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Für die Vorgeschichte des DRG müssen wir nochmals kurz, wie

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Ich habe letztes Mal den Normierungsstand und die linguistische Infrastruktur der verschiedenen Idiome um 1900 besprochen. Im 19.Jh.
war sicher die Schule der Hauptantrieb für den Ausbau des Bündnerromanischen. Alle Ausbauschritte hatten oder wollten zumindest einen
direkten Einfluss auf die Schulsprache nehmen, sei es, um die regionale Schriftsprache in der Schule überhaupt zu verankern, wie im
Oberengadin, sei es, um die Form der Schulsprache zu beeinflussen,
wie in der Surselva. Um 1900 hatte sich diesbezüglich die Lage etwas
beruhigt, ausser in der Surselva, wo noch zwei Orthographien einander gegenüberstanden. Das Unterengadin hatte allerdings zu dieser
Zeit noch keine festen Normen, keine Grammatik und kein Wörterbuch.
In dieser Lage war es naheliegend, dass sich die Schreibung des Unterengadins immer mehr an die Schreibung des Oberengadins anpasste,
auch wenn einige Unterengadiner dies nicht besonders gerne sahen.
Peter Justus Andeer zitiert in der Einleitung seiner Grammatik die
beiden Werke von Zaccharia Pallioppi, die 'Ortografia' und die 'Conjugaziun del verb', sagt aber dazu: "Beide beschäftigen sich zu einseitig mit der Aussprache und Rechtschreibung des Oberengadinischen,
indem sie dasselbe nicht blos vor dem Einwurfe manigfaltiger Inconsequenzen rechtfertigen, sondern es sogar als Muster hinstellen wollen." Aber sogar er musste natürlich immer wieder auf die Orthographie und das Formeninventar von Pallioppi zurückgreifen, weil es ja
für das Unterengadinische nichts gab, auch wenn er es nicht spezifisch erwähnt.
Schwierigkeiten mit der Normierung und Bereitstellung des nötigen
Materials hatten allerdings auch viele andere Sprachen zu dieser
Zeit; die Einführung der öffentlichen Schule verlangte von fast
allen Sprachen grosse Anstrengungen zum Ausbau der Sprache. Viele
Sprachen erhielten erst in der zweiten Hälfte des 19.Jh. eine einheitliche Schriftsprache oder zumindest feste Normen, so z.B. auch
das Deutsche. Nur war dort der Ausgangspunkt bereits ziemlich nahe
an den Bedürfnissen einer Schulsprache. Es stand zum Beispiel auch
in der Schweiz nie zur Diskussion, kantonale oder regionale Sprachen
in der Schule zu verwenden. Eine einheitliche Norm für die deutsche
Schriftsprache wurde allerdings auch erst 1880 von Konrad Duden
festgelegt. Es dauerte aber auch dort bis 1913, bis auch Bayern diese Normen akzeptierte. Eine sehr gravierende zusätzliche Schwierigkeit im Bündnerromanischen war, dass diese Infrastruktur in vier
Varianten hätte bereitgestellt werden sollen, und dies für jeweils
relativ wenig Sprecher. Damit war natürlich auch der Kreis der Leute, die eine solche Aufgabe hätte übernehmen können, von vorne herein beschränkt, so dass es nicht zu verwundern ist, dass es sehr
lange dauerte, bis Norm und linguistische Infrastruktur für alle
Schriftsprachen bereit stand, nämlich bis in den 60er Jahren des
20.Jh., wie wir noch sehen werden.
Kurz vor der Jahrhundertwende beginnt auch die wissenschaftliche Erforschung des Bündnerromanischen in Graubünden selber Fuss zu fassen. Die ersten Grundlagen hatten ausländische Wissenschaftler bereits etwas früher gelegt. Als Gründer der Rätoromanistik gilt unbestrittenermassen der Friauler Graziadío Isaia Ascoli mit seinen berühmten 'Saggi ladini', "Ladinische Proben", erschienen im ersten
Band der Zeitschrift Archivio Glottologico Italiano, AGI 1, 1873,
S.1-556. Sie haben die Angaben zuoberst auf diesem Blatt hier. Der
Artikel füllt mit 556 Seiten gleich den ganzen Band aus. Es ist eine
Darstellung der Besonderheiten der Sprache der verschiedenen rätoromanischen Regionen von der Surselva bis ins Friaulische und ein Vergleich mit den jeweils benachbarten italienischen Mundarten: das
Lombardische und Venetische. Auf Grund dieser Untersuchungen defi-
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nierte Ascoli neben der lombardischen und venetischen Dialektzone
auch eine eigenständige "Ladinische" Zone, die das Bündnerromanische, das Dolomintenladinische und das Friaulische umfasst, also
das, was man heute 'Rätoromanisch' im weiteren Sinn nennt. Für das
Bündnerromanische arbeitete Ascoli vorwiegend anhand von Exzerpten
aus der älteren Literatur, bisweilen auch aufgrund von eigenen Aufnahmen, die er vorwiegend in Chur im Lehrerseminar gemacht hatte, wo
ja Schüler aus dem gesamten bündnerromanischen Gebiet ausgebildet
wurden. Für das Engadinische wurden Zaccaria Pallioppi und später
sein Sohn Emil Pallioppi, die an einem Wörterbuch arbeiteten, seine
Gewährsleute. Mit diesem Werk von Ascoli etablierte sich die Rätoromanistik im weiteren Sinn als eigene Teildisziplin der Romanistik.
