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Mein Jahr in Italien/Sardinen – wie Fremde zu Freunden und

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Mein Jahr in Italien/Sardinen – wie Fremde zu Freunden und Familie werden
Pizza, Pasta, Meer, Berlusconi und das WM-Halbfinale 2006, das waren die Begriffe, die mir
als erstes eingefallen sind, wenn ich noch vor knapp 1 ½ Jahren an Italien gedacht habe.
Doch das sollte sich schnell ändern, denn während meines Austauschjahres in Italien habe
ich gelernt, dass noch viel mehr in diesem Land steckt!
Wohin soll es gehen???
Denn zuerst wollte ich überhaupt nicht nach Italien. Dass ich einen Schüleraustausch mit
Rotary machen wollte, war mir schon ziemlich lange klar. Wohin, das war eine ganz andere
Frage. Zuerst nach Australien, dann in die USA und letztendlich nach Südamerika,
Argentinien. Allerdings meinte meine Mama, ich sollte bitte ein europäisches Land
zumindest als Drittwunsch angeben, weil sie mich mit 15 Jahren noch nicht gerne „ um die
halbe Welt“ reisen lassen wollte. Also habe ich nach vielen Diskussionen auch Italien als ein
„Wunschland“ angegeben.
Ich fahre nach Italien…
Zum Glück, kann ich jetzt nur sagen! Doch so habe ich am Anfang nicht darüber gedacht!
Ganz im Gegenteil, die Enttäuschung über die Mail, in der stand, dass ich nach Italien fahre,
war groß, die Freude meiner Mama aber noch größer  Ich dachte mir: Italien, das ist doch
viel zu nah dran! Das ist doch noch in Europa! Dahin möchte ich doch gar nicht!
Nach einigen Tagen voller Enttäuschung habe ich mich zusammengerissen und versucht, das
Beste daraus zu machen. Und ich denke, das habe ich auch!
Und los geht´s!
Nach vielen Tränen am Flughafen ging es dann endlich los, mein erster Flug, und dann gleich
ganz allein! Viel spannender als der Flug war natürlich meine Ankunft auf Sardinien! Denn
mich haben ca. 30 Leute am Flughafen abgeholt und ich wurde von allen der Reihe nach mit
einem Küsschen rechts und einem Küsschen links begrüßt! Das war vielleicht ungewohnt! Als
dann alle gleichzeitig angefangen haben, mir irgendwelche Fragen auf Italienisch zu stellen,
war ich völlig überfordert. Da meine Vorbereitung auf die neue Sprache ehrlich gesagt eher
gering war, habe ich nichts von alldem verstanden, bis mein Counsellor mir auf Englisch ein
paar Sachen übersetzt hat. Nach einem Essen in der Pizzeria (von 22.30-1.00Uhr, typisch
italienisch!!!) war ich natürlich ganz schön geschafft, an zu Hause habe ich kein einziges Mal
gedacht.
Die Sprache
Das Sprachproblem war schon nach wenigen Wochen behoben. Mein Gastpapa hat mit mir
in den ersten Wochen fast jeden Abend ein bisschen gelernt, erst die Wochentage und dann
die Tiere. Da auf Sardinien fast keiner Englisch kann, Deutsch erst recht nicht, kam ich gar
nicht drum herum, die Sprache sofort zu lernen. Das Beste war einfach drauf los zu reden,
egal wie viele Fehler man macht. Sobald ich einigermaßen sicher war, habe ich mich auch
um richtige Grammatik bemüht und mir wurde von allen Seiten geholfen.
Ich gehöre dazu!
Die Sprache war wahrscheinlich das größte Problem, was die Kommunikation angeht, denn
als schüchtern kann man die Italiener nicht bezeichnen! Die Herzlichkeit und Freundlichkeit
der Sarden war vielleicht das, was mich im ganzen Jahr am meisten begeistert hat. Ich wurde
sofort von allen als Tochter, Schwester, Cousine oder Freundin aufgenommen und konnte
mich sofort wohlfühlen. Auch als mich meine Familie in den Osterferien besucht hat, wurden
sie bewirtet und gehörten ganz schnell dazu. Irgendwann habe ich mich so gefühlt, als
gehörte ich schon ewig dazu. Man hat mir niemals das Gefühl gegeben, unwillkommen oder
überflüssig zu sein, im Gegenteil, das Interesse war immer sehr groß!
