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eine stadt bricht auf Wie Biel sich am eigenen Schopf aus dem

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Beilage zu Hochparterre Nr. 3 / 2010
eine stadt bricht auf
Wie Biel sich am eigenen
Schopf aus dem Sumpf zieht
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
2/ 3// Inhalt
4
Stadtentwicklung
Vom Stettli zur Industriestadt
8
Meinungen
Eine Zeitreise durch 500 Jahre Stadtwachstum.
elf Fragen an elf Bielerinnen
Und Bieler
Was Stadtplaner und Mountainbikerinnen zu Biel sagen.
10Architektur
Die Bieler Szene
Architektur machen und eine Riesenliste an Wettbewerben.
14Was bisher geschah
Planung fürs Jenseits
Der erste Schritt zum See und die Rolle der Expo.02.
24Liegenschaftspolitik
Die aufgeklärte Spekulantin
Das strategische Grundstück ist der Schlüssel der Entwicklung.
28 übersicht
Biel von oben
Der Stadtplan und Biels Wachstum in Zeitschnitten.
30 Immobilien
Frühlingserwachen
Zahlen und Fakten zum Wohnen, Bauen und der Wirtschaft.
34Was Demnächst Geschieht
Im Bau und Geplant
Acht neue Bausteine zur Stadtentwicklung.
44Wettbewerb
Esplanade: Eine neue Stadtmitte
Wie das ehemalige Gaswerkareal zum städtischen Platz wird.
50 Infrastruktur und Seeanstoss
Autobahn, Regiotram und «agglolac»
Der zweite Schritt zum See und neue Infrastrukturen.
und ausserdem
Bieler Fotograf. Das Titelblatt und die grossen Fotos auf den
Seiten 3, 12, 22, 32, 42 und 48 sind von Andreas Tschersich.
Der Fotograf stammt aus Biel und lebt zurzeit in Berlin.
Durchs Heft begleiten Zitate von Robert Walser. Der Schrift-
steller aus Biel lebte 1878 bis 1956. Die Bibliografie zum Heft
findet sich auf Seite 28.
Biel ist anders schweizerisch
Wie man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht,
davon handelt dieses Sonderheft. Es erzählt die Geschichte einer Stadt, die sich vor dem Abstieg rettete,
den ihr die übrige Schweiz prophezeit hatte. Biels
Schicksal schien an die Uhrenindustrie gekettet, und
deren Untergang war um 1980 eine beschlossene
Sache. Die Zukunftsstadt hatte keine mehr. Doch heute
sind sowohl die Uhrenindustrie wie die Stadt wieder
wohlauf. Die Erfolgsgeschichte, die Stadtentwicklung
heisst, wird hier vorgestellt.
Der Schlüssel zur gedeihlichen Stadtentwicklung ist
jener Viertel des Stadtbodens, der der Einwohnergemeinde Biel gehört. Grundeigentum macht handlungsfähig und zukunftsgläubig. Ein Projekt wie «Agglo­lac», das hier präsentiert wird, kann nur anstossen,
wer das Land besitzt, und sei dies auch in der Nach­bar­gemeinde. Und wer den Mut hat, Stadt zu bauen, nicht
blosse Steuersubstratvermehrung. Anders ausge­drückt: wer Stadtentwicklung mit Städtebau gleichsetzt.
Und eigentümlich, der Mehrwert durch die Aufzonung
fliesst nicht in private Taschen, sondern in die öffentliche
Kasse, ein in diesem Lande seltenes Verfahren.
Ein wichtiges Schweizerwort ist in Biel nicht zu gebrauchen: Bestandesgarantie. Hier gilt vielmehr der Satz:
Die nächste Krise kommt bestimmt. Schliesslich hat man
eben eine hinter sich. Was heute ist, ist provisorisch,
niemand weiss, was morgen kommt. Man verteidigt nicht
so verbissen, weil man auf die Zukunft setzt. Biel ist
die Stadt, die immer wieder neu beginnt. Wo gibt es das
sonst in diesem zähen Lande?
Biel ist ein seltsames Dazwischen, zwischen deutsch
und welsch, zwischen Krise und Boom, zwischen
gros­sen Plänen und Fragment. Die sieben grossen Bilder,
die Andreas Tschersich in Biel für dieses Heft gemacht
hat, strahlen dieses Dazwischen aus, die Stadt ist ei­gen­tümlich unwirklich, man glaubt kaum, in der Schweiz
zu sein. Das ists: Biel ist anders schweizerisch als der
Rest des Landes, so provisorisch, so unversichert,
so leichtlebig. Biel ist die helvetische Goldgräberstadt.
Editorial
_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Benedikt Loderer, Stadtwanderer
Impressum Hochparterre AG, Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon 044 444 28 88,
Fax 044 444 28 89, www.hochparterre.ch
Konzept und Redaktion: Benedikt Loderer LR; Gestaltung: Barbara Schrag; Gestaltungskonzept: super­
büro Barbara Ehrbar; Produktion: Sue Lüthi SL; Verlag: Susanne von Arx; Korrektorat: Lorena Nipkow,
Küsnacht; Litho: Team media, Gurtnellen; Druck, Vertrieb: Südostschweiz Presse und Print, Südostschweiz Print, Chur / Disentis.
Herausgegeben vom Verlag Hochparterre in Zusammenarbeit mit der Stadt Biel.
Bestellen: www.hochparterre.ch, CHF 15.–
Foto Titelblatt: Andreas Tschersich
«Ich bin z. Zt. hier in Biel und
hause, lebe, logiere und wohne in
einer Palastmansarde. Biel ist
eine Stadt, die wert wäre, von Ihnen
gesehen zu werden.» Robert Walser:
Karte an Max Brod
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
4/5 // Stadtentwicklung
vom stettli zur Mal stottert, mal rast
Industriestadt Biels Wachstumsmotor.
Eine Zeitreise über fünfhundert Jahre
vom Spiessbürgerschlaf zur Industriegrösse.
Text: Benedikt Loderer, Foto: Peter Samuel Jaggi
Biel hatte eine stürmische Jugend. Um 1230 baute der Landesherr und
Bischof von Basel eine Burg, die das Dorf zur Stadt machte. 1290 folgte die
erste Stadterweiterung, vierzig Jahre später eine zweite siehe Seite 28. Danach
ging es jahrhundertelang beschaulich zu und her. Nie gelang es der Stadt,
wirklich souverän zu werden. In der alten Eidgenossenschaft sass sie am
Katzentisch, 1815 wurde sie gegen ihren Willen dem Kanton Bern einverleibt. Fünfhundert Jahre politischer Misserfolg.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hingegen gings rasant aufwärts.
Die Uhrenindustrie machte aus dem stagnierenden «Stettli» eine blühende
Industriestadt. Im Jahr 1800 hatte Biel etwas über 2000 Einwohner, 1910
bereits rund 24 000 oder das Zwölffache. Die Bieler waren Nichtbieler. Sie
kamen von aussen, es gab kaum Alteingesessene. Wen erinnert das nicht
an amerikanische Beispiele? Im Ersten Weltkrieg profitierte Biel von der
Zünderfabrikation (wie auch im Zweiten). Doch nach 1918 folgte eine Krise.
Überhaupt, die Uhrenindustrie ist besonders krisenanfällig. Im Auf und Ab
der ökonomischen Achterbahn gehts mal gut, mal schlecht, und alle wissen: Das beruhigende Schweizerwort «Bestandesgarantie» gilt hier nichts.
Es zählt das Jetzt, denn die nächste Krise kommt bestimmt. Biel ist eine
Stadt für Furchtlose.
Durch Krise und Boom Die Weltwirtschaftskrise von 1929 traf Biel
besonders hart. Der Uhrenexport sank von 307 Millionen Franken im Jahr
1929 auf 86 Millionen im Jahr 1932. Das Rote Biel wehrte sich. Dem sozialdemokratischen Stadtpräsidenten Guido Müller gelang es, 1935 das Mon­tagewerk der General Motors nach Biel zu bringen und 300 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Guido Müller hat auch ein Denkmal: das Volks­haus des
Architekten Eduard Lanz. Das wichtigste Projekt aber ist die Verlegung des
Bahnhofs an seinen dritten Standort. Damit entstand ein neues Quartier nach
dem Vorbild des Roten Wien: Blockrandbebauung mit grossen Höfen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine lange Hochkonjunktur ein, und die
Stadt wuchs ein zweites Mal sehr rasch. 1964 lebten gegen 65 000 Menschen in der Stadt. Doch die Siebzigerjahre sind nicht bloss von einer Uhren-, sondern auch von einer Strukturkrise geprägt. Biels Wirtschaftsführer
hatten die Entwicklung verschlafen und den Anschluss an das elektronische Zeitalter verpasst. Gehörten in den Sechzigerjahren 51 Prozent der
Arbeitsplätze zur Uhrenindustrie, waren es zehn Jahre später nur noch
18 Prozent. Doch auch die übrige Industrie schrumpfte dramatisch. Über
die Hälfte der Industriearbeitsplätze ging verloren. In der übrigen Schweiz
war man damals überzeugt: Biel ist grau, trist, verarmt und «depresso».
Die präzise Swissness Unterdessen ist Biel farbig, lebensfroh,
hablich und hoffnungsvoll. Woher die Wende? Es gibt vier Gründe: die
Erbschaft, die Marken, die Sprachkompetenz und die Entwicklungspolitik.
Doch erst in ihrem Zusammenwirken entstand «the Spirit of Biel», die Auf­bruchstimmung. Die Uhrenindustrie war zwar in der Krise, doch die Erbschaft war noch da. Der Sachverstand und die Ausbildung blieben vorhanden. Auch Menschen mit Wissen und Handwerk, die andere Dinge erfinden
und herstellen können als Uhren. Neue Produkte aus der Medizinaltechnik
oder der Miniaturisierung wurden entwickelt. Die Firma Polydec zum Beispiel produziert haardünne Stahlnadeln, in die sie auch noch Löcher bohrt.
Oder mps schleift winzige Stahlkügelchen von 0,5 Millimeter Durchmesser
für Mikromotoren, die in einer Schale wie eine flüssige Masse aussehen.
Die Uhrenindustrie hat sich unterdessen erholt. Das ist einerseits der Kombination von Lifestyle und Technologie zu verdanken, zwei Elemente, die
mit der Marke Swatch verbunden sind. Zum andern haben sich die starken
Mar­ken wieder auf sich selbst besonnen. Sie betonten wieder ihre Swissness, vergeben keine Lizenzen mehr nach Asien, sind zum mechanischen
Werk zurückgekehrt. Stellvertretend seien hier Omega und Rolex genannt.
Immer noch ist die Uhren- und Präzisionsindustrie Biels zu 95 Prozent vom
Export abhängig und hat praktisch keinen Binnenmarkt. Damit gilt der Satz,
die nächste Krise kommt bestimmt, weiterhin. Doch ist Biel gerüstet, ob
nun Auto, Unterhaltungselektronik oder Computer, die Entwicklung geht in
Richtung Leichtbau und Miniaturisierung.
Kommunizieren in zwei sprachen Biel ist stolz auf seine Zweisprachigkeit. Sie ist nicht nur ein kultureller Gewinn, sondern auch eine
einträgliche Fertigkeit. Biel ist die Hauptstadt der Callcenters. Wer die
Nummern 1818 oder 1811 wählt, redet mit Biel. Rund 2500 Arbeitsplätze
gibt es heute in Biels Kommunikationsindustrie. Die Sprachkompetenz und
die Präzisionsindustrie ergänzen sich, aber auch die IT-Firmen und die
Krea­tivleute profitieren von der sprachlichen Kompetenz. Wer auf dem
internationalen Markt bestehen will, muss die Sprachen beherrschen. Biel
hat dafür ein solides Fundament. Mit den Kommunikationsdienstleistungen
hat sich die Stadt ein neues wirtschaftliches Standbein geschaffen.
Die Entwicklungspolitik hat zwei Abteilungen: Sparen und Investieren. Es
gilt die Regel: Gib nicht mehr aus, als du verdienst. Ihre politische Anwendung: Passe den Verwaltungsapparat deinen Einnahmen an. In mehreren
Schritten führte Biel eine Verwaltungsreform durch, die die Zahl der Direktionen reduzierte und zu wirklichen Einsparungen führte. Zwischen
1991 und 1997 wurden die Personalkosten um rund 10 Millionen reduziert.
Die Stadtfinanzen gesundeten, das Eigenkapital der Stadt stieg von minus
15 Millionen (1998) auf plus 53 Millionen (2008). Vor 1996 verhinderte die
Finanzordnung des Kantons die Bildung von Eigenkapital.
Die Firma Biel & Co. Seit 1990 ist der Sozialdemokrat Hans Stöckli
Stadtpräsident von Biel, aber er ist auch der städtische Finanzminister.
Unter seiner Führung wurden im Bözingenfeld viele Industrie- und Dienstleistungsbetriebe angesiedelt, die Attraktivitätssteigerung der Innenstadt
vom See bis zur Altstadt durchgeführt, das Kongresshaus saniert. Stöckli
und seine Stadtregierung sind auch die zukunftsgläubigen Stadtentwickler.
Biel hat eine lange Tradition einer weitsichtigen Immobilienpolitik.
«Und die Expo?», fragt, wer nicht in Biel lebt. Sie hat Biel, genauer die Landschaft und den See, wieder auf die Schweizerkarte gesetzt. Von den Millio­
nen, die die Ausstellung besucht haben, haben allerdings die meisten
die Stadt kaum zur Kenntnis genommen. Immerhin, sie haben begonnen,
wieder angenehme Gefühle mit dem Namen Biel zu verbinden. Trotzdem hat
die Landesausstellung viel in Bewegung gesetzt. Die Grös­se der Aufgabe
und der Zeitdruck zwangen die Behörden, Planer und Baufirmen zu einer
intensiven Zusammenarbeit, wie sie vorher nie nötig war. Ohne Expo wäre
die Attraktivitätssteigerung in der Innenstadt kaum zustande gekommen.
Was als Projektleitung begann, wurde nach der Ausstellung als Stadtmarketing weitergeführt. Man wollte den Schwung bewahren, denn man hatte
die Zusammenarbeit als Entwicklungsmotor erfahren. Das Stadtmarketing
wird nicht wie anderswo von einem Verein gelenkt, bei dem Wirtschaft, Politik und Verwaltung beteiligt sind, nein, in Biel ist das Stadtmarketing
Biel gehört zu zwei Landschaften: zur Ebene des Seelands und zum Jura.
Der Blick von Magglingen aus geht in die Tiefe zum See und in die Weite zu den Alpen.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
6/7 // Stadtentwicklung
eine direkt dem Stadtpräsidenten (und Finanzdirektor) unterstellte Verwaltungseinheit und ein fixer Budgetposten. Das Stadtmarketing übernimmt
Querschnittaufgaben und hat einen direkten Zugang zu allen Chefbeamten.
Biels Stadtmarketing wirkt nicht bloss beratend, sondern auch operativ.
Was heisst das? Nicht nur Projekte verkaufen, sondern diese auch mitgestalten. Der «Steuerungsausschuss Stadtentwicklung» ist seit 2004 der
Kopf des Unternehmens «Biel-bricht-auf». Unter der Führung des Stadtpräsidenten sind unter anderen der Baudirektor, der Stadtplaner, -baumeister,
und -ingenieur, der städtische Finanzchef, der Liegenschaftsverwalter und
der Chef des Stadtmarketings darin vertreten. Ideen wie das Stadion und das
Projekt «Agglolac» sind dort entstanden. Politisch herrscht die Koalition
der Vernunft. Man streitet sich über die Stellen hinter dem Komma. Über die
davor war und ist man sich grundsätzlich einig: Biel musste sich am eigenen Schopf aus dem Krisensumpf ziehen. Das ist der Stadt auch gelungen.
Warum Biel besonders ist
Text: Benedikt Loderer
Sie ist eine schweizerische Mittelstadt gewiss, doch eine ungewöhnliche.
Biel bietet einen landschaftlichen und kulturellen Mehrwert und ist zweisprachig. Man muss nicht nach Zürich reisen, um Kulturtäter zu sein.
Zwischen Berg und see Biel gehört zu zwei Landschaften: zum
Faltengebirge des Juras und zur Ebene des Seelands. Im Rücken der Stadt
steigt die erste Jurakette auf 1000 Meter über Meer, ein Balkon, von dem
aus die Alpen in ihrer ganzen Majestät zu besichtigen sind. Vom Säntis bis
zum Montblanc ist bei klarem Wetter das Panorama der Alpen vor Augen
gestellt. Wer sich umdreht und sich nach Norden wendet, hat alle Jurafalten bis zu den Vogesen als Naturgenuss vor sich.
In der Ebene warten die drei Juraseen von Biel, Murten und Neuenburg
auf den Besucher. Lieblich ist das treffende Wort, angenehm die Wirkung,
grossartig der Horizont. Immer scheidet die Waldwand des Juras die Ebene
vom Berg. Ihm gegenüber liegen die Molassehügel, deren höchster ist der
Frienisberg. Dahinter liegt Bern, eine andere Welt.
Niemand denkt an Biel, ohne nicht auch an den durchgehenden Rebhang
am Nordufer des Sees zu denken. Als Stichwort: die Kirche von Ligerz. Dass
die Rebberge vor der Überbauung bewahrt wurden, ist eine der grossartigen
Leistungen der Raumplanung, bevor es sie gab. Der Bernische Regierungsrat Walter Bösiger, der von 1923 bis 1938 Baudirektor des Kantons Bern
war, hatte die Rebbauern überzeugen können, den Sonnenhang zur Rebzone
zu machen und, bevor man das kommen sah, ihn vor der Überbauung zu
bewahren. Die Nordküste des Bielersees ist ein Sehnsuchtsgelände.
On parle allemand / Man spricht französisch Biel ist zweispra­
chig. Rund vierzig Prozent der Bevölkerung redet französisch, die übrigen
sechzig sprechen deutsch. Die Zweisprachigkeit ist eine amtliche Auswahl
und Festlegung, denn die Stadt ist vielsprachig, und weder Serbokroatisch,
Portugiesisch oder Italienisch werden berücksichtigt. Biel ist die einzige
zweisprachige Stadt im zweisprachigen Kanton Bern. Doch war das nicht
immer so. Erst mit der Uhrenindustrie kamen im 19. Jahrhundert die Welschen vor allem aus dem Jura nach Biel. Die Zweisprachigkeit braucht
Pflege und Rücksichtnahme. Darum gibt es in Biel ein «Haus der Zweisprachigkeit». Dort sind der «Rat für französische Angelegenheiten des zweisprachigen Amtsbezirks Biel» und das «Forum für Zweisprachigkeit» zu
Hause. Beide wollen dasselbe: die Förderung der Zweisprachigkeit. Der Rat
soll die Politik und Verwaltung sensibilisieren, das Forum vermitteln und
forschen. Wie sieht aber der Alltag aus? Beim Bäcker oder im Warenhaus
spricht jeder seine Sprache und erwartet das auch vom Verkaufspersonal.
Im Wirtshaus gehts durcheinander. Das Gratiswochenblatt «Biel Bienne»
bildet das Verhältnis zwischen Deutsch und Welsch getreulich ab: Jeder
Artikel ist zweimal vorhanden, auf Deutsch und auf Französisch. Es gilt die
stillschweigende Regel: Jeder spricht in seiner Sprache, allerdings kann
man von niemandem verlangen, dass er beides kann und können will.
Biels Schulen Wie überall gibt es alle Schulen des üblichen Bildungsgangs vom Kindergarten bis zum Gymnasium. Doch was ist das Besondere? Zuerst und am wichtigsten ist sicher die Berner Fachhochschule.
1890 gründete die Stadt Biel aus Trotz, dass das kantonale Technikum
nach Burgdorf sollte und nicht nach Biel, das erste westschweizerische
Technikum, damals eine städtische Schule. Obwohl in der Stadt noch
kaum eine elektrische Glühbirne brannte, gab es bereits eine Elektro- und
eine Mechanikabteilung. Später wurde aus dem Technikum die Ingenieurschule und schliesslich das Departement für Technik und Informatik der
Berner Fachhochschule. Ihr angegliedert ist auch eine Automobilabteilung,
die in Vauffelin im Jura ein Crashlabor mit internationaler Ausstrahlung
betreibt. Hier üben die europäischen Autohersteller den Ernstfall. Dass die
Architekturabteilung nach Burgdorf zügeln musste, ist dem innerkantonalen Futterneid zu verdanken.
Auf Fachhochschulstufe operiert auch das Departement für Bau, Architek­
tur und Holz. Dessen hölzerner Teil ist aus der Holzfachschule herausgewachsen, die in den Fünfzigerjahren in Biel gegründet wurde. Der Schulhausneubau von Meili + Peter Architekten hat diese Schule 1999 auf die
schweizerische Architektenlandkarte gesetzt.
Das Schweizerische Literaturinstitut bietet einen Bachelor-Abschluss im
literarischen Schrei­ben an. Eine Schriftstellerschule, das gibts nur in Biel.
In Magglingen oberhalb Biels befindet sich das Bundesamt für Sport (Baspo) mit der international renommierten Eidgenössischen Hochschule für
Sport. Magglingen ist unter Sportsleuten ein Begriff.
Das Konservatorium für Musik, das sich im Volkshaus eingerichtet hat,
betreibt in Biel eine allgemeine Musikschule. Doch gibt es noch das Opernstudio Biel, ein Ableger der Berner Hochschule der Künste. Hier haben die
werdenden Sänger Auftrittsmöglichkeiten im Stadttheater. Die Schule für
Gestaltung, die aus der 1887 gegründeten Schule für Zeichner und Ziseleure — Metallbearbeiter, die Uhren und Schmuck verzieren — heraus entstanden ist, bietet als eine von wenigen in der Schweiz eine Lehre an, die einer
Ausbildung für einen kreativen Beruf entspricht.
Musik und Museen Museumsinsel ist zwar eine Redensart, aber
ein kleines Museumsquartier gibt es trotzdem. Der Oberst und Archäologe
Friedrich Schwab schenkte seine berühmte Pfahlbausammlung der Stadt,
das war der Grundstock für das 1873 eröffnete Museum Schwab, heute
ein archäologisches Museum, das immer wieder mit Sonderausstellungen
überrascht. Ihm gegenüber steht das Museum Neuhaus, einst eine Indiennefabrik (Indienne = bedruckter Stoff), ein Museum für Industriekultur. Hier
wird Biels mechani­sche Vergangenheit gezeigt, ergänzt durch die Sammlung der Bieler Künstlerdynastie Robert und einem Kabinett für die Brüder
Karl und Robert Walser. Ein paar Schritte weiter findet man das Centre
PasquArt, die Bieler Kunsthalle. Ursprünglich ein Spital, ist es durch Diener + Diener 1999 mit einem Anbau erweitert worden. Im gleichen Haus ist
auch das Photoforum untergebracht, im Hinterhaus das Filmpodium und
der Ausstellungsraum der Visarte. Die Sammlung des Bieler Kunstvereins
ist bescheiden. Die Uhrenbarone kauften sich ein drittes Auto, kein erstes
Bild. Auch ein Uhrenmuseum hat die Uhrenstadt: das Omega-Museum.
Biels Industriegeschichte dokumentiert auch das Museum Müller, das über
150 Maschinen aus der Zeit zwischen 1880 und 1940 verfügt.
Kultur fürs Ohr bietet das Sinfonie Orchester Biel, das im grossen Saal
des Kongresshauses auftritt. Unter der Leitung von Thomas Rösler hat es
sich mit Werken der Wiener Klassik, aber auch mit zeitgenössischen einen
Namen gemacht. Jedes Jahr gibt die Internationale Sommerakademie jungen Musikern die Gelegenheit, mit dem Orchester aufzutreten. Podring, ein
Jazzfestival, füllt die Altstadt mit Menschen und Tönen. Daneben gibts in
Biel Orchester, Kapellen, Bands und Einzelkämpfer aller Musikrichtungen,
vom Ländler über Jazz bis zum Hardrock. In der zweisprachigen Stadt gibt
es auch zwei Theater: das Stadttheater Biel Solothurn und das Théâtre Palace. Die Liebhaber der Oper, der Operette, des ernsten Sprechtheaters, des
Schwanks, alle kommen in Biel auf ihre Rechnung, immer in ihrer eigenen
Sprache. Man muss nicht nach Zürich reisen, um Kulturtäter zu sein.