Ascoli selber publizierte 1883 im Archivio glottologico italiano
(AGI 7, 1880-83, S.406-612) noch eine längere Arbeit mit dem Titel
'Annotazioni soprasilvane', Bemerkungen zu einem der vier von Caspar
Decurtins im gleichen Band des AGI publizierten surselvischen Texten
des 17./18.Jh., dem 'Barlaam e Giosafat', eine Art Roman (cf.Funtaunas II,102f.). Er legte somit nicht nur den Grundstein für die rätoromanische Dialektologie, sondern auch für die Auswertung älterer
rätoromanischer Texte.
In der Folge begannen auch weitere Romanisten, sich mit dem Rätoromanischen zu beschäftigen, was gerade Ascoli nicht allzu gerne sah.
Zu einem eigentlichen Rätoromanisten entwickelte sich der Österreicher Theodor Gartner. Er begann seine rätoromanistische Karriere in
den Dolomiten mit einer Arbeit über 'Die Gredner Mundart', erschienen in Linz 1879. Während er sich in Gröden zur Materialsammlung
aufhielt, traf er dort auf Eduard Böhmer, der eigentlich in gleicher
Absicht dorthin gekommen war. Böhmer verbrachte seine Ferien seit
1868 regelmässig in Disentis, um das Rätoromanische zu studieren,
kam also sozusagen von der anderen Seite des rätoromanischen Sprachgebietes in die Dolomiten. In Gröden liess er dem jüngeren Gartner
den Vortritt und ermunterte ihn sogar, seine Forschungen auf das
ganze rätoromanische Sprachgebiet auszudehnen. Bei dieser Gelegenheit brachte er ihm auch das heute noch in der Romanistik verwendete
Böhmer'sche Transkriptionssystem bei, bildete ihn also sozusagen im
Schnellverfahren zum Romanisten aus; Gartner war von Haus aus Mathematiker und Naturwissenschaftler. Im Jahre 1879 begann Gartner mit
seinen Aufnahmen in Tschamut und zog dann von Ort zu Ort mit seinem
Fragebogen. Im Gegensatz zu anderen Feldforschern befragte er nicht
die ältesten auffindbaren Leute im Dorf, sondern Mädchen und Burschen im Alter von 11-16 Jahren, weil diese frisch und frei sprechen
würden und nicht versuchten, ihre eigenen Vorstellungen von korrekter Sprache an den Mann zu bringen.
Das Ergebnis dieser Aufnahmen publizierte er dann 1883 unter dem Titel 'Rätoromanische Grammatik'. Dieses Werk ist 1984, also mehr als
100 Jahre später, nachgedruckt worden, ist also ws. im Handel noch
erhältlich; deshalb habe ich es mitgebracht. Es enthält eine riesige
Menge an Dialektdaten aus allen Gebieten, die damals zum Rätoromanischen zählten, von Tschamut bis Görz bzw. Goricia, die unterste Ortschaft des Friaul. Seine Angaben sind in der Regel sehr zuverlässig,
ausser was die Angabe der Langvokale betrifft, aber das ist ohnehin
ein Debakel für sich. Gartner beschäftigte sich auch später immer
wieder mit dem Rätoromanischen. In Gröbers Grundriss der romanischen
Philologie, erschienen 1888, eine Summa der damaligen Kenntnisse der
Romanistik, behandelte er ebenfalls 'Die rätoromanischen Dialekte',
während Caspar Decurtins, zu dem wir dann später noch kommen, in
diesem Grundriss die Rätoromanische Literatur behandelte. Bei der
zweiten Auflage von 1905 überarbeitete Gartner diesen Teil wiederum.
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1910 erschien 'Das Handbuch der rätoromanischen Sprache und Literatur', sozusagen die Zusammenfassung seiner rätoromanischen Forschungen. Schliesslich gab er 1913 Bifrun's Neues Testament heraus, die
einzige Ausgabe eines gedruckten alten rätoromanischen Textes, auf
die wirklich Verlass ist, wenn sie natürlich auch nicht ganz fehlerfrei ist.
Auf die damalige bündnerromanische "Szene" haben jedoch weder Ascoli
noch Gartner einen nachweisbaren Einfluss ausgeübt, obwohl beide mit
den Protagonisten der Zeit Kontakt hatten, Ascoli vorwiegend mit den
Pallioppis, Gartner mit Muoth, Placi Condrau, Pater Baseli Carigiet,
Gian Fadri Caderas. Die Werke von Ascoli und Gartner waren für diese
Leute, falls sie überhaupt von ihnen Kenntnis nahmen, wohl schlicht
unverdaulich. Schwer und langweilig sind sie auch heute noch, weshalb man sie wohl hie und da zitiert, aber wohl kaum je liest. Ich
schliesse mich hier durchaus in dieses 'man' ein; das Zeug ist mühsam. Das behandelte Material ist so gewaltig, dass man schon nach 10
Seiten nicht mehr weiss, was man 5 Seiten vorher gelesen hat. Aber
das war ja auch eines der Hauptzwecke dieser Werke: möglichst viel
Material zur Weiterbehandlung darzubieten.
