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Endlich wie der spür en! - Heidi Wahl

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FAMILIE : PATCHWORK
Endlich wie der
spür en!
Wie bekommen Paare in einer neuen Partnerschaft den
Alltag mit eigenen Schulkindern und Stiefkindern in den
Griff? Zwei Familien verraten, wie sie den großen Bruch
ohne bleibende Schäden überwunden haben
F
ür Matteo, den mittleren der drei
Brauchle-Kinder, brach eine Welt zusammen. Gerade acht Jahre war er
alt, als sich seine Eltern 2003 trennten.
Matteo und seine Geschwister Luca, damals 5,
und Ann-Kathrin, 12, blieben bei ihrer Mutter
Birgit. Den Vater sahen sie am Wochenende oder
in den Ferien. Matteo war in dem Alter, in dem
Kinder unter der Trennung der Eltern besonders
leiden: Er vermisste seinen Papa, das Herumtoben, die gemeinsamen Aktivitäten, eigentlich
alles. Dass nach einer Weile auch noch Wolfgang
Kramer, der neue Lebensgefährte der Mutter,
in das Einfamilienhaus im hessischen Weilburg
einzog, machte die Sache für den Jungen nicht
leichter. Wolfgang Kramer ist selbst geschieden
und hat zwei Söhne, die wiederum bei ihrer
Mutter in Düsseldorf leben, aber auch gelegentlich zu Besuch nach Weilburg kommen.
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Was früher eine geschlosse Kleinfamilie von
fünf Personen war, ist in der neuen Zusammensetzung zu einer nach allen Seiten offenen, neunköpfigen Großfamilie angewachsen.
Großeltern und andere Verwandte nicht mitgerechnet: Matteo, seine zwei Geschwister, seine Mutter, sein leiblicher Vater, sein Stiefvater,
dessen beide Söhne aus erster Ehe und deren
Mutter. Natürlich leben sie nicht immer alle zusammen, aber man sieht sich in den Ferien oder
bei Familienfesten. Eine klassische PatchworkFamilie eben.
Jede siebte Familie, so schätzen Experten, ist
in Deutschland auf die eine oder andere Weise
aus Restfamilien zusammengesetzt. Der Prozess
des sich Aneinandergewöhnens ist naturgemäß
nicht einfach, doch am Ende rauft man sich irgendwie zusammen. Oft genug entwickeln solche Familien ihren ganz speziellen Charme,
Fotos: PantherMedia
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ähnlich der in aufopferungsvoller Handarbeit
aus vielen kleinen, bunten Stoffresten zusammengenähten Patchwork-Decke, die gerade
deshalb so dekorativ wirkt, weil sie nicht wie
alle anderen aus einem Stück gefertigt ist.
„Ganz okay“ findet denn auch Matteo seine
Situation heute – sieben Jahre nach der Trennung seiner Eltern. Für einen 15-Jährigen eine
durchaus anerkennende Einschätzung. „Wolfgang ist kein Ersatzpapa“, sagt der Gymnasiast
über seinen Stiefvater, „eher so eine Art Kumpel.“ Das hat sich positiv auf die Schulkarriere
des Neuntklässlers ausgewirkt. Eine Zeit lang
haben die beiden gemeinsam für Klassenarbeiten gebüffelt, inzwischen lernt Matteo lieber
allein oder mit zwei Freunden in einer Lerngruppe. „Das macht mehr Spaß, und wir helfen uns
gegenseitig.“ Falls mal gar nichts geht – wie
neulich in Chemie – kann Matteo auch noch
seinen Vater anrufen. Der ist Chemie-Ingenieur.
Welches Kind aus einer klassischen Familie hat
schon so viele mögliche Anlaufstellen?
