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Hier wie dort Barbara Jung „Lauf allein weiter - Fantastik-online.

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Hier wie dort
Barbara Jung
„Lauf allein weiter!“ ächzte er. „Allein hast du vielleicht eine Chance. Ich
kann nicht mehr.“
Schweratmend ließ sich Cha-rill zwischen die Blätter des Busches fallen
und umfaßte mit beiden Händen sein verletztes Bein. Durch seine aufgeschlitzte
Hose quoll noch immer Blut aus der tiefen Speerwunde an seinem Unterschenkel und färbte das Grün-Weiß seiner schlanken Finger rot. Das Tuch, mit dem er
die Wunde notdürftig verbunden hatte, war längst verlorengegangen.
Ma-lo, der zwar unverletzt, aber kaum weniger erschöpft war, blickte voller
Verzweiflung auf den Mann herab, den er liebte wie sonst nichts auf der Welt.
Streckenweise hatte er Cha-rill getragen. So auch über die offene Steppe, und er
war gelaufen, so schnell er konnte. Sie wollten den Waldrand erreichen, bevor
man die gefährlichen Troks aus ihren Käfigen holen und ihnen hinterher schikken konnte. Das hatte ihn ausgelaugt, denn Cha-rill war groß und muskulös,
mehr noch als Ma-lo selbst. Dabei war er ebenfalls nicht gerade schmächtig zu
nennen.
Er hob den Kopf mit dem langen schwarzen Haarbüschel und lauschte hinauf ins rauschende Blätterdach. Die winzigen Schuppen seiner rot-schwarz gefleckten Stirn waren in sorgenvolle Falten verzogen. Noch waren die Verfolger
nicht in der Nähe, aber die Zeit drängte.
Mit ihrem untrüglichen Spürsinn würden die Troks den Flüchtigen erbarmungslos folgen, sobald sie erst einmal ihre Witterung aufgenommen hatten. Es
gab kein Entkommen. Sie würden im dichten Wald mit ihren ledernen Schwingen nicht so schnell vorankommen. Aber sie würden ihnen folgen. Unerbittlich,
bis sie die beiden Gejagten gestellt und in einem Bombardement aus körpereigenen Betäubungsstoffen handlungsunfähig gemacht hatten. Dann würden die
Schergen der Gesetzeshüterin leichtes Spiel mit ihnen haben.
Ma-lo zog sein Hemd aus und riss es in Streifen. Er mochte nicht daran
denken, wieviel Schmutz inzwischen an dem grob gewebten Stoff kleben musste. Nachdem sie am frühen Abend von einem missgünstigen Bekannten verraten
worden waren, hatten sie sich während der Nacht bis zur morgendlichen Öffnung der Stadttore in unzähligen mit Unrat übersäten Winkeln herumgedrückt,
um sich vor denen zu verstecken, die sie gefangennehmen und dem Tod über-
antworten wollten. Doch Cha-rills Blut mußte endlich gestoppt werden, sonst
würde er hier in seinen Armen verbluten. Mit fliegenden Händen machte sich
Ma-lo ans Werk
„Ich werde dich stützen“, sagte er, als der provisorische Verband fest um
das Bein des Freundes gewickelt war. „Wir werden es schaffen. Es ist nicht
mehr weit.“ Er packte Cha-rills Arm. Wie kalt und feucht sich dessen Schuppenhaut anfühlte. Er hatte schon viel Blut verloren, viel zu viel. Cha-rill mühte
sich auf sein gesundes Bein. Einen Moment lehnte er seinen Kopf in Ma-los
Halsbeuge. Er hatte keine Kraft mehr ... aber für den Partner würde er es zumindest noch einmal versuchen. Ma-lo sah den Riss in der Kopfhaut des Freundes.
Auch hier sickerte Blut. Auf dieser Seite des Kopfes hatte es das weiße Haar
bereits in rote Strähnen gefärbt und tropfte von dort auf die grün-weiße Haut.
Erst im dunklen Rot des ärmellosen Hemdes des Freundes verlor sich die Farbe
des Blutes.
Cha-rill hob den Kopf und schaute Ma-lo an. In den geliebten Augen standen Schmerz und Resignation. Ihr samtenes Schwarz war von einem milchigen
Schleier überzogen, das perfekte Rund halb verdeckt vom dunkelgrünen Wimpernkranz der unteren und oberen Lider. Ma-lo erwiderte den Blick möglichst
unbefangen. Was sie versuchten, war hoffnungslos. Sie wußten es beide. Niemals würden sie den Einbaum erreichen, der in der abgeschiedenen Lagune versteckt auf sie wartete. Alles war schief gegangen. Immer wieder hatten sie ihre
Flucht hinausgezögert, denn auch die Fahrt übers Meer war mit großen Gefahren
verbunden. Jenseits der Meerenge lebten Ungeheuer, Wesen, die Feuer speien
konnten und äußerst bösartig waren. Erst vor einigen Monden hatten es ein paar
wagemutige Wasmaris wieder versucht, sich dort drüben umzusehen, doch nur
zwei von ihnen waren zurückgekehrt. In ihre Gesichter hatten die erlebten
Schrecken tiefe Spuren gegraben.
