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JACKE WIE HOSE - henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin

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Manfred Karge
JACKE WIE HOSE
© henschel
SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin GmbH 1995
Als unverkäufliches Manuskript vervielfältigt. Alle Rechte am Text, auch einzelner
Abschnitte, vorbehalten, insbesondere die der Aufführung durch Berufs- und
Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Buchpublikation und Übersetzung, der
Übertragung, Verfilmung oder Aufzeichnung durch Rundfunk, Fernsehen oder
andere audiovisuelle Medien.
Das Vervielfältigen, Ausschreiben der Rollen sowie die Weitergabe der Bücher ist
untersagt. Eine Verletzung dieser Verpflichtungen verstößt gegen das Urheberrecht
und zieht zivil- und strafrechtliche Folgen nach sich.
Die Werknutzungsrechte können vertraglich erworben werden von:
henschel SCHAUSPIEL
Marienburger Straße 28
10405 Berlin
Wird das Stück nicht zur Aufführung oder Sendung angenommen, so ist dieses
Ansichtsexemplar unverzüglich an den Verlag zurückzusenden.
2F2
Max Gericke
1
WENN BEI CAPRI DIE ROTE SONNE IM MEER VERSINKT
Die Ferien auf dem Schiff damals bei Hitler
Das war mal was. Die Butter konntest du
Mit einem Löffel essen. Und noch mehr.
DIE KRAFT DURCH FREUDE für die Arbeiter.
Zum norwegischen Fjord und bis zurück
Für sieben Mark am Tag. Deutschland war groß.
Es reichte von der Maas bis an die Memel.
Jetzt reicht es wenigstens bis Brandenburg.
Ich lebe von der Rente und vom Bier.
Da stehen wieder welche auf der Straße
Und nennens arbeitslos, ich arbeitsscheu.
Wer will, der kann. ARBEIT MACHT FREI.
Verdien mir einen Groschen nebenbei
Als türkische Putzfrau. Sowas kommt von sowas.
2
VOR ANGST UND SCHRECKEN STAND SIE DA UND KONNTE SICH
NICHT REGEN ABER ES WAREN SCHON EISERNE PANTOFFEL ÜBER
DAS KOHLENFEUER GESTELLT UND WURDEN MIT ZANGEN HEREINGETRAGEN UND VOR SIE HINGESTELLT DA MUSSTE SIE IN DIE
ROTGLÜHENDEN SCHUHE TRETEN UND SOLANGE TANZEN BIS SIE
TOT ZUR ERDE FIEL
Meine Mutter war dafür bekannt, daß sie ganz ruhig von morgens bis abends ihre
zehntausend Tüten kleben konnte, was eine außergewöhnliche Leistung war und
wofür sie zwei Mark erhielt, das heißt zwanzig Pfennig für das Tausend.
3
Der Doktor, der aufschreit DAS BEHANDELE ICH NICHT als er die eitrige
Entzündung an meiner Ferse sieht DAS KOMMT VOM BARFUSS LAUFEN
ÜBER TAUFRISCHE WIESEN
Der Schuhmacher, der lacht, als er das dünne Stück Leder sieht, von dem sich
die Mutter eine Sohle für den löchrigen Schuh erhofft.
Der Religionslehrer, der, aus Furcht vor Krätze, den Schülern jeden Morgen die
Hände mit Spiritus einreibt.
Worte wie: BLANKER WAHNSINN oder WAS SOLL DIESE FICKFACKEREI
oder JUSCH DIE GANZE HAND VOLL JUSCH
Sätze wie: ICH KANN JA SCHUFTEN BIS ICH AUF DER NASE LIEGE oder
3
SCHIEF IST ENGLISCH UND ENGLISCH IST MODERN oder DAS KOMMT
IN DEN BESTEN FAMILIEN VOR
Das Wort HELVETIA auf einer Briefmarke. Dieses oft, ganz langsam und
genüßlich aussprechen HELVETIA
Der Bauernsohn, der seine Schwester an Jungen vergibt, die ihm seine Arbeit
abnehmen, während er am Teich sitzt und messerspitzelt.
4
Die Suche nach der Arbeit ist auch Arbeit.
Ein Schnaps. Ein Bier. Die Füße in die Schüssel.
Dein Arsch wird breit und breiter von dem Sitzen
Auf all den Bänken aller Korridore.
Die selben Fragen und die selben Lügen.
SIE WAR ALLEIN IN EIS UND SCHNEE
5
Mein Erster war ein Volontär aus Sachsen
Chronisch besoffen und genial.
Ich war für ihn nur eine Durchgangsstelle
Er ging von Loch zu Loch und über Leichen.
Die große Liebe war mein Zweiter
Wir waren, wie man sagt, ein Herz und eine Seele
Ertrunken ist er mir noch vor der Hochzeit.
