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Bauern selbstbewusst wie „Hoeneß“ - PlantsProFood - Prolupin GmbH

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Donnerstag,
19. Januar 2012
BLICKPUNKT
3
Bauern selbstbewusst wie „Hoeneß“
Heute wird die Grüne Woche in Berlin
eröffnet. Nach zwei Krisenjahren geht es der
Land- und Ernährungswirtschaft wieder gut.
Der Antibiotika-Skandal trübt das Bild.
Von Reinhard Zweigler
Berlin – „Hoeneß“ (Foto) bringt der
Lärm in Halle 25 unter dem Berliner Funkturm nicht aus der Ruhe.
Selbstbewusst schaut er auf das geschäftige Treiben um ihn herum
und mampft dabei Heu. Der 1400
Kilogramm schwere Zuchtbulle
aus der Besamungsstation im fränkischen Neustadt an der Aisch ist
nicht nur einer der ersten Gäste der
diesjährigen Internationalen Grünen Woche, er könnte auch einer
der Publikumslieblinge werden.
Sein Betreuer Martin Seidel hat das
kräftige Tier nach dem Präsidenten
des FC Bayern München und
Wurstfabrikanten Uli Hoeneß genannt. „Er ist genau so selbstbewusst“, meint der Bayern-Fan.
Selbstbewusst geht auch die
deutsche Land- und Ernährungswirtschaft an den Start der mittlerweile 77. Grünen Woche. Der jüngste Antibiotika-Skandal trübt allerdings etwas die Stimmung.
Davon jedoch lässt sich Bauernverbandspräsident
Gerd Sonnleitner nicht
sonderlich beeindrucken. Die
Agrar- und Ernährungsbranche hat
den tiefen
Einbruch der
Bankenkrise
„äußerst stabil durchstanden“. Auch oder
gerade in schlechten Zeiten wird ordentlich gegessen
und getrunken. Der Umsatz und
die Zahl der Beschäftigten weisen
seit drei Jahren erstmals wieder ein
Plus aus. Im Vorjahr kamen allein
in der Landwirtschaft 12 000 Beschäftigte hinzu. Zurzeit arbeiten
in Ställen und auf Feldern 660 000
Menschen in 300 000 bäuerlichen
Betrieben.
Auch der Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Jürgen Abraham,
verkündet mit stolzer Brust ein Umsatzwachstum von 8,5 Prozent auf
162,2 Milliarden Euro im Vorjahr.
Nun haben die Deutschen nicht
um so viel mehr Schinken, Käse
oder Brot verzehrt oder sind zu
Quartalssäufern mutiert. Das Erfolgsgeheimnis liegt im Export.
Fast ein Drittel der Branchenumsätze wurde in europäischen Partnerländern, aber auch im arabischen
Raum oder in Russland, Indien und
China gemacht. Vor allem diesen
Exporterfolgen ist es zu verdanken, dass auch 6900 neue Arbeitsplätze in der Ernährungsindustrie
geschaffen werden konnten. Mit
550 900 Beschäftigten ist die Branche der viertgrößte Industriezweig
in Deutschland. Die florierenden
Exporte bescherten nicht nur ausländischen Gaumen deutsche Spezialitäten, sondern sie konnten
auch den Druck etwas abmildern,
den die vier großen Einzelhandelskonzerne auf die Lebensmittelbran-
che ausüben. Sonnleitner bilanziert, „dass der Lebensmittel-Einzelhandel unsere guten Qualitätsprodukte nicht mehr mit uneinsichtiger Aggressivität verschleudert“.
Freilich liege „das Gold nicht auf
dem Acker“, wie eine Sonntagszeitung angesichts der guten Ertragslage von Land- und Ernährungswirtschaft meinte. Der knallharte
Wettbewerb im Einzelhandel gehe
weiter. Hier bestimmten vier große
Konzerne über rund 80 Prozent des
Umsatzes.
Entsprechend groß ist ihre Marktmacht gegenüber den Produzenten. VDE-Chef Abraham rechnet
vor, dass die Preise in diesem Jahr
eigentlich um drei bis vier Prozent
steigen müssten, am Markt durchsetzbar dürften jedoch nur zwei Prozent sein. Gut für die Kunden im Supermarkt, eher betrüblich für die
Produzenten.
So richtig getrübt wird der Sonnenschein über dem Berliner Messegelände jedoch durch die jüngste Antibiotika-Affäre. Gerade war
nach diversen Skandalen – Dioxin,
Ehec – etwas Ruhe eingekehrt, da
werden Verbaucher wieder aufgeschreckt. Sonnleitner versucht mit
Engelsgeduld, die Sicht des Bauernverbandes zu verbreiten und
sich an die Spitze der Bewegung zu
stellen: „Wir selbst haben das allergrößte Interesse daran, Resistenzen bei Keimen zu verhindern,
schon allein deshalb, weil nur wenige Antibiotika für unsere Tiere zugelassen sind.“ Freilich gilt aber
auch, wenn Tiere erkrankten,
müssten sie vom Tierarzt behandelt und mit streng reglementierten Antibiotika versorgt werden
können. Was für Menschen im
Krankenhaus gelte, müsse auch für
Nutztiere im Stall gelten, meint
Sonnleitner.
