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1 SWR2 Tandem - Manuskriptdienst Wenn Eltern in die Pubertät

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SWR2 Tandem - Manuskriptdienst
Wenn Eltern in die Pubertät kommen….
Vom Aushalten, Durchhalten und Loslassen
Jan Weiler im Gespräch mit Ulrike Ostner
Autorin:
Ulrike Ostner
Redaktion:
Petra Mallwitz
Sendung:
Mittwoch, 29.10.14 um 10.05 Uhr in SWR2
__________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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MANUSKRIPT
Ulrike Ostner:
Manchmal ist es Verzweiflung, manchmal ist es auch Wut, manchmal ist es auch
Sprachlosigkeit und dann ist man plötzlich auch wieder zutiefst gerührt. Meine
Kinder, die sind 12 und 14, Junge und Mädchen, die können all das bei mir auslösen
wie kein anderer Mensch auf der Welt.
Geht Ihnen das auch so, Herr Weiler?
Jan Weiler:
Ja. Kurz und bündig geantwortet: ja.
Als zum Beispiel unsere Mannschaft, also wir alle, Weltmeister wurden, hat mein
Sohn am nächsten Tag sein Bayern-Trikot angezogen, um damit zur Schule zu
gehen und er hat das große Glück Götze, Nummer 19, von FC Bayern hinten drauf
zu haben. Und dann hat er mir wirklich gesagt, und das hat mich wirklich beinahe zu
Tränen gerührt, dass er nicht wachsen wolle, weil, wenn er wächst, dann wächst er
aus dem Ding raus, dann kann er’s nicht mehr anziehen und er möchte gerne
solange wie möglich dieses Hemd anziehen.
Ulrike Ostner:
Weil’s so ein tolles Gefühl ist.
Jan Weiler:
Weil es so ein tolles Gefühl ist.
Und ich fand das entzückend.
Ulrike Ostner:
Auf der anderen Seite treiben einen ja gerade diese 14- 15-Jährigen, also mein
Pubertier, 14, die ist Meisterin darin, mich mit ihren Versuchen zur Chaostheorie in
ihrem Zimmer in den Wahnsinn zu treiben, dieser Verhau, oder dass sie immer zu
spät aus dem Haus kommt. Das ist ja wirklich total verrückt. Und dann kommen sie
auch noch mit solchen Sprüchen und sagen: „Chill‘ mal dein Brain, Mama.“
Jan Weiler:
Ja, oder „Chill mal dein Leben“, kenne ich auch.
Ulrike Ostner:
Chill mal dein Leben. Auch schön.
Muss man erst mal drüber nachdenken: Chill mal dein Brain. Was soll ich machen?
Jan Weiler:
Sie sollen eigentlich sich abkühlen, weil sie davon ausgeht, dass Ihr Hirn gerade
kocht, was ja vielleicht auch stimmt und dann ist diese Aufforderung ja eigentlich
sogar Ihnen sehr zugewandt. Man muss das nur versuchen so aufzufassen und nicht
durchzudrehen.
Aber diese, gerade diese Aufräum- und Zimmerchaosgeschichten, die kennen wir
auch, aber ehrlich gesagt, kenne ich die aus meiner eigenen Jugend und habe
deswegen ein bisschen mehr Verständnis, oder ich versuch’s jedenfalls, klappt aber
natürlich nicht immer.
2
Ulrike Ostner:
Das heißt, Sie reagieren als Vater durchaus gelassen, auf solche Sprüche auch?
Jan Weiler:
Tagesformabhängig. Also ich bin ja kein besserer Vater, nur weil diese Geschichten
schreibe, und ich bin auch nicht anderen Eltern überlegen, in irgendeiner Form, ja,
dass man sagen könnte: ja, der schreibt immer diese Geschichten auf, der geht da
irgendwie besser mit um als die anderen.
Aber ich gehe genauso gut oder schlecht damit um wie alle anderen auch. Und ob
ich jetzt gelassen reagiere, auf irgendwelche Unverschämtheiten oder nicht, ist echt
davon abhängig, wie’s mir gerade selber so geht.
Ulrike Ostner:
Jetzt, wenn man aber solche Erlebnisse erzählt, also mir geht’s jedenfalls so, den
Kollegen, was heute passiert ist, also morgens hat das Gehirn noch gekocht und
dann zwei Stunden später erzählt man’s in der Arbeit. Und die Kollegen finden es in
der Regel furchtbar lustig. Und dann entspannt man sich.
Ging’s Ihnen oder geht’s Ihnen beim Schreiben auch so?