Was die Italiener für „typisch deutsch“ halten…
Die Leute haben sofort nach mir und auch nach Deutschland gefragt. Genauso wie sie mich
ihrer Kultur näher gebracht haben, konnte ich ihnen viel über Deutschland erzählen. Wir
gelten dort als „kalt, pünktlich, genau und streng“ und immer wenn ich etwas ernster war,
hieß es sofort, ich sei „tedesca“, also typisch deutsch. Viele von diesen Eigenschaften
stammen sicherlich noch aus dem Krieg. Auch Sardinien war sehr von den Deutschen besetzt
und dementsprechend hat sich die Meinung der Sarden entwickelt. Ich habe dann versucht,
ein neues deutsches Bild zu zeigen und davon zu erzählen! Das ist ja das Tolle am Austausch!
Voneinander lernen!
Armut und Geschlechterrollen
Die Stadt, in der ich wohnte, hieß Iglesias und gehörte zu der ärmsten Provinz Italiens. Das
habe ich auch gut zu spüren bekommen! Die Arbeitslosenrate liegt bei fast 40%,
Schwarzarbeit ist daher sehr beliebt, bzw. für viele unumgänglich. Durch die Armut wird der
Unterschied zwischen Mann und Frau dort viel deutlicher! Die Frau muss noch traditionell
den Haushalt schmeißen und sich um die Kinder kümmern, doch dazu muss sie auch noch
arbeiten, notfalls schwarz! Wenn nicht genug Geld für Klassenfahrten da ist, dann kann
höchstens der 8-jährige Junge fahren, das 16-jährige Mädchen aber muss zu Hause bleiben.
Wenn der Tisch gedeckt werden muss, macht das natürlich das Mädchen.
Allerdings konnte ich durch die Armut etwas ganz schönes beobachten, den Umgang unter
den Menschen. Jeder hilft jedem, egal in welcher Angelegenheit. Meine Gastfamilie gehörte
zu den Durchschnittsverdienern. Sie war Krankenschwester, er eine Art Assistent im
Blutlabor. Daher gehörten sie im Verhältnis zum Rest zu den „Reichen“. Für meine
Gastmama war es selbstverständlich, dass sie am Anfang des Schuljahres für viele Kinder von
Bekannten Hefte und Stifte gekauft hat. Wenn mein Papa etwas reparieren musste, fragte er
einen Freund und gab ihm etwas Geld dafür, mehr als er einem Techniker geben würde. Dies
sind nur zwei Beispiele von der Hilfsbereitschaft und dem Zusammenhalt, der die Menschen
verbindet und mich das ganze Jahr begleitet hat.
La cucina italiana
Der Vollständigkeit halber muss ich euch natürlich auch was von dem fantastischen Essen
erzählen! Denn es ist wirklich fantastisch! Nudeln in allen Varianten, logischerweise Pizza,
Antipasti, sardisches Gebäck und viele, viele andere tolle Gerichte! Das war allerdings nicht
immer vorteilhaft. Denn nicht nur einmal am Tag werden Nudeln (viele) und Fleisch
aufgetischt, sondern zwei Mal! Jeden Tag! Ein Geburtstagsessen zum Beispiel sieht so aus:
Antipasti, z.B. Salami, Käse, Oliven etc., der „Primo“, also Hauptgang, meist Nudeln, der
„Secondo“, also der zweite Gang, Fisch oder Fleisch, dann Nachtisch, Obst und der typische
italienische Kaffee, der eher ein Espresso ist aber nicht als solcher bezeichnet werden darf 
Dieses viele Essen hatte zur Folge, dass ich ganz schön viel zugenommen habe, womit ich
auch des Öfteren aufgezogen wurde, sowohl von Italienern als auch per Skype von meiner
Familie  Ich kann nur von Glück sprechen, dass meine Familie genauso sportbegeistert war
wie ich es bin!
Fußball und Rennradfahren - mehr als Diät-Hilfen!
