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Bertrand Piccard: Wie er erneuerbare Energien ausreizt

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Dossier Energie
17. November 2013
Seite 84
Seite 86
Seite 99
Weihnachtsbäume:
So umweltgerecht
ist die Produktion
Hessigkofen:
Ein Dorf hat die
Wende geschafft
Bertrand Piccard:
Wie er erneuerbare
Energien ausreizt
Grüner Leben
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17. November 2013
Dossier Energie — 83
Die Umwelt bestimmt
unser Bewusstsein
Tiere erobern verlorenen Lebensraum, Nachhaltigkeit ist
für Angestellte ein Thema – wir sind auf gutem Weg
Von Marius leutenegger und Erik brühlmann
K
eine Frage: Unserem Planeten geht es nicht gut. Wir
verschleudern seine Ressourcen, fischen seine Meere leer, rotten Tiere und
Pflanzen aus. Doch die schlechten
Nachrichten über den Zustand der
Erde sind kein Grund, dem Fatalismus zu verfallen. Seit den 1970erJahren, als grüne Themen Eingang in
die öffentliche Diskussion fanden,
hat sich vieles zum Guten gewendet.
Die Luft und das Wasser in den Seen
sind sauberer geworden – zumindest
bei uns. Viele Tier- und Pflanzen­
arten, die fast oder ganz aus unserer
Natur verschwunden waren, haben
sich ihren Lebensraum zurückerobern können. Autos stossen weniger Schadstoffe aus, Biolebensmittel
boomen. Und auch die grossen Konzerne, die den Zustand unserer Welt
wesentlich mitprägen, sind grüner
geworden. Kein Unternehmen kann
es sich heute noch leisten, sich umweltschädlich zu verhalten. Unökologisches Verhalten wirkt sich nicht
nur auf die Konsumenten aus, die ein
Unternehmen boykottieren können,
sondern auch auf potenzielle Mitarbeitende. Eine weltweite Umfrage
der Managementberatung Bain &
Company zeigt, dass Nachhaltigkeit
für Arbeitnehmende immer öfter zum
Kriterium für oder gegen ein Unternehmen wird. Befragt wurden insgesamt 750 Beschäftigte in Brasilien,
China, Deutschland, Indien, Grossbritannien und den USA. 70 Prozent
der Befragten erklärten, stärker als
vor drei Jahren auf nachhaltige
Unternehmenspraktiken zu achten –
vor allem in den Bereichen Emissionssenkung und umweltgerechtes
Verhalten im Alltag. Gleichzeitig sind
aber nur 30 Prozent vollauf zufrieden
mit der Leistung ihres Arbeit­gebers
hinsichtlich dieser Kriterien. Besonders jungen Beschäftigten ist Nachhaltigkeit ein Anliegen: Über 50 Prozent der unter 40-Jährigen erklärten,
Nachhaltigkeitsfragen hätten ihre
Entscheidung für den derzeitigen
Arbeitgeber beeinflusst. 15 Prozent
aller Befragten sagten gar, sie hätten
auf ein höheres Gehalt verzichtet, um
bei einem nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen arbeiten zu können. Obwohl es noch viel zu tun gibt:
Diese Entwicklung rechtfertigt auch
einen gewissen Optimismus.
Weniger CO2-Ausstoss
6,57
tonnen
7
CO2-Emissionen pro Kopf
in Tonnen pro Jahr
6,10
tonnen
5,75
tonnen
6
5,8
tonnen
Seit 2007 liegen die CO2-Emissionen pro Kopf
konstant unter 6 Tonnen pro Jahr – so tiefe Werte
gab es seit 50 Jahren nicht mehr. Das klingt
aber nur dann gut, wenn man nicht daran denkt,
dass der klimaverträgliche Ausstoss pro Kopf
bei 1 bis 1,5 Tonnen pro Jahr liegen sollte.
Jahr
5
1990 91
92
93
94
95
96
97
98
99 2000 01
02
03
04
05
06
2007 08
09
10
2011
Quellen: BAFU, Vimentis
Bessere Luft
Schadstoff-Emissionen in der Schweiz
in Prozent (Basis 1950)
600
500
400
300
Stickoxyd
Voc* (ohne Methan)
Kohlenmonoxid
Feinstaub
Schwefeldioxid
Blei
200
100
0
Quellen: BAFU, Vimentis
1950
1960
1970
1980
1990
2000
2010
Weniger Phosphor in schweizer Seen
in Prozent
(Basis 1950)
600
500
Phosphor gelangt hauptsächlich über die Einleitung von
gereinigtem Abwasser, Entlastungen der Kanalisation und
Abschwemmungen von Bodenpartikeln in den See. Dort
fördert er das Algenwachstum – was wieder zu einem
Sauerstoffmangel in den tiefen Wasserschichten führen
kann. Das bedroht das Leben vieler Seebewohner.
400
300
Baldeggersee
Greifensee
Pfäffikersee
Zugersee
Bodensee
Zürichsee
Vierwaldstättersee
200
100
0
1950
Liebe
Leserinnen
und
Leser
1960
1970
1980
1990
2000
2010
Quelle: Amt für Abfall, Wasser,
Energie und Luft (Awel)
Kennen Sie Hessigkofen? Das Dorf
mit dem etwas gewöhnungsbedürftigen Namen liegt im Kanton Solothurn, hat 260 Einwohner, eine Beiz
– und ist das erste Solardorf der
Schweiz. Ein Ort, der heute schon
die Ziele der Energiewende von
2050 erreicht. Gut, ein Bauerndörfchen mit ein paar Idealisten, werden
Sie jetzt sagen. Aber funktioniert das
auch bei Städten? Unmöglich.
Unmöglich, hiess es noch vor ein
paar Jahrzehnten auch beim Thema
Solarenergie. Die Herstellung einer
Solarzelle benötige mehr Energie,
als sie je produzieren könne. Und die
Ingenieure der (amerikanischen)
Autokonzerne amüsierten sich über
die Vision eines Autos, das mit nur
fünf Litern pro hundert Kilometer
auskommen soll. Unmöglich!
Das war vor ein paar Jahrzehnten,
als wir unsere Abfälle noch im Wald
entsorgten, notabene. Heute werden
mit Solarzellen ganze Hochhäuser
beleuchtet und beheizt. Auch bei
uns. Die neusten Hybridautos verbrauchen gerade noch zwei, drei Liter Benzin. Und Elektroautos erreichen Spitzengeschwindigkeiten von
über 200 Kilometern. Es geht also
doch! Aber es braucht Zeit. Und ein
Umdenken. Von jedem Einzelnen.
«Mit einer Gabel können wir die
Welt verändern», ist der amerikanische Wissenschaftler Michael Pollan
überzeugt. Und meint damit, dass
ein Wandel unserer Ernährungsweise die Umwelt nachhaltig beeinflussen kann. Noch etwas pragmatischer
formuliert es Solar-Impuls-Pilot
Bertrand Piccard: «Man kann sich
fragen, wieso man etwas ändern soll,
das funktioniert. Doch gerade weil
wir reich sind, müssen wir in die
­Zukunft investieren.»
Hessigkofen ist erst der Anfang.
Dominic Geisseler
stv. Chefredaktor
Impressum
DOSSIER Energie
ist eine Beilage der Sonntags­
Zeitung und von Le Matin Dimanche
Zahlen und Fakten
Kampf gegen den
Verlust von Esswaren
«Saubere»
Energiesparlampen
Bewusste
Ernährung boomt
Nachhaltigkeit bedeutet auch, weniger Abfall zu verursachen. Während die Situation bei PET, Glas und Co. bereits
sehr grün ist, bilden Nahrungsabfälle nach wie vor ein
grosses schwarzes Loch in der grünen Bilanz. Schätzungen
zufolge geht weltweit rund ein Drittel der produzierten
Nahrungsmittel auf dem Weg vom Feld auf den Teller
verloren. Mit dem Aktionsplan «Grüne Wirtschaft» will der
Bundesrat diese Verluste zumindest in der Schweiz
verringern. Lösungsansätze werden mit allen gesucht, die
an der Nahrungsproduktionskette beteiligt sind – Landwirtschaft, Grosshandel, Gastronomie, Umweltorganisationen
und weitere Bereiche. Ein erstes Fazit liegt voraussichtlich
im nächsten Frühling vor.
Beispielhaft umweltfreundlich sind Energiesparlampen nicht,
denn sie enthalten Quecksilber. Das erschwert einerseits die
Entsorgung und ist andererseits eine Gefahrenquelle, wenn
eine Lampe kaputtgeht. Das Bundesamt für Gesundheit
erklärte die Lampen zwar generell für unbedenklich,
veröffentlichte gleichzeitig aber auch Verhaltensregeln im
Fall eines Lampenbruchs. Eine Lösung könnten jetzt
Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie gefunden
haben: Sie entwickelten eine Energiesparlampe, die ohne
Quecksilber auskommt. Eine Gasmischung wird dabei von
aussen per Mikrowellen zum Leuchten gebracht. Die
3rdPPBulb soll eine Lebensdauer von 30 000 Stunden
haben. Wann sie auf den Markt kommt, ist noch ungewiss.
Der neuste European Food Trends Report des GottliebDuttweiler-Instituts (GDI) bringt es an den Tag: In der
Schweiz isst man immer gesünder und bewusster. Es
scheint, als hätten die jüngsten Lebensmittelskandale das
Vertrauen der Konsumenten in Fertigprodukte erschüttert.
Herkunft, Frische und biologischer Anbau von Lebensmitteln werden laut Studie immer wichtiger – nicht nur zu
Hause, sondern auch in Restaurants, Kantinen und selbst
beim Fast Food. Hinzu kommt, dass gesundes Essen
mittlerweile cool geworden ist. Jeder könne sich heutzutage
so gut über sein Essen informieren, dass er zum Kenner
werde, so die Studie. Beim Essen mit Freunden dominierten
Herkunft und Zubereitung der Speisen oft das Gespräch.
Chefredaktion Martin Spieler
Leitung Dominic Geisseler
Redaktion Marius Leutenegger
Autoren Erik Brühlmann, Andreas
Faust, Benjamin Gygax, Hanspeter
Künzler, Marius Leutenegger,
Bertrand Piccard, Pirmin Schilliger
Art Direction und Layout
Tobias Gaberthuel
Infografik Jürg Candrian
Produktion Michael Matthes,
Detlef Paulus
Fotoredaktion Suse Heinz
Coverfoto Ornella Cacace
Übersetzungen Olivia Goricanec
Verlagsleitung Diego Quintarelli
Leitung Werbemarkt
Adriano Valeri, Werdstrasse 21,
Postfach, 8021 Zürich,
Tel 044 248 40 40,
www.sonntagszeitung.ch
17. NOVEMBER 2013
Ein echter
Nordmann
Bernt Johan Collet, ehemaliger dänischer Verteidigungsminister, Weihnachtsbaumplantage
D
en Wald vor lauter Bäumen nicht sehen? Auf
dem Gut Lundbygaard
in der Nähe des dänischen Dörfchens Lundby ist das tatsächlich möglich: Sechs
Millionen Nordmanntannen wachsen auf insgesamt 1100 Hektaren
Land, vom kleinsten Setzling bis zum
verkaufsfertigen Weihnachtsbaum.
Bäume, so weit das Auge reicht! Jedes
Jahr werden auf der grössten zusammenhängenden Weihnachtsbaumplantage Europas vor Weihnachten
eine halbe Million Tannen gefällt und
in die ganze Welt geliefert, vor allem
in europäische Länder, aber auch bis
nach Japan. «Japan ist aber nur ein
ganz kleiner und sehr komplizierter
Markt», sagt Bernt Johan Collet. Der
72-jährige Däne ist Gutsbesitzer, Inhaber und Namensgeber von Collet,
dem führenden Weihnachtsbaumproduzenten Europas.
Bernt Johan Collet sitzt in Cordhosen, festem Schuhwerk und
schlichtem Hemd in seinem winzigen Büro im Souterrain des prächtigen denkmalgeschützten Gutshauses. Wüsste man es nicht besser, käme man kaum auf die Idee, es mit
einem prominenten Dänen zu tun zu
haben. Doch das elegante Sakko
hebt sich Collet für Geschäftsreisen
und spezielle Anlässe auf. Schon
beim ersten kräftigen Händedruck
wird klar: Dieser Mann ist einer, der
anpackt. Der Gutsherr ist Diplomkaufmann und studierte an der Landwirtschaftsschule Næsgaard Agerbrugsskole, ehe er von 1969 bis 1971
beim amerikanischen Nahrungsmittelkonzern General Mills beschäftigt
war. 1981 wurde er als Vertreter der
Konservative Folkeparti ins dänische
Parlament gewählt. 1987 und 1988
amtete er gar als Verteidigungsminister; danach war er bis zum Rückzug
aus der Politik 1990 Vorsitzender des
parlamentarischen Komitees für
Landwirtschaft, Wälder und Fischerei. 1989 war Collet zudem dänischer
Delegierter der UNO-Generalversammlung und 1990 internationaler
Beobachter der ersten demokratischen Wahlen in Rumänien.
In England buschig, auf
dem Kontinent schmal
Auf Lundbygaard werden seit 1953
Weihnachtsbäume angebaut. «Als
mein Vater damit anfing, hatten wir
vielleicht 1000 oder 2000 Bäume»,
erzählt Collet. «Nach meiner Rückkehr aus den USA schlug ich vor, die
Produktion zu erhöhen. Also pflanzten wir 20 000 Bäume auf einmal. Ich
hatte eine Woche lang schlaflose
Nächte, weil ich befürchtete, dass
mich das ruinieren könnte.» Doch
der Plan ging auf, und seither ist die
Produktion stets erhöht worden. Der
Nachhaltigkeitsgedanke war dabei
immer ein Leitfaden – schliesslich
lebt die Familie Collet schon seit sieben Generationen auf dem Gut.
Langfristige Sicherheit kommt vor
schneller Gewinnmaximierung. «Der
Christbaumanbau belastet den Boden weit weniger als zum Beispiel
der Getreideanbau, den wir früher
hier betrieben», sagt Collet, «auch
weil der Boden nicht ständig gepflügt
wird.» Dass alle Produktionsschritte möglichst nachhaltig gestaltet werden, beweist auch die kürzliche Zer-
tifizierung nach Global GAP. Das
Kürzel steht für «Good Agricultural
Practice».
Bernt Johan Collet lädt zum Rundgang durch seine Riesenplantage ein.
Bereits am frühen Morgen ist die
Temperatur angenehm mild, ein laues Lüftchen weht – ganz anders, als
man es in einem skandinavischen
Land erwarten würde. «Das Klima in
Dänemark ist der Hauptgrund, weshalb wir überhaupt Nordmanntannen anbauen können», verrät der
Gutsherr. «Frost ist der grösste Feind
der Nordmanntannen.» Im Winter
lässt der Frost die Astspitzen erfrieren, im Frühling die neuen Triebe.
Nur wenn die Bäume geschützt sind,
können sie zu perfekten Weihnachtsbäumen heranwachsen. Doch wie
sieht er eigentlich aus, der «perfekte
Weihnachtsbaum»? In jedem Land
ein wenig anders, weiss Bernt Johan
Collet: «In England mag man die
Bäume breit und buschig, in Kontinentaleuropa eher schmal. Schweizer bevorzugen besonders dichte
Bäume.» Der Wuchs lässt sich durch
Beschneidung der Bäume beeinflussen – «ähnlich wie bei der Bonsaipflege, nur längst nicht so aufwendig». Welcher Baum wohin geliefert
wird, entscheiden die Mitarbeitenden bei einer Begehung der Felder,
bei der jeder einzelne zum Fällen
vorgesehene Baum ausgezeichnet
wird. «Auf diese Weise markieren 20
Mitarbeitende etwa 20 000 Bäume
am Tag», verrät Collet und zeigt auf
die farbigen Markierungsstreifen an
jedem Baum. Rund 15 bis 20 Prozent
der angepflanzten Bäume gelangen
jedoch nie auf den Markt, weil sie
Die dänische Firma
Collet liefert
Nordmanntannen
als Christbäume für
Europa – sie
setzt dabei auf
schonende
Produktionsprozesse
VON ERIK BRÜHLMANN (Text)
und Jens Boldt (Fotos)
entweder schief oder unregelmässig
gewachsen oder zu stark von Krankheiten und Schädlingen befallen
sind. «So ist halt die Natur», sagt
Collet immer wieder, wenn er ein
verdorrtes Bäumchen entdeckt. «Sie
spielt nach ihren Regeln, nicht nach
unseren.» Die unverkäuflichen Bäume werden zu Pellets verarbeitet und
in der eigenen Anlage verheizt.
Mithilfe von experten
zum schöneren Baum
Als Geschäftsmann ist Bernt Johan
Collet darauf bedacht, die Ausfallquote so gering wie möglich zu halten – auch wenn ihm klar ist, dass
man Ausfälle niemals ganz verhindern kann. Im Laufe der Jahre suchte man im Unternehmen dennoch
nach Wegen, um der Natur ein wenig unter die Arme zu greifen. «Wir
testeten ein Verfahren namens somatische Embryogenese», erzählt Collet auf dem Weg zu einem Feld mit
dem mysteriösen Namen «Raritätenkabinett». «Dabei entnimmt man aus
den Samen eines besonders schön
gewachsenen Baums eine Zelle und
vermehrt sie. Alle neu gebildeten
Zellen sind identisch und sollten
deshalb ebenfalls schöne Bäume ergeben.» Dass die Zellen über das
Zellstadium hinaus zu einem Baum
heranwachsen, erwies sich bei dieser
Art der Zellvermehrung aber als sehr
schwierig – und teuer. Trotz Hilfe
eines Spezialisten und vielen Experimenten wuchsen die so gezüchteten Bäume langsamer als die herkömmlichen. Kommerziell lohnte
sich die Sache nicht. Die identischen
Zuchtbäumchen stehen nun nach
Dossier Energie — 85
«Lappalie»
Der Klerus wehrte sich gegen
die Christbäume. Durchgesetzt
haben sie sich trotzdem
Gutshaus Lundbygaard in Dänemark: Ausserhalb der Saison werden 20 Mitarbeiter beschäftigt, um die anfallenden Arbeiten zu erledigen
«Familie» geordnet in Reih und Glied
auf dem kleinen Feld; auf den Markt
werden sie wohl nie gelangen.
