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1 AUSSTELLUNGSRUNDGANG oder Wie lang ist ein Meter

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AUSSTELLUNGSRUNDGANG
oder
Wie lang ist ein Meter?
Lorette Cherăscu
Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Siggy. Eigentlich Sigmar. Sigmar Polke. Und dass ich
aus Polen stamme, stimmt, aber dass ich Polke heiße und aus Polen stamme, ist purer Zufall.
Ich war mal Glasmalerlehrling und... na ja, ich malte halt auf Glas. Ich habe mich nämlich
mein Leben lang mit moderner Kunst befasst. Das kann ich eben. Und das kann ich gut. Auch
wenn mich nicht alle verstehen. Mich und meine Gouachen und meine provozierenden
Bilduntertitel. Aber jede Menge Preise habe ich dafür erhalten, in Deutschland, in Brasilien,
in Italien, in Amerika, in Japan und in der Schweiz.
Und dann behauptet Patrick Süskind: „Für Bilder besitzt er nur ein rezeptives, kein
produktives Organ, und für eine so komplizierte Angelegenheit wie das Erzählen einer
Geschichte in der Sprache der Bilder ist sein Gehirn einfach nicht simpel genug
strukturiert.“ Ja, er hat Recht, mein Gehirn ist nicht simpel genug, es ist gar nicht simpel,
sondern äußerst komplex strukturiert, so dass ich eben diese Art von Kunstwerken
zusammenstellen konnte.
Hihi, schon bist du, lieber Betrachter meiner Gemälde und Leser/ Zuhörer dieses Textes in
eine meiner ersten Fallen getappt: Das mit den Bildern und dem Gehirn sagt zwar Patrick
Süskind, aber nicht über mich! Ich habe ganz einfach dieses Zitat aus dem Spiegel 4/1997
übernommen und einem meiner Bilder hinzugefügt! So einfach geht das! Und weil du nun
draufkommst, dass du dich allein, ohne Leitung eines anderen, in meiner Ausstellungswelt
nicht zurechtfinden wirst, erlaube mir nun, in meiner Abwesenheit (ich bin ja nun bereits seit
mehr als drei Jahren von euch geschieden!) meiner bescheidenen Wortführerin in diesem
Sinne... nun ja, das Wort zu erteilen.
Danke, Siggy! Ich hoffe, den Rundgang auch wirklich in deinem Sinne meistern zu können!
Das kannst du sicherlich! Na, schauen wir mal zum Beispiel dorthin! Keine Zeitenfolge,
kein „wenn“, kein „während“ kein „sowohl als auch“ – nichts als dieses primitive,
undifferenzierte, grobschlächtige „Hier bin ich“ des Bildes auf der Leinwand. Ja, genau
dort! Siehst du es? Na? Was suggeriert es dir?
Hier bin ich???
Ach, nimm’s nicht so genau, nicht wörtlich! Das sagt natürlich wiederum Süskind, aber über
den Film „Rossini“. Nur das passt eben auch zu meinem Bild. Kapierst du’s jetzt? So
funktioniert das! Probieren wir weiter! Wie heißt jenes Bild?... Macht mit und gewinnt!
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Was gewinnen wir, wenn wir mitmachen?
Nein! Nichts! Ihr gewinnt nichts, so heißt das Bild. Weil es niemand wusste, habe ich meine
Frage nur selbst beantwortet. Oh, Gott! Wie soll das weiter gehen? Du taugst ja zu gar nichts.
Und übrigens gibt es im Augenblick viel zu wenig Zuschauer. Viel zu wenig Betrachter
meiner Bilder. Aber das liegt sicherlich an dir und deinem minderwertigen Vorstellungstext.
Tut mir Leid!
Wann kommt denn endlich einer?
Aber, Siggy, auch wenn wenige, so gibt es doch bereits ein paar Leute hier. Siehst du sie
nicht? Man darf das Publikum, auch wenn nicht zahlreich, oder in deinem Bereich kundig,
nicht so beleidigen.
Das meine ich doch gar nicht. „Wann kommt denn endlich einer?“ heißt ein nächstes
Gemälde von mir. Eigentlich eine Gouache aus dem Jahr 1996. Dort hinten. Genau. Und jetzt
habe ich eine Provokation für euch, so lächerlich einfache Wörtlein auszudrücken wie
beispielsweise „immer“ oder „nie“ oder „leider“ oder „ach“!
Das ist keine Provokation. Hör mal: Ach, leider ist nie immer nie! Und das ist auch
tiefsinnig.
Was soll der Unsinn? Ich meine mein Bild mit diesem Titel. Erkennst du es? Zwei
spazierende Gestalten, Arm in Arm, Mann und Frau, punktierte Silhouetten auf gelb-grünrosa Hintergrund. Selbstverständlich ist der Titel von meinem Freund Patrick übernommen,
aber er passt doch so gut: Wie die modernen Menschen, trotz physischer Nähe, nicht mehr
imstande sind, so lächerlich einfache Wörtlein auszudrücken wie beispielsweise „immer“
oder „nie“ oder „leider“ oder „ach“!
Ach so, ja, da hast du wie immer Recht, leider!
Wie weit meinst du, ist das Bild dort von uns entfernt?
Ich schätze mal, ein Meter.
Wie lang ist ein Meter?
Mein Gott, mit Verlaub, das ist eine dumme Frage! 100 Zentimeter oder 1000 Millimeter.
Oder, laut Generalkonferenz für Maße und Gewichte (kurz CGPM) vom 20. Oktober 1983 ist
ein Meter „die Strecke, die das Licht im Vakuum in einer Zeit von 1/ 299.792.458 Sekunden
zurücklegt“. Ach, aber wie ich dich kenne, wolltest du das gar nicht wissen, sondern...
Wie lang ist ein Meter? ist das nächste Bild unseres Rundgangs. Aber langsam lernst du
endlich! Zum Glück haben wir jetzt erst die Generalprobe. Bei der Vernissage musst du das
können, verstanden?
Ja. Aber, lieber Siggy, erlaub mir, bitte, eine letzte Frage: Worum geht es eigentlich in deiner
Ausstellung? Was findest du außen im Ohr? Ich finde Außen. Und im Außen? Im Außen finde
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ich das Jetzt. Somit, schweige, denn das Ohr ist für den Mund gemacht, deine „Musik
ungeklärter Herkunft“spricht das Auge an!
Wie bitte? Was? Soll das jemand entziffern können?
Kann man deine Bilduntertitel denn durchschauen?
Aha, ich verstehe: Du meinst mein Werk „Worum geht es eigentlich?“ „Was findest du
innen im Maul?“ „Ich finde Innen.“ „Und im Innen?“ „Im Innen finde ich den
Morgen.“ „Höre, der Mund ist für das Ohr gemacht. Höre.“
Mein Text beruht auf Intertextualität, d.h. dass er sich anderer Textfragmente bedient, die du
deinen Gemälden zugeordnet hast. Aber wie heißt das bei dir: Mischung aus Bild und Text?
Interdisziplinarität?
Nein, nein, es beginnt mit „G“.
Gattungsmischung?
Auf keinen Fall! Es heißt ganz einfach: Genialität. Und nun viel Spaß beim Betrachten
meiner Musik! Hihi, ist mir das Wortspiel gelungen!
(Temeswar, 04.02.2014)
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Seele and Geist
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