Aus Sicht der Erwachsenen stellt sich das
komplexe System Patchwork dagegen auf allen
Seiten als extrem empfindlich für unterschiedliche Erziehungsstile, unverarbeitete seelische
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Wir gehören jetzt
zusammen: Risse und
schmerzliche Gefühle
gehören dazu, bis
Patchwork-Familien
ein harmonisches
Ganzes bilden
Kränkungen oder Schuldgefühle dar. Matteos
Mutter Birgit Brauchle versuchte nach der Scheidung, alles allein hinzukriegen: Sie wollte ihren
Kindern Vater und Mutter zugleich sein. „Das
war unmöglich“, erkennt die heute 46-Jährige im Rückblick. Während die Kinder vom Einzug des neuen Lebensgefährten zunächst irritiert waren, empfand die Mutter, die sich nun
wieder ganz auf diese Rolle konzentrieren konnte, die Situation als sehr positiv. Sie fühlte sich
plötzlich wieder unterstützt in Erziehungsaufgaben, denn „auf einen Mann hören die Kinder
anders, da wird gemacht, was er sagt“. Mit ständigen Diskussionen um jede Kleinigkeit ist seitdem Schluss. Bei den schulischen Anforderungen an die Kinder ergänzt sich das Paar perfekt:
Sie hilft bei Englisch, Französisch, Deutsch, Biologie, er ist gelernter Elektroniker und kennt sich
aus mit Physik, Mathe, Chemie und Informatik.
Das Sorgerecht für die drei Kinder teilt sich
Birgit Brauchle mit ihrem Ex-Mann. Im Scheidungsurteil wurde auf Wunsch der beiden eine
Sonderregelung aufgenommen. Weil Matteos
Vater beruflich viel unterwegs ist und im Ausland lebt, wollte Birgit Brauchle eine Lösung, bei
der sie notfalls allein und schnell entscheiden ä
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FAMILIE : PATCHWORK
Trennung überwunden: Im Strandkorb Birgit Brauchle mit Sohn Luca, 12, und Lebens- gefährte Wolfgang Kramer. Stehend: Brauchles Sohn Matteo, 15. Ausriss: Wolfgang Kramer mit seinen Söhnen Nico, 13, und Tim, 17
kann. „Das war bei uns möglich, weil wir uns
gegenseitig vertrauen“, sagt sie. Manche Väter
aus ihrem Bekanntenkreis würden solche Regelungen verweigern, weil sie befürchten, dass die
Mütter ihnen die Kinder entziehen. Kein Problem für Matteo und seine Geschwister. Sie treffen ihren Papa regelmäßig in den Ferien oder
wenn er in Deutschland arbeitet.
Es gibt keine Patentrezepte für eine glückliche Familie. Sofia und ihr Ex-Mann wählten
nach ihrer Trennung einen ganz anderen Weg,
das sogenannte Wechselmodell: Die eine Hälfte
der Woche waren die Töchter Lisa* und Maria*
beim Vater, die andere bei der Mutter. Entscheidungen trafen die Eltern gemeinsam, die Betreuung war im Verhältnis 50 : 50 aufgeteilt. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die getrennten
Eltern in derselben Stadt leben. „Kinder-Wechsel“ war in geraden Wochen immer dienstags
und samstags, in ungeraden mittwochs und
samstags. Ein genau getakteter Rhythmus mit
einem organisatorisch hohen Aufwand inklusive
Fahrten zur Schule und doppelten Ausstattungen – vom Kinderzimmer bis zu Kleidung,
Wolfgang ist
kein Ersatzpapa,
eher so eine
Art Kumpel“
Matteo, 15, über den neuen
Lebensgefährten seiner Mutter
Wasch- und Sportzeug. Bloß Schulranzen und
Schuhe hatten die beiden Mädchen nur jeweils
einmal. Doch die Mehrausgaben und die Hinund-Herfahrerei nahm Sofia in Kauf: „Das Wichtigste war für mich, dass die Kinder nach der
Trennung ihren Vater nicht nur alle zwei Wochen am Samstag und Sonntag sehen.“
Inzwischen hat sich ihre Situation grundlegend geändert, und sie findet das Wechselmodell
von damals „ziemlich bescheuert“. Zwar tauge
es für getrennt lebende Eltern gut, weil jeder
freie Tage und Abende habe. „Doch die Kinder
haben kein Nestgefühl und keinen Lebensmittelpunkt, sie wissen durch den ständigen Wechsel nicht, wohin sie gehören.“ In Sofias Leben
gibt es seit rund vier Jahren einen neuen Mann,
Frank, mit dem sie eine 14 Monate alte Tochter
hat. Zunächst hatten die beiden eine Wochenendbeziehung – sie im Norden Bayerns, er im Süden. Vor wenigen Wochen zog das Ehepaar in einer Kleinstadt im Westen Münchens zusammen.