Während er das sagt, zieht ein
paar Meter weiter der aufgeregte
Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) Gerd Billen
kräftig vom Leder. Der Staat sei seiner Verpflichtung zu einer wirksamen Lebensmittelüberwachung
nicht nachgekommen. Und er führt
strukturelle Gründe für die Misere
ins Feld. Weil die Bundesländer für
die Lebensmittelsicherheit zuständig seien, existiere in Deutschland
eine Art Schweizer Käse in Sachen
Kontrolle. 400 unterschiedliche Behörden in Kreisen und Städten seien damit befasst. Meist fehle es jedoch an Personal und Laborkapazitäten, und einen geregelten Austausch über die Grenzen von Bundesländern gebe es nicht. „Eine
zentrale Neujustierung der Lebensmittelüberwachung, weg von der
föderalen Kleinstaaterei, ist überfällig“, befindet Billen.
Für ihn steht in dieser Frage die
Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner in der Pflicht. Die
CSU-Frau solle endlich ein Gesetz
für eine zentrale Lebensmittelüberwachung auf den Weg bringen.
„Hoeneß“ hat sich inzwischen zum
geruhsamen Wiederkäuen niedergelassen.
MV auf der Agrarmesse
Trotz rückläufiger Ausstellerzahl will
der Nordosten in diesem Jahr auf der
Internationalen Grünen Woche wiederum ein Kaleidoskop der Land- und Ernährungswirtschaft sowie des Tourismus und der Gastronomie präsentieren. Weil die bisherige Länderhalle 20
komplett wegfällt, sind die über 50
Aussteller aus MV vor allem in der bekannten Halle 5.2 b vertreten.
Auf nahezu halbierter Ausstellungsfläche von 1800 Quadratmetern finden sich landestypische Bauwerke und
Abbildungen. Auch das ins Auge fallende Schiff „Gode Tide“ ist erhalten geblieben, sagte Landwirtschaftsminister
Till Backhaus (SPD) Zu den Ausstellern, die erstmals nach Berlin kommen,
gehören etwa die ProBioTan GmbH Gägelow, die Sauermilchgetränke präsentiert, die Gülden Tor GmbH aus Neubrandenburg, die Spirituosen offeriert,
sowie Dockes Fischhus aus Ahlbeck
(Usedom). Außer dem Landkreis Rostock sind die fünf anderen Kreise aus
MV in Berlin vertreten.
Geflügel-Berg
Die deutschen Bauern sind auf dem
Weg zu einer gewaltigen Überproduktion von Geflügelfleisch. Bundesweit seien Ställe für bis zu 36 Millionen Hähnchen geplant, schätzt der „Kritische
Agrarbericht 2012“. Um die bundesweite Nachfrage zu stillen, seien jedoch
3,2 Millionen neue Plätze ausreichend.
Der Bericht von Bauern, Umwelt- und
Tierschützern sagt zudem einen ruinösen Preiskampf der Hähnchenmäster
in Deutschland voraus. Derzeit gebe es
schon etwa 80 Millionen Mastplätze,
der Verbrauch wachse aber nur noch
verhalten. Und beim Export kämen die
deutschen Produzenten gegen die Konzerne aus Brasilien und den USA ohnehin nicht an.
Zugriff: In diesem Jahr rechnen die Veranstalter mit mehr als 400 000 Besuchern auf der Grünen Woche. Und Käse von Frau Antje aus Holland wie im vergangenen Jahr wird es auch wieder geben.Foto: dpa
Auftrieb:
Kuh „Elsa“ ist
die Werbefigur
der Grünen
Woche. Hier fährt
sie mit zwei
Helfern auf
der Rolltreppe
hoch zum
Pressezentrum.
Kritisiert wird in dem Agrarbericht
auch die anhaltende Spekulation mit
Agrarrohstoffen. Warentermingeschäfte mit Weizen oder Soja müssten eingeschränkt werden. Die Spekulation
damit sei einer der entscheidenden
Faktoren für steigende Preise und für
wachsenden Hunger in der Welt. Experten warnen zudem vor einem Raubbau an den Wäldern, um im Zuge der
Energiewende wieder mehr Holz als
Brennstoff zu gewinnen.
Tageskarte 12 Euro
Vom 19. bis zum 29. Januar läuft die
Grüne Woche auf dem Messegelände
in Berlin. Nach der Eröffnung heute
Abend hat sie täglich von 10 bis 18
Uhr geöffnet, an den beiden Sonnabenden und am letzten Freitag bis 20 Uhr.