Nordmanntanne wird
sattgrün dank Dünger
Erfolg versprechender und einfacher
ist es da schon, Samen von besonders schön gewachsenen Bäumen
auf traditionelle Art heranreifen zu
lassen. Das Problem ist dabei allerdings die Zeit. Collet: «Eine Nordmanntanne produziert erst nach 45
Jahren Samen – das ist nicht wirtschaftlich.» Ausserdem wird es in der
natürlichen Heimat der Nordmanntannen immer schwieriger, ausreichend alte, Zapfen tragende Bäume
zu finden. Aber auch für dieses Problem tüfteln die dänischen Baumspezialisten an einer Lösung. «Das Verfahren ist etwas kompliziert», sagt
Collet und zückt Papier und Stift, um
das Prinzip aufzuzeichnen: «Man
nimmt die Samen einer ausgewachsenen Nordmanntanne und lässt sie
zu Bäumchen heranwachsen. Dann
sucht man sich die schönsten Exemplare heraus, schneidet sie und
pfropft sie auf den Stamm eines älteren Baums. Das funktioniert ähnlich wie bei Rosen. Bereits sieben
Jahre später produziert der gepfropfte Baum neue Samen, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu schönen
Christbäumen werden und weiter
verwendet werden können.» Die Samenplantage auf Lundbygaard belegt den Erfolg dieser Methode. Die
gepfropften Bäume mit ihren hohen,
nackten Stämmen und den umso
dichteren Kronen sehen zwischen
den normal gewachsenen Tannen
j­edoch ein wenig seltsam aus. «Das
stimmt allerdings!», bestätigt der
Gutsherr lachend. «Die meisten
­Besucher fragen mich, was mit den
Bäumen schiefgegangen sei.»
Wie bei allen landwirtschaftlichen
Produktionen kommt man auch im
Weihnachtsbaumgeschäft nicht ohne Dünger und Pflanzenschutz aus.
«Es ist sogar so, dass erst der Dünger den Nordmanntannen die so beliebte sattgrüne Farbe verleiht», sagt
der Gutsbesitzer. Auf chemische
Rundumschläge verzichtet man aber.
Den Tannen wird
nur ein Minimum an
Nährstoffen gezielt
zugeführt. Das verzweigte, tief in den
Boden dringende
Wurzelwerk der Bäume verhindert, dass
die Nährstoffe allzu
schnell wieder ausgewaschen werden.
Ausserdem kommt ausschliesslich
Langzeitdünger zum Einsatz. Gut ist
dem umweltbewussten Geschäftsmann jedoch nicht gut genug: «Dieses Jahr haben wir das erste Mal einige Felder mit Klee als Unter­boden
für die jungen Tannen bepflanzt.»
Der Klee entzieht der Luft Stickstoff
und leitet ihn in den Boden, wo er
von den Wurzeln der Tannen aufgenommen werden kann. «Auf diese
Weise könnten wir nach unserem
derzeitigen Wissensstand die ersten
Jahre auf Kunstdünger verzichten.»
Die Herausforderung für die nächsten Jahre bestehe nun darin, den
Kleebewuchs so zu steuern, dass davon zwar die Bäume profitierten,
aber nicht mehr Unkraut wachse.
Ungeziefer wird wenn immer möglich mit speziell auf das jeweilige
Problem zugeschnittenen Mitteln
bekämpft. «Vor einiger Zeit stiessen
wir auf Ungeziefer, das von Auge
nicht sichtbar war und sich an der
Unterseite der Nadeln aufhielt», erinnert sich Collet. «Wir hätten das
Problem mit der Chemiekeule beseitigen können. Stattdessen untersuchten wir die Schädlinge und fanden heraus, dass man sie wirksam,
billig und umweltfreundlich mit
einer Schwefellösung
bekämpfen kann.»
Wer im Weihnachtsbaumgeschäft tätig
ist, benötigt einen langen Atem: Je nach
Wetter und Bodenverhältnissen dauert
es sieben bis neun
Jahre, bis aus einem
Setzling eine stattliche Nordmanntanne geworden ist,
unter die Weihnachtsgeschenke gelegt werden können. Dies bedeutet
allerdings auch, dass die Felder auf
Lundbygaard fast ein Jahrzehnt lang
nichts anderes als ein kontrolliert heranwachsender Wald sind. «Natürlich kann man unsere Plantage nicht
mit dem Ökosystem eines normalen
Walds vergleichen», sagt Collet. «Die
Biodiversität ist bei uns aber sehr viel
grösser als bei Getreidefeldern.» Hasen, verschiedene Vogelarten von
Krähen bis zu Fasanen, Insekten aller Art und Rotwild finden zwischen
den Bäumen ein Zuhause. Das Rotwild bereitet dem Gutsherrn jetzt
aber Kopfzerbrechen: «Dass es sich
«So
ist halt
die
Natur»
hier in der Region ausbreitet, ist neu.
Leider richtet es ungeheure Frassschäden an den Bäumen an, sodass
wir wohl irgendwann nicht mehr darum herum kommen, Zäune um die
Felder zu errichten.»
24 Stunden und bei jedem
wetter Bäume schlagen
Über weite Teile des Jahres geht es
auf Lundbygaard relativ ruhig zu
und her. Rund 20 ständige Mitarbeitende genügen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten und alle anfallenden
Arbeiten zu erledigen. Im Sommer
sorgen lautstark krächzende Krähen
und ab und zu mal ein Traktor auf
seinem Weg zu einem der weitläufigen Felder fast für den meisten Betrieb. Anders sieht es jetzt Mitte November aus. «Nun arbeiten wir Tag
und Nacht in drei Schichten, egal ob
es regnet, stürmt oder schneit», sagt
Collet. Bis zu 200 speziell dafür angeheuerte Hilfskräfte sorgen dafür,
dass die Bäume geschnitten, palettiert und auf einem riesigen, mit Flutlicht beleuchteten Platz für den Abtransport bereit gemacht werden.
Früher damit anzufangen, geht nicht
– schliesslich müssen die Christbäume so frisch wie möglich bei den
Händlern eintreffen. Fällt auch ein
Baum für die Familie Collet ab? «Natürlich – auch wenn wir letztes Jahr
einen kaufen mussten.» Wie bitte?
«Wir hatten so viel zu tun, dass ich
meinen Baum schlichtweg vergass.
Am Ende waren alle Bäume verladen
und keiner für mich übrig.» Dieses
Jahr soll dies nicht mehr passieren:
«Ich habe schon ein, zwei Bäume für
mich reserviert!»
Seit wann die Menschen zur
­Weihnachtszeit einen Baum in die
gute Stube stellen, weiss man nicht
genau. Klar ist jedoch, dass die
immergrünen Gewächse Lebenskraft
symbolisieren – im kalten Winter
etwas, das man sich gern ins Haus
holt. Die Römer schmückten zur
Jahreswende ihre Häuser mit
Lorbeerzweigen, und in nördlichen
Ländern sollten im Winter
­Tannenzweige im Haus böse Geister
abhalten. Der erste geschmückte
Weihnachtsbaum in eigentlichen Sinn
ist für 1510 in Riga nachgewiesen.
Quellen aus Strassburg zeigen, dass
dort 1535 kleine Eiben, Buchsbäume
und Stechpalmen verkauft und in den
Stuben platziert wurden; 1539 stand
vor dem Strassburger Münster zudem
ein Weihnachtsbaum.
Spätestens zu dieser Zeit kam das
Aufstellen von Bäumen zur Weihnachtszeit in den Häusern vornehmer
Bürger auf – nicht immer zur Freude
des Klerus. «Unter anderen Lappalien,
damit man die alte Weihnachtszeit oft
mehr als mit Gottes Wort begehet, ist
auch der Weihnachts- oder Tannenbaum, den man zu Hause aufrichtet,
denselben mit Puppen und Zucker
behängt und ihn hernach abschüttelt
und abblühen lässt», befand der
Strassburger Prediger Johann Conrad
Dannhauer Mitte des 17. Jahrhunderts. «Wo die Gewohnheit herkommt,
weiss ich nicht; ist ein Kinderspiel.»
Den Siegeszug des Christbaums
konnte Dannhauer mit seinen
markigen Worten nicht aufhalten.
Heute werden jährlich rund 60 Millionen Christbäume in Europa und
35 Millionen in den USA produziert.
Die wichtigsten Produzenten in
Europa sind Deutschland, Frankreich
und Dänemark, während die meisten
Christbäume in den USA aus den
Bundesstaaten Oregon, North
Carolina, Washington und Michigan
stammen. Kanada, das Land der
ausgedehnten Wälder, schlägt mit
jährlich rund 6 Millionen produzierten
Christbäumen zu Buche.
Nicht alle diese Bäume landen nach
Weihnachten in der Grünabfuhr oder
in einem privaten Ofen: Der wohl
dienstälteste Christbaum wurde 2012
nach sage und schreibe 2079 Tagen
abgebaut. Ein Rentner aus dem
Saarland hatte die Edeltanne zu
Weihnachten 2006 zu Hause
aufgestellt, konnte sich dann aber
nicht überwinden, sie einfach
wegzuwerfen.
Wo den
richtigen
Baum kaufen
Jahr für Jahr sorgen rund eine Million
Christbäume für Weihnachtsstimmung
in Schweizer Stuben. Etwa die Hälfte
davon stammt aus der Schweiz, die
restlichen vor allem aus Deutschland
und Dänemark. Wer einen einhei­
mischen Baum kauft, schliesst
zumindest den Einsatz von umwelt­
gefährdenden Stoffen aus – denn ein
solcher ist per Schweizer Waldgesetz
verboten. Am günstigsten erhält man
den Schweizer Bio-Christbaum bei
örtlichen Bauern oder Förstern. Wer
zum Grossverteiler geht, muss sich die
Zeit nehmen, sich über die Herkunft
der Bäume zu informieren – eine
gesetzliche Deklarationspflicht
bezüglich der Herkunft besteht
nämlich nicht. Garanten für Christ­
bäume aus einheimischer Produktion
sind ausserdem Labels wie IG Suisse,
Herkunftszeichen Schweizer Holz
oder Oecoplan. Weitere Informationen
zu Schweizer Christbäumen auf der
Website der IG Suisse-Christbaum
unter www.suisse-christbaum.ch.
17. November 2013
Jan Schüpbach mit Sohn Loui: «Ich bin kein Grüner»
Das Haus der Schüpbachs wäre allein einen Artikel wert: Es ist sechseckig. «Ich wusste bereits
als Kind, dass ich einmal in einem solchen Haus wohnen werde», sagt Jan Schüpbach. Als Knirps
habe er in einem Buch Bienenwaben gesehen und sei von der Logik der Form sofort fasziniert
gewesen. Sie schlage sich bei seinem Haus vor allem in der Helligkeit der Räume nieder. «Man hat
von sechs Seiten Lichteinfall!»
Als vor vier Jahren in Hessigkofen eine neue Wohnzone eingerichtet wurde, kaufte Schüpbach ein
Stück Land, um sich darauf seinen Traum vom sechseckigen Eigenheim zu erfüllen. Der 35-Jährige ist in Hessigkofen aufgewachsen, lebte dann ein paar Jahre ausserhalb und kehrte gern wieder
in den Geburtsort zurück. «Man könnte meinen, das hier sei ein typisches kleines Bauerndorf mit
konservativen Leuten», sagt er, «aber die Hessigkofer denken über die Nasenspitze hinaus.» Und
so rümpfte auch niemand die Nase, als Schüpbach sein eigenwilliges Bauprojekt verwirklichte.
Gebaut hat er das Haus, in dem er mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern lebt, mit den
eigenen Händen: Er ist Holzbautechniker. Die Firma Holzbau Moosmann, für die Schüpbach
arbeitet, unterstützte ihn aus Prestigegründen beim Projekt. «Darum habe ich das Haus auch im
Minergie-P-Standard erstellt», sagt er. Die Zertifizierung sei aber nicht im Vordergrund gestanden.
«Ich wollte einfach ein gutes Haus, dessen Hülle nicht nach zehn Jahren erneuert werden muss.»
Ein Grüner sei er nicht – der alte Volvo der Familie brauche zum Beispiel ziemlich viel Benzin,
und «wäre es mir allein um die Ökologie gegangen, hätte ich den höheren Standard
Minergie-P-Eco gewählt».
Auch dass er auf dem Dach des Hauses eine 16 Quadratmeter grosse thermische Solaranlage
installierte, hat nichts mit Ideologie zu tun – sondern schlicht mit Vernunft. «Das ist nachhaltig und
spart Geld.» Bei einer thermischen Anlage wärmt die Sonne ein Medium auf, das wiederum über
einen Wärmetauscher Wasser erhitzt; dieses kann als Warmwasser oder zu Heizzwecken genutzt
werden. Im Keller des Wabenhauses stehen ein 600-Liter-Boiler und ein 1500-Liter-Pufferspeicher.
«Für Warmwasser gebe ich keinen Rappen aus», sagt Schüpbach. Mit Sonnenenergie allein kann
das Haus zwar nicht ganzjährig geheizt werden, aber in einem durchschnittlich warmen Jahr muss
die Familie im Schwedenofen nur etwa drei Ster Holz à je 150 Franken verfeuern, damit es im
Haus permanent 24 Grad warm ist.
Die Heizkosten sind also tief, und die Investition in die thermische Anlage sei überschaubar
gewesen, sagt der Holzbauertechniker. «Natürlich auch deshalb, weil ich vieles selber machen
und die Geräte über einen Kollegen beziehen konnte.»
Zudem bekam er von der Gemeinde einen Zuschuss von 2000 Franken. «Aber ich hätte diese
Anlage auch ohne Fördermittel installiert», sagt er. Er habe auch schon überlegt, Solarpanels für
die Stromproduktion zu installieren. «Davon bin ich wegen Platzmangels wieder abgekommen. Ich
könnte mir aber vorstellen, einer Genossenschaft beizutreten. Ich finde es sinnvoller, sich bei einer
grösseren Anlage einzukaufen – denn im Unterschied zur thermischen Energie lässt sich
Strom mit wenig Verlust transportieren, und aus Kostengründen ist es sinnvoller, eine
grosse statt viele kleine Anlagen zu bauen.»
Dossier Energie — 87
Alles begann in der
Sternen-Beiz
Vor sechs Jahren legte Hessigkofen den Grundstein zum
Schweizer Solardorf – heute hat die kleine Solothurner Gemeinde
die Ziele der Energiewende 2050 bereits erreicht
VON MARIUS LEUTENEGGER (TEXT) UND Ornella Cacace (FOTOS)
E
in fast vergessenes Sprichwort sagt: «Eine grosse Kuh
bringt selten mehr denn ein
Kalb, eine kleine Meise brütet auf einmal aber zehn Junge aus.» Übertragen auf die Energiewende könnte das heissen: Massnahmen sind im Kleinen meist viel
fruchtbarer als im Grossen. Einen
eindrücklichen Beweis dafür liefert
Hessigkofen. Die Gemeinde zählt
gerade einmal 260 Einwohner und
80 Gebäude. Das ist überschaubar,
und Gemeindepräsident Thomas
Steiner sagt: «Wir benötigen keine
halbjährige Analyse, um herauszufinden, was wir brauchen. Hier können wir uns an einen Tisch setzen,
miteinander grübeln – und praktische Lösungen entwickeln.»
Jetzt sitzen sie wieder am Tisch im
Sternen, der einzigen Beiz im Dorf:
Thomas Steiner und seine ehemaligen Kollegen im Gemeinderat, Patrik
Lischer und Daniel Lehmann. Wie
damals, als sie 2007 den Grundstein
für eine Entwicklung legten, die Hessigkofen als «Solardorf» schweizweit
in die Medien brachte: als jene Gemeinde der Schweiz mit der grössten
Fläche Solaranlagen pro Kopf. 2010
erhielt Hessigkofen gar den Solarpreis der Solar-Agentur Schweiz.
Steiner, Lischer und Lehmann gehörten zu den Vätern dieses ungewöhnlichen Erfolgs. An dessen Anfang stand aber vor allem ein schöner Batzen Geld. Weil der Strompreis kontinuierlich sank, erhielt
Hessigkofen wie alle anderen Gemeinden jährlich eine Rückvergütung für bereits bezahlte Energielieferungen. In der Regel gehen solche
Beträge zurück an die Konsumentinnen und Konsumenten. 2007 stellte
der neu zusammengesetzte Gemeinderat dieses Vorgehen aber infrage.
Patrik Lischer, der damals das Ressort Umwelt/Landwirtschaft/Forst
leitete: «Wird Strom immer günstiger, schafft das falsche Anreize. Abgesehen davon merken die meisten
Leute sowieso kaum etwas von der
Rückvergütung – die nächste Stromrechnung fällt dann einfach ein paar
Franken niedriger aus.» Das Geld
lasse sich doch besser verwenden,
fand der Gemeinderat. Also rief er
eine Arbeitsgruppe ins Leben, die
Ideen für die Verwendung der Rückvergütung sammeln sollte; zur Verfügung standen ziemlich genau
100 000 Franken.