Dorthin, auf diesen Kontinent des Grauens, hatten die beiden liebenden
Männer beschlossen vor der Gnadenlosigkeit der beiden Stämme ihres eigenen
Volkes zu fliehen. Jenseits des Meeres hatten sie sich eine winzige Überlebenschance ausgerechnet, doch hier in der Heimat waren sie verloren. Aus der Eisernen Burg des Strafenden Gottes war noch keiner lebend zurückgekehrt.
Plötzlich schraken beide auf. Da war es, das gefürchtete, unverkennbare
„Kraah-kraah“ der Troks! Noch kamen die Rufe aus einiger Ferne, doch es
konnte nicht mehr lange dauern, bis sie heran waren, die geflügelten Helfer der
Schergen.
Als hätte der letzte Blutstropfen seinen Körper schon verlassen, rutschte
Cha-rill kraftlos an Ma-los Brust hinunter. Diesem gelang es gerade noch, den
Freund aufzufangen, bevor er auf den Waldboden fiel. Sanft ließ er den Körper
des geliebten Mannes ins Moos gleiten. Ma-lo wollte nicht aufgeben. Wie ohne
sein Zutun fuhren die scharfen Krallen aus seinen Fingerspitzen. Sein Verstand
jedoch sagte ihm, daß er damit nichts auszurichten vermochte. Nichts half gegen
die Gefahr, die in kurzer Zeit aus den Wipfeln der Bäume auf sie beide herabstoßen würde. In fieberhafter Eile suchten seine Augen nach Steinen, die er als
Wurfgeschosse verwenden konnte. Doch es gab kaum welche in passender Größe. Im Wald gab es nur Moose, Farne und Schlingpflanzen. Sein Vorhaben war
auch mehr als lächerlich. Er besaß nur zwei Hände, und lediglich mit der rechten
konnte er zielsicher treffen. Cha-rill war zu schwach, um hart genug zu werfen.
Und außerdem würde die Übermacht sowieso zu groß sein.
Cha-rill warf flehende Blicke zum Freund empor. „Lauf weg!“ beschwor er
ihn. „Du mußt dich retten.“
Ma-lo fühlte, wie Zorn in ihm aufstieg. Wie konnte Cha-rill ihn um so etwas bitten? Würde er ihn im umgekehrten Fall allein lassen? Niemals! Breitbeinig stand er über Cha-rill und stieß beide Arme in die Luft. Das Rot seiner
schwarz gesprenkelten Schuppenhaut erglühte plötzlich in feurigem Orange. Mit
geballten Fäusten drohte der junge Wasmari den Göttern, die dem Volk die Liebe geschenkt hatten, nur um die Einzelnen dann so sehr unter ihr leiden zu lassen. Seine spitze, gegabelte Zunge formte Triller der Wut, seine Stimmbänder
vibrierten, als er seinen Zorn und seine Ohnmacht hinausschrie ins Dämmerlicht
des Waldes.
Cha-rill ließ den Kopf ins Moos sinken und schloss die Augen vor soviel
Seelenqual. Seine Hände preßten sich vor den lippenlosen Mund. Er wollte
nicht, daß das Schluchzen aus ihm entwich, das in seiner Kehle steckte.
Und dann waren sie da. Wie von der Sehne geschnellte Pfeile schossen die
Flugtiere durchs dichte Ast- und Blattgewirr, die Schwingen eng an den schmalen Leib gelegt, nur dort ausgebreitet, wo die Bäume ihnen den Raum dazu boten. Doch das genügte ihnen, um Geschwindigkeit und Schnelligkeit aufrecht zu
erhalten.
Keiner der beiden Männer, die angstvoll zu ihnen aufsahen, hätten jemals
vermutet, daß diese Tiere auch noch zwischen den dicht an dicht stehenden
Bäumen so irrsinnig schnell sein konnten. Ihre stromlinienförmigen Körper hatten eine braune Lederhaut mit windabweisenden Rillen, und auch die geschmei-
digen Flügel waren einem schnellen Vorwärtskommen angepaßt. Allein ihre
Köpfe paßten nicht in das Bild: Sie waren rund, und sie besaßen keine Schnäbel
wie andere Flugtiere, sondern breite, mit Lippen geränderte Mäuler. Ihr Kreischen war ohrenbetäubend.
Und dann verstummte es schlagartig.
Ma-lo kniete neben Cha-rill nieder. Ihre Hände fanden und umklammerten
sich, ihr Druck versicherte sie ihrer gegenseitigen Liebe, gleichgültig was mit
ihnen passierte. Schon rasten schillernde Blasen auf sie herab. Die Troks erzeugten sie in ihren Backentaschen, füllten sie mit giftiger Flüssigkeit aus ihren
Kröpfen und spuckten sie zielsicher auf ihre Opfer. Die erste Blase zerplatzte an
Ma-los Brust und setzte ihr Übelkeit erregendes, betäubendes Gift frei. Weitere
Geschosse folgten. Das Atmen wurde den beiden Wasmaris schwer, und vor
ihren Augen wurde es schwarz.
Als Ma-Lo und Cha-rill in dem düsteren, nach Moder und Exkrementen
stinkenden Verlies erwachten, wußten sie nicht, wie lange sie ohnmächtig gewesen waren. Der Tag schien sich jedoch bereits zu neigen, denn es fiel nur noch
sehr wenig Licht durch die zwei kleinen Öffnungen in den feuchten Steinwänden.
