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Importe mit der Knospe: was, wie viel, woher - Bio Suisse

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■ HANDEL
Importe mit der Knospe:
was, wie viel, woher
Bioimporte mit der Knospe – braucht es das? Macht Bio Suisse so nicht den eigenen Inlandmarkt kaputt? Und müssen die Betriebe im Ausland gleich strenge Richtlinien einhalten wie Schweizer KnospeBetriebe? Kann man das kontrollieren? Die Importe führen seit 15 Jahren zu angeregten bis hitzigen
Debatten. bioaktuell will das Thema in einer lockeren Serie aufarbeiten. Die erste Folge gilt der Frage,
was zurzeit in welchen Mengen woher eingeführt und mit der Knospe ausgezeichnet wird.
I
mmer wieder gibt die Tatsache Anlass zu Kritik, dass Bio Suisse Importprodukte mit der Knospe auszeichnet:
Ausländische Produkte konkurrenzieren doch Inlandprodukte und damit die
Schweizer Biobäuerinnen und Biobauern!
Gegen Kaffee hat kaum jemand etwas
einzuwenden, aber bei exotischen Früchten, die in unseren Breiten gar nicht gedeihen, fängts schon an. – Muss man
ein Biofundi sein, um zu denken, dass es
wohl sinnvoller und ökologischer wäre,
unsere Kinder ässen einheimisches Obst
statt über den Ozean herbeigeschaffte
Bananen?
Und dann das Gemüse aus Italien: Es
verlängert in unseren Läden die Frischgemüsesaison – auf der Strecke bleibe, wie
Biogemüsebauer Walter Baumann in der
letzten Ausgabe des bioaktuell kritisierte,
der Gedanke der Saisonalität. Dazu komme der lange Transportweg, und auch
diese Importe gingen zu Lasten der
Schweizer Bioproduzenten: «Inländisches
Lagergemüse ist derweil immer weniger
gefragt.» (bioaktuell 8/06, S. 5)
Und der Biowinzer Guido Lenz bringt
es so auf den Punkt: «Ausländische, mit
der Knospe zertifizierte Weine für Fr.
10.– besetzen die regionalen Bioläden.
Wir haben mit Regioweinen kaum noch
eine Chance.» (bioaktuell 8/06, S. 6)
bioaktuell möchte die ganze Importfrage anpacken und etwas näher beleuchten. Aber nicht aufs Mal in einem übergewichtigen Schwerpunkt, sondern in fünf
Folgen, locker verteilt die über nächsten
sieben oder acht Ausgaben. Diese erste
Folge gibt einen Überblick zu den Knos-
Ihre Meinung ist gefragt
Was halten Sie von den KnospeImporten? Schreiben Sie uns!
bioaktuell@fibl.org, Ackerstrasse,
5070 Frick, Fax 062 865 72 73.
bioaktuell 9/06
pe-Importen: Welche Arten von Produkten werden importiert, in welchen
Mengen und woher? Die zweite Folge
Herkunft Frischprodukte
(Obst, Gemüse, Salat, Pilze, Eier, Fisch *)
Herkunft Getreide,
Hülsenfrüchte und Ölsaaten*
andere
andere
Österreich
China
Argentinien
5%
USA
wird sich der Frage widmen, weshalb Bio
Suisse überhaupt Importprodukte zertifiziert. Spätere Folgen werden aufzeigen,
3%
3%
9%
Deutschland
Türkei
Kuba
Irland
Frankreich
21 %
Deutschland
Italien
13 %
Spanien
16 %
15 %
Ungarn
Niederlande
4%
1%
2%
2% 2%
2% 2%
3%
5%
40 %
7%
12 %
Österreich
15 %
Italien
Dom. Rep.
18 %
Ungarn
Kanada
* inkl. Produkte daraus
* inkl. Säfte und Tiefkühlwaren Ecuador
Aus Ecuador und der Dominikanischen Republik stammen die Knospe-Bananen, aus Kuba der Grapefruitsaft,
aus Irland der Lachs und aus der Türkei tiefgekühlte
Frucht- und Beerengrundstoffe z.B. für die Joghurtproduktion
Importe mit der Knospe 2005
Produktekategorie
Importmenge
Früchte und Beeren
5739 Tonnen
Trockenfrüchte
Gemüse, Salate, Pilze
und Gemüseprodukte
Getreide, Getreideprodukte, Hülsenfrüchte,
Ölsaaten
Kaffee, Kakao
Nüsse, Samen
Gewürze,
Gewürzkräuter
Tees, Teekräuter
Öle, Fette
Zucker
Eier
Fische, Crevetten
Bemerkungen
Bananen und Zitrusfrüchte machen 80 %
dieser Importe aus.
1115 Tonnen
hauptsächlich Rosinen, Datteln und Feigen
5229 Tonnen
Tomaten und Tomatenkonserven sind hier
die wichtigsten Produkte.
63 285 Tonnen davon mengenmässig 80 % Getreide.
Selbstversorgungsgrad mit Biogetreide in
der Schweiz: nur rund 25 % (konv. ca. 85 %)
1105 Tonnen
1316 Tonnen
Hauptanteil Haselnüsse, Sesam, Marroni,
Mandeln
214 Tonnen
Inlandproduktion ca. 150 Tonnen
22 Tonnen
1199 Tonnen
3200 Tonnen
254 Tonnen
502 Tonnen
hauptsächlich Palmöl für die Verarbeitung
und Olivenöl
nur Rohrzucker
nur Verarbeitungseier
Inlandproduktion Zuchtforellen ca. 200
Tonnen
Frucht- und
1 047 000 Liter
Gemüsesäfte
Wein
1,4 Mio. Liter
Inlandproduktion 1,2 Mio. Liter; siehe Kasten
Saatgut
20 Tonnen
Setzlinge, Jungpflanzen 16,2 Mio. Stück
Weitere Importprodukte: Stroh, Heu, Pilzsubstrat, Hefeerzeugnisse, Agavensirup,
Ahornsirup, Kräutersalz, Sojasauce, Balsamico-Essig, Ethanol, Grappa, Cognac,
Fischfutter, Schnittblumen, Küchenkräuter in Töpfen, Zieräste und Zweige
Bilder: zVg
Weinimporte: Fachkommission im Dilemma
Mit 1,4 Mio. Litern Bio Suisse zertifiziertem Biowein (2005) erreicht die
Importware 53,8 Prozent des gesamten Marktes an Knospe-Weinen.