«Die Sonne ist eine
ideale Energiequelle»
«Es war klar, dass wir das Geld im
Bereich Energie und nicht einfach
für ein Dorffest einsetzen wollten»,
sagt Gemeindepräsident Steiner.
Schnell einmal lagen 20 bis 30 Ideen
auf dem Tisch – sie reichten von der
Investition in ein Car-Sharing-Programm über den Aufbau einer Velo­
station bis zur Beteiligung an einem
Wärmeverbund. Und fast ebenso
schnell wurden die meisten Ideen
verworfen. Ausser eben jener, das
Geld für Solaranlagen auszugeben.
«Das erschien uns am ehesten realisierbar», sagt Patrik Lischer. Ein
Grund für diese Wahl war auch, dass
mit Daniel Lehmann einer im Gemeinderat sass, der beruflich im
­Bereich der erneuerbaren Energien
tätig ist. Vertrat er die Idee, in Solarstrom zu investieren, denn aus geschäftlichen Gründen? Lehmann lächelt; diese Frage hat er wohl schon
oft gehört. «Vorher war ich bei einem
Elektrizitätswerk tätig. Ich wechselte sicher nicht zu den erneuerbaren
Energien, weil ich hoffte, dort viel
Geld zu verdienen. Ich habe vier
Kinder und will ihnen in die Augen
schauen können. Wir müssen mit
unseren Ressourcen haushälterisch
umgehen, und wir haben mit der
Sonne eine ideale Energiequelle –
wir müssen doch einfach etwas tun,
das in die richtige Richtung geht!»
ausgebaut. Und dann? Ist die Fusion
der Dörfer der Todesstoss für das
Projekt Solardorf? «Wir hoffen
nicht!», sagt Patrik Lischer. «Vielleicht wird sie eher die Taufe für
neue Aktivitäten.» Zu Beginn habe
der Eindruck bestanden, der Erfolg
von Hessigkofen sei nicht zu kopieren und der besonderen Situation
der Gemeinde geschuldet. «Bald
wird sich aber zeigen, ob der Solarfunke nicht doch springt: Wir sind
von vielen Gemeinden eingeladen
worden, unser Konzept vorzustellen;
überall konnten wir säen.»
Initianten würden heute
auf Grossanlagen setzen
Der Lehreranteil ist
auffallend hoch
Die Arbeitsgruppe arbeitete schliesslich zwei Varianten aus. Die erste sah
vor, dass die Gemeinde mit dem Geld
eine eigene Anlage baut – und die
zweite, dass sie Einwohnerinnen und
Einwohner beim Bau individueller
Solaranlangen finanziell unterstützt.
Die beiden Varianten wurden der
Gemeindeversammlung vorgelegt
und dort lebhaft diskutiert. Schliesslich setzte sich die Variante mit der
Anreizstrategie durch – bei nur zwei
Enthaltungen. So viel Zuspruch
überrascht auf den ersten Blick;
schliesslich ist Hessigkofen eine
Landgemeinde, und in solchen haben innovative Projekte meist einen
schweren Stand. Die Situation im
­solothurnischen Dorf ist aber traditionellerweise etwas speziell, und
darauf ist man auch stolz: Einst galt
Hessigkofen in der Region als «Doktordorf», weil gleich drei Arztpraxen
ansässig waren. Und heute sei der
Lehreranteil in der Gemeinde auf­
fallend hoch, sagt Patrik Lischer, der
selber lange Zeit als Lehrer tätig war
und jetzt eine Schule in der Nähe
­leitet.
Man hat es in Hessigkofen also
eher mit aufgeklärten Leuten zu tun.
Als Beleg für die liberale Haltung der
Dorfeinwohner erwähnt Daniel Lehmann, dass «wir bei der EWR-Abstimmung den schweizweit höchsten
Ja-Anteil hatten». Im kleinen Dorf
gibt es auch kaum Platz für Parteien.
Im Gemeinderat sitzt zwar ein SVPVertreter, die anderen vier Mitglieder sind aber parteilos. «Dies ermöglicht ideologiefreie Diskussionen»,
sagt Patrik Lischer. Die Initianten
mussten nicht mit präventiver Fundamentalopposition gegen ihre Idee
rechnen. «Die Leute hörten uns interessiert zu», sagt Daniel Lehmann.
«Und das war unerlässlich – denn
ein solches Projekt steht und fällt damit, wie gut die Leute informiert
sind. Oft herrscht ja die Haltung vor:
Diese erneuerbaren Energien, das ist
alles Gerümpel. Man muss von Anfang an gezielt vorgehen, damit solche Meinungen am Stammtisch gar
Die Väter des Erfolgs: Daniel Lehmann, Patrik Lischer und Thomas Steiner (v. l.)
nicht erst aufkommen.» Natürlich
gab es auch in Hessigkofen Leute,
die der Solarenergie gegenüber kritisch eingestellt waren. «Und heute
haben sie selber eine Anlage», sagt
Daniel Lehmann. «Wir haben immer
versucht, die Diskussion zu versachlichen, den Leuten Zeit gelassen –
und immer wieder Informations­
anlässe veranstaltet.»
Ausserdem war das Anreizsystem,
das die Initianten entwickelten,
höchst simpel: Wer in Hessigkofen
eine Solaranlage baut, erhält
200 Franken pro Quadratmeter – bis
maximal 2000 Franken, was vielleicht etwa ein Zehntel der
Investitionskosten
deckt. Mit dem zur
Verfügung stehenden
Geld konnte also der
Bau von 50 Anlagen
unterstützt werden.
«Das war schon sehr
ambitioniert», sagt
Thomas Steiner, «bei
nur 80 Häusern.» Auf gerade vier
von ihnen war 2007 eine Solaranlage installiert. Doch auf fast geisterhafte Weise ging ein Ruck durchs
Dorf, nachdem die «Hessigkofer
Energiewende» beschlossen war.
«Noch ehe wir das Antragsformular
entworfen hatten, lagen bei uns Projekte für 300 Quadratmeter Solaranlagen auf dem Tisch», erinnert sich
Patrik Lischer. Im ersten Jahr wurden acht Projekte unterstützt. «Zum
Erfolg führten dann aber viele Faktoren», ist Daniel Lehmann überzeugt. «Schon bald gab es erste Zeitungsberichte, wir gewannen den
Solarpreis, und schliesslich waren alle stolz auf das Erreichte.» Auch die
Nuklearkatastrophe von Fukushima
habe viele angeregt, sich für Solar-
energie zu engagieren. Zupass kam
den Initianten des Projekts Solardorf
wohl auch, dass der Bund zu dieser
Zeit allen Produzenten von Solarstrom eine kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) in Aussicht stellte – ein zusätzlicher finanzieller Anreiz. «Aber bei Solaranlagen darf
man nicht mit dem spitzen Bleistift
rechnen», weiss Daniel Lehmann.
«Eine kurzfristige Denkweise ist
nicht gefragt, eine schnelle Rendite
gibt es nicht. Man muss von der Sache überzeugt sein und über die eigene Nasenlänge hinaus denken.»
Das Ziel der Initianten war, pro
Kopf zwei Quadratmeter Solaranlagen
zu erreichen. Das
wäre bereits Schweizer Rekord gewesen.
Mittlerweile ist Hessigkofen bei vier
Quadratmetern angekommen, Ende
2013 werden es wegen eines weiteren Grossprojekts
wohl sogar zehn sein. Und das Geld
ist noch immer nicht ganz weg. «Die
Arbeitsgruppe Solardorf haben wir
vor zwei Jahren aber aufgelöst», sagt
Patrik Lischer. «Die Anreizstrategie
hat ihre Ziele erreicht.» Ende Jahr
fusioniert Hessigkofen mit umliegenden Dörfern zur neuen Gemeinde Buchegg, die etwa 2500 Einwohner zählen wird. Die Aktion kann
dann nicht mehr weiterlaufen wie
bisher. Das restliche Geld wird in
eine kommunale Anlage gesteckt:
Hessig­kofen hat selber eine 70 Quadratmeter grosse Anlage auf dem
Feuerwehrdepot installiert, um damit den Strom für die neue LEDStrassenbeleuchtung zu produzieren, und diese wird nun noch etwas
«Schnelle
Rendite
gibt
es nicht»
Und auch in Hessigkofen selbst sei
das Ende der Fahnenstange noch
nicht erreicht. Daniel Lehmann:
«Auf Fotos, die aus dem Flugzeug
von unserem Dorf gemacht wurden,
muss man die Solaranlagen auf den
Dächern immer noch suchen. Wir
sind wohl Schweizer Rekordhalter –
aber eigentlich ist es lächerlich, mit
dieser Penetration einen Solarpreis
zu gewinnen. Unsere Solaranlagen
bedecken gerade einmal acht Prozent der gut nutzbaren Dachfläche.»
Ende 2013 werden in Hessigkofen
fast 50 Prozent des Stroms, der in der
Gemeinde verbraucht wird, durch
Sonnenenergie produziert oder – im
Fall der Warmwasseraufbereitung –
substituiert. Hessigkofen ist damit
schon weiter, als die Schweiz 2050
gemäss Energiewende sein soll.
«Theoretisch könnten wir so viel
Strom produzieren, wie wir verbrauchen», sagt Daniel Lehmann. Theoretisch ist der Wert, weil Sonnenenergie allein nicht die Lösung aller
Energieprobleme ist – denn die Panels produzieren nur Strom, wenn
die Sonne scheint, und vernünftige
Speichermöglichkeiten gibt es noch
nicht. «Aber grundsätzlich sind wir
natürlich ein Solarland», weiss Daniel Lehmann. «In den Bergen haben
wir beste Einstrahlungen und ideale
Temperaturen – denn die Anlagen
produzieren mehr Strom, wenn es
kalt ist.»
Unabhängig von der Fusion und
den Plänen der Energiewende halten
die Initianten ihr Konzept selbstkritisch sowieso für überholt. Grosse
Anlagen seien sinnvoller als viele
kleine. Deshalb setzen sie sich heute für genossenschaftliche Lösungen
ein: Viele Leute finanzieren gemeinsam eine Grossanlage. Dies biete
auch Mietern die Möglichkeit, sich
für Solarstrom starkzumachen. «Wir
wollen den Solardorffunken jetzt ins
ganze Land hinaustragen», sagt Patrik Lischer. «In unserer Region ist
bereits viel gegangen. Man darf nicht
immer nur von Hessigkofen sprechen – die Entwicklung ist generell
gut.» Aber nicht überall sind die Voraussetzungen so ideal wie in Hessigkofen – diesem Ort, in dem Kleinräumigkeit, Offenheit und die richtigen Leute am richtigen Ort einen
idealen Humus für ein erfolgreiches
Projekt geboten haben.
88 — Dossier Energie
17. NOVEMBER 2013
Niklaus Bolliger mit Hund Kira:
«Entwicklung basiert auf Kooperation»
«Das Leben ist unerbittlich», sagt Niklaus Bolliger. «Es prüft jedes Gedankengebäude, auch wenn dieses noch so gut klingt.» Genau dies habe ihn
schon immer fasziniert: zu sehen, ob Theorien auch den Praxistest
bestünden. «Hinter der Art, wie ein biodynamischer Bauernhof betrieben
wird, steht eine besondere Betrachtungsweise der Natur», sagt der
55-jährige Biobauer mit Wurzeln in Basel. «Heute sehe ich, dass sie aufgeht:
Entwicklung basiert auf Kooperation. Es braucht eine ganzheitliche
Betrachtungsweise.»
Diese Erkenntnis basiert auf langer Erfahrung. Bereits 1985 kamen Regula
und Niklaus Bolliger nach Hessigkofen, um hier einen konventionellen
Auslaufbetrieb in einen biodynamischen Bauernhof zu verwandeln. Das
entsprach damals kaum dem Zeitgeist. «Wir waren Exoten», sagt der Bauer.
Das machte sie im Dorf aber nicht zu Aussenseitern: «Die Leute waren stolz
darauf, jetzt auch ihren Exoten zu haben.»
Der Hof, den die Bolligers übernahmen, war ein veralteter Kleinbetrieb, der
kaum Energie verbrauchte. Die erste Stromrechnung war tief. Doch das
blieb nicht lange so: Der Betrieb wurde modernisiert, es kamen Kühlräume
und ein zeitgemässer Haushalt hinzu. Innerhalb von 20 Jahren verfünffachte
sich der Stromverbrauch. «Unsere
Produktivität verzehnfachte sich in dieser
Zeit zwar ebenfalls, aber ich konnte den
Anstieg beim Energieverbrauch nicht
hinnehmen», sagt Bolliger. «Schliesslich
war ich in Basel in der Anti-KaiseraugstBewegung aktiv gewesen.»
Zunächst investierte der Biobauer vor
allem in die Energieeffizienz; der Kühlraum
wurde zum Beispiel doppelt isoliert.
Selber auf dem Hof Strom zu produzieren, konnte sich Bolliger lange nicht
vorstellen – Solaranlagen waren noch zu teuer. Als sie erschwinglicher
wurden und der Hof vor ein paar Jahren einen neuen Schopf benötigte, war
für Bolliger aber klar: «Da muss ein Solardach drauf!» Das Geld, das zur
Verfügung stand, reichte allerdings nur für das Gebäude. «Und da entstand
die Idee, Investoren zu suchen, die sich an einer Anlage beteiligten.»
Als sich dann bei einer Jubiläumsveranstaltung des WWF Solothurn noch
weitere engagierte Leute mit ähnlichen Ideen am gleichen Tisch fanden,
beschlossen sie, eine Genossenschaft zu gründen, um Investoren und
Dächer zusammenzubringen. Dies war die Geburtsstunde der
­Genossenschaft Optima Solar. Schon 92 Tage später ging die eindrückliche
Solar­anlage der Bolligers in Betrieb. Mit 130 Quadratmetern Solarpanels
produziert sie jährlich etwa 22 000 Kilowattstunden Strom. Die
­Investitionskosten beliefen sich auf rund 100 000 Franken.
Das Vorgehen beim Schopf auf dem Biohof wurde zum Modell von
Optima Solar: Die Genossenschaft sucht geeignete Dächer, auf denen sich
eine grosse Anlage installieren lässt, und mietet die Fläche für 30 Jahre. Der
Dacheigentümer erhält die Entschädigung für die gesamte Laufzeit sofort in
Form von Anteilscheinen. Bis jetzt konnte Optima Solar 3,5 Millionen
Franken in Solaranlagen investieren; das Geld stammt von 500 Genossenschaftern, die je mindestens 1000 Franken einschossen.
«Nun geht es darum, unsere Idee schweizweit zu verbreiten», sagt Bolliger.
In verschiedenen Gegenden werden gegenwärtig Genossenschaften
gegründet, die sich an Optima Solar anlehnen. Die Nachfrage seitens der
Investoren ist gross. «Es ist eben effizienter, in eine grosse Anlage zu
investieren, als selber eine kleine auf dem Dach zu installieren», sagt Bolliger.
Oder anders ausgedrückt: Kooperation zahlt sich auch hier aus.
«Da muss
ein Solardach
drauf»
Michèle Tschumi, Tochter Nora: «Den Ausschlag gab Fukushima»
Michèle Tschumi verliebte sich als Schülerin in die Region
Buechiberg, in der die Gemeinde Hessigkofen liegt – kein
Wunder, gilt dieses Gebiet doch als eine der letzten
naturnahen Kulturlandschaften im Schweizer Mittelland.
«Wir machten einen Veloausflug hierher», erzählt die
34-Jährige, «und ich fand alles so schön, dass ich mir
sagte: Habe ich einmal ein Haus, muss es hier stehen.»
2006 ging der Traum in Erfüllung: Die Lehrerin und ihr Mann
kauften in Hessigkofen ein Stück Land und
bauten darauf ein Haus für sich und die
beiden Kinder. «Dass wir einmal auf
Alternativenergien setzen würden,
zeichnete sich zu Beginn aber nicht ab»,
sagt Michèle Tschumi. «Wir informierten
uns zwar schon damals über den
Minergie-Standard und dachten auch über
eine Solaranlage nach, aber schnell wurde
uns klar: Ökologisch bauen ist toll, aber
man muss sich das auch leisten können.»
Am Ende entstand daher ein konventionelles Einfamilienhaus.
Doch dann ereignete sich im März 2011 die Nuklearkata­
strophe von Fukushima. «Mein Mann und ich fanden: Es
kann doch nicht sein, dass wir unseren Kindern eine
zerstörte Welt weitergeben! Wir wollten etwas gegen die
Abhängigkeit von der Atomkraft tun.» Zudem seien
Solaranlagen inzwischen auch günstiger geworden. «Und
ganz wichtig war, dass wir wussten: Die Gemeinde
unterstützt uns, wenn wir eine Solaranlage bauen.»
Dabei ging es mehr um den ideologischen Rückhalt denn
um die Fördergelder. «Wir wohnen in der baurechtlich stark
reglementierten Kernzone – ohne Unterstützung hätten wir
hier wohl kaum eine Solaranlage installieren können.» Nicht
zuletzt war für die Tschumis auch entscheidend, dass im
Dorf viele Leute leben, die mit Solaranlagen Erfahrung haben
– das habe alles massiv vereinfacht. Schliesslich baute die
Familie auf dem Dach eine Solaranlage mit 70 Quadratmeter
Panels; sie produziert seither pro Jahr rund 11 000 Kilowattstunden Strom, mehr, als die Familie verbraucht.