Die alte Stadt
Text: Benedikt Loderer
Bis 1850 gab es keine Altstadt, es gab nur die alte Stadt Biel, die immer
noch gleich gross war wie vor fünfhundert Jahren. Doch dann teilte die
wirtschaftliche Entwicklung die alte Stadt in zwei ungleiche Bereiche: in
Altstadt und Zentrum. Die Kanalisierung der Schüss erlaubte die Überbauung der Ebene im Süden vor der Stadt, wo 1857 der erste Bahnhof gebaut
wurde und damit die Entwicklungsrichtung festgelegt war: von der Altstadt
weg. Zweimal, 1864 und 1923, wurde der Bahnhof weitergeschoben, jedes
Mal nach derselben Regel: von der Altstadt weg.
Der wirtschaftliche Aufschwung verwandelte die alte Stadt südlich der
Kanalgasse in ein modernes Geschäftszentrum. Von der alten Stadt blieb
kaum eine Spur. Nördlich der Kanalgasse blieb ein Rest zurück, der nun
zur Altstadt wurde. Sie lag abseits des Kaufkraftstroms. Dass die Altstadt
nicht zum Zentrum wurde, hat sie bewahrt. Hier wurde aufgestockt und
geflickt, aber kaum abgerissen.
Heute könnte man sagen: Es war ein Bauernopfer. Die zweite Stadterweiterung wurde dem Fortschritt geopfert, um die Altstadt zu retten. Doch
steckt keine stadtplanerische Absicht dahinter. Man investierte und baute
in Bahnhofsnähe, weil dort die Geschäfte besser liefen. Das 19. Jahrhundert
hatte keine Abrisshemmungen. Die Mauer musste weg, die Stadttore waren
bloss Verkehrshindernisse, der Fortschritt brauchte Platz.
Die Altstadt als kultureller Wert ist eine Erfindung der ersten Heimatschützer um 1900, ihr wirksamer gesetzlicher Schutz beginnt erst nach
1960. Noch in den Fünfzigerjahren riss man das Hotel Weisses Kreuz und
das Haus Schürch ab, um das Warenhaus Burg und ihm gegenüber das Geschäftshaus der Bâloise inklusive Stras­senverbreiterung zu verwirklichen.
Erst als man die Verluste spürte, wehrte man sich fürs Alte und erliess
einschränkende Schutzbestimmungen.
Was heisst, die Altstadt ist bewahrt worden? Ganz einfach: Sie ist noch
da. Die Bausubstanz, die sich durch die Jahrhunderte verwandelte, gibt es
noch. Sie ist noch wenig von Auskernungen, Lifteinbauten, Dachstockaufblähungen geschädigt. Es gibt es also noch, das Original, nicht bloss ein
aufwendig renoviertes Postkartenbild. Was gerettet wurde, muss auch an
die kommenden Generationen vererbt werden. Der wichtigste Grundsatz
lautet: Die Brandmauern sind heilig. Die Parzellenstruktur der schmalen,
traufständigen Bürgerhäuser darf durch keine Grundstückszusammenlegungen vergröbert werden.
Bewahrt heisst aber auch, dass es noch viele Wohnungen gibt, die die heute selbstverständlichen Komfortansprüche nicht erfüllen. Bewahrt heisst
auch, die Altstadt ist zurückgeblieben. Sie ist nicht die begehrte Wohnlage der Normalbieler. Denn in Biel und Umgebung gibt es vier Stufen der
Wohnglückseligkeit: Seeanstoss, Seesicht mit Alpen, nur Alpenblick und
den Rest. Die Altstadt gehört zum Rest, der aber ist speziell. Es ist ein Biotop für Urbaniten. Die soziale Durchmischung ist höher als anderswo, die
Kinder spielen auf der Gasse, wo im Sommer die Anwohner abends grillieren. Das Stichwort Kinder macht den Unterschied aus. In all den fotogenen
«Schmucktrucklialtstädten» anderswo in der Schweiz leben kaum Kinder.
Noch ist die Altstadt kein ausgedünntes, antiseptisches, totenstilles Oberschichtquartier wie zum Beispiel in Zug.
_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Das Vertrauen der BevöLkerung in die Projekte
Die Stadtentwicklung ist ein entscheidendes Thema. In
den letzten zwanzig Jahren, seit ich Stadtpräsident
bin, gab es einige Weichenstellungen. Zum Beispiel der
Kauf des Renfer­­areals im Jahre 1992. Heute wohnen
in diesem, «meinem Gesel­lenstück», mehrere Hundert
sehr zufrie­dene Men­schen in einer ausgezeichneten
Architektur und Um­gebung. Danach habe ich mich mit
Haut und Haar für die Expo.02 eingesetzt, die
dann sowohl als Landes­ausstellung, aber auch als Ent­wicklungsprojekt für die Stadt Biel erfolgreich war.
Mit der Expo im Rücken haben wir die Innenstadt völlig
neu gestaltet, viele Lie­genschaften saniert und die
Infrastrukturen sowohl für den öffentlichen als auch für
den privaten Verkehr ausgebaut. Jetzt arbeiten wir
intensiv an drei Ent­wicklungsschwerpunkten, dem Gebiet
vom Bahnhof zum See, der Esplanade beim Kongresshaus und dem Bözingenfeld mit den Sportstadien.
Das Spezielle an Biel aber ist die Zweisprachigkeit. Wir
müssen auf zwei verschiedene Kulturen Rücksicht
nehmen. Besonders ist auch, dass die Stadt Biel seit bei­nahe hundert Jahren eine aktive Liegenschaftspolitik
betreibt und Eigen­tümerin von einem Viertel der ganzen
Landfläche in der Stadt ist. Schliesslich darf ich
feststellen, dass in den letzten zwanzig Jahren von über
200 Gemeindevorlagen nur gerade vier von den
Bielerinnen und Bielern abgelehnt worden sind und
daher ein gutes Vertrauensverhältnis herrscht.
Die letzten Wirtschaftskrisen haben die grosse Mehrheit
der politischen Akteure zur besseren Zusammenarbeit
gezwungen, und das Jahrhundertprojekt Expo.02 hat das
Bewusstsein gestärkt, dass es sich lohnt, nicht nur
am gleichen Strick, sondern auch in die gleiche Richtung zu ziehen. Als Stadtpräsident erlaube ich mir,
nicht nur die Verantwortung zu tragen, Macht auszuüben,
sondern auch die Freiheit zur Gestaltung zu nutzen.
Und mit dieser Entwicklungsfreiheit konnte ich einige
Pro­jekte einleiten, fördern und koordinieren. Mein
Ziel ist und bleibt Biel, und da setze ich auch auf die
Stadtentwicklung. Hans Stöckli, Stadtpräsident Biel
_
Biels Stadtpräsident
Hans Stöckli
Biel im historischen Zeitraffer. Die Altstadt im heutigen Bestand, aber mit den mittelalterlichen Stadtmauern.
Burg und Stadt des Bischofs von Basel Heinrich II. von Thun um 1225-1230. Erste Stadterweiterung um 1290.
Zweite Stadterweiterung 1340, die heute zum Geschäftszentrum geworden ist.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
8/9 // Meinungen
Elf Fragen an
Elf Bielerinnen und Bieler
«Interventionen sprengen
die Gemeindegrenzen»
François Kuonen Müsste man nicht eher Agglomerationsplanung
statt Stadtplanung betreiben? Die Stadtplanung
bleibt eine wichtige Aktivität für den Stadtplaner, auch wenn die Reflexionen und Interventionen zur Stadtentwicklung die Gemeindegrenzen
bei Weitem sprengen. Zwischen Stadt und Agglomeration verwischen sich verschiedene Gebiets- und Beschlussebenen. Der Trend zu einer
multiskalaren Reflexion bei der Raumgestaltung
drängt sich auf, ohne deswegen die Aktionsskalen auszuschalten. In Biel, Zentrum der gleichnamigen Agglomeration, spielt die Tatsache, dass
die Stadt in den Nachbargemeinden über Grundeigentum verfügt, eine wichtige Rolle bei den
«supraterritorialen» Reflexionen im Zusammenhang mit der Stadtplanung.
Dies gilt beispielsweise für das Projekt «Agglolac — Nid d’eau», dessen Planungsperimeter sich
auf Nidauer Boden befindet, grösstenteils aber
der Stadt Biel gehört. Aufgrund eines fehlenden
gesetzlichen Rahmens und angepasster Verfahren stellen die Planungsaktivitäten ausserhalb
der Gemeindegrenzen immer noch die Ausnahme
dar. Dies, obwohl der Richtplan der Bieler Agglomeration, der von 19 Gemeinden unterstützt wird
und sich derzeit in der Genehmigungsphase be­
findet, mit Sicherheit der Erste dieser Generation
in der Schweiz ist. François Kuonen, Stadtplaner
_ _ _ _ _ _ _ _ _ _
«Bar jeder Arroganz
und Selbstgefälligkeit»
Nicolas G. Hayek Der Hauptsitz der Swatch-Gruppe ist in Biel, doch
ihr Wirkungsfeld ist die ganze Welt. Warum ausgerechnet Biel? «Die Atmosphäre in Biel entspricht meiner Geisteshaltung, meiner Mentalität und meiner Kultur. Biel ist voller Dynamik,
Toleranz, eine Stadt der Mehrsprachigkeit, sie ist
international erfahren und denkt international.
Sie finden in dieser Stadt mehr Männer und Frauen, die die ganze Welt bereisen und kennen, die
Verständnis für Andersdenkende haben, als in
irgendeinem andern Teil der Schweiz.
Biel ist erstaunlicherweise in den meisten Fällen
auch politisch rational und wird mit Integrität
und Intelligenz verwaltet. Ich sollte es wissen,
nachdem ich in meinem Leben so viel Kantone, Städte und Verwaltungen in der Schweiz und
im Ausland studiert und analysiert habe! Ihre
politische Verwaltung ist zudem zukunftsgerichtet. Kommt noch dazu, dass die Bielerinnen und
Bieler Impulsgeber sind, bar jeder Arroganz und
Selbstgefälligkeit, fähig, neue Produkte, neue Industrien, neue Arbeitsplätze, neue Reichtümer zu
schaffen und neue Menschen zu akzeptieren.»
Nicolas G. Hayek, Präsident und Delegierter des Swatch-GroupVerwaltungsrates, aus der Dankesrede zur Verleihung des Bieler
_ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Ehrenbürgerrechts am 19. Februar 2005.
«Der Einfluss der
Architekten wirkt sich positiv aus»
Jürg Saager Es gibt eine Architekturszene in Biel, die ausstrahlt. Was hat die Stadt davon? Die Bieler Architekturszene manifestiert sich in der Öffent­
lichkeit nicht nur mit guter Architektur, sondern
auch mit regelmässigen Veranstaltungen des
Bieler Architekturforums, mit Veranstaltungen
der Berufsverbände und mit dem über das «Tagesgeschäft» hinausgehenden Engagement einzelner Architekturfirmen. Die eigenen Ansprü­che
an die Architekturqualität und der grosse Einsatz
finden jedoch wenig Niederschlag in einer breiteren Öffentlichkeit. Wie könnte die Stadt aussehen, wenn die Bereitschaft grösser wäre, dieses
Potenzial sowohl bei den öffentlichen als auch
privaten Bauvorhaben umzusetzen? Dennoch bin
ich überzeugt, dass sich der Einfluss der Bieler
Architekturszene positiv auf die architektonische
und städtebauliche Qualität der Stadt Biel auswirkt. Jürg Saager, Leiter Hochbau
der Mikromechanik erforderlichen Kompetenzen
sowie Automatisierungskenntnisse sind hier öfters vorhanden als anderswo. Nicola Thibaudeau, CEO
François Kuonen
_ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Nicolas G. Hayek Foto: zvg
MPS Micro Precision Systems S. A.
Jürg Saager
Roger de Weck «ein globales Dorf und
eine europäische Stadt»
Ist das Zusammenleben der zwei Sprachgruppen
in Biel ein Europa im Kleinen? Wider das derzeit
angesagte Ausgrenzen lebt die Arbeiterstadt von
ihrer Weltoffenheit im Geist des Roten Biel und
der Globalisierung. Ein Flüchtling aus Hessen
gründete die Uhrenindustrie, französische Einwanderer liessen sie erblühen, ein gebürtiger
Libanese rettete sie. Die Uhrenstadt lockt inzwischen Fremdarbeiter aus 127 Nationen. Zur Bieler
Selbstironie gehört, dass sie ein Accessoire der
lauen Swissness und globalen Coolness fertigt:
die Swatch. Biel ist ein globales Dorf und eine
europäische Stadt. Roger de Weck, Publizist
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Grütter, Leiter der Liegenschaften der Stadt Biel
Urs Wassmer «ein auf seekreide
schwimmendes Gebilde»
Gibt es so etwas wie den «Spirit of Biel»? Ich
weiss nicht, was das ist. Ich kenne das Wort
Sprit, der sich rasch verflüchtigt. Der Geist weht,
wo er will, was gut zur Stadt passt. Biel ist die
ungeschützte Werkstatt. Aber auch ungeschützt
bleibt sie Werkstatt. Wo wir hingehören? Weder
zum zähringischen Bern noch zum Jura. Vom Bischof ist etwas übrig geblieben. Biel ist nicht
selbstgerecht und auf Bestandeswahrung aus,
eher ein «terrain vague, le provisoire biennois»,
ein auf Seekreide schwimmendes Gebilde. Etwas
heruntergekommen, ja, aber mir sehr sympathisch. Was ist schlecht an Biel? Nun, hier gibt es
keine kollektive Erinnerung, keine Tradition. Das
Schlimmste war, die Autobahn auf der Twannseite des Sees zu bauen. Das haben in den Sechzigerjahren die Weinbauern gefordert, weil sie
Angst hatten, niemand käme mehr in ihre Carnozet. Das war ein Entscheid, der Biel grundsätzlich
geschadet hat. Ich sage das heute am Rand des
Vergessens. Ich bin Bieler, einfach einer, der hier
lebt und existiert. Jörg Steiner, Schriftsteller, Aufzeichnung
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aus einem Gespräch.
«Viele Kenntnisse in
der MIkromechanik»
Nicola Thibaudeau Warum ist Biel für eine Firma, die Kügelchen von
einem halben Millimeter Durchmesser herstellt,
ein besonders gutes Pflaster? Die Region Biel
wurde seit jeher mit solchen Herausforderungen konfrontiert. Dies zeigt ihre lange Industriegeschichte: In Biel muss man dynamisch, offen
und peinlich genau sein, sich stets um Exzellenz
bemühen sowie in der Lage sein, nachhaltige
Lösungen zu finden und diese umzusetzen. Im
Prä­zisionsbereich sind die Ausbildung und Erfahrung oft mit kleinen Teilen, der Verarbeitung
und Oberflächenbehandlung in der Uhren-, Medizin- und Automobilindustrie verbunden. Die in
«137 Kilometer Strassen»
Investiert die Stadt Biel genug in ihre Infrastruktur, und wie steht es mit dem Unterhalt? Für den
Unterhalt des städtischen Strassennetzes von
137 Kilometern Länge und einem theoretischen
Wiederbeschaffungswert von 200 Millionen Fran­ken wendet die Stadt Biel jährlich zwischen fünf
und sechs Millionen Franken auf. Trotz des beachtlichen Finanzdrucks ist es uns in den letzten Jahren gelungen, den Infrastrukturunterhalt
zufriedenstellend zu entwickeln. Urs Wassmer, Leiter
Jörg Steiner
Nicola Thibaudeau
Foto: zvg
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«Ideal fürs Training»
Jörg Steiner gegeben, was der Stadt jährlich 6,3 Millionen
einbringt. Seit 2000 hat die Stadt darüber hinaus
noch Buchgewinne gemacht, 20 Millionen durch
Baurechte und 85 Millionen durch Verkäufe. Zusammenfassend lässt sich feststellen: Ja, die
Liegenschaftspolitik der Stadt Biel rentiert. Beat
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Infrastruktur der Stadt Biel
«Ein Zwitterding»
Silvia Fürst Roger Anker Warum ist Biel gut für den Sport? «Weil Biel
das optimale Gelände hat. Je nachdem, was man
sucht: flach, coupiert oder steil. Für mein Training als Bikerin ist Biel optimal. Ich kann mir die
jeweils richtigen Strecken wählen. Dazu kommt
die Schönheit der Gegend, die Fahrt um den See
oder die Jurahöhen. Ich bin gerne draussen und
geniesse die Landschaft. Von 1987 bis 1989 bin
ich Rennen gefahren und war fast überall auf der
Welt, aber immer, wenn ich zurückkam, sagte ich
mir: «Hie ischs glich am schönschte.»
Im Winter? Ja, da mache ich Langlauf im Jura.
Kommt dazu: In den letzten Jahren hatten wir
auch viel weniger Nebel. Biel ist kein Nebelloch mehr. Andere Sportarten? Für die Segler
und Ruderer gibts den See, die Läufer haben die
gleichen Vorteile wie die Biker, für die DownhillBiker gibt es eine Piste. Die Sportschule in Magglingen hat ein enorm breites Angebot.
Ich glaube, für den Sport ist alles Nötige vorhanden. Zum Eishockey, der wichtigsten Sportart
in der Stadt, habe ich keine richtige Beziehung,
ich bin nicht fürs Zuschauen, sondern fürs Selbermachen. Ich mache als Helferin beim Biennathlon mit, der die Vorteile der Lage ausnützt:
Schwimmen im See, Mountainbike den Jura hinauf, Inline in der Ebene und Laufen im sanften
Hügelland am rechten Seeufer. Silvia Fürst, Mountain-
Warum glauben Sie, dass Biel die richtige Grös­se
hat? Ist es eine Frage der Grösse oder der Struktur? Biel ist in der Schweiz eine mittlere Stadt,
weder gross noch klein. «Ah, Sie kommen von
Biel?», sagten mir die Leute jeweilen. Es klang
verwundert, den übrigen Schweizern waren die
wirtschaftlichen Berg- und Talfahrten der Stadt
sehr bewusst. Sie identifizierten Biel mit den
Marken Omega, Rolex, Mikron. Doch Biel ist ein
Zwitterding, eine Mischung zwischen deutsch und
welsch. Hier fehlen die alten Familien. Wir leben aber auch nicht in einer Kantonshauptstadt
wie Neuenburg oder Solothurn mit der dazuge­
hörigen Beamtenschicht. Diese gibt einer Stadt
eine Etikette. Früher sprach man von der Arbei­
terstadt Biel, und auch wenn das nicht mehr wirk­
lich stimmt, ist der Ton noch da.
Biel ist eine angenehme Stadt, aber ihr Ruf ist
problematisch. Wir finden alles, was wir brauchen, und es ist nah beieinander. Biel bietet auch
kulturell viel, es gibt ein deutschsprachiges und
ein französisches Theater und ein Symphonieorchester. Ich bin früher viel gereist, habe viele
Städte gesehen, und mir ist trotzdem wohl hier.
Roger de Weck Foto: zvg
Silvia Fürst
Beat Grütter
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Roger Anker, Rentner
«Standortvorteil und
Zweisprachigkeit»
Thomas Sieber _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Roger Anker
bike-Weltmeisterin
Was ist Ihrer Meinung nach in Biel besser als anderswo in der Schweiz? «Die Stadt Biel bietet der
Firma Orange ideale Standortvorteile. Die Leute
sind zwei- oder mehrsprachig und dank der Nähe
zur Fachhochschule gut ausgebildet. Die hohe
Arbeitsplatz- und Lebensqualität der Stadt Biel
trägt zum positiven Orange-Unternehmensgeist
bei. Darüber hinaus werden Wirtschaft und Unternehmertum in Biel gezielt gefördert. Das alles
sind Vorteile, die so kombiniert in der Schweiz rar
sind.» Thomas Sieber, CEO Orange Schweiz
Beat Grütter «Liegenschaftspolitik
rentiert»
Die Liegenschaftspolitik der Stadt Biel ermöglicht eine strategische Entwicklungspolitik. Ist
sie auch rentabel? Die Einwohnergemeinde Biel
ist 2123 Hektaren gross. Davon sind rund 500,
also knapp ein Viertel, im Besitz der Stadt. Im
Finanzvermögen, wozu die Grundstücke gehören,
die nicht zwingend zur Erfüllung der gesetzlichen
Aufgaben nötig sind, bleiben rund 250 Hektaren.
Davon sind etwa 100 Hektaren im Baurecht ab-
Urs Wassmer
_ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Fotos: Peter Samuel Jaggi
Thomas Sieber
Foto: zvg
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
10/11 // Architektur
Die Bieler Es gibt keine Bieler Architektur,
Szene
aber viele Architekten,
die mit Uhrmacherqualitäten am Werk sind.
Text: Benedikt Loderer, Foto: Peter Samuel Jaggi
Die neuere Architektur- und Städtebaugeschichte von Biel beginnt 1918.
Ein städtebaulicher Wettbewerb, der an jenen von Grosszürich aus derselben Zeit erinnert, schlug das damalige Erfolgsmodell vor: die Gartenstadt.
Teile davon sind in Wohnkolonien oder Genossenschaftssiedlungen am
Stadtrand verwirklicht worden. Ähnliches gibt es andernorts auch. Einmalig hingegen ist das neue Bieler Bahnhofquartier, der gründlichste Stadtumbau der Zwischenkriegszeit in der Schweiz. Der Bahnhof wurde um rund
250 Meter nach Südwesten verlegt, und auf dem noch freien Feld zwischen
Stadt und Bahnhof entstand ein neues Stadtquartier.
Nach dem Vorbild des Roten Wien baute man Superblöcke, allerdings in
der Grösse schweizerisch gemildert. Die Innenhöfe sind grüne Inseln, die
Strassenräume städtische Verkehrskanäle. Noch wusste man, was eine
Stadt ist. Das Volkshaus des Architekten Eduard Lanz (1886–1972) ist der
überzeugendste Bau des Roten Biel. Ihm gegenüber steht die bürgerliche
Antwort: das Hotel Elite, ein Werk des Architekten Karl Frey.
Nach dem Krieg setzte die Hochkonjunktur und damit ein Bauboom ein, wie
ihn die Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schon einmal erlebt
hatte. Das Modell «Stadt im Park» ersetzte das Modell «Blockrand». Die
Überbauung Weidteile sei hier stellvertretend erwähnt. Zwei Elemente der
neuen Stadt sind hier zu finden: die Autobahn und die Hochhausscheibe.
Der Leitbau der Epoche ist das Kongresshaus des Architekten Max Schlup
von 1966. Der 92-Jährige ist in Biel der wichtigste Vertreter der «Solothurner Schule» und eine einflussreiche Architektenpersönlichkeit.
In den Sechzigerjahren blühen die Papierblumen. Grosse Pläne für die
Stadt der Zukunft entstehen auf dem Papier. Das bezeichnendste Beispiel
ist die Grosse Schüsspromenade, die Fritz Haller 1971 entworfen hat: eine
aufgelockerte Hochhausreihe vom See bis zum Rangierbahnhof, vorgeführt
in vier Varianten. Mit der Ölkrise geht 1973 die Hochkonjunktur zu Ende,
und schon bald kommt die Uhrenkrise, Biel beginnt zu welken, die Neubauten werden selten, der Städtebau schläft ein.
Der kulturelle Ritterschlag Nicht geschlafen hingegen hat die
Architekturabteilung des Kantonalen Technikums, heute Fachhochschule.
Marie-Claude Bétrix, Kurt Thut, François Renaud und andere brachten frischen und lang wehenden Wind in die Zeichensäle. Viele Mitstreiter der
heutigen Bieler Architekturszene haben am Technikum studiert und sind
später in Biel geblieben. Man wird den Schaden, den 1998 die Verlegung
der Architekturabteilung nach Burgdorf anrichtete, erst nach der jetzigen
Architektengeneration abschätzen können. Die Architekturszene in Biel ist
das Opfer der Regionalpolitik geworden, wobei anzumerken ist: Im Kanton
Bern gibt es keine kantonale Politik, es gibt nur eine regionale.