Mehr als jede zweite Flasche KnospeWein kommt aus dem Ausland. Die
Fachkommission Biovin hat das Thema
Weinimporte im letzten Jahr wieder
einmal eingehend diskutiert und folgende Schlüsse gezogen:
Bio Suisse steht vor dem Dilemma,
■
entweder die zweifellos bestehende
Nachfrage nach preiswerten und nach
landestypischen Bioweinen auch mit
importierten Knospe-Produkten abzudecken oder auf diese Importe zu verzichten in der Hoffnung, dass damit der
Absatz von Schweizer Knospe-Weinen
verbessert wird.
Coop ist der grösste Abnehmer von
■
Schweizer Knospe-Weinen. Gleichzeitig
ist Coop praktisch der einzige Importeur
von Bioweinen in Knospe-Qualität (im
Weinfachhandel wird der importierte
Biowein nicht mit der Knospe ausgezeichnet). Ein Importstopp hätte zur
Folge, dass der allergrösste Teil der
Coop-Kundschaft entweder konventionellen Wein kaufen oder Biowein
anderswo kaufen würde. Coop hätte zudem die Möglichkeit, beim Wein
auf die Knospe zu verzichten und
den importierten Biowein unter dem
Naturaplan-Label zu verkaufen, um
dieses Marktsegment nicht zu verlieren.
Fazit: Die Fachkommission Biovin
■
stellt fest, dass für das Produkt Wein eine Importkoordination nicht durchführbar ist. Auf dirigistische Massnahmen,
wie sie auf Bundesebene bis zu Beginn
der 90er Jahre mit der Kontingentierung
von Weinimporten praktiziert wurden,
möchte die Fachkommission auch aus
Gründen der Handhabbarkeit nicht eintreten.
unter welchen Voraussetzungen Betriebe
im Ausland anerkannt werden, die Markenkommission Importe vorstellen und
ihre Arbeitsweise durchleuchten, den
Fragen der Beschränkungen für Importe
und der Koordination in diesem Bereich
nachgehen.
Die wichtigsten
Voraussetzungen
Natürlich erhält nicht jedes ausländische
Bioprodukt die Knospe. Hier die zentralen Anforderungen:
§ Richtlinien: Produktionsbetriebe im
■
Ausland müssen die gleichen oder
200 Jahre Familientradition, Arbeit für bis
zu 100 Menschen: Giancarlo Cecis Betrieb
«Agrinatura».
gleichwertige Anforderungen erfüllen wie Knospe-Betriebe in der
Schweiz.
§ Warenflussprüfung: Alle Betriebe
■
vom Anbau bis zum Export müssen über eine Anerkennung von Bio
Suisse verfügen.
§ Importkoordination: Die Produkt■
manager von Bio Suisse kennen den
Schweizer Markt; sie sind es, die prüfen, ob Importe allenfalls die InlandKnospe-Produktion konkurrenzieren. Die Knospe wird nur vergeben,
wenn die Abteilung Produktmanagement grünes Licht gibt. Es kann sein,
dass sich für eine Produktgruppe
(wie Wein, vgl. Kasten) die Importkoordination als nicht realistisch erweist, für andere Produktgruppen
gilt eine Branchenvereinbarung gegen Importbeschränkungen (Getreide), für die so genannten Kolonialwaren ist keine Koordination nötig.
Insgesamt haben die Importe im Jahr
2005 (vgl. Tabelle Seite 6) gegenüber 2004
leicht abgenommen. Gründe dafür sind
zum Beispiel gut gefüllte Lager aus dem
Vorjahr (Getreide, Kaffee), Tropenstürme (Orangen- und Grapefruitsaft aus
Kuba) oder bessere Schweizer Ernten
(Gemüse).
Neben den absoluten Mengen interessiert beim Thema Import immer auch
die Herkunft der Produkte. Exemplarisch
sind in den Grafiken die Herkünfte für
zwei besonders sensible Produktkategorien dargestellt.
Hans Ramseier, Bio Suisse; Markus Bär
Porträt Exportbetrieb: Azienda
«Agrinatura», Andria, Süditalien
Giancarlo Ceci gründete die Azienda «Agrinatura»
1988. Sie liegt in der Nähe von Andria bei Bari in
Süditalien, nicht weit vom eindrücklichen Castel
del Monte. Zwar gab es den Betrieb schon vorher,
er ist seit acht Generationen oder rund 200 Jahren
im Besitz der Familie Ceci, aber von 1980 bis zur
Wiederbelebung durch Giancarlo Ceci war das Land
ohne Pflege sich selbst überlassen geblieben. Einzig
die Oliven hatte man geerntet.
Giancarlo Ceci wollte die landwirtschaftliche Familientradition weiterführen und biologische Produkte
herstellen und vermarkten. Die Anbauflächen sind
von jahrhundertealten Eichenwäldern umgeben,
«Ich bin auf dem Land im Kontakt mit der Natur
aufgewachsen und habe so die Schönheit der Natur
und eine natürliche Verbundenheit mit ihr in meine
Gene aufgenommen.»: Giancarlo Ceci, Betriebsleiter
Azienda «Agrinatura».
welche ein ausgeglichenes Ökosystem begünstigen.
Da in der Umgebung keine intensive Landwirtschaft
betrieben wird, ist der Betrieb für den Biolandbau
prädestiniert.
Ceci also brachte den Betrieb wieder in Schwung und
erreichte bald die Biozertifizierung. Heute wachsen
auf 240 Hektaren Oliven, Wein, Früchte und Gemüse.
Je nach Saison beschäftigt Cecis «Agrinatura» 40 bis
100 Personen. Die Produkte werden hauptsächlich
auf dem nordeuropäischen Markt abgesetzt.
Seit 1996 ist der Betrieb durch Bio Suisse anerkannt. Was bedeutet für Ceci die Anerkennung durch
Bio Suisse? «Bio Suisse war für mich schon immer
ein wichtiger Eckpfeiler und ihre Richtlinien eine
Ergänzung zu den EU-Richtlinien. Die Bio Suisse
Anerkennung spielt eine wichtige Rolle für den europäischen Markt.»
bioaktuell 9/06
N HANDEL
Wozu Importe mit der Knospe?