Demgegenüber ist Eduard Böhmer, der dritte auf dem Blatt, weniger
durch seine Schriften zum Rätoromanischen bekannt geworden als vielmehr durch seine Sammlung von rätoromanischen Büchern und Manuskripten. Er wurde dabei tatkräftig von P.Baseli Carigiet unterstützt.
Die alte Klosterbibliothek von Disentis war 1799 bei der Einäscherung des Klosters durch die Franzosen völlig vernichtet worden. Man
begann zwar gleich danach wieder mit einer neuen Sammlung von Büchern und Manuskripten, doch diese wurden 1846 wiederum ein Raub der
Flammen, wenn auch einiges wenige gerettet werden konnte. Für Carigiet war das zuviel gewesen; statt wiederum mit dem Aufbau der Bibliothek zu beginnen, half er Böhmer beim Aufbau seiner Bibliothek.
Das Überleben des Klosters Disentis stand zwischen 1846 und 1877 sowieso immer auf Messers Schneide, und Böhmer wusste die Ängste von
Carigiet noch auszunutzen, indem er ihm einreden konnte, dass die
Bücher in Deutschland zweifellos sicherer seien als in Disentis.
Beide waren auch der Ansicht, das Romanische werde ohnehin kaum das
19.Jh. überleben werde, und danach seien die Bücher bei einer Kulturnation wie der Deutschen besser aufgehoben als in Graubünden.
Eine Liste seiner Bibliothek veröffentlichte Böhmer in den Romanischen Studien VI, 109ff., dazu ein Supplement im gleichen Band
S.219ff. Aus dieser Bibliographie ersieht man, dass Böhmer tatsächlich eine recht ansehnliche bündnerromanische Bibliothek zusammenbekommen hatte, inkl. einiges an Manuskripten. Es wäre heutzutage wohl
die dritt- oder viertgrösste rätoromanische Bibliothek, wenn es sie
noch gäbe. Böhmer verkaufte seine rätoromanische Bibliothek zwischen
1890 und 1895 ziemlich teuer der kaiserlich-königlichen Hofbibliothek zu Berlin, wo man die Bücher ja nun wirklich in Sicherheit wähnen konnte. Während des zweiten Weltkriegs wurden die Bestände dieser Bibliothek jedoch aus Sicherheitsgründen an verschieden Orten
des damals leider ziemlich grossen Deutschland deponiert. Nach dem
Krieg galt die Bibliothek längere Zeit als "verschollen". Im Zusammenhang mit der Erarbeitung der 'Bibliografia retorumantscha', erschienen 1986, wurde intensiv nach ihr gesucht, und das meiste dann
tatsächlich auch aufgefunden. Die verschiedenen Depots waren den
Staaten zugefallen, auf deren Gebiet sie zufällig bei Kriegsende lagen. So war ein Teil der Bücher in die 'Deutsche Staatsbibliothek
Berlin', die Nachfolgerin der 'Kaiserlich-königlichen Hofbibliothek', zurückgekehrt. Ein anderer Teil befand sich damals in der
'Stiftung Preussischer Kulturbesitz' in der DDR. Der heute für die
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Forschung wohl wichtigste Teil der Bibliothek Böhmer, die Manuskripte, hat man dann in der Jagiellonischen Universitätsbibliothek in
Krakau gefunden, schon ziemlich weit weg von Graubünden. Es ist dann
auch ein Dolomitenladiner, Paul Videsott, der sich die Mühe genommen
hat, die dortigen Manuskripte genau zu beschreiben. Diese Arbeit
wird nächstens in der Zeitschrift Vox Romanica erscheinen. Dann wird
man zumindest wissen, was in Krakau vorhanden ist, und kann dann
notfalls die entsprechenden Manuskripte anschauen oder im besten
Fall sogar kopieren lassen. Ein kleiner Teil der früheren Bibliothek
Böhmer scheint verschollen zu sein, ist also entweder verbrannt oder
dann noch irgendwo in Russland.
Trotz des späteren Schicksals dieser Bibliothek hat die Sammeltätigkeit Böhmers wahrscheinlich der Erhaltung rätoromanischer Bücher und
Manuskripte mehr genützt als geschadet. Erst als die Rätoromanen sahen, dass überhaupt jemand dieses Zeug sammelte, kamen sie auf die
Idee, es auch selber zu tun. So begann nach dem Tod Carigiets sein
Nachfolger, P.Baseli Berther, wieder mit dem Aufbau einer rätoromanischen Bibliothek in Disentis. Dass diese Bibliothek heute zu den
drei besten rätoromanischen Bibliotheken gehört, verdankt sie allerdings dem Nachlass von Caspar Decurtins; fast alle Manuskripte, die
er für die Herausgabe seiner Rätoromanischen Chrestomathie verwendete, sind nach seinem Tod nach Disentis gekommen. Von den 7 mir bekannten Manuskripten des 'Joseph', des ersten Dramas von Gian Travers, sind 4 in Disentis, darunter das zweitälteste, zwei in der
Chesa Planta in Samedan, darunter das älteste, und eines im Staatsarchiv in Chur. Bereits etwas früher hatte der damalige Kantonsbibliothekar, Giatgen Gisep Candreia, der Schöpfer der ersten surmeirischen Normen, mit der Sammlung von rätoromanischen Büchern begonnen
und nach und nach ebenfalls eine der besten, wenn nicht die beste,
Sammlung rätoromanischer Bücher zusammengebracht. Und auch zum Programm der definitiven Gründung der Societad Retorumantscha 1885 gehörte die "Sammlung und Erhaltung der romanischen Sprachdenkmäler".