Ich hatte wirklich Pech mit meinen Männern.
Mit neunzehn heiratete ich. Mein Vater sagte: da geht es hin, was jung und zart
und rar und teuer ist. Meine Ehe dauerte ein Jahr, sieben Monat und zwölf Tag.
Mein Gatte war Kranfahrer bei der Firma Nagel und Söhne. Er war nicht übel,
und er hatte Arbeit. Das wußte ich, bevor ich seinen Namen wußte. Dann wußte
ich seinen Namen, aber ich wußte nicht, daß das Ischias, auf das er seit Jahren
behandelt wurde, Krebs war. Wir lernten uns in einem Ausflugslokal kennen.
Er trank Bier. Ich trank Weiße mit Schuß. Er nahm mich mit auf sein Zimmer.
Da sein Stuhl auch sein Schrank war, konnte ich mich nur aufs Bett setzen. Er
kniete sich vor mich hin und knöpfte mir die Bluse auf. Hier ist also das Paradies,
dachte ich und sagte: ich liebe dich. Er sagte: das muß nicht eingerieben werden,
und ich sagte wieder: ich liebe dich. Nachdem wir zusammen geschlafen hatten,
sagte er: kein Arsch und keine Tittchen, sieht aus wie Schneewittchen. Ich mußte
lachen. Dann versuchte er das Wort Schneewittchen mit dem Finger auf meinen
feuchten Bauch zu schreiben. Sein Finger war gelb vom Rauchen. Noch heute
überkommt mich, wenn ich das Wort Schneewittchen höre, ein eigenartiges Gefühl.
Es war ein kurzes Glück. Um seinen Arbeitsplatz nicht zu gefährden, ging Max
trotz seiner Krankheit regelmäßig zur Arbeit, aber zum Arzt ging er nur so selten
wie möglich. Das verfluchte Ischias bereitete ihm immer größere Schwierigkeiten.
4
Die Hand schon knochenlos noch einmal
Bedient die Hebel und die Tastaturen
Wickelt das Schmalzbrot aus und hebt die Tasse
Zieht, um die hohlen Wangen zu verbergen
Die Mütze tiefer ins Gesicht, öffnet
Das Hemd, um diesen schweißbedeckten Körper
Ein wenig zu erfrischen, doch der Krebs
Schickt seine Töchter aus, und letzte Knochen
Gelenke, Adern werden ihre Nahrung.
Von Schlaf zu Schlaf
Von einer Kranfahrt bis zur andern
Die Hosenträger letzte Stütze ihr und Halt
Schleppt sich die leergefressne Hülle.
Noch einmal taucht ein Stückchen Himmel auf:
Die Hand vermag das Bier zu heben und
Den Arsch der Frau zu streicheln, dann
Verliert sich Hand und Bein und Kopf und Bauch.
Der Körper geht in sich zurück. Schneewittchen
Und ihr Zwerg.
Der Kollege, mit dem Max auf seiner Arbeitsstelle den meisten Kontakt hatte,
war Erwin, dessen Hose immer eine Bügelfalte hatte, und den sie den Elegant aus
Mecklenburg nannten. Von ihm fürchtete ich am ehesten erkannt zu werden, als
ich beschloß, um, komme was wolle, die Arbeitsstelle zu retten, die Rolle meines
Mannes als Kranfahrer bei der Firma Nagel und Söhne zu übernehmen. Nachdem
ich meine Haare abgeschnitten und die Kleidungsstücke meines Mannes für mich
paßgerecht gemacht hatte, täuschte ich, um die ersten Arbeitstage zu überstehen,
einen Treppensturz vor, um so, mit verbundenem Kopf, sozusagen in einer Maske,
meine neuen Arbeitskollegen langsam an das veränderte Aussehen des Kranfahrers
Max Gericke zu gewöhnen. In meinem Innern mußte dieser gefährliche, aber unumgängliche Plan schon vor dem Tode meines Mannes entstanden sein, denn,
ohne zu wissen warum und wofür, hatte ich mich, was meinen Mann sehr erstaunte,
genauestens nach den Handgriffen in der Kanzel des Krans und allen möglichen
Kleinigkeiten im Betrieb erkundigt. Wider Erwarten konnte ich meinen Plan recht
leicht verwirklichen, vor allem, weil mein Verblichener bei seiner Arbeit in der
Kanzel des Krans nur mit wenigen Kollegen, eigentlich nur mit dem Elegant aus
Mecklenburg, der ab und zu heraufsteigt, um einen klemmenden Kontakt zu lösen,
zusammenkam. Bis auf ein paar kleine Fehler beim Bugsieren der Kisten, was man
auf meinen Zustand nach dem Unfall zurückführte, stellte ich mich, in der Not
frißt der Teufel Fliegen, erstaunlich gut an. Leider erhielt mein Verblichener durch
diese außergewöhnlichen Umstände nur ein kärgliches Begräbnis in einer kleinen
Stadt und unter dem Namen seiner Witwe. Hier ruht in Frieden Ella Gericke,
geboren zu Frankfurt an der Oder, gestorben an Krebs. Jesus, meine Zuversicht.