In der ersten Folge einer Serie über Importe mit der Knospe ging bioaktuell der Frage nach, welche
Produkte in welchen Mengen woher importiert und mit der Knospe ausgezeichnet werden (Heft 9/06,
November). Diesmal fragen wir nach dem Wozu: Wem nützt es, wenn importierte Bioprodukte mit
dem Schweizer Biolabel Knospe «nachgebessert» werden?
F
ür die Konsumentinnen und Konsumenten ist die Knospe eine Orientierungshilfe: Wo die Knospe drauf ist,
ist Bio drin. Und ausländische KnospeProdukte müssen die gleichen (genauer:
gleichwertige) Anforderungen erfüllen
wie die inländischen, die Knospe steht also auch als Garantin für gleiches Qualitätsniveau.
Nun darf man sich das nicht so vorstellen, dass einfach die Bio Suisse Richtlinien weltweit für alle verbindlich erklärt werden könnten, die Bioprodukte
in die Schweiz exportieren und sie unter der Knospe verkaufen wollen. Die
Richtlinien von Bio Suisse wurden in der
Schweiz für die Schweiz entwickelt und
sind allenfalls auf unsere Nachbarländer
eins zu eins übertragbar. Schon in Ungarn oder in der Türkei können die klimatischen und sozialen Rahmenbedingungen so unterschiedlich sein, dass ein
«Richtlinienexport» Unsinn wäre.
Es braucht also eine Übertragung
der Richtlinienanforderungen auf die lokalen Gegebenheiten mit dem Ziel, den
gleichen Qualitätsstandard sowohl der
Produkte als auch der Produktionsweise
IMPRESSUM
bioaktuell
15. Jahrgang
Erscheint 10-mal jährlich (jeweils Anfang Monat, ausser
August und Januar)
Auflage 7832 Exemplare (WEMF-beglaubigt, 2003)
Geht an Produktions- und Lizenzbetriebe der Bio Suisse;
Abonnement Fr. 49.–, Ausland Fr. 56.–
Abonnementsdauer Kalenderjahr, Kündigung auf Ende
Dezember
Herausgeber FiBL, Forschungsinstitut für biologischen
Landbau, Ackerstrasse, Postfach, CH-5070 Frick, Telefon +41
(0)62 865 72 72, Telefax +41 (0)62 865 72 73, www.fibl.org
Bio Suisse (Vereinigung Schweizer BiolandbauOrganisationen), Margarethenstrasse 87, CH-4053 Basel,
Telefon +41 (0)61 385 96 10, Telefax +41 (0)61 385 96 11,
www.bio-suisse.ch
Redaktion Alfred Schädeli, Markus Bär, Thomas Alföldi
(FiBL); Jacqueline Forster, Christian Voegeli (Bio Suisse);
bioaktuell@fibl.org
Gestaltung Daniel Gorba
Druck Brogle Druck AG, Postfach, 5073 Gipf-Oberfrick,
Telefon +41 (0)62 865 10 30, Telefax +41 (0)62 865 10 39
Inserate Nicole Rölli, FiBL, Postfach, 5070 Frick.
Telefon +41 (0)62 865 72 04, Telefax +41 (0)62 865 72 73,
E-Mail nicole.roelli@fibl.org
12
bioaktuell 1/07
(Nachhaltigkeit, Tierwohl) zu garantieren. Dabei wendet die Markenkommission Importe den Grundsatz an: Je näher
ein Land geografisch liegt, je ähnlicher
die Voraussetzungen sind und je direkter
eine Konkurrenzsituation zu einem inländischen Knospe-Produkt sein könnte,
desto ähnlicher sind die im Ausland geltenden Richtlinien. Getreide aus Kanada, den USA oder Ungarn muss dieselben Vorschriften erfüllen wie Schweizer
Getreide, wenn es mit der Knospe ausgezeichnet werden soll.
Was für Importe spricht
N Sortimentserweiterung
Kaffee, Kakao Bananen oder Zitrusfrüchte wachsen nicht in der Schweiz.
Ein breites und attraktives Sortiment
erhöht die Attraktivität und die Präsenz der Knospe am Verkaufspunkt
und macht das Label noch bekannter.
Diese Importe beziehungsweise ihre
Auszeichnung mit der Knospe werden kaum je in Frage gestellt.
N Angebotschwankungen ausgleichen,
Saison erweitern
Importe dienen auch dazu, die gleichmässige Versorgung des Marktes zu
verbessern oder die Schweizer Anbausaison zu verlängern. Fehlt ein
Produkt oder eine Produktegruppe
zu oft, greifen Konsumentinnen und
Konsumenten unter Umständen auf
das konventionelle Angebot zurück.
Es besteht die Gefahr, dass sie das gewünschte Produkt auch dann nicht
mehr in Bioqualität kaufen, wenn es
im Regal vorhanden ist. Diese Ausgleichsfunktion der Importe ist gleichermassen vorteilhaft für die Konsumenten, die Abnehmerinnen und
die Bauern.
N Absatzförderung für Schweizer Bioprodukte
Manche Importprodukte werden zusammen mit inländischen KnospeProdukten verarbeitet und können
deren Absatz fördern: Kakao in Schokolade oder Früchte in Joghurt funktionieren als Verkaufsförderer von
Knospe-Milch.
N Stärkung der Knospe auf dem Markt
Durch die breite Produktpalette erhält die Knospe mehr Gewicht
auf dem Schweizer Markt. Bio Suisse kann dank internationaler Ausrichtung auch im Inland als starker
Marktpartner auftreten. Klar ist überdies, dass es immer Importe von Bioprodukten geben wird. Auf Importe,
die unter der Knospe laufen, hat Bio
Suisse Einfluss, sowohl auf der Richtlinienebene als auch marktmässig.
Würde sich Bio Suisse aus dem Importsektor verabschieden, verlöre sie
auch jede Handhabe, diesen Markt
zu beeinflussen.
N Lizenzeinnahmen
Und nicht zuletzt ist das «Importgeschäft» ein rentabler Betriebszweig
für Bio Suisse: Ein beträchtlicher Anteil der Lizenzeinnahmen wird aus
importierten Knospe-Produkten erwirtschaftet.