Diese Sammlung wurde dann später die Grundlage der Bibliothek des
Dicziunari Rumantsch Grischun. Böhmer hat also mit seiner wissenschaftlich weniger bedeutenden Beschäftigung mit dem Rätoromanischen
mehr bei ihnen bewirkt als Ascoli und Gartner mit ihren Standardwerken. Böhmer war übrigens auch massgeblich mitbeteiligt an der Ausarbeitung und Herausgabe des Rætoromanischen Wörterbuchs von P.Baseli
Carigiet, erschienen 1882, und zwar sowohl wissenschaftlich wie finanziell, wie dem Vorwort des Wörterbuches zu entnehmen ist. Das Manuskript des Wörterbuches befand sich auch in der Bibliothek Böhmers
und ist mit den anderen Manuskripten nach Krakau gekommen.
Das Interesse der Forschung für das Rätoromanische hat dann auch
dazu geführt, dass ältere Texte des Bündnerromanischen wieder zugänglich gemacht wurden. Der fleissigste "ausländische", wenn auch
nur aargauische Herausgeber von bündnerromanischen Texten dieser
Zeit war Jakob Ulrich, Professor für Romanische Philologie an der
Universität Zürich. Seine Herausgebertätigkeit begann er mit einer
Chrestomathie, einer Zusammenstellung von Textauszügen aus verschiedenen Werken, für das Oberengadinischen von Travers bis Caratsch,
also von 1527 bis 1865, für das Unterengadinische von Chiampell bis
Flurin Valentin, also von 1562 bis 1863. Für das Surselvische gehen
die Texte von Luci Gabriel bis Gion Arpagaus, also 1648 bis 1878.
Bei dieser Zeitspanne konnte man natürlich jeweils nur ganz wenige
Seiten anführen, aber die Chrestomathie sollte auch die sprachliche
Entwicklung der romanische Dialekte aufzeigen. In den 'Rätoromanischen Texten', die noch im gleichen Jahr erschienen, stehen dann
längere Texte aus einem einzigen Werk, z.B. der gesamte Katechismus
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von Bonifaci aus dem Jahr 1601 und das damals älteste bekannte Katechismus in surmeirischer Sprache von 1775. Von diesem schreibt er
allerdings in der Einleitung: Dieser "wimmelt so von Fehlern, dass
eine Angabe derselben unnötig erschien". Als Sprachwissenschaftler
sind mir allerdings die Fehler des Katechismus wichtiger als die
"Korrekturen" von Ulrich; so gut altsurmeirisch konnte der nun wirklich auch nicht. Im zweiten Teil der 'Rätoromanischen Texte' steht
dann die vollständige Übersetzung der Evangelien von Matthäus und
Markus von Bifrun. Den Schlusspunkt der Herausgebertätigkeit von Ulrich war dann 'Der engadinischen Psalter des Chiampell'. Ulrich hat
noch viele andere kleinere Sachen herausgegeben, z.B. verschiedene
Dramen und die Tæfla von Bifrun. Gerade sehr gut sind seine Editionen nicht, und sie werden mit den Jahren auch eher schlechter denn
besser, aber er hat sicher das Verdienst, sehr viele alte bündnerromanische Texte der Forschung zugänglich gemacht zu haben.
Dieses Interesse der "internationalen" Forschung am Rätoromanischen
hat dann mit etwas Verspätung auch die Einheimischen angeregt, sich
mit dem Bündnerromanischen zu beschäftigen, wie wir dann noch sehen
werden. Für das Rätoromanische selbst hatte es zunächst aber kaum
Auswirkungen gehabt. Das liegt sicher auch zu einem grossen Teil
daran, dass die Interessen der Sprachwissenschaftler ganz andere waren als die Interessen der Rätoromanen selber. Das sieht man sehr
gut aus einem Manuskript Böhmers zum Wörterbuch von Carigiet, in dem
dieser die Zusammenarbeit mit Carigiet am Wörterbuch beschreibt.
Gugliem Gadola hatte sich die Manuskripte des Wörterbuchs noch vor
dem Krieg kommen lassen und hat diese Notizen Böhmers im Ischi 46,
1960, S.106-110 publiziert. Leider hat er die Manuskripte noch vor
Ausbruch des Krieges wieder zurückgeschickt; sonst wären sie wohl in
Graubünden geblieben. Böhmer strich nach seinen eigenen Angaben aus
dem ersten Manuskript Carigiets zunächst "die erschrecklichsten Etymologien1)." Dann strich er auch einen grossen Teil der internationalen Wörter heraus, wobei er von sich aus noch viel weiter gegangen
wäre. Er schreibt nämlich dazu: "So durchgreifend, wie ich gewünscht
hätte, habe ich freilich nicht streichen dürfen, damit der reizbare
Kranke seine Arbeit nicht zurückzöge." Er schrieb dann zwar Carigiet, dass noch mehr zu streichen wäre, was ihm Carigiet zubilligt,
jedoch mit der Einschränkung: "wenn mein Werkchen nur für Sie und
gelehrte Deutsche geschrieben wäre, aber bedenken Sie, dass dies
Büchlein ein Schatz für halb und dreiviertel gelehrte Romanische
sein muss". Böhmer war da anderer Meinung, ich zitiere: "Die wenigen
Bewohner der Cadi bedürfen für den mündlichen Gebrauch überhaupt
keines Wörterbuchs. Die Sprachforscher sind es, die eines zu haben
wünschen, und für die Eingeborenen ist es eine Aufgabe der Pietät
gegen die Muttersprache, ein solches Denkmal zu vervollständigen."