Im Reihenmittelhaus mit Garten beginnt dort
gerade ein neuer Lebensabschnitt für die fünfköpfige Familie: Mutter, Vater, das gemeinsame
Kleinkind und die beiden Töchter der Mutter
aus erster Ehe in einem Haushalt. Sofia: „Endlich leben wir alle zusammen, ganz klassisch.“
Lisa, 10, und Maria, 8, haben sich in ihren neuen
Zimmern eingerichtet und können sich mit ihren
Freundinnen direkt vor der Haustür verabreden.
„Das war vor dem Umzug nicht so einfach möglich“, erinnert sich Sofia, „jetzt ist das Leben für
uns alle deutlich entspannter.“
Im neuen Schuljahr kann auch Stiefvater
Frank abends mit den Mädchen Hausaufgaben
machen und mit seiner kleinen Tochter Fabiola spielen. Alle zwei Wochen verbringen Lisa
und Maria die Wochenenden bei ihrem Vater
in Nordbayern. Der findet es schade, „dass ich,
bedingt durch den Umzug, meine Töchter nur
noch alle vierzehn Tage und in den Schulferien
sehe“. Im Gegensatz zu seiner Ex-Frau befürwortet er das Wechselmodell noch immer: „Das
hat gut funktioniert. Erzieherinnen und Lehrer haben den beiden nichts von der Trennung
angemerkt.“
Unter einem Dach: Sofia und Ehemann
Frank mit der gemeinsamen Tochter
Fabiola,14 Monate, und Sofias Töchtern
Lisa, 10, und Maria, 8, aus erster Ehe
Endlich leben wir alle zusammen, ganz
klassisch. Jetzt ist das Leben entspannter“
Sofia, 37, über das Ende ihrer Wochenendbeziehung mit Frank
Mit unterschiedlichen Einschätzungen, Erwartungen und Gefühlen wie
Trauer, Eifersucht, Wut und Enttäuschung sind zusammengesetzte Familien immer konfrontiert. Gelingt jedoch
die Integration wie bei Birgit Brauchle
und Wolfgang Kramer in Weilburg, profitieren alle davon: Der Freiberufler arbeitete bisher zu Hause und kümmerte
sich um die drei Kinder, vier Kaninchen, zwei Hunde und den Haushalt.
Birgit Brauchle ist Krankenschwester
bei der Lebenshilfe und behandelt Patienten in ihrer Praxis für ganzheitliche
Körpertherapie. „Die Aufteilung funktioniert prima“, sagen beide wie aus
einem Mund.
In den Ferien und an manchen Wochenenden wächst die Patchwork-Familie sogar auf sieben Personen an:
Dann kommen Wolfgang Kramers Söhne Nico, 13, und Tim, 17, aus erster Ehe
zu Besuch. „Platz haben wir genug im
Haus, doch manchmal gibt es kleine Ei-
* Namen von der Redaktion geändert
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Fotos: Bert Bostelmann, Stefan M. Prager/ beide FOCUS- S chule
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fersüchteleien zwischen unseren etwa
gleichaltrigen jüngsten Söhnen“, räumt
Wolfgang Kramer ein. Er hat dafür Verständnis: Schließlich sieht er seine beiden Jungs, die bei der Mutter in Düsseldorf leben, weitaus seltener als die
drei Kinder seiner Lebensgefährtin: „Da
wird dann schon sehr genau beobachtet, wie ich mich verhalte. Ich versuche,
allen gerecht zu werden.“
Üblicherweise regelt Kramer Dinge, die seine beiden Söhne betreffen
mit seiner Ex-Frau per Fax oder Telefon. „Das läuft ganz gut.“ Und, klar, er
vermisst Nico und Tim, würde sie gern
häufiger sehen. „Doch das ist auch eine
finanzielle Frage“, sagt der zweifache
Vater und dreifache Stiefvater, der auf
die Bedürfnisse seiner beiden leiblichen
Söhne sehr sensibel eingeht: „Ich würde sie nie aus ihrer gewohnten Umgebung reißen. Der Wunsch, bei uns in
Weilburg zu leben, der müsste von ihH ei d i W ahl
nen kommen.“ 
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Seele and Geist
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