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Karajan als Vaterfigur und Pädagoge - Kulturradio

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Sonntag, 12. Oktober 2014
15.04 – 17.00 Uhr
Herbert von Karajan
Eine Sendereihe von Kai Luehrs-Kaiser
15. Folge:
Papa ante portas: Karajan als Vaterfigur und Pädagoge
Herzlich willkommen, meine Damen und Herren.
In der heutigen Folge unserer Sendereihe über Herbert von Karajan begegnet uns
der unnahbare Dirigent in einer ganz und gar ungewohnten Rolle: als guter Kumpel
und Vaterfigur, als Erzieher der Jugend und Mann des musikalischen Nachwuchses.
Wirklich so ungewohnt?
Vergessen wir nicht, dass Karajan über einer ‚Nachwuchsfrage’ in den schlimmsten
Streit seiner Laufbahn geriet – nämlich bei der Berufung der jungen Klarinettistin
Sabine Meyer ins Berliner Philharmonische Orchester.
Und dass er mit niemandem stärker assoziiert wird als mit der damals blutjungen
Anne-Sophie Mutter, deren Karriere Karajan wirkungsmächtig beförderte.
Nicht nur das.
Karajan, von seinem Ende her betrachtet, erscheint fast wie ein Musik gewordener
Kinderwunsch.
Das harmloseste Stückchen Musik, das er vielleicht zeit seines Lebens dirigierte,
war nicht zufällig die „Kindersinfonie“, die in den späten 50er Jahren, als die
folgende Aufnahme entstand, der berühmtesten Vaterfigur der Musikgeschichte
zugeschrieben wurde: Leopold Mozart.
Willkommen – gleichsam – in Karajans Kindergarten.
EMI Classics
LC 06646
CDZ 25
2152 2
Track 005
Leopold Mozart
Symphonie C-Dur „Kindersinfonie“
1. Satz: Allegro
Philharmonia Orchestra
Leitung: Herbert von Karajan
(P) 1958
4’39
II (Karriereförderung)
Das war der 1. Satz: Allegro aus Leopold Mozarts Symphonie C-