Dies schrieb er allerdings nicht an Carigiet selber, sonst hätte der
'reizbare Kranke' womöglich bemerkt, dass er im Grunde genommen nur
zum Wohle der Wissenschaft ausgenutzt werden sollte. Anhand dieser
verschiedenen Konzeption des Wörterbuches bei Carigiet und bei Böhmer ersieht man jedoch klar die völlig verschiedenen Interessen der
Rätoromanen selber und der damals am Rätoromanischen interessierten
Sprachwissenschaftler. Den Rätoromanen ging es darum, das Romanische
den Gegebenheiten der Zeit anzupassen und für die neuen Aufgaben,
die an diese Sprache herantraten, tauglich zu machen. Die Sprachwissenschaftler waren dagegen gerade am Alten, am 'Hausbackenem', wie
sich Böhmer ausdrückt, in dieser Sprache interessiert. Zudem schätzten sie die Überlebenschancen des Rätoromanischen ohnehin als gering
ein, wie man es von Böhmer mit Sicherheit weiss, so dass ihnen diese
Bemühungen ohnehin als illusorisch erschienen. Deutlich hat dies wenig später der damalige Zürcher Romanist Heinrich Morf ausgedrückt.
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Dieser publizierte 1888 unter dem Titel 'Ein Sprachenstreit in der
rätischen Schweiz' eine vernichtende Kritik der Bemühungen Bühlers
um eine einheitliche Schriftsprache, 1903 wieder abgedruckt in einer
Sammelschrift unter dem Titel: Aus Dichtung und Sprache der Romanen.
Er geht darin von der "Einsicht" aus - ich zitiere: "dass in nicht
allzuferner Zeit das letzte rätische Wort in diesen Bergen verklungen haben wird, und dass gegen dieses Sterben kein Kraut gewachsen
ist. Der nüchterne (...) Beobachter wird dem Ländchen Glück dazu
wünschen, dass es solchergestalt den Segnungen des sprachlichen
Weltverkehrs öffnet." Von dieser Sicht aus bestand natürlich absolut
kein Anlass, den Bemühungen um eine Erneuerung des Rätoromanischen
irgendwie behilflich zu sein. Damit kamen die Sprachwissenschaftler
auch um den Nachweis herum, dass sie selber in dieser Situation bessere Arbeit hätten leisten können als die "Eingeborenen". Morf starb
1921, während das Rätoromanische immer noch lebt. Und von Morf
spricht man am ehesten noch in Zusammenhang mit seiner verfehlten
Prognose bezüglich den Tod des Rätoromanischen.
So war es also noch am ehesten Böhmer, der mit seinem Beispiel auch
in Graubünden etwas auslöste. Neben dem Beginn der Sammlung von rätoromanischen Büchern und Manuskripten an verschiedenen Orten, löste
er nämlich zumindest indirekt auch die Herausgabe der Rätoromanischen Chrestomathie von Caspar Decurtins aus, in der neuen Auflage
unterdessen 15 Bände, mit einer riesigen Menge von Material, genannt
unter 2. auf dem Blatt. Decurtins war 1868-70 im Gymnasium in Disentis, also gerade zur Zeit, als Böhmer seine Ferienaufenthalte in Disentis begann. Bereits im Gymnasium begann er, Volkslieder, Märchen
und Sagen zu sammeln. Das Gymnasium beendete er 1874 in Chur. Danach
ging er ein Jahr nach München, dann nach Heidelberg, wo er noch im
gleichen Jahr mit einer Arbeit über Landrichter Clau Maissen doktorierte, im 4. Semester! Diese Arbeit könnte allerdings heutzutage
allenfalls als gute Seminararbeit im Fach Geschichte gelten; damals
reichte das noch als Dissertation. Danach ging er noch ein Jahr lang
nach Strassburg zu Eduard Böhmer und veröffentlichte im gleichen
Jahr in den 'Romanischen Studien', der Zeitschrift Böhmers, eine
Reihe von surselvischen Märchen. 1877 wurde er, noch nicht ganz
22jährig, Landamman des Kreises der Cadi, und vier Jahre später auch
Nationalrat. Das verzögerte seine wissenschaftlichen Tätigkeiten
etwas, so dass die erste Lieferung der Chrestomathie schliesslich
erst 1888 erschien. Am Anfang dauerte es ziemlich lange zwischen den
einzelnen Faszikeln, so dass der erste Band erst 1896 mit der dritten Lieferung abgeschlossen wurde, danach ging es dann aber recht
zügig vorwärts. 1916, als Decurtins starb, waren bereits 10 Bände
und ein Ergänzungsband erschienen. Die Bände XI und XII gab dann
noch seine Frau zusammen mit dem späteren Bischof Christian Caminada
heraus. Die Chrestomathie ist noch heute die wichtigste und für
viele Texte auch einzige Quelle für ältere romanische Texte.