Hat sich die Investition gelohnt? «Das Geld, das wir hier
ausgegeben haben, ist weg. Das ist einfach eine Investition
in die Zukunft.» Natürlich hätte Michèle
Tschumi aber nichts dagegen, wenn sich ihr
Engagement irgendwann auch monetär
lohnte. Der Bund entrichtet Besitzern von
Solaranlagen, die Strom ins Netz einspeisen,
eine Kostendeckende Einspeisevergütung
(KEV). Diese Vergütung soll die Zusatzkosten
decken, die beim Produzieren von erneuerbarem Strom anfallen. Gespeist wird der
KEV-Fonds von allen Stromkonsumenten,
die für ihren Verbrauch eine Abgabe
bezahlen. Auch die Tschumis haben eine
KEV beantragt. «Doch die Anträge werden nur sehr langsam
bearbeitet. Und leider ändert das Bundesamt für Energie,
das die Vergütung ausrichtet, auch immer wieder die
Spielregeln.» Bislang bekommt die Familie vom regionalen
Elektrizitätswerk nur einen tiefen Preis für den Solarstrom.
Trotzdem sagt Michèle Tschumi, sie würden sofort wieder
eine Solaranlage installieren. Ein Vorteil sei nämlich auch,
dass sie Stromverbrauch und -produktion ins Bewusstsein
rücke. «Am letzten Tag des Monats liest mein Mann immer
den Strom ab. Wir interessieren uns viel mehr dafür, wie das
Wetter sein wird – und wenn ein Tag lang die Sonne scheint,
freuen wir uns doppelt darüber, weil wir dann besonders viel
Strom produzieren.»
«Wir
freuen
uns über
Sonne»
17. nOVEMBER 2013
Dossier Energie — 89
Energiewende mit vielen
Unbekannten
Ausstieg aus der Atomkraft, Senkung des Verbrauchs und weniger
CO2-Emissionen: Die Strategie des Bundesrates ist hochkomplex – und
die Kosten steigen für Konsumenten und Industrie
VON BENJAMIN GYGAX
Heute
Produktion
1%
1%
0,2
0,2
0,4
0,4
0,6
0,6
11
Windenergie
Windenergie
9%
9%
Geothermie
Geothermie
SO
SOVIEL
VIELENERGIE
ENERGIE
VERBRAUCHT
VERBRAUCHTDIE
DIESCHWEIZ
SCHWEIZ
Biogas
Biogas
1)
ARA
ARA 1)
2)
KVA
KVA 2)
1) Abwasserreinigungsanlage 2) Kehrichtverbrennungsanlage
1) Abwasserreinigungsanlage 2) Kehrichtverbrennungsanlage
* Terrawattstunden
* Terrawattstunden
203
h*h*
203TW
TW
19%
19%
Erdöl
Erdöl
Brennstoff
Brennstoff
224o4m%
%
r
t
16
16
31%
31%
36%
36%
18
18
28%
28%
44
19
19
32%
32%
h
TWh
SStrom5959TW
34%
34%
Erdöl
Erdöl
Treibstoff
Treibstoff
1%
1%
77
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TWh
hh
Verkehr
Verkehr
TW
TW
9
3 39
Industrie
Industrie
Haushalte
Haushalte
Landwirtschaft
Landwirtschaft
16%
Dienstleistungen
Dienstleistungen 16%
h
46 TWh
46 TW
76%
76%
44
77TT
WW
hh
Neue
Neueerneuerbare
erneuerbareEnergie
Energie
Wasserkraft
Wasserkraft
Kernkraft
Kernkraft
Öl
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Gas
27%
27%
DAFÜR
DAFÜRVERBRAUCHT
VERBRAUCHT
DIE
DIESCHWEIZ
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ENERGIE
87 TWh
87 TWh
13%
13%
Gas
Gas
2%
Dafür
2%
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verbraucht 8%
8%
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Schweiz
1
die Schweiz
55 1
Strom
Strom
24 TWh
24 TWh
h
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h
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36T
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25 TWh
25 TWh
10%
10%Rest
Rest
(Biomasse,
(Biomasse,
Abfall,
Abfall,usw.)
usw.)
HEUTE
HEUTE
Holz/Biomasse
Holz/Biomasse
14%
14%
0,8
0,8
8
833 TW
TW h
h
00
in Prozent
in Prozent
Fotovoltaik
Fotovoltaik
Verbrauch
19%
19%
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T WW h
h
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7 22 T W h
TWh
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9 77 T
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Wh
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DAFÜR VERBRAUCHT
VERBRAUCHT
DAFÜR
DIE SCHWEIZ
SCHWEIZ ENERGIE
ENERGIE
DIE
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62 TWh
62 TWh
SO VIEL
VIEL ENERGIE
ENERGIE
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VERBRAUCHT DIE
DIE SCHWEIZ
SCHWEIZ
VERBRAUCHT
8877 TTW
Whh
19%
19%
ENDENERGIEVERBRAUCH
ENDENERGIEVERBRAUCH
24
24 TWh
TWh
hh
W
TW
h
3366 T
TWWh
37T
37
25
TWhh
25 TW
9%
9%
Variante 2: Eine Abgabe wird nicht nur auf Strom
q Schweiz eine Abgabe auf den CO2-Ausstoss von und Brennstoffe, sondern auch auf Treibstoffe erBrennstoffen. Sie liegt zurzeit bei 36 Franken pro hoben, die Sätze liegen höher: 55 Rappen pro Liter
Tonne CO2; ab 2014 steigt sie auf 60 Franken. Treib- Heizöl, 22 Prozent auf dem Stromverbrauch,
stoffe sind abgabefrei.
29 Rappen pro Liter Benzin. Fördergelder würden
Zwei
Drittel
der
Erträge
werden
an
Bevölkerung
schrittweise abgebaut
28%
36%
42%
28%
36%
42%und die Erträge an Haushalund Wirtschaft zurückverteilt, ein Drittel – im Mo- te und Unternehmen rückvergütet.
ment höchstens 300 Millionen Franken – fliesst in
Auch wenn am Ziel einer ökologischen Steuerredas Gebäudeprogramm.
Bund und Kantone fördern form festgehalten wird – die Abgaben liegen unter
hh
WW
die
energetische
Sanierung von Gebäuden mit einem2% jenen, die ursprünglich in Studien berechnet wur10%
Rest
10%
Rest
Dafürverbraucht
verbraucht 8% 2%
Dafür
Betrag
pro Quadratmeter
sanierte
Fläche –8%
denn den.31%
Mit den vorgeschlagenen Abgaben könnte die
(Biomasse,
(Biomasse,
31%
1%
dieSchweiz
Schweiz
1%
die
beim
Gebäudepark
besteht ein riesiges Potenzial zur
55 11 Hälfte der energiepolitischen Ziele erreicht werden,
Abfall,
usw.)
Abfall,
usw.)
Strom
Strom
Energieeinsparung.
die der Bundesrat
hat.
2020
2035
2050
28%
36% für 2035 gesetzt
28%
2020 Als Teil der Energiestrategie
2035
36%
442050
18
27%
18
27%
2050
will
der
Bundesrat
den
Abgabesatz
auf
84 F
ranEmissionsvorschriften
Personenwagen
unterstehen
13%
16
13%
16
ken pro Tonne CO2 erhöhen, damit künftig mehr einer CO2-Emissionsvorschrift: Sie dürfen höchsGas
Gas
Fördergelder zur Verfügung stehen.
19tens 130 Gramm CO2 pro Kilometer ausstossen, an19
4
Der Bundesrat hat Vorschläge
erarbeitet, wie sich sonsten wird eine Sanktion fällig. Der Grenzwert
1 51 5 4
32%2020 auf 95 Gramm sinken.
die Förderprogramme nach 2020
schrittweise
von soll32%
bis
TWhh
59TW
59
m
o
r
m
t
o
S
r
t
S
einem Lenkungssystem72%
ablösen liessen. Zwei Vor- Elektrogeräte
Die heute bereits eingeführten
7700TTW
W
hEner64%
58%
h58%
477TTW
72%
64%
W
hh Ende Jahr
schläge 4sind
bis
in der Konsultation:
gieverbrauchsvorschriften
für Elektrogeräte werden
Variante 1: Die CO2-Abgabe bleibt auf Brennstof- künftig weiter verschärft undhauf weitere Gerätekaq Verkehr
Wh
Verkehr
Stromverbrauch
Übriger
fe beschränkt und beträgt
22 bis 39 Rappen pro LitegorienEnergieverbrauch
ausgedehnt.
Die Energieetikette
informiert
Stromverbrauch
Übriger
Energieverbrauch
TTW
9
Industrie
339 Geräts.
ter Heizöl. Auf den verbrauchten Strom wird eine
über den Verbrauch jedes
Industrie
Abgabe
eine TreibStromnetze Intelligente Messgeräte sollen die Pla19% von 10 Prozent erhoben. Weil auf
34%
Haushalte
19%
34%
Haushalte
19%
19%
stoffabgabe
verzichtet
wird,
kann
der
Verbrauch
nung von Produktion und Netzauslastung erleichLandwirtschaft
Erdöl
Erdöl
Landwirtschaft
Erdöl
Erdöl
nicht genügend gelenkt werden. Fördermassnah- tern, neue Speicher 16%
sollen
Spitzen brechen. Dafür
16%
Dienstleistungen
Treibstoff
Brennstoff
Dienstleistungen
Treibstoff
Brennstoff
men müssten deshalb beibehalten
werden, und die
kommen der Ausbau von PumpspeicherkraftwerAbgaben würden nicht vollumfänglich an Bevölke- ken, neue Batterietechnologien und neue Formen
rung und Unternehmen zurückerstattet.
wie die «Power to gas»-Technologie infrage.
5
599 T
T
1%
CO2- und Energieabgabe Seit 2008 erhebt die
hh
W
TW
3322 T
15 Jahre zu verkürzen und die Vergütung markt­
Die KEV ist am 1. Januar 2009 in Kraft getreten und gerechter zu gestalten: Steuerbare Anlagen werden
garantiert
und
Produzenten
mit flexiblem
Vergütungstarif
in Prozent
00
88
8 8 angehalten,
66
6 6 dazu
44
2 2 den4 4Produzentinnen
10
22
10
00
in Prozent
10
10
von erneuerbarem Strom einen Preis, der ihren
ihren Strom dann einzuspeisen, wenn er am
Fotovoltaik
Fotovoltaik
­Produktionskosten entspricht. Vergütungen gibt es meisten benötigt wird. Für kleine Fotovoltaikan­
Windenergie
Windenergie
Prozent
für:
lagen kann
eine 0,4
Einmalvergütung
0,8 gewährt
0,6
0,4
0,2
ininProzent
0,8
0,6
0,2
11
00 auch
Geothermie
q Wasserkraft bis 10 Megawatt
werden, um den administrativen Aufwand gering zu
Fotovoltaik
Geothermie
Fotovoltaik
q Fotovoltaik
halten.
2035
2050
Holz/Biomasse
2035
2050
Windenergie
Holz/Biomasse
Windenergie
q Windenergie
Biogas
9%
Geothermie
Biogas
9%
Geothermie
q Geothermie
Atomkraft Die fünf Kernkraftwerke der Schweiz, die
1)
HEUTE
HEUTE
ARA
1)
q Biomasse und Abfälle aus Biomasse
zu 44 Jahre alt sind und gut
ein Drittel des
Holz/Biomasse
ARAbis
Holz/Biomasse
2)Schweizer Stroms produzieren, sollen nach dem
KVA
2)
14%
15
TWh*
Biogas
KVA
14%
Biogas
TWh*
Gespeist wird der15KEV-Fonds
durch einen Netz­ Plan des Bundesrats dann stillgelegt werden, wenn
1)
ARA1)ihre
1)
Abwasserreinigungsanlage
zuschlag, den die Stromkonsumenten
bezahlen.ARA
Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist. Darü1) Abwasserreinigungsanlage
25%
25%
2) Kehrichtverbrennungsanlage
2)
2) Kehrichtverbrennungsanlage
2013 liegt die Abgabe bei 0,45 Rappen
pro Kilowattbefindet das Eidgenössische NuklearsicherheitsKVA2)ber
KVA
* Terrawattstunden
* Terrawattstunden
TWh
stunde. 2014 steigt sie auf 0,6 Rappen.
Der Bundes- inspektorat (Ensi), eine24
unabhängige
öffentlich24
TWh
2)Kehrichtverbrennungsanlage
Kehrichtverbrennungsanlage
Abwasserreinigungsanlage
2)
1)1)rechtliche
Abwasserreinigungsanlage
rat kann den Netzzuschlag in den nächsten
Jahren
Anstalt.
Neue
erneuerbare
Energie
39
Neue erneuerbare
Energie
39TW
Terrawattstunden
TW
je nach Bedarf auf bis zu 1,5 Rappen
pro Kilowatt- * *Terrawattstunden
hh
Wasserkraft
Wasserkraft
203
TW
h
h*
203
TW
stunde erhöhen.
Bildung und Forschung Bund und Kantone unterh*
h
W
Öl,
Gas
und
Stromimporte
und Stromimporte
Neue
erneuerbare
Energie
0 TT W
erneuerbare
Energie
Die Vergütungsdauer
liegt heute Öl,
bei Gas
20 Jahren
stützenNeue
die Bildung,
Forschung und
Entwicklung in
10100
Wasserkraft
31%
Wasserkraft
­beziehungsweise 25 Jahren für Fotovoltaikanlagen den Bereichen
Ressourceneffizienz
und erneuer­31%
50%
66%
66%
50%
und Kleinwasserkraftwerke;
demnächst wird der bare Energien
mit verschiedenen FörderprogramKernkraft
Kernkraft
Bundesrat aber über eine kürzere Vergütungs- men. Öl
Im
Rahmen
Ölund
und
Gasdes Masterplans Cleantech
Gas
dauer für neue Anlagen ab 2014 entscheiden. Rund
76% steht 2014 die Ressourceneffizienz im Vorder76%
28 000 Projekte stehen zurzeit auf der Warteliste grund.
für KEV.
2013 hat der Bund zudem die Energieforschung
In seiner Energiestrategie 2050 schlägt der Bun- verstärkt: Im Rahmen des Aktionsplans «Koordidesrat vor, den Netzzuschlag künftig auf maximal nierte Energieforschung Schweiz» fördert er diese
2,3 Rappen anzuheben, die Vergütungsdauer auf bis 2016 mit 202 Millionen Franken.
Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV)
Morgen
Prozent
ininProzent
00
22
44
88
66
ENDENERGIEVERBRAUCH
ENDENERGIEVERBRAUCH
10
10
Fotovoltaik
Fotovoltaik
Windenergie
Windenergie
28%
28%
Geothermie
Geothermie
2035
2035
hh
WW
559
9 TT
ARA1)1)
ARA
h
TW
Wh
3377 T
19%
24TWh
TWh
24
Neueerneuerbare
erneuerbareEnergie
Energie
Neue
Wasserkraft
Wasserkraft
Öl,Gas
Gasund
undStromimporte
Stromimporte
Öl,
h
WWh
0TT
0
0
0
11
66%
66%
2020
2020
544
115
3399 T
TW
Wh
h
31%
31%
2035
2035
TTW
Wh
h
Abwasserreinigungsanlage
1)1)Abwasserreinigungsanlage
2)Kehrichtverbrennungsanlage
Kehrichtverbrennungsanlage
2)
Terrawattstunden
* *Terrawattstunden
25%
25%
62
62 TWh
TWh
KVA2)2)
KVA
15TWh*
TWh*
15
42%
42%
2050
2050
Holz/Biomasse
Holz/Biomasse
Biogas
Biogas
9%
36%
36%
72%
72%
50%
50%
Stromverbrauch
Stromverbrauch
2050
2050
64%
64%
ÜbrigerEnergieverbrauch
Energieverbrauch
Übriger
772
2 TTW
Whh
10
10
5533 TTW
Whh
88
66
44
997
7 TTW
Whh
22
5555 T
TW
Wh
h
00
58%
58%
17. November 2013
Biobetriebe sind auf
dem Vormarsch:
Heute produziert
jeder zehnte
Landwirtschafts­
betrieb in der
Schweiz biologisch.
Die Zahl der Biobetriebe stieg 2012 um
2,4 Prozent auf
insgesamt 6120. Die
Fläche der Bio­
betriebe macht
heute 12 Prozent der
gesamten Land­
wirtschaftsfläche
aus; in der Bergzone
beträgt der Flächenanteil sogar
19,6 Prozent.
Bioweizen
macht bis jetzt
erst einen Anteil
von 4 Prozent
aus. Die
Verwendung
von gentechnisch verändertem Saatgut
und transgenen
Pflanzen ist im
Biolandbau
untersagt.
Dossier Energie — 91
Zur Düngung und Bodenverbesserung sind im biologischen Landbau folgende Mittel erlaubt:
q Hofeigener Dünger wie Stallmist oder Gülle, organische Abfälle und Gründüngung.
q Zugeführte organische Dünger wie Kompost und Mist aus anderen Biobetrieben, Horn-,
Haar- und Federabfälle.
q Zugeführte mineralische Dünger wie Gesteinsmehle.
q Präparate zur Beschleunigung der Kompostierung und der Umsetzungsvorgänge im Boden aus
biologischer Produktion: pflanzliche Präparate, Algenextrakte, Bakterienpräparate,
biologisch-dynamische Präparate.
q Mittel zur Stärkung der Pflanzen wie Aufgüsse und Tees, Algenextrakte, Gesteinsmehle.