Mein Gastpapa war Trainer der Rennradmannschaften und hat mich sofort für diesen Sport
begeistern können! Am Anfang habe ich den Kindern und meinem Gastbruder, der übrigens
italienischer Vizemeister im Amateurbereich ist, nur zugeschaut und bin mit zu dem Rennen
gefahren, auch zu größeren auf dem „Festland“. Übrigens war es für meinen Gastpapa
normal, dass er die Fahrten für die Kinder, deren Eltern kein Geld haben, aus eigener Tasche
bezahlt und ihnen ein Rennrad stellt. Nach der Winterpause bin ich dann selbst aufs Rad
gestiegen. Es macht superviel Spaß und wir sind richtig in einer Mannschaft gefahren, ca. 3
Mal die Woche 30-65 km. Rennen bin ich leider nicht gefahren, da ich auch noch Fußball
gespielt habe. Wie es der Zufall so wollte habe ich, nachdem ich 2 Monate in einer örtlichen
Jungenmannschaft gespielt hatte, ein Angebot von einer Frauenmannschaft in der 2.
italienischen Liga bekommen. Nach langem Warten, bedingt durch den Kampf mit der
Bürokratie, war ich endlich spielberechtigt. Also ging es mindestens einmal die Woche zum
Training ca. 1 ½ Stunden entfernt. Ich wurde von dem besten Freund meines Gastpapas
gefahren, da er arbeitslos war und so von dem Verein ein bisschen was bekommen hat. Da
es ziemlich stressig war, immer dorthin zu fahren, durfte ich die anderen zwei
Trainingseinheiten neben dem Radtraining mit den Männern und dem Torwarttrainer in
meiner Stadt absolvieren. Jeden zweien Sonntag ging es zu Auswärtsspielen, entweder mit
dem Schiff oder mit Flugzeug, da ich ja auf einer Insel lebte. Auch das war alles andere als
entspannend, aber eine riesige Erfahrung war es allemal! Unter anderem durfte ich gegen
Atalanta Bergamo, Inter Mailand und Juventus Turin spielen, das war echt klasse! Von der
Spielerprämie habe ich mir dann eine Reise finanzieren können.
Meine tolle Klasse
Meine Schule war ein Liceo Linguistico, also ein sprachlich orientiertes Gymnsaium. Um
ehrlich zu sein hatte ich ziemlich viel Bammel vor meinem ersten Schultag. Nach zwei
Wochen Aufenthalt auf Sardinien habe ich schon das Gröbste verstehen können, aber eben
noch nicht alles. Doch meine Angst ist in dem Augenblick verflogen, als ich die Klasse
betreten hatte. Alle kamen sofort auf mich zu und haben mich mit Fragen auf Italienisch,
Deutsch und Englisch gelöchert. Ich war etwas überfordert, aber superglücklich!
Schon nach einer halben Stunde verabredete ich mich für das Wochenende, besser hätte es
nicht kommen können.
Auch nach dem ersten Tag war ich weiterhin rundum zufrieden mit meiner Schule. Ich habe
anfangs ein paar Italienisch-Stunden bekommen, danach habe ich sämtliche Fächer
zusammen mit meinen Klassenkameraden gehabt. Alle standen mir bei Fragen zur Hilfe und
im Gegenzug habe ich ihnen Deutschnachhilfe gegeben. Gar nicht so leicht, Deutsch als
Fremdsprache zu lernen!
Nach wenigen Monaten konnte ich Klassenarbeiten mitschreiben und ich habe auch normale
italienische Zeugnisse bekommen. Ich kann nur empfehlen, sich für die Schule zu engagieren,
nachher zahlt es sich aus! Beim Biolernen haben mir meine Freundinnen geholfen, bei
Aufsätzen war das Wörterbuch mein bester Freund ;)
Die Klassenfahrt nach Paris gehörte zu den Highlights des Jahres!
Leider muss ich sagen, dass mir der Unterricht an sich oft nicht so gut gefallen hat. Während
der Stunden wurde wenig gemacht und erklärt, dafür musste man zu Hause sehr viel tun.
Ich habe festgestellt, wie toll meine Schule ist und wie viel Spaß sie letztendlich macht! Ich
glaube nicht, dass es viele Länder gibt, in denen die Schule besser und interessanter als in
Deutschland ist!
Rotary in Iglesias
Mein Gast-Rotary-Club hat mich mein ganzes Jahr begleitet. Ich bin regelmäßig zu dem
Meetings gegangen und habe oft Sachen mit verschiedenen Club-Mitgliedern unternommen,
z.B. Bootsfahrten, Trecking, Klettern oder Konzertbesuche.
Mein Counsellor war wie mein zweiter Vater. Ich war oft zum Essen bei seiner Familie und er
hat mich immer unterstützt. Mit ihm und den beiden Amerikanerinnen, die auch mit Rotary
in meiner Stadt waren, sind wir nach Barcelona geflogen, damit wir auch noch von der Insel
runter kommen konnten, da die anderen beiden weniger gereist sind.