Decurtins verstand sich trotz der Herausgabe der Chrestomathie nicht
als Romanist oder gar als Sprachwissenschaftler. Nach Beendigung
seiner Karriere als Politiker 1906 war er zwar noch während 10 Jahren Professor in Freiburg, aber für Kulturgeschichte, der Vorläuferin der späteren Ethnologie und heutiger Volkskunde, nicht etwa für
Romanistik. Deshalb hatte seine Chrestomathie wohl auch nicht die
erhoffte Ausstrahlung für die Rätoromanistik. Das Werk galt auch als
nicht sehr zuverlässig. Schuld daran war Decurtins z.T. selber, weil
er seine Editionsprinzipien mehrfach änderte und am Ende, wie er
selbst in der Einleitung zum VI Bd. schreibt, "zur Erleichterung der
Lektüre" nicht nur Inkonsequenzen der Grossschreibung, Apostrophsetzung und Worttrennung beseitigte, sondern auch die Schreibweise der
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Originale in verschiedenen Punkten veränderte und der "wirklichen
Aussprache" anpasste. Die zunehmend largere Haltung gegenüber den
Texten beruht auf den zunehmend volkskundlicheren Interessen von Decurtins an den Texten. Peter Egloff und Jon Mathieu haben verschiedene Textproben der Chrestomathie überprüft und über ihre Ergebnisse
im Registerband, dem heutigen 15.Bd. der Chrestomathie, berichtet
(Chrest.XV, 334-337). Nach ihrer Ansicht ist: - ich zitiere: "Für
den Historiker und Volkskundler (...) die sprachliche Gestalt der
Textsammlung durchgängig von genügender Qualität." Für die Sprachforschung ist die Sache etwas anders; sie braucht natürlich für bestimmte Fragestellung, etwa für die Entwicklung der Orthographie,
eine möglichst genaue Wiedergabe der Texte. Über die Qualität der
Texte für die Sprachforschung lassen sich nach Egloff und Mathieu
keine allgemeinen Angaben machen, weil sie von Band zu Band verschieden sind. Nach meinen eigenen Erfahrungen sind die Bände I und
V, der erste mit altsurselvischen Texten, der zweite mit den altengadinischen Texten des 16. Jh.s, hervorragend ediert; nur die Edition Bifruns von Gartner ist noch besser. Dies gilt sowohl für die
gedruckten Werke als auch für die Hss., wo wirklich nur schwer lesbare Stellen vermasselt sind. Den schlechtesten Ruf hat der VI. Band
mit den engadinischen Texten des 17.Jh.s, aber die handschriftlichen
Texte dieser Zeit sind z.T. auch verzweifelt. Ich kenne z.B. ein Ms.
des Josefs aus dieser Zeit, bei der kaum ein Vers fehlerfrei abgeschrieben ist und bei dem öfters das, was im Ms. steht, ein völliger
Unsinn ist. Wenn man bessere Handschriften zur Verfügung hat, ist
das weiter nicht schlimm, aber wenn der Text des Joseph nur in diesem Manuskript überliefert wäre, könnte man die Sache glatt vergessen. Die engadinischen Texte des 17.Jh. gehören so oder so zu den
problematischeren einer Edition, so dass es nicht verwunderlich ist,
dass Decurtins diesen gegenüber weniger Respekt zeigte als den früheren.
Viel wichtiger als die Chrestomathie wurde ein anderes Unternehmen,
das in diesem wissenschaftlichen Umfeld begann. Bereits Heinrich
Morf hatte in seinem zitierten Aufsatz festgestellt - ich zitiere:
„Aus dieser Lage der Dinge geht klar hervor, was die Freunde des Rätischen zu tun haben: Da das Verhängnis nicht abzuwenden ist, sollen
sie von dem Bestehenden retten, was noch zu retten ist. (...) Ein
Idiotikon soll dem bedrohten Wortschatz dauerndes Asyl schaffen und
jene Hunderte von seltenen und merkwürdigen Ausdrücken bergen.“
Diese Idee nahm dann rund 10 Jahre später Robert von Planta, aus dem
zweifellos berühmtesten Bündner Geschlecht, auf. Robert von Planta
wurde in Alexandrien in Ägypten geboren, wo sein Vater ein florierendes Baumwollgeschäft besass. Er besuchte zunächst die von seinem
Vater gegründete deutsche Schule in Alexandrien. Als die Kinder
grösser wurden, kehrte die Familie nach Graubünden zurück auf das
Schloss Fürstenau-Schauenberg, das sein Vater einige Jahre zuvor gekauft hatte. Das Gymnasium besuchte Robert von Planta in Basel und
begann dort auch mit dem Studium der klassischen Philologie und der
Indogermanistik, ein Studium, das er dann in München, Berlin, Leipzig und Zürich fortsetzte - ein Lebenslauf, der in Graubünden durchaus Parallelen hat, aber dennoch nicht gerade als typisch Bündnerisch gelten kann. In der Indogermanistik ist von Planta bekannt wegen seiner mehr als 1300 Seiten umfassenden 'Grammatik der oskischumbrischen Dialekte', zwei mit dem Lateinischen verwandte Dialekte
Mittelitaliens, erschienen in zwei Bänden 1892 und 1897. Danach hatte er vor, ein Lateinisches etymologisches Wörterbuch zu schreiben,
erfuhr dann aber, dass bereits jemand anders an diese Aufgabe gegangen war. Deshalb wollte er sich zunächst dem Sanskrit, der altindischen Sprache, zuwenden. In dieser Zeit beschäftigte er sich zur
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"Orientierung", wie er schreibt, mit dem Rätoromanischen: Carigiet,
Pallioppi, Ascoli, Gartner, Pult, also alles, was es zu jener Zeit
gab. Beim Rätoromanischen blieb er dann bis zum Ende seines Lebens.