Die Bieler Szene wuchs mit den Wettbewerben, ihre Liste ist beeindruckend
siehe www.hochparterre.ch / links. Dass der Wettbewerb das beste Instrument der
Architekturförderung ist, hat sich in Biel einmal mehr gezeigt. Die Bieler
Szene hat 2005 im Bieler Kunstmuseum PasquArt ihre längst fällige offizielle Anerkennung gefunden. Die Ausstellung zeigte die Arbeiten von
zehn Büros, die eine Jury aus zwei Dutzend Bewerbungen ausgewählt hatte: Bartbuchhofer, bauzeit architekten, Joliat Suter, Kistler Vogt, Leimer
Tschanz, :mlzd, Simon Binggeli, Sollberger Bögli, Spaceshop, Spax. Es war
eine Macherausstellung: Die einzelnen Architekturbüros gestalteten ihren
Teil selbst und zeigten, wie sie arbeiten. Die Bieler Szene zeigte sich nach
aussen und bestätigte sich nach innen. Es war der kulturelle Ritterschlag.
Biel ist eine Kleinstadt, darum hat es hier auch kleine Architekturbüros.
:mlzd mit derzeit 22 Mitarbeitenden ist schon ein Schwergewicht. Üblich
sind Büros mit fünf bis zehn Mitarbeitern. In Biel gibt es auch keine Assistenzstellen mehr, die überwintern helfen. Man ist kleinmeisterlich organisiert, aber offen für Nation und Welt. Übrigens, die Architektur spricht
deutsch in Biel, die Welschen sind wenig präsent.
Trotzdem, gibt es die Bieler Szene wirklich? Sie ist kaum fassbar, aber
beschreiben kann man sie. Es gibt keine Bieler Architektur, es gibt aber
Architekten in Biel. Gemeinsam ist allen Beteiligten die Haltung: Architektur machen, nicht bloss bauen, «conscience professionnelle». Architektur
machen ist ein kultureller Auftrag. Das ist der Kern.
Erfindung, Möglichmachen, Sorgfalt, das sind die Schlüssel. Erfindung
meint, die Aufgabe mit frischen Augen zu betrachten und neue, unerwartete Lösungen zu finden. Man muss die Erfahrungsbrille ausziehen, um
neu zu sehen. Beim Möglichmachen setzt man sie wieder auf. Die Projekte
konstruieren können und sie durch die Stromschnellen der Finanzen und
Bewilligungen steuern, gehört zum Architektenhandwerk. In Biel gibt es
keine Papierarchitekten. Die Sorgfalt schliesslich verlangt das saubere
Durcharbeiten, sprich die Fähigkeit zur Ausführungsplanung. Erfindung,
Möglichmachen und Sorgfalt, am wichtigsten aber ist die Erfindung. Diese
Haltung teilt die Bieler Szene mit den ernst zu nehmenden Architekten der
Schweiz, in Biel wird man sagen dürfen: Es sind die bekannten schweizerischen Uhrmacherqualitäten.
Die Schnittmenge Was aber ist bielerisch daran? Die Schnittmenge. Eine Szene besteht aus Unterszenen, die sich überschneiden. Zuerst die
sogenannten jungen Büros. Diese Leute spielen zusammen Fussball, sind
gegenseitig Götti der Kinder und trinken gelegentlich ein Glas Chasselas
zusammen. Sie gehören auch der zweiten Unterszene an, der Bürokonkurrenz, denn die Aufträge fallen nicht vom Himmel. Doch man pflegt einen
kollegialen Umgang. Man zeigt sich zum Beispiel die Wettbewerbe, noch
bevor sie entschieden sind. :mlzd lädt Architekten von aussen ein, die ihre
Arbeit präsentieren, anschliessend gibts Essen, Trank und Smalltalk. Die
dritte Gruppe bildet das Architekturforum Biel, die kulturdiplomatische
Vertretung der Architektur in der Öffentlichkeit. Im Frühling organisiert das
Forum jeweilen eine Vortragsreihe, es gibt Publikationen heraus, zurzeit ist
ein Buch über Max Schlup unterwegs. (Auch die Ausstellung im PasquArt
organisierte das Forum.) Das Architekturforum ist die grosse Klammer,
die alle umfasst. Schliesslich noch die Unterszene BSA. Zwar gehören die
Bieler Mitglieder der Ortsgruppe Bern an, doch bilden sie eine Untergruppe,
denn Biel ist nicht Bern, es gehört nur durch die Last der Geschichte zu
diesem Kanton. Schliesslich noch die Regionalgruppe Biel-Seeland des
SIA, die unter dem Titel «5 à 7» Besichtigungen und Fachveranstaltungen
organisiert. Im Ganzen sind es vielleicht zweihundert Menschen, die zur
Bieler Szene gehören. Die Schnittmenge aber, auf die es ankommt und die
die Szene in Gang hält, sind jene, die zu mehreren der Unterszenen gehören. Diese dreis­sig Personen bilden den Kern der Architekturszene Biel.
Sie ist sehr lebendig. Um sie herum schwärmen die Sympathisanten, jene
Menschen, die sich nicht beruflich, sondern aus Interesse mit Architektur
auseinandersetzen. Der Echoraum der Szene. Daneben gibt es noch die
andern, die Menschen, denen die Haltung abgeht. Sie bauen viel und gross
und sind von der Szene aus gesehen Kommerzarchitekten. Eines aber ist
sicher: Ausserhalb der Szene ist kein Heil.
Mehr im Netz
Architekturwettbewerbe der letzten zwanzig Jahre.
> www.hochparterre.ch
_
Der Leitbau der Zukunftsstadt in der zweiten grossen Wachstumsperiode: das Kongresshaus von Max Schlup,
gebaut von 1961 bis 1966, renoviert von 2000 bis 2002 von Rolf Mühlethaler.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
12 /13 «Wie eine weisse Fürstinnen­
erscheinung glänzte in der Ferne der
abendlich blasse, geisterbleiche
See. Rosig brennendes Abendgewölk
schwebte über dem weit ausge­dehn­­ten,
spiegelblanken, schönen Wasser.»
Robert Walser: Marie
«Und es ist der schönste Berg mit der
schönsten Aussicht. Man sieht drei
weisse Seen von seiner Höhe aus, viele
andere Berge, Ebenen nach drei Rich­
tungen, Städte und Dörfer, Wälder, und
das alles so schön in der fernen
Tiefe, gleichsam eigens zum Anschauen
ausgebreitet.» Robert Walser: Fritz Kochers Aufsätze
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
14 /15 // Was bisher geschah
Die Planung
Die Stadt will an den See.
fürs Jenseits Der erste Schritt
überwand den Bahndamm. Die Innenstadt
wurde attraktiviert und die Expo.02
beschleunigte die Planung und Realisierung.
Texte: Benedikt Loderer, Foto: Peter Samuel Jaggi
Vor rund fünfzehn Jahren setzte Biel zum Doppelsprung an: Die triste Innenstadt sollte attraktiver werden und das Gebiet hinter dem Bahnhof
den Expo-Schwung nutzen und zu einem neuen
Quartier umgebaut werden. Dazu diente der Masterplan «Biel-Bienne». Er war kein die ganze
Stadt behandelndes Werk, wie der Name vermuten liesse, sondern die Planung für das Jenseits.
Das Gebiet nämlich, das jenseits und hinter dem
Bahnhof Biel liegt, das rund 25 Hektaren gross
und damals durch den Bahndamm und durch die
Gleisanlagen des Bahnhofs von der Innenstadt
abgeschnitten war.
Doch die Autobahn siehe Seite 50, die Expo.01 (später Expo.02) und der Vollknoten der Bahn 2000
setzten die Planer in Trab. Zudem war hier einer der wichtigsten Entwicklungsschwerpunkte
(ESP) des Kantons Bern festgelegt worden. Es
war abzusehen, dass der Masterplan vor einer
glänzenden Zukunft stehen würde, obwohl 1996,
als er veröffentlicht wurde, die Konjunktur lahmte. 1500 Einwohner und 3500 Arbeitsplätze sollen
das neue Quartier besiedeln. Die Bruttogeschossfläche verdoppelte sich auf 228 000 Quadratmeter, der Wohnanteil sollte 30 Prozent betragen
und die Verkaufsflächen rund 25 Prozent.
Von der Krähe zum schwan Während
jenseits der Bahngleise die Planung auf Hochtouren lief, döste die Innenstadt im Halbschlaf.
Doch aufgeschreckt von den im Bözingenfeld geplanten Einkaufszentren fragten sich die Stadt
und das Gewerbe: Was können wir gegen den
Sinkflug tun? Die Detailhändler in der Innenstadt
fürchteten den Abfluss der Kaufkraft. Die Antwort
hiess «Attraktivitätssteigerung der Innenstadt».
«Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Biel
in absehbarer Zeit aus der Gruppe der Schweizer Mittelstädte (zu der auch Winterthur, Luzern
und St. Gallen gehören) ausscheidet. Dies könnte
eintreffen, wenn es nicht gelingt, Biel zu einem
Regionalzentrum mit hochwertigen Arbeitsplätzen auszubauen.» Im März 1996 warnte die Beratungsfirma Aarproject vor dem Abstieg. Sie hatte
im Auftrag der Stadt die Studie «Attraktivierung
Bieler Innenstadt 1996–2001» erarbeitet. Die Defizite waren offensichtlich: Das seit Jahren geschlossene Hotel Touring de la Gare am Zentralplatz wurde nur noch von den Tauben bewohnt,
am Guisan-Platz klafften anstatt des einstigen
Bielerhofs und des Kinos Capitol grosse Baulücken, die Fassaden der langen Hauptachse vom
Bahnhof bis zur Altstadt waren, gelinde gesagt,
vernachlässigt, es gab Leerstände in guten Geschäftslagen, zusammenfassend: Biel gefiel sich
selbst nicht mehr.
Das Gebiet des Masterplans hinter
dem Bahnhof
A_Nidau-Bürenkanal
B_Feldschlösschen-Areal
C_Residenz «Au Lac»
D_Bildung Formation Biel-Bienne (Kaufmännische
Berufsschule)
E_Media- und Kommunikationscenter cc.ch
F _Coop Centre Bahnhof, vorher GM Montagewerk
G_Bahnhofpassage
H_Biel-Täuffelen-Ins-Bahn BTI
I_Aufnahmegebäude Bahnhof Biel
J _Bahnhofparking Park + Rail
K _Schule für Gestaltung
A
C
D
B
E
G
K
I
H
K
F
J
N
Die Unterführung Das Schlüsselelement in der Planung war die Verlängerung der
Bahnhofpassage. Das Masterplangebiet erhielt
damit endlich eine direkte Verbindung zur Innenstadt. Die Honorar-Submission gewann das Büro
B + S Ingenieure in Biel. Kistler Vogt wurden «für
die Bearbeitung bzw. Beurteilung der gestalterischen Belange» ausgewählt. Am 19. Mai 2001
wurde die Passage eingeweiht.
Mit der Autobahn hatten die Planer damals keine
grundsätzlichen Schwierigkeiten. Es gab bereits
ein generelles Projekt für eine vierspurige, unterirdische Führung. «Die Linienführung der N5 wird
in enger Zusammenarbeit mit dem Masterplan in
mehreren Schritten optimiert.» Wichtig schien
1996 vor allem, dass es mit der Realisierung der
Autobahn rasch vorwärts ging. Das neue Stellwerk war schon im Bau, Rampen zum Perron
ersetzten im Bahnhof bereits auf der einen Seite
die einstigen Treppen, neue Wartehallen standen
auf den Bahnsteigen, für die Bahn 2000 war man
gerüstet. Die Biel-Täuffelen-Ins-Bahn (BTI) war
mit der Situation zufrieden: «Der Gemeinderat
der Stadt Biel hat im Juni 1994 beschlossen, das
Projekt einer Verlängerung der BTI-Bahn vom
Bahnhof Richtung Stadtzentrum nicht weiterzuverfolgen.» Zehn Jahre später war alles anders,
siehe Seite 50.
Der Architekt Rudolf Rast machte die Probe aufs
Exempel und entwickelte zwei unterschiedliche
Über­bauungsstudien, zu deren «zentralem stadträumlichen Gerüst» die Bahnhofunterführung und
ein «anschliessender grosszügiger Platz» gehörten. Der spätere Walser-Platz kündigt sich an.
Unter dem Bahnhofplatz war ein Parkhaus mit
400 Plätzen vorgesehen, «welches vorwiegend
den Kunden und Besucherinnen der Innenstadt
dienen soll». Auch das Bahnhofparking auf dem
Eilgutareal taucht in der Planung auf, sein Zweck:
Park + Rail. Kistler Vogt haben es 2002 gebaut. So
war das Ergebnis der Masterplanung ein 1997
genehmigter Richtplan und eine umfangreiche
Liste aller künftigen Hausaufgaben, von der Zonenordnung bis zu den Veloabstellplätzen.
Der Robert-Walser-Platz ist der erste Schritt Richtung See und war der Empfangssalon der Expo.02.
Links die ehemaligen GM Montagehallen, heute Coop, in der Mitte die BFB — Bildung Formation Biel-Bienne
(Kaufmännische Berufsschule), rechts das Medienhaus.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
16 /17 // Was bisher geschah
Weg mit dem Verkehr «Die städtischen
Finanzen würden eigentlich keine Projekte zur
<Stadtrenovation> erlauben, wäre da nicht die be­vorstehende Realisierung der Expo.01 und an­derer grosser Projekte wie Renferareal, Gaswerk­
areal etc.», schrieben die Regionalgruppen des
SIA Biel-Seeland und Biel-Jura im Mai 1996 in einer Studie. Sie stellten fest: «Der öffentli­che Raum
ist ein Teil des Kapitals der Stadt und gibt der
Stadt ein Gesicht, welches gepflegt sein muss.»
Aber wie? Die Antwort erwartete die Stadt von den
Marketingleuten von Aarproject. Sie schlugen unter anderem eine durchgehende Fussgängerzone
vom Bahnhof bis zur Altstadt und eine Aufwertung des Erscheinungsbilds vor.
Doch damit die Fussgängerzone möglich wurde,
musste der Verkehr aus der Nidaugasse verschwinden, genauer: die Busse der Verkehrsbetriebe Biel (VB). Denn bisher hinderte das Spähen
nach den leisen Bussen am gelassenen Flanieren. Mit einem neuen Betriebskonzept wurden die
bisherigen Stich- zu Durchgangslinien. Das Kernstück der neuen Verkehrslösung aber war eine
neue Brücke über den Schüsskanal in der Verlängerung der Gartenstras­se, die 1998 in Betrieb
genommen wurde. Damit wurde die Nidaugasse
verkehrsfrei. In ihrer Verlängerung, der Bahnhofstrasse, verkehren nur noch die Busse. (Das letzte Tram fuhr 1948, ab 2018 soll es wieder eines
geben) siehe Seite 50. Die Verkehrsbetriebe fuhren
zweimal besser: Der Betrieb wurde einfacher und
die Kosten sanken.
Drei Wettbewerbe Eine Fussgängerzone muss gestaltet sein. Mit drei Wettbewerben
ging die Stadt ans Werk: für die Busunterstände,
für den Zentralplatz und für die obere Bahnhofstrasse und die Nidaugasse. Bei den Busunterständen gewannen bauzeit architekten. Die Jury
schrieb mit hörbarem Aufatmen: «Der gesamte
Vorschlag besticht durch eine Frische, welche
den andern Vorschlägen weitgehend fehlt.» Unterdessen sind die filigranen Unterstände gebaut
und dienen als würdige Nachfolger jener aus der
Zwischenkriegszeit. Dass der Zentralplatz und
die beiden in ihn mündenden Strassen nicht in
einem einzigen Wettbewerb zusammengefasst
wurden, ist einfach zu erklären: Die Strassen gehörten dem kurz zuvor entstandenen Stadtmarketing unter der Direktion des Stadtpräsidenten,
der Platz hingegen dem Baudirektor.
Den Wettbewerb für den Zentralplatz gewann
1997 das Team de Montmollin / Widmer / Gebert /
Zulauf / Tufo / Wysseier. Der urban geprägte Vorschlag fasste den zerrissenen Platz mit einem
grossen, leeren Rechteck zusammen. Die Realisierung war dornenreich. Das Restaurant Arcade,
das eine Bedürfnisanstalt über der Schüss ersetzte, musste in die Planung integriert werden.
Die Denkmalpflege beharrte auf der Erhaltung
des Wartehäuschens und des Brunnens. Kurz, es
dauerte bis zum Frühling 2002, bis der Zent-
ralplatz fertig wurde. Gerade rechtzeitig für den
neuen Baudirektor, dem die Fläche zu kahl war.
Er hat sie mit grossen Blumenkübeln und zwei
vierstrahligen Fontänen neben dem Brunnen bestückt. Immerhin, die hohen und eleganten Lichtmaste, die den Platz im Süden abschliessen, haben alle Widrigkeiten überstanden.
Den Wettbewerb für die beiden Strassenstücke
gewann das Team Nuit Blanche, das das Projekt
auch ausführen konnte. Die Attraktivitätssteigerung beschränkte sich nicht nur auf die Hauptgassen, sondern griff seitlich auch in die einmündenden Nebengassen ein. So wurden unter
anderem mit dem Bau des Warenhauses Manor
auch die Trottoirs der Zentralstrasse verbreitert.
Die Podeste in der Bahnhofstrasse sind spätere Zutaten. Auch die Stelen, die in der ganzen
Stadt ein Orientierungssystem mit der genauen
Zeit und Werbung für die Uhrenindustrie verbinden, kamen erst 2009 dazu. Biel war auch eine
der ersten Städte im Land, die an den Haltestellen mit elektronischen Anzeigen den Fahrgästen
ankündigt, wie lange sie noch auf den Bus zu
warten haben. Auch die Kanalgasse wurde kürzlich umgebaut, entstanden ist mehr Platz für die
Fussgänger. Wer heute durch die Bieler Innenstadt flaniert, sagt sich: Welch ein Wandel, von
der Krähe zum Schwan.
Der Bau nach der Expo Die Stadt benutzte die Expo.01, die um ein Jahr verschoben
zur Expo.02 wurde und damit der Stadt ein hochwillkommenes Zeitfenster öffnete, «zur Nutzung
eines Synergiepotenzials». Gemeint sind nicht
provisorische Bauten, die nach der Ausstellung
wieder verschwinden sollten, sondern definitive.
Es gibt drei davon: die Aufschüttung beim Kleinbootshafen, der Neubau des Kleinbootshafens
und die Ersatzmassnahmen beim Erlenwäldli in
der Gemeinde Ipsach. Von diesen Bauten merkten
die Expo-Besucher nichts. Das von Joliat Suter
und GLS sorgfältig renovierte Strandbad hingegen, das haben alle gesehen, denn es war in
die Ausstellung integriert. Es ist eine Perle der
Architektur, ein Werk des Stadtbauamts, genauer
Ernst Bergers, 1932 als Arbeitsbeschaffungsmassnahme vom Roten Biel erstellt.
Für den Neubau der Bielersee-Schifffahrts-Gesellschaft (BSG) und einen Expop-Pavillon veranstaltete die Stadt 2000 einen Wettbewerb, den
Zoss Brauen Architekten aus Nidau gewannen.
Noch vor der Expo baute der Verlag Gassmann,
der die beiden Lokalzeitungen «Bieler Tagblatt»
und «Journal du Jura» herausgibt, sein neues
Medienhaus am Walser-Platz. Bart & Buchhofer
aus Biel gewannen den Studienauftrag für die
Gestaltung des Walser-Platzes. Nach der Expo
blieb am Seeufer beim Strandboden ein Kiesplatz, der zu einem «Platz am See» umgestaltet
wurde. Blieb noch das sogenannte Expo-Gelände,
das auf dem Boden der Gemeinde Nidau liegt.
Biel rückte in den letzten fünfzehn Jahren einen
ersten Schritt näher an den See.
Ein neues Gesicht
1_Die 12 Meter hohe Lichttraube
von Santa & Cole setzt den
Schlusspunkt der Lichterkette vom
Bahnhof bis zur Altstadt.
1
Zum Stichwort Attraktivitätssteigerung gehört
die Verbesserung der Innenstadt. Das Rückgrat
der Hauptgassen von der Altstadt bis zum Bahn­
hof wurde zur Fussgängerzone, die mit gestal­
terischen Massnahmen aufgewertet wurde. Man
verbreiterte die Trottoirs, verbesserte die Be­
leuchtung, setzte das Grün bewusst ein und ersetzte das alte Strassenmobiliar. Der Zentralplatz wandelte sich vom Verkehrsknoten zum
städtischen Raum, zu einer Begegnungszone, in
der die gegenseitige Rücksichtnahme den wenigen Verkehr lenkt.
Attraktivierung der Innenstadt Biel, 2002
Bahnhofstrasse bis Nidaugasse
> Bauherrschaft: Stadt Biel
> Architektur / Gestaltung: bauzeit architekten, Simon
Binggeli Architekten, Biel, Atelier Oï, Neuenstadt
> Verfahren: Wettbewerb auf Qualifikation
> Anlagekosten: CHF 7,5 Mio.
1_Von den filigranen Wartehäuschen von
bauzeit architekten steht eines an der Haltestelle
Guisan-Platz in der Bahnhofstrasse.
Neugestaltung Zentralplatz Biel, 2002
> Bauherrschaft: Stadt Biel
> Arbeitsgemeinschaft Studienauftrag 1997:
de Montmollin, Widmer, Gebert, Zulauf, Tufo, Wysseier
> Arbeitsgemeinschaft Ausführung 2002: Stéphane de
Montmollin & Brigitte Widmer; Gebert Liechti Schmid
> Landschaftsarchitektur: Zulauf Seippel,
Schweingruber
> Bauingenieure: Mathys & Wysseier Ingenieure;
Piazza Beratende Ingenieure
> Verfahren: Studienauftrag
> Baukosten: CHF 4,3 Mio.
verglaste
Nutzungsschichten
2
An der Stelle eines Art-déco-Stadtpalais entstand der Glaskubus eines Warenhauses, das den
Strassenblock schliesst. Tiefgarage, Verkaufsgeschosse, Büros und Wohnungen sind übereinandergeschichtet, Nutzungsschicht ist das Schlüsselwort, es gibt kaum Raum. Immerhin bietet
im dritten Obergeschoss ein Dachgarten eine
Grüninsel an. Die glatte Glasfassade packt das
Gebäude hermetisch ein, doch sind die Stockwerke ablesbar. Die Rücksprünge ab dem dritten
Obergeschoss machen Platz für die Aussenräume der Wohnungen. Die Ecke zur Zentralstrasse
betont den Eingang und fasst den Baublock. Ein
Gebäude der kommerziellen Vernunft.
1_Blick vom Volkshaus in die obere Bahnhofstrasse. Wer die Stadt
verbessern will, muss dies vor allem nachts tun. Foto: Yves André
1_Zentralplatz-Wettbewerb 1997.
Ein Band von Lichtpunkten markiert
den Verlauf der Schüss,
zwei Baumgruppen, sonst leer.
1_Zentralplatz 2002.
Vier hohe Lichtsäulen stehen
am Rand, der Tramunterstand
wartet auf eine Aufgabe,
der Brunnen wurde verschoben.
Warenhaus Manor, 2008
Zentralstrasse 40
> Bauherrschaft: Manor AG, Basel
> Architektur: Gebert Architekten (Planung);
Strässler + Storck (Ausführung)
> Verfahren: beschränkter Wettbewerb
> Baukosten (BKP 2): CHF 50 Mio.
> Baukosten (BKP 2 / m³): CHF 570.–
2_Das Warenhaus Manor an der Zentralstras­se.
Die schimmernde Glasfassade gibt wenig preis von
dem, was im Innern geschieht.
s t.
2_Der Schnitt parallel zur Zentralstrasse zeigt den Schichtaufbau des
Warenhauses, den Dachgarten und die unterschiedlichen Geschosshöhen.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
18 /19 // Was bisher geschah
Der Medienbehälter
3
Der erste Neubau am Walser-Platz ist ein Büro­
haus, das sich Kommunikationscenter nennt, weil
hier die Zeitungs-, TV und Radioredaktionen un­tergebracht sind. Die versetzt angeordneten Fenster
in den Fassaden aus geätztem Glas überspielen
den rigiden Grundriss. Der Erschliessungs- und
der Sanitärkern an den Fassaden erlauben einen
Streifen Einzelbüros, in der Mitte bleibt Grossraum frei, der durch einen Lichthof mit innerer
Transparenz unterbrochen wird. Man sieht durchs
Gebäude. Der Grundriss kann auf jede Veränderung des Organigramms ohne grossen Aufwand
reagieren. So sieht ein zeitgemässes Büro­haus
aus: ein in sich abgeschlossener Solitär.
