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100 Tage mit der Praxisgebühr - wie ist es gelaufen?

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Kammerinformationen
Änderung des Heilberufsgesetzes
Kammer verkleinert – künftig nur noch 64 Sitze
Nach einer Änderung des Heilberufsgesetzes für das Land Brandenburg wird die Kammerversammlung der Landesärztekammer Brandenburg in der kommenden Legislaturperiode nur noch 64 Sitze und Delegierte umfassen.
Für diese Verkleinerung hatten sich die Kammerdelegierten auf der 14. Kammerversammlung am 29. November 2003 im
Hotel Berliner Ring einmütig ausgesprochen.
(hak)
Umfrage unter Ärzten im Land Brandenburg:
100 Tage mit der Praxisgebühr – wie ist es gelaufen?
Sind viele Patienten geschockt oder weggeblieben?
„Leere Wartezimmer in Brandenburg“ titelte
eine große Tageszeitung reißerisch Anfang
April und suggerierte die Frage: Werden bislang oft überlastete Ärzte im Lande nach Einführung der Praxisgebühr arbeitslos?
Das wohl kaum, aber von „dramatischen“,
zumeist „zweistelligen Patientenrückgängen
bei Fachärzten“ schrieben viele Gazetten,
berichteten zahlreiche Funkmedien.
Das Thema ist natürlich auch für das „Brandenburgische Ärzteblatt“ interessant. Wir
starteten deshalb eine Telefon-Kurzumfrage:
Wie lief es beim Kassieren der Praxisgebühr? Blieben tatsächlich sehr viele Patienten wegen des Geldes weg? Welche Erfahrungen machten hiesige Ärzte unter den
neuen Bedingungen durch das GKV-Modernisierungsgesetz?
Die Antworten, die wegen der Zufälligkeit
der Auswahl keinesfalls den Anspruch auf
Repräsentativität erheben können, zeigen
dennoch einige Tendenzen auf: Bei Allgemeinmedizinern ist der Patientenrückgang
oft kaum der Rede wert, bei Fachärzten hingegen macht er sich mitunter schon recht
schmerzhaft am Honorar bemerkbar. Die
Praxisgebühr bleibt zwar ein ungeliebtes
Kind, weil sie zusätzlichen bürokratischen
Aufwand bedeutet, aber ein „Chaos“ verursachte sie ungeachtet vieler (medialer) Unkenrufe zum Glück nicht. Die meisten Ärzte
hatten sich sehr gut vorbereitet, die überwiegende Mehrheit der Patientenschaft auch.
Viel Spaß beim Lesen!
Hans-Albrecht Kühne
Weniger Bagatellen
Dr. med. Hans-Joachim Jaster, FA für Allgemeinmedizin/Sportmedizin, Falkensee:
Zu mir kamen etwa 5 % weniger Patienten als
im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Positiv
finde ich: Die Zahl derjenigen, die mit Baga-
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Brandenburgisches Ärzteblatt 5/2004 • 14. Jahrgang
tellerkrankungen
zu
mir kommen, ist stark
zurückgegangen.
Bei
Überweisungen
kann ich steuernd eingreifen und muss den
massenhaft geäußerten Wünschen nicht in
jedem Fall nachkommen. Wenn mir zum
Beispiel jemand erzählt, dass ihn sein Urologe zum Anfang des
Quartals einfach nur
so sehen will, gibt’s bei
mir die Überweisung
nicht. Da muss mir der
Kollege schon einen
Brief schreiben mit vernünftiger Diagnose.
Patientenebbe in Arztpraxen? Ganz so schlimm ist es nach Einführung der
Praxisgebühr doch nicht gekommen.
Foto: Kühne
Mehr mit Überweisungen
Thomas Pap, FA für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Cottbus:
Meine Patientenzahlen haben sich nicht verändert. Bis 18 braucht ja auch niemand die
Praxisgebühr zu bezahlen. Es kommen jetzt
aber mehr mit Überweisungen, weil sie sich
wohl nicht ganz sicher sind, ob sie ansonsten
vielleicht doch bezahlen müssten.
Infarkt verschleiert
Dr. med. Uta Krieg, FÄ für Allgemeinmedizin/Sportmedizin, Schönwalde:
5 % weniger. Durchschnittlich habe ich 1800
Scheine pro Quartal, diesmal waren es 1700.
Aber da im letzten Quartal des Vorjahres
2000 Patienten kamen, denke ich, einige haben sich „bevorratet“. Auffällig: Junge Leute
zwischen 18 und 22, die mal eben schnell
den Arzt aufsuchen wegen einer kurzfristigen Arbeitsbefreiung, die „Montagsfußballer“, kommen jetzt weniger. Das ist positiv.