1898 ging er daran, einen Fragebogen für die Erfassung des Wort- und
Sprachgutes der bündnerromanischen Mundarten auszuarbeiten als Vorarbeit für ein grosses 'Idioticon retorumantsch'. Er erkannte jedoch
bald, dass ein solches Unternehmen nicht von einem Einzelnen zu bewältigen sei. 1904 nahm er deshalb Kontakt mit dem kantonalen Erziehungsrat und dem Präsidenten der Societad Retorumantscha auf. Dies
war insofern nicht allzu schwierig, weil dies ohnehin die gleiche
Person war: Andrea Vital, den wir schon von der der surselvischen
Orthographiekonferenz von 1895 kennen. Zusammen reichten sie ein Gesuch zur Mitfinanzierung des Werkes in Bern ein, das auch bewilligt
wurde; Andrea Vital war nämlich auch noch Nationalrat. So glückliche
Zusammentreffen gab es leider nicht oft in der Geschichte der rätoromanischen Sprachwissenschaft.
Dadurch war es möglich, für das Unternehmen einen festen Redaktor
anzustellen. Unterdessen gab es auch einige Rätoromanen, die sprachwissenschaftlich ausgebildet worden waren. Ich habe sie und ihre
Dissertationen unter zwei aufgeführt, nach der Chrestomathie. Der
erste von ihnen war Chasper Pult, der Grossvater des heutigen Chasper Pult für die Insider, hier in einer der Sprache der Dissertation angepassten französischen Form des Namens. Dieser hat 1897
seine Dissertation mit dem Titel 'Le parler de Sent', "Die Mundart
von Sent" publiziert. 1900 erschien in den Romanischen Forschungen
die Dissertation von Josef Huonder über den 'Vokalismus der Mundart
von Disentis'. Huonder wurde nur zwei Jahre später Professor für Romanistik in Freiburg, starb aber bereits drei Jahre später, ein empfindlicher Verlust für die aufstrebende Rätoromanistik. Ebenfalls
1900 erschien die Zürcher Dissertation von J.P.Candrian über den
Dialekt von Bivio-Stalla, abgeschlossen bei Heinrich Morf und Jakob
Ulrich in Zürich. Dann folgte, ebenfalls in Zürich, H. Augustin mit
dem Thema 'Unterengadinische Syntax', erschienen 1903, eine Arbeit,
die während fast 80 Jahren die einzige bündnerromanische syntaktische Arbeit blieb, und schliesslich Johann Luzi mit einer 'Lautlehre
der sutselvischen Dialekte', erschienen 1904 in den Romanischen Forschungen. Im gleichen Jahr 1904 doktorierte auch Florian Melcher,
dieser allerdings in Wien, mit einer Arbeit über die 'Nominalbildung
in der Mundart des Oberengadins'. Diese Arbeit erschien aber nie im
Original, sondern erst posthum in einer oberengadinischen Version in
den Annalas 38 und 39. Damals war die Dissertation der übliche Abschluss eines Studiums; ein Lizentiat gab es noch gar nicht, von BA
und MA ganz zu schweigen.
Es gab zu dieser Zeit also glücklicherweise Leute, denen man eine
Aufgabe bei der Ausarbeitung eines 'Rätoromanischen Idiotikons' anvertrauen konnte. Robert von Planta holte sich Johann Luzi, noch bevor die Societad Retorumantscha das Wörterbuchprojekt übernahm, und
liess ihn in 89 Gemeinden seinen Fragebogen abfragen. Die Arbeiten
von Luzi bilden noch heute unter dem Titel 'PLANTA, Phonetisches
Normalbuch' die Grundlage für die Ausspracheangaben im Dicziunari
rumantsch grischun; es kamen nur noch zwei weitere Gemeinden dazu.
Was Luzi danach tat, konnte ich nicht mehr eruieren; es sind mir jedenfalls keine weiteren wissenschaftlichen Arbeiten von ihm bekannt
geworden.
Zum ersten Redaktor des Dicziunari Rumantsch Grischun wurde Florian
Melcher gewählt. Er war allerdings nur dritte Wahl; im Vorwort des
1. Faszichels des DRG, das 1939 herauskam, schrieb Jakob Jud, unter-
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dessen Präsident der Philologischen Kommission des DRG: „Da weder
J[osef] Huonder noch C[hasper] Pult sich von ihren akademischen Verpflichtungen in Freiburg i. Ü[uechtland] und St. Gallen zu lösen
vermochten, berief die Suprastanza (...) Florian Melcher als hauptamtlichen Redaktor“. Huonder war, wie gesagt, zu dieser Zeit Professor für Romanistik in Freiburg, Chasper Pult war Lehrer an der Handelshochschule in St.Gallen. Was er dort lehrte, konnte ich nicht
ausfindig machen, wahrscheinlich französisch. Aber das war zweifellos eine sicherere und wahrscheinlich auch besser bezahlte Stelle
als diejenige des Redaktors des DRG. Im Mai 1905 hielt Florian Melcher dann sozusagen sein Antrittsreferat anlässlich der Generalversammlung der Societad retorumantscha. Dieses Referat hatte es in
sich; es löste einen 25-jährigen Orthographiestreit im Engadin aus.