Media- und Kommunikationscenter cc.ch, 2001
Robert-Walser-Platz 7
> Bauherrschaft: Pensionskasse W. Gassmann AG
> Architektur: Gebert Liechti Schmid; Mäder & Partner
> Verfahren: Direktauftrag
> Baukosten (BKP 2): CHF 9 Mio.
> Baukosten (BKP 2 / m³): CHF 455.–
Neue Perspektive
4
Kein Tunnel, sondern ein Trichter, der sich zum
Walser-Platz öffnet. Die eine Wand eine Glasschürze, hinter der ein Laden sichtbar wird, die
andere eine perspektivische Überraschung. Die
unten schräg abgeschnittene Leuchtwand verlängert oder verkürzt den Durchgang, je nach
Standort des Betrachters. Aus einem Verkehrsrohr wurde ein Wahr­nehmungsobjekt.
Verlängerung Bahnhofpassage, 2001
> Bauherrschaft: Stadt Biel
> Architektur: Kistler Vogt
> Bauingenieur: B + S Ingenieure
> Verfahren: Direktauftrag
> Baukosten: CHF 7,8 Mio.
Der Innenhof als Bühne
Glasflächen wechseln mit Elementverkleidungen
und Lüftungsflügeln ab, um der sonst monotonen
Fassade eine eigene Sprache zu geben. Viel Aufmerksamkeit galt der Farbe, die für die Raumstimmung sorgt.
BFB — Bildung Formation Biel-Bienne, 2007
Robert-Walser-Platz 9
> Bauherrschaft: Stiftung zur Förderung der
Kaufmännischen Berufsschule Biel
> Architektur: :mlzd
> Farbgestaltung: Sonja Kretz
> Verfahren: Wettbewerb auf Qualifikation
> Baukosten (BKP 2): CHF 17,33 Mio.
> Baukosten (BKP 2 / m³): CHF 744.–
Den Baukörper dieses Schulhauses bestimmte
die Überbauungsordnung, die die Höhe und die
Tiefe festlegte. Es entstand «zwangsläufig ein
fast quadratisches Gebäude, das in der Mitte
Fläche generiert, die schwer zu belichten und
zu bewirtschaften ist», wie die Architekten feststellten. Sie machten aus der Not eine Tugend,
genauer einen über alle fünf Geschosse durchgehenden Innenhof, der sich im Erdgeschoss
zum Walser-Platz öffnet und so einen gedeckten
Zugang bildet. Auf Platzniveau liegen auch die
Cafeteria, das Foyer und der Mehrzweckraum,
also die öffentlichen Bereiche der Schule. Die
Obergeschosse gleichen sich: An den Fassaden
liegen die Schulräume, gegen den Innenhof auf
drei Seiten die Erschliessungszonen, die auch für
Gruppenarbeiten brauchbar sind. Der Hof und die
gegenüberliegenden Korridore wirken als Bühne
und Laufsteg. Es ist die innere Transparenz, die
den Bau besonders macht. Die Fassade dekliniert das Thema durchsichtig / undurchsichtig,
6_Coop: Dem Shoppingcenter sieht
man die Vergangenheit als Industriehalle
noch an. Foto: Peter Samuel Jaggi
5_Das Schulhaus im
Querschnitt. Der Innenhof
fliesst durch den
Eingang zum Walser-Platz.
4
3
2
1
0
-1
6_Querschnitt durch die GM Montagehallen, die sich
für den Umbau zum Shoppingcenter gut eigneten.
Coop: Das zweite Leben
der Fabrik 6
Das GM Montagewerk der Architekten Karl von
Büren und Rudolf Steiger von 1935 wurde zum
Shoppingcenter umgebaut, wofür sich die weiten
Hallen gut eigneten. Eine neue Mall durchquert
den Komplex und bindet ihn an den Walser-Platz
an. Innen herrscht nun der optische Lärm des
Verkaufs, aussen blieb die weisse Nüchternheit
des Funktionalismus erhalten. Im Kopfbau ist die
Schule für Gestaltung untergebracht, ein intelligenter Umbau.
3_Der Lichthof ist ein Glaskasten,
der das Geschoss zwar unterteilt, aber
trotzdem zusammenbindet.
Umbau COOP Centre Bahnhof, 2007
Salzhausstrasse 31
> Bauherrschaft: COOP Immobilien, Bern
> Architektur: Strässler + Stock
> Verfahren: Direktauftrag
> Baukosten (BKP 2): CHF 35 Mio.
Die städtische Residenz
5
3_Regelgrundriss des Medienhauses:
Die Erschliessungs- und Sanitär­kerne liegen an den Fassaden, der
Lichthof dazwischen.
Fast eine kleine Stadt ist diese Residenz. Vier
Türme besetzen ihre Ecken, in denen 67 Wohnungen mit eineinhalb bis viereinhalb Zimmern für
betreutes Wohnen stecken. Darunter beherbergt
das erste Obergeschoss die Pflegeabteilung, das
Erdgeschoss die Restaurants, Küche, Räume für
Fitness, Physiotherapie, Administration. Dazu ei­­ne Arztpraxis, ein Coiffeur, eine Kindertagesstätte, ein Kulturraum und eine Bibliothek. Der Bau
ist ein Musterbeispiel, wie man ein komplexes
Programm auf einem tiefen Grundstück bewältigen kann. Der Windmühlegrundriss des Erdgeschosses weitet sich oben zum Dachgarten. Damit wird die Belichtung der Wohnungen möglich.
Die Liftaufbauten verstärken das Burgartige der
Residenz. Durchgehende Gesimse betonen die
Horizontale in der Fassade, während die Verteilung der senkrechten Teilungen dem gelenkten
Zufall zu gehorchen scheint.
Residenz «Au Lac», 2009
Johann-Aberli-Strasse 54 + 46
> Bauherrschaft: Stiftung TRIX, Biel
> Architektur: Arbeitsgemeinschaft :mlzd / Zingg + Partner
> Verfahren: Wettbewerb
> Baukosten (BKP 2): CHF 48 Mio.
6_Grundriss Erdgeschoss. Die neue Mall durchquert den
ganzen Komplex und schafft die Verbindung zum Walser-Platz.
7
5_Der Innenhof des Schulhauses mit Blick in die Cafeteria und durch
den Eingang auf den Walser-Platz. Foto: Dominique Marc Wehrli
7_Die Liftaufbauten betonen
das Burgartige der Residenz.
Hier wurde ein Stück Stadt, nicht
Agglomeration gebaut.
3_Die versetzt angeordneten Fenster überspielen die
auf allen Geschossen grundsätzlich gleichartigen Grundrisse.
Foto: Dominique Marc Wehrli
4_Die Bahnhofpassage wirkt länger, als
sie ist, wenn man vom Walser-Platz kommt,
kürzer in der umgekehrten Richtung.
7_Grundrissbeispiel der
Wohngeschosse.
7_Die Altersresidenz wirkt wie eine kleine Stadt. Auf dem durchgehenden
Sockel stehen in den Ecken die Wohntürme. Foto: Dominique Marc Wehrli
7_Grundriss des Erdgeschosses.
4_Im Schnitt sieht man die Schräge der Leuchtwand. Unter
der Passage ist ein Stück Autobahn auf Vorrat eingebaut worden.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
20 /21 // Was bisher geschah
Rohns Handschrift
8
Die austarierte Fassade stammt vom ETH-Professor Roland Rohn und hat einen Hauch von
Weltläufigkeit. Das Haus war heruntergekommen,
doch wurden die Fassaden sorgfältig renoviert
und im Innern die Grundrisse umgestaltet. Ein
Baustein der Stadtverbesserung.
Sanierung Geschäftshaus neumarkt, 1960 / 2000
Georg-Friedrich-Heilmann-Strasse 2
> Bauherrschaft: Arthur Waser, Luzern
> Architektur: Roland Rohn, Werner Bornoz (Neubau);
Thomas Szikszay (Sanierung)
> Verfahren: Direktauftrag
Ein Palazzo
9
Dieser Bau war der Auslöser einer weitgehenden
Neuüberbauung des Neumarkts. Mit seinen acht
Geschossen überragt das Gebäude seine Nachbarschaft. Die Details zeigen, woher die Vorbilder
stammen: Es könnte auch in Mailand stehen.
Sanierung Geschäftshaus Sporting, 1955 / 2000
Neumarktstrasse 14
> Bauherrschaft: Arthur Waser, Luzern
> Architekten: Gebrüder Bernasconi (Neubau);
Thomas Szikszay (Sanierung)
> Verfahren: Direktauftrag
Stöcklis Gesellenstück
10
Die Firma Renfer war zum Verkauf ihres Grundstücks gezwungen. Die Stadt kaufte die 55 000
Quadratmeter für 19,5 Millionen Franken, um darauf Wohnungsbau zu verwirklichen. Biel sollte
für Mittelstandsfamilien wieder attraktiv werden.
Die Lage auf dem Liegenschaftsmarkt war in den
Neunzigerjahren schwierig, die Stadt musste verkaufen, wo sie lieber ein Baurecht errichtet hätte.
Es gelang nicht, die einzelnen Bauherren auf den
Wettbewerbsentwurf von Matti, Bürgi, Ragaz, Hitz
von 1995 zu verpflichten. Trotzdem, für die Stadt
war das Renferareal ein Erfolg, es markiert die
Wende zum Wiederaufstieg.
Überbauung Renferareal, 1999–2001
Schlösslifeld 37–87
> Bauherrschaft: Baugemeinschaft Renferareal Süd
> Architekten: bauzeit, Joliat Suter, Molari + Wick,
A + P, Matti Ragaz Hitz und weitere.
Eine Plombe einsetzen
11
Hier, wenige Schritte von der Bahnhofstrasse
entfernt, stand einst Biels grösstes Kino, das
Capitol, das abgerissen wurde und lange eine
Baulücke hinterliess, die von Biels Niedergang
erzählte. Den Wiederaufstieg illustriert jetzt der
Neubau, dessen Rohbau schon steht. 2008 wurde
ein Gesamtleistungswettbewerb durchgeführt, an
dem vier Architekten- und Generalunternehmerteams teilnahmen. Nun wird die trapezförmige
Lücke wieder vollständig ausgefüllt. Es handelt
sich um ein Bürogebäude mit zwei Erschlies­
sungskernen. Im Dachgeschoss entstehen fünf
Wohnungen, im Erdgeschoss Läden.
Neubau Capitol, 2010
Albrecht-Haller-Strasse 9
> Bauherrschaft: Personalvorsorgestiftung der Telekurs
> Architektur: Sollberger Bögli
> Totalunternehmer: Losinger Construction
Der neue Blockrand
11_Das Dachgeschoss des Capitol­
hauses. Die fünf Wohnungen
haben alle einen Lichthof und ein
Fenster zum Himmel.
Foto: Peter Samuel Jaggi
12
Der grosse Block übernimmt das Muster des
Bahnhofquartiers der Zwischenkriegszeit: Block­rand und Innenhof. Im Erdgeschoss befinden sich
Läden und Gewerbe, darüber Wohnungen, im Hof
eine Gartenanlage. Ein Bau von selbstverständlicher Gewohnheit, ein normaler Block, ein Weiterbauen an der Stadt.
8_Die Fassade Roland Rohns verkörpert den Zukunfts­glauben der Sechzigerjahre. Foto: Peter Samuel Jaggi
Überbauung Sabag-Areal, 2009
Zentralstrasse / Mattenstrasse / Silbergasse
> Bauherrschaft: Leopold Bachmann / Leopold
Bachmann Stiftung
> Architektur: Gebert Architekten (Baugesuch);
Cerv & Wachtl (Ausführung)
> Kunst am Bau: Mayo Bucher
> Landschaftsarchitektur: David Bosshard
> Verfahren: Wettbewerb
> Baukosten (BKP 2): CHF 75 Mio.
> Baukosten (BKP 2 / m³): CHF 550.–
Schüsspark
12_Sabag-Areal: Die Fortsetzung
des Stadt­musters des Roten
Biel heute: ein städtischer
Block­rand mit grossem Innen­hof.
13
Auf der Industriebrache der ehemaligen Verei­nig­
ten Draht­werke entsteht schrittweise ein Stück
neue Stadt. Durch die winkelförmige Gebäude­
typologie und die mäanderartige Anordnung gibt
es zwei verschiedene Aussenräume: die harten,
städtischen Plätze und Strassen und die sanften Grünräume, die sich zur renaturierten Schüss
hin öffnen. Es gibt fünf Etappen, realisiert ist
ein Pflege- und Altersheim (Tre), das mit den
Alterswoh­nungen im Schüss (Due) direkt verbunden ist. Darüber hinaus stehen bereits der grosse
Winkel von Schüss (Uno) und die Zeile der Stadtvillen von Schüss (Cinque). Die Espace Real Estate,
Eigentümerin des Grundstücks, plant ausserdem
noch ein Hochhaus (Sei) und drei Winkelbauten
auf der andern Seite der Schüss (Quattro).
12_Regelgeschoss über dem Sockel. In der linken unteren Ecke
entdeckt man ein integriertes Eckhaus aus der Zeit um 1900.
9_Der Palazzo am Neumarkt
könnte auch in Mailand stehen.
11_Eine Fassade von wohltuender
Zurückhaltung schliesst den Strassenraum.
Im Hintergrund die Waldwand des Juras.
Foto: Peter Samuel Jaggi
10_auf dem Renferareal waren Wohnungen für den
Mittelstand das Ziel. Foto: Peter Samuel Jaggi
11_Situationsplan mit Erdgeschoss.
Die Baulücke wird vollständig
ausgefüllt und das Stadtmuster ergänzt.
13_Situationsplan der Schüsspark-Etappen.
Diagonal durchs Terrain läuft die renaturierte Schüss.
Erdgeschoss
Cinque
Due
Alters- und Pflegeheim Schüsspark, 2008
Neumarktstrasse 35
> Bauherrschaft: Stadt Biel
> Architekten: Kistler Vogt für alle Etappen
> Verfahren: Wettbewerb
> Baukosten: CHF 13 Mio.
Tre
Schüss Due, 2007
Neumarktstrasse 27–33 / Alexander-Schöni-Strasse
46-48 / Salomegasse 12-16
> Bauherrschaft: Genossenschaft Schüss Due
> Baukosten: CHF 34 Mio.
_
Uno
Quattro
Schüss Uno, 2003
Salomegasse 11, 13, 15, 17 / Alexander-Schöni-Strasse
54 + 56
> Bauherrschaft: Espace Real Estate AG
> Investitionsvolumen: CHF 28 Mio.
Schüss CINQUE, 2008
Alexander-Schöni-Strasse 53–71
> Bauherrschaft: Genossenschaft Schüss Due
> Investitionsvolumen: CHF 9,5 Mio.
Sei
13_Im Schüsspark gibt es zwei Arten von Aussenräumen:
harte städtische Plätze und Strassen und sanfte, grüne gegen die Schüss.
10_Auf über 30 Baufeldern
verwirklichten mehr als
ein Dutzend Bauherrschaften
das Renferareal.
13_Der Kopfbau mit dem Alters- und Pflegeheim bildet den
Eckpfeiler gegenüber dem geplanten städtischen Park.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
22/23 22
/23 «Wenn ich durch das feine, elegante
französische Neuquartier spaziere,
dessen Häuser einen zierlichen Geschmack verraten, gelange ich,
dicht neben der Hauptpost vorbei, und
manch ein altes, edles, gartenum­
säumtes Herrenhaus streifend, welches
in seinem Parke liegt, wie das stille,
köstliche Kleinod in seiner Umfassung,
langsam in die trauliche, träumeri­sche Altstadt, die mich jedesmal, wenn
ich sie sehe, wie ein reizendes und
höchst nachdenkliches Denkmal aus
der Vergangenheit anmutet.»
Robert Walser: Der Vater
«An Festtagen tat sich die Stadt, wie
keine andere, hervor und entfaltete
bei solcher Gelegenheit alles, was ihr
zu Gebote stand, um sich überall als
die beste Feststadt rühmen zu lassen.»
Robert Walser: Geschwister Tanner
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
24/25 // Liegenschaftspolitik
Die aufgeklärte Das Planungsgebiet
Spekulantin
Gurzelen, Omega- und
Gygax-Areal ist beispielhaft für die
handfeste Entwicklungspolitik der Stadt.
Text: Benedikt Loderer
Mit erdrückender Mehrheit stimmte das Volk drei
Teiländerungen der Bauordnung zu: Gurzelen,
Omega-Areal und Gygax-Areal. Das war das B,
nachdem es ein Jahr vorher im Dezember 2007
ebenso deutlich A gesagt hatte: Ja zu den Stades
de Bienne. Damit setzte es einen Schlusspunkt
unter eine Entwicklungsplanung, die zum Bieler
Stichwort «strategisches Grundstück» die Probe
aufs Exempel liefert.
Ein Blick auf den Stadtplan zeigt: Die drei zusammenhängenden Grundstücke bilden ein Schar­nier zwischen drei verschiedenen Bebauungsmustern: der geschlossenen Bebauung des 19.
und 20. Jahrhunderts im Westen, den lockeren
Reihen- und Einfamilienhaussiedlungen im Osten und der Industrie mit ihren Hallenbauten im
Süden. Im Zentrum des Planungsgebiets liegt das
alte Fussballstadion Gurzelen, das der Stadt gehört und nun ausgedient hat. Wo bisher Sport
vorherrschte, soll in Zukunft eine Wohnstadt sein.
Wenn überhaupt innerstädtische Verdichtung und
Förderung des Wohnungsbaus, dann hier. Dass
dies aber nicht mit gutem Zureden oder mit hoheitlichen Planungsmassnahmen allein erreichbar ist, beweist die Praxis. Denn wem der Boden
gehört, der entscheidet, und dies ist nicht immer
im Sinne der Stadt. Ihr gehörte neben dem alten
Stadion noch der Gurzelenplatz, eine Freifläche,
auf der zum Beispiel der Zirkus Knie gastiert.
Dazu kommt noch der östliche Teil des GygaxAreals, auf dem heute Sportplätze liegen. Für den
westlichen Teil des Gygax-Areals suchten die
Eigentümer einen Käufer. Jetzt ging es darum,
die drei strategischen Grundstücke im Sinne der
Stadt geschickt zu nutzen.
drei Mitspieler Die Stadt erliess für das
ganze Gebiet eine Zone mit Planungspflicht (ZPP),
teilte sie aber in drei Bereiche auf. Im Westen
liegt das Omega-Areal, wo die bekannten Uhren hergestellt werden. Das Areal ist heute nur
teilweise überbaut, es bestehen aber Pläne, wie
die Reserven genutzt werden sollen. Die Swatch
AG, ein Teil der Swatch Group, zu der auch Omega gehört, ist hier untergebracht. Die Swatch AG
plante früher schon im Bözingenfeld eine grosse
Anlage, doch liess sie den Plan später fallen. Neu
suchte die Swatch AG einen Standort von rund
20 000 Quadratmetern in der Nähe des OmegaAreals. Es soll Platz für einen eigenständigen
und welt­weiten Hauptsitz der Marke Swatch ge­schaffen werden. Zuvor hatte Previs, die Pensi-
onskasse der Bernischen Gemeinden, den west­lichen Teil des Gygax-Areals gekauft. Dort war ei­ne Grossgärtnerei mit Verkaufslokalen für Gartenbedarf zu finden. Previs liess von Kistler Vogt
eine Überbauungsstudie erarbeiten, die vor allem
Wohnen vorsah. Das war der Zwischenstand:
Previs im Westen, die Stadt im Osten des GygaxAreals, Swatch AG auf der Suche, das Stadion
noch in Betrieb.
Die grosse Rochade Die Stadt hatte ein
wirtschaftliches Interesse, der Swatch AG ihren
Neu­bau zu ermöglichen. Sie machte darum der
Previs das Angebot, die beiden Grundstücke zu
tauschen. Die ruhige Lage ist für Wohnungsbau
geeignet, und die Nutzung stieg von 23 000 auf
29 700 Quadratmeter. Im März 2008 wurde dieser
Handel abgesichert. Das Architekturbüro :mlzd
hatte in der Zwischenzeit eine Wohnüberbauung
auf dem neuen Grundstück studiert. Die Stadt
konnte nun der Swatch im Gegenzug ein Grundstück in der unmittelbaren Nachbarschaft anbieten. Die gros­se Rochade hatte noch ein weiteres Ziel: Entlang der Schüss setzte die Stadt
einen Park mit Uferweg durch, den sie Stadtinsel
nennt. Die Previs trat der Stadt das Land für
den Park auf der Stadtinsel ab, durfte aber einen
Teil der Nutzung auf ihr Grundstück übertragen.
Auch eine Strassenkorrektur im Westen wurde
möglich. Sind die neuen Stades de Bienne einmal
gebaut, so sollen auf dem Grundstück des alten
Stadions Wohnungen realisiert werden.
Diese Rochade ist ein handfestes Beispiel, wie
die Stadt mit Grundstücken die Stadtentwick­lung
fördert. Grundsätzlich wird das Land im Baurecht
abgegeben, allerdings hat sie auch Land verkauft. Unter anderem an Rolex im Bözingenfeld,
an Swatch im Gygax-Areal, an die Stiftung Trix im
Masterplangebiet. Hier redet die Politik mit, die
lieber realisiert als grundsätzlich handelt.
In den letzten Jahren hat die Stadt aktiv dazugekauft. Im Masterplangebiet für 18 Millionen,
das Expo-Gelände für 5 Millionen, das GassmannAreal für 4,2 Millionen Franken. Ohne städtisches
Land wäre die Entwicklung im Bözingenfeld nie
so rasch und reibungslos vorangegangen. Das
Renferareal kaufte die Stadt, als es noch eine
Industriebrache war, und übertrug es später an
die einzelnen Bauträger im Baurecht. Die Stadt
nutzt die Möglichkeit, die Gebiete aufzuzonen.
Der dabei entstehende Mehrwert fliesst nicht in
die privaten Taschen, sondern in die städtische
Kasse. Das Geld verschwindet aber nicht im all-
gemeinen Haushalt, sondern wird zum grössten Teil investiert. Einerseits in den öffentlichen
Raum, andererseits in neue Landkäufe. Die Bieler
Stimmbürger haben diese Politik mehrmals an
der Urne bestätigt. Die Stadt Biel ist also die
aufgeklärte Spekulantin. Speculare heisst, richtig übersetzt, weise vorausschauen.
Die Ausgangslage: drei städtische
Grundstücke, Stadion Gurzelen, Gurzelenplatz und Gygax Ost. Gygax West ist
auf dem Markt, Swatch auf Omega-Gelände.
Der Endstand: Stadt verkauft Gygax
West an Swatch, Previs baut auf Gygax Ost,
Stadt plant auf Stadion und Gurzelenplatz
Wohnungen und Park auf der Stadtinsel.
Gurzelenplatz
Stadion
Omega
Gygax West
Gygax Ost
Stadtinsel
Landabtausch
_Eigentum der Stadt Biel
_Eigentum Previs
_Eigentum Swatch Group
Grundbesitz der Stadt Biel im November 2009
_Grundeigentum der Stadt Biel
_Im Baurecht vergebene Grundstücke der Stadt,
darunter die strategischen Grundstücke
_verwirklicht
_geplant
_ermöglicht
A_Madretschried, 22 000 m², exklusives Wohnen,
kleinteilige Überbauung mit 1,5 bis 5 Geschossen
B_Renferareal, 42 000 m², Wohnen, erste umgenutzte
Industriebrache, Baufelder, siehe Seite 20
C_Esplanade, Verwaltung, Wettbewerb für Verwaltungsgebäude, siehe Seite 44
D_Gurzelen, 35 000 m², Wohnen, Gewerbe, Neunutzung
des alten Stadions
E_Gygax West, 57 000 m², Büro / Verkauf,
Repräsentations­standort der Swatch Group
F_Gygax Ost, Previs, 29 700 m², Wohnen, Vorprojekt für
Wohnüberbauung, siehe Seite 35
G_Stadtinsel, 20 100 m², Grünraum, noch keine
konkrete Planung
H_Löhre / Frölisberg, 40 000 m², Wohnen, Zusammenarbeit der Stadt Biel mit der Burgergemeinde Bözingen,
Wettbewerb November 2008, Süd 5 Architekten sind am
Planen
I_Geyisried, 5000 m², Wohnen, überbauungsreif, in 2 bis
3 Jahren auf dem Markt
J_Büttenberg, 5000 m², Wohnen, überbauungsreif, ab
2010 auf dem Markt
K_Jakob-Strasse, 36 000 m², Wohnen, Zonenplan
an­gepasst, privater Anteil in Entwicklungsphase, städti­scher Teil in 3 Jahren überbauungsreif
L_Bischofkänel, 140 000 m², Wohnen, grösstes
Entwicklungsgebiet der Stadt, Anpassung des Zonen­plans nötig, noch keine konkrete Planung, Zeithorizont
10 bis 15 Jahre
M_Tennisplätze, bisher auf dem Gygax-Areal, dort im
Weg, die Stadt bot ein Ersatzgrundstück im Baurecht
im Bözingenfeld an
N_Firma DT Swiss AG (hochwertige Fahrradteile, z.B.