Hans Ramseier, Bio Suisse, Markus Bär
Knospe ohne Bio Suisse
Importierte
Knospe-Produkte
tragen zwar das Label, die Knospe, aber
ohne den Schriftzug «Bio Suisse».
Den Schriftzug gibt es nur bei einem
Inlandanteil von mindestens 90
Prozent.
Dies wurde immer wieder als irreführend kritisiert, weil die meisten
Konsumentinnen und Konsumenten
den Unterschied gar nicht kennen
oder keine Zeit haben, bei der Wahl
jedes Produktes darauf zu achten.
Vorgeschlagen wurden wahlweise eine spezielle «Importknospe» oder
ein Mindestanteil von 50 Prozent
Inlandware für die Zertifizierung mit
der Knospe.
Dennoch: Die geltende Importregelung
ist die aus dem Jahre 1992, und sie hat
sich an drei Generalversammlungen
sowie verschiedenen Tagungen und
Strategieseminaren durchgesetzt. Die
Knospe will ein Qualitäts- und nicht
ein Herkunftslabel sein. Und sie will
importierte Produkte nicht durch den
Zusatz «Import» diskriminieren. hr/mb
Erdbeeren im März? Fragen an Regina Fuhrer
Tomaten und Broccoli aus Italien im Winter gehen doch auf Kosten unserer einheimischen Lagergemüse?
Leider ist das Wissen um saisonale einheimische Gemüse bei vielen Konsumenten nicht mehr da. Und der Anspruch auf eine breite Auswahl ist gross.
Auch viele Direktvermarkterinnen erweitern im Winter ihr eigenes Angebot
auf dem Wochenmarkt mit Tomaten und
Broccoli aus Italien. Das kommt auch unseren Rüebli, dem Kabis und dem Federkohl zugute.
Diese Frage wurde schon mehrmals an
Delegiertenversammlungen eingehend
diskutiert. Die Import-Knospe würde
auch Schweizer Produkte diskriminieren. So müsste zum Beispiel ein MokkaJoghurt aus Schweizer Knospe-Milch mit
der Import-Knospe gekennzeichnet werden, weil der Mokka und der Zucker des
Joghurts importiert sind. Dies wäre zum
Nachteil der Schweizer Knospe-Bäuerinnen und -bauern.
Bild: zVg
bioaktuell: Hast Du Dich auch schon genervt über Knospe-Erdbeeren im März?
Regina Fuhrer: Ich kaufe keine Erdbeeren im März. Gibt es keine Nachfrage,
verschwinden auch die zu frühen Knospe-Erdbeeren wieder aus dem Verkaufsregal …
Wann wurde die Importstrategie letztmals
in der Bio Suisse breit diskutiert?
Sie wurde dreimal an Delegiertenversammlungen beschlossen respektive bestätigt. Der letzte DV-Entscheid zur Importfrage fiel 2003. Die Importstrategie
wurde im Vorstand im November 2001
überprüft und daraufhin im März 2002
in einer breit abgestützten Versammlung
diskutiert.
Interview: Markus Bär
Regina Fuhrer, Präsidentin Bio Suisse.
Warum werden die importierten KnospeProdukte nicht wenigstens mit einer speziellen Import-Knospe gekennzeichnet? Ist
das nicht ein Gebot der Transparenz?
D
ank Betrieben wie der Moose Creek
Organic Farm in Kanada gibt es in
der Schweiz Knospe-Brot und KnospeTeigwaren, kann doch die Schweiz die Inlandnachfrage nach Biogetreide nur zu
25 Prozent selber decken.
Ian Cushon und seine Frau Jo-Anne
bewirtschaften den 1131-Hektaren-Betrieb in der mittelkanadischen Provinz
«Alle Ressourcen, die menschlichen und
die der Natur, müssen mit Respekt und
Sorgfalt behandelt werden. Künftige
Generationen hängen von unserem
heutigen Handeln ab.»: Ian Cushon,
Betriebsleiter Moose Creek Organic Farm.
Saskatchewan fast im Alleingang; nur eine bis zwei saisonale Hilfskräfte kommen
im Sommerhalbjahr dazu. «Wir könnten
schon ein paar Leute mehr brauchen, die
sind aber gar nicht leicht zu finden, auch
wegen der boomenden Ölindustrie im
Westkanada, welche die Arbeitskräfte anzieht.»
So geht’s natürlich nur bei sehr extensiver Bewirtschaftung mit einem hohen Grad an Mechanisierung. Cushons
bauen verschiedene Getreidearten, Ölsaaten und Hülsenfrüchte an. Eine gezielte Fruchtfolge mit Gründüngungen
zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit ist
das Fundament des Betriebs.
Nichts wird auf den rund 260 Hektaren ungestörter Naturfläche produziert,
wo es eine grosse Vielfalt an Pflanzen und
Tieren gibt. Die Landschaft ist durchsetzt von vielen kleinen Seen, gebildet
durch Gletscher der letzten Eiszeit. Auf
dem Farmland trifft man auf Elche, Wapitis, Weisswedelhirsche, Kojoten, Füchse, Waschbären sowie unzählige Wasserund Singvögel, darunter auch Kolibis.
Ian Cushon stellte die Farm 1985 auf
Bilder: zvg
Porträt Exportbetrieb: Moose Creek Organic Farm,
Oxbow, Saskatchewan, Kanada
Ian und Jo-Anne Cushon mit Anna und Liam.
biologische Produktion um. 1999 kam
seine Frau, die Biologin Jo-Anne, dazu,
und im selben Jahr anerkannte Bio Suisse den Betrieb. Was bedeutet diese Anerkennung für Ian und Jo-Anne Cushon?
«Die Schweiz ist für uns ein wichtiger
Marktpartner. Die Schweiz hat eine führende Rolle im Biolandbau und -konsum
und wir sind stolz, die sehr hohen Anforderungen der Bio Suisse Richtlinien zu
erfüllen.»
mb
bioaktuell 1/07
13
■ H AN D E L
Importe mit der Knospe:
Wer kontrolliert das? Und wie?
Dritte Folge unserer Serie über die Auszeichnung von importierten Bioprodukten mit der Knospe: Wie
viele Betriebe wollen die Anerkennung, wie viele kriegen sie? bioaktuell zeigt, wer aufgrund welcher
Kontrollen und welcher Kriterien die Anerkennung vergibt.