Dazu dann später noch. Das erste Faszikel der DRG erschien aber erst
1939, also 40 Jahre nach dem Beginn der Arbeiten, deshalb ist das
DRG hier noch nicht aufgeführt.
Unterdessen war auch auf anderen Gebieten als dem rein romanistischwissenschaftlichen einiges passiert. Das romanisch-deutsche Wörterbuch von Zaccaria und Emil Pallioppi habe ich bereits in Zusammenhang mit der Normierung des Oberengadinischen genannt; es erschien
1895. 1902 folgte dann der deutsche Teil unter dem Titel: „Wörterbuch der romanischen Mundarten des Ober- und Unterengadins, des Münstertals, von Bergün und Filisur, mit besonderer Berücksichtigung
der oberengadinischen Mundart" von Emil Pallioppi, ebenfalls in Samedan. Der deutsche Titel stammt von Pallioppi selbst. Beim romanisch-deutschen Wörterbuch hiess es: "Dizionari dels idioms romauntschs" und "cun particulera consideraziun del idiom d'Engiadin'ota". Die Widergabe von roman. 'idiom' mit 'Mundart' stammt also
von ihm selbst. Heutzutage dürfte man 'Idiom' aus ideologischen
Gründen kaum mehr mit "Mundart" übersetzen, sonst könnte man am Ende
meinen, das Surselvische oder Engadinische seien etwa der Zürcher
oder Basler Mundart gleichzustellen. Weil sie nämlich über eine eigene Schriftsprache verfügen, halten sie sich als etwas viel besseres als eine "Mundart". Das Problem ist nur, wie man 'idiom' dann
heutzutage übersetzen soll. Ich verwende üblicherweise den Terminus
'Regionalschriftsprache', aber auch das 'Regional-' kann einem übel
genommen werden. Am besten spricht man also überhaupt nicht darüber.
Das romanisch-deutsche Wörterbuch war, wie bereits gesagt, noch von
Zaccaria Pallioppi selbst in Angriff genommen worden. Pallioppi
hatte allerdings für sein romanisch-deutscher Wörterbuch ursprünglich einen viel grösseren Rahmen vorgesehen, als denjenigen, in dem
es danach tatsächlich erschien. Er hatte auch das Surselvische mit
eingeschlossen, und jedes Wort wurde auch mit den entsprechenden
Wörtern der verwandten Sprachen, "Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und andere", verglichen. Kurzum, er hatte bereits eine Art 'Dicziunari rumantsch grischun' geplant. Als Zaccaria
Pallioppi starb, war aber erst der Buchstabe A zum Druck vorbereitet, und dieser Buchstabe war bereits "ün'ouvra da grand'extensiun",
"ein Werk von grossem Ausmass", also praktisch ein Band. Emil Pallioppi sah ziemlich bald ein, dass das Werk im Ausmass, wie sein Vater es geplant hatte, von einer Einzelperson nicht zu bewältigen sei
und beschränkte sich deshalb auf das Engadinische, liess die Zitate
aus den anderen romanischen Sprachen weg und kürzte die etymologischen Erklärungen auf das Minimum. Dabei sei das Werk zwar weniger
wissenschaftlich, dafür aber praktischer geworden, meint er. Auch so
ist das Wörterbuch von Pallioppi das wissenschaftlich beste romanisch-deutsche Wörterbuch, das es bis heute gibt. Er berücksichtigt
nicht nur die damals gesprochene Sprache und Literatur, sondern auch
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die historisch-literarische Sprache und gibt dafür auch die Quellen
an, z.T. auch solche, die in der Zwischenzeit verloren gegangen
sind. Gerade für die älteren engadinischen Texte wäre man des öftern
aufgeschmissen ohne dieses Werk, und wie viel es taugt, sieht man
effektiv in den Fällen, wo ein Wort aus der älteren Literatur auch
bei Pallioppi nicht zu finden ist. Bis zum 'M' ist unterdessen auch
das DRG, aber danach ist ohne Pallioppi sozusagen nichts zu machen.
Dafür war dem Wörterbuch in der Praxis nicht allzu viel Glück beschieden, aber das liegt nicht an dem Wörterbuch an sich. 1906 begann im Engadin ein Orthographiestreit, der dann die Schreibungen
Pallioppis und damit auch des Wörterbuchs sehr bald als veraltet
erscheinen liess, womit der praktische Nutzen des Wörterbuches sehr
eingeschränkt wurde, obwohl es lange keine Alternative dazu gab. Ein
neues deutsch-engadinisches Wörterbuch erschien erst 1945, und ein
engadinisch-deutsches Wörterbuch sogar erst 1962. Aber so weit sind
wir noch nicht.
Dann lass ich es für heute dabei bewenden. Nächstes Mal schauen wir
dann noch, was auf organisatorischem Gebiet um die Jahrhundertwende
und am Anfang des 20. Jh. neues gab.
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Seele and Geist
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