Speichen) suchte Erweiterungsmöglichkeiten, die Stadt
bot im Baurecht das Grundstück im Bözingenfeld an
O_Harting Mitronics AG (elektronische Steckverbin­dun­
gen), Stadt bot Expansion auf Nachbargrundstück an
Der Zwischenstand: Previs kauft Gygax West,
tauscht mit der Stadt Gygax West gegen
Gygax Ost, Stadtinsel wird abgetrennt, Swatch
sucht ein Grundstück in der Nähe.
K
D
C
E
B
G
M
F
O
N
I
A
J
H
Der Grundbesitz der Stadt Biel im November 2009. Der gezielte
Einsatz der Grundstücke erlaubt eine handfeste Stadtentwicklungspolitik.
L
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
26 /27 // Liegenschaftspolitik
Städtisches wohnen
14
Die grosse Rochade machte den Weg frei für die
Überbauung des östlichen Teils des Gygax-Areals. Die Bauherrschaft kaufte nicht einfach Land,
sondern realisierbare Bruttogeschossfläche. Der
eine Teil der Nutzung der Stadtinsel wurde dem
Gygax-Grundstück angerechnet und damit der
Park ermöglicht. Ähnlich wie beim Renferareal
ein Jahrzehnt zuvor stellte sich hier die Frage:
Was ist städtisches Wohnen heute? Allerdings
ist in dieser Zwischenzeit der Wohnungsbau in
Bewegung gekommen. Das Aneinanderreihen von
Zweispännern und die Fixierung auf die Familienwohnung sind verschwunden, die Wohnungsvielfalt hat zugenommen, der Aussenraum hat an
Bedeutung gewonnen. Das in doppelter Hinsicht:
Balkone oder Loggien sind grösser und brauchbarer geworden, und die Wohnumgebung hat an
Bedeutung gewonnen. Die Wohnungen auf dem
Gygax-Areal verarbeiten diese Veränderungen.
Die Punkthäuser öffnen sich in alle vier Himmelsrichtungen, und ihre Schachbrett­anordnung
erlaubt weite Durchblicke. Jedes Haus steht in
seinem Garten, ist aber mit mindestens einer
Kante an die Erschliessungswege gesetzt. Die
Dichte (AZ 1,16) ist städtisch, die Haustypologie
und die Zwischenräume hingegen sind vorstädtisch. Man will zwei Dinge gleichzeitig: in der
Stadt und doch im Grünen wohnen. Pro Geschoss
sind in der Regel drei Wohnungen angeordnet,
doch lässt der Grundriss mit innenliegendem Erschliessungskern viele verschiedene Wohnungszuschnitte zu. Die Grundrisse sind eher knapp
bemessen, man spürt die Auseinandersetzung
zwischen Wohnwunsch und der wirtschaftlichen
Machbarkeit. Stand der Planung Dezember 2008.
Das Projekt erhielt vom Kanton Bern den ersten
Preis (250 000 Franken) «ESP Wohnen» 2008.
Überbauung Gygax-areal ost
Jakob-Stämpfli-Strasse
> Bauherrschaft: Previs Personalvorsorgestiftung
Service public
> Architekten: :mlzd (Studienauftrag); :mlzd mit Rykart
Architekten (Überarbeitung): Rykart Architekten
(Gesamtplanung)
> Verfahren: Studienauftrag
> Anlagekosten (BKP 1-9): CHF 84 Mio.
14_Gygax Ost: Blick vom Park
zu den Wohnhäusern.
14_Situationsplan der Gesamtanlage mit möglichem Regelgeschoss der ganzen Anlage.
Der Park auf den drei Inseln ist nicht auf demselben Planungsstand. Links das Fussballstadion Gurzelen.
15_Im Vogelschaubild sieht man die drei Inseln, die Wohnüberbauung als Skizze und das
Swatch-Areal mit einem Gebäude, das der Fantasie des Zeichners entsprungen ist. Im Vordergrund das
Konglomerat der Omega-Fabriken. Illustration: René Giger
14_Jedes Haus steht in seinem Garten.
Drei Stadtinseln
15
Von den drei Inseln auf dem Vogelschaubild gibt
es heute nur die oberste, die beiden schüssabwärts fehlen noch, der Kanal muss erst gegraben
werden. Der Park und der durchgehende Uferweg
sind ein «städtischer Mehrwert» und ein Gewinn
für die Spaziergänger. Der Grünraum längs der
Schüss wird aufgewertet, was im Weiteren auch
flussaufwärts bis zur Taubenlochschlucht geschieht. Noch ist der Park in der Anfangsphase,
die hydraulischen Abklärungen sind im Gang.
14_Gygax-Areal: Überlegungen zur Etappierung.
15 Stadtinsel: der Park und seine Zugänge.
_
Parkprojekt Stadtinsel
> Bauherrschaft: Stadt Biel
14_Die Stellung der Bauten sorgt für Durchblick.
14_Die Studien bearbeiten das ganze Grundstück.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
18
28 /29 // übersicht
Biel von Oben
bauten und Projekte
1 _Attraktivierung der Innenstadt, Bahnhofstrasse,
Nidaugasse, 2002 Seite 16
2 _Warenhaus Manor, 2008 Seite16
3 _Media- und Kommunikationscenter, 2001 Seite 18
4 _Verlängerung Bahnhofpassage, 2001 Seite 18
5 _BFB Bildung Formation Biel-Bienne, 2007 Seite 18
6 _Umbau Coop Centre Bahnhof, 2007 Seite 18
7 _Residenz «Au Lac», 2009 Seite 18
8 _Sanierung Wohn- und Geschäftshaus Neumarkt,
1960 / 2000 Seite 20
9 _Sanierung Wohn- und Geschäftshaus Sporting,
1955 / 2000 Seite 20
10 _Überbauung Renferareal, 1999-2001 Seite 20
11 _Neubau Capitol, 2010 Seite 20
12 _Überbauung Sabag-Areal, 2009 Seite 20
13 _Schüsspark, Wohnüberbauungen und Alters- und
Pflegeheim, 2002-2008 Seite 20
14 _Überbauung Gygax-Areal Ost Seite 26
15 _Parkprojekt Stadtinsel Seite 26
16 _Obere Schüsspromenade, 2012 Seite 35
17 _Wohnüberbauung und Ufergestaltung
Beau Rivage, 2011 ausserhalb des Plans, Seite 35
18 _Neubau der Uhrenfabrik Rolex, 2012 Seite 36
19 _Stades de Bienne, 2012 Seite 38
20 _Umbau Bahnhof, 2011, und Neugestaltung Bahnhof platz, in Planung Seite 39
21 _Planung Taubenloch Seite 40
22 _Betriebsgebäude mit Restaurant, 2002, und
Platz am See, in Planung Seite 40
23 _Sporthalle Esplanade, 2009 Seite 40
24 _Offener Projektwettbewerb zentrales
Verwaltungsgebäude Seite 44
25 _Vision Seestadt (Agglolac), in Planung, gemeinsam mit der Stadt Nidau Seiten 50-55
Bözingenfeld
25
9
19
21
Bözingen
10
Leubringen
14
Mett
Luftaufnahme: Vermessung Stadt Biel
15
10
16
Altstadt
1
8
Orpund
9
5
1
13
1
6
4
17
Bielersee
12
20
3
4
7
22
Centre Pasquart, 1999 5
Für Biels Kunsthalle haben Diener + Diener einen
graugrünen Kubus neben das ehemalige Spital gesetzt,
der raffiniert die Niveaus des Alt- und Neubaus
ver­bindet und eine sparsame Erschliessung ermöglicht. Der Salle Poma, genannt nach dem Uhren­
industriellen, dessen Legat das PasquArt ermöglichte,
ist schlicht der schönste Oberlichtsaal der Schweiz.
> Seevorstadt 71
Madretsch
3
7
5
6
2
25
11
Brügg
Zihl
Nidau
-Büre
n-Ka
nal
Gymnasien Strandboden, 1980 3
Die Anlage gehorcht von der kreuzförmigen Anordnung
der Baukörper bis ins Detail der Disziplin der So­lothurner Schule. Gegen den See gelegen das franzö­si­
sche Gymnasium, gegen die Stadt das deutsche, in der
Mitte die gemeinschaftlichen Spezialräume, die
Turn­hallen jenseits der Schüss. Die Aufteilung spiegelt
das zweisprachige Biel. Architekt war Max Schlup.
> Ländtestrasse 8
Volkshaus, 1932 4
Das Volkshaus ist die bauliche Manifestation des
Roten Biel. Eduard Lanz hat es sehr effektvoll in den
spitzen Winkel eines Strassenblocks gesetzt und
den Treppenturm zum Merkpunkt in der Stadt gemacht.
Der Knick in der Bahnhofstrasse wird gleichzeitig
betont und entschärft. Heute befindet sich das Konservatorium für Musik im Volkshaus.
> Bahnhofstrasse 11
23
24
Strandbad, 1929-32 2
Das Strandbad mit seiner Sichel des Sandstrands und
dem kubischen Kopfbau war eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme des Roten Biel. Das Bad übernimmt
den Massstab der Landschaft. Der Entwurf stammt
vom Stadtarchitekten Ernst Berger, Joliat Suter und
GLS haben das Ensemble nach der Expo muster­gültig renoviert.
> Uferweg 40, Nidau
8
2
11
Elf ausgewählte Perlen der Architektur
Stadtkirche, 1457 1
Die evangelisch-reformierte Hauptkirche der Stadt.
Die Grundsteinlegung der heutigen, dem heiligen
Benedikt von Nursia geweihten Kirche, erfolgte im
Jahr 1451, sechs Jahre später wurde sie ein­geweiht. Vorher gab es einen romanischen und einen
gotischen Vorgängerbau. Das Gewicht der Glo­cken brachte 1481 den Turm zum Einsturz, der wieder
aufgebaut wurde. Einführung der Reformation 1526.
1797 wird die Kirche von der französischen Regierung
(Biel gehörte damals kurz zu Frankreich) zum
Abbruch ausgeschrieben, worauf sie sechzig Bieler
Bürger kauften und die Gefahr abwendeten. Reno­
vationen fanden statt in den Jahren 1864, 1883, 1909,
1944, diesmal durch Eduard Lanz, den Architekten
des Volkshauses, Konsolidierung 1968.
Die gotische Kirche mit basilikalem Querschnitt steht
auf einer Plattform, die gegen die Untergasse
mit einer mächtigen Mauer eingefasst ist. Auf der so
entstandenen Terrasse stehen Kastanienbäume
von eindrücklicher Grösse.
Die Stadtkirche steht hier stellvertretend für die
Altstadt, die drei sehenswerte Stadträume hat: Burg,
Ring und Obergasse. Den Engelbrunnen in der
Obergasse sollte man unbedingt besichtigen, der
Kampf des Guten mit dem Bösen ist sehenswert.
> Ring
Kongresshaus, 1966 6
Der Leitbau der Zukunftsstadt ist eine überraschende
Kombination von Kultur und Sportnutzung. Die
Konzertbesucherin in der Robe trifft durch die Glasscheibe den Schwimmer in der Badehose. Das
Hängedach und die Hochhausscheibe verkörpern Biels
Willen zur Modernität. Das Kongresshaus ist das Meis­terwerk des Architekten Max Schlup. Rolf Mühlethaler
hat es 2002 renoviert.
> Zentralstrasse 60
Kirche Sankt Niklaus von der Flüe, 1958 7
Das Werk des Architekten Hermann Baur ist diagonal
ins knappe Grundstück gesetzt, was einen Vorplatz
offenlässt, der mit einem riesigen Betongitter gegen
die Strasse abgeschlossen ist. Es ist eine Wegkirche, man steigt zum Eingang hinauf und zum Altar
wieder hinunter. Die Lichtführung ist besonders
dramatisch.
> Alfred-Aebi-Strasse 86
Seminar Linde, 1975 8
Das ehemalige Seminar ist heute ein Gymnasium und
steht in malerischer Hanglage am Waldrand. Auf einem
grossen Sockel, der die Spezialräume beherbergt,
stehen die drei Kuben der Schulräume. Alain G. Tschumi
und Pierre Benoit haben hier eine intelligente
Schnittlösung gefunden, die ein zu grosses Programm
auf einem zu kleinen Grundstück ermöglichte.
> Scheibenweg 45
Erweiterungsbau Holzfachschule, 1999 9
Das Gebäude ist eine Demonstration. Hier führen
Meili + Peter vor, was Holz im Hochbau kann. Um einen
Betonkern, der die Erschliessung besorgt, sind
schulzimmergrosse Holzkästen aufgereiht. Dazwischen
bleiben Lücken offen, die die Belichtung ermöglichen.
Die Schule, die Ingenieure des Holzbaus ausbildet, hat
ein entsprechendes Schulhaus.
> Solothurnstrasse 102
Juragarage, 1929 10
Als die Garage gebaut wurde, war Autofahren noch ein
Privileg der Reichen. Die Architekten Molari + Wick
schufen ein schnelles Gebäude, das die Kurve, in der
es steht, mit Schwung nimmt. An den kleiner werdenden Fenstern ist ablesbar, was dahinter geschieht:
Werkstatt, Büro, Wohnungen. Die Tankstelle ist ein
späterer Anbau.
> Adam-Göuffi-Strasse 18
Siedlung Rainpark, 1970 11
Die Siedlung hat zwei sehr verschiedene Baukörper:
eine Scheibe und einen Teppich. Vor dem Waldrand
steht die Wohnscheibe mit Maisonettes davor, im Hang
der Teppich mit den Reihenhäusern. Die Ostwand
der Scheibe ist die schönste Fassade des Ateliers 5.
> Rainpark 1–16, Brügg
Bieler Bücher
Diese Bücherliste enthält nur Werke, die für das
Sonderheft zurate gezogen wurden.
Alles hat seine Zeit
Urs Karpf, Roman, Zytglogge Verlag, Bern 1993.
Eine Familiensaga aus Biels Uhrenindustrie.
Architekturführer Biel
Hochparterre Verlag, Zürich 2005.
Biel — Architektur von oben und
ganz nah / Bienne — Architecture vue d’en haut
et de tout près
Architekturforum Biel / Forum de l’architecture
de Bienne (Hg), Presses et universitaires romandes,
Lausanne 1999. Ein Flugbild in Streifen und eine
städtebauliche Kurzgeschichte.
Biel / Bienne, Neue Horizonte, bekannte
Traditionen
Daniel Gaberell (Hg), Verlag herausgeber.ch,
ohne Ort 2007. Bildband der Fotografen
Heini Stucki und Valérie Chételat mit Textbeiträgen
verschiedener Autoren.
Biel, Stadtgeschichtliches Lexikon
Werner Bourquin und Marcus Bourquin, Büro Cortesi
(Hg), Biel 2008. Die beiden ehemaligen Stadtarchivare,
Vater und Sohn, legen ihre Ernte vor.
Biel-Veränderungen
Daniel Andres, Eigenverlag 1978. Ein detaillierter
Überblick über die bauliche Entwicklung der Stadt
Biel mit brauchbaren Plänen und Bildern.
Biel Zusammenhängende Grundrissaufnahme
Margareta Peters, Jürg Reber, Christian Sumi am
Lehrstuhl für Geschichte des Städtebaus,
Prof. Paul Hofer, ETH Zürich, 1979. Die Altstadt wird
phänomenologisch durchleuchtet.
Bilder einer Stadt: Biel um 1500
Jörg Müller und Margrit Wick-Werder, Museum Schwab,
Biel (Hg), Schulbuchverlag blmv, Bern 2008.
Kommentierte Darstellung eines Bildes von Jörg Müller.
Bilder einer Stadt. Einblicke in fünf
Jahrhunderte Geschichte der Stadt Biel
Margrit Wick-Werder, Museum Schwab (Hg),
Schulbuchverlag blmv, Bern 2008. Dichte Zusammenfassung der Stadtgeschichte bis 1798.
Robert Walser in Biel
Donato Cermusoni und Lucas Märki (Hg), Nibus Kunst
und Bücher, Wädenswil 2002. Kassette mit Texten
von und zu Walser, ergänzt durch einen Stadtplan und
DVD, erschienen zur Einweihung des Robert-WalserPlatzes.
150 Jahre Bieler Stadtplanung, 1850–2000.
von Visionen und Realisierbarem
Urs Külling, Typoskript im Auftrag der städtischen
Baudirektion, Biel 2003. Eine Auslegeordnung
der Bildquellen mit einer sorgfältigen Chronologie.
Zeitschnitte: Biel von 1800 bis 2008
1800: Die Fläche der Stadt entspricht noch derjenigen von 1350. Biel hat rund
2000 Einwohner. Vingelz, Madretsch, Mett und Bözingen sind noch kleine Bauerndörfer.
Nidau ist eine Wasserstadt, liegt am strategisch richtigen Ort, wo die Stadt den
See­-ausgang sperrt. Die Schüss mäandriert in der Ebene. Am Nordufer gibt es noch
keine durchgehende Strasse nach Neuenburg.
1857: Die Ausdehnung ist noch dieselbe, doch unterdessen wohnen rund 5900 Ein­wohner in Biel, die durch Verdichtung Platz finden. Die Central Bahn verbindet
seit 1857 Biel mit Herzogenbuchsee und mit dem Rest der Welt. Eine Stichbahn fährt
zum See, von wo man mit dem Schiff nach Neuenburg weiterfahren kann. Die Land­strasse nach Bern wurde ausgebaut, 1827 der Schüsskanal erstellt.
1890: Die erste Juragewässerkorrektion 1886–91 mit dem Nidau-Büren-Kanal
ver­änderte die Uferlinie, der See wurde kleiner, Nidau ist eine Binnenstadt und die Zihl
ein Rinnsal. Mit dem Bau der Linie Biel-Lyss-Bern wurde der Bahnhof 1864 zum
ersten Mal nach Süden verschoben. Nach Neuenburg fährt die Eisenbahn seit 1860
und seit 1874 in den Jura. Die Stadt ist angeschwollen und hat 16 000 Einwohner.
1925: Die Standseilbahnen 1897 nach Magglingen und 1898 nach Evilard erschlies­
sen den Jurahang, die Biel-Täuffelen-Ins-Bahn fährt ab 1916 ans rechte See­ufer.
Der Bahnhof wurde 1923 ein zweites Mal nach Süden verlegt. Seither schnei­det der
Bahndamm die Stadt vom See ab. Vingelz, Madretsch, Mett und Bözin­gen sind ein­gemeindet. Das vergrösserte Biel hat nun rund 35 000 Einwohner.
1938: Biel hat rund 41 000 Einwohner und ist mit den Vororten zusammengewachsen. Nidau und Biel gehören bereits zum gleichen Stadtgefüge. Trotzdem gibt es
noch viele Baulücken. Im Süden und Nidau gegenüber entstand ein Gürtel von Ein­f­amilienhäusern nach dem Muster der Gartenstadt. Noch ist der Nidau-Büren-Kanal
eine scharfe Grenze zwischen Stadt und Land. Das Bözingenfeld ist leer.
1965: Die Stadt wächst durch Verdichtung und am Rand, vor allem im Südosten,
wo zeittypische «grands ensembles» entstanden. Nach Bern gibt es seit 1956
ein Stück Autobahn, das mitten durch die Überbauung Weidteile mit Scheibenhochhäusern führt. Das Grundstück des Kongresshauses ist noch leer. Im Bözingen­feld entste­hen die ersten Industriebauten. Biel hat rund 60 000 Einwohner.
1982: Eine neue Brücke überquert seit 1975 den Nidau-Büren-Kanal, der keine
Bebauungsgrenze mehr ist. Biel ist zum Kern seiner Agglomeration geworden. Rund
51 893 Menschen wohnen in der Stadt. Die Überbauung des Bözingenfelds ist
im Gang. Auch die Landwirtschaft hat sich im Lauf der Zeit verändert: Der Wald am
Jurahang hat in den letzten hundert Jahren zugenommen.
2008: Seit der Expo.02 ist die Autobahn A5 nach Solothurn in Betrieb, der Ostast
ist im Bau, die Fortsetzung Richtung Neuenburg umstritten, der Anschluss in den Jura
erreicht. Im Zentrum ist die Lücke des Gaswerkareals erkennbar. Das Ren­ferareal
ist überbaut, ebenso Teile des Bözingenfelds. Der neue Bootshafen und das renovierte
Strandbad haben die Uferlinie verändert. Biel hat rund 50 500 Einwohner.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
1_Bevölkerungsentwicklung
30 /31 // Immobilienmarkt
Frühlingserwachen Noch ist Wohnen
günstig. Doch mit der anziehenden
Bautätigkeit steigen der Wohnstandard
und das Preisniveau.
Text: Meta Lehmann*
Biels Zentrum liegt gut einen Kilometer vom Wasser entfernt. Daher ist es kein Wunder, dass die
Seepromenade kurz ist und Villen mit Seeanstoss
selten sind. Möglicherweise trägt gerade das Fehlen der teuren Wohnlagen dazu bei, dass in Biel
das Wohnen günstig ist. Doch die Stadt hat sich
zu neuen Ufern aufgemacht. Diese Entwicklung
wird auch die Immobilienpreise beeinflussen.
Günstig Wohnen Der Wohnungsbestand
von Biel ist beinahe grossstädtisch geprägt.
77 Prozent der Wohneinheiten sind Mietwohnungen. Zum Vergleich: In den fünf Schweizer Grossstädten Zürich, Genf, Basel, Bern und Lausanne
bewegt sich der Mietwohnungsanteil zwischen
79 und 84 Prozent. In Biel dominieren die 3- und
3,5-Zimmer-Einheiten, die rund 40 Prozent des
Wohnungsbestands ausmachen.
Eine 4,5-Zimmer-Wohnung kostet in Biel durchschnittlich rund 1300 Franken pro Monat. Das
sind 20 Prozent weniger, als eine vergleichbare
Wohnung in der Stadt Bern kostet. Bieler Mietwohnungen sind auch günstiger als im Schweizer Durchschnitt. Doch sind die Preise in Biel
seit 2005 um 8 Prozent gestiegen, schweizweit
hingegen stagnierten sie.
Wohneigentum ist ebenfalls billig. Die Preise
der Eigentumswohnungen stiegen in Biel in den
letzten Jahren weniger als im Landesdurchschnitt. Der Quadratmeter wird im Mittel für
4000 Franken angeboten gegenüber 4950 Franken im Schweizer Durchschnitt. Die exklusiven
Wohnlagen sind rar, die andernorts in der letzten
Zeit den grössten Preisschub erlebt haben. Die
teuersten Lagen Biels befinden sich in Vingelz.
Die Erklärung dafür heisst Seesicht. Am günstigsten wohnt es sich in Mett , wie eine Modellrechnung von Wüest & Partner zeigt. Dass die See­sicht im Seeland trotzdem begehrt ist, zeigt sich
ausserhalb der Stadt. In den Seegemeinden im
Westen ist das Wohneigentum deutlich teurer als
in der Stadt selbst. In Mörigen am Rand der Agglomeration wird der Quadratmeter Wohnfläche
für 6900 Franken angeboten.
Die Wohnbautätigkeit nimmt zu Das be­scheidene Preisniveau hat auch damit zu tun,
dass relativ wenig Neuwohnungen auf dem Markt
sind. Seit 1998 wurden jährlich rund 130 Wohnungen erstellt. Das entspricht einem halben
Prozent des Wohnungsbestands. In der gleichen
Zeit betrug die Wohnbautätigkeit schweizweit
jährlich 0,9 Prozent des Bestandes. Doch die
Wohnbautätigkeit nimmt zu. In den Jahren 2007
und 2008 wurden zusammen rund 800 Wohnungen bewilligt. Der Markt belebt sich. Auch in der
Agglomeration werden mehr Wohnungen gebaut.