Z
urzeit überprüft die Importabteilung
von Bio Suisse jährlich rund 1500 Betriebe im Ausland: Erfüllen sie die Bio
Suisse Richtlinien? Kommen sie als Lieferanten für importierte Knospe-Produkte
in Frage? Die Vorgaben für diese Arbeit
erhält die Importabteilung von der Markenkommission Import (MKI).
Zum grössten Teil (71 %) handelt
es sich um landwirtschaftliche Produktionsbetriebe, gut ein Viertel (26 %) sind
Verarbeitungs- und Handelsbetriebe, der
kleine Rest (3 %) entfällt auf Wildsammelprojekte.
Die sogenannte Bio Suisse Anerkennung eines ausländischen Betriebes berechtigt noch nicht zur Verwendung der
Knospe. Die effektive Knospe-Vergabe
erfolgt erst in einem zweiten Schritt. Nur
wenn ein beabsichtigter Import unter keine
der diversen Bio Suisse Importeinschränkungen fällt, erhält der Importeur die nötige chargen- und produktspezifische Knospe-Bestätigung. Importeinschränkungen
sind zum Beispiel das Flugtransportverbot
oder genügende Inlandversorgung.
Kontrolle gilt der ganzen Kette
Damit ein Anerkennungsgesuch geprüft
werden kann, werden diverse Unterlagen
verlangt. Für Landwirtschaftsbetriebe
sind das eine spezielle Bio Suisse Checkliste, der Kontrollbericht, das Zertifikat, die Auflagen der Kontrollstelle und
ein Fruchtfolgeplan. Bei neuen Anträgen
werden zusätzlich ein Betriebsplan und
der Kontrollbericht des Vorjahres verlangt. In der achtseitigen Checkliste werden alle Punkte abgefragt, in denen die
Knospe-Richtlinien strenger sind als der
jeweilige gesetzliche Standard (z.B. EUBio oder NOP). Die Checkliste muss von
der Betriebsleitung und von der Kontrollperson unterschrieben sowie von der
Kontrollstelle bestätigt werden.
Jeder Betrieb im Ausland, der Produkte
zur Vermarktung mit der Knospe in die
Schweiz liefern will, wird zuerst von Bio
Suisse überprüft, ob er die Richtlinien erfüllt. Nicht nur die Ebene Anbau (Produzentenbetriebe) wird geprüft, sondern
auch die ganzen nachgelagerten Bereiche.
Damit ist die gesamte Kette von Produktion, Verarbeitungsschritten und Transporten einbezogen.
Die Prüfung eines Betriebes im Ausland findet immer im Auftrag eines Importeurs in der Schweiz statt. Der Importeur muss einen Knospe-Lizenzvertrag
mit Bio Suisse haben und eine Prüfungsgebühr bezahlen.
Formularflut und Kontrollitis
auch für Auslandbetriebe
Gründe für die Ablehnung von Anerkennungsgesuchen
Zu hoher Kupfereinsatz
Mangel an Biodiversitätsflächen
Warenflussmängel
Fruchtfolgemängel
Einsatz unerlaubter Hilfsstoffe (oder Verdacht, Rückstände)
Überdüngung
Verarbeiter: Rohstoffe nicht anerkannt
Teilumstellung/Betriebsdefinition nicht erfüllt/Tierhaltung nicht konform
Auflagen Vorjahr nicht eingehalten
Mangelhafte Dokumentation (Unterlagen nicht eingetroffen,
Rückfragen nicht beantwortet etc.)
0
5%
10%
15%
20%
25%
118 von 1645 Anerkennungsgesuchen (7 %) aus dem Ausland wurden 2006 abgelehnt.
18
bioaktuell 2/07
Analoge Checklisten existieren für
Wildsammelprojekte, Verarbeitungs- und
Handelsbetriebe, Gruppenzertifizierungen oder Spezialbetriebe (etwa Weinbau
oder Fischzucht).
Für die Gesuchsprüfung von Auslandbetrieben hat die Markenkommission Import verschiedene Zusatzinstrumente entwickelt, die neben dem allgemeinen Regelwerk von Bio Suisse Gültigkeit haben. Auf Richtlinienstufe sind
dies die «Ausführungsbestimmungen
und Entscheidgrundlagen der MKI».
Darin sind spezielle Anforderungen für
Betriebe im Ausland zusammengefasst,
etwa Regelungen zum Umgang mit Wasser in Trockengebieten, zur Erhaltung
von Urwäldern oder zur Kontrolle von
Kleinbauernkooperativen mit internen
Kontrollsystemen.
Weiter führt die MKI eine sogenannte «Anerkennungs- und Auflagenpraxis», das eigentliche Sanktionsreglement
für Auslandbetriebe. Da für das Ausland keine Zwischenstufen wie Bussen
oder Punktabzüge möglich sind, werden
Betriebe relativ schnell aberkannt oder
nicht anerkannt. Durch gezieltere Information darüber, welche Betriebe für eine Anerkennung in Frage kommen, gelang es in den letzten Jahren, den Anteil
negativer Prüfentscheide von 16 Prozent
(2001) auf 7 Prozent (2006) zu senken.
Die MKI setzt die Bio Suisse Richtlinien im Sinne der Gleichwertigkeit um,
nicht im Sinne der Gleichheit. Die Bio
Suisse Richtlinien sind von Schweizer
Biobauern für die Schweiz entwickelt
worden. Sie lassen sich weder bezüglich
Klima noch im Hinblick auf Familienstrukturen oder agrarpolitische Rahmenbedingungen tel quel auf die Dominikanische Republik oder Indien übertragen
(vgl. dazu bioaktuell 1/07, Seite 12).
Die ausländischen Biobetriebe arbeiten nach EU-Bionormen, nach den
jeweils in ihren Ländern gültigen gesetzlichen Biorichtlinien oder nach den
Richtlinien ihres Bioanbauverbandes. Sie
unterstehen der jährlichen Biokontrol-
le durch eine lokale oder internationale
Kontrollorganisation. Alle Kontrollstellen müssen nach international gängigen
Normen (z.B. ISO65) als Kontroll- und
Zertifizierungsstellen zugelassen sein.