Die volle Anerkennung als Knospe-Betrieb erhalten Landwirte ab
dem dritten Jahr nach Umstellungsbeginn. Die Knospe ist eine beim
Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum eingetragene schweizerische Kollektivmarke und gehört dem Dachverband Bio Suisse. Die
Knospe-Landwirtschafts-, Verarbeitungs- und Gartenbaubetriebe
verpflichten sich zur Einhaltung von Richtlinien, die weltweit zu den
strengsten gehören und auch Grundsätze bezüglich der sozialen
Verantwortung und fairen Handelsbeziehungen enthalten. Auch für
Taglöhner sind zum Beispiel schriftliche Verträge vorgeschrieben.
Der Detailhandel
erzielte 2012 einen
Wachstumsrekord
von 5,3 Prozent und
einen Gesamtumsatz
von 1,83 Milliarden
Franken mit Bioprodukten. Coop erzielte
mit Bioprodukten
einen Umsatz von 870
Millionen Franken, die
Migros einen solchen
von 484 Millionen.
In Biobetrieben wird soweit möglich der Natursprung
gepflegt. Es dürfen keine aus Embryonentransfer stammende
oder geklonte Tiere gehalten werden.
Junge Säugetiere müssen auf der Grundlage von unveränderter Milch – vorzugsweise Muttermilch – ernährt werden.
Chemisch-synthetische Medikamente dürfen nur in ­
Absprache mit dem Tierarzt eingesetzt und müssen im
­Behandlungsjournal festgehalten werden; die prophylaktische
Verabreichung von Medikamenten ist verboten.
Die Kühe eines Knospe­zertifizierten Betriebs dürfen
nur artgerecht mit Biofutter
gefüttert werden, wenn
möglich stammt dieses aus
dem eigenen Betrieb. Die
Fütterung der Nutztiere soll
die menschliche Ernährung
nicht direkt konkurrenzieren.
Eine von zwei Zertifizierungsstellen kontrolliert den Biobetrieb jedes
Jahr. So ist nachgewiesen, dass alle Richtlinien eingehalten werden.
Finden sich Pestizide, Schwermetalle, Arzneimittel oder ähnliche Stoffe in
Bioprodukten, muss die Zertifizierungsstelle informiert werden. Sie klärt
Massnahmen ab und kann Waren für die Knospe-Vermarktung sperren.
Die Verordnung über die biologische Landwirtschaft des Bundes legt
folgende Grundsätze für die Produktion, die Aufbereitung und die
Vermarktung biologischer Erzeugnisse fest:
q Die natürlichen Kreisläufe und Prozesse werden berücksichtigt. Der
Einsatz chemisch-synthetischer Hilfsstoffe und Zutaten ist verboten.
q Gentechnisch veränderte Organismen und deren Folgeprodukte dürfen
nicht verwendet werden; davon ausgenommen sind veterinärmedizinische Erzeugnisse.
Für Biotiere
gelten besondere
Auslauf- und
Weidevorschriften
von Frühling bis
Herbst. Die Tiere
können im Winter
einen Laufhof
nutzen.
1800 Betriebe halten Biolegehennen. Jeder Legehenne müssen mindestens 5 Quadratmeter Weidefläche
zur Verfügung stehen. Es wird empfohlen, pro 100 Hen­
nen ein bis drei Hähne zu halten.
Legehennen erhalten eine spezielle Körnermischung;
damit die Tiere scharren und picken können, wird die
Mischung direkt auf dem Boden verteilt. Der
Marktanteil der Bioeier im Detailhandel steigt seit Jahren
und beträgt heute rund 20 Prozent.
q Die Erzeugnisse werden nicht mit ionisierenden Strahlen behandelt, es
werden keine bestrahlten Produkte verwendet.
q Die Zahl der Nutztiere muss der für die Verwendung
des Hofdüngers geeigneten landwirtschaftlichen Nutzfläche
­entsprechen.
q Die Nutztiere werden während ihrer gesamten Lebensdauer auf
Biobetrieben nach den Anforderungen dieser Verordnung gehalten
und mit Futtermitteln, die nach dieser Verordnung erzeugt worden
sind, gefüttert.
q Die für die landwirtschaftliche Produktion massgebenden Vorschriften
des Tierschutzgesetzes, des Gewässerschutzgesetzes, des
­Umweltschutzgesetzes und des Bundesgesetzes über den Natur- und
Heimatschutz werden eingehalten.
24 Prozent aller
Ziegen leben auf
Biobetrieben.
Ziegen müssen
während der
Vegetationsperiode
täglich geweidet
werden.
Hühner haben das
Rechtauf einen Hahn
Biobauernhöfe unter dem Knospe-Label haben klare Vorgaben bei
­Tierhaltung, Düngern und Pestiziden. Das bedeutet harte Arbeit auf Acker und
Weide – trotzdem nimmt die Zahl der Biobetriebe stetig zu
VON BENJAMIN GYGAX (Text) und Julia Pfaller (Illustration)
Gewächshäuser für den Gemüsebau
und die Topfkräuterproduktion dürfen
vom 1. Dezember bis 28. Februar auf
maximal 10 °C geheizt werden – unter
der Bedingung, dass sie gut isoliert
sind. Andernfalls dürfen sie nur frostfrei
gehalten werden.
21 Prozent der Schafe leben auf Biobetrieben. Die Schafe müssen in Gruppenhaltung
auf der Weide oder im Winter im Lauf- stall
mit Auslaufmöglichkeit gehalten werden.
55 Prozent aller
in der Schweiz
erzeugten Heil­
pflanzen sind Bio.
Die Liegeflächen von
Schweinen dürfen keine
Perforation aufweisen und
müssen eingestreut sein.
Alle Schweine müssen
täglich Auslaufmöglich­
keiten haben.
Mindestens 50 Prozent der offenen
Ackerfläche müssen ausserhalb der
Vegetationsperiode – also zwischen
dem 15. November und dem 15. Februar – mit einer Pflanzendecke wie zum
Beispiel Wiese oder Gründüngung
belegt sein. Im Ackerbau muss
zwischen zwei Hauptkulturen der
gleichen Art eine Anbaupause von
mindestens einem Jahr eingehalten
werden, im Gemüsebau gilt eine
Anbaupause von 24 Monaten. Dies
alles dient der Bodenfruchtbarkeit.
15 Prozent aller Feldge­
müse werden im Biostandard angebaut. Hinter
Biogemüse steckt
besonders viel Arbeit – der
Verzicht auf chemisch-synthetische Spritzmittel
fordert Jäten von Hand und
mit der Hacke. Bei normalem Unkrautbefall müssen
etwa 300 Arbeitsstunden
pro Jahr und Hektare
­aufgewendet werden.
Der biologische Landbau fordert
natürliche Lebensprozesse und
trifft Massnahmen zugunsten der
Biodiversität. Zum Beispiel
müssen pro Hektare Anbaufläche
mindestens drei Wassergräben,
Bächlein, Tümpel, Steinhaufen,
Trockenmauern, Ruderalflächen
oder offene Bodenflächen,
Asthaufen, Hecken oder
Gebüsche vorhanden sein, um
die Artenvielfalt zu erhalten und
Nützlinge zu fördern.
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1.7 l); CO2-Emissionen kombiniert: 0 g/km (bei der Stromproduktion 27 g/km), Energieeffizienz-Kategorie: A. Durchschnittswert CO2-Emissionen der
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17. November 2013
Dossier energie — 93
Eine
windige
Sache
Energie aus
Windkraft: In der
Nordsee viel
wirkungsvoller
als in der Schweiz
Foto: Reflex Media
Wind ist kostenlos verfügbar und kann auf einfache Weise in
Energie umgewandelt werden. Doch diese Technologie taugt
in der Schweiz nicht als Universallösung
VON ERIK BRÜHLMANN
D
ie Energie, die im Wind
steckt, nutzen Menschen nachweislich seit
bald 4000 Jahren: Ein
Gesetzestext lässt vermuten, dass in Babylon bereits 1750
v. Chr. Windmühlen standen. Seither
hat sich die Technologie natürlich
weiterentwickelt, grundsätzlich basieren moderne Windturbinen
aber auf dem gleichen Konzept
wie jene Windmühlen, gegen die
einst Don Quichotte ritt. Auf einem
bis zu 150 Meter hohen Mast ist die
sogenannte Gondel angebracht. Sie
enthält meist den Generator, an dessen Welle die Nabe und die Rotorblätter montiert sind. In der Praxis
haben sich dreiflügelige Rotoren
durchgesetzt. Die kinetische Energie
der Windströmung wirkt auf die Rotorblätter und setzt sie in Bewegung.
Diese Rotationsenergie wird im Generator in elektrische Energie umwandelt. Je nach Grösse und Standort der Turbine können Leistungen
von wenigen Kilowatt bis zu mehreren Megawatt erzeugt werden.
BASEL
BASEL
ZÜRICH
ZÜRICH
BERN
BERN
LUZERN
LUZERN
CHUR
CHUR
LAUSANNE
LAUSANNE
SION
SION
WINDKRAFTANLAGEN IN DER SCHWEIZ
WINDKRAFTANLAGEN IN DER SCHWEIZ
Windpark
Windpark
grosse Windkraftanlage
grosse Windkraftanlage
kleine Windkraftanlage
kleine
Windkraftanlage
ehemalige
Anlage
ehemalige Anlage
Windströmungen werden
in der Schweiz behindert
Windenergieanlagen erzeugen im
Betrieb weder Abgase noch CO2Emissionen. Das ist ein gewichtiger
Vorteil. Doch die Anlagen haben
auch einen massiven Nachteil: Sie
produzieren nur dann Strom, wenn
der Wind weht und der Rotor sich
dreht. Vereinfacht gesagt, verhält
sich die erzeugte elektrische Leistung proportional zur dritten Potenz
der Windgeschwindigkeit, oder anders ausgedrückt: Halbiert sich die
Windgeschwindigkeit, sinkt die erzeugte elektrische Leistung um das
Achtfache. Windenergieanlagen
brauchen also viel Wind – und daher
können sie allein die Versorgungssi-
Grösstes Schweizer Windrad: Alp Lutersarni, Entlebuchd
cherheit der Schweiz nicht gewährleisten. «Die Schweiz ist kein geeignetes Land, um Windkraftwerke zu
betreiben», sagt Ingenieur Martin
Sortmann. Er berät den Verein
wind-still, der sich vor allem gegen
ein Windkraft-Grossprojekt auf
dem Chall südwestlich von Basel
engagiert. Die Schweiz sei ein
windarmes Land, meint Sortmann:
zu weit weg von Küsten und Meeren,
wo die stärksten Winde wehen, und
voller Hügel und Gebirge, welche die
Windströmungen behindern. «In der
Schweiz weht nur an wenigen Tagen
im Jahr genügend Wind, um auch die
grössten Turbinen auf Volllast laufen
zu lassen. Den Rest des Jahres erreichen die Anlagen bei weitem nicht
jene Kapazität, für die sie eigentlich
ausgelegt sind.» Im Jura herrsche
beispielsweise ein Mittelwind von
5 bis 6 Metern pro Sekunde. «Bei
solchen Windverhältnissen produzieren die Anlagen zwar Strom, aber
nur etwa 10 bis 20 Prozent ihrer
eigentlichen Kapazität», sagt Sortmann. Davon müssten noch die
Verluste abgezogen werden, die
beim Transport und beim Speichern
anfielen. «Da stellt sich die Frage:
Warum stellt man eine Maschine in
die Landschaft, die nur zu einem
Zehntel effizient ist?»
Die Frage scheint berechtigt, und
Martin Sortmann hat auch eine Antwort: «Die Schweiz ist eben ein Subventionsparadies!» Zurzeit beträgt
der Subventionstarif für Windenergie 21,5 Rappen pro Kilowattstunde
– und dies während bis zu 20 Jahren.
Dadurch lassen sich Projekte genau
kalkulieren und sogar amortisieren.
Zum Vergleich: Deutschland, das
bezüglich Windenergie zu den
europäischen Vorreitern gehört, subventioniert die Kilowattstunde mit
lediglich 8,8 Cent oder rund 11 Rap-
pen. Zudem würden neue Windprojekte bei uns auch sehr vorteilhaft
«angepriesen», meint Sortmann. Die
Technologie ist beliebt, weil sie so
unkompliziert und sauber wirkt.
Doch das am Ende in der Landschaft
stehende Windrad täusche über
manches hinweg, sagt Sortmann.
«Würden die Windenergieanlagen
effizient laufen, könnte man sie als
das kleinere Übel als
ein AKW bezeichnen.»
Wer sich für Windenergie starkmache,
berücksichtige jedoch
meist das Drumherum
viel zu wenig: «Die geplanten Standorte liegen meist in nicht erschlossenen Gegenden. Will man bis zu
2000 Tonnen Beton
für das Fundament und die Bauteile
einer Anlage mit Schwerlasttransportern anliefern, muss man zuerst
Strassen bauen. Und schliesslich
müssen auch noch Stromleitungen
verlegt und Pumpspeicher gebaut
werden.»
dermäuse sind die Turbinen ein
Risiko, wie man mittlerweile erkannt
hat: Die Druckverhältnisse in
der Nähe der Rotorenblätter können
die Lungen der Tiere zum Platzen
bringen.
Warum engagieren sich Umweltschutzverbände nicht stärker gegen
Turbinenanlagen? Sortmann vermutet, die Verbände seien «etwas im
Clinch: Sie fordern
die Abkehr vom
Atomstrom
und
müssen gleichzeitig
ihre Aufgaben bezüglich Natur- und
Landschaftsschutz
wahrnehmen. Da
gilt es, abzuwägen,
denn den Fünfer
und das Weggli kann
man nicht haben.»
Trotz aller Kritik an der Windkraft
in der Schweiz ist auch der Verein
wind-still überzeugt, dass die Energiewende nötig ist. «Man muss sich
nur mal anschauen, was die Katastrophe von Fukushima noch heute für
Folgen hat», so Sortmann. «Da ist
klar, was ein Super-GAU in der
Schweiz bedeuten würde.» Es stelle
sich jedoch die Frage, mit welchen
Mitteln man die Wende erreichen
wolle. «Generell ist Windkraft von
Natur aus die unsteteste Energiequelle von allen Alternativenergien»,
sagt der Ingenieur. Bei der geringen
Effizienz der Anlagen in der Schweiz
könnten sie den Atomstrom nicht
zuverlässig ersetzen. Hinzu komme,
dass Windkraft die teuerste Energieform sei. Für Martin Sortmann ist
daher klar: «Die Schweiz sollte vor
allem auf die deutlich günstigere
Wasserkraft setzen – und Strom
sparen, nicht nur in Privathaushalten, sondern auch bei Industrie und
Gewerbe.»
«Lieber
auf das
Wasser
setzen»
Wenn Fledermäusen
die Lungen platzen
Umweltbewusste könnten sich auch
daran stören, dass die riesigen Windräder Vögeln Probleme bereiten.
«Die Turbinen stehen meist an Orten, wo es Thermik hat», weiss Martin Sortmann. «Und solche Verhältnisse ziehen auch viele Vögel an, vor
allem Grosssegler.» Diese erkennen
die Anlagen jedoch nicht als Gefahr
und können den sich drehenden Rotorenblättern nicht ausweichen. «Es
ist schwer zu sagen, wie viele Vögel
von den Rotorblättern getötet werden», so der Ingenieur, «denn tote
Vögel werden oft gleich von Raubtieren weggeschleppt.» Auch für Fle-
17. November 2013
Herumstromern
in der Stadt
Für Kurzstreckenbetrieb ist der Elektroantrieb ideal. Fünf Kompakt- und
Kleinwagen der neusten Generation
Renault Zoe
Nissan Leaf
Mit dem Nissan Leaf erschien 2011 das erste für
Elektroantrieb entwickelte Modell. Nach einer Über­
arbeitung leistet der Fünfplätzer mit gutem Platzangebot
80 kW/109 PS, schafft neu bis zu 175 km Reichweite
und verbraucht im Schnitt 15,0 kWh – was einem
Benzinäquivalent von 1,7 l/100 km entspricht. Seine
E
igentlich müssten jetzt
Fanfaren erklingen. Dramatische Musik zum dramatischen Auftritt; wie im
Science-Fiction-Film,
wenn sich der Sternenkreuzer aus
seinem Hangar erhebt und lichtschnell und lautlos in einem Blitz in
den Tiefen des Alls verschwindet.
Stattdessen dringen nur ein kaum
merkliches Surren aus dem Hinterwagen und das Rauschen der Reifen
des Tesla Model S an unsere Ohren.
Aber wir stossen ja auch nicht ins
unendliche Dunkel des Weltalls vor.
Sondern in weisse Nebelwände.
Am Morgen war noch alles klar.
Abgesehen vom Wetter zum Beispiel
die scheinbar unumstössliche Tatsache, dass ein Auto mit Elektroantrieb
nicht für lange Strecken taugt. Dass
es kompakt und leicht konstruiert
sein muss, um mit seiner begrenzten
Batteriekapazität möglichst hohe
Reichweiten erzielen zu können.
Dass eine noble Ausstattung leider
zu schwerwiegend wäre. Und dass es
seinen Insassen auch ein wenig
Duldsamkeit abfordert im Hinblick
auf das Platzangebot.
Teslas Model S stellt all das infrage. Und gleich noch das Axiom der
Autoindustrie, nach dem nur etablierte Hersteller in der Lage sind, ein
Auto zu produzieren, das höchsten
Ansprüchen genügt. Vor zehn Jahren
wurde Tesla gegründet, vor fünf Jahren lancierte das Start-up aus dem
kalifornischen Palo Alto mit dem
Tesla Roadster auf Basis des Lotus
Elise sein erstes Modell. Seit letztem
Sommer in den USA
und seit diesem nun
auch in Europa wird
der Model S angeboten – der materialisierte Widerspruch
zu allen bisher gültigen Gesetzen der
Elektromobilität.