Die Anzahl der Baubewilligungen ist auch hier in
den letzten zwei Jahren deutlich gestiegen.
Im Vergleich mit den elf grössten Schweizer
Städten ab 40 000 Einwohnern — Zürich, Genf,
Basel, Bern, Lausanne, Winterthur, St. Gallen, Luzern, Lugano, Biel und Thun — liegt die Wohnbautätigkeit von Biel im Mittelfeld. In Winterthur und
Thun wurde in den letzten zehn Jahren deutlich
mehr gebaut. In Basel, Bern und Genf kamen verhältnismässig weniger Neubauwohnungen auf
den Markt. In der Stadt Biel konzentrierte sich
der Wohnungsbau im erwähnten Zeitraum auf
4-Zimmer-Wohnungen mit rund 45 Prozent aller
Neubauten, gefolgt von 25 Prozent 5-ZimmerWohnungen. In der Agglome­ration hingegen sind
die 5-Zimmer-Wohnungen mit 36 Prozent aller
Neubauten stärker vertreten.
Eine Verjüngung stünde dem Bieler Wohnungsbestand gut an. 45 Prozent der Wohnungen in
der Stadt stammen aus den Nachkriegsjahren
von 1945 bis 1970. Dies war die Zeit des Massenwohnungsbaus. Es galt, möglichst effizient
Wohnraum zu schaffen. Die Küchen sind klein,
die Zimmer knapp bemessen. Die Wohnungen
entsprechen nicht mehr den heutigen Qualitätsansprüchen. Das spiegelt sich in den Leerstandsziffern. Im Sommer 2009 standen 1,7 Prozent der
Bieler Wohnungen leer, der Schweizer Schnitt
be­trägt 0,9 Prozent. Es sind fast ausschliesslich
Mietwohnungen, vor allem Kleinwohnungen mit
nur einem oder zwei Zimmern, die leer bleiben.
Hier sind die Wohnungseigentümer aufgerufen, in
die Qualität des Bestands zu investieren, um ihr
Angebot attraktiv zu halten.
Der GeschäftsflächenTeil stag­niert Büros belegen in Biel rund 230 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche oder 4,5 Quadratmeter
pro Einwohner. Das ist wenig im Vergleich mit
den 6,4 Quadratmetern pro Person im Schweizer
Durchschnitt. In den letzten Jahren wurde nur
durchschnittlich in Geschäftsflächen investiert.
Einzig bei den Verkaufsflächen bewegten sich die
Pro-Kopf-Investitionen über dem Schweizer Mittel. Mit der Erweiterung des Rolex-Firmensitzes
im Bözingenfeld wird sich das statistische Bild
ändern. Ob damit eine Trendwende eingeläutet
wird, muss sich erst weisen.
110
108
106
104
102
100
98
19981999200020012002200320042005200620072008
1_Bevölkerungsentwicklung (Index 100 = 1998)
_Biel
_Agglomeration Biel
_Kanton Bern
_Schweiz
Quelle: ESPOP BFS
2_Preisentwicklung (Index 100 = 2005)
_Mietwohnungspreise Biel
_Mietwohnungspreise Schweiz
_Eigentumswohnungspreise Biel
_Eigentumswohnungspreise Schweiz
_Büropreise Biel
_Büropreise Schweiz
Quelle: Immo-Monitoring Wüest & Partner
3_Gesunder Finanzhaushalt
_Eigenkapital in CHF Mio.
_Ungedeckte Schulden pro Einwohner in CHF
Quelle: Stadt Biel
4_Durchschnittliches Reineinkommen pro Kopf
_bis CHF 30 000.–
_CHF 30 000.– bis CHF 35 000.–
_CHF 35 000.– bis CHF 40 000.–
_CHF 40 000.– bis CHF 45 000.–
_ab CHF 45 000.–
Quelle: AZ-Direct / IHA-GfK AG, Bearbeitung Wüest & Partner
5_preise pro m² für Wohneigentum
_bis CHF 3600.–
_CHF 3600.– bis CHF 4100.–
_CHF 4100.– bis CHF 4600.–
_CHF 4600.– bis CHF 5100.–
_ab CHF 5100.–
Quelle: Immo-Monitoring Wüest & Partner
2_Preisentwicklung
115
110
105
100
95
Im Marktrating von Wüest & Partner wird Biel bei
der Standortqualität und dem Investitionsrisiko
für Büroimmobilien mit der Note «sehr gut»
be­wertet. Dies entspricht dem Wert 2 auf einer
Skala von 1 bis 10 (exzellent bis sehr schlecht).
Negativ in der Bewertung wirken sich die Preisentwicklung und das Preisniveau aus. Die Preise
der angebotenen Büroflächen sind in den letzten
Jahren gesunken. Zurzeit werden Büroflächen
rund 20 Prozent günstiger ausgeschrieben als im
Landesmittel. Als exzellent beurteilt werden hingegen die Infrastruktur und die Erreichbarkeit
der Stadt. Dabei profitiert Biel von den schnellen
und häufigen Zugverbindungen unter anderem
nach Zürich, Bern und Lausanne und von der Anbindung ans Nationalstrassennetz.
Für die Investitionen in die Mietwohnungen wie in
das Wohneigentum wird der Markt mit der Note 3
als «gut» beurteilt. Beim Wohneigentum wirkt
sich die relativ hohe Steuerbelastung von natürlichen Personen negativ auf das Rating aus.
Die Jungen kommen In den 21 Gemeinden
der Agglomeration Biel leben 92 000 Menschen.
54 Prozent davon, rund 50 000, wohnen in der
Stadt Biel. Nidau, am See, ist mit 6700 Einwoh 3_Gesunder Finanzhaushalt
nern die zweitgrösste Gemeinde der Agglome60006000
60.00 60
ration. In den Neunzigerjahren hatte Biel rund
50.00 50
50005000
3 Prozent seiner Wohnbevölkerung verloren. Doch
40.00 40
40004000
seit dem Jahr 2001 wachsen Biel und die Agglo30.00 30
meration wieder. Im Vergleich mit den Städten
30003000
20.00 20
ab 40 000 Einwohnern wuchs Biel in den letzten
10.00 10
20002000
zehn Jahren mit 4 Prozent gleich stark wie Genf
0.00 0
10001000
und Luzern. Winterthur schwingt mit plus 10 Pro-10.00 -10
0 0
-20.00 -20
zent oben aus, während in Basel und Bern die
1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008
98 99 00 01 02 03 04 05 06 07 08
Bevölkerungszahl stagnierte.
In Biel leben viele Pensionierte, hingegen ist der
Anteil der Kinder tiefer als im Schweizer Schnitt.
Interessant zu beobachten ist die Entwicklung
der Altersstruktur in den letzten zehn Jahren.
Zugezogen sind vor allem 45- bis 54-Jährige. Oft
haben diese Menschen halbwüchsige Kinder mitgebracht. Denn im gleichen Zeitraum wuchs die
Altersklasse der 15- bis 25-Jährigen absolut und
relativ am meisten. Wer am Samstagnachmittag
durch Biel schlendert, braucht für die Bestätigung dieser These keine Statistik. Viel junges
Volk belebt die Nidaugasse. Bei warmem Wetter
4_Durchschnittliches
herrscht in den Cafés auf der Bahnhofstrasse
Reineinkommen pro Kopf
reger Betrieb. Die Bielerinnen und Bieler haben
die Strasse zurückerobert, nachdem sie für den
Privatverkehr gesperrt wurde.
In Biel ist der Anteil der einkommensstarken
Haushalte deutlich geringer als im Landesdurchschnitt. Als einkommensstark gelten akademische Berufe, Kaderangestellte und das Management. Entsprechend tief ist das Reineinkommen
der Bevölkerung. Pro Kopf stehen den Bielerinnen
und Bielern 27 000 Franken jährlich zur Verfügung.
Der Schweizer Schnitt liegt bei 32 000 Franken.
Die Karte zeigt, dass in der Mehrheit der Agglomerationsgemeinden das Reineinkommen pro
Einwohner unter dem Landesschnitt liegt. Eine
2005
2006
2007
2008
2009
5_Preise pro m² für Wohneigentum
gewisse Aufwärtsbewegung dürfte die sich verstärkende Wohnbautätigkeit bringen. Neubauwohnungen ziehen erfahrungsgemäss Haushalte
aus höheren Einkommensschichten an.
Die Uhrenindustrie prägt das Stadtbild von Biel.
Weithin sichtbar thront das Rolex-Krönchen über
der Altstadt. An zahlreichen Fassaden prangen
Namen wie «Omega» und anderer Uhrenmarken. Doch die Wirtschaft von Biel hat sich in
den letzten Jahren stark diversifiziert. Die Zahl
der Beschäftigten stagnierte zwar zwischen 1995
und 2005, aber die Ruhe täuscht. Während der
Industriesektor Beschäftigte verlor, legten die
Dienstleistungen zu. Dort sind es vor allem die
Informatik, allgemeine Dienstleistungen für Unternehmen und das Gesundheits- und Sozial­
wesen, die zum Be­schäftigungswachstum beitragen. Und Industrie ist nicht gleich Industrie:
In der Branche «Herstellung von medizinischen
und optischen Gerä­ten und Uhren», dem Bieler Kerngeschäft, arbeiteten im Jahr 2005 zwölf
Prozent mehr Menschen als 1995.
Biels Wirtschaft lebt, ebenso die Stadtentwicklung. An der Schüss und ihren Nebenarmen wird
sich noch einiges verändern. Das Juraflüsschen
wird dem See weiterhin viel Neues berichten
können von seinem kurzen Lauf zwischen der
Taubenlochschlucht und der Mündung. *Meta Lehmann ist Germanistin und arbeitet bei Wüest & Partner Zürich.
Biel in Zahlen
> Stadtfläche: 21,21 km²
> Höhenlage: 437 bis 875 Meter ü. M. (Bundesamt
für Sport, Magglingen, auf Gebiet der Stadt Biel)
> Bevölkerung: rund 52 000 (31. 12. 2009)
> Einzugsgebiet: rund 150 000 Einwohnerinnen und
Einwohner
> Amtssprachen: Deutsch und Französisch,
wobei 60,7 Prozent deutsch und 39,3 Prozent
französisch sprechen
> Grösste zweisprachige Stadt der Schweiz
> Zehntgrösste Gemeinde der Schweiz
> Zentrum der Region Drei-Seen-Land / Jura
> Erreichbarkeit von vier internationalen Flughäfen
aus innert 90 Minuten
_
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
3 2 /33 32
«Ich stieg in die Stadt hinab, wo
gros­ser Markttag war und die Händler
mit starker Lebhaftigkeit ihre Ware
feil­boten; durch das Gewimmel kam ich
in eine enge Hintergasse, es stehen
da Ställe, Handwerksbuden.»
Robert Walser: Tagebuchblatt
«Die Industrie blühte damals wie eine
feurige Pflanze auf und gestattete
ein leichtes, gedankenloses Leben, viel
Geld wurde verdient, viel ausgegeben.»
Robert Walser: Geschwister Tanner
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
Ein dichtes Stück Stadt
34/35 //was Demnächst geschieht
Sabag
SAP
Diametal
von Roll
Ramseier & Jenzer
Flugplatz 1927 – 63
BFH-AHB
Camion Rep
Eisstadion
Vereinigte Drahtwerke
EZM Biennaform
Cendres & Métaux
RMB
Vereinigte Drahtwerke
Union AG Kettenfabrik
Ofenfabrik Kohler
Aiguilla
ESB
Gartencenter Wyss
Vereinigte Drahtwerke
1938
Obere Schüsspromenade, 2012
Freiestrasse 1–15, Gerbergasse 2–8
> Bauherrschaft: Immobilien-Anlagestiftung Turidomus
AG und HRS Real Estate AG
> Architekten: GLS Architekten
Private Public Partnership Ein lehrreiches Beispiel, wie die Stadt Entwicklungspolitik
betreibt, ist das Stadion. Der Stolz der Stadt ist
der Eishockey Club Biel, seit zwei Jahren wieder
in der Nationalliga A. Die Halle, in der er spielt,
ist allerdings am Zusammenbrechen. Ein Neubau
tut not. Das Stadion Gurzelen der Fussballclubs,
zurzeit in der Challenge League, ist zwar morsch,
aber noch bespielbar. Das war die Lage.
Geld allerdings hatte die Stadt keines. Ein Grund­stück im Bözingenfeld hingegen schon. Das Zau­
berwort hiess diesmal PPP, Private Public Part­
nership. Im Mai 2007 wurde der Totalunternehmerwettbewerb entschieden: HRS gewinnt. Das
Muster ist bekannt: Mantelnutzung, unten Kommerz, oben Sport. Die Stadt sorgt für die Umzonung und gibt das Land im Baurecht ab. Der Totalunternehmer baut den ganzen Komplex und
überlässt anschliessend den Sportteil der Stadt
zur Nutzung. HRS zahlt einen Baurechtszins von
1,7 Millionen Franken im Jahr und vermietet in
eigener Regie die Kommerzflächen. Im Grunde
genommen verbilligt der Mehrwert die Sport­
anlagen für die Stadt von 78 auf 35 Millionen
Franken. Das Stimmvolk hat diesen Handel mit
78 Prozent Ja-Stimmen abgesegnet.
Prodega
Lechmann
Hirsch Metallbau
Amidro
Posalux
Hornbach
Stadler Stahlguss
Gewerbepark
GE Fanuc
SAP
Rolex
Harting
Coop & Jumbo
Diametal
Sabag
Ceratizit
mps
BFH-AHB
Swiss Tennis
Zeughaus
EZM Biennaform
Gewerbepark ERE
Bien-Air
DT Swiss
Verkehrsbetriebe
1984
Fonderie
Grünig-Dutoit
Kauer Möbel
Kran Hag
Feldschlösschen
An schönster Lage
Cendres & Métaux
Gewerbepark Eckweg
Sabag
Post
Doniar
Gassmann
Halter
Abatrag
Sputnik
Swatch Group
Hardinge
Posalux
DT Swiss
Steg
Hartmann
Camion Rep
2009
16_Obere Schüsspromenade: Der Schnitt zeigt,
worum es auch geht: die Tiefgarage.
16_Ein Stück Stadt zwischen der
Altstadt und dem Blockrand.
16_Grundriss Hochparterre. Der Schüsskanal in
der Gerbergasse wird freigelegt.
16_Grundriss erstes
Obergeschoss:
Zwei Höfe sorgen für
Ruhe und Licht.
17
Bis vor Kurzem standen hier das stadtbekannte
Restaurant Beau Rivage und ein Wohnhaus. Beide
werden durch drei Wohnbauten mit Seesicht ersetzt. Zuvor war 2003 ein Wettbewerb für ein Seeund Kongresshotel durchgeführt worden, das den
Westeingang zur Stadt verdeutlichte, aber keine
Investoren fand. Einen Neustart setzen 2008 zwei
Wettbewerbe, für die Bauten einer, für das Ufer
der andere. Die Stadt und die Privaten arbeiten zusammen, und durch einen Landabtausch
gelang es, die verschiedenen Interessen auszugleichen. Die Bootsplätze werden verschoben,
ein kleiner Hafen mit 47 Plätzen gebaut und ein
durchgehender Uferweg ermöglicht. Das Projekt
ist zurzeit im Baubewilligungsverfahren.
Wohnüberbauung und Ufergestaltung
Beau Rivage, 2011
> Neuenburgstrasse 122–126
> Bauherrschaft: Beaurivage AG, Stadt Biel
> Architekten Wohnhäuser: bauzeit architekten, bbz
Landschaftsarchitekten
> Landschaftsarchitekt öffentlicher Teil: Hüsler
Associés
Kauer Möbel
Kran Hag
Feldschlösschen
Text: Benedikt Loderer
Östlich der Stadt liegt das einstige Bauern- und
Strassendorf Bözingen. Doch hier begann die Industrialisierung schon früh, die Drahtwerke und
andere nutzten die Wasserkraft der Taubenlochschlucht. Im Süden entstand durch die Verkehrsgunst des Bahnhofs Mett ein kleines Industriegebiet. Dazwischen und nach Osten dehnte sich
das Bözingenfeld aus, auf dessen Leere der Flugplatz Biel Platz fand. Die Stadt hatte bereits 1927
Land gekauft, und ein Jahr später landeten die
ersten Kursmaschinen auf ihrem Flug von Zürich
nach Lausanne auch in Biel. Doch noch vor dem
Krieg wurde der Zwischenstopp nach Bern-Belp
verlegt: In Biel gabs zu wenig Passagiere.
Das Ende der Fliegerei war der Beginn der Industrialisierung im Bözingenfeld. Die Stadt hatte
in all den Jahren konsequent Land gekauft, eine
Anschaffung für die Zukunft. Denn im Bözingenfeld lag und liegt die grosse Baulandreserve für
die Bieler Industrie, hier gab es Grundstücke von
ausreichender Grösse und für Realersatz. Die
Wirtschaftsgeschichte Biels kann hier zu Fuss
auf einer Stadtwanderung entdeckt werden. Der
Start war im Jahre 1938, 1984 kam ein Zwischenhalt, und 2009 sind wir angekommen.
Giesserei Hägi
Post
Grünig-Dutoit
Im Bau und Die Wirtschaft wächst.
Geplant
Vor allem im Bözingenfeld,
wo die Stadt Land für Aussiedler und
Zuzüger anbietet.
16
Bis in die Neunzigerjahre druckte hier die Gassmann AG Biels Zeitungen. Das Areal wurde der
Neumarktshopping AG verkauft, die im Dezember
1990 einen Ideenwettbewerb durchführte. Dieser bildet die Grundlage des heute noch gültigen
Gestaltungsplans. Allerdings ging die Neumarktshopping im Immobiliencrash der Neunzigerjah­
re unter, und das Grundstück blieb fast ein Jahrzehnt lang eine Brache. Die Stadt Biel kaufte es
aus der Konkursmasse, um es später an den Totalunternehmer HRS weiterzugeben. Grund dafür
waren nicht die 86 Wohnungen, sondern die 289
unterirdischen Parkplätze.
Das Projekt mit einer hohen Dichte von 2,3 nimmt
die Forderung nach innenstädtischer Verdichtung
ernst und reagiert auf den Lärm des Verkehrskanals durch die Stadt. Entstanden ist eine auf
zwei Höfe ausgerichtete, dichte Bebauung, die
der Strasse den Rücken kehrt. Der neue Block
bildet ein städtebauliches Scharnier zwischen
der Riemenparzellierung der Altstadt und dem
Blockrand der Gründerzeit.
Ein Arm der Schüss fliesst heute in einem unterirdischen Kanal, der Fluss wird wieder sichtbar
werden und durch eine Wohnstrasse fliessen. Es
entsteht ein nach innen gerichtetes Stück Stadt,
die den Beweis antritt, dass trotz hoher Dichte
zeitgemässes Wohnen mitten in der Stadt möglich ist. Die erste Etappe ist zur Zeit im Bau,
nachdem vorher umfangreiche archäologische
Untersuchungen durch­geführt wur­den.
17_Beau Rivage: Die Strasse
ist zwei Geschosse höher als
der Garten zum See.
17_Vogelschau der neuen
Anlage mit Liegewiese,
Badestrand und Bootshafen.
Illustration: René Giger
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
36 /37 //was Demnächst geschieht
Rolex und Biel sind eins
18
Rolex ist keine Uhrenmarke, sondern ein Mythos.
Die Krone auf der Krone ist ein Ausweis, wer
eine solche Uhr trägt, weist sich aus: Er oder sie
gehört zu den Entscheidungsträgern. Begonnen
hat alles 1878, als Marie und Jean Aegler sich
in Biel als Uhrenmacher selbstständig machten.
Sie produzierten präzise Damenuhren. Die Söhne
Hermann und Hans übernahmen das Geschäft
und stellten als Erste Damenarmbanduhren mit
Ankerhemmungen in Serienfabrikation her. Seither gilt: Rolex ist die Armbanduhr. Die Uhrmacher Aegler arbeiteten mit der im Jahre 1905
in London gegründeten Firma Wilsdorf & Davis
zusammen, der späteren Rolex Watch Company.
Die hohen englischen Einfuhrzölle zwangen zur
Auslagerung. Seit 1919 ist der Hauptsitz der Rolex SA in Genf, in Biel ist die Manufacture des
Montres Rolex SA zu Hause. Rolex schrieb mit
dem Modell «Oyster», der ersten wasserdichten Armbanduhr, 1926 Uhrenmachergeschichte,
ebenso mit der «Rolex Perpetual».
Verschwiegenheit umgibt das Unternehmen, Umsatzzahlen und Ergebnisse bleiben Geschäftsgeheimnis. Der alte Standort am Hang über der
Stadt wird 2003 verlassen, denn schon 1994 hatte die Firma ein neues Fabrikationsgebäude im
Bözingenfeld be­zogen. Im Jahr 2004 übernimmt
Rolex Genf ihren Bieler Uhrwerkshersteller, der
dem Grundsatz der Manufaktur treu bleibt, das
heisst: alles selber machen. Rolex ist der Rolls
Royce der Uhrenindustrie.
18_Neubau der Manufacture des Montres Rolex SA.
Blick über das Dach hinweg zum Jura, links das Betriebsrestaurant.
18_Vogelschau über den Komplex mit Blick Richtung Biel.
Rolex IM Bözingenfeld Selbst Bundesrätin Doris Leuthard ist zur Grundsteinlegung
am 30. September 2009 nach Biel gereist. Rolex
hat bereits vier Gebäude im Bözingenfeld, die
nun ergänzt werden. Das Herz der Anlage ist ein
vollautomatisches Hochregallager, das die einzelnen Ateliers mit Werkteilen beliefert. Das ursprüngliche Projekt wurde redimensioniert, denn
die Verwaltung bleibt im bestehenden Gebäude,
das Rolex ursprünglich verkaufen wollte. Trotzdem sind die Dimensionen beeindruckend. Rund
400 000 Kubikmeter umfasst das entstehende
Gesamtvolumen. Zudem ist auf dem Gelände
noch Raum für künftige Bauten vorhanden. In Biel
beschäftigt Rolex rund 2000 Leute.
Rolex kennt eine «Corporate Architecture», sie
gilt auch in Biel. Die glatten, scharf geschnittenen Glaskuben sind von ähnlicher Präzision wie
die Uhrwerke, die hier produziert werden — ebenso von ähnlicher Diskretion wie die Geschäftspolitik der Firma.
Neubau der Uhrenfabrik Rolex, 2012
Lengnaustrasse / Allmendweg
> Bauherrschaft: Manufacture des Montres Rolex SA
> Architekten: Gebert Architekten (Planung);
Strässler + Storck Architekten (Ausführung); Caretta
Weidmann (Baumanagement)
> Bauleitungsassistenz: BG, Ingénieurs Conseils SA
> Verfahren: Direktauftrag
18_«Corporate Architecture». Die scharf geschnittenen
Baukörper sind so präzis wie die Uhrwerke.
18_Grundriss des Regelgeschosses. Links die bestehenden Fabriken, rechts der Neubau.
18_Die Uhrwerksherstellung
ist ein stilles und
diskretes Gewerbe, die Gebäude
sind es ebenfalls.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
38 /39 //was Demnächst geschieht
Stadion als Schwerpunkt
19
Auf dem «Handtuchgrundstück» steht ein riesiges, durchlaufendes Dach, das die ganze Anlage
zusammenfasst. Darunter sind die Nutzungen in
einer Linie aufgereiht. Zuerst das Fussballstadion mit 6000 Plätzen (erweiterbar auf 10 000),
dann ein Platz von 3000 Quadratmetern, der als
Erschliessungsebene und als gedeckte und geschützte Begegnungszone dient, und schliesslich
das Eisstadion für 7000 Zuschauer, das noch
mit einer Curlinghalle mit sechs Rinks ergänzt
wird. Die Eishalle ist auch für andere Zwecke
brauchbar, man denkt an Konzerte, Ausstellungen, Messen oder Generalversammlungen. Dass
der ganze Komplex mit den nötigen Restaurants
und Nebenräumen ausgestattet wird, versteht
sich von selbst. Gedeckte Parkplätze gibt es im
Ganzen 700. Vier offene Fussballplätze hätten in
der Verlängerung des Grundstücks nach Westen
Platz. Betrachtet man das Projekt im Schnitt, so
entdeckt man den «Damm», der die Nutzungen
horizontal trennt. Wie eine flache Aufschüttung
ist der Sockel ins Gelände gelegt. Die Sportanlagen liegen oberhalb dieser Ebene, die Kommerzflächen und die Parkplätze darunter. Das Stadion
ist mehr als ein Sportzentrum, der Komplex soll
zum städtebaulichen und sozialen Mittelpunkt
des neuen Quartiers Bözingenfeld West werden.