Die Zeit verging. Keiner sprach ein Wort. Nur die Ketten, mit denen sie gefesselt waren, klirrten ab und zu leise, wenn sich einer von ihnen bewegte.
Schließlich fiel Cha-rill in einen unruhigen Schlaf, und Ma-lo überließ sich vollends seinen bedrückenden Gedanken. Er erinnerte sich, wie erst vor wenigen
Tagen der letzte Todeskarren die Stadt verlassen hatte. Eine junge Frau vom
Stamm der Rokans und ein Mann der Kreens waren von übelwollenden Nachbarn angeschuldigt worden, weil sie einander liebten – eine verbotene Liebe, die
ihnen den Tod eingebracht hatte. Denselben Tod, den er und Cha-rill nun erleiden würden. Die Götter forderten gnadenlose Unnachsichtigkeit.
Als vor langer Zeit die Kreens nach etlichen Perioden der Dürre ihre Bergdörfer verlassen mußten und sich in den Städten der Rokans in den Ebenen
ansiedelten, wurden sie geduldet, weil es an helfenden Händen in der Landwirtschaft fehlte. Doch eine Vermischung beider Stämme, der Kreens mit der grünweiß gefleckten Haut und der schwarz-rot gesprenkelten Rokans, war strengstens untersagt. Irgendwann war sogar die Todesstrafe für Zuwiderhandlung
eingeführt worden, und dabei war es bis auf den heutigen Tag geblieben. Auch
für andere Vergehen wurden die Strafen drastisch verschärft. Doch neben der
Tötung eines Artgenossen waren sowohl Verstöße gegen die Reinhaltung der
Stämme als auch gleichgeschlechtliche Liebe, die der Erhaltung und Vermehrung des Volkes insgesamt zuwiderlief, die schlimmsten Verbrechen, die ein
Kreen oder Rokan begehen konnte. Hatte jemand einen anderen getötet, wurde
er auf die gleiche Art und Weise ums Leben gebracht wie sein Opfer. Ob es sich
bei der Tat um Vorsatz oder vielleicht um einen Unfall handelte, war bedeutungslos. Die letzteren Verbrechen aber wurden mit der Verbannung der Sünder
in die Eiserne Burg des Strafenden Gottes geahndet, was einem Todesurteil
gleichkam. Denn noch niemals war ein derart Gestrafter aus den silbern schimmernden Wänden dieser Burg vor den Toren der Stadt zurückgekehrt.
Ma-lo tauchte aus seinen Gedanken auf, als Cha-rill neben ihm laut zu
stöhnen begann. Ihm ging es zunehmend schlechter. Hin und wieder schüttelte
ein Fieberschauer seinen Körper. War seine Haut vor der Gefangennahme unnatürlich kühl und feucht gewesen, so fühlte sie sich nun glühend heiß an. Er
war nicht mehr imstande, seine Hautschuppen abzuspreizen, um dem Körper
Kühlung zuzuführen. Der behelfsmäßige Verband um seine Beinwunde war
inzwischen durchgeblutet.
Ma-lo bettete den Kopf des Geliebten auf seinen Schoß. Hin und wieder
streichelte er seinen weißen Haarbüschel oder strich sanft über die geschlossenen Lider. Er wußte nicht, was er sonst tun sollte. Sie hatten sowieso nicht mehr
lange zu leben. Bald würde es dunkel werden, dann würde man sie holen kommen. Wie haßte er die Gesetzeshüterin und ihre Getreuen. Alle, die gleich ihm
klar zu denken vermochten, hatten gehofft, daß sie die Regeln lockern würde, als
sie den Stab der Gerechtigkeit nach dem Tod ihres Vaters übernahm. Aber nein,
obwohl sie selbst zu dessen Lebzeiten geknechtet und drangsaliert worden war,
hatte sie im Gegenteil die Gesetze noch verschärft. So wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, einem armen Bauern, der sich in seiner Not am Saatgut seines
Nachbarn vergriffen hatte, die rechte Hand abgehackt. Wie sollte er fortan sein
Feld bestellen? Solche und auch viele andere Gesetzesregeln verschärften das
Problem des Bevölkerungsrückgangs nur, dessen war sich Ma-lo gewiß. Nicht
kleine Diebe oder Unschuldige, deren Vergehen lediglich in ihrer Liebe bestanden, waren für die Seuchen verantwortlich, die immer häufiger und immer stärker die Bevölkerung geißelten. Nicht sie zogen den Zorn der Götter auf die
Städte herab, sondern der Schmutz brachte die Leute um, der unvorstellbare
Dreck, der die Gassen der Stadt mit einer glibbrigen Schicht überzog.
Und dann hörte er die Schergen kommen.
