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Die Idee: Wie kam es dazu? Am Anfang war die Mail: „Ich bin - AMD

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EVANGELISCH-LUTHERISCHE DOM-GEMEINDE
PASTORIN MARGRIT WEGNER
Kleingruppen als Feld experimenteller Ekklesiologie
20. September 2014, Kassel
Die Idee: Wie kam es dazu?
Am Anfang war die Mail: „Ich bin letztes Jahr aus der Kirche ausgetreten. Seitdem
habe ich mir viele Gedanken gemacht. Häufig zweifle ich an meiner Entscheidung.
Ich würde mich gerne darüber unterhalten.“ Der Mail folgt ein Gespräch mit dieser
Frau Mitte 30. Sie beschrieb es später so: „Meine Spannung stieg: eine Pastorin bei
mir auf meinem Sofa mit Kaffee und Keksen. Nach etwa zwei Stunden ist sie wieder gegangen und ich fing an zu grübeln: Die war ja ganz offen und modern, der
konnte ich alles sagen und sie sah auch noch total normal aus! Ich hatte nicht mal
ein schlechtes Gewissen, als ich ihr all meine Bedenken gegenüber Kirche mitteilte.
Sie hat gesagt, dass es da noch andere wie mich in ihrer Gemeinde geben würde,
die sich auch mit dem Thema beschäftigten! Outcome des Kaffee-trinkens: Wir
wollen eine Kirchen-Diskussions-Gruppe mit Menschen wie Du und Ich starten!
Und nein, wir wollen uns nicht im Gemeindesaal treffen, sondern in einer Kneipe!“
Einen konkreten Plan hatten wir nicht. Nur die Frage: Wo sind Leute in unserem
Alter? Wo haben die Platz in der Gemeinde? Was würde uns selbst interessieren,
wozu würden wir unsere Freunde einladen? Wir haben einfach angefangen.
Die Leute: Wer kommt?
Die junge Frau hatte das Gefühl: „Kirche war irgendwie uncool. Passte nicht zu
meinem Alter, meinem Lebensstil und meinem Job. Jemandem wie mich finde ich
in der Kirche auf keinen Fall, guck Dir doch mal Gottesdienstgänger an. Um auf
Menschen wie mich zu treffen, muss ich eher in Berlin Mitte in angesagten Cafés
sitzen, mich auf irgendwelchen hippen Parties aufhalten oder Mitglied in Business
Clubs werden!“
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Genau diese Leute aber wollten wir, auch wenn Lübeck nicht so hipp ist wie Berlin.
Wir haben per Mail Bekannte und Freunde eingeladen, Brautpaare aus der Gemeinde, verschiedenste Menschen in der Altersgruppe zwischen 25 und 45, von denen
wir annahmen, dass sie ebenfalls auf der Suche wären.
Inzwischen, nach gut drei Jahren, sind 25 Leute im E-Mail-Verteiler, und der Kreis
hat sich erweitert bzw. verändert. Menschen, die lange aus ausgetreten waren, andere mit Hauskreiserfahrung, Singles und vierfache Mütter, Sozialarbeiter, Arbeitssuchende, Studenten, ein Theaterpädagoge, eine Schulleiterin: Menschen aus ganz
verschiedenen Bereichen, die sich sonst nie begegnet wären. Viele teilen Krisenerfahrungen: Trennung, Burnout, chronische Krankheit. Eine beschreibt es so: „Angefangen an meiner bisherigen Einstellung zu zweifeln habe ich wohl, als mein
nach außen hin so perfektes Leben eines Morgens zusammenbrach und ich anfing,
meinen persönlichen Sinn des Lebens zu suchen. Ich musste, mir blieb nichts anders
übrig. Nicht nur ich war verwirrt, was da geschah, auch mein Umfeld. Heißt es
nicht immer, dass der Mensch in schweren Zeiten anfängt an Gott zu glauben und
ihn um Hilfe zu bittet? Bei mir war das nicht gleich der Fall, es dauerte ein paar
Jahre. Bevor ich Gott „ansprach“ musste ich erstmal aus der Kirche austreten und
bei Null in Sachen Glauben anfangen! Es gab lauter Fragen, die ich nicht googlen
konnte. Wikipedia war keine Hilfe. Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen, die
mich umgaben, nicht weiterhelfen konnten. Obwohl, jetzt habe ich festgestellt,
damals gab es schon einige, mit denen ich darüber hätte sprechen können, doch
habe ich es ihnen nicht angemerkt oder gar nicht erkannt, dass wir ja bei ganz
vielen Themen schon längst in das Glaubensthema gerutscht waren!“
Der Ort: Wann, wo und wie?
Kaum einer aus der Runde hätte von sich aus eine klassische Gesprächsgruppe in
einem Gemeindehaus gesucht. Ihr Bild von Kirche und Gemeinde sah eher so aus:
Da sitzt man im Stuhlkreis, jeder bekommt eine aufgeschlagene Bibel in die Hand,
es gibt roten Tee, und dann wird gebetet. Das passt nicht zu ihrem Lebensstil.
