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Eric Leiderer „Revolution Bildung – so wichtig, wie noch nie!“ Rede

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Eric Leiderer
„Revolution Bildung – so wichtig, wie noch nie!“
Rede beim dezentralen Aktionstag Baden-Württemberg
Friedrichshafen, Donnerstag, 5. Juni 2014
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Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich frage mich schon länger: wie blind muss jemand sein, um die Probleme im
Bildungssystem nicht zu sehen. Wie geht das? Da steht jemand in einem Orkan,
der die Kraft hat Bäume auszureißen und behauptet, es wäre nur ein kurzer Nieselregen.
Und dann, statt geeigneter Schutzmaßnahmen zu treffen, verteilt dieser jemand
Regenschirme und sagt: alle notwendigen Rettungsmaßnahmen sind getroffen.
Genau das geschieht nämlich, wenn Politik und Wirtschaft von Bildung reden. Da
fragt man sich doch: Was soll das?
Ein Beispiel: Die Bildungsministerin spricht von großen Erfolgen in der Bildungspolitik und zeitgleich verbreitet ihr Ministerium folgende Information:
2025 werden in Deutschland 6 Millionen Fachkräfte fehlen. Sechs Millionen!
Kolleginnen und Kollegen, stellt euch das mal vor: wenn diese 6 Millionen Schulter an Schulter stehen, ergibt das eine Menschenkette von gut gebildeten Fachkräften, die zehnmal um den Bodensee reicht. Die werden uns alle fehlen! Das
ist der Wahnsinn, auf den wir tatenlos zusteuern! Und dieser Wahnsinn wird zur
Realität, wenn wir nichts unternehmen.
Kolleginnen und Kollegen, es ist aber nicht nur die Politik, die versucht, uns für
dumm zu verkaufen. Auch die Privatwirtschaft setzt alles daran. Ihr neoliberaler
Einfluss auf unser Bildungssystem hat schließlich erst zu dem Ergebnis geführt,
das derzeit überall Thema ist:
- mangelnde finanzielle Ausstattung
- kürzere Bildungs- und Ausbildungszeiten
- oder die Reaktion auf kurzfristige Anforderungen der Arbeitsmärkte
Das sind nur drei Gründe, die uns alle geradewegs in die Bildungskrise führen.
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Und jetzt steht die Wirtschaft da und klagt. Sie klagt, dass sie keinen gut gebildeten Nachwuchs findet. Da fehlen einem doch die Worte [...]
Man hat also nicht nur versucht, dem Orkan mit Regenschirmen zu entkommen,
man beschwert sich jetzt auch noch, dass man nass geworden ist! Da komme ich
zurück zu meiner Eingangsfrage: Wie blind kann man eigentlich sein?
Finger in die Wunde legen
Kolleginnen und Kollegen, unsere Revolution Bildung ist so wichtig wie noch nie!
Revolution Bildung legt den Finger in die Wunde und sagt: So geht das nicht weiter!
Wir machen Revolution Bildung, weil wir davon genug haben. Weil wir uns nicht
verarschen lassen und weil wir wissen, wie gute Bildung aussehen muss:
Nur gute Bildung befähigt zu Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität.
Dafür kämpfen Gewerkschaften mit Erfolg – schon seit über 160 Jahren. Wir alle
hier haben das Glück, dass unsere Kolleginnen und Kollegen in den Gewerkschaften vor unserer Zeit schon für gute und gerechte Bildung gekämpft haben:
Bildung ist Persönlichkeitsentwicklung.
Bildung ist die Grundlage für Kritikfähigkeit
Sie ist die Grundlage unserer Demokratie.
Doch diese Erfolge stehen jetzt auf dem Spiel. Privatwirtschaftliche Interessen
und eine Politik, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, sind dabei alles aufs
Spiel zu setzen. Sie verzocken die Zukunft der jungen Generation:
• Wir haben derzeit einen Tiefstand bei den Abschlüssen von Ausbildungsverträgen.
• Wir haben Investitionsloch von fast 50 Milliarden im Bildungssystem.
• Wir haben in Deutschland 7,5 Millionen Analphabeten, die älter sind als 18
Jahre.
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• Jedes Jahr verlassen 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss.
• Über 14 Prozent der 20 bis 29-Jährigen haben keinen Berufsabschluss.
Viele von euch kennen diese Zahlen und ihr alle kennt sicher noch weitere alarmierende Fakten. Die Liste der Probleme ist länger. Viel länger.