Ma-lo atmete auf, als der rumpelnde Karren endlich die Stadttore passiert
hatte und hinaus aufs freie Land gefahren war. Er dankte den Göttern, daß Charill in seiner Ohnmacht diese Demütigung nicht hatte miterleben müssen, daß
ihm diese peinigende Schmach erspart geblieben war. Schulter an Schulter hatte
die Menge die Gassen gesäumt, um den wiederholten Bekanntmachungen und
Aufrufen der Gesetzeshüterin Folge zu leisten. Aufgewiegelt von den freigiebig
ausgeschenkten berauschenden Getränken hatte die Menge den zum Tode Verurteilten mit Wurfgeschossen aller Art den üblichen entwürdigenden Abschied
bereitet. Faulige Eier, matschiges Gemüse und stinkende Fischreste waren auf
sie niedergeprasselt. Wer mit leeren Händen gekommen war, begnügte sich damit, die beiden Männer in dem von vier Schergen gezogenen Karren anzuspukken und mit bloßen Fäusten auf sie einzuschlagen. Obwohl harte Gegenstände
nicht erlaubt waren, war Ma-lo doch von Bechern und anderen kleineren Gerätschaften getroffen worden, die beschädigt waren und im Haushalt nicht mehr
gebraucht wurden. Da er wußte, was ihm bevorstand – wie viele Todeszüge
hatte er in seinem Leben schon mit ansehen müssen -, hatte sich Ma-lo vorgenommen, allen Angriffen mit Gleichmut zu begegnen. Er erkannte seine Schuld
nicht als solche an, und dies hatte er ihnen durch den Beweis seines ungebeugten
Stolzes verdeutlichen wollen. Doch dann konnte er den Anblick nicht länger
ertragen, wie sich zerbrochene Eierschalen und grünlicher Dotter mit dem
bräunlichen Saft von überreifen Strauchfrüchten auf Cha-rills Gesicht zu einem
Gemälde vereinigten, das nur ein Wahnsinniger gemalt haben konnte. So hatte
er sich über den Kopf des Freundes gebeugt, um diesen mit seinem eigenen
Körper und mit seinen Händen zu schützen. Mochte es ruhig aussehen, als senke
er voller Scham den Blick vor der entfesselten Menge. Es spielte ja sowieso
keine Rolle mehr. Ein kleiner Trost war ihm vergönnt: Nicht ohne Schadenfreude stellte er fest, daß die vier Schergen, die den Karren zogen, nicht verschont
blieben und von schlecht gezielten Gegenständen beinahe fast so oft getroffen
wurden wie ihre zwei Gefangenen auf dem Karren.
Jetzt waren sie vor der Burg des Strafenden Gottes am Fuße des Gebirges
eingetroffen. Noch niemals hatte Ma-lo dieses sonderbare Gebilde aus der Nähe
gesehen. Damals, noch vor der Geburt seines Großvaters, war es, einer riesigen
silbernen Zigarre gleich, wie sie die Männer in den Tavernen zu rauchen pflegten, aus dem Himmel über die Stadt geschossen und geradewegs mit dem vorderen Teil in die ersten Felsen des Berges geprallt. Dort lag es seither, und nichts
regte und rührte sich. Nur als ein paar mutige Männer der Stadt das Ding näher
untersuchen wollten, hatte sich eine Pforte aufgetan. Kaum hatten die Unglücklichen sie betreten, hatte sie sich von selbst wieder geschlossen. Man hatte von
den Männern nie wieder etwas gesehen oder gehört.
Vor genau dieser Pforte standen sie nun. In der fugenlosen Wand dieses
sonderbaren Bauwerkes waren ihre Umrisse kaum auszumachen, aber wenn man
genau hinschaute, sah man, daß sie da war. Es gab jedoch keine Klinke, kein
Guckloch, nichts. Unter groben Flüchen und Schmährufen zerrten die Schergen
nun Ma-lo und Cha-rill vom Karren. Mit Spießen, die sie zu diesem Zweck
durch Holzstöcke verlängert hatten, stießen sie nach Ma-lo, um ihn noch weiter
auf die Öffnung zuzutreiben. Da Ma-lo durch eine Kette mit Cha-rill verbunden
war, mußte er den Freund über die Schulter nehmen, wollte er den spitzen Spießen entrinnen. An eine Flucht war nicht zu denken. Mit den Ketten an seinen
Füßen würde er nicht weit kommen.
Er strauchelte.
Unversehens stieß er dabei an die Wand des Bauwerks. Sie war kühl und
glatt, tatsächlich wie Eisen. Doch welcher Schmied konnte ein solches Ungetüm
gefertigt haben? Ma-lo kam nicht zu weiterem Nachdenken. Hinter ihm glitt ein
Teil der Pforte zur Seite, und er stolperte ein paar Schritte rückwärts, direkt in
einen sich öffnenden Schlund, der nun ein gleißendes Licht hinaus in die dunkle
Landschaft warf. Ohrenbetäubender Lärm erfüllte jäh die Luft.
Unter lauten Schreckensschreien ergriffen die Schergen das Weite. Obwohl
sie nicht zum ersten Mal einen Todeskarren hierher gezogen hatten, erfüllte sie
die Stimme des Strafenden Gottes mit erbärmlicher Angst. Auch Ma-lo hätte
sich am liebsten die Ohren zugehalten, doch das konnte er nicht, weil er Cha-rill
festhalten mußte. Furchterfüllt lauschte er dem Getöse, das bei genauem Hinhören mit melodischen Klängen vermischt zu sein schien. Doch er kannte keine
Musikinstrumente, die einen solchen Krach verursachen konnten. Höchstens
Trommeln. Ja, Trommeln vermeinte er herauszuhören. Und dann war da auch
eine Stimme, die etwas in einer fremden Sprache sagte. Oder sollte es Gesang
sein? Es klang nicht schön, nur abgehackt und irgendwie bedrohlich.