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In einer Kneipe aber trifft man sich mit Freunden. Da kann man unverbindlich
gucken und auch wieder gehen. Darf ein Feierabendbierchen trinken oder etwas
essen, wenn durch Stress bei der Arbeit tagsüber keine Zeit dafür war. Es redet sich
lockerer. Niemand muss etwas vorbereiten und extra die Wohnung aufräumen.
Alle 14 Tage ist ein guter Zeitraum. Da ist zwischen den Treffen Zeit zum Weiterdenken. Da kann ich mal fehlen, ohne allzu viel zu verpassen, und wieder einsteigen. 19.30h ist als Anfangszeit auch für Berufstätige und Eltern machbar. Meistens
wird bis 22.00 Uhr heiß diskutiert. Wer will, bleibt danach noch oder zieht weiter.
Entscheidend war die Erfahrung der ersten Treffen: „Das war jetzt ein kirchliches
Treffen? Aber Gott, die Bibel und das Evangelium waren doch nur ein kleiner Bestandteil des Abends? Sollten etwa in den Bereich Glaube und Kirche noch andere
Themen fallen? Themen, die ich bisher niemals mit der Kirche in Verbindung gebracht hatte und die mich tagtäglich betrafen? Das hatte ich noch nie in Erwägung
gezogen. Glaube bestand für mich bisher immer nur aus Themen, die sich in einer
Kirche abspielten und nicht in meinem alltäglichen Leben! Auf dem Nachhauseweg
kam mir der Gedanke, dass ich doch das Thema Kirche grundlegend überdenken
und mir klar darüber werden sollte, was Glaube, Gott für mich bedeutet!“
Erstaunt stellten eigentlich alle nach anfänglicher Skepsis fest: Die Leute, die in die
Kneipe kommen, sind eine ganz bunte Mischung von Menschen, „alle total sympathisch und auch so, dass man mit ihnen Spaß haben; eigentlich so wie Menschen
aus meinem Freundeskreis! Die hatten so gar keine Ähnlichkeit mit den Kirchgängern, die ich bisher immer im Gottesdienst gesehen hatte. Oder war ich im Gottesdienst einfach immer nur blind und habe sie gar nicht sehen wollen? Fazit: Es gibt
sie also doch in der Gemeinde, die 30 bis Mitte 40-Jährigen. Und einige Vertreter
dieser Zielgruppe saßen hier in der Kneipe und ich war ein Teil dieser Gruppe!“
Die Themen: Was reden wir?
„Bereits bei dem zweiten Treffen schlugen alle Themen vor, die wir gern ansprechen wollten. Die Themen, die von den einzelnen vorgeschlagen wurden, trafen bei
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mir absolut ins Schwarze. Vieles waren Fragen, mit denen ich mich in den letzten
Monaten befasst hatte. Doch in der Vergangenheit hatte ich mich hauptsächlich
allein mit diesen Themen beschäftigt. Hier in der Gruppe bemerkte ich mehr und
mehr, dass viele meiner Fragen bei vielen anderen auch aktuell waren. Die anderen,
mit denen ich hier um den Kneipentisch saß, waren bereit, ihre Gedanken zu teilen
und auszutauschen – und sich auch meine Gedanken anzuhören und sie zu respektieren. Ich spürte: Dann bin ich ja gar nicht allein mit all meinen Gedanken! Und
ich muss sagen, das war ein sehr schönes Gefühl, ein Gefühl, das ich lange nicht
kannte!“
Die Themen sammeln wir alle paar Wochen. Zur Zeit sind das Oberbegriffe wie
Gelassenheit und Freiheit, Dankbarkeit oder Überforderung. Für einige dienen
Bücher als Basis oder Ideengeber, etwa „Brot und Liebe“ oder „Stärke Sätze“.
Jeder bereitet sich so vor, wie es der Zeit entspricht. Manche lesen mehrere Bücher
zu einem Thema, andere erzählen von persönlichen Erfahrungen oder Kinofilmen,
in letzter Zeit auch mehr und mehr von Gottesdiensterfahrungen und Predigten.
Meist sind wir schon nach wenigen Minuten mitten in einem intensiven Gespräch.
Es ist ein Running gag, dass es immer erst dauert, bis der junge Mann zu uns
durchdringt und fragen kann, ob noch jemand etwas trinken will.
Eine Zeit lang gab es eine Zusammenfassung per E-Mail: Einer aus der Gruppe
schreibt gern. Er bündelte die Diskussion ein paar Tage später, sammelte Literaturhinweise oder Fragen. Das ist leider zeitlich nicht immer machbar.
Die Gemeinde: Wie gelingt der Weg von der Kneipe in den Dom?