5
Am dritten Tage auferstanden von den Toten.
Ich mußt es schon am nächsten früh um fünf.
Ich, meine Witwe, mein Verblichener
Steig in die Hosen, Not am Mann.
Warum nicht an der Frau. Ist Not an beiden.
6
Die Kirche konnt ich meiden nicht die Kneipe.
Kannst du nicht Skat. Nein. Ausgefranstes Arschloch
Heut abend kommst du mit, wir zeigen dirs.
Ein Tisch. Ein Blatt französisch. Und ein Bier.
Das war der Anfang und vielleicht das Ende.
Mit Null. Mit Hosen runter. Zehner blank.
Es hat sich schon mal einer totgemischt.
Pik heißt der Hühnerhund. Ein Kreuz hat jeder.
Und nicht die falsche Dame drücken, Max.
Es dreht sich mir im Kopf. Kör oder Karo.
Und Bier und Schnaps und alles durcheinander
Und Schnaps und Bier und noch einmal von vorn.
Des Mannes Magen sagt nicht leicht Gutnacht.
BIER HER BIER HER ODER ICH FALL UM UM UM
Und in der nächsten Runde gehts um Eisbein
Mit Erbsen und mit Zwiebeln und mit Mostrich.
Du ißt kein Eisbein. Ist es dir nicht koscher.
Bist wohl beschnitten. Heißt auch gar nicht Max
Gericke, sondern Simon Buttermilch.
Und es erheben sich zwei deutsche Männer
Sie wanken aber stehn. Friß oder stirb.
In mir kämpft Schnaps mit Bier und Bier mit Schnaps.
Friß oder stirb. Ein Fraß wie jeder andre.
Ich sehs am Nordpol rosarot geflaggt
Dann seh ich gar nichts, und ich sehe alles.
Da steht die Mutter mit dem Märchenbuch
Ein Berg aus Milchbrei. Milchbrei wird zu Eisbein.
Friß oder stirb. Die letzte Möglichkeit.
Ich beiße, schlucke, es will nicht herunter.
Friß oder stirb. Die Hosen runter.
Ich fresse weiter, oder frißt es mich.
Bin ich das Eisbein, oder ist es ich.
Friß oder stirb. Nun sind es nur noch Knochen.
So herrlich leer. So deutlich abgenagt.
So blank. So nackt. So wunderbar entfleischt.
Ich heb die leeren Knochen hoch, und dann
Brüll ich: ich bin ein deutscher Mann.
6
7
Ich hauchte die Eisblumen vom Küchenfenster:
Im Hofe beginnt eine heftige Schlacht.
Die Kampfreihen stehen sich eisern entgegen
Die Waffen bereit in der frierenden Hand.
Sie pissen HammerSichel in den Schnee.
Die Nachbarkinder lassen sich nicht lumpen
Sie quetschen ihre letzten Tropfen raus
Um Hakenkreuze in den Schnee zu zeichnen.
8
Wie eine Krankheit, sah ich meinen Bauch
Kam mir die Sehnsucht hoch nach einem Kind.
Das Kissen in die Hose: du bist schwanger.
Es schmerzt. Es drückt. Es rüttelt. Und es zieht.
MEINE RUH IST HIN MEIN HERZ IST SCHWER
Ach diese Fülle ist so schön, so schrecklich
ICH FIND SIE NIMMER UND NIMMERMEHR
Jetzt würgt es mich. Ich reiße und ich platze.
Es muß heraus. Es will nicht, aber muß.
Ach diese Leere, schön und schrecklich.
Ein Bier. Ein Bier. Das andre kommt von selbst.
Es schreit, es lebt. Es hat zehn Finger und
Zwei Augen und die Nase und den Schwanz.
Komm her an meinen Busen, Junge, trink.
Jetzt wirst du groß und größer. Erste Worte
Auto und Ball. Der erste Schritt.
Wo gehst du hin. Ziehts dich schon in die Kneipe.
Seefahrer willst du werden, Forscher, Boxer.
Du sollst es in dem Leben zu was bringen.
Zu spät für mich. Zu früh für dich.
Komm zwischen meine Schenkel, Kissen, hier
Bist du mir mehr wert als in meinem Bauch.
9
Es kam die Zeit der Kämpfe und Krawalle.
Im Dschungel war man sichrer als in Preussen.
Doch pö a pö gewöhnst du dich an alles
Selbst, wie mein Vater gerne sagte, an das Jute.
Versammlungen wie Sand am Meer
Da riechts nach Schweiß. Die Luft
7
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Seele and Geist
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