Jan Weiler:
Ja. Das Schreiben über diese Dinge nimmt unwahrscheinlich viel Druck, auch aus
diesen Diskussionen, die wir führen. Das sind ja quälende, endlos lange Debatten
über irgendwelchen Quatsch. Und erst, wenn man das wieder durch den Kopf sich
gehen lässt und überlegt: was kann ich damit machen, ist das irgendwie
inspirierend? Dann merkt man, wie sinnlos die ganzen Diskussionen sind, und dass
sie tatsächlich auch eine komische Komponente haben.
Wenn man jetzt also endlos darüber debattiert, welche S-Bahn wann ausgefallen ist
und weswegen die dann zu spät kam, und dann erwischt man sich dabei, dass man
versucht sogar nach zu recherchieren, ob irgendeine S-Bahn tatsächlich ausgefallen
ist oder nicht, und dann war’s nämlich eine Lüge.
Und das ist alles Quatsch. Also dann kommt sie halt 20 Minuten später, so ist das
halt im Leben.
Ulrike Ostner:
Es scheint ja auch eingeschlagen zu haben, sonst würde sich zum Beispiel das Buch
eben nicht so wahnsinnig gut verkaufen.
Was bekommen Sie denn von den Lesern zurück, an Post und so weiter?
Was schreiben die?
Jan Weiler:
Das ist sehr unterschiedlich. Also, es gibt unheimlich viele Brief von Leuten, die
schreiben, die hätten den Eindruck, ich würde bei ihnen unter dem Küchentisch
sitzen und alles mitschreiben, es wäre genau wie bei denen.
Und es gibt zuweilen auch Post von so 17-jährigen Mädchen oder 16-jährigen
Mädchen. Eine Mail kam mit der Betreffzeile: „DANKE !!!!!!!!“ In Großbuchstaben mit
8 Ausrufezeichen und darunter stand dann, also seit dieses Buch raus ist, würden
die Eltern sie dauernd mit irgendwelchen Zitaten aus diesem Buch aufziehen und
das könnte sie jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Und sie würde sich herzlich dafür
bedanken, dass ich ihr Leben auf dieses Art und Weise ruiniert habe.
Das gibt’s auch.
Und zuletzt kamen mehrere …
3
Ulrike Ostner:
Das ist so schön, wie ernst sie das in dem Moment meinen.
Jan Weiler:
Jaja, die meinen das total ernst.
Und was mich am meisten gefreut hat waren Bilder, Fotos von verschiedenen Eltern,
die das Zimmer ihrer Töchter zeigen. Und das ist unglaublich.
Ich möchte gerne eine große Bildergalerie damit machen, vielleicht im Internet oder
so, dieser unfassbaren Klamottenhaufen mit in Verwesung gegangenen
Joghurtbechern und unter diesen Haufen lugen dann so die Laptops hervor und
irgendwelche Socken und Zeug, das man schwer definieren kann.
Und diese Bilder finde ich unfassbar. Und das Lustige ist, egal ob ich die jetzt aus
Oldenburg geschickt bekomme oder aus Erfurt oder aus Rosenheim, die sehen alle
gleich aus. Das finde ich toll.
Ulrike Ostner:
Sie haben vorhin gesagt, Sie erinnern sich selber noch gut als Sie in dem Alter
waren. Hat es da auch schon funktioniert, als wir jung waren, Pubertät, als was
Lustiges, mit Humor zu betrachten? Gab’s die überhaupt schon? Manchmal glaube
ich, die war noch gar nicht erfunden, die Pubertät.
Jan Weiler:
Doch, die war schon erfunden, ich habe selber erfolgreich daran teilgenommen.
Aber diese Umwertung diesen ganzen Sache, in etwas Vorübergehendes, was dann
auf vorbei geht und was man auch ein bisschen komisch nehmen kann, das gab’s
damals, habe ich jedenfalls den Eindruck, noch nicht so in der Form.
Ich glaube, das hat auch wahnsinnig viel damit zu tun, dass man diese Geschichten
übers Internet oder sonst wie unheimlich schnell verbreitet. Also dieser Eindruck: bei
denen ist es genauso wie bei uns; kann man bei Facebook sofort abholen. Das ist
nicht mehr so schwer.
Früher waren die Familien damit viel mehr auf sich selber gestellt und auf sich selber
zurückgeworfen auch in der Problemlösung dieser Dinge. Heute vergeht ja kein Tag,
wo nicht irgendein Jugendpsychologe oder Schulpsychologe sich zu irgendwas
äußert.