Ganz klar: Die wichtigste Motivation ist – Neugier. Die Dom-Gemeinde hat in Lübeck einen gewissen Ruf. „Man hält sich zum Dom.“ Da trägt man Mantel. Da sind
die Gottesdienste so richtig liturgisch, da wird alles gesungen – aber jeden Sonntag
sitzen trotzdem 200 Leute da. Das ist faszinierend, fremd und etwas rätselhaft, allerdings nicht gerade niedrigschwellig für Distanzierte und Neugierige. Aber die
klare Liturgie hilft, dem Ablauf zu folgen. Persönliche Erfahrungen machten Lust
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auf mehr: Brautpaare aus der Runde erzählten, wie sehr sie der Traugottesdienst
berührt hatte. Einige waren beim Gemeindefest gewesen. Manchmal dient die
Gruppe bei Erwachsenentaufen der Taufvorbereitung, und dann wollen andere im
Taufgottesdienst natürlich dabei sein. Inzwischen gibt es viele, die sich regelmäßig
sonntags zum Gottesdienst verabreden und hinterher Kaffee trinken.
Schnell war der Wunsch da: Wenn wir jetzt schon irgendwie Teil der Gemeinde
sind, wollen wir auch mehr machen. Mitmachen bei Veranstaltungen und Freizeiten, einen Flohmarkt organisieren zugunsten des Hauses für junge Mütter, das
Leute aus der Gemeinde betreiben. Inzwischen gibt es einen richtigen Austausch
zwischen Gemeinde und Kneipe. Der Name ist ein stehender Begriff geworden.
Zwei Wiedereintritte und zwei Erwachsenentaufen und zwei Paare, die sich
gefunden haben, sind die Bilanz auf dem Papier. Aber das, was da sonst bei den
Mit-gliedern dieser Gruppe und vor allem innerhalb der Gemeinde in Bewegung
gekommen ist, geht weit darüber hinaus.
Die Frage: Was sind wir eigentlich für eine Gruppe?
Auch nach drei Jahren hat unsere Runde keinen richtigen Namen. Wir sind eine
offene Gruppe, mit einigen, die von Anfang an dabei sind, und mit anderen, die
immer mal wieder neu dazustoßen. Eine Gruppe von Menschen, die am Feierabend Theologie treiben und stundenlang über Gott und die Welt diskutieren, weil
sie spüren, dass das etwas in ihrem Leben verändert. Fragt man die Teilnehmenden
selbst, decken sich ihre Eindrücke sicherlich mit denen von Glaubenskursteilnehmern: „Seit einigen Monaten befasse ich mich nun erst mit dem Thema
Glauben, und Glaubens-Profis würden mich auf einer Glaubens-Skala daher wahrscheinlich noch recht weit unten einstufen. Zurzeit habe ich nicht einmal eine Bibel
zu Hause und doch würde ich sagen, dass mich das beides nicht zu einer schlechteren Christin macht. Denn was, wie und wann ich glaube ist ganz allein meine
persönliche Empfindung; es ist nichts, was andere Menschen judgen können und
sollten. Und wenn ich die letzten Monate so Revue passieren lasse kann ich dann
doch ein wenig stolz auf mich sein; bei unseren Treffen, Gesprächen und auch
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meinen eigenen Gedankengängen habe ich so einiges dazu gelernt. Obwohl, eigentlich finde ich das Wort gelernt hier sehr unpassend denn lernen hört sich so nach
Regeln, Vorgaben, Stress und Druck an. Vielleicht sollte ich es eher erfahren nennen.
Es sind keine Theorien oder ähnliches was ich erfahren habe, es ist eher ein
Gefühl. Es ist ein Gefühl von Verbundenheit, Gemeinsamkeit, Respekt, Vertrautheit, von Wünschen, Interesse, Achtung und Hoffnung. Es gibt dort draußen Menschen, die so ticken wie ich, die die gleichen Wünsche, Hoffnungen, Zweifel und
Probleme haben, und die das alles mit mir und anderen Menschen teilen möchten!
Getauft wurde ich da es meine Eltern wollten. Konfirmiert wurde ich „weil das halt
alle machen“. Ausgetreten bin ich weil ich nicht wusste, ob ich Glaube und was das
Wort eigentlich für mich bedeutet. Wieder eintreten möchte ich, weil ich den
Glauben fühle. Dass ich irgendwann 100-prozentig hinter der Institution Kirche
stehen werde, das glaube ich nicht. Ich werde auch in Zukunft meine Wäsche am
Sonntag waschen und aufhängen, und ich bin mir sicher, dass Gott damit weniger
Probleme hat als einige Mitmenschen. Mein Glaube soll mir im Alltag weiterhelfen,
an guten und an schlechten Tagen, und nicht ein Glaube sein, der sich streng an
Regeln hält, die vor vielen Jahrhunderten/Tausenden in Stein gemeißelt wurden.
Ich denke, dass ich auch mit bestehenden Zweifeln an dem kirchlichen System ein
glückliches und zufriedenes Kirchenmitglied werden kann – denn der menschliche
Aspekt und nicht die Institution überwiegt in dieser Beziehung deutlich!“
Aus diesen menschlichen Aspekten sind ganz erstaunliche Glaubensgeschichten
und Beziehungen entstanden, die unsere Gemeinde total beleben. Wir sind jetzt alle
ganz gespannt, wie es weitergeht. Einen Plan haben wir dafür nicht – aber ziemlich
viele Ideen und jede Menge Gottvertrauen.
Weitere Informationen:
wegner@domzuluebeck.de
www.domzuluebeck.de
www.facebook.com/domzuluebeck
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