Negativ: Manche Rentner, oft Multi-Morbide,
hangeln sich wegen der Praxisgebühr über
die Quartalsgrenze. Mit fatalen Folgen. Ein
Patient, der am Mittwoch, 31. März, umgefallen war, kam erst Anfang April und hatte
einen Infarkt „verschleiert“.
Ein anderer hatte eine eitrige Angina verschleppt. Ihm musste im Krankenhaus eine
Herzklappe eingesetzt werden.
Die 10 Euro verändern auch das Anspruchsdenken. Einige Patienten wollen jetzt mehr an
Behandlung, schließlich haben sie ja die Praxisgebühr bezahlt.
Am meisten nervt mich dieses elende RedenMüssen. Dieses dauernde reden über Politik,
wo wir doch genügend Wichtigeres zu tun
hätten.
Wenn Gynäkologen jetzt geringere Patientenzahlen haben, könnte das daran liegen, das
sich viele Patientinnen ihr Pillenrezept beim
Hausarzt abholen. Es hat in der Folge sogar
schon Rundschreiben von Gynäkologen gegeben, wir möchten doch bitte keine Pillen
mehr verschreiben...
Kammerinformationen
Gefahren bei Schizophrenen
Dr. med. Frank Kühn, FA für Psychiatrie,
Oranienburg:
Klar und eindeutig, es hat so gut wie keinen
Patientenrückgang gegeben. 1328 Patienten
waren es in den ersten drei Monaten 2003,
diesmal 1290. Aber ich hatte auch dieses Jahr
ein oder zwei Tage weniger Sprechstunde.
Knapp 1000 Patienten kamen mit Überweisungen. Und da scheint mir sich die Reform
ins Gegenteil zu kehren. Viele Patienten dachten anscheinend, ´zu Dr. Kühn kann ich nur
noch mit Überweisung kommen´ und haben
sich die vom Hausarzt geholt. Das aber kann
nicht Sinn und Zweck der Änderungen gewesen sein.
Der Trend der Monate Januar bis März hat
sich in den ersten Apriltagen fortgesetzt.
Gefahren sehe ich bei schizophrenen Patienten, die sich wegen der Gebühren weigern,
Rezepte an- und Medikamente einzunehmen.
Das führt zu Krankenhausaufnahmen und in
deren Folge zu höheren Kosten. Diese Patienten sollten eine Befreiung von der Kasse bekommen.
Persönlich bin ich mit dem Verlauf der ersten
Monate nicht unzufrieden. Wir haben uns
rechtzeitig auf die Veränderungen eingestellt.
Die Praxisgebühr wird von den meisten ohne
murren gezahlt.
Probleme sehe ich bei der Herausnahme
einiger pflanzlicher Arzneimittel aus der
Verordnungsfähigkeit, wobei einige sedierende Stoffe und Substanzen zur Behandlung von Neuropathien zu nennen wären.
Hier könnte unter Umständen lediglich ein
Wechsel auf ein verordnungsfähiges Medikament erfolgen, das dann teilweise auch einen höheren Preis hat, was natürlich auch zu
Lasten der Kassen geht.
Kein „Aufklärer für Kassengebühr“
Dipl.-Med. Astrid Tributh, FÄ für Allgemeinmedizin und Sportmedizin, Potsdam:
Die Scheinzahlen sind ungefähr gleich geblieben, die Krankheitsbilder haben sich etwas
verschoben. Weggefallen sind Patienten, die
das so genannte Arzt-Hopping betrieben haben. Weggefallen sind aber auch Patienten,
die mir zum Beispiel von umliegenden Ärzten
wegen ihrer Rückenschmerzen geschickt worden waren. Das finde ich, als spezieller
Schmerztherapeut, schon bedauerlich und
nicht kollegial.
Das Einziehen der 10 Euro bedeutet einen
größeren Arbeitsaufwand. Ich fühle mich ausgenutzt. Ich bin doch kein Aufklärer für Praxisgebühr. Das wäre doch Aufgabe der Kassen.
Ich habe mit einigen HNO-Ärzten gesprochen, zu denen in den ersten Monaten weniger Patienten kamen, die deswegen aber
nicht böse sind, weil Patienten mit Husten und
Schnupfen jetzt primär zum Hausarzt gehen.
Ähnliches trifft auf Hautärzte zu. Patienten
müssen nicht wegen jedem Pickel, jeder Flechte zu ihnen rennen. Da gehen viele jetzt erst
mal zum Hausarzt.