19_Querschnitt Fussball.
Über dem Spielfeld ist das Dach offen.
19_Querschnitt Eishalle. Deutlich wird der
«Damm»: Sport oben, Kommerz unten.
19_Querschnitt Platz. Die «Aussenhalle»
ist mehr als nur eine Zugangsebene.
0
19_Zukunftsbild des
Stadions mit voll über­bautem
Bözingenfeld.
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20 m
19_Der Längsschnitt zeigt, wie das Dach den Komplex zusammenbindet.
Illustration: René Giger
19_Grundriss unter Dach.
Ganz rechts die Curlinghalle.
0
Stades de Bienne, 2012
Eisfeldstrasse
> Bauherrschaft: HRS Real Estate AG
> Architekten: GLS Architekten und GeninascaDelefortrie
> Verfahren: öffentlicher Wettbewerb
Vom Bahnhof zu «mehr
Bahnhof» 20
Der dritte Bahnhof spricht die Hochsprache des
Klassizimus. Eine dorische Tempelfront schliesst
als Vista die Bahnhofstrasse ab. Ein Werk der
Architekten Moser und Schürch aus dem Jahr
1923. Der kommerzielle Druck, der auf den SBB
lastet, verlangt mehr Ertrag. Aus dem gemütlichen Bahnhof wird gemäss dem Konzept «Mehr
Bahnhof» ein umfassendes Einkaufs-, Reiseund Dienstleistungszentrum. Das Bahnhofbuffet
wird gegen den lokalen Widerstand zur Schalterhalle umgenutzt, wobei die schwungvolle Treppe im denkmalgeschützten Raum von der einen
Querwand zur gegenüberliegenden versetzt wird.
Der dunkle Durchgang zwischen dem Aufnahmegebäude und den Gleisen erhält ein Glasdach, das
Haus wird von hinten zum ersten Mal sichtbar.
In den Obergeschossen des Osttrakts entstehen
renovierte und ausgebaute Büros für die SBB. Die
erste Etappe wurde im Oktober 2009 fertig, die
zweite mit einem kleinen Shoppingcenter im ersten Obergeschoss ist im Bau. Sie wird durch eine
Rolltreppe von der ausgeräumten Eingangshalle
aus erschlossen. Die Eröffnung des Westtrakts
und die Lancierung von «Mehr Bahnhof» ist für
den Herbst 2010 geplant. Was mit dem Juwel
5
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20 m
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0
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10
20 m
19_Das «Handtuchgrundstück» aus der Luft. Rechts der Bauplatz der Ostumfahrung.
19_Grundriss Platzgeschoss.
Ein Gang läuft
um den ganzen Komplex.
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20 m
19_Grundriss Erdgeschoss mit
Kommerznutzungen und Anlieferung.
19_Situationsplan mit den aufgereihten Nutzungen:
vier Sportplätze, Fussball, Platz und Eishalle.
5
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20 m
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
40 /41 //was Demnächst geschieht
des Bahnhofs geschieht, dem Wartesaal mit
den Fresken, einem Werk des Malers Philippe
Robert, die den Lebens- und Tageslauf darstellen, ist noch nicht entschieden. Eine Cafébar war
im Gespräch, ist aber denkmalpflegerisch heikel.
Warum nicht einfach den Wartesaal Wartesaal
sein lassen? Er ist eine Insel, ein profaner Andachtsraum im hektischen Getriebe des Bahnhofs. Für die Neugestaltung des Bahnhofplatzes
gab es im Sommer 2004 einen Wettbewerb auf
Präqualifikation. Die Ausführung wurde zurückgestellt, da man noch nicht wusste, wie die Linienführung des neuen Trams aussehen wird.
Umbau Bahnhof Biel, 2011
Bahnhofplatz 4
> Bauherrschaft: SBB Immobilien
> Architekten: Atelier 5
> Verfahren: Studienauftrag auf Präqualifikation
> Investitionssumme: CHF 27 Mio.
Neugestaltung Bahnhofplatz, 2012
> Bauherrschaft: Stadt Biel
> Architekten: bauzeit mit Simon Binggeli,
W+S Landschaftsarchitekten
> Verfahren: eingeladener Wettbewerb mit
Präqualifikation
Das neue Taubenloch
21
Im Zusammenhang mit dem Hochwasserschutz
und der Renaturierung der Schüss war eine
Erhöhung der Strassenbrücke nötig. Diese gab
den Anstoss zu einer Neuplanung. Der Fluss wird
von der Überbauung befreit. Das Konglomerat
der Fabriken westlich der Schüss wurde bereits
ab­gerissen. Nun wird es durch ein Wohn- und
Ge­werbehaus ersetzt. Die erste Etappe der Re­
naturierung mit dem Neubau der Brücke ist bereits abgeschlossen, die zweite wartet auf das
Bundesgeld. Man rechnet im Jahr 2012 mit der
Fertigstellung.
23_Auf dem Schweren steht das
Leichte, auf einer Betonwanne ein Glaskubus.
Betriebsgebäude mit Restaurant, 2002
Badhausstrasse 1a
> Bauherrschaft: Bielersee-Schifffahrtsgesellschaft
> Architekten: Zoss Brauen
> Verfahren: Wettbewerb auf Einladung
> Baukosten (BKP 2): CHF 4,8 Mio.
> Baukosten (BKP 2 / m³): CHF 612.–
Foto: Yves André
21_Die Taubenlochschlucht vorher:
das gewachsene Konglomerat.
Illustrationen: René Giger
Platz am see, 2010
> Bauherrschaft: Stadt Biel
> Landschaftsarchitektur: Vetsch Nipkow Partner
Der silberne Sportwürfel
23
Das Feuerwehrgebäude mit dem Schlauchturm
wurde durch den silberglänzenden Block zu einem Ensemble ergänzt. Es steht im Knick der
Silbergasse und lädt mit seiner Freitreppe ins
Obergeschoss ein. Die lichte Halle kann bis zu
800 Zuschauer fassen. Es ist eine Schnittlösung:
Die Auskragung über dem Übungsplatz der Feuerwehr und die Garderoben im Untergeschoss
sparen Platz und führen zu einer scharf geschnittenen, quadratischen Halle.
sporthalle Esplanade, 2009
Silbergasse 54
> Bauherrschaft: Stadt Biel
> Architekten: GMX Architekten
> Verfahren: öffentlicher Projektwettbewerb
> Baukosten (BKP 2): CHF 13,5 Mio.
> Baukosten (BKP 2 / m³): CHF 478.–
_
23_Die grosszügige Freitreppe lädt
die Besucher in die Halle ein. Foto: Yves André
23_Die Schnittlösung: Die Auskragung (links)
stösst ins Feuerwehrgelände vor.
20_Früher das Bahnhofbuffet,
jetzt die Schalterhalle.
21_Die Taubenlochschlucht nachher:
Neubauten (rechts), Renovationen (links).
20_Modell des künftigen
Bahnhofplatzes.
22_Der Platz am See wird zur neuen Mitte der Quaianlagen.
20_Querschnitt durch die Eingangshalle.
Die Rolltreppe führt ins Shoppingcenter.
Planung Taubenloch
Wohn- und Geschäftshaus Lienhard-Strasse 47
> Bauherrschaft: FW Finanz AG
> Architekten: Marles Schlatter AG
> Investitionsvolumen: CHF 6,75 Mio.
22
Zusammen mit dem Kleinbootshafen entstand für
die Expo.02 auch das Betriebsgebäude der Schifffahrtsgesellschaft. Das Gebäude übernimmt das
Bild eines Schiffs, abgeschrägt zum See, massiv
gegen das Land. Im Erdgeschoss befinden sich
ein grosszügiges Restaurant, die Schalter und
ein Kiosk, im Obergeschoss die Büros der Schifffahrtsgesellschaft. Für die Expo wurde auf Drängen der Stadt ein Stück Land aufgeschüttet, das
bis heute Brachland blieb. Daraus soll nun der
Platz am See werden. Er hat zwei Bereiche: zur
Stadt hin einen baumgesäumten Durchgangsstreifen, zum See hin einen Hartplatz von 50 mal
50 Metern. Eine Entsorgungsbox beim Platzeingang unterstützt das Ordnunghalten.
1
25
20_Blick in die nun
verglaste Passage hinter
dem Gebäude.
Foto: Peter Samuel Jaggi
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Skulptur
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A
Joran und Platz am See
22_ Der Platz wird zum
Seebalkon. Illustration: René Giger
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22_Das Restaurant Joran ist Ankunft
und Abfahrt für die Binnenschiffer.
Grundriss Platz 1/200
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10M
N
20_Bahnhof und -platz. Biels Eingangstor wird neu gestaltet.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
42/43 42
/43 «Ich bade jeden Tag, bei Sonnenschein,
Wind und Regen im schönsten See.
Wenn Sie sich mit raffiniertester Phan­tasie einen See phantasieren, so
ist er noch nicht halb so schön wie der
Bielersee.» Robert Walser: Karte an Max Brod
«Der Wein, der am See wächst, duftet
sozusagen schon von weitem, und
schmeckt, wenn er jung ist, süss und
büsst beim Altern an Schmackhaf­
tigkeit naturgemäss ein. Mit den Kräften
des Menschen dürfte es sich ähnlich
verhalten.» Robert Walser: Der See
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
44 /45 // Wettbewerb
Esplanade: Wo einst das Gaswerk war,
Eine neue
entsteht schrittweise
Stadtmitte ein städtischer Platz. Urban
und grosszügig will die Stadt sein.
Text: Benedikt Loderer
Sparen und investieren, so fasst der Stadtpräsident die Politik seiner Stadtregierung zusammen. Sparen durch Investieren, so das Ziel des neuen,
zentralen Verwaltungsgebäudes. Die heute auf unzählige Standorte verteilte städtische Verwaltung soll zentralisiert werden. Das hilft zuerst den
Bielerinnen und Bielern, Zeit zu sparen. Sie finden neu alles an einem Ort,
und ein «Stadtbüro» als erste Empfangs- und Auskunftsstelle hilft ihnen,
das richtige Büro und die richtige Beamtin zu finden. «Kundenfreundlichkeit» heisst das in der heutigen Managersprache.
Nachdem verschiedene Standorte geprüft worden waren, entschied man
sich für das zentral gelegene, einstige Gaswerkareal, das unterdessen
Esplanade heisst. Das Projekt «muss sich an dieser prominenten Lage, als
Gegenüber des Kongresshauses, das für Biel einen wichtigen Repräsentationsbau darstellt, in eine komplexe städtebauliche Situation integrieren
und dennoch als frei stehendes öffentliches Gebäude eine eigene Identität
erhalten». Das steht im Jurybericht des Projektwettbewerbs, der im November 2009 entschieden wurde. Einpassung oder Widerstand?
Die Rahmenbedingungen des Wettbewerbs waren klar, aber eng gesteckt.
Das Spielfeld war mit Baulinien verbindlich eingegrenzt, die Geschosse
auf sechs beschränkt und die Gebäudehöhe auf 20 Meter. Damit war der
Bautyp eines reinen Bürogebäudes mit den Arbeitsplätzen an den Fassaden und einer Mittelzone für die Erschliessung bereits festgelegt. Verlangt waren neben maximal 400 Arbeitsplätzen, die selbstverständlich so
flexibel wie nötig zu organisieren waren, auch optional ein Sitzungssaal
für das Stadtparlament mit Publikumsbereich und ein Sitzungszimmer für
die Stadtregierung. Unter und neben dem Verwaltungsgebäude war ein
schon geplantes Parkhaus mit 650 Plätzen zu integrieren und Vorschläge
zu erarbeiten, wie der Platz darüber zu gestalten war. Minergie-P war
selbstverständlich Pflicht. Die Aufgabe war klar definiert, ein öffentlicher
Projektwettbewerb der richtige Weg, eine Lösung zu finden.
Die Wettbewerbsprojekte Abgegeben wurden 54 Projekte. Wie
erwartet gleichen sie sich in der inneren Organisation weitgehend. Von den
prämierten Projekten weicht nur der achte Rang von Luca Selva grundsätzlich ab. Er packt den Parlamentssaal mit Zubehör ins oberste Geschoss,
alle andern ins Erdgeschoss. So gings vor allem um die Antwort auf das
Kongresshaus, die Fassade und die Kosten.
Betrachtet man die Preissummen und die Differenz von nur 3000 Franken
zwischen dem ersten und zweiten Preis im Vergleich mit den 10 000 Franken vom zweiten zum dritten Preis, so darf man eine harte Auseinandersetzung innerhalb der Jury vermuten. Das ist auch der Grund, warum hier vor
allem die beiden ersten Preise vorgestellt werden.
Der Sieger «Papageno» nützt mit fünf Geschossen die erlaubte Höhe nicht
aus und rückt vom Kongresshaus etwas ab, er reagiert, wie die Jury meint,
«auf die dominierende Ostfassade des Kongresshauses». Ein Argument
zugunsten der Einpassung. Das Erdgeschoss «ruht auf einer aus dem Platz
ausgefalteten, bewegten Plattform». Diese erlaubt differenzierte Raumhöhen und bietet gegen den Platz hin eine «promenade architecturale». Die
Längsfassaden enttäuschen auf den ersten Blick. Sieht man aber genauer
hin, so entdeckt man eine neue Art von Kastenfenstern: Holzrahmen mit
drei verschiedenen Grundformen werden vor die Deckenstirnen gehängt.
Ihre Hohlräume sind ausgeschäumt und ihre opaken Felder mit Natursteinplatten verkleidet. «Dies führt zu einem rhythmischen Spiel aus Stein und
Glas. Abhängig vom Betrachtungswinkel bietet die Fassade ein offenes
oder zunehmend geschlossenes Erscheinungsbild», sind die Architekten
überzeugt. Trotz der aufwendigen Fassade hofft die Jury auf tiefe Kosten.
Auch das Projekt «Bilingue» hält sich an die Spielregeln, überrascht aber
mit vier Dingen. Im Erdgeschoss werden Verwaltung und Parlament von
einem Durchgang getrennt, Platz und gegenüberliegende Strasse werden verbunden. Vom «Stadtbüro» aus erschliesst eine Kaskadentreppe
das Bürohaus, die informierte Kundin weiss sofort, wo es weitergeht. Im
Schnitt sieht man, wie zweigeschossige «Atemlöcher» die Nutzschichten
der Bürogeschosse unterbrechen. Sie treten als übergrosse Fenster auch
in der Fassade in Erscheinung. Diese wird durch Leichtbetonkörper gebildet, im Innern isoliert und auf Konsolen gestellt. Ein regelhaftes und
doch unregelmäs­siges Fassadenbild wird durch ein gezieltes Spiel mit den
verschiedenen Abschrägungen erzielt. Die äusserste Schicht steht senkrecht und ist mit Chromstahlbändern in Rechtecke gefasst. Wie Disziplin
und Spiel eins sein können, zeigt diese Fassade. Die Jury ist voller Lob,
schweigt sich aber zu den Kosten aus. Ist das Projekt «Bilingue» zu widerständig für das dominante Kongresshaus?
Der dritte Preis macht klar, «dass ein Dialog zwischen Kongresszentrum
und Verwaltungsgebäude nur sehr beschränkt stattfinden kann», wie die
Jury eingesteht. Darum gilt der Satz: Ein Bürohaus ist ein Bürohaus.
zum Gaswerkareal Das Gaswerkareal ist Biels erste Industrie­
brache. Vom Gaswerk war seit 1965 nur noch der Gaskessel, in den das
Autonome Jugendzentrum einzog, übrig geblieben. Die Sabag AG plante
anfangs der Neunzigerjahre, ins Bözingenfeld zu ziehen, und die Vereinigten
Drahtwerke stellten den Betrieb ein. Im Ganzen wurden mitten in der Stadt
acht Hektaren Land frei. Die Stadt veranstaltete 1990 ein Gutachterverfahren mit sechs Planungsteams, die alle ein Stück Stadt entwarfen. Ergebnis:
«Die Planung Gaswerkareal Biel wird für die nächste Phase im Stadtpla-
nungsamt bearbeitet.» Der Stadtrat legte die Latte hoch und verglich das
Projekt mit der Bahnhofsplanung der Zwischenkriegszeit, die «heute noch
mustergültigen Charakter hat». Das damalige Zauberwort hiess «urban»,
man wollte ein Stück Stadt bauen. Baulinien wurden gezogen, bis zu sechseinhalb Geschosse erlaubt, eine geschlossene Bauweise wurde verlangt
und, wo es sinnvoll schien, ein Wohnanteil von mindestens fünfzig Prozent
festgelegt. Der Teilzonenplan Gaswerkareal vom August 1993, der später
revidiert wurde, ist die rechtliche Grundlage der Neubauten, die seither
errichtet wurden: Das sind das Sabag-Areal, der Schüsspark und die
Sporthalle. Die neue Stras­senführung, die unterdessen verwirklicht wurde,
gleicht mit einem Kreisel die versetzt geführte Silbergasse aus.
Auch ein Landschaftsarchitekturwettbewerb Beim Wettbewerb ging es zwar um ein Gebäude, doch fast wichtiger ist der Platz, den
es fassen soll. Der städtische Freiraum soll zum Herzstück des Esplanade-Areals werden. Für dessen Gestaltung wurde im Herbst 2007 ein
offener Wettbewerb durchgeführt, den Raderschall Landschaftsarchitekten
gewannen. Der Gaskessel trennt zwei verschiedene Ausbildungen des gleichen Stadtraums: im Westen vor dem Kongresshaus liegt ein städtischer
Platz, im Osten ein parkartiger Grünraum. Der Platz wird auf der südlichen
Längsseite vom Verwaltungsgebäude und der neuen Sporthalle begrenzt, im
Norden sind noch zwei Areale frei, die zu den strategischen Grundstücken
der Stadt gehören. Ihre Überbauung wird dem Platz den nötigen räumlichen Abschluss geben. Die Eingangsfront des Kongresshauses mit ihrem
ausladenden Vordach wird wie eine barocke Kirchenfassade als Vista den
Platz auf der Schmalseite abschliessen und beherrschen, das Hochhaus
steht wie der Campanile schräg versetzt im Hintergrund, wer will, kann im
Gaskessel das Baptisterium sehen. Oder anders herum: Der Platz mahnt
an traditionellen Städtebau, genauer Stadtbaukunst, für die es in Biel noch
kein Beispiel gibt. Doch «urban» meint eine Haltung, keine Form.
Die Planung für das Gaswerkareal hat in den Fachkreisen Anerkennung
gefunden. Sie gewann die «Distinction SIA 2009» der Sektion Genf im Fach
«Aménagement du territoire et Développement urbain». Nach dem Wakker-Preis 2004 und dem Prix Vélo 2005 eine weitere Anerkennung.
Der Blick vom Kongresshochhaus auf den Platz und
seine nördliche Wand, wie sie werden könnte. Zwei
strategische Grundstücke warten auf ihre Investoren.
Teilnehmer am Gutachterverfahren,1992
> Atelier 5, Bern
> Diener + Diener, Basel
> M. + Y. Hausammann, Bern mit Feddersen & Klostermann, Zürich
> Henri Mollet, Biel mit Tschumi + Benoit, Biel und
Urbaplan, Lausanne
> Kistler und Vogt, Biel
> D. Schnebli, T. Ammann, F. Ruchat-Roncati, Zürich
Offener Projektwettbewerb
zentrales Verwaltungsgebäude Biel 24
Die Jury
Sachpreisgericht:
> Hans Stöckli, Stadtpräsident, Finanzdirektor der
Stadt Biel
> Hubert Klopfenstein, Baudirektor der Stadt Biel
> Ursula Wyssmann, Vize-Stadtschreiberin
> Heidi Stöckli Schwarzen, Präsidentin der stadträt­
lichen Spezialkommission
> Beat Grütter, Leiter Abteilung Liegenschaften der
Stadt Biel
Fachpreisgericht:
> Dietmar Eberle, Architekt, Bregenz (Vorsitz)
> Sibylle Aubort Raderschall, Landschaftsarchitektin,
Meilen
> Andreas Bründler, Architekt, Basel
> Andi Scheitlin, Architekt, Luzern, Präsident
Fachausschuss
> Jürg Saager, Architekt, Leiter Abteilung Hochbau
> François Kuonen, Leiter Abteilung Stadtplanung
Die Ausgezeichneten
> 1. Preis: «Papageno»
0815 + apart Architekten, Biel; André Escobar, Michel
Decosterd, Cyrill Haymoz, Joëlle Gutedel, Ivo
Thalmann, Tanja Sutter, Chris Gubelman, Daniel Iseli,
Moritz Marbach (Mitarbeit)
> 2. Preis: «Bilingue»
Proplaning Architekten, Basel
> 3. Preis: «Faber»
Dominique Marc Wehrli, Regensdorf
G
B
Visualisierung: Vorprojektstudie von Ducksch + Anliker
Architekten / Alpine Finanz Immobilien
F
A
H
C
D
I
E
Wettbewerb für den Stadtplatz erster Preis: Raderschall Landschaftsa­ rchitekten. Darin eingetragen sind: A Kongresshaus, B strategisches Grundstück
eins, C städtischer Platz, D Verwaltungsgebäude, E Sabag-Areal,
F Gaskessel, G strategisches Grundstück zwei, H Grünraum, I Sporthalle.
Das Kongresshaus schliesst wie eine
Kirchenfassade den Platz ab, das
Hochhaus ist der Campanile dazu.
Illustration: René Giger
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
46/47 // Wettbewerb
Zweiter Preis «Bilingue».
Das raffinierte Spiel der
Fenstereinfassungen macht
aus dem sturen Raster ein
vielfältiges Muster.
Erster Preis «Papageno». Fassade gegen den städtischen Platz.
Die Auffaltung des Sockels führt zur «promenade architecturale».
Blick in einen begrünten Lichthof.
Der Schnitt zeigt, worum
es hier auch geht: eine
Tiefgarage mit 650 Plätzen.
Ein zeitgemässes Kastenfenster:
Im Hohlraum befinden sich die
Hinterlüftung und der Sonnenschutz.
Regelgeschoss. Büros
an den Fassaden,
Erschliessung in der Mitte.
Viertes Geschoss. Die
Lichthöfe und die
zweigeschossigen Loggien
sind blau unterlegt.
Erdgeschoss. Das Restaurant
mit Bar öffnet sich zum Platz.
Erdgeschoss. Rechts der Stadtratssaal, daneben der Durchgang, links das Stadtbüro.
Längsschnitt. Das «gewellte» Erdgeschoss führt zu verschiedenen Raumhöhen.
Dritter Preis «Faber».
Ein Bürogebäude ist ein Bürogebäude.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
48 /49 «Mit wenigen Schritten ist man hier
mitten in Wald und Feld, das heisst
im Ländlichen, was niemand so hoch
schätzt wie ein Schriftsteller, der
stundenlang am Schreib- und Studier­
tisch sitzt, wo er dann und wann
seufzt, weil er sich nach Bewegung
sehnt.» Robert Walser: Brief aus Biel
«Biel mit seiner anmutigen Umgebung
erquickt mich immer wieder.
Ob­schon ich mehr zu tun habe, als mir
lieb ist, klettere ich täglich eine
Stre­cke den Berg hinauf, um frische
Luft einzuatmen.» Robert Walser: Brief aus Biel
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
50 /51 // Infrastruktur und Seeanstoss
Autobahn,
Diese ineinander
Regiotram und verflochtenen Projekte
entscheiden über
«Agglolac»
die nahe Zukunft. Damit macht die Stadt den
zweiten, endgültigen Schritt zum See.
Verzweigung Brüggmoos
Vollanschluss Bienne Centre
Anschluss Brügg
Halbanschluss Bienne Sud
Zubringer
Öffnungen für die Lüftung der Stammlinie und die Bedingung, dass Stau
in überdeckten Abschnitten nicht mehr zugelassen werden darf, was dazu
führt, dass auch die Rampen der Halbanschlüsse und des Zubringers übermässig geöffnet wurden», steht im Synthesenbericht vom August 2007.
Variante «Generell mit Zihl».