Und dann war da eine weitere Stimme. Direkt hinter ihm. Er drehte sich
um. Ein lauter Schrei des Entsetzens entfuhr ihm, obwohl er sich doch vorgenommen hatte, wie ein Mann zu sterben. Aber wenn man einem Gott aus Eisen
gegenüberstand, der eine entfernte Ähnlichkeit mit einem selbst hatte und einen
in der eigenen Sprache anredete, konnte man schon sämtliche guten Vorsätze
vergessen. Ma-lo drehte sich um. Fliehen! Nur fort von hier!, war sein erster
Gedanke. Doch er hatte seine Fesseln vergessen, und so fiel er mitsamt Cha-rill
polternd zu Boden. Aus den Augenwinkeln sah er, daß sich die Pforte schon
wieder geschlossen hatte. Nun waren sie unrettbar verloren.
Der eiserne Gott beugte sich zu ihm herunter. Doch mitten in seiner Bewegung hielt er inne. Im Hintergrund, am Ende des Ganges, hatte sich eine weitere
Pforte geöffnet. Ma-lo traute seinen Augen nicht. Ungläubig rieb er sie mit beiden Händen. Durch die Öffnung war ein Wasmari getreten. Und dieser winkte
ihm freundlich zu. Dann jedoch trat er an die Wand und drückte dort auf etwas,
das Ma-lo nicht sehen konnte. Unvermittelt herrschte lautlose Stille. Verwirrt
überlegte Ma-lo, ob er vielleicht schon tot war. Möglicherweise war er bereits
mit dem Betreten der Burg des Strafenden Gottes in dessen Totenreich gelandet
und traf nun auf lange vergangene Nachbarn. Denn der Wasmari, der nun auf
ihn zukam, war niemand anderes als Tor-sil, ein Nachbar, der, als Ma-lo noch
ein Kind gewesen war, zusammen mit seiner Geliebten vom Stamm der Kreens
in die Eiserne Burg des Strafenden Gottes verbannt worden war. Bei dieser Gestalt konnte es sich also nur um dessen Geist handeln.
„Du solltest dein Gesicht sehen, Junge“, lachte jetzt dieser Geist. „Ich weiß,
was in dir vorgeht. Schweig! Du wirst früh genug alles erfahren. Für jetzt laß dir
gesagt sein, daß ihr gerettet seid.“
Ma-lo verstand nichts. Aber Cha-rill fiel ihm wieder ein, den er für die Augenblicke des übermächtigen Schreckens vergessen hatte. Wenn er, Ma-lo, gerettet war, Cha-rill war es noch lange nicht. Der Geliebte war dem Tod näher als
dem neu geschenkten Leben. Bekümmert schaute er ihn an.
„Robo“, sagte da der tot geglaubte Tor-sil, „kümmere dich um diesen jungen Mann hier. Du weißt, was zu tun ist.“
In die Gestalt des eisernen Gottes kam erneut Bewegung. Er richtete einen
seiner grau glänzenden Finger zuerst auf die Fessel, die die beiden jungen Wasmaris miteinander verband. Ein leuchtender Strahl zischte aus der Fingerspitze,
die Kette glühte rot auf ... und schon war sie entzwei. Das gleiche geschah mit
Ma-los Fußfessel. Dann nahm der Gott Cha-rill behutsam auf seine Arme. Ma-lo
wollte eingreifen, doch Tor-sil hielt ihn zurück und versicherte ihm, dass Robo
den Kranken innerhalb kurzer Zeit von seinem Fieber befreien und auch seine
Wunde heilen würde.
„Du befiehlst einem Gott?“ fragte Ma-lo ehrfürchtig und sah der Gestalt
nach, wie sie mit dem Geliebten auf den Armen dort verschwand, wo Tor-sil
hergekommen war.
„Er ist kein Gott, Junge. Er ist eine lebende Maschine mit einem endlos
langen Namen. Robo-ter-proto-typ und dann noch Zahlen und Buchstaben. Er ist
aber damit einverstanden, dass wir ihn Robo nennen. Er gehorcht fast allen unseren Befehlen.“
Tor-sil half Ma-lo auf die Beine. „Komm, Junge, du siehst erbärmlich aus.
Einen solch schmutzigen Wasmari können wir hier nicht gebrauchen. Wer weiß,
welche Bakterien du einschleppst.“
„Bakterien?“
„Du wirst noch viel lernen müssen“, seufzte Tor-sil. „Immer das Gleiche,
wenn ihr hier eintrefft. Du kriegst jetzt erst einmal eine Spritze, und dann wird
dich Robo im Medo-tek durchchecken.“
„Ich kann dich kaum verstehen“, wunderte sich Ma-lo. „Welch sonderbare
Wörter du sprichst!“
„Die wirst du alle auch noch lernen. Doch nun komm mit mir.“
Als Ma-lo auf einer weichen, mit weißen Stoffen überzogenen Lagerstätte
erwachte, konnte er sich kaum daran erinnern, was mit ihm geschehen war. Torsil und er waren dem Gott, der Robo hieß und gar kein Gott war, in einen sonderbaren, taghell erleuchteten Raum mit vielen unbekannten Einrichtungsstükken, die Ma-lo keiner Bestimmung hatte zuordnen können, gefolgt. Dort hatte er
seine Kleider ausziehen müssen. In der Zwischenzeit hatte sich die lebende Maschine in einem Nebenraum um Cha-rill gekümmert, wie Tor-sil ihm sagte.