Ich denke, ich konnte dem Club viel über Deutschland erzählen und meine Rolle als
„Botschafter“ erfüllen, gleichzeitig habe ich auch von ihnen viel gelernt
Sommer, Sonne, Sonnenschein
Sommer auf Sardinen, ein heißer Traum! Aufgrund der hohen Temperaturen beginnen die
Sommerferien schon in Juni begonnen. Praktischerweise war der Strand nur 10km entfernt,
also bin ich fast jeden Tag mit meinen Freunden oder meiner Gastmama an den Strand
gefahren. Sardinien hat die schönsten Strände und das Meer ist klasse! Der Sommer war
einfach entspannend und er gehört zur sardischen Kultur! Man nimmt so viel Essen mit wie
in die Kühlbox passt und alles wir geteilt. Abends haben wir oft am Strand gegrillt oder wir
sind mit Kanus zu kleineren Inseln gefahren. Danach ging es ins Zentrum zum großen
„Piazza“ wo Groß und Klein zusammensaßen und geredet haben.
12 Austauschschüler, 8 Städte, 11 Tage – die Italienrundreise
Diese 11 Tage gehörten zu den aufregendsten Tagen in meinem Jahr. Natürlich war auch das
Erkunden Italiens toll, aber das Beste war das Kennenlernen der anderen Austauschschüler!
Ich habe so viel über die verschiedenen Länder und Ansichten der anderen gelernt! Es hat
noch nicht mal 1 Tag gebraucht, bis wir die dicksten Freunde waren. Egal wie verschieden
wir waren, wir sind alles Rotary-Austauschschüler mit dem Ziel, die Welt zu entdecken und
kennenzulernen! So konnte ich in dem Jahr nicht nur Italien kennenlernen, sondern auch
Eindrücke von anderen Kulturen bekommen! Noch heute schreibe ich mit den meisten und
wir planen fleißig ein Treffen in den USA  Wir sind mit Zügen quer durch Italien gefahren
und habe fast jede Nacht in einem anderen Hotel übernachtet, ein perfektes Abenteuer!
Noch einmal zu meiner Familie…
Zu dem engsten Kreis meiner Familie gehörten circa 50 Leute, zu dem größeren etwa 300 
Das heißt, dass immer was los war! Fast jeden Tag hat mich jemand eingeladen, wenn ich
nicht gerade mit meinen Freundinnen unterwegs war. Weihnachten hatte ich in dem ganzen
Trubel gar keine Zeit, an meine Familie zu denken, langweilig war mir nie! Da es Probleme
mit den anderen Gastfamilien gab, habe ich nicht gewechselt, was mir ganz gelegen kam!
Ohne diese Familie wäre mein Jahr nicht halb so schön geworden und ich hätte mich nicht so
wohl fühlen können! Der nächste Besuch ist schon geplant! Jetzt kann ich gar nicht mehr
„Gastfamilie“ sagen, da sie für mich eine „richtige“ Familie sind, und ich bin ihr unendlich
dankbar!
Nochmal zusammengefasst:
Alles in allem sage ich, dass es die beste Entscheidung meines Lebens war, ein Jahr ins
Ausland zu gehen. Ich kann nur von Glück sprechen, dass ich auf Sardinien in dieser Familie
gelandet bin! Ich habe Italien kennengelernt, ich denke auch ziemlich gut! Die Leute, die oft
als arrogant gelten, sind, im Gegenteil dazu, superlieb und gastfreundlich. Das Spüren des
Zusammenhalts durch die Armut bedingt ist einfach beeindruckend und ich kann nur von
den Leuten schwärmen!
Dieses Jahr hat mich sehr viel weitergebracht und ich habe mich weit entwickelt! Die
Chance, in einem fremden Land in einer neuen Familie wirklich zu leben ist genial und durch
nichts zu ersetzen! Ich habe miterlebt, wie Fremde in kürzester Zeit zu Freunden und Familie
werden können und wie viel man voneinander lernen kann!
Zu guter Letzt möchte ich jeden, der die Chance hat, dazu ermutigen, einen
Schüleraustausch zu machen, nein, zu leben! Es ist einfach nur mega genial!!!
Lena Rebekka Bade, Gastclub: Bad Oeynhausen-Minden; Gastland: Italien/Sardinien
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