Deswegen ist unsere Revolution Bildung so wichtig ist wie noch nie!
Umfragen bestätigen die Forderungen der Kampagne
Kolleginnen und Kollegen, der Bezirk Baden-Württemberg – also ihr hier und alle
an den anderen heutigen Aktionsorten – hat mit den Umfrageergebnissen klar
definiert, wo Bildung besser werden muss.
Wenn ich eure Resultate mit unserer bundesweiten Beschäftigungsbefragung
zusammenlege, lande ich direkt bei den Forderungen der Revolution Bildung:
Wir brauchen Zeit und Geld für Weiterbildung! Viel mehr Zeit und viel mehr Geld.
Jeder zweite jugendliche Beschäftigte hat aktuell einen Weiterbildungsbedarf, der
vom Arbeitgeber nicht erfüllt wird. In meinen Augen ist diese Verhinderungsmentalität einer der Gründe für die Bildungsmisere!
Es geht um die Perspektiven der Beschäftigten. Wer der jungen Generation die
Weiterbildung verbietet, nimmt ihr die selbstbestimmte Zukunft!
Weiterbildung sichert Zukunft
Kolleginnen und Kollegen, Weiterbildung muss aus der Sicht des Arbeitnehmers
gesehen werden. Weiterbildung muss den Bedürfnissen derer entsprechen, die
sie für ihren beruflichen oder persönlichen Werdegang brauchen. Wir fordern ein
funktionierendes Weiterbildungsgesetz, dass Finanzierung und Freistellung garantiert. Und wir brauchen einen echten Weiterbildungs-Tarifvertrag.
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Es muss Schluss sein, mit den Angeboten, die nur für die Anbieter von Weiterbildungen lukrativ sind. Arbeitgeber und Politik stehen in der Pflicht, ein Modell zu
schaffen, dass den jungen Beschäftigten eine klare Perspektive für Weiterbildung
garantiert.
Wir machen Revolution Bildung, weil Zeit und Geld für Weiterbildung der jungen
Generation faire Chancen eröffnet. Chancen, die sie braucht und die sie verdient.
Und das geht nur mit einem klaren und sichereren Tarifvertrag – das wissen wir
doch am besten.
Kolleginnen und Kollegen, ich möchte euch erzählen, was mir neulich eine Kollegin, eine Studierende aus NRW, erzählt hat. Sie sagte mir:
„Jedem jungen Menschen, der sein Studium über BAföG finanzieren will, sollte
man davon abraten. Es warten zu nur Risiken und hohe Schulden auf ihn.“
Eine Studentin, der von der staatlichen Studienförderung abrät. Das muss man
sich vorstellen! Und sie nannte folgende Gründe:
1. Ohne Nebenjob bedeutet der BAföG Höchstsatz ein Leben auf Hartz IV Niveau!
2. Wenn das Studium zeitlich ideal läuft, erreicht man den Bachelor mit 10.000
Euro Schulden.
Aber wann läuft es schon ideal? Normal sind eher noch mehr Schulden:
3. Wer zum Beispiel wegen Krankheit länger braucht, muss zusätzlich einen teuren Anschlusskredit aufnehmen.
4. Wer nach dem Bachelor einen Master machen möchte, muss noch mal mehr
Schulden auf sich nehmen.
Schulden, Schulden und noch mehr Schulden.
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Kolleginnen und Kollegen, ich musste ihr leider Recht geben. So geht man in
Deutschland also mit der jungen Generation um. Frau Bildungsministerin, das ist
ein Skandal.
Wir haben in Deutschland eine soziale Auslese. Jungen Talenten und Lernwilligen wird wegen ihrer Herkunft der berufliche Erfolg verwährt. Das ist eine Riesensauerei.
Bei dieser Situation helfen keine kosmetischen Korrekturen mehr. Wir brauchen
keine Reformen, wir brauchen eine Revolution im Bildungssystem! Wir fordern
eine radikale Neuregelung der Studienförderung!
Für ein gerechtes Bildungssystem reicht das aber noch nicht aus. Damit die Berufsbildung unseren gewerkschaftlichen Qualitätsstandards entspricht, bedarf es
einiger wichtiger Überarbeitungen im Berufsbildungsgesetz!