Vereinfachte Anerkennung
ist die Ausnahme
90 Prozent aller Auslandbetriebe werden
jährlich von Bio Suisse auf die Konformität mit den Knospe-Richtlinien geprüft.
Mit zwei Zertifizierungsstellen besteht ein
Vertrag, damit diese die Prüfung selbstständig durchführen können: bio.inspecta und FVO/ICS (USA) können für ihre
Kontrollbetriebe im Ausland auch die Bio
Suisse Anerkennung ausstellen.
Zweiter Sonderfall ist die sogenannte
Direktanerkennung von Anbauverbänden im Ausland. Die MKI überprüft Verbandsrichtlinien auf die Gleichwertigkeit
mit den Bio Suisse Richtlinien. Ist diese
gegeben, gelten alle Verbandsmitglieder
für ihre pflanzlichen Produkte als Bio
Suisse anerkannt. Mit folgenden Verbänden im Ausland besteht eine solche Vereinbarung: Biokreis, Bioland, Demeter,
Gäa und Naturland in Deutschland sowie
Bio Austria in Österreich.
Die Direktanerkennungen sind auch
ein Bekenntnis zur Verbandsmitgliedschaft im Allgemeinen und zu Importen möglichst aus dem nahen Ausland.
Leider konnten sich in Frankreich und
Italien keine Verbände mit eigenen Richtlinien durchsetzen, weshalb in diesen Län-
dern keine Direktanerkennungen existieren.
Wozu der ganze Aufwand?
Die Schweizer Knospe-Betriebe haben den
Anspruch, dass importierte Bioprodukte,
die mit der Knospe auf den Markt kommen, nach gleichwertigen Richtlinien produziert worden sind. Wenn schon Konkurrenz, dann mit gleich langen Spiessen.
Dies unterscheidet Knospe-Importprodukte auch von den übrigen ImportBioprodukten. Wenn auf die Vergabe der
Knospe für Importe und die damit verbundene Gleichwertigkeitsprüfung verzichtet würde, wäre die Konkurrenz immer noch da, für die gleich langen Spiesse
aber würde niemand mehr sorgen …
Hans Ramseier, Bio Suisse; Markus Bär
Porträt Exportbetrieb: Produtos Naturais PLANETA VERDE Ltda.,
Lucélia, São Paulo, Brasilien
ünf Farmen firmieren unter dem
schönen Namen «PLANETA VERDE». Das Projekt im brasilianischen Bundesstaat São Paulo bewirtschaftet insgesamt 425 Hektaren, davon entfallen 311
Hektaren auf den Hauptbetrieb «Fazenda Jacutinga». 20 Prozent der Fazenda Jacutinga sind Wald- und Sumpfreservate,
wo sich nebst einer Vielzahl tropischer
Vogelarten auch das Capivara (Wasserschwein, grösstes Nagetier der Welt) und
das Anta (Tapir) wohl fühlen.
Emile Lutz und Regula Baumgartner, er Schweizer Auswanderer, sie Tochter von Schweizer Auswanderern, übernahmen die abgewirtschaftete Jacutinga
Farm 1978. Die Hauptkultur war damals,
typisch für die ganze Region, Kaffee. Verschiedene Krankheiten und Schädlinge
erschwerten den Kaffeeanbau enorm; die
Kultur verschwand grösstenteils aus der
Region. Das nationale Förderprogramm
«Pro Alcool» kam als Retter in der Not,
Zuckerrohr ersetzte den Kaffee.
Weitere Farmerzeugnisse sind TrinkKokosnüsse, Schwarze Bohnen (traditionelles brasilianisches Grundnahrungsmittel), dazu gibt es Vieh- und Schafzucht.
1987 gründeten Emile Lutz und Regula Baumgartner die GmbH Planeta
Verde, und nahmen – als Pioniere weltweit – auf technisch bescheidenem Niveau die Produktion von Biovollrohrzucker auf: in einem selbst eingerichteten
Verarbeitungsbetriebchen, mit einer kleinen Mühle, die von Hand zu füttern war.
Erster Kunde der ersten Biovollrohrzucker-Produzenten der Welt war die
Schweizer Biofarm Genossenschaft. Heute vertreibt Planeta Verde rund 1200 Tonnen Vollrohrzucker pro Jahr in Brasilien, den USA, Japan, Korea, der Schweiz,
Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Während der Erntezeit beschäftigt Planeta Verde 125 Leute: 60 in
der Zuckerfabrik und 65 auf den Feldern.
So wichtig wie das ökologische Engagement, betonen Emile Lutz und Regula
Bilder: zVg
F
Die Jacutinga
Farm mit der
Zuckerfabrik,
Luftaufnahme.
«Eines Morgens im Jahr 1986 mussten wir feststellen,
dass keine Vögel mehr sangen. Die Vögel starben wegen des Spritzmittels gegen den Kaffeeschädling ‹bicho
mineiro›. Da beschlossen wir, auf Bio umzustellen. Die
Vögel kamen bald massenhaft zurück, jedes Jahr zusätzliche Arten, und pfeifen jeden Morgen fröhlich vor
unseren Fenstern.» Emile Lutz und Regula Baumgartner,
Biovollrohrzucker-Pioniere.
Baumgartner, sei ihnen das soziale. Planeta Verde unterstützt Projekte zur Armutsbekämpfung, führt auf dem Betrieb
«Sitio Primavera de Jesus» Jugendlager
durch, es gibt Vortragshallen und Seminarräume für christliche Veranstaltungen oder Kurse zur Förderung des ökologischen Bewusstseins, einen Campingplatz und Schlaflager für 300 Gäste. Und
die Jacutinga Farm hat eine eigene Fussballmannschaft.
Die Planeta-Verde-Produkte sind seit
bald 20 Jahren von Bio Suisse anerkannt.
Was bedeutet diese Anerkennung für das
Projekt? Emile Lutz: «Die Bio Suisse Zertifizierung ist weltweit eine besondere Referenz. Sie erleichterte die Demeter- und die
JAS-Zertifizierung.»
mb
bioaktuell 2/07
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■ HANDEL
Die MKI, Wächterin über den
Ursprung der Knospe-Importe
In der vierten Folge der bioaktuell-Serie über die Auszeichnung von importierten Bioprodukten mit der
Knospe stellen wir die Markenkommission Import (MKI) näher vor: Wer sitzt in dieser Kommission,
welches sind die Aufgaben dieses Gremiums und wie funktioniert es?