Ich weiß nicht, ob’s Schulpsychologen Anfang der 80er überhaupt schon gab.
Ulrike Ostner:
Also, bei uns hat man dem nicht allzu große Beachtung geschenkt, diesem Prozess
des Erwachsenwerdens, sondern da war Strenge angesagt.
Jan Weiler:
Ja, da muss man eben durch irgendwie.
Ulrike Ostner:
Ja, aber wie war’s bei Ihnen da in Meerbusch, zwischen Krefeld und Düsseldorf?
Jan Weiler:
Das ist ein Vorort von Düsseldorf, linksrheinisch. Und da bin aufgewachsen und zur
Schule gegangen und hatte eigentlich eine ganz schöne Kindheit. Aber dieses
Pubertätsthema war tatsächlich etwas, was man so mit sich selbst ausgemacht hat.
4
Die Aufklärung fand ja weitgehend über die „Bravo“ statt oder so, oder über
irgendwelche Schauergeschichten, die irgendwer erzählt hat. 1.000-Schuss-Theorie,
hat man damals zum Beispiel gesagt.
Ulrike Ostner:
Sehr schön auch, ja. Und dann geht nichts mehr.
Jan Weiler:
Und dann ist es vorbei, muss man also haushalten.
Und man war dann doch sehr damit alleine.
Und ich kann mich erinnern, und das habe ich sehr intensiv gemacht, dieses
Erinnern, für diese Pubertätsgeschichten, die ich da schreibe, nicht an Geschichten,
die ich damals erlebt habe, sondern an Gefühle, die ich damals hatte.
Das ist ein Riesenunterschied. Man versucht irgendwie zurückzuholen: wie habe ich
das empfunden, wie war das? Und es war schrecklich.
Ich habe dann irgendwie, nach langen, langen Stunden des Nachdenkens über
dieses Thema rausgefunden, dass diese ganze Pubertät eigentlich begleitet ist von
dem Gefühl totaler Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit, Gefühle des Nichtgenügen-könnens und so.
Und dann hat man natürlich Pickel und man wächst in verschiedene Richtungen und
man hat das Gefühl, man ist ein Monster.
Ich bin ja noch sitzengeblieben - natürlich folgerichtig, aus lauter Liebeskummer.
Und das war, ich fand’s eigentlich furchtbar. Und ich habe mich dann wirklich daran
zurückerinnert, dass ich eigentlich sehr unsicher war und unheimlich schüchtern, in
der Zeit.
Später ist es dann so ein bisschen weggegangen, aber so in der Zeit meiner
Jugendlichkeit, ich weiß nicht, so zwischen 13 und 16 oder 17, das war gar nicht so
einfach wie man das heute annimmt.
Man redet immer nur in diesen feuerzangenbowlenartigen Anekdötchen, aber in
Wirklichkeit ist das auch ganz schön schwer.
Ulrike Ostner:
Und hat man sie Zuhause, in Ihrem Elternhaus, getragen und einfach machen
lassen, oder gab’s da schon viel Strenge und Druck drauf und so, in die Richtung
jetzt nicht?
Ich meine, ich habe gehört, Sie waren mal ein Punkt mit lila Haaren.
Jan Weiler:
Ja. Jaja, ja. Meistens waren die so weiß blondiert irgendwie so.
Nee, komischerweise waren meine Eltern viel toleranter und liberaler als ich es bin.
Ulrike Ostner:
Als Sie es heute sind?
Jan Weiler:
Seltsam. Ja, als ich es selber bin, als Vater.
Die haben mich unheimlich machen lassen, wenn ich so zurückblicke. Die haben sich
auch Sorgen gemacht, klar, aber die waren nicht streng und, glaube ich, sehr
vertrauensvoll. Die haben wohl, glaube ich, immer gedacht: na ja, bei aller Sorge, der
Junge ist ja nicht doof, der wird das schon irgendwie hinbekommen.
5
Das wundert mich rückblickend eigentlich. Die waren eigentlich cooler als ich es
heute bin.
Aber die hatten auch nur drei Söhne, ich war der mittlere, und mit Söhnen sind Eltern
oft cooler als mit Töchtern. Also um Töchter hat man, glaube ich, mehr Angst. Wenn
ich eine Tochter gewesen wäre, vielleicht wäre das anders gewesen.
Ulrike Ostner:
Da kommen wir vielleicht noch drauf, auf den Unterschied zwischen Töchtern und
Söhnen.
