermarktung
des ‚Kleinbauern’-Images muss hinterfragt werden, u. a.);
Neue Akteure erfordern neue Kriterien: es darf sich nicht jeder mit
dem Fairtrade-Image schmücken; notwendig sind Standards auch
für den Handel!;
Keine Reduzierung von Fairtrade allein auf Umsatzziele und
Marktorientierung: der Faire Handel ist auch eine bildungs- und
entwicklungspolitische Bewegung.
•
•
•
Unabhängig von mancher positiv zu bewertender Entwicklung bei
Chiquita klagen Gewerkschaften über fortdauernde Arbeitsrechtsverletzungen.
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Birgit Schößwender und Antje Edler Diskussion und Schlussfolgerungen
Wie verändert sich der Faire Handel durch neue Akteure?
Aufgrund der aktuellen Entwicklung stand die Kooperation mit Lidl
im Mittelpunkt der Diskussion.
Fair gehandelte Produkte in Discountern:
Was sind die Chancen und Risiken?
Aus der Diskussion um fair gehandelte Produkte in Discountern lassen sich folgende Diskussionsstränge nachzeichnen:
Wollen wir den Handel nutzen oder verändern? Wird der Faire
Handel den Discount verändern – oder der Discount möglicherweise
den Fairen Handel?
Profitieren ProduzentInnen von dieser Entwicklung durch mehr
Absatz oder verlieren sie langfristig durch Preisdruck? Und was sagen sie selbst dazu?
Wird das gute Image fair gehandelter Produkte unter der Beteiligung neuer Akteure, die in anderen Bereichen wenig sozial auftreten, leiden? Oder bietet der Eintritt neuer Akteure für die klassischen Fair Händler die Chance, ihr eigenes Profil zu schärfen?
•
•
•
Teile der Kooperation zwischen TransFair und Lidl wurden von einigen
TeilnehmerInnen der Veranstaltung positiv gesehen. Begrüßt wurde
beispielsweise, dass mit den Lidl-Filialen 2.700 Vertriebsstellen für
den Fairen Handel hinzukommen werden, und der Zugang zu Fairtrade-Produkten damit deutlich erleichtert wird. Diese Ausweitung
fand auch aus bildungspolitischer Sicht Beifall. Zugleich bedeutet
das Interesse eines Discounters am Fairen Handel, dass hier ein
entsprechendes Umsatzpotential gesehen wird – es also eine ausreichend große Bereitschaft in der Bevölkerung geben muss, fair
gehandelte Produkte zu konsumieren. Dies wird als ein Erfolg der
langjährigen Arbeit des Fairen Handels angesehen.
Den Handel verändern oder nutzen?
Es wurde diskutiert, inwieweit der Faire Handel die vorherrschenden
Handelsstrukturen in Deutschland nutzen soll, um den Absatz fair
gehandelter Produkte zu erhöhen, oder ob es nicht vielmehr darum
geht, diese Handelsstrukturen selbst zu verändern. Will der Faire
Handel den konventionellen Handel nutzen oder verändern?
Es bestehen Befürchtungen, dass mit Discountern wie Lidl der ‚Bock
zum Gärtner gemacht’ wird. Gerade die Preispolitik der Discounter
hat lange Zeit verhindert, dass der Faire Handel in Deutschland
einen höheren Marktanteil erreicht. Diese Preispolitik hat immer
wieder zu Sozial- und Preisdumping und damit zu Entwicklungen
geführt, gegen die der Faire Handel sich grundsätzlich wendet. Eine
Teilnehmerin berichtete von gesiegelter Schokolade in einem englischen Discounter, die trotz Verfügbarkeit keinen fair gehandelten
Zucker enthält. Wenn gesiegelter Kakao plus Zucker zum Einsatz
gekommen wären, hätte die Schokolade nicht zum gewünschten
niedrigen Verkaufspreis angeboten werden können. Es sei ein Trugschluss zu meinen, dass der Faire Handel langfristig vom Grundprinzip der Discounter ausgenommen würde, Markenartikel so billig wie
möglich anzubieten.
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Auch wurde die Frage aufgeworfen, ob TransFair der ‚Geiz-ist-geilMentalität’ nicht Vorschub leistet, wenn gesiegelte Produkte im
Discounter angeboten werden. Bei weitem nicht alle KundInnen
der Discounter sind finanzschwach und auf niedrige Verkaufspreise
angewiesen.
Einzelne Fair Handels-Organisationen betonten das noch nicht ausgeschöpfte Potential zur Ausweitung des Fairen Handels, das Weltladen-Neugründungen und auch der klassische LEH bieten. Hier
könnte ein größeres Potential an auch politisch bewussten NeukundInnen erreicht werden.
