close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Isola – Gefangen im Käfig Wie muss es sich anfühlen - Ethnocineca

EinbettenHerunterladen
 Isola – Gefangen im Käfig Wie muss es sich anfühlen, genau zu wissen, dass man nie wieder in Freiheit leben darf? Wie bewältigt man den Alltag, ohne daran zugrunde zu gehen? Welchen Einfluss hat dies auf den Körper und die Psy‐
che? Diese und ähnliche Fragen stellt sich Alessandro de Filippo in seinem neuen Dokumentarfilm ISOLA. Er zeigt das alltägliche und unmaßgebliche Leben zweier Brüder, die zu einer lebenslangen Haft in einem Gefängnis in Catania (Sizilien) verurteilt worden sind. Eine Filmrezension von Stefanie Plunger
Eingesperrt und isoliert von der Außenwelt haben An‐
gelo und Carmelo bereits drei Jahre in der landesge‐
richtlichen Strafanstalt in Catania abgesessen. Der Zugang nach „draußen“ wird ihnen verweigert. Ihr Le‐
ben, das nicht viel Abwechslung bietet, spielt sich nur hinter den Mauern des Gefängnisses ab. Im Freien hört man Vogelgezwitscher und Naturgeräusche. Die zwei Brüder können nur davon träumen, einmal wieder den Frühling in seiner vollen Blüte zu erfahren. Ihre gedan‐
kenversunkenen Blicke sind in die Freiheit gerichtet. Es wirkt so, als ob sie die Ferne suchen würden, denn die‐
se symbolisiert Freiheit. Sie müssen sich den täglichen Herausforderungen stellen, den vorgeschriebenen Strukturen anpassen und den Tagesablauf bewältigen. Vergebung und Vergessen Sport spielt eine zentrale Rolle für Angelo. Sucht er durch die körperliche Anstrengung eine Art Katharsis? Vergisst er durch das strenge Trainieren seines Körpers die Taten, die er begangen hat? Reinigt die körperliche Betätigung seinen Geist? Sein Tag hat einen monoto‐
nen Ablauf und im Zentrum steht immer der Sport. Ent‐
weder stemmt er Gewichte oder er läuft immer wieder die selbe Runde auf dem geteerten Sportplatz. Seine wiederholten, verzweifelten und absurden Bewegun‐
gen bringen seine innere Unruhe zum Ausdruck. Im Ge‐
räteraum läuft er auf und ab, seinen Blick nach unten oder Richtung Fenster gerichtet. Könnte er nach Verge‐
bung suchen?
Sorgfältig sucht Angelo seine Zeichenutensilien zusam‐
men. Auf einem Foto, das er mit Bleistift abzeichnet, ist er mit seiner Frau und seiner Tochter zu sehen. Angelo bemüht sich sehr genau zu arbeiten und realistisch zu zeichnen. Aus kurzen, feinen und genauen Linien ent‐
steht ein aussagekräftiges Bild. Auch jetzt schweift sein Blick aus dem Fenster. Denkt er an seine Familie, die nun ein Leben ohne ihn führen und alleine zurechtkom‐
men muss? Alessandro de Filippo stellt die Protagonisten seines Films in all ihrer Ambivalenz und Komplexität vor. So verkörpert Angelo einerseits durch die harte und kör‐
perliche Betätigung Unzerbrechlichkeit und Disziplin, andererseits spiegeln sich durch das künstlerische Schaffen seine Sehnsüchte, seine sensiblen und wei‐
chen Charaktereigenschaften wider. „Das Gute“ und „das Böse“ Carmelo wird interviewt; er ist bereit, über das Leben in Haft zu sprechen. In Form von Erzählungen und Er‐
klärungen versucht er die Tage im Gefängnis zu schil‐
dern. Ein „normales“ Leben kann man dort nicht führen. Die ständige Überwachung und Kontrolle von den Wächtern vermittelt das Gefühl, wie in einem Käfig eingesperrt zu sein. Die Institution, in der sich die bei‐
den Brüder befinden, plant den gesamten Tagesablauf der Inhaftierten. Es besteht kein Freiraum bzw. Spiel‐
raum für eigene Entscheidungen oder Vorstellungen der Lebensführung. Der Tag wird von einem bedrücken‐
den Gefühl begleitet. Die Isolierung und Abschottung von der Außenwelt wirkt sich auf die Psyche der Häft‐
linge aus. Die ständige Auseinandersetzung mit sich selbst führt zu Selbstgesprächen, inneren Konflikten und einer innerlichen Zerrissenheit. Als existiere in ei‐
nem „das Gute“ und „das Böse“. Diese zwei Faktoren sorgen für einen Zwiespalt der Persönlichkeit. Zwei Pole stehen sich gegenüber: „Das Böse“ sorgte für die missli‐
che Lage und „das Gute“ stellt sich die Frage, wie es so weit kommen konnte. Bringt diese Selbstreflexion Klar‐
heit über die begangenen Taten? Wenn ja, ist es dann möglich, das beherrschende schlechte Gewissen zu mindern? Oder verspüren die Häftlinge überhaupt ein solches? Das Gefängnis als Insel
Angelo befindet sich im Geräteraum und im Hinter‐
grund läuft immerzu Radiomusik. Zu hören sind italieni‐
sche SängerInnen, die von Liebe, Gefühlen, Hoffnung und davon wie schön das Leben sein kann, singen. Es sind nur wenig Nachrichten zu hören, doch eine Mel‐
dung sticht heraus: 50 Flüchtlinge kommen mit Booten auf Lampedusa an. Die Situation der Flüchtlinge ist ver‐