Aber, weil Sie gerade angesprochen haben, Sie sind sehr viel strenger, haben
vielleicht auch mehr Angst. Und ich finde, man hat auch so viel Grund Angst zu
haben. Also meine Güte, vor dem Scheitern in der Schule, das ist aber noch das
Geringste, vor Teenager-Schwangerschaften, wenn wir schon bei den Mädchen sind
und so weiter, ja.
Jan Weiler:
Ja, aber unbegründet.
Ulrike Ostner:
Wirklich?
Jan Weiler:
Ja, ich glaube schon. Ich glaube, das sind so Medienthemen. In Wirklichkeit passiert
nichts.
Also klar, natürlich fällt einer vor die S-Bahn, natürlich wird ein Mädchen mit 14 schon
mal schwanger, natürlich probieren die irgendwelche Drogen aus, aber das ist,
glaube ich, alles bei weitem nicht so schlimm, wie’s halt eben in diesem Medienfuror,
in dem wir leben, gemacht wird.
Ulrike Ostner:
Haben Sie denn mal auch in die seriösen, in die ernsthaften Ratgeberecken, also
seriös ist der falsche Begriff, in die ernsthaften Ratgeberecken zum Thema
reingeschaut, in diesen ganzen Büchern, die es da gibt, recherchiert?
Jan Weiler:
Nee. Nee, überhaupt nicht. Ich bin überhaupt kein Ratgeberfreund, weil die Kinder
sind alle unterschiedlich, die Eltern sind alle unterschiedlich, und wie sich eine
Familie in bestimmten Situationen verhalten müsste, hängt von so wahnsinnig vielen
Faktoren ab, dass ich glaube, dass das so von Ratgeberliteratur nicht wirklich
abgedeckt wird.
Und deswegen glaube ich, man soll auf seinen Bauch hören, man soll vernünftig mit
den Kindern umgehen, man soll denen zuhören. Das musste ich jetzt auch erst mal
lernen, dass diese Kanzelpredigten, also es gibt doch immer die Situation, wo die
Eltern sagen: „So, jetzt müssen wir mal reden.“
Die meisten Eltern - auch mich eingeschlossen - die sagen: „Wir müssen, glaube ich,
mal reden“ mit dem Jungen oder mit dem Mädchen, meinen sie müssten mal reden.
Und der andere muss dann da sitzen und sich das alles anhören.
Und ich habe festgestellt, das ist der falsche Weg, man muss gucken, dass die reden
und denen auch richtig zuhören, und dann findet man schon raus, ob das, was die
gerade treiben, wirklich schwierig ist und ein Problem bereitet oder nicht. Und wenn’s
keins bereitet, dann soll man die halt ruhig auch mal was ausprobieren lassen.
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Aber das sagt sich so leicht. Ich bin, wie gesagt, da ein ganz schöner Schisser.
Ulrike Ostner:
Und schreiben Sie die Angst weg?
Jan Weiler:
Ja. Genau.
Also, die Familie, um die es in der Kolumne geht, die meistern das alles immer
irgendwie, auch mit einer Portion Humor oder Selbstironie. Aber das ist natürlich im
wahren Leben, ist das einfach nicht immer so.
Ulrike Ostner:
Also doch der Spruch: „Chill mal dein Brain.“
Jan Weiler:
Wäre nicht so schlecht manchmal.
Ulrike Ostner:
Kommen wir noch mal zurück zum Buch.
Also mir gefällt ja besonders diese Idee, dass Sie sich selbst als Wissenschaftler
betrachten und das Zimmer der Tochter als Versuchsanordnung, als Labor,
besonders gut, vor allem der Weckversuch, den mag ich sehr gerne.
Jan Weiler:
Ja, der kommt immer bei Lesungen unheimlich gut an.
Ulrike Ostner:
Der ist auch toll. Und da hören wir jetzt vielleicht auch ein Stückchen, wenn Sie
mögen und zwar: was passiert nach dem dritten gescheiterten Versuch?
Jan Weiler:
„Die Ankündigung, das Aufstehen mit kaltem Wasser zu erzwingen, wird von der
Probandin frech nachgeäfft. Der Versuchsleiter benetzt daher, um 7 Uhr 21, einen
Waschlappen mit kaltem Wasser, den er ins Labor trägt und über dem Pubertier
auswringt.
Es kommt 12tausendstel Sekunden später zu einer überraschenden und geradezu
explosionsartigen Aktivität der Probandin, die in einer einzigen Bewegung die Decke
zurückschläft, aufspringt und mit ihrem Kissen nach dem Wissenschaftler schlägt.