Knapp fünf Meter
lang, für fünf Passagiere konzipiert, mit
opulenten Platzverhältnissen auch
im Fond und zusätzlich zwei immerhin kindertauglichen Notsitzen im
Kofferraum. Der fasst 745 Liter,
mehr als genug für den Familienurlaub, und weil die gesamte Antriebs- und Batterietechnik im Unterboden verbaut wird, kommen noch
150 Liter Stauvolumen unter der
Fronthaube hinzu.
Vor allem aber bietet der Model S
die Fahrleistungen eines Sportwagens, spurtet in der Performance getauften Topversion in 4,4 Sekunden
auf Tempo 100 und erreicht bis zu
210 km/h. Und erreicht im Norm­
zyklus gefahren eine Reichweite von
502 Kilometer. Behauptet jedenfalls
das Datenblatt. Damit sollte die Kapazität der Batterie ausreichen, um
von Zürich über den Klausenpass
und wieder zurück zu kommen. Auch
wenn sie nicht voll geladen ist, als wir
am Morgen losfahren. 327 Kilometer
Restreichweite zeigt der grosse Monitor im Instrumententräger an, der
statt konventioneller analoger Uhren
über nahezu alles Wissenswerte im
Model S informiert. Wir werden ihn
im Auge behalten.
Auf der ersten Etappe über die A 4
gen Altdorf bleibt Zeit, sich mit dem
Auto vertraut zu machen. Der Spurt
Optik entspricht eher weniger dem europäischen
Geschmack. Die Basisversion kommt ab 27 990 Fr.;
bei Kauf der Batterie werden 7700 Fr. Aufpreis fällig. Als
günstigstem Auto im Feld ist beim Renault Zoe für ab
22 800 Fr. die Batterie nicht inbegriffen, sondern muss
gemietet werden – für mindestens 95 Fr. im Monat. Da
an der Autobahnauffahrt entlockt
ein erstes Grinsen, mit Tempo 120
rollen wir dahin. So leise, so entspannt. Nur der Wind um die Aussenspiegel und das Abrollen der Pneus
sind zu hören, weil sie eben nicht
von einem Verbrennungsmotor übertönt werden. Die Bedienung? Kinderleicht. Nicht einmal ein Startknopf muss gedrückt werden; es
reicht, mit dem Schlüssel in Form
eines kleinen Model S in der Tasche
einzusteigen und die Bremse anzutippen – fertig zum Fahren.
Alle anderen Funktionen werden
über den riesigen Touchpad in der
Mittelkonsole bedient. Sein Spielwert ist immens. Fast alles lässt sich
konfigurieren; von der Bodenfreiheit
des luftgefederten Fahrwerks bis zur
Intensität der Rekuperation beim
Bremsen. Mit Tippen, Wischen und
Scrollen werden Klimaautomatik,
Navi und Soundsystem eingestellt.
Das riesige Glasschiebedach bewegt
sich synchron zum Finger auf dem
Pad. Wenn der Elektroantrieb als Revolution gilt, dann fehlt noch ein angemessenes Wort für dieses Bedienkonzept. Allerdings wäre man als
Fahrer hilflos, wenn es ausfiele. Die
wenigen realen Tasten für die Fensterheber und der Wählhebel für die
Fahrtrichtung stammen von TeslaAnteilseigner Mercedes. Ganz ohne
die Etablierten geht es noch nicht.
Hinter Altdorf links abbiegen Richtung Klausenpass. Gut 260 Kilometer gewährt uns der Bordcomputer
noch, aber auf den ersten Kilometern
bergan schmilzt das Reichweitenpolster schon rapide.
Nach Spiringen verschluckt uns der Nebel völlig, die Strasse
wird schmäler und
das Auto gefühlt immer breiter als die
nominellen knapp
zwei Meter. Unsichtbar und unhörbar
rollen wir bergan,
riechen den Nebel,
sehen fast nichts.
Hundert Höhenmeter unter der
Passhöhe reisst es dann plötzlich auf,
Sonne vor, das Nebelmeer hinter
uns. Wanderer und Töfffahrer kümmern sich nicht – ein Auto, na und?
Aber ein paar polnische Touristen
gieren nach einem Erinnerungsfoto
mit dem Model S. Freunde daheim
sind zum Beeindrucken da.
Dass die Batterie bei Aufbruch
noch Strom für 115 Kilometer bereithält und das Navi deren 112 bis Zürich ankündigt, macht dann doch ein
wenig nervös. Wir kurbeln die Kehren hinab zum Urnerboden; der Tesla rekuperiert brav und holt dabei
doch nur 5 Kilometer. Ab Linthal
wird das Fahrpedal nur noch gestreichelt und sanft beschleunigt. In
Schänis Wechsel auf die Autobahn,
aber mehr als Tempo 100 mögen wir
nicht riskieren. Doch als wir in
Zürich wieder auf den Hof fahren,
wäre nach rund 220 Kilometern
Fahrt noch Strom für weitere 50 Kilometer vorhanden. Die Technik mag
das eine sein, doch vor allem der
Fahrstil entscheidet über die mögliche Reichweite.
Aber das bleibt die einzige Gemeinsamkeit zwischen einem herkömmlichen und dem Elektroauto.
sie dem Hersteller gehört, entstehen bei einem Defekt
keine Kosten für den Kunden. Die Fahreigenschaften des
Vierplätzers mit knappem Fond und 65 kW/88 PS
überzeugen; Rekuperation und mechanische Bremse
arbeiten feinfühliger zusammen als bei manchem
Konkurrenten. Der Zoe verbraucht im Schnitt 14,6 kWh
– entsprechend 1,6 l/100 km bei Benzin – und schafft
bis zu 220 km. Zum Nachladen benötigt er als Einziger
eine spezielle Säule, die für 1300 Fr. mitgeliefert wird. Der
BMW i3 verfügt über ein leichtes Monocoque aus
Karbonfaser und ein Interieur aus nachwachsenden
Rohstoffen und glänzt vor allem bei den Fahreigenschaf­
Elektrisch
in neue
Sphären
Der Tesla Model S vereint Komfort
mit enormen Fahrleistungen –
und bietet die grösste Reichweite
von Andreas Faust (Text) und Peter Hauser (Fotos)
«Nur
wenige
reale
Tasten»
Aufgestiegen: Der Model S erreicht bei Design, Ausstattung und Verarbeitung das Niveau einer Oberklassen-Limousine
Dossier Energie — 95
e
Smart Fortwo Electric Driv
BMW i3
ten, dank 125 kW/170 PS und Hinterradantrieb. Aber er
hat seinen Preis, mindestens 39 950 Fr. kostet das
Basismodell. Wärmepumpenheizung, Schnelllade­
elektronik und ein Benziner als Range Extender kosten
Aufpreis. Rein elektrisch schafft der i3 190 km (Verbrauch
12,9 kWh, entspricht energetisch 1,5 l/100 km Benzin),
mit Range Extender bis zu 300 km. Smart-Erfinder
Nicolas Hayek hatte den kurzen Zweiplätzer schon so
konzipiert. Aber erst die zweite Generation erhielt einen
elektrischen Antrieb. Nach der letzten Überarbeitung
leistet der Smart Fortwo Electric Drive 60 kW/75 PS
und ist auch als Cabrio lieferbar. Im Schnitt verbraucht er
VolksWagen E-Up
15,1 kWh/100 km (Benzinäquivalent 1,7 l/100 km),
schafft etwa 145 km/h und kostet mindestens 31 500 Fr.
plus 5000 Fr. bei Kauf statt Miete der Batterie. Grösster
Nachteil: der knappe Platz. Der VW E-Up wurde nicht
nur, sondern auch für Elektroantrieb konstruiert und ist
auch mit Benzin- und Naturgasmotoren erhältlich. Der
Vierplätzer leistet 60 kW/82 PS und verbraucht im
Schnitt 11,7 kWh/100 km (Benzinäquivalent 1,3 l/100
km) – der niedrigste Verbrauch unter den gezeigten
Modellen. Reichweite im Normzyklus: 160 km. Im
Innenraum geht es nicht üppig, aber akzeptabel zu;
die Preise beginnen bei 32 700 Fr. inklusive Batterie.
«Es besteht enormer
Aufklärungsbedarf»
Jörg Beckmann, Leiter der Mobilitätsakademie, zur Zukunft der E-Mobilität
Welche Ziele verfolgt die Mobilitäts­
akademie in Bern?
Wie viele Säulen braucht die
Schweiz?
Unser Auftrag ist die Entwicklung
neuer Ideen für nachhaltige Mobilitätskonzepte in allen ihren Facetten.
Inzwischen führen wir auch die
Geschäftsstelle des Verbandes Swiss
E-Mobility und versuchen, der
Elektromobilität in der
Schweiz zum Durchbruch zu verhelfen. Wir
sehen uns als Mittler
zwischen den beteiligten
Akteuren. Und versuchen, die Diskussion in
die richtige Richtung zu
stossen.
Bei einem Marktanteil von 20 Prozent Steckerfahrzeugen reichen
150 Säulen. Zu 80 Prozent werden
E-Mobile ja über Nacht zu Hause geladen; ausserdem wächst das Netz
halb öffentlicher Ladestellen zum
Beispiel an Supermärkten oder Bürohäusern.
Und die wäre?
Es geht nicht mehr darum, die Sinnhaftigkeit
des Elektroautos zu beweisen. Nach unserer
Beobachtung herrscht in
diesem Punkt weitest­
gehend Konsens. Jetzt
muss der Markt für die
Elektromobilität entwickelt werden.
Gibt es diesen Markt?
Ende 2012 waren nur
1800 Elektroautos auf
der Strasse.
Warum zögern die Schweizer?
Es besteht noch enormer Aufklärungsbedarf. Selbst an Fachtagungen
erlebe ich, dass Halbwahrheiten
durchs Dorf gejagt werden. Brauchen wir mehr AKW? Nein. Brauchen wir Tausende Ladesäulen?
Nein. Zudem ändert sich die
Affinität zum Verbrennungsmotor
als Antrieb der angeblich grenzen­
losen Freiheit nur sukzessive.
Tesla Model S – Die versteckte Innovation
Bei Crashtests in den USA erreichte der Model S
5,2 von 5 möglichen Punkten – die Skala reichte nicht
aus. Der Grund liegt im Fehlen von Verbrennungsmotor,
Getriebe und Tank, die bei einem Unfall in den Fahrgast­
raum eindringen und dabei Insassen gefährden könnten.
Stattdessen sind der bis zu 310 kW/416 PS leistende
Elektromotor an der Hinterachse und der mit 85 kWh
etwa das Dreifache einer Kleinwagenbatterie fassende
Stromspeicher unter dem Fahrzeugboden platziert.
Damit werden auch ein tiefer Schwerpunkt und eine
ausbalancierte Gewichtsverteilung erreicht, was der
Fahrdynamik zugute kommt. Dennoch ist die Batterie
so nicht vor Beschädigung gefeit, wie jüngste Brände
eines Model S nach Unfällen zeigen.
E-Maschine für Antrieb
und Rekuperation
Quelle: Tesla Motors
Die gesamte Antriebstechnik des immerhin 2,1 Tonnen schweren Model S wurde im Unterboden positioniert.
Damit bleibt der Innenraum voll nutzbar für Passagiere und Gepäck
3
1
Frontachse mit
Luftfederung
2
Batterie für
390 oder 502 km
4
Hinterradantrieb
mit hoher Traktion
In einigen Jahren
wollen wir eine
App anbieten, mit
der sich Ladesäulen reservieren und
entriegeln lassen
und der Strom abgerechnet wird.
Die Swisscom Managed Mobility als
Verbandsmitglied
verhandelt mit
Technikanbietern.
Derzeit entscheidet der Säulenbetreiber, wie abgerechnet wird. An
der Raststätte Kölliken AG ist der
Strom zum Beispiel
gratis. Dafür konsumiert der Kunde
sicher etwas, während er wartet.
«Hier
ist der
Strom
Gratis»
Vor vier Jahren hat man
die Elektro-Revolution ausgerufen
und überzogene Erwartungen geweckt. Aber die Technologie braucht
Zeit. In den letzten Jahren haben
sich die Neuzulassungen von EMobilen jeweils verdoppelt im
Vergleich zum Vorjahr. 2012 wurden
erstmals mehr Steckerfahrzeuge als
Erdgasautos verkauft. Im internationalen Vergleich stehen wir nicht
schlecht da.
Ausgeklügelt: Nobler Innenraum, LED-Rückleuchten, ausfahrbare Türgriffe, Touchpad für alle Funktionen
Wie wird dann
abgerechnet?
Mit welchem Marktanteil des
Elektroautos rechnen Sie?
Das hängt von der Entwicklung der
Infrastruktur ab und von den politischen Rahmenbedingungen.
Sie planen ein Netz von Schnell­
ladesäulen in der Schweiz. Wer
soll das bezahlen?
Der Verband Swiss E-Mobility hat
im Projekt Evite mit mehreren
Unternehmen ein Memorandum of
Understanding unterzeichnet, mit
dem sich die Unternehmen verpflichten, je 5 Ladesäulen zu finanzieren.
Aktuell haben wir die Zusagen für
80 Säulen; 10 sind bereits in Betrieb,
29 befinden sich schon im Bau. Ab
dem kommenden Jahr werden wir für
KMU anbieten, auch nur für eine
Säule zuzusagen. Mangels Förderung
vom Bund müssen wir das Netz privat finanzieren.
Wird man jedes Elektroauto laden
können?
Mit dem Markteintritt von VW und
BMW gibt es nun drei Steckertypen
in der Schweiz. Unsere Säulen können alle drei bedienen.
Wo werden die Säulen platziert?
Wir haben gemäss den realen Verkehrsströmen entsprechende Zonen
ermittelt, um die Schweiz optimal
abdecken zu können.
Wie sehen Sie die Chancen einer
Förderung seitens des Bundes?
Im Masterplan E-Mobility hat der
Nationalrat den Bund aufgefordert,
sich in der Bedarfsplanung zu engagieren. Wir werden nicht in dem
Umfang staatliche Unterstützung
bekommen wie im automobilgetriebenen Deutschland oder in den Musterländern Estland und Norwegen.
Aber auch bei uns geht was.
Und zwar?
Im künftigen Masterplan E-Mobility sollten die bisherigen Steuerbefreiungen und -ermässigungen bis zu
einem bestimmten Marktanteil festgeschrieben werden. Irgendwann
werden aber auch für E-Mobile im
Rahmen der Finanzierungsgerechtigkeit Abgaben fällig werden. Zum
anderen wäre es wünschenswert,
dass der Bund abseits der Ballungsräume den Aufbau von Ladesäulen
unterstützt. In den Städten regelt das
der Markt. Aber auf dem Land fehlen dafür die privaten Investoren.
Und das lässt sich durchsetzen?
Wir stehen in Gesprächen mit dem
Bundesamt für Energie. Wahrscheinlich wird der Masterplan 2014 in die
Vernehmlassung gehen.
96 — Dossier Energie
N
achhaltigkeit und Rendite
müssen einander nicht
ausschliessen – das zeigt
unser Fonds ‹Raiffeisen
Futura Swiss Stock›», sagt
Sonja Stiegelbauer, Sprecherin von
Raiffeisen Schweiz. Tatsächlich wurde dieser Titel vom Datenprovider
Lipper schon mehrmals als bester
Fonds der Schweiz ausgezeichnet.
Seit seiner Lancierung vor zwölf Jahren erzielte er eine Performance von
77 Prozent. Weniger Glück hatten
hingegen Anleger, die im gleichen
Zeitraum in den «Raiffeisen Futura
Global Stock» investierten. Der liegt
gegenüber dem Lancierungspreis
von damals aktuell mit rund 30 Prozent im Minus. Die beiden Beispiele
verdeutlichen die Bandbreite: Zwischen Top und Flop ist alles möglich.
Trotzdem steht das Prinzip Nachhaltigkeit bei den Anlegern hoch im
Kurs. Gemäss einer in diesem Jahr
veröffentlichten Studie der ResearchAgentur Feri halten 42 Prozent der
Befragten die Berücksichtigung ökologischer, ethischer und sozialer Faktoren für sinnvoll.
Umstritten ist das Volumen nachhaltiger Anlagen in der Schweiz. Die
Migros-Bank schätzt es auf 42 Milliarden Franken. Swiss Fund Data
(SFD) und Lipper gehen dagegen
von 14 Milliarden aus. Und sie kommen zum überraschenden Resultat,
dass in den letzten zwölf Monaten
netto Gelder abgeflossen sind. In
den letzten drei Jahren sei der Marktanteil der Nachhaltigkeitsfonds gar
von 2,14 auf 1,84 Prozent gesunken.
Das könnte ein Indiz dafür sein, dass
der Hype bereits vorbei ist. Dem widersprechen allerdings die meisten
Experten. Markus Signer, Leiter
Markt Schweiz von Pictet Funds,
sagt: «Wir erwarten weiterhin eine
Zunahme ökologisch und sozial bewusster Anleger.» François Vetri,
Sprecher der auf Nachhaltigkeitsfonds fokussierten Robeco SAM,
sieht das künftige Wachstum weniger bei den Privatanlegern als vielmehr bei den Pensionskassen und
Versicherungen. Differenziert beur­
teilt die Situation Marco Mansfeld,
Leiter des Bereichs Nachhaltigkeit
bei der Care Group in Zürich. Das
Unternehmen ist auf die Analyse
nachhaltiger Fonds spezialisiert. Mans­
feld rechnet zwar ebenfalls mit einem
zweistellig wachsenden Gesamtmarkt. Nicht davon profitieren könnten allerdings die auf kleine und
mittlere Unternehmen fokussierten
Themenfonds, die unter der Finanzkrise besonders gelitten hätten.