Dann war Robo gekommen, hatte mit irgendetwas in seiner Hand in seine
Armbeuge gestochen, und dann hatte sich Ma-lo nur noch schnell auf eine
schmale Liege setzen können, denn ihm war ganz schwummerig vor den Augen
geworden. Soweit seine Erinnerung.
Doch jetzt fühlte er sich ausgeschlafen und erfrischt. Gewaschen hatte man
ihn anscheinend auch. Und ihn wohl mit irgendetwas eingerieben, denn seine
Schuppen fühlten sich glatt und geschmeidig an. Er roch den herben Duft unbestimmbarer Blumen.
„Bist du endlich wach?“ hörte er da Cha-rills Stimme neben sich. „Kannst
du mir erklären, wo wir hier sind? Sind wir tot?“
Ma-los Kopf fuhr herum. Neben seinem Lager stand ein zweites, und darauf lag sein Freund, den Kopf auf einen Arm gestützt und mit fieberfreien,
schwarz glänzenden Augen zu ihm herüber blickend.
Mit einem Satz war Ma-lo bei ihm. Er schämte sich der Tränen nicht, die
ihm aus den Augen quollen. „Du bist gesund“, stammelte er.
Mitten in die Umarmung platzte Tor-sil. In seiner Begleitung befand sich
eine junge Wasmari. Fast noch ein Kind. Es war die erste Kreuzung zwischen
Kreens und Rokans, die Ma-lo und Cha-rill je zu Gesicht bekommen hatten. Sie
war wunderschön. Wie faszinierend ihre Haut aus schwarz-weiß-rot-grünem
Schuppengemisch aussah!
„Meine Tochter Sal-wi“, stellte Tor-sil vor. „Behalte deine Augen und dein
Herz für dich, Tochter. Diese beiden sind nichts für dich.“
Das rief Ma-lo in Erinnerung, daß er nackt war, und er sprang genauso
schnell zurück unter die weißen Stoffe des Lagers, wie er herausgesprungen war.
Das Mädchen lächelte, drehte sich dann um und verließ den Raum. Doch
gleich darauf kehrte sie mit einem kleinen Tisch auf Rollen zurück, auf dem in
Schalen und auf Tellern herrlich duftende Speisen standen.
„Mein Vater meint, ihr müßtet euch erst daran gewöhnen, weil es SynthoEssen ist. Mir schmeckt es, aber ich kenne nichts anderes.“
Syntho-Essen? Die beiden jungen Männer schauten sich verständnislos an.
Dann zuckten sie mit den Schultern und begannen zu essen. Ihnen schmeckte es
ebenfalls. Sie waren ausgehungert wie Raubtiere und, wenigstens für den Augenblick, überhaupt nicht wählerisch.
Und dann sah Tor-sil endlich die Zeit gekommen, die beiden Neuankömmlinge aufzuklären. Er gab ihnen fremdartige Kleidung und half ihnen dabei, sie
anzuziehen. Dann führte er sie durch endlose, seltsam anmutende Gänge in einen großen Saal, und dort erlebten Ma-lo und Cha-rill die nächste große Überraschung. Hunderte Wasmaris waren dort an Tischen versammelt: Ältere, jüngere,
Rokans und Kreens, und die meisten der jüngeren waren Mischlinge wie Sal-wi,
Tor-sils Tochter. Sie alle lachten herzlich über die verdutzten Mienen der beiden
Neuankömmlinge und hießen sie freundlich willkommen. Bei der folgenden
Begrüßung trafen Ma-lo und Cha-rill auf manch bekanntes Gesicht von Wasmaris, die sie längst tot geglaubt hatten.
Bei der Eisernen Burg des Strafenden Gottes handele es sich um ein Raumschiff, so erklärte Tor-sil nun, das von den Sternen komme. Während des Fluges
habe sich eine Meuterei ereignet, und die Besatzung habe sich gegenseitig um-
gebracht. Zwar habe ein letzter Überlebender gerade noch ihren Planeten ansteuern können, doch sei er während des Landevorgangs seinen Verletzungen
erlegen. Das Raumschiff selbst sei nun defekt, aber es gäbe ein riesiges Beiboot
im Hangar, das ausgezeichnet gewartet und jederzeit einsatzbereit sei. Robo
habe zwar gewußt, wie man mit diesem Beiboot umging, doch brauchte er dazu
Helfer, und außerdem hatte er keinen Auftrag, es in Bewegung zu setzen. Er
handele immer nur auf Befehl. Da sein Maschinengehirn ihm gesagt habe, daß
das Schiff eine neue Besatzung brauche, um wieder ins All starten zu können,
habe er die Zugangsschleuse so programmiert, daß jeder, der sie berührte, ungehindert eintreten konnte. Um seinen neuen Gebietern einen freundlichen Empfang zu bereiten, habe er den Türöffner mit einer Musikanlage gekoppelt, die
den Schleusenbereich mit Musikstücken beschallte, die zur Zeit des Aufbruchs
des Raumschiffs ins All in der Heimat gerade beliebt waren.