Dieser weicht zurück und stolpert über das dämliche Ladekabel. Das Pubertier
schießt meckernd an ihm vorbei und verschwindet im Badezimmer.
Der Versuchsleiter notiert: Das Pubertier hat offene Augen und verbreitet schlechte
Laune. Es ist wach.“
Ulrike Ostner:
Wie manchen Sie’s Zuhause, wenn Ihre Tochter oder Ihr Sohn nicht aufstehen
wollen?
Jan Weiler:
Nahezu genauso.
Wir haben so eine Arbeitsteilung zuhause, ich wecke die Kinder und mache morgens
das Frühstück, und zwar, weil wir dann so zerstreut sind.
7
Und ich möchte, dass wir wenigstens einmal am Tag zusammen am Tisch sitzen. Die
haben lange Schule und abends schaffen wir das nicht immer uns zu sehen. Und
deswegen habe ich irgendwann mal gesagt: „Morgens möchte, ich dass wir alle an
einem Tisch sitzen.“ Und das hat dazu geführt, dass ich mich darum kümmern muss.
Ich muss die wecken und mache dann Frühstück und sorge dafür, dass dann die
Kids auch relativ pünktlich aus dem Haus kommen, um den Bus nicht zu verpassen.
Und tatsächlich, manchmal geht’s mir wahnsinnig auf die Nerven, weil die sich eben
auch daran gewöhnt haben, dass ich die dreimal wecke.
Man geht um 7, man geht um 7 Uhr 6 und um 7 Uhr 11 und irgendwann fängt das so
wahnsinnig an zu nerven, und zwar besonders, wenn der Weckversuch als solcher
von den Kindern als unbotmäßige Einmischung in ihr Privatleben empfunden wird.
Da kommt man sich dann schon relativ doof vor - aber ich zieh‘ es durch.
Ulrike Ostner:
Ich denke manchmal: und jetzt mag ich nicht mehr. Ich lasse es, ich gehe ganz leise
nach unten und frühstücke alleine.
Jan Weiler:
Ja. Oder selber wieder ins Bett gehen.
Ulrike Ostner:
Oder ich gehe selber wieder ins Bett. Und dann schauen wir was passiert.
Aber ich traue mich nicht, ich traue mich nicht.
Jan Weiler:
Jaja, man muss dann natürlich die Konsequenzen aushalten. Die Konsequenzen ist
dann: alle verschlafen, der Bus fährt weg und man sitzt anschließend im Auto und
bringt sie halt in die Schule.
Ulrike Ostner:
Oder muss eine Entschuldigung schreiben. „Habe mein Kind nicht pünktlich
geweckt.“
Jan Weiler:
Genau. „Ich bin schuld.“
Ulrike Ostner:
Wie sind Sie denn auf die Idee mit dem Labor gekommen?
Jan Weiler:
Ach, die Idee von dem Labor war einfach, dass man so bestimmte Dinge, die halt
immer wieder kehren - es gibt auch noch andere Laborgeschichten in dem Buch, es
gibt auch eine über Geld zum Beispiel, es gibt eine über Zeit, eine über Jungs - dass
man dieser wiederkehrenden Probleme einfach in eine Form bringt, die so ist, dass
die das spiegelt, dass es wie so ein endloser sich wiederholender Versuch ist.
Und dadurch kam dann dieser Versuch. Weil eben gerade das Wecken zum Beispiel
und auch die Geldnöte, sind halt so wiederkehrende Themen und die kann man dann
eben einmal, in einer Geschichte komplett abhandeln.
8
Ulrike Ostner:
Die Geschichten sind ja nun nicht alle aus Ihrer Familie. Woher haben Sie sie
bekommen? Wo sammeln Sie sie ein?
Jan Weiler:
Ich sammle die überall ein und bin sehr dankbar für die Frage, weil‘s mir die
Möglichkeit gibt zu sagen, dass Carla in dem Buch ja nicht meine Tochter ist.
Sondern die ist archetypisch für diese ganze Generation von 15-Jährigen.
Und die Geschichten, die sammle ich bei ihr ein und die sammle ich bei ihren
Freundinnen ein und bei ihren Freunden, die bei uns rumsitzen, und in der
Nachbarschaft und in der Zeitung und in meiner eigenen Pubertät.
Und es gibt dann manchmal eben auch Geschichten, die möchte man gerne
erzählen, und schreibt die dann den Kindern zu. Also, wenn jetzt irgendwie, man
kann dann eine Weihnachtsgeschichte erzählen oder eine übers Skifahren oder so.