17. november 2013
Moral und
Rendite passen
zusammen
zu suchen. Die Ausschlussliste ist allerdings je nach Fonds unterschiedlich lang. Sie kann sich auf Alkohol,
Glücksspiel, Kernenergie, Rüstung,
Tabak beschränken. Oder, wenn
striktere Kriterien gelten, auch Autoindustrie, Gentechnologie, Erdölförderung, Kinderarbeit, Korruption,
Zwangsarbeit umfassen. Beliebt sind
die Ethischen Fonds vor allem in den
USA und Grossbritannien, während
sie in der Schweiz keine grosse Rolle spielen. Die Themenfonds schliesslich kommen den Absichten streng
grüner Anleger am nächsten. Sie investieren in Wirtschaftszweige, die
für ökologische Herausforderungen
wie Klimawandel, Wasserknappheit
oder Energieversorgung saubere
­Lösungen entwickeln. Ein bekannter Anbieter von Themenfonds ist
Robeco SAM. Hervorzuheben ist
­deren Wasserfonds «Sustainable
­Water Fund EUR» – wegen seiner
durchschnittlichen Performance von
6,5 Prozent pro Jahr.
In der Praxis werden die Portfolios
selten streng nach diesen drei Kategorien aufgebaut. Die meisten der
von Schweizer Managern initiierten
Nachhaltigkeitsfonds setzen auf eine
Mischung aus Best-in-Class und
ethischen Ausschlusskriterien. Daraus ergeben sich komplexe Fondsstrukturen. Der Anleger kommt deshalb nicht darum herum, die FactSheets zu lesen. Doch selbst wenn
ihm die Anlagestrategie und die zehn
grössten Positionen bekannt sind, ist
er nicht unbedingt klüger. «Aufgrund
der Komplexität und der Vielzahl
von Fonds empfehlen wir jedem interessierten Investor, sich von einem
spezialisierten Anbieter beraten zu
lassen», sagt Andreas Bonifazi, Sprecher der Privatbank Globalance.
Wer in Nachhaltigkeitsfonds anlegen will,
muss sich gut informieren, weil es weder
Gütesiegel noch ­etablierte Definitionen zur
Auswahl von ­Unternehmen gibt
VON PIRMIN SCHILLIGER
Private Anleger müssen
sich selbst informieren
Ethische Fonds, Themenund Best-in-Class-Fonds
Damit ist auch angedeutet, dass es
im Segment Nachhaltigkeit Fonds
und Fonds gibt. Die wenigsten setzen
ausschliesslich auf grüne Kriterien,
sondern berücksichtigen auch ethische und soziale Aspekte. Die Branche redet mittlerweile von «Socially
Responsible Investments» oder SRIFonds. Jedoch existiert dafür weder
ein Gütesiegel noch eine etablierte
Definition. Jede Fondsleitung entscheidet nach eigenem Gutdünken.
Grundsätzlich sind drei Kategorien zu unterscheiden: Best-in-ClassFonds, Ethische Fonds und Themenfonds. Beim Best-in-Class-Ansatz
berücksichtigen die Fondsmanager
die in ihrem Wirtschaftszweig jeweils
nachhaltigsten Unternehmen. Bei
dieser Art von Selektion tauchen in
den Portfolios auch Firmen auf, die
ein Anleger nie erwarten würde:
Atomstromproduzenten, Waffenhersteller oder Erdölförderer wie BP.
Dieser Firma eilte der Ruf voraus,
unter den Ölkonzernen am meisten
zum Schutz der Umwelt zu tun. Bis
2010 die Bohrplattform Deepwater
Horizon im Golf von Mexiko explodierte. BP verlor auf einen Schlag
sein Musterknabenimage, und manche Nachhaltigkeitsfonds gerieten
als Etikettenschwindler in Verruf.
In den Ethischen Fonds, die einen
strengeren Massstab anlegen, haben
Firmen aus problematischen Wirtschaftszweigen grundsätzlich nichts
Bohrplattform Deepwater Horizon von BP: Glaubwürdigkeitsproblem nach der Katastrophe im Golf von Mexiko 2010
Foto: AP/Key
Das Dilemma allerdings: Die spezialisierten Anbieter sind weder neutral
noch unabhängig. «Sie präsentieren
aus verständlichen Gründen nur ihre
eigenen Produkte», warnt Mansfeld.
Es ist ein Einwand, der sich bei den
Recherchen zu diesem Beitrag bestätigt. Pictet, Raiffeisen, Robeco SAM,
J. Safra Sarasin oder Swisscanto
empfehlen alle ihre eigenen Nachhaltigkeitsfonds. «Eine bessere Adresse ist in diesem Fall ein Spezialist
wie etwa die Alternative Bank
Schweiz oder der Vermögensberater
Forma Futura», so Mansfeld. So oder
so bleibt es dem privaten Anleger
nicht erspart, sich umfassend zu informieren. Eine gute Übersicht vermittelt die Datenbank der Nachhaltigkeitsagentur Care Group (www.
srifundsadvice.com). Darauf werden
über 900 Nachhaltigkeitsfonds nach
einheitlichen Kriterien bewertet. Zur
Beurteilung einzelner Unternehmen
ist auch das von Robeco SAM und
KPMG herausgegebene «Sustaina­
bility Yearbook» dienlich.
Informationen gibt es also genug.
Doch der Mangel bleibt, dass einheitliche und strikte Kriterien fehlen.
Unter Führung der Europäischen
Vereinigung für nachhaltige Anlagen
(Eurosif) laufen zwar Bemühungen,
eine Art Label zu definieren. Doch
von einem Konsens ist die Branche
noch weit entfernt. Einigkeit herrscht
höchstens in der Frage der Rendite.
Diese ist, so der übereinstimmende
Tenor, nicht geringer als bei herkömmlichen Anlagen. Globalance
hat kürzlich sämtliche in den letzten
20 Jahren zum Thema erschienenen
158 Studien analysiert. Resultat:
Über die Hälfte der Nachhaltigkeitsfonds, nämlich 57 Prozent, erzielt
eine bessere Rendite als der Gesamtmarkt. Der «Care Group – Global
Sustainable Fund of Funds» zum
Beispiel, ein vor zehn Jahren lancierter Dachfonds, hat seither um 35 Prozent zugelegt. Er überflügelt damit
den MSCI World Index um 5 Prozent. Doch aufgepasst: Man darf die
Ausgabe- und Rückgabekommissionen von 2 bis 5 sowie die Jahresgebühren von 2 Prozent nicht vergessen. Die Mehrrendite kann sich
schnell in Luft auflösen.
17. November 2013
Dossier Energie — 97
«Wir können die Welt mit der
Gabel verändern»
Der New Yorker Buchautor Michael Pollan weiss, wie wichtig
unsere Ernährungsweise für die Umwelt ist
VON hanspeter künzler
Wie kam es dazu, dass Sie sich
für unsere Ernährungsweise
interessieren?
Als Student las ich viele Bücher von
Henry David Thoreau und Ralph
Waldo Emerson. Diese amerikanische Tradition von Natur-Literatur
gefiel mir sehr. Vieles dreht sich dort
um unsere Wahrnehmung von Wildnis. Als ich dann selber einen Garten
hatte, merkte ich, dass es schnell
kompliziert wird, wenn man versucht, diese romantische Denkart in
Einklang zu bringen mit dem
Wunsch, etwas zum Essen oder
schöne Blumen anzupflanzen. Mein
erstes Buch «Second Nature» handelte von diesem Konflikt.
Michael Pollan:
«Monokultur –
das ist die
Ursünde»
Foto: Dukas
Kann die oder der Einzelne denn
überhaupt etwas tun, um die
Situation zu beeinflussen?
Je weniger industriell hergestellte
Produkte wir konsumieren, desto
nachhaltiger leben wir. Je kürzer die
Nahrungsmittelkette ist, in der wir
uns bewegen, desto mehr von unserem Geld geht in die Taschen der
Bauern, die eine vielfältige Landwirtschaft unterstützen. Ich glaube
fest daran, dass wir die Welt mit der
Gabel verändern können. Dreimal
am Tag haben wir die Möglichkeit,
eine Stimme abzugeben.
Sie haben beim Garten
angefangen und sind beim
globalen Ökosystem gelandet?
So ist es. Letztlich geht es mir immer
um die Frage, wie sich die Bedürfnisse der Menschen auf die Natur auswirken. Nichts hat die Natur stärker
verändert als unsere Landwirtschaft.
Den Tierarten, die wir gern essen,
geht es gut; unseren Fressfeinden
aber geht es schlecht. Ich denke zum
Beispiel an den amerikanischen
Wolf. In den USA gibt es noch 10 000
Wölfe, aber 100 Millionen Stück
Vieh. Inzwischen wissen wir, dass
unsere Essgewohnheiten gewaltige
Konsequenzen für unseren Planeten
haben. Die Lebensmittelproduktion
ist verantwortlich für 20 bis 30 Prozent aller Treibhausgase. Darum ist
die Beschäftigung mit solchen Fragen sehr wichtig.
Die meisten Ratschläge, die Sie uns
in Ihren Büchern zum Thema nach­
haltige und gesunde Ernährung
geben, beruhen auf gesundem
Menschenverstand. Warum ist es
so schwierig, auch tatsächlich
entsprechend zu handeln?
Einige Gründe sind psychologischer
Natur, andere sind auf die schlauen
Vermarktungsstrategien der Lebensmittelkonzerne zurückzuführen. Wir
werden täglich mit starken Botschaften konfrontiert. Viele industriell
hergestellte Nahrungsmittel sind so
konzipiert, dass sie ein unwiderstehliches Verlangen anregen. Die Kombination von Salz, Fett und Zucker
spricht direkt unsere Instinkte an.
Viele sind süchtig nach Junk Food.
Welches ist die schwerste Sünde,
die wir bei unserer Ernährungs­
weise begehen?
Die Wurzeln von vielen Problemen
liegen in der Monokultur. Produziert
man am gleichen Ort zu lang zu viel
vom Gleichen, entstehen Probleme.
Die Natur mag Monokulturen eindeutig nicht. Monokultur verlangt
Schädlingsbekämpfungsmittel, Unkrautvertilger und viel fossilen
Brennstoff für den Dünger – und
Dünger braucht es, weil Monokulturen den Boden auslaugen. Dazu
kommt die Umweltverschmutzung
durch den industriellen Mastbetrieb.
In der Menge, wie sie heute produziert wird, ist Jauche kein Segen für
den Boden mehr, sondern ein Gift.
Unsere Ernährungsweise ist auf ganz
wenige Landwirtschaftsprodukte reduziert worden. Fast alle industriell
hergestellten Nahrungsmittel basieren auf Soja oder Mais. Und damit
füttern wir auch das Vieh. Monokultur – das ist die Ursünde.
Kann man Schuldige bezeichnen –
oder sind wir am Ende alle
verantwortlich für diese Situation?
Die Entwicklung erfolgte in Schritten, von denen jeder durchaus sinnvoll zu sein schien. Vieles, was heute zur industriellen Landwirtschaft
gehört, entstand, weil man nach dem
Zweiten Weltkrieg neue Verwendungsmöglichkeiten für die Kriegsindustrie suchte. Fabriken, die im
Krieg Bomben hergestellt hatten,
stellten auf Dünger um – denn Bomben und Dünger basieren auf dem
gleichen Salz, nämlich auf Ammoniumnitrat. Diese Umstellung war
eine einfache, billige und bequeme
Lösung. Vom Klimawandel sprach
noch niemand.
Welchen Einfluss hatten politische
Motive auf die Entwicklung?
Entwicklungsländer miteinbezogen
ist. Quantität ist nicht das Problem.
Das Problem liegt darin, was wir mit
diesen Kalorien anstellen. In der
Form von Ethanol verfüttern wir
20 Prozent davon den Autos und
Lastwagen, weitere 20 bis 30 Prozent
werden von unserem Vieh vertilgt.
Es braucht zehn Pfund Getreide, um
ein Pfund Rindfleisch herzustellen.
Würden wir unsere Essgewohn­
heiten ändern, gäbe es genug
Nahrungsmittel für eine Weltbevölkerung von neun oder zehn Milliarden Menschen.
Biologische Lebensmittel sind teuer.
Können sich nur gut betuchte Leute
ein gesundes Essen leisten?
Einige industriell hergestellte Nahrungsmittel sind tatsächlich sehr billig. Aber viele sind nicht so billig, wie
man meint – denn man bezahlt ja zusätzlich zu den Zutaten auch noch
die Herstellung. Im Allgemeinen gilt:
Wer gewillt ist, selber zu kochen,
kann für wenig Geld gut essen.
«A long terme, les
voitures hybrides
électriques
s’imposeront.»
Die US-amerikanische Regierung
und die grossen Konzerne wollten
Menschen weg vom Land und in die
städtischen Fabriken lotsen. Das hatte zur Folge, dass man die Produktivität der verbliebenen Bauernhöfe
maximieren musste und Arbeitskräfte durch die Chemie ersetzte. Zudem
wurde es lukrativer, Chemikalien
und Maschinen zu verkaufen, statt
Methoden zu einer nachhaltigen
Nahrungsmittelherstellung zu entwickeln. Denn Arbeitsmethoden
können nicht patentiert werden.
Könnte die Weltbevölkerung heute
dennoch nachhaltig ernährt werden
– oder führt angesichts der vielen
hungrigen Mäuler kein Weg an
der industriellen Nahrungsmittel­
produktion vorbei?
Der Mensch braucht am Tag etwa
2000 Kalorien, aber weltweit gemessen stellt unsere Nahrungsmittelindustrie für jeden Menschen fast
das Doppelte her. Und dies, obwohl
in diese Rechnung die nicht immer
sehr produktive Landwirtschaft der
Ernährungstipps
von Michael Pollan
Der 58-jährige New Yorker Michael Pollan studierte englische Literatur, dann
wandte er sich dem Journalismus zu. Er schreibt unter anderem für das «New York
Times Magazine» und das «Harper’s Magazine». Sein erstes Buch «Second
Nature: A Gardener’s Education» erschien 1991. Seither hat er sechs weitere
Bücher veröffentlicht, die sich alle um Ernährungsphilosophie und Nahrungsmittelindustrie drehen. In der Neuerscheinung «Essen Sie nichts, was Ihre Grossmutter
nicht als Essen erkannt hätte» (Kunstmann-Verlag, 221 Seiten, 18 Euro) gibt er
simple, aber sehr einleuchtende Ernährungstipps, an die sich alle halten können:
q Meiden Sie Nahrungsmittel, bei denen irgendeine Form von Zucker (oder
Süssstoff) als eine der drei wichtigsten Zutaten genannt wird.
q Meiden Sie Nahrungsmittel, die mehr als fünf Zutaten enthalten.
q Meiden Sie Produkte mit Zutaten, die ein Drittklässler nicht aussprechen
kann.
q Meiden Sie Nahrungsmittel, für die im Fernsehen geworben wird.
q Es ist besser, etwas zu essen, das auf einem Bein steht (Pilze und
Pflanzen), als etwas zu essen, das auf zwei Beinen steht (Geflügel), und das
wiederum ist besser, als etwas zu essen, das auf vier Beinen steht (Kühe,
Schweine und andere Säugetiere).
q Zahlen Sie mehr, essen Sie weniger.
q Wenn Sie nicht hungrig genug sind, um einen Apfel zu essen, haben Sie
keinen Hunger.
q Essen Sie immer an einem Esstisch.
Welche ist die wichtigste Erkennt­
nis, die Sie aus Ihrer jahrelangen
Beschäftigung mit unserer
Ernährung getroffen haben?
Dass wir in Wirklichkeit noch keine
Ahnung davon haben, wie Nahrungsmittel in unserem Körper wirken. Es ist verlockend, aber auch gefährlich, Nahrungsmittel in ihre einzelnen Nährstoffe zu zerlegen, um
diese dann wissenschaftlich zu analysieren, so wie es in der Nahrungsmittelindustrie seit geraumer Weile
üblich ist. Viele Nährstoffe verhalten
sich aber unterschiedlich, je nachdem, in welcher Form sie gegessen
werden. Spaghetti al dente lösen in
unserem Körper andere Vorgänge
aus als matschgekochte Spaghetti.
Besteht Hoffnung, dass sich die
Dinge ändern?
Ja, ich bin äusserst zuversichtlich,
was die Zukunft angeht. Die Art und
Weise, wie sich unser Umgang mit
Tabak innerhalb kurzer Zeit verändert hat, zeigt mir, dass grundlegende Veränderungen möglich sind.
98 — Dossier Energie
«dreaming
of a
green
christmas»
Weihnachten ist für die Umwelt
wahrlich kein Segen – aber wir
alle können dazu beitragen,
dass die Festtage ein bisschen
grüner werden
Das Problem Weihnachtsbeleuchtung ist ein Stromfresser. Die Schweizerische
Agentur für Energieeffizienz (S.A.F.E.)
hat berechnet, dass Privathaushalte,
Geschäfte und die öffentliche Hand in
der Schweiz rund 100 Millionen
Kilowattstunden (kWh) Strom für
Weihnachtsbeleuchtung aufwenden.
Das entspricht 0,15 Prozent des
gesamten Stromverbrauchs der
Schweiz.