„Ersatzverfahren“ fielen weg
Dr. med. Susanne Knappe,
FÄ für Innere Medizin, Cottbus:
Bei uns hat es keinen Rückgang der Patientenzahlen gegeben. Wir hatten sogar etwas
mehr zu tun, aber das ist für Wintermonate
nicht untypisch. Lehrlinge oder Studenten, die
mal einen Tag krankgeschrieben werden wollten, kamen kaum noch. Die Studenten, vor allem Ausländer, die mich aufsuchten, waren
zumeist echt krank.
Und so genannte Ersatzverfahren, die es
früher immer mal gegeben hatte, fielen jetzt
wegen der Praxisgebühr weg.
Dr. med. Susanne Knappe
15 bis 18 Prozent weniger
Dipl.-Med. Torsten Fischer,
FA für Orthopädie, Forst:
Schwierigkeiten mit der Praxisgebühr gab es
keine. 10 Euro oder Überweisung, ansonsten
gab’s keine Behandlung – das habe ich knallhart durchgezogen. Patienten waren es in den
ersten drei Monaten zwischen 15 und 18 Prozent weniger. Das merkt man schon, denn das
sind die Scheine, die das Geld bringen. Ich
hoffe, es werden wieder ein paar mehr. Die
Wartezeit beträgt bei uns nur eine Woche.
Das ist eine Frage der Organisation.
Existenzbedrohender Rückgang
Gisela Rambow, FÄ für Dermatologie/
Allergolie, Frankfurt/Oder:
Bei mir war der Patientenrückgang in den ersten drei Monaten alarmierend: 35 Prozent!
Ich sitze heute Morgen hier allein mit den
Schwestern. Wenn sich das so fortsetzt, ist es
existenzbedrohend. Was man dagegen tun
kann? Als erstes werde ich wohl am Personal
sparen müssen. Von der KV bin ich enttäuscht.
Die scheint das nicht zu interessieren. Letzte
Nacht hatte ich Bereitschaftsdienst. Heute früh
wollte ich mich danach abmelden, aber das
Fax der KVBB funktionierte nicht, nur die gebührenpflichtige Telefonnummer. Das ist doch
Abzocke!
An Fahrtkosten wird gespart
Dr. med. Barb Pflug, FÄ für Allgemeinmedizin/Homöopathie, Lindenberg:
Der Rückgang der Patientenzahl ist bei mir –
im Unterschied zu manchen Frauenärzten,
Hautärzten oder Neurologen – minimal geblieben. Ich betreue eine Landklientel. Die
Leute jammern zwar ein bisschen wegen der
Praxisgebühr oder den erhöhten Zuzahlungen, halten das aber in der Regel geduldig
aus. Wenn manche Kollegen weniger Patienten haben, könnte das auch daran liegen,
dass viele Patienten jetzt eher an Fahrtkosten
sparen. Ein Sozialhilfeempfänger, der zu mir
kam hatte für die 10 Euro Praxisgebühr sein
Sparschwein geknackt. Das zu hören tat
schon weh.
Viele unschöne Diskussionen
Elke Köhler, FÄ für Allgemeinmedizin,
Jüterbog:
Meine Patientenzahlen haben sich nicht verändert. Zu mir kommt vor allem Stammkundschaft. Bei der Praxisgebühr fällt mir auf, dass
im 2. Quartal mehr darüber diskutiert wird.
Viele meinen, sie müssten jetzt schon befreit
sein, aber dazu brauchen sie die Bestätigung
der Krankenkasse. Auch vielen DMP-Patienten ist nicht klar, dass sie zwar keine 10 Euro
Praxisgebühr zu bezahlen brauchen, aber die
Zuzahlungsbefreiung für Medikamente erst
greift, wenn die Zuzahlung 1 Prozent ihres
jährlichen Bruttoeinkommens übersteigt. Da
gibt es viele unschöne Diskussionen.
Elke Köhler
Fast alle zahlten „Cash“
Dr. med. Friedhart Federlein, FA für Kinderund Jugendmedizin, Frankfurt/Oder:
Für mich als Kinderarzt ist die Praxisgebühr
naturgemäß nicht von Belang. Für meine
Frau, sie ist Allgemeinmedizinerin, mit der
ich in einer fachübergreifenden Gemeinschaftspraxis arbeite, brachte die Gebühr
Brandenburgisches Ärzteblatt 5/2004 • 14. Jahrgang
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Kammerinformationen
aber auch keine Probleme. Es kamen ungefähr 10 Prozent weniger Patienten. Die zahlten alle „Cash“. Wir haben ein gutes Computersystem, das zeigt an, wer bezahlen muss
und wer nicht bzw. wer schon bezahlt hat. Ich
bringe das Geld jeden Tag zur Bank, habe
dort ein separates Konto für die Praxisgebühr
eröffnet. So ist – zu unserer Sicherheit – nie
viel Bargeld in der Praxis und ich weiß immer
über den Kontostand Bescheid.