D
ie Markenkommission Import (MKI)
ist vom Vorstand als Aufsichtsorgan
über die Anerkennung von Betrieben im
Ausland eingesetzt. Der Vorstand wählt
die MKI-Mitglieder, die Delegiertenversammlung bestätigt sie. Die MKI überträgt die Bio Suisse Richtlinien für spezielle Anbausituationen im Ausland, beschliesst über Präzedenzfälle, überwacht
die Sachbearbeitung der Geschäftsstelle
und legt Audits und Nachkontrollen fest.
Die MKI wacht darüber, dass importierte Knospe-Produkte nach gleichwertigen Massstäben produziert und
kontrolliert werden. Wo die Bio Suisse
Richtlinien auf Grund der klimatischen,
landwirtschaftlichen oder sozialen Bedingungen nicht übertragbar sind, kommen die sogenannten «Ausführungsbestimmungen und Entscheidgrundlagen der MKI» zum Zug, das Regelwerk
der MKI. Darin finden sich zum Beispiel
Die Mitglieder der MKI
Katia Ziegler ist seit 1993 Präsidentin der
MKI. Die ETH-Agronomin interessierte sich
schon während des Studiums für Fragen
der Biolandwirtschaft auch in Ländern
des Südens. Katia Ziegler
arbeitet am FiBL in der
Fachgruppe Internationale
Zusammenarbeit, vor allem für Bioprojekte in Sri
Lanka und der Ukraine.
Sie hat Mandate inne für internationale Zertifizierung und zum Teil für
Nachkontrollen von Biobetrieben und
Projekten von Demeter International,
Naturland Deutschland und der DEZA.
Von 1992 bis 1999 gehörte sie dem Bio
Suisse Vorstand an; von 1992 bis 1995
war sie für den Aufbau und die Führung
der Geschäftsstelle von Demeter Schweiz
verantwortlich. Katia Ziegler ist Mutter
dreier schulpflichtiger Kinder.
Andrea Seiberth, Agronomin, hat ihren
Abschluss in internationaler Landwirtschaft am Technikum Zollikofen (heute:
Schweizerische Hochschule für Landwirtschaft) gemacht. Sie arbeitete in
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bioaktuell 5/07
das Verbot zur Rodung von Urwäldern,
Anforderungen zum Umgang mit Wasser oder Vorgaben für die Kontrolle von
Kleinbauernkooperativen in Ländern des
Südens.
«Geeichte» Knospe-Qualität
aus aller Welt
Die MKI ist auch Aufsichtsorgan über
Kontrolle und Anerkennung von Betrieben im Ausland. Die 1400 jährlich
überprüften Betriebe im Ausland befinden sich in 62 Ländern und werden von
75 verschiedenen Kontrollstellen inspiziert. Damit hier gleichwertige Massstäbe angelegt werden, braucht es einen Prozess der «Eichung» und Qualitätssicherung: jährliche Koordinationsgespräche
mit den Kontrollstellen, punktuelle Interventionen und stichprobenmässige Audits oder Nachkontrollen vor Ort auf den
Betrieben. Für 2007 sind Nachkontrolmehreren Projekten der
Entwicklungszusammenar
beit in Lateinamerika mit.
Andrea Seiberth hat reiche
Erfahrung in den Bereichen
Kontrolle und Zertifizierung
aus der Arbeit bei Bio Suisse (1994 bis
1999) und bei der Bio Test Agro AG (1999
bis 2003). Sie ist externe Mitarbeiterin
der Bio Suisse Importabteilung und MKIMitglied seit 2002. Andrea Seiberth ist
verheiratet und Mutter zweier schulpflichtiger Kinder.
Paul van den Berge hat sein Agronomiestudium in Schweden absolviert
und abgeschlossen. Von 1980 bis 1990
leitete er im Tessin einen
Biogemüsebaubetrieb. Seit
1992 ist er Mitarbeiter des
FiBL, wo er als Berater zur
Fachgruppe Internationale
Zusammenarbeit
gehört.
Er ist Spezialist für die Produktion, die
Verarbeitung und das Marketing von
Früchten, Gemüse und Zierpflanzen.
Für Coop betreut er Projekte in den
Bereichen ProSpecieRara-Produkte sowie Qualitätssicherung von Früchten
len auf Weinbaubetrieben in Frankreich,
bei Gemüseproduzenten in Süditalien,
in Zuckerrohrprojekten in Paraguay und
Grossbetrieben in China geplant. Zudem
finden erstmals Schulungen für die Kontrollstellen in Italien und Spanien statt.
Damit die Eichung auch bei der Anerkennung der Auslandbetriebe gewährleistet ist, führt die MKI ein eigenes Sanktionsreglement, die sogenannte «Anerkennungs- und Auflagenpraxis». Darin
ist geregelt, wann Betriebe anerkannt
werden können, wann welche Auflagen
festgelegt und in welchen Fällen Betriebe
aberkannt werden müssen. Zur Erinnerung: In 90 Prozent aller Fälle werden
Auslandbetriebe von Bio Suisse eigenen
Sachbearbeitern auf die Konformität mit
den Bio Suisse Richtlinien geprüft, in den
restlichen 10 Prozent durch bio.inspecta
oder die US-amerikanische ICS/FVO.
Alle Fälle, die nicht in der «Anerund Gemüse aus dem Mittelmeerraum.
Im Auftrag des SECO hilft er in der
Biomarktentwicklung
im
Libanon.
Sowohl bei Bio Suisse (seit 1994) als
auch bei der IFOAM (seit 2006) sitzt er
in der Richtlinienkommission. Paul van
den Berge ist verheiratet und Vater eines
schulpflichtigen Kindes.