gleichbar mit jener der Häftlingen. Beide Male sind Menschen durch die Macht anderer Menschen gefan‐
gen. Eine direkte Fragestellung kristallisiert sich auch mit diesem Vergleich nicht aus dem Film heraus. Es wäre jedoch möglich, dass de Filippo das Leben im Gefängnis mit dem Leben auf einer einsamen Insel in Beziehung setzt. Der Dokumentarfilm spielt nicht umsonst mit der Doppelbedeutung seines Titels ISOLA: „Insel“ und „Iso‐
lierung“. Musik und Ton im Wechselspiel Vogelgezwitscher und beruhigende, feine, fast melan‐
cholische anmutende Naturgeräusche ziehen sich durch den gesamten, knapp 30 Minuten langen Film. Die ruhigen Naturgeräusche könnten für das einsame, stille und schweigsame Leben stehen, das im Gefängnis geführt wird. Die Hintergrundmusik unterstreicht zu‐
sätzlich die Situation, in der sich die beiden Männer be‐
finden und trägt zur tristen Grundstimmung bei. Transparent und zugleich ausdrucksstark ISOLA hat einen geradlinigen Filmaufbau. Kurze Inter‐
views, bei denen nur den Häftling, aber nicht die Frage‐
stellungen des Interviewers zu hören sind, wechseln sich mit langen Sport – und Zeichenszenen ab. (Selbst‐
gewählte) Isolierung herrscht auch zwischen den Män‐
nern. Es werden so gut wie nie Dialoge geführt. de Filippo arbeitet stark mit der Mimik und Gestik der Häftlinge und versucht so ohne Worte das Gefühl zu vermitteln, in einem Gefängnis eingesperrt zu sein. So gibt er nur einem der Häftlinge die Chance, über seinen zermürbenden Alltag zu berichten. Was dieser zu be‐
schreiben versucht, zeigt sein Bruder nonverbal mittels seiner ausdrucksstarker Körpersprache. Gemeinsam ge‐
lingt es den Akteuren, ihr Leben der Außenwelt zu de‐
monstrieren. Der/ die ZuschauerIn kann sich in das monotone, ermüdende, schwermütige, trostlose, graue und kühle Leben hineinversetzen. Die langsamen, gleichförmigen Kameraeinstellungen unterstreichen die Umstände im Gefängnis. Die Nähe der Kamera bei der körperlicher Anstrengung der Männer bringt ihren Schmerz zum Ausdruck.
Struktureller Rahmen
Um überhaupt Zugang zu den beiden Häftlingen zu be‐
kommen, bedurfte es der Mitwirkung all jener Men‐
schen, die die strengen Strukturen der Strafanstalt aufrecht erhalten: der Direktor Giovanni Rizza, der Ge‐
neraldirektor Sabastiano Ardita und der Verantwortli‐
che des erzieherischen Bereiches Maurizio Battaglia. Darüber hinaus entstand der Film unter der Obhut der Gefängnisverwaltungsabteilung des Justizministeriums und mit Hilfe des Rechtsbeistandes der Fakultät für Geisteswissenschaften und Philosophie der Universität von Catania. Das dynamische und tatkräftige Mitwirken dieser Institutionen zeigt, wie wichtig es war, diesen Film an die Öffentlichkeit zu bringen. So verweist die Präsenz dieser Organe auf die heiklen strukturellen Be‐
dingungen während des Drehs und kann gleichzeitig die Authentizität des Films unterstreichen.
Quintessenz
Mit seinem beobachtenden Filmstil, der auf jegliche Art des Kommentars verzichtet, bemüht sich Alessandro de Filippo, die „Gefängnisrealität“ widerzuspiegeln und schafft es, dass sich die Geschichte über die Chronolo‐
gie der Bilder selbst erzählt. „Wahre“ Vorkommnisse aus dem Alltagsleben stehen im Vordergrund. Die ge‐
zeigten Beobachtungen werden nicht als Ergebnis eines direkten Arguments, sondern auf der Basis der Interfe‐
renz, die sich auf die historische Evidenz, also das Bild selbst bezieht, hervorgebracht. (vgl. Nichols 1988 u. 1998) So gelingt es Alessandro de Filippo mit ISOLA, die einsame Realitätserfahrung von Angelo und Carmelo filmisch zu übersetzen und dem Publikum zur Verfü‐
gung zu stellen. Quellen:
Nichols, Bill. The Voice of Documentary. In: Alan Rosen‐
thal (Hg.) New Challenges for Documentary. Berkeley/Los Angeles/London, 1988. S.48‐63. Nichols, Bill. Dokumentarfilm für Theorie und Praxis. In: Eva Hohenberger (Hg.) Bilder des Wirklichen. Texte zur Theorie des Dokumentarfilms. Berlin, 1998. S.164‐182 Stefanie Plunger studiert Kultur‐ und Sozialanthropologie. Nebenbei arbeitet sie in einem Auktionshaus, um sich das Studium zu finanzieren. In ihrer Freizeit engagiert sie sich politisch in Form von Demonstra‐
tionen und Kundgebungen gegen die Abschiebung von Flüchtlingen und MigrantInnen, um den Men‐
schen zu helfen, die von der Gesellschaft an den Rand gedrängt oder gar nicht wahrgenommen werden. Sie nimmt auch regelmäßig an der "critical mass" teil, eine Demonstration wo es darum geht sich Frei‐
raum auf den Straßen zu beschaffen und gleichzeitig propagieren die TeilnehmerInnen für das Radfah‐
ren.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
1
Dateigröße
173 KB
Tags
1/--Seiten
melden