Dr. med. Friedhart Federlein
Fotos: Kühne
Wie ein Hamster im Rad
Dr. med. Patricia Hirsch,
FÄ für Radiologie, Beelitz:
Im Januar ging es schleppend los, aber im
Laufe des Quartals hat es sich gebessert, so
dass ich etwa auf meinen Durchschnittswert
gekommen bin. Toi, toi, toi, denn von umliegenden Kollegen hörte ich, dass zu ihnen
deutlich weniger Patienten kamen.
Mit der Praxisgebühr gab es keine Probleme.
Ich bin ja eine „Überweisungspraxis“. Nur
zwei Patienten haben etwas „gemoopt“.
Die neuen Ankündigungen zum EBM sind für
Radiologen fürchterlich, dann wird es finanzi-
ell eng. CT, MRT – das geht nicht über die
Masse! Die Zukunft ist also ziemlich ungewiss.
Auch unter dem Aspekt, dass es sehr schwer
ist, eine Vertretung zu bekommen. Und die
würde 300 bis 400 Euro pro Tag kosten. So
arbeite ich erst mal weiter und fühle mich wie
ein Hamster im Rad. Ich habe seit ´98 keinen
Urlaub gemacht...
Einbrüche beim Bereitschaftsdienst
Dr. med. Volkmar Skerra,
FA für Allgemeinmedizin, Potsdam:
Die Patientenzahlen sind ganz leicht rückläufig, die Praxisgebühr war kein Problem.
Schon eher die Zuzahlungen bei Medikamenten und Physiotherapieleistungen. Manche
Patienten scheinen, nachdem sie wissen, was
sie jetzt zuzahlen müssen, bestimmte Leistungen nicht mehr regelmäßig in Anspruch nehmen zu wollen.
Erhebliche Einbrüche gibt es beim Bereitschaftsdienst. Letzte Nacht hatte ich einen
„realen“ Einsatz und zwei oder drei Telefongespräche. Im 4. Quartal kam ich bei sechs
Diensten nie unter acht Einsätzen weg, in diesem Jahr waren sechs Einsätze bisher das
höchste.
Schon wieder „knacke voll“
Dr. Kaj-Peter Schmollack, FA für Haut- und
Geschlechtskrankheiten, Frankfurt/Oder:
Es kamen schon weniger Patienten als üblich,
aber der Rückgang, so um die 15 Prozent, fiel
nicht so schlimm aus, wie ich befürchtet hatte.
Im Januar war es ausgesprochen leer, im Februar und März aber schon wieder „knacke
voll“. Dass der Rückgang bei mir geringer als
bei anderen Kollegen war, kann auch daran
liegen, dass ich viele Dauerbehandlungen
und Tumornachsorgen habe. Um die Praxis-
Die neue Versichertenkarte
Brandenburgisches Ärzteblatt 5/2004 • 14. Jahrgang
gebühr gab es – von einigen Ausnahmen abgesehen – erstaunlich wenig Aufregung.
Natürlich muss ich sehr viel erklären, viel
mehr reden als früher. Und diese Zeit fehlt mir
bei der Behandlung.
Den ersten Schock verdaut
Dr. med. Gabriela Willbold, FÄ für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Cottbus:
Der Patientenandrang ist etwas weniger geworden, so um die 10 Prozent. Aber wie ich
diese Zahl bewerten soll, kann ich noch nicht
sagen. Ich hatte im ersten Quartal ja auch Urlaub. Im Januar war der Rückgang offensichtlich, doch nachdem viele anscheinend den ersten Schock verdaut hatten, normalisierte sich
der Betrieb im Februar und März wieder.
Eigentlich hätte ich jetzt Mittagspause, schauen Sie nur mal in mein Wartezimmer, da warten noch sechs, acht Patientinnen. Ich kann
also nicht klagen. Auch mit dem Kassieren der
Praxisgebühr gab es keine Probleme. Entweder kommen meine Patientinnen mit einer
Überweisung oder sie zahlen.
Hurra, die Reform ist ein Volltreffer!
Zeichnungen: MR PD Dr. Wilfrid Seifart, Bernau
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Dr. med. Volkmar Skerra
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