„Die ersten von uns Wasmaris“, sprach Tor-sil weiter, „die hier herein gerieten, wußten nicht, wie sie das Raumschiff wieder verlassen sollten, denn wie
sollten sie sich mit den komplizierten Mechanismen auskennen? Doch Robo
versorgte sie ausgezeichnet, und nach und nach verloren sie ihre Furcht und
gewöhnten sich an ihr neues Leben. Und auch die nächsten blieben. Denn was
erwartete sie draußen anderes als Verfolgung und Tod?“
Cha-rill und Ma-lo lauschten stumm. Das meiste verstanden sie nicht. Nur
daß auch sie hierbleiben würden, das war ihnen klar. Hier waren sie unter Ihresgleichen, und im Gegensatz zu draußen störte sich offenkundig niemand daran,
daß sie ein Liebespaar waren. Ganz im Gegenteil hatte es den Anschein, als ob
noch mehrere von ihnen anwesend waren, Frauen wie Männer.
„Wir haben viel gelernt in der Zeit unseres Hierseins“, sagte Tor-sil nicht
ohne Stolz. „Ich selber habe mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens mit
dem Studium der Schiffselektronik verbracht. Zusammen mit einigen unserer
Freunde kann ich das besagte Beiboot ohne weiteres fliegen. Wir haben es oft
genug simuliert. Robo war uns dabei ein hilfreicher Lehrmeister.“ Er machte
eine kurze Pause, um aus einem Gefäß zu trinken, das vor ihm auf dem Tisch
stand. Dann fuhr er fort: „Und jetzt stehen wir vor einer großen Entscheidung.
Wir sind so weit, daß wir mit besagtem Beiboot unseren Heimatplaneten verlassen können. Wir können fliegen, wohin wir wollen. Zum Beispiel auf andere
zivilisierte Welten mit intelligenten Lebewesen. Es ist wahr!“ versicherte er, als
er Cha-rills und Ma-los ungläubige Gesichter sah.
Die beiden beschlossen zu schweigen. Mit der Zeit würden auch sie alles
verstehen lernen, dachten sie zuversichtlich.
„Aber es gibt ein Problem“, sagte Tor-sil. „Was wir suchen, ist ein Leben in
Frieden und Gerechtigkeit an einem Ort, an dem sich jeder so entfalten kann,
wie es seiner Natur entspricht. Wir sind friedliche Leute, wir würden niemanden
stören, würden niemandem etwas zu Leide tun.“ Dem konnten Cha-rill und Malo nur zustimmen. „Aber andererseits gibt es hier auf unserem eigenen Planeten
unsere Artgenossen, die in Not und Elend leben. Wir haben die Möglichkeit, sie
aufzuklären und zu lehren, ein neues, gesünderes und besseres Leben zu führen.
Die Frage ist: Würde man auf uns hören? Wie würde man uns überhaupt empfangen, wenn wir dieses Raumschiff verlassen? Würde man nicht wieder versuchen, uns zu töten? Jetzt sind wir nicht mehr wehrlos. Wir haben jetzt Waffen,
von denen bisher noch nicht einmal die Kühnsten unserer Erfinder geträumt
haben. Wir könnten alle besiegen, die sich unseren guten Absichten in den Weg
stellen. Aber ist es das, was wir wollen? Wollen wir töten, wollen wir Krieg?“
Unwillkürlich schüttelten Ma-lo und Cha-rill die Köpfe. Nein, so etwas war
doch unvorstellbar!
„Das dachten wir uns auch“, stimmte Tor-sil zu. „Also haben wir uns in den
Archiven des Schiffs nach Welten umgeschaut, die für unseren Neuanfang in
Frage kämen. In unserer Galaxis gibt es Planeten, die völlig unberührt sind von
intelligentem Leben. Doch drohen dort ähnliche Gefahren, wie wir sie hier auf
unserem Nachbarkontinent vorfinden: wilde Bestien, giftige Pflanzen und Umweltphänomene, die wir nicht kennen und erst verstehen lernen müssen. Die
Besiedelung eines solchen Planeten würde viele Opfer von uns fordern, trotz
unserer Waffen. Für einen solchen Neuanfang sind wir zahlenmäßig viel zu wenige.“
„Dann sollten wir vielleicht lieber eine Welt suchen, auf der schon Siedlungen bestehen. Sicher werden sie uns ein kleines Plätzchen abgeben, wo wir leben
können“, wagte Ma-lo einzuwerfen.
„So zu denken, liegt nah“, nickte Tor-sil. „Doch auch diese Lösung scheint
nicht ohne Risiken zu sein. Wir haben einen Demonstrationsfilm vorbereitet, den
wir allen Neuankömmlingen vorführen. Paßt auf!“ Er zeigte auf eine leere graue
Fläche an der Stirnwand des großen Saals, wo plötzlich wie aus dem Nichts
Bilder erschienen. „Das ist ein Film des Planeten, von dem unser Raumschiff
stammt“, erläuterte Tor-sil. „Ihr seht hier Häuser, die fast in den Himmel reichen, sie stehen so dicht wie die Bäume im Wald. Diese Lebewesen, die da wie
die Ameisen in den Straßen herumwimmeln, nennen sich Menschen. Es sind
Humanoide, so wie wir, und sehen uns ein bißchen ähnlich. Sie fahren in Autos
und Flugmaschinen. Hier, diese Gefährte ...“ Er deutete auf einen Strom voller
sich selbständig und schnell bewegender glänzender Karren, die mit Scheiben
versehen waren, hinter denen sich Köpfe von Menschen zeigten. Unvorstellbarer
Lärm drang aus dem Bild an der Wand. Weder Ma-lo noch Cha-rill hatten solche Töne jemals gehört. Nur einmal, als das Bild wechselte, meinte Ma-lo so
etwas zu hören wie das, was er bei seiner Ankunft im Raumschiff vernommen
hatte. Diese Laute, die er für die Stimme des Strafenden Gottes gehalten hatte.