Man guckt dann einfach, wie kann man die, anhand dieser Figuren erzählen.
Aber die Figuren sind im Grunde genommen fiktionale Figuren, die werden nur
inspiriert, angestoßen von meiner Tochter, die fantastische Sprüche macht
manchmal. Zum Beispiel hat sie jetzt gesagt - sie mag keine Mango - und hat dann
irgendwie voller Verachtung gesagt: „Die Mango ist die Kiwi der 10er Jahre.“
Ulrike Ostner:
Auch schön.
Jan Weiler:
Und das stimmt. Das stimmt nämlich wirklich.
Ulrike Ostner:
So gehyped.
Jan Weiler:
Ja. Die ist jetzt, plötzlich überall gibt’s Mango, vor 15 Jahren gab’s überhaupt keine
Mango, und es ist genau wie mit der Kiwi in den 80er Jahren. Und da hat sie einfach
Recht. Und dann denkt man darüber nach und denkt sich, ja, klar, man hat damals,
war auch die Kiwi die Banane der 80er Jahre.
Ulrike Ostner:
Und man hat sie auch nicht gemocht. - Ich habe meiner Tochter aus dem Buch
vorgelesen, und sie wusste nicht recht, wie sie reagieren sollte. Sie war hin- und
hergerissen zwischen es lustig finden und sich aber auch veräppelt fühlen. Also sie
wusste nicht genau, soll ich vielleicht jetzt beleidigt sein oder nicht, so wie die junge
Frau, die Ihnen den Leserbrief geschrieben hat. Also, es ist eine Gradwanderung,
muss man aufpassen, dass man die jungen Leute nicht verletzt?
Jan Weiler:
Ja, muss man. Die Geschichten sind ja nicht dazu da, die zu diskreditieren und die
sind auch kein Selbsthilfeinstrument für genervte Eltern, sondern die sollen einfach
so diesen Lebensalltag, den man hat mit den Kids, halt irgendwie einigermaßen
lebendig und unterhaltsam wiederspiegeln. Aber die sind überhaupt nicht dazu
gedacht, zum Grämen zu vertiefen.
9
Und in den besten Momenten, das ist eben so bei denen, manchmal lachen die über
einen Witz, den sie morgen doof finden, und dann fühlen sie sich gekränkt und
verletzt und übermorgen finden sie es wieder lustig. Ist auch bei denen immer
tagesformabhängig.
Ich habe aber festgestellt, dass immer mehr von denen in die Veranstaltungen
kommen. Da sitzen jetzt manchmal so ganze Familien, Vater, Mutter, zwei Kinder, so
13 und 16 und dann haben die Mädchen immer am Ende blaue Flecken in den
Rippen, weil die Mütter ihnen immer mit dem Ellbogen bei der Lesung da rein
schupsen und sagen: „Siehst du, genau wie bei uns.“
Und am Ende, glaube ich, finden sie es alle dann doch lustig und okay. Es polarisiert
ja auch nicht sehr.
Also die Geschichten sind ja, die klammern ja bestimmte Dinge einfach auch wirklich
bewusst aus.
Ulrike Ostner:
Wobei dahinter natürlich trotzdem diese Frage steckt, die sich Eltern immer stellen,
also wir wissen, wir haben das alle gelernt ,die Neurowissenschaftler haben das
herausgefunden, während der Pubertät ist eine große Baustelle im Gehirn, alles wird
neu verdrahtet.
Sollen wir also in dieser Zeit aufhören, mit unseren Erziehungsmaßnahmen und nicht
mehr von Sauberkeit, Pünktlichkeit und ich weiß nicht was reden? Oder sollen wir
tapfer durchhalten und weitermachen, in der Hoffnung, dass es noch besser wird?
Weil wir haben ja Angst, wir haben Angst, dass das was wir die ersten zehn, zwölf
Jahre erzogen haben, überhaupt nicht gefruchtet hat.
Jan Weiler:
Jaja. Ich glaube das Umgekehrte ist wahr, ich glaube, so ab zehn oder elf ist
Erziehung eigentlich beendet. Also was sie dann nicht können und gelernt haben,
lernen die auch nicht mehr. Was nicht heißt, dass man keine Haltung haben sollte.
Also ich versuche das immer mit meinen Kindern so zu besprechen, ja, so dass ich
nicht sage: „Ich möchte, dass du in zehn Minuten dein Zimmer aufgeräumt hast“, weil
letzten Endes muss die ja in dem Sauhaufen leben, also nicht ich.