Etienne Kottelat bewirtschaftet mit seiner
Familie einen Knospe-Betrieb in Mervelier,
Region Delémont, von 16 Hektaren, alles Grünland. Hauptbetriebszweig ist die
Schafmilchproduktion. Der Agronom hat
eine Zusatzausbildung als
Tropenagrotechniker und
wirkte während drei Jahren
an einem vom Bund getragenen Entwicklungsprojekt
in Nepal mit. Als Bauer
ist er immer einem Nebenerwerb nachgegangen, als Milchkontrolleur, IPKontrolleur oder Übersetzer. Für den
Schweizer Tierschutz war er fünf Jahre
lang als Kontrolleur der Labelproduktion
im Einsatz. Im Herbst 2006 wurde er
als Mitglied der MKI gewählt. Etienne
Kottelat ist verheiratet und Vater von vier
Kindern.
kennungs- und Auflagenpraxis» geregelt sind, müssen einzeln durch die MKI
entschieden werden. Auch alle Aberkennungen von bereits anerkannten Betrieben müssen von der MKI bestätigt werden. Jährlich kommen etwa 60 Präzedenzentscheide und Aberkennungen zusammen, das sind knapp 5 Prozent aller
Entscheide. Sie werden zur Hälfte auf
dem E-Mail-Weg und zur anderen Hälfte an Telefonkonferenzen oder Sitzungen
entschieden.
Zu guter Letzt ist die MKI auch noch
zuständig für Empfehlungen zur Direktanerkennung von anderen Anbauverbänden, für die Auslagerung der Bio Suisse
Anerkennungsprüfung oder für die Kriterien für die Zulassung von Kontrollstellen im Ausland. Die Entscheide zu diesen Themen werden jeweils von übergeordneten Gremien gefällt: vom Vorstand
oder vom Ausschuss der Markenkommissionen.
Was die MKI nicht macht: Sie entscheidet nicht darüber, ob und wann und
was überhaupt importiert wird. Dies entscheiden die Produktmanager von Bio
Suisse in Absprache mit den Fachkommissionen und – in sensiblen Bereichen
– dem Vorstand.
Hans Ramseier, Bio Suisse
«Die MKI steht hinter ihrer Arbeit»:
Fragen an die MKI-Präsidentin
bioaktuell: Ihr seid zu viert in der MKI –
fällt ihr alle Entscheide einstimmig?
Katia Ziegler: Die Entscheide werden
nach ausgiebiger Diskussion gefällt; oft
gelingt es uns, Pro und Kontra so gut zu
beleuchten und die Meinungen so weit
zu schärfen, dass eine einheitliche Entscheidfindung möglich ist. Es kommt
aber auch oft vor, dass die Entscheide
nicht einstimmig sind.
Es ist immer der Ausgangspunkt und oft
der Endpunkt einer Diskussion, dass wir
berücksichtigen, wie wir im Inland zu
einem gewissen Entscheid stehen können
beziehungsweise ob der Entscheid angemessen ist, verglichen mit den Leistungen, die ein Schweizer Biobetrieb erbringen muss, um die Knospe verwenden zu
dürfen.
Müsst ihr euch oft gegenüber Knospe-Bäuerinnen und -Bauern erklären und verteidigen?
Es kommt an fast jeder DV ein Thema
auf, bei welchem die Frage der Bioimporte eine wichtige Rolle spielt. Es gibt immer noch sehr viel Erklärungsbedarf –
verteidigen müsste man nur etwas, was
Schwächen hat. Die MKI steht hinter ihrer Arbeit und sieht die Stärken, die die
Umsetzung und Durchsetzung der Bio
Suisse Richtlinien im Ausland der Bio
Suisse auch im Inland bringt. Somit gibt
es vor allem Informationsbedarf – aber
keinen Verteidigungsbedarf.
Und in Pattsituationen gibt der Stichentscheid der Präsidentin den Ausschlag?
Ja, in Pattsituationen fälle ich den Stichentscheid. Das kommt aber extrem selten vor.
Nehmt ihr die Interessen der Schweizer
Biobetriebe genügend ernst? Welchen Stellenwert hat der Schutz der inländischen
Produktion?
Wir sind von der DV eingesetzt, die Bio
Suisse Richtlinien im Sinne der Schweizer Biobauern umzusetzen. Diesem Credo fühlen wir uns alle sehr verpflichtet.
Interview: Markus Bär
Porträt Exportbetrieb: YACAO S.A.,
Medina, Dominikanische Republik
D
viele Bauern auf ihren Kakaobohnen sitzen, verloren sie durch Schädlinge oder
mussten sie zu Dumpingpreisen an Zwischenhändler verkaufen.
Ziel von Yacao ist es, hochwertigen
Kakao für den Export zu produzieren
und den Kleinbauern zu einem Einkommen zu verhelfen. Yacao kauft die frisch
geernteten Biokakaobohnen der 632 angeschlossenen Kleinbauernfamilien und
verarbeitet sie in zwei eigenen Zentren.
Die Aktiengesellschaft arbeitet mit KapiBilder: zVg
as YACAO-Projekt wurde 1999 in
der Gegend um Yamasá (etwa 40
km nördlich von Santo Domingo) gegründet. Die Region ist geprägt durch
grosse Armut und Landflucht. Ausser der
Landwirtschaft gibt es kaum Arbeit. Die
Kleinbauern produzieren neben dem Kakao als einziger «Cash Crop» Produkte
wie Kochbananen, Maniok, Gemüse und
Früchte für die Selbstversorgung. Wegen
fehlenden oder in der Regenzeit unpassierbaren Verkehrswegen blieben früher
Die Früchte des Kakaobaumes sind etwa 500 Gramm schwer und enthalten 25 bis 50
Bohnen, in Längsreihen im Fruchtmus eingebettet.
tal von sozial engagierten Investoren aus
der Schweiz.
Yacao ist Max Havelaar-zertifiziert und arbeitet nach den Prinzipien
des fairen Handels: Yacao garantiert
den Kleinbauern Abnahme der ganzen
Produktion, bezahlt eine Bioprämie von
10–25 Prozent, finanziert die Bioberatung
und die Zertifizierung, bezahlt Erntevorschüsse, produziert Kakaosetzlinge und
stellt sie den Kleinbauern zum Selbstkostenpreis zur Verfügung.
Warum arbeitet Yacao biologisch?
«Das ist für uns selbstverständlich», sagt
der Schweizer Agronom Jost Brunner
vom Yacao-Management: «Gesunde Produkte durch umweltschonenden Anbau.»
Und was bringt die Anerkennung durch
Bio Suisse, die Yacao im Jahr 2000 erlangte? «Die Bio Suisse Anerkennung ist
unser Trumpf, der uns erlaubt, uns von
der Konkurrenz zu differenzieren.»
mb
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