„Viel freier Platz ist da nicht ...“ sagte er zweifelnd.
„Es gibt auch andere Stellen, völlig unbesiedelte und solche, wo entschieden weniger Menschen wohnen“, antwortete Tor-sil. „Aber das ist nicht das, was
ich euch zeigen wollte. Hier.“
Das Bild wechselte wieder, und es erschien eine große steinerne Figur, die
einen Kranz mit Zacken um ihre Stirn trug. Es sei eines ihrer Symbole für die
Freiheit, sagte Tor-sil dazu. Und plötzlich war da ein anderes Bild mit Gestalten,
die hohe, spitze und weiße Kapuzenmäntel trugen. Große dunkle Tiere waren da
mit aufgerissenen Mäulern, in denen scharfe Zähne schimmerten. Sie jagten
hinter anderen Lebewesen her, die wie Menschen aussahen und eine dunkle, fast
schwarze Hautfarbe hatten. Manchmal gab es einen grellen Blitz, dann ertönte
ein lauter Knall, und oft fiel darauf einer der Flüchtenden mit schmerzverzerrtem
Gesicht hin.
Bildwechsel: Eine Gruppe Menschen mit weißen Gesichtern und andere mit
dunkler Haut bewarfen einander mit Gegenständen oder schlugen mit schmalen
Knüppeln aufeinander ein. Es floß viel Blut, das war deutlich zu sehen.
Ma-lo überlief ein kalter Schauer. Er fühlte sich mitten hineinversetzt in die
entsetzliche Fahrt mit dem Karren durch die Stadt, bevor er hierher gebracht
worden war.
„Hier“, unterbrach Tor-sil seine Gedanken. „Dieses Material stammt aus
einem anderen Land. Es scheint etwas älter zu sein.“
Diesmal fehlte den beweglichen Bildern die Farbe. Alles war schwarz, grau
und weiß. Es waren nur hellhäutige Menschen zu sehen, aber dennoch deutlich
erkennbar zwei Gruppen. Die einen trugen Hosen und Jacken, alle von einem
Schnitt, und schwarze Schuhe, die bis zu den Knien hinauf reichten. Diese stießen und zerrten an anderen Menschen, die ganz unterschiedliche Kleidungsstükke trugen, und trieben sie in einen großen hölzernen Karren, in welchen viele
von ihnen paßten, viel mehr als Ma-lo und Cha-rill angenommen hätten. Erst als
sie dachten, jetzt müßten diese Bemitleidenswerten bestimmt bald ersticken oder
zerquetscht werden, wurde eine Tür vor die Öffnung des Karrens geschoben und
ein Riegel davor geschlossen.
„Ist euch etwas aufgefallen?“ fragte Tor-sil.
Sie wußten nicht, was er meinte, also verneinten sie.
„Es waren alles Männer. Und sie alle trugen an ihren Jacken oder Hemden
ein Zeichen. ‚Winkel‘ nannten sie das Zeichen, und es war von einer blassroten
Farbe. Es gab noch ein weiteres Zeichen, um bestimmte Gruppen von Menschen
zu kennzeichnen, das war gelb und hatte die Form eines Sterns. Aber ich habe
euch mit Absicht erst die Gruppe mit dem Winkel gezeigt. Es handelte sich
nämlich um Männer wie ihr es seid, um solche, die sich für die Liebe und das
Leben nicht mit Frauen, sondern mit anderen Männern zusammentun. Man hat
sie in riesige Gefängnisse gebracht. Und dann hat man sie nach und nach auf alle
erdenkliche Weise umgebracht.“
„Weil sie so waren wie wir.“ Es war keine Frage, es war eine Feststellung.
Cha-rill hatte verstanden.
Und so auch Ma-lo. „Nun kenne ich das Problem, vor dem wir stehen. Du
willst uns sagen, daß es hier wie dort und wahrscheinlich auch auf vielen anderen Welten, zu denen wir fliegen könnten, ganz genauso oder ähnlich ist wie hier
auf unserem - wie sagst du? - Planeten.“
„Hier wie dort“, bestätigte Tor-sil. „Überall scheint es das Gleiche zu sein.
Wir müssen uns sehr gut überlegen, was wir tun sollen.“
(Entstehungshintergrund dieser Geschichte ist das Projekt „SF und Homosexualität“ des SF-Flash.de / „Hier wie dort“ erscheint demnächst in Alisha Biondas
Anthologie FREMDE WELTEN im Bernd Terlau-Verlag, ISBN 3-935473-04-4,
und wurde vom Verlag für die Veröffentlichung in warp-online.de freigegeben /
Barbara Jung, im Juli 2001)
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Seele and Geist
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