Das mache ich nicht mehr. Ich sage ihr nur, dass ich mich unwohl fühle, wenn ich
daran vorbeigehe, dass es mir nicht gefällt.
Also man muss ja nicht jede Haltung aufgeben und total abreißen lassen und die
einfach so vor sich hin dödeln lassen, man kann ja ruhig sagen, dass man bestimmte
Dinge, dass die einem nicht gefallen.
Und wenn die so einigermaßen, also wenn das Familienleben einigermaßen intakt
ist, dann kommt das auch irgendwann bei denen an.
Ulrike Ostner:
Und es gibt ja natürlich auch diese anderen Bereiche, in denen die jungen Leute
einen ziemlich schnell überholen, also Facebook zum Beispiel, neue
Kommunikationsformen.
Ihr Alter Ego im Buch, versucht da mitzuhalten und dieser Herausforderung
anzunehmen. Wie machen Sie’s im echten Leben, wollen Sie da auch der Freund
ihrer Tochter auf Facebook sein?
Jan Weiler:
Ich bin’s, mal wieder.
10
Ulrike Ostner:
Oh.
Jan Weiler:
Aber ich glaube, sie hat Mittel und Wege mich von den wirklich wichtigen Dingen
irgendwie abzuschneiden, also ich glaube da gibt’s Einstellungen, dass man eben
tatsächlich nicht alles sieht, was die da besprechen. Ich weiß es nicht so genau.
Im Moment bin ich nicht entfreundet, sondern irgendwie bei ihr da in der Liste.
Ich versuche da schon dran zu bleiben, weil es mich auch tatsächlich interessiert.
Ulrike Ostner:
Aber macht man sich lächerlich, wenn man auf diese Ebene geht, und sagt, ich bin
jetzt wieder defriendet worden, also.
Jan Weiler:
Nee, wenn man alles kommentiert, macht man sich lächerlich.
Also es gibt einfach auch Diskussionen, die die führen, zum Beispiel da über diese
bärtige Grand Prix Gewinnerin aus Österreich, das lese ich alles mit, aber ich
kommentiere das nicht. Mich interessiert das, natürlich gucke ich zwischendurch, ob
da irgendwas drin ist, was ich gut gebrauchen kann, für meine Arbeit, aber ich halte
mich da raus. Und das würde ich jedem anderen auch empfehlen.
Ulrike Ostner:
Aber ein bisschen Kontrollbedürfnis ist doch da.
Jan Weiler:
Kontrollbedürfnis, würde ich nicht sagen. Also, ich vertraue denen schon. Also, dass
die sich zum Beispiel jetzt nicht irgendwelchen rechten Truppen da anschließen und
anfangen irgendwelche fürchterlichen Sprüche da zu dreschen, also da vertraue ich
denen voll. Und das wäre für mich eigentlich fast das Schlimmste, was mir als Vater
passieren könnte, wenn meine moralischen Werte oder politischen Werte dann so
überhaupt nichts mehr zählen würden.
Das würde mich eigentlich mehr verletzten als zum Beispiel irgendwelche aus dem
Ruder gelaufenen Schminkversuche. Dazu äußere ich mich nicht.
Also genauso wie ich das irgendwann gelassen habe, mich über Freunde zu äußern.
Also jemanden für einen Idioten zu halten, ist nicht sehr hilfreich für die Kinder.
Ulrike Ostner:
Gilt das auch für die männlichen Freunde, bei Mädchen?
Jan Weiler:
Ja, ja. Finde ich schon.
Ulrike Ostner:
Auch für die Ernstzunehmenden?
Jan Weiler:
Auch für die Ernstzunehmenden, weil die ja einfach die Erfahrung, dass jemand also
ganz offensichtlich eine totale Pflaume ist, das ist ihr Recht, das selber in Erfahrung
zu bringen.
11
Also indem sich bei mir irgendeiner mit so einem schlaffen, schwitzigen Händedruck
vorstellt und ich denke: was ist denn das für eine totale Null? Wenn er dann weg ist,
das zu meiner Tochter zu sagen, steht mir überhaupt nicht zu. Das ist einfach ihr Bier
und absolut ihr Recht.
Und außerdem, man kann ja überrascht werden, vielleicht entwickelt der sich ja zu
einem ganz reizenden Vogel.
Ulrike Ostner:
Haben Sie das Erlebnis erster Freund Ihrer Tochter schon hinter sich?
Jan Weiler:
Hm hm.
Ulrike Ostner:
Hm hm?