Der Zubringer wird unter der Zihl zum Voll­an­schluss Biel Centre geführt. Die in den
richtigen Dimensionen dar­ge­stellten Stras­sen
zeigen das Aus­mass des Eingriffs.
Halbanschluss Rusel
Arbeitsgruppe Stöckli Selbstverständlich ist die Autobahn keine
Gemeindesache, sondern eine regionale oder eine «agglomerale». Heute
drängt sich der Verkehr vom südlichen Ufer her durch die Hauptstrasse,
mitten durch die Altstadt von Nidau. Das generelle Projekt sah eine Entlastungsstrasse vor, den Zubringer rechtes Seeufer (ZRU). Biel und Nidau
schlugen eine neue Lösung vor, den Porttunnel. Der Kanton und der Bund
waren wenig begeistert: Keine Diskussionen mehr, jetzt wird gebaut! Darüber hinaus fürchtete der Kanton, die Änderungen verlangten ein neues
generelles Projekt, was zu erheblichen Verzögerungen führen würde.
Herbst 2008. Der Kanton stimmte zähneknirschend zu. Er setzte den Bielern
und ihren Nachbargemeinden eine Frist von eineinhalb Jahren, «eine aus
ihrer Sicht optimale Lösung für den Westast» zu erarbeiten. Diese Aufgabe
übernahm der vom Stadtpräsidenten Hans Stöckli geführte Leistungsausschuss, in dem auch die Präsidenten der Nachbargemeinden vertreten sind.
Ein gutes Jahr später liegen die ersten Ergebnisse der «Arbeitsgruppe
Stöckli» auf dem Tisch. Drei Stossrichtungen sind übrig geblieben:
— «Generell mit Zihl»: das generelle Projekt (Bestvariante C9). Ein Vollanschluss Biel Centre, ein Halbanschluss Seevorstadt und der Zubringer in
einem Tunnel unter der Zihl hindurchgeführt sind die Hauptmerkmale. Der
Tunnel ist vierspurig und hat keine Rauchgasentlüftung.
— «Generell mit Port»: dasselbe wie «generell mit Zihl», allerdings wird
der Zubringer am Nordausgang von Ipsach in einem Tunnel nach Port geführt. Der Porttunnel ist zweispurig, der Westast vierspurig und hat keine
Rauchgasentlüftung.
— «Stadttunnel mit Port»: Ein Halbanschluss Seevorstadt, ein Halbanschluss
Biel Centre und der Porttunnel zeichnen diese Variante (3+) aus. Der Tunnel
für den Westast ist zweispurig und hat eine Rauchgasentlüftung.
Halbanschluss Seevorstadt
Verzweigung Brüggmoos
Vollanschluss Bienne Centre
Variante «Generell mit Port».
Der Porttunnel ersetzt den Zubringer,
im Übrigen wird das generelle
Projekt übernommen, der Vollan­schluss Biel Centre bleibt.
Anschluss Brügg
Halbanschluss Bienne Sud
Zubringer im Porttunnel
Halbanschluss Rusel
Halbanschluss Seevorstadt
A16
a
Reuchenette
A5 Solo
Jur
Text: Benedikt Loderer
Der Masterplan Bahnhof brachte den ersten Durchbruch: Die Unterführung,
der Ausgang ins Jenseits hinter dem Bahnhof und die Bauten am WalserPlatz rückten Biel einen ersten Schritt näher, aber noch nicht ganz zum See.
Unterdessen haben drei eng ineinander verflochtene Planungen die Zukunft
des Geländes zwischen dem Bahnhof und dem See völlig verändert: die
Autobahn, das Regiotram und «Agglolac». Was von dieser Stadt am See
hier vorgestellt wird, ist eine Vision; eine Ideenskizze für die strategische
Diskussion zwischen den Städten Biel und Nidau, noch kein Projekt.
Die Jurasüdfuss-Autobahn A5 ist bereits im Netzbeschluss von 1960 enthalten. Im Raum Biel sollen drei Hochleistungsstrassen verknüpft werden:
die A5, die Solothurn mit Biel, Neuenburg und Yverdon verbindet, die A16,
die in den Jura führt, und die T6, die Autostrasse nach Lyss und Bern. Die
jahrelangen Auseinandersetzungen um die Linienführung sind bereits Geschichte und werden hier weggelassen. Doch das Ergebnis heisst «generelles Projekt», das Biel im Süden umfährt und das zwei Hauptabschnitte
hat: Der Bundesrat genehmigte im Juni 1997 den Ostast und im Februar
1999 den Westast. Damit schien alles klar und man machte sich an die
Ausführung. Rechtzeitig für die Expo.02 war die Autobahn aus Solothurn bis
zur Abzweigung in den Jura fertig. (Gleichzeitig verkürzte die Bahn 2000
die Fahrzeit nach Zürich auf eine Stunde und zehn Minuten.)
Seit Dezember 2007 ist der Ostast im Bau. Bald wird man von Bern und Lyss
herkommend nach der Verzweigung Brüggmoos östlich um Biel herumfahren können und durch den Längholztunnel (2,5 km) und den Büttenbergtunnel (1,5 km) zur Verzweigung Bözingenfeld gelangen, um dort entweder
in den Jura oder Richtung Solothurn und Zürich weiterzufahren. Trotzdem,
die durchgehende Autobahn am Jurasüdfuss fehlt immer noch. Denn der
Westast, die Strecke zwischen dem nördlichen Seeufer und der Bernstrasse
T6, führte zu heftigem Politikerstreit und ausgiebigen Expertenschlachten.
Noch sind sie nicht entschieden. Das Zauberwort heisst diesmal «Optimierung», was nicht mit verbessern zu übersetzen ist, sondern mit machbar.
Das beste Projekt ist das durchsetzbare.
Dass man in Biel die Autobahn will, ist offensichtlich. Nicht bloss, dass
man sie «zugut» hat, zählt — ebenso wichtig sind die wirtschaftlichen
Vorteile. Darüber hinaus ergibt sich die Chance, mit der vom Bund finanzierten Autobahn die städtischen Verkehrsprobleme zu mildern. Denn die
Autobahn ist zwar ein Teil des nationalen Netzes, benützt aber wird sie vor
allem von den Pendlern aus der Agglomeration. Darum ist auch der Begriff
«Entlastung der Innenstadt» so wichtig.
Halbanschluss Seevorstadt
Verzweigung Brüggmoos
thurn
Halbanschluss Bienne Centre
Bözingenfeld
Anschluss Brügg
stadtverträglich Seit die Städte mit der Autobahn nicht nur gute
Erfahrungen gemacht haben, mussten die Ingenieure ein Wort lernen, das
vorher nie in ihren Lehrbüchern stand: stadtverträglich. Zwar wollte Biel
die Autobahn, aber so stadtverträglich wie möglich. Das heisst: wo immer
möglich im Tunnel. Doch während der Westast noch optimiert wurde, brannte es im Montblanc- und im Gotthardtunnel, neue Sicherheitsvorschriften
traten in Kraft. Mit dem generellen Projekt drohte Biel ein zweihundert
Meter langer offener Einschnitt durch die Stadt. Die Bieler Stadtplanung
und die Verbände von BSA über VCS bis Heimatschutz erschraken, die Politiker wehrten sich. Alle waren einer Meinung: So nicht! Stadtverträglich
sieht anders aus. «Hauptgrund für diese Verschlechterung sind die grossen
Büttenbergtunnel
Biel
Vingelz
Das generelle Projekt.
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Der Ostast mit Längholzte
hâ
und Büttenbergtunnel
uc
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ist im Bau, für den Westast A5
sucht man noch eine
stadtverträgliche Lösung.
Seevorstadt
Biel Zentrum
Län
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Brüggmoos
Nidau
Port
unn
el
Halbanschluss Bienne Sud
Orpund
Brügg
T6 Be
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Halbanschluss Rusel
Zubringer im Porttunnel
Variante «Stadttunnel mit Port».
Ein Halbanschluss Seevor­stadt, ein
Halbanschluss Biel Centre und
ein nur zweispuriger Tunnel genügen.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
52 /53 // Infrastruktur und Seeanstoss
Die Tunnellösungen Die drei Stossrichtungen werden nun auf ihre
Zweckmässigkeit geprüft, und Mitte 2010 soll der Entscheid fallen, welche
Variante für den Westast weiterverfolgt wird. Für «Generell mit Port» und
«Stadttunnel mit Port» müsste ein neues generelles Projekt erarbeitet
werden, was Zeitverlust bedeutet, bei «Generell mit Zihl» wäre das bereits
genehmigte weiterhin gültig.
Man darf den Ingenieuren ihre Voraussagen über die Auswirkungen glauben, doch eines ist sicher: Der Verkehr nimmt nicht ab, er wird neu verteilt.
Weder der Stau noch der Verkehrsfluss sollten das Hauptkriterium sein,
sondern die Stadtverträglichkeit. Als Erstes gilt es zu beachten: Wo sind
Autobahn und Zubringer offen geführt und wo im Tunnel? Alle drei Varianten sind Tunnellösungen, die Variante Stadttunnel sogar durchgehend. Aber
alle Varianten brauchen Zufahrtsrampen, die Gräben aufreissen. Nachdem
sie das Wort «stadtverträglich» gelernt haben, sind die Planer und die
Politiker auch bereit, sich die Stadtverträglichkeit etwas kosten zu lassen.
Dennoch versuchen sie, die Eingriffe zu minimieren.
Bei einer ersten, summarischen Betrachtung wird man daher zuerst die
Variante «Generell mit Zihl» ausschliessen, denn sie bringt den schwerwie­
gendsten Eingriff in die Stadt mit sich. Die Varianten «Generell mit Port»
und «Stadttunnel mit Port» halten sich die Waage. Selbst wenn «Stadttunnel mit Port» die Autobahn vollkommen überdeckt, bleiben die Zufahrts­
rampen offen. Hier werden der Verkehrsnutzen und die Kosten zu entscheiden haben. Über diese ist allerdings vorläufig nichts zu erfahren. Erst eine
Schätzung von knapp 190 Millionen Franken für den Porttunnel ist bekannt. Es gibt aber noch eine vierte Variante, die Stossrichtung null, die auf
den Westast verzichtet. Ob sie die stadtverträglichste ist? Doch gilt es, die
Stossrichtung null zu verhindern, ist die Arbeitsgruppe Stöckli überzeugt.
Das Regiotram Bis 1949 hatte Biel ein ausgebautes Tramnetz, doch
das war damals nicht mehr modern genug. Seither sorgen Busse für den
öffentlichen Verkehr. Eine Bahn allerdings überlebte alle Versuche, sie
stillzulegen: die Biel-Täuffelen-Ins-Bahn (BTI), die das südliche Bielerseeufer erschliesst und in Ins ans BLS-Netz anschliesst.
Doch Biel will weiterwachsen. Der Richtplan sieht bis ins Jahr 2030 weitere 6500 Einwohner vor, die Agglomeration hätte damit rund 100 000. Ein
wesentlicher Teil der Entwicklung wird im Bözingenfeld stattfinden, dessen
Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr nicht genügen wird. Doch wie
soll Biel Ost mit dem Stadtzentrum verbunden werden? Möglichst umweltverträglich, sagen die Bieler und das Amt für öffentlichen Verkehr.
Von den ursprünglich 19 Möglichkeiten blieben im Mai 2007 nach der ersten Prüfrunde drei zur vertieften Abklärung übrig: das Regiotram, die Bieler
S-Bahn und der Expressbus. Im Sommer 2007 verglichen die Verkehrspla­
ner der Rapp Trans AG diese drei Alternativen und kamen zum Schluss: Es
ist das Regiotram. Die bestehende Linie der BTI von Ins nach Biel wird zur
Durchmesserlinie verlängert. Sie führt mit einer Neubaustrecke vom Bahnhof durch das Stadtzentrum zum neuen Stadion und ins Bözingenfeld, wo
eine neue Haltestelle der SBB das Tram mit der Eisenbahnlinie Biel-Grenchen verbindet. Regiotram heisst auch neues Rollmaterial: Die Vorortsbahn
BTI wird zum städtischen Tram. Der Wohngürtel am rechten Bielerseeufer
wird mit den Arbeitsplätzen im Osten der Stadt verbunden. Das Regiotram
ist nicht nur eine Verkehrslösung, sondern das künftige Rückgrat der Agglomeration. Es geht nicht um den Pendlertransport allein, sondern ebenso sehr um die städtebaulichen Entwicklungsimpulse, die man sich vom
Regiotram erhofft. Biel macht mit dem Grundsatz Ernst, dass die einzig
wirkungsvolle Siedlungsplanung die Verkehrsplanung ist.
Wo ist der Bahnhof? Die Linienführung ist festgelegt. In der Innenstadt soll das Tram durch die Bahnhofstrasse bis zum Zentralplatz
fahren, dann die Schüss entlang nach Osten. «Wie bitte?» hat die Stadt
die Attraktivitätssteigerung nicht durchgesetzt und den Individualverkehr
verdrängt? So ist es. Allerdings steckt eine einfache Überlegung hinter dem
Tram in der Bahnhofstrasse: Das Tram soll dort fahren, wo die Leute sind.
Zwei Teilstrecken sind noch nicht definitiv. Fährt das Tram durch Mett oder
nördlich davon? Wie überwindet es beim Bahnhof das Hindernis der Gleise? Am Bahnhof gibt es noch drei Wege, die infrage kommen.
Variante Stettli: Neu fährt das Regiotram durch die Altstadt von Nidau, beim
Schloss über die Zihl, dann durch die Unterführung der Aarbergstras­se
unter den Gleisen hindurch auf den Bahnhofplatz. Von dort die Bahnhofstrasse hinauf und weiter bis Bözingen.
Untervariante «Walserknick»: Grundsätzlich wie die Variante Stettli, doch
macht das Tram zum Walser-Platz einen Abstecher, damit die Leute direkt
durch die Unterführung zu den Zügen gelangen.
Variante «Hindedüre»: Das Regiotram fährt auf seinem heutigen Trassee
bis zum Eingang des Tunnels, der in den unterirdischen Sackbahnhof führt.
Dort verschwindet es nicht, sondern biegt links ab und fährt den Bahndamm entlang zum Walser-Platz. Die weitere Strecke entspricht der Untervariante «Walserknick».
Im Januar 2010 gibt der Kanton das Projekt in die Mitwirkung. Baubeginn?
Ende 2014. Rund 200 Millionen Franken, schätzen die Planer, wird das
Regiotram kosten, inklusive 15 Millionen für die SBB-Haltestelle Bözingenfeld. Der Bund wird davon 40 Prozent übernehmen, der Kanton 60. Die
Gemeinden werden allfällige Aufwendungen finanzieren müssen. Die Federführung hat der Kanton Bern, genauer das Amt für öffentlichen Verkehr.
Die Planungsbombe Nach der Expo.02 wurde abgeräumt und zurück blieb das leere Expo-Gelände, das zwar auf Nidauer Boden liegt, aber
zum Teil Eigentum der Stadt Biel ist. Geplant wurde nach dem eidgenössischen Prinzip der Gemeindeautonomie. Der Nidauer Gemeinderat legte
anfangs 2009 nach jahrelanger Arbeit eine Planung vor, die das Gelände
«verhüslen» und «verblöcklen» wollte und zur Beruhigung des Publikums
einen Grünstreifen zwischen Schloss und See vorsah. Nidau leidet unter
Strukturdefiziten, hat keine Baulandreserven mehr und eine leere Kasse.
Gute Steuerzahler waren das Ziel der Planung. Zudem deutete die Stadt
Biel an, dass sie ihr Expo-Gelände an Nidau verkaufen werde.
Doch dann zündete Hans Stöckli eine veritable Planungsbombe. «Als
Stadtpräsident erlaube ich mir, nicht nur die Verantwortung zu tragen und
Macht auszuüben, sondern auch die Freiheit zur Gestaltung zu nutzen»,
siehe Seite 7. Genau das hat er getan. Er beauftragte insgeheim :mlzd mit
einer Studie. «Was kann mit dem Expo-Gelände Besseres getan werden, als
Nidau vorsieht?» hiess die Aufgabe. Die Antwort hiess «Agglolac». Es
ist die Geburt einer Stadtidee aus der Geschichte. Nidau war vor der Juragewässerkorrektion eine von Kanälen durchflossene Wasserstadt. :mlzd
fanden in der Geschichte ihre beiden Schlüsselelemente: die dichte Stadt
und die Kanäle. Im Februar 2009, kurz bevor Nidau über seine Planung abstimmen wollte, stellte Stöckli überraschend seinen Gegenvorschlag vor.
Der war so überzeugend, dass der Gemeinderat von Nidau wenig später auf
Stöcklis Linie umschwenkte und die Abstimmung abblies.
Für die definitive Linienführung des Regiotrams fehlen noch zwei Entscheide.
Wie unter den Gleisen beim Bahnhof hindurch und Nord oder Süd beim Bahnhof Mett?
Das Tram erschliesst das Arbeits­
platz­gebiet und endet bei der neuen
S­tation der SBB «Bözingenfeld»..
Querschnitt Bahnhof. Das Tram und
die Bahn sind parallel geführt.
Vorstudie für die Haltestelle Bözingenfeld von :mlzd.
Das Tram kommt von Osten und endet in einem Sackbahnhof.
Beilage zu HochParterre 3 / 2010
54/55 // Infrastruktur und Seeanstoss
Park oder Stadt Das Expo-Gelände ist das Schlüsselgrundstück,
nicht bloss der Gemeinde Nidau, sondern und vor allem der Agglomeration
Biel als Ganzes. Also muss auch die ganze Agglomeration in die Planung
involviert werden. Das Areal liegt im Zentrum der real vorhandenen Stadt
mit fast 100 000 Einwohnern. Wo in der Schweiz gibt es noch eine Baulandreserve mit Seeanstoss mitten in der Stadt?
Eigentlich gibt es nur zwei ernsthafte Möglichkeiten: Park oder Stadt. Entweder macht man aus der grossen Fläche (rund 115 000 Quadratmeter)
einen Park und verzichtet auf alle Einnahmen, hat aber die Investitionsund Unterhaltskosten zu tragen. Das vermag die Gemeinde Nidau nicht zu
verkraften, es müsste also zwingend eine Agglomerationslösung sein. Oder
man baut ein Stück Stadt, dicht, zukunftsgerichtet, steuerbringend. Das
Schlimmste wäre, auf diesem Filetgrundstück das Landesübliche zu bauen:
ein Prokuristenquartier. Dafür ist es zu wichtig und zu schade.
«Agglolac» hat gezündet. Die Städte Biel und Nidau arbeiten nun zusammen, wobei die Planungs- und Projektierungskosten geteilt werden. Zuerst
galt es, die Machbarkeit abzuklären. Sind die Kanäle überhaupt durchflutet
oder nur Brackwassersammler? Es fliesst, sagen die Hydraulikingenieure.
Was ist mit den Altlasten? Es hat, aber es geht, antworten die Entsorgungsspezialisten. Und wie sieht es mit den Finanzen aus? Die rund 100 Millionen
Franken, die die Aufzonung als Mehrwert generiert, reichen aus, die Infrastrukturmassnahmen zu bezahlen, beruhigen die Immobilienleute. Es ist
das bekannte Bieler Modell: Der Mehrwert wird nicht privatisiert, sondern
in die Infrastruktur investiert. Noch bevor die Machbarkeitsstudie definitiv
vorliegt, zeichnet sich bereits ab: Es geht. Jetzt müssen die Gemeinderäte
von Nidau und Biel entscheiden, ob sie die Kredite bei ihren Parlamenten
beantragen wollen. Dann wird die Machbarkeitsstudie den Teilnehmern des
Wettbewerbs abgegeben. Dieser stellt die Aufgabe: Wisst ihr etwas Besseres als «Agglolac»? Das Projekt «Agglolac» wird von allen drei Varianten
der Autobahn kaum berührt, der Autobahntunnel führt nördlich daran vorbei.
im Sog von «Agglolac» «Agglolac» hat Sogwirkung. Das Projekt
hat sich in den Köpfen der Bevölkerung und der Politiker fest eingenistet.
Es wäre die Verlängerung des Masterplans Bahnhof Richtung See, der zweite, endgültige Schritt, der das Ufer erreicht. Das Regiotram geriet bereits
in den Sog. Wenn «Agglolac» kommt, dann sollte es mit dem Regiotram
auch erschlossen werden, was mit der bestehenden Linienführung (Variante
«Hindedüre») nicht der Fall ist. Darum sprechen für die Variante Stettli zwei
gute Gründe: Das Tram soll wie in der Bahnhofstrasse dort fahren, wo die
Leute sind, und es kommt näher an «Agglolac» heran.
Die Autobahnplanung spielte eine Zeit lang mit einer Führung weiter südlich als heute geplant, sie hätte «Agglolac» gestreift und zu zahlreichen
Abbrüchen geführt. Diese Lücken füllten die Planer auf dem Papier wieder
auf und entdeckten dabei die Verlängerung des Projekts «Agglolac» über
die Zihl hinweg. Dort stehen heute Altbauten ohne denkmalpflegerischen
Wert. Einige Grundstücke gehören der Stadt, andere Privaten, die für ein
vergrössertes «Agglolac» gewonnen werden sollen.
Die Berner Fachhochschule (BFH) ist in den drei Agglomerationen Bern,
Biel und Burgdorf auf 32 Standorte verteilt. Der Regierungsrat kam zum
Schluss: Konzentration ist nötig. Biel kann mithalten. Auf dem Masterplangelände hinter dem Bahnhof gibt es strategische Grundstücke, die sich für
die Lehr- und Verwaltungsgebäude eines Campus eignen, und im Bözingenfeld neben der Holzfachschule ist Platz für Forschung und Entwicklung.
Der Verteilkampf zwischen Bern, Biel und Burgdorf ist also neu entbrannt,
und Biel hofft, seine Verluste wettzumachen. Vielleicht gelingt es sogar,
die Architekturschule wieder nach Biel zu holen. Das Stadtplanungsamt
jedenfalls hat bereits erste Überlegungen angestellt, wie der «Campus»
aussehen könnte. Man sieht auf dem Vogelschaubild drei grosse Blöcke für
die Lehre und beim Bahnhof ein Hochhaus. Das Dreieck des Walser-Platzes
wird noch zweimal wiederholt, ein zweites Hochhaus schliesst den Platz
gegen die Zihl ab. Biel ist noch lange nicht gebaut.
_
Lernen aus der Geschichte. Die städtische Dichte ist
in der Altstadt bereits Tatsache. Sie fände auf dem ExpoGelände bequem Platz. Plan: Urs Külling
Der Agglomeration eine neue Mitte. Mit der Seestadt macht
Biel den zweiten, endgültigen Schritt zum See. Vorne das Schloss
Nidau, rechts der mögliche Campus der Fachhochschule.
Illustration: René Giger
B
So könnte der Campus aussehen.
Das Regiotram ist mit der Variante Stettli
eingetragen. Illustrationen: René Giger
C
Ein Blick auf die zukünftige Seestadt.
Biel will Stadt bauen, nicht Vorstadt.
A
Lernen von der Geschichte. Nidau war eine
Wasserstadt siehe Zeitschnitte Seite 30, die Seestadt
wird es wieder. Drei Linienführungen fürs
Regiotram: A Variante Stettli, B Untervariante
«Walserknick», C Variante «Hindedüre». Plan: :mlzd
Eine Stadt bricht auf
Dieses Sonderheft erzählt die Geschichte vom
Wiederaufstieg Biels. Die Uhrenkrise traf
die Stadt empfindlich, in den Achtzigerjahren
war Biel grau, trist, verarmt und depresso.
Heute ist die Stadt farbig, lebensfroh, hablich
und hoffnungsvoll. Wie kam das? Da war
zuerst die Expo.02, die alle zur Zusammenarbeit
und zu mehr Geschwindigkeit zwang.
Doch das genügte nicht. Um die Stadt wieder
zum Blühen zu bringen, brauchte es auch
die stabilen Marken, die vorhandenen Fachleu­
te, die Sprachkompetenz und die Entwick­
lungspolitik. Im Zentrum dieses Heftes steht die
Stadtentwicklung. Ein Viertel des Bieler
Bodens gehört Biel. Damit hat die Stadt eine
weitsichtige Politik betrieben. Jetzt sind
die ersten Ergebnisse zu besichtigen, und man
stellt fest: Biel, eine Stadt bricht auf.
Arthur Waser Stiftung, Luzern
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