Foto: dpa
Prost (v. l.): Jürgen
Abraham (Vorsitzender der Bundesvereinigung
der Deutschen Ernährungsindustrie), Messe-Geschäftsführer
Christian Goeke
und Bauernpräsident Gerd SonnFoto: dapd
leitner.
Eine Tageskarte kostet zwölf Euro, ermäßigt acht Euro. Gruppen ab zehn
Personen zahlen zehn Euro, Kinder unter sechs Jahren haben freien Eintritt.
Eine Dauerkarte kostet 39 Euro, eine
Familienkarte 26 Euro.
Man sollte nach Möglichkeit öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Messe
Süd: S-Bahnhof Eichkamp; Messe
Nord: S-Bahnhöfe Witzleben und Westkreuz; U-Bahnhöfe: Theodor-Heuss-Platz und Kaiserdamm.
Info: www.gruenewoche.de
Nach jahrelanger Forschung: Die Blaue Lupine wird verwurstet
Rostock – Nach jahrelanger Forschung hat die Blaue Süßlupine
den Sprung als Eiweißlieferant in
die Ernährungsindustrie geschafft.
Damit könnten hochwertige, rein
pflanzliche Lebensmittel hergestellt werden, sagte die Geschäftsführerin der Neubrandenburger
Prolupin GmbH, Katrin Petersen,
gestern in Rostock. „Wir können tierische Eiweiße ersetzen.“ Dazu gehörten Milch, Fleisch, Fett oder Ei.
Die Lupine könnte daGuten Appetit:
Katrin Petersen,
Geschäftsführerin
von ProLupin,
zeigt Würstchen
mit Lupinen-Eiweiß.
Fotos: Söllner
mit einen Teil des Sojamarktes
übernehmen.
Aus den Früchten der Lupine
wird zunächst ein hochreines Eiweißisolat
hergestellt, das
dann verschiedene tierische
Eiweiße in den
Lebensmitteln
ersetzen könnte. Derzeit wer-
de die Pflanze als Zusatzstoff beispielsweise in Speiseeis, Kuchen
oder Würstchen verwendet. Die Lupineneiweiße könnten in der Wurst
Fett ersetzen. Die Verminderung
der Kalorien trage zu einer Verbesserung der Ernährung bei. Inzwischen habe eine bundesweite Lebensmittelkette das Lupinen-Speiseeis im Angebot,
sagte Petersen.
Vier Lebensmittelunternehmen aus MV, unter anderem
Fleischverarbeiter und Bäcker,
hätten den Probebetrieb
aufgenommen. Der
nächste Schritt
sei nun, rein
pflanzliche
Wurstund
Fleisch-Ersatz-
produkte auf Lupinenbasis zu entwickeln.
Die Lupine gelte als das „Soja
des Nordens“, sie gedeihe unter
den hiesigen Klimabedingungen
vorzüglich, sagte Thomas Eckardt
von der Saatzucht Steinach (Bayern). Darüber hinaus sei sie Stickstoffsammler und schließe den Boden auf. Die etwa erbsengroßen Samen der Lupine enthalten den Angaben zufolge bis zu 40 Prozent Ei-
Blaue Lupine
80
Zentimeter hoch kann die
Blaue Lupine werden. Sie
gehört zu den Schmetterlingsblütlern. Die Pflanze blüht
von Mai bis August. Die Blüten
sind purpur-violett . Ursprünglich
stammt die Lupine aus dem Mittelmeerraum. Sie gedeiht auf sandigen, kalkarmen, feuchten Böden
und steht an Wald- und Straßenrändern. Seit Beginn des 20. Jahrhun-
derts werden Sorten gezüchtet, die
sich als eiweißreiches Grünfutter für
die Viehzucht eignen. Die
Samen können auch von
Menschen gegessen werden, sie enthalten etwa
25 Prozent Fett und 40
Prozent Eiweiß.
Eis auf Basis der Lupine
gibt es schon im Handel.
weiß. Die vielen Hundert verschiedenen Eiweiße könnten in unterschiedlichen Aufbereitungen bei
der Lebensmittelverarbeitung verwendet werden. Eine der wichtigsten Aufgaben der vergangenen
Jahre sei gewesen, das Eiweiß so
zu isolieren, dass es den bitteren,
bohnigen Lupinengeschmack verliert, sagte Peter Eisner vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik in Freising (Bayern).
Derzeit werden Lupinen in
Deutschland vor allem in MV, Sachsen-Anhalt und Brandenburg auf
rund 24 000 Hektar angebaut. Der
durchschnittliche Ernteertrag liege
bei zwei bis drei Tonnen pro Hektar. In den kommenden zehn Jahren soll die Anbaufläche verzehnfacht werden.
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