Befürworter der Kooperation von TransFair mit Lidl betonten, dass
es als Erfolg zu werten ist, wenn mit Lidl eine Distributionsschiene für den Fairen Handel hinzukommt, die den Großteil der Bevölkerung erreicht. Dass sich generell das Image des Fairen Handels
beim klassischen LEH deutlich verbessert hat, ist der zunehmenden
Professionalität zu verdanken – steigende Marktanteile haben auch
das Interesse von Lidl geweckt. Betont wurde, dass Erfolg im Markt
und Einfluss auf den Markt zusammenhängen, aber die gegenwärtige Marktmacht des Fairen Handels noch nicht ausreicht, um eine
Veränderung des gesamten LEH in Deutschland zu erreichen. Dass
Firmen sich um ein faires Image bemühen, oder beispielsweise die
Stiftung Warentest soziale Kriterien in ihren Tests berücksichtigt, ist
auf ein gestiegenes Verbraucherbewusstsein zurückzuführen, zu
dem der Faire Handel beigetragen hat. Insofern hat der Faire Handel
durchaus Rückwirkungen auf den Markt.
Sind die Interessen der ProduzentInnen gewahrt?
Kritisch bemerkt wurde, dass die Sicht der eigentlichen Zielgruppe
des Fairen Handels, der ProduzentInnen, in dieser Diskussion zu kurz
kommt. Es wäre gut zu wissen, wie sie den Vertrieb über Discounter
beurteilen. Es wurde hinterfragt, ob die Kooperation mit Lidl den
Interessen der ProduzentInnen dienlich ist, oder sie diese langfristig
eher gefährdet. Positiv vermerkt wurde, dass bei den ‚Fairglobe’Produkten neue Produzentengruppen zum Zuge kommen werden
und Handelspartner allgemein von den zu erwartenden höheren
Absatzmengen profitieren werden.
Zugleich wurde die Befürchtung laut, dass sich (Markt-) Macht relativ leicht in (Preis-)Druck ummünzen lassen könnte – was langfristig zur Gefahr für den Fairtrade-Mindestpreis werden könnte. Wie
oben dargestellt, ist die FLO-Standardentwicklung ein Multistakeholderprozess, der Einfluss einzelner, nationaler Akteure ist daher
begrenzt. Wenn die Discounter zukünftig aber einen großen Teil der
fair gehandelten Produkte verkaufen, wie groß wird dann insgesamt
ihr Einfluss auf die Standardentwicklung bei FLO?
Gefahr oder Stärkung für Image und
Glaubwürdigkeit des Fairen Handels?
Welche Rolle können Transnationale
Unternehmen im Fairen Handel spielen?
Glaubwürdigkeit ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Fairen Handels. Problematisch erscheint es deshalb TeilnehmerInnen, wenn mit
Lidl nun ein Anbieter mit dem TransFair-Siegel auftritt, der aufgrund
von Verletzungen internationaler Arbeitsstandards stark in der öffentlichen Kritik steht und von allen Discountern das schlechteste
Image hat. Das TransFair-Siegel gerät so möglicherweise in Misskredit. Darunter leiden insbesondere diejenigen Fair Handels-Akteure
und -Marken, die in der öffentlichen Wahrnehmung eng mit dem
Siegel verbunden werden. Produkte der gepa werden beispielsweise
vielfach als ‚TransFair-Produkte’ wahrgenommen.
Die Diskussion dieses Themenbereichs trat gegenüber der Discounter-Kontroverse in den Hintergrund und soll an anderer Stelle fortgesetzt werden. Kritische Punkte sind:
Transnationale Unternehmen kontrollieren die ganze Handelskette vom Produzenten bis zum Vertrieb. Eine funktionierende externe
Kontrolle (z. B. durch FLO) ist schwer vorstellbar.
Aufgrund der Marktmacht von Transnationalen Unternehmen
wird eine negative Einflussnahme auf die Standardsetzung von FLO
befürchtet.
Die Verdrängung von kleineren Produzenten-Organisationen zugunsten von großen und professionelleren Strukturen ist zu befürchten.
Befürchtet wird, dass die vergleichsweise niedrigen Verkaufspreise
für Fairtrade-Produkte bei Lidl die Qualitäts- und Premium-Strategie
von Fair Handels-Importeuren in Schwierigkeiten bringen könnten.
Unbedarften KundInnen könnte sich der Verdacht aufdrängen, nur
Lidl kalkuliere fair und die Spannen bei anderen Anbietern seien zu
hoch. Die weiteren Leistungen von Fair Handels-Importeuren und
Weltläden werden dann nicht mehr gesehen.