Jan Weiler:
Ja, ich habe auch die Trennung, oh Mann, auch schon hinter mich gebracht. Ich
mochte ihn sehr, und der wurde dann einbestellt irgendwann, und immer wenn der
sonst abends kam, dann kam der immer kurz ins Wohnzimmer hat so „Hallo“ gesagt,
und wenn er ging, kam er wieder kurz ins Wohnzimmer und dann so „winke winke,
auf Wiedersehen“ und dann war er weg.
Und eines Abends kam er und sagte auch „Hallo“ und dann ging’s die Treppe rauf
und dann erfolgte ein ungefähr 20 minütiges Kündigungsgespräch, und dann ging er,
und zwar, ohne noch mal ins Wohnzimmer zu kommen. Man hörte dann nur noch die
Haustür leise klacken und dann war er aus unserem Leben verschwunden.
Und das war für mich wirklich furchtbar.
Ulrike Ostner:
Sie hätten ihm gerne noch „auf Wiedersehen“ gesagt.
Jan Weiler:
Ja, das war schon komisch, weil ich den tatsächlich ganz gern mochte.
Ulrike Ostner:
Na, vielleicht dürfen Sie ihn behalten, vielleicht kommt er ja mal als Freund wieder,
wer weiß.
Jan Weiler:
Nee, der ist verschwunden.
Ulrike Ostner:
Der ist ganz weg, ach wie schade.
Jan Weiler:
Der ist dann nie wieder aufgetaucht.
Das ist ja überhaupt das Allerschlimmste, dass die Mädchen dann zu den Jungen
diesen grauenhaften Satz sagen: „Wir können ja einfach so Freunde bleiben.“
Ulrike Ostner:
Das finden die Jungs nicht gut.
12
Jan Weiler:
Nee. Also ich fand das als Junge schrecklich, weil das wollte ich ja gerade nicht.
Ulrike Ostner:
Klar.
Jan Weiler:
Und das dann so gesagt zu bekommen, entwertet natürlich auch alles was vorher
war auf eine so dramatische Weise.
Ulrike Ostner:
Vielleicht sollten das die Väter in Zukunft sagen, zu den Jungs: „Wir können ja
trotzdem Freunde bleiben.“
Jan Weiler:
Ich hätte an der Haustür auf ihn warten sollen und hätte zu ihm sagen sollen: „Du, wir
können ja irgendwie Freunde bleiben.“
Ulrike Ostner:
Wir trotzdem, genau.
Jan Weiler:
Stimmt, gute Idee.
Ulrike Ostner:
Ich frage mich schon manchmal, ob ich auch was aus der Pubertät meiner Tochter,
in dem Fall jetzt, lernen könnte, zum Beispiel für die Pubertät meines Sohnes, denn
die steht ja schon vor der Tür, der ist jetzt 12. Meinen Sie das geht?
Jan Weiler:
Nee. Nee, anderes Spiel, andere Teilnehmer, anderes Spielfeld. Bei Jungs ist es,
glaube ich, einfach anders.
Bei unserem Sohn, wenn das dann jetzt irgendwann losgeht, der ist jetzt dann 12
und vielleicht noch ein Jahr oder anderthalb, und dann geht’s los, und das wird
anders sein als bei unserer Tochter, bin ich sehr sicher.
Ulrike Ostner:
Also ich habe immer das Gefühl, ich verstehe meine Tochter besser als meinen
Sohn, auch in der Hinsicht.
Jan Weiler:
Kann sein, jaja, vielleicht klar ist da was Geschlechterspezifisches. Man weiß dann,
natürlich vom eignen Geschlecht besser, wie sich was anfühlt, als vom anderen, das
ist ja klar.
Ulrike Ostner:
Na, wer weiß. Wir warten das jetzt einfach ab. Und vielleicht bekommen wir dann ein
neues Buch über das männliche Pubertier.
Jan Weiler:
Ja, es gibt auf jeden Fall eine Fortsetzung.
13
Ulrike Ostner:
Dann bedanke ich mich herzlich für das Gespräch, Jan Weiler.
Jan Weiler:
Danke, für die Einladung.
Ulrike Ostner:
Und noch mal der Hinweis aufs Buch, „Das Pubertier“ ist bei Kindler erschienen und
kostet zwölf Euro.
Buchhinweis:
Jan Weiler
Das Pubertier
Kindler Verlag
Gebunden 128 Seiten für 12 Euro
ISBN-13: 978-3463406558
14
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Kategorie
Seele and Geist
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