Die Lösung LED-Lichterschmuck
kaufen. Das führt zu erheblichen
Einsparungen. Eine klassische
Lichterkette verbraucht rund
30 Watt, dieselbe Kette mit LEDLämpchen hingegen nur noch ein
Zehntel davon.
Das Problem An Weihnachten landet viel Papier im
Abfall. Wie viel Geschenkpapier
während der Festtage verbraucht
wird, weiss niemand, es gibt aber
einige Hochrechnungen. In Grossbritannien sollen jährlich 8000 Tonnen
Geschenkpapier unter den Weihnachtsbäumen liegen – hinzu kommen
auch noch 1,7 Milliarden Weihnachtskarten. Fast jeder zweite weltweit
gefällte Baum wandert in die Papierproduktion; es ist also sinnvoll, den
Papierverbrauch auch an Weihnachten zu drosseln.
Die Lösung Geschenke mit
Recyclingmaterial einpacken. Schöne
Werbebeilagen, Stoffreste, alte
Stadtpläne, Fotos vom abgelaufenen
Kalender eignen sich gut und geben
dem Geschenk eine besondere Note.
Was in einem Karton steckt, braucht
nicht auch noch eine Schicht Papier
drumherum – ein hübsches Mäschchen reicht.
Das Problem Übermässiger
Fleisch­konsum schadet
Umwelt und Tieren. Bei den
traditionellen Weihnachtsmenüs spielt
Fleisch meist eine zentrale Rolle: Die
Franzosen servieren Truthahn, die
Luxemburger Blutwurst, in Schweden
putzt man den Weihnachtsschinken,
in Island eine grosse Portion Rauchfleisch weg – und in der Schweiz ist
Fondue chinoise das heimliche
Festgericht.
Die Lösung Ein vegetarisches
Menü auf den Tisch zaubern. Das ist
gut und unter Umständen auch
reichlich deftig – die Polen essen an
Weihnachten fast ausschliesslich
vegetarisch –, oft originell und dem
Anlass durchaus angemessen, wie der
katholische Theologe Rainer Hagencord bestätigt. Hagencord leitet das
Institut für Theologische Zoologie an
der Philosophisch-Theologischen
Hochschule der Kapuziner in Münster
und kritisiert: «Die MainstreamTheologie hat die Tiere ausgeblendet.»
Die Kirche spreche zwar immer von
der Bewahrung der Schöpfung, aber
Puten, Hühner, Schweine, Rinder
tauchten dabei nicht auf. «Ich esse
zum Fest daher vegetarisch»,
versichert der Theologe.
Das Problem Die meisten
Christbaum­kerzen enthalten Paraffin.
Dieses wird unter hohem Energie­
aufwand aus Erdöl gewonnen, was
die Umwelt schädigt und Ressourcen
verschleudert. Zudem setzt das
Abbrennen von Paraffin Schadstoffe
frei.
Die Lösung Natur-Kerzen aus
Bienenwachs kaufen.
Marius Leutenegger, Esther Betschart
17. November 2013
Faire Freude
Stilvoller Sound
Sie tragen ausschliesslich FairTrade-Kleidung und essen BioLebensmittel. Und jetzt möchten
Sie noch einen Schritt weiter
­gehen? Kein Problem: Die
Londoner Firma French Letter
bietet Kondome an, die komplett
aus zertifiziertem Fair-TradeGummi hergestellt sind. Die
French-Letter-Kondome sind
in drei Varianten für 9.99 Pfund
pro 12 Stück erhältlich.
www.frenchlettercondoms.co.uk
Das französische Designlabel
Lexon entwickelt für seine
Öko-Linie Produkte aus
Bambus und reyzklierten
PET-Flaschen. Besonders
sportlich ist das umweltfreundliche Radio Safe:
Es wird mit Muskelkraft
angetrieben. Wer zwei
Minuten lang an der
Kurbel dreht, darf zur Belohnung eine halbe Stunde
lang Musik hören. Man kann
das Gerät auch an der Steckdose aufladen. 79 Franken bei
Changemaker.
www.changemaker.ch
Handgepresster Espresso
Laut Bundesamt für Energie verbrauchen die
etwa drei Millionen Kaffeemaschinen, die in
Schweizer Haushalten und Büros stehen,
jährlich rund 400 Millionen Kilowattstunden Strom – so viel wie eine ganze Stadt.
Stossend an der Sache ist, dass drei
Viertel der Energie für den Bereitschaftsmodus verschwendet werden.
Dass es auch anders geht, beweist die
handbetriebene Espressomaschine
der britischen Firma ROK. Oben
füllt man Pulver ein, dann schüttet
man heisses Wasser in den oberen
Behälter. Schliesslich presst man
das Wasser mittels zweier Hebel
von Hand durchs Pulver. Die
preisgekrönte Maschine kostet
107 Pfund plus Versandspesen.
www.rokkitchentools.com
Bed & Breakfast für Insekten
Insekten tragen dazu bei, Pollen zu verbreiten,
und dienen als Futterquelle für andere Tiere. Der
deutsche Familienbetrieb Luxus-Insektenhotels
will dazu beitragen, den Gedanken der Bio-Diversität auch in Privatgärten zu tragen. Deshalb bietet
er schöne Häuschen an, die entweder als Bausatz
oder komplett montiert ab 25 Euro bestellt und
befüllt werden können.
www.luxus-insektenhotel.de
Denken beim Schenken
Legen Sie dieses Jahr Gaben unter den Baum,
die so aussergewöhnlich wie nachhaltig sind –
und erst noch Ihr Budget schonen
Von Erik Brühlmann und Marius Leutenegger
Brett vor dem Kopf
Solarenergie fürs Handy
Das nur gerade 65 Gramm leichte Solarladegerät
Solar Strap ist ein tragbares Kraftwerk fürs Smartphone. Dank eines Klettverschlusses lässt es sich an
Kleidung oder Taschen befestigen; dort tankt
es dann den ganzen Tag Sonnenenergie.
Solar Strap ist für Geräte verschiedener
Marken erhältlich, wasserdicht, biegsam und
sehr solid. Preis: 100 Franken.
www.soproshop.ch
Die Zeiten, in denen Coolness und Nachhaltigkeit
einander ausschlossen, sind glücklicherweise
­de­finitiv vorbei – das beweisen auch die Sonnen­
brillen- aus FSC-Edelholz der St. Galler Firma
Einstoffen. Die Brillengestelle sind aus
Ebenholz, Zebrano oder Perlholz handgefertigt und mit Premium-Federscharnieren versehen. Die Ge­
stelle bekommt man ab
109 Franken.
www.einstoffen.ch
Hilfe aus Plüsch
Töggelen mit Pappkameraden
Fans des gepflegten Tischfussballs können es
jetzt noch ein bisschen grüner haben: Der
Kartoni von Kickpack besteht, wie der Name
bereits leise andeutet, aus Karton, hat die
Masse eines normalen Töggelikastens und
wird nach dem Auspacken einfach zusammengesteckt. Ball und Spielerstangen sind aus
Holz, ein Lautsprecher für das iPhone und
Getränkehalter sind integriert. Und auch der
Preis ist geradezu nachhaltig: 52 Euro!
www.pappkicker.de
Jede symbolische Tieradoption
beim WWF leistet einen wertvollen Beitrag zum Schutz und
zur Erhaltung der Lebensräume
bedrohter Tiere, von Tigern
über Braunbären und Delfinen
bis zu den Grossen Pandas.
Zu jeder Adoption gehören ein
Plüschtier und ein Steckbrief.
Tieradoptionen gibts beim
WWF für 80 Franken.
www.wwf.ch
17. November 2013
Dossier Energie — 99
Auf die
Spitze
getrieben
Solar Impulse über
San Francisco: Tag
und Nacht fliegen
ohne Treibstoff
«Mit dem Projekt Solar Impulse zeigen wir, wie leistungsfähig
erneuerbare Energien sind – und wie man sie ausreizt»
Foto: Jean Revillard/Rezo
von Bertrand Piccard
D
ie internationalen Klimakonferenzen deprimieren mich. Sämtliche
Staatschefs sagen genau
das Gleiche: «Der Klimawandel ist ein grosses Problem. Es
wird viel Geld kosten, es zu lösen,
und wir wissen nicht, woher wir dieses Geld nehmen sollen.» Wie können wir die Menschen motivieren,
wenn wir ihnen von diesen Problemen und den Kosten erzählen?
Als Arzt habe ich gelernt, dass ein
Problem ein Symptom ist, ein Symptom eine Ursache hat und diese Ursache behandelt werden kann. Wenn
man von Klimawandel oder CO2-Ausstoss spricht, dann berührt man die
Quelle des Problems nicht, sondern
nur das Symptom, die Manifestierung
einer sehr klaren Ursache. Diese
Ursache ist unsere Abhängigkeit von
den fossilen Energien. Die Tatsache
also, dass wir viel zu viel nicht erneuerbare, teure und umweltschädliche
Energie verbrennen. Dagegen gibt es
eine Behandlung namens Cleantech,
saubere Technologien, die sämtliche
Lösungen umfassen, die es heute ermöglichen, unseren Energiekonsum
zu senken, erneuerbare Energien zu
produzieren und gleichzeitig Arbeitsplätze zu schaffen, Gewinn zu generieren und unseren exzellenten Lebensstandard zu garantieren.
Mit dem Projekt Solar Impulse
zeigen wir, wie leistungsfähig
diese Technologien sind. Wir
reizen sie aus und treiben
ihren Gebrauch auf die Spitze, indem wir Unmögliches
von ihnen verlangen, wie etwa ohne Treibstoff Tag und
Nacht zu fliegen. Alles was wir in
unserem Flugzeug verwenden, können auch Sie benutzen. Es gibt keine
geheime Technologie. Im Gegenteil:
Es ist eine Technologie, die allen zugänglich ist. Es sind dieselben Solarmodule, dieselben Batterien, dieselben ultraleichten Konstruktions- und
Isolationsmaterialien, dieselben
Glühbirnen, dieselben Elektromotoren, die Sie auch in Ihrem täglichen
Leben verwenden können. Unter der
Voraussetzung natürlich, dass sie die
Phase der Start-ups und der experimentellen Projekte hinter sich haben
und auf dem Markt sind … Und genau
da liegt das Problem.
Es wird oft gesagt, man könne den
Verbrauch fossiler Energie noch nicht
drosseln; zuvor müsse man mehr in
Forschung und Innovation investieren. Das ist falsch.
Die Technologien
existieren bereits,
doch werden sie fast
kaum benutzt.
Wenn alle existierenden Technologien,
alle von Solar Impulse verwendeten Cleantechs weltweit im
grossen Stil genutzt
würden, könnten wir
bereits heute unseren Verbrauch von
fossiler Energie halbieren und die
Hälfte des verbleibenden Teils mit erneuerbaren Energiequellen abdecken.
Blieben also noch 25 Prozent nicht
erneuerbare Energien, was kurzfristig akzeptabel wäre.
Warum tun wir das denn nicht?
Wir tun es meiner Meinung nach aus
drei gewichtigen Gründen nicht:
te, Sie bezahlen für keine Ölpest,
auch nicht für die Kriege rund ums
Öl, die bereits begonnen haben und
sich noch ausweiten werden, und Sie
bezahlen nicht für die katastrophale
Umweltbelastung, welche diese fossilen Energien verursachen.
Man vergleicht Dinge, die nicht
vergleichbar sind. Tatsächlich ist der
Preis des Öls immer noch niedriger
als der Preis der Solarenergie, die
Kosten des Öls aber liegen weit über
denen der erneuerbaren Energie. Mit
anderen
Worten:
Wenn Sie fossile Energien nutzen, bezahlen
Sie auf Kredit.
«Jeder
wartet
auf die
andern»
Bertrand Piccard,
Pilot von Solar
Impulse: «Mehr
Energie sparen»
Der erste Grund: Zu viele Leute verwechseln nach wie vor die
Begriffe Preis und Kosten. Man
hört, erneuerbare Energien
seien viel teurer als fossile
Energien. Das ist ein folgenschweres Missverständnis.
Der Preis der erneuerbaren
Energien umfasst ihre gesamten Kosten, während Sie
beim Preis für Öl, Gas oder
Kohle nicht für sämtliche
Kosten bezahlen: Sie bezahlen nicht für die 200 Millionen
Jahre, die ihre Entstehung dauer-
Der zweite Grund:
unsere Besessenheit,
mehr Energie produzieren zu wollen, statt
Energie zu sparen.
Unsere Gesellschaft
benimmt sich wie ein
Mensch in einer Badewanne, deren
Stöpsel gezogen wird. Statt das Loch
abzudichten, dreht er den Wasserhahn voll auf, damit die Badewanne
gefüllt bleibt. Das Paradoxe an unserer Situation ist die Tatsache, dass
Energiesparen sehr viel rentabler ist
als das Produzieren von Energie, sowohl für die Investoren als auch für
die Gesellschaft insgesamt. Die Isolation eines Gebäudes oder die Renovierung einer Fabrik bringen mehr
als 10 Prozent Rendite pro Jahr, also
einen besseren Ertrag als an der Börse, ganz zu schweigen von den geschaffenen Arbeitsplätzen.
Der dritte Grund: Die sakrosankten Gesetze des Marktes funktionieren in einer globalisierten und spekulativen Welt nicht mehr. Früher,
bei einer linearen Entwicklung, hätten Sie sehr gut darauf warten können, dass die Marktgesetze zu einer
Egalisierung der Kosten bei den verschiedenen Energiequellen geführt
hätten und damit zu einem spontanen Übergang. Heute ist das nicht
mehr möglich. Unsere Welt funktioniert nicht mehr so. Unsere Welt
funktioniert mittels Beschleunigung,
mittels Krise, mittels Spekulation.
Die Krise des Subprime-Marktes ist
ein typisches Beispiel für ein ausser
Kontrolle geratenes Marktgesetz.
Das grosse Paradox ist folglich,
dass man nicht mehr einfach eine
rechte oder linke Doktrin erlassen
und anwenden kann. In jeder Dok­
trin, ob rechts oder links, gibt es Kombinationen, die absolut notwendig
sind, um ein effizientes Resultat zu erreichen. Um die gegenwärtigen Defizite zu lösen, braucht es Unternehmer
und Eingriffe vonseiten des Staats,
Rentabilität und Schutz der natürlichen Ressourcen, all dies gleichzeitig.
Doch die politischen Parteien lehnen
es ab, sich bei den grossen Themen zu
einigen, aus Angst, Stimmen an ihre
Konkurrenten zu verlieren!
Da es an einer klaren Gesetzgebung fehlt, wartet jeder Unternehmer darauf, dass die anderen den
ersten Schritt tun. Ein Pionier zu
sein, in erneuerbare Energien und
Energieökonomien zu investieren,
beinhaltet ein gewisses Risiko, vor
allem, wenn man der Einzige ist, der
es tut. Die kritische Masse ist noch
nicht erreicht, und man weiss nicht
genau, welches die Technologien
sind, die sich am schnellsten als rentabel erweisen werden oder welche
politische Linie morgen vorherrschen wird. Also wartet man ab. Auf
der anderen Seite argumentieren die
Politiker, es sei an den Industriellen,
den ersten Schritt zu tun und Verantwortung zu übernehmen. Und so bewegt sich wenig bis gar nichts.
Stellen Sie sich die Situation vor
150 Jahren vor, als die Schweiz noch
ein armes Agrarland war. Damals
überquerte man die Alpenpässe zu
Fuss oder auf dem Rücken von Maultieren und erhellte die Räume mit
Kerzenlicht. Doch plötzlich schlossen
sich Pioniere, Indus­trielle wie auch
Politiker zusammen, um Tunnels zu
graben, Brücken und Staudämme zu
bauen. Zu jener Zeit sagte niemand,
das sei zu riskant und teurer als Maultier oder Kerze! Glücklicherweise,
denn das erlaubte es der Schweiz, in
wenigen Jahren zu einem reichen, industrialisierten Land und zu einer
Drehscheibe des europäischen Transportwesens zu werden. Ein Land, das
der gesamten Welt von Nutzen war.
Heute spricht man von einer durch
saubere Technologien ausgelösten Revolution, von Gebäudeisolationen,
neuen Heizungstypen, Hybridautos
und erneuerbaren Energiequellen für
unser Land. Und was ist die Reaktion? Zu teuer, hört man bloss. Es
stimmt, man kann sich fragen, wieso
man etwas ändern sollte, das funktioniert. Genau das ist die Gefahr für ein
Land, das reich und sicher ist und ein
komfortables Leben bietet. Ich denke,
gerade weil unsere Vorfahren Pioniere waren, müssen wir Pioniere bleiben. Gerade weil wir reich sind, müssen wir in die Zukunft investieren.
Glücklicherweise ist es heute verboten, seine Abfälle im Wald zu entsorgen, doch es bleibt erlaubt, Energie zu verschwenden und so viel CO2
in die Atmosphäre auszustossen, wie
man will. Der Bundesrat hat den Mut
aufgebracht, eine neue Energiepolitik
in unserem Land zu lancieren. Nun
muss der gesetzliche Rahmen folgen,
um unsere Gesellschaft – Industrie
und Konsumenten zusammengenommen – zu verpflichten, die Technologien zu verwenden, die es schon heute erlauben, unsere Abhängigkeit von
alten Energiequellen zu vermindern.
Genau das muss künftig gefördert
werden, wenn wir unsere Industrie
dynamischer machen, Arbeitsplätze
schaffen, unsere Kaufkraft erhöhen
und unsere Handelsbilanz verbessern und dabei gleichzeitig die
Umwelt schützen wollen.
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Seele and Geist
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