Gemäß Berufsbildungsgesetz Paragraf 1 soll die – ich zitiere – „berufliche Fortbildung dazu verhelfen, die berufliche Handlungsfähigkeit zu erhalten und anzupassen oder zu erweitern und den beruflichen Aufstieg zu ermöglichen.“
Der „berufliche Aufstieg“ bleibt aber Vielen verwahrt! Weil zum Beispiel die Eltern
nicht genug Geld haben oder weil sie keine Muttersprachler sind. Das Berufsbildungsgesetz muss eine Richtlinie sein, die gute Bildung ermöglicht – und nicht
nur beschreibt, wie sie aussehen sollte. Und dafür werden wir sorgen.
Denn Bildung ist die Antwort auf die kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und
sozialen Fragen unserer Zeit. Und Revolution Bildung heißt: Bildung für alle.
Sechs Millionen Fachkräfte fehlen
Kolleginnen und Kollegen, unsere Revolution Bildung ist so wichtig wie nie! Was
gerade passiert, ist ein schleichender Prozess: Gute Bildung wird nach und nach
zu einem Luxusgut, das sich nur noch die Wenigsten leisten können.
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Und viele Arbeitgeber verschließen die Augen, weil sie nur an schnellen den Profit denken: Lieber günstige prekäre Stellen schaffen, als jungen Menschen zu
guter Ausbildung zu verhelfen – das ist auf den ersten Blick ist das günstiger.
Aber diese Rechnung falsch! Diese Rechnung ist das Chaos von morgen und die
Katastrophe von übermorgen und wird uns allen auf die Füße fallen – oder wo
glauben die denn, bekommt man auf die Schnelle sechs Millionen Fachkräfte
her?
Deshalb heißt es für uns jetzt: Alle Kraft in die Betriebe!
Auf unserem revolutionären Bildungskongress in Stuttgart haben wir gemeinsam
die ersten Schritte für unsere betrieblichen Aktionswochen festgelegt:
Erstens: Findet heraus, was bei euch im Betrieb bereits geregelt wird? Und Zweitens: was muss geändert und verbessert werden? Wird im Betrieb genug für
Weiterbildung getan? Werden die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrates und
der JAV ausreichend genutzt?
Das sind die dringenden Fragen im Betrieb, die wir jetzt beantworten müssen.
Die Antworten sind die Grundlage für betriebliche Besservereinbarungen.
Aber unser Ziel sind tariflich festgelegte Regelungen: Bildungsteilzeit und Bildungsfreistellung, ein möglicher Bildungsfond oder ein Stipendienmodell. All das
können wir nur erkämpfen, wenn wir mit unserer betrieblichen Offensive eine klare Linie in den Betrieben ziehen.
Eine Linie, die zeigt:
Hier ist Schluss mit dem Bildungsirrsinn.
Ab hier kämpft die junge Generation für ihre Zukunft.
Hier beginnt die Revolution Bildung!
Das ist unsere betriebliche Offensive!
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Großer Aktionstag in Köln
Kolleginnen und Kollegen, die Fußball Weltmeisterschaft beginnt in wenigen Tagen. Der Kader steht. Morgen ist der letzte Test bevor es in Brasilien losgeht.
Und beim Endspiel am 13. Juli macht Miro Klose dann einen Hattrick gegen
Spanien.
Das wird der erste Titel dieses Jahres werden. Den Grundstein für unseren zweiten Titel legen wir dann gemeinsam. Und zwar beim großen Aktionstag der IG
Metall Jugend in Köln! Und wisst ihr, wie der Titel heißt? Er heißt:
Gute und gerechte Bildung – festgeschrieben in einem Tarifvertrag!
Unser Kader ist ein bisschen größer als der von Jogi: 15.000 Metallerinnen und
Metaller werden am 27. September in Köln für gute und gerechte Bildung auf die
Straße gehen. Das kann nur die IG Metall!
Wir werden für unsere gemeinsame Vision von Bildung kämpfen. Bildung die
niemanden ausgrenzt und jedem die gleichen Chancen gibt. Egal welcher Herkunft, egal ob arm oder reich, egal ob schnell oder langsam.
Wir werden die Stadt erobern und uns für unsere Forderungen stark machen. Wir
werden in zahlreichen Aktionen Bildung zum Thema des Tages machen. Und wir
werden sicher auch die größte Party des Jahres feiern.
Ich freue mich schon darauf! Jetzt wünsche ich euch noch viel Spaß und viel Erfolg hier in Friedrichshafen und den Kolleginnen und Kollegen an den anderen
Aktionsorten.
Wir sehen uns in Köln. Bis dahin.
Vielen Dank.
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