Vertreter von TransFair betonten, dass man sich dieser Risiken
durchaus bewusst ist. Produktqualität und Wertigkeit der Vermarktung waren deshalb ein wichtiges Thema bei den Verhandlungen
mit Lidl. Zwar kann aus wettbewerbsrechtlichen Gründen kein Verkaufspreis vertraglich fest gelegt werden. Aber TransFair hat sich
bei Lidl für eine „wertige“ Preisstellung eingesetzt. Auch bemüht
sich TransFair darum, dass der klassische LEH sich auch weiterhin für
den Fairen Handel engagiert und die Kooperation mit Lidl nicht zum
Pyrrhussieg wird, indem der Absatz über Discounter den Absatz im
normalen LEH verdrängt. Die Erfahrungen mit Plus haben gezeigt,
dass der Vertrieb fair gehandelter Produkte über Discounter keine
negativen Auswirkungen für die klassischen Fair Händler nach sich
gezogen hat.
Vielen Fair Handels-Akteuren erscheint es sinnvoll, das eigene Profil
in Zukunft mehr in den Vordergrund ihrer Kommunikation zu stellen
und sich stärker von dem TransFair-Siegel abzugrenzen. Es ist z. B.
Weltläden möglich, den Menschen den Unterschied zwischen Lidl
und einem Weltladen zu erklären. Es gilt die eigenen Stärken in den
Vordergrund zu stellen. Die Fair Handels-Bewegung engagiert sich
auch in der Bewusstseinsbildung und in politischer Arbeit. Kampagnen wie z. B. von Attac, BanaFair und Verdi zu Arbeitsbedingungen
bei Lidl sind wichtig und tragen mit dazu bei, die Handelswelt zu
verändern.
Der alte Ausspruch eines Misereor-Mitarbeiters „Im übrigen brauchen wir eine neue Weltwirtschaftsordnung“ gilt nach wie vor. Dazu
muss die Veränderung (handels-)politischer Rahmenbedingungen
noch stärker in den Blick genommen werden. Daher mahnten mehrere TeilnehmerInnen, die politische Arbeit des Fairen Handels nicht
zu vernachlässigen.
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Die Diskussion über die mögliche Rolle Transnationaler Unternehmen im Fairen Handel steht insgesamt noch am Anfang, nicht nur in
Deutschland sondern international. Es besteht der Wunsch, dass im
Forum Fairer Handel diese Diskussion fort geführt und die internationale Debatte aktiv begleitet wird.
Abschlussrunde
Die Diskussion um den Umgang mit neuen Akteuren rührt an Grundfragen des Fairen Handels. Sie sollte nicht nur auf Lidl reduziert
werden. Wichtige Fragen, die in den letzten Jahren kaum mehr diskutiert wurden, aber in der Zukunft weiter verfolgt werden sollen,
sind:
Welche Orientierungspunkte brauchen wir zukünftig, wenn der
Faire Handel zunehmend im Mainstream ankommt? Was macht den
Fairen Handel aus? Wofür steht er und was soll er bewirken? Wie
könnte eine Balance zwischen entwicklungspolitischer Wirkung und
betriebswirtschaftlichen Überlegungen aussehen?
Muss der Faire Handel eine Linie ziehen, wer am Fairen Handel
partizipieren darf und wer nicht? Wer ist ein Akteur des Fairen Handels? Was ist eine Fair-Handels-Organisation?
Sind faire Handelsbedingungen auf die ProduzentInnen im Süden
beschränkt und enden bei den Import-Organisationen? Oder sollte
die ganze Handelskette bis zum Vertrieb in Fair Handels-Standards
einbezogen werden?
Wie werden bei allen Unterschieden in den verschiedenen Ansätzen innerhalb des Fairen Handels die Gemeinsamkeiten kommuniziert? Wann treten die Akteure des Fairen Handels gemeinsam auf,
wann müssen sie sich selbst positionieren?
Was ist die Rolle der Fair Handels-Bewegung für die Zukunft?
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Die Diskussion dieser Fragen wurde auf der Veranstaltung am
27.04.06 bestenfalls begonnen und muss an anderer Stelle qualifiziert weitergeführt werden. Das Forum Fairer Handel ist grundsätzlich der richtige ‚Ort’ dafür. Der AK Monitoring des Forum Fairer
Handel arbeitet bereits an Teilaspekten. Zurzeit diskutiert er einen
gemeinsamen Sprachgebrauch zum Fairen Handel in Deutschland.
Darüber hinaus hat das Forum Fairer Handel bereits ein Konzept für
einen Fair Trade-Kongress entwickelt, der möglicherweise den Rahmen bilden könnte, um die begonnene Diskussion weiter zu führen.
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www.forum-fairer-handel.de
Redaktion Birgit Schößwender und Antje Edler Bilder www.sxc.hu, Weltladen-Dachverband Grafik www.24zwoelf.de Mainz 2006
Realisiert mit freundlicher Unterstützung von:
Forum Fairer Handel Christofsstr. 13 55116 Mainz Tel.: 061 31 - 9074250
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info@forum-fairer-handel.de www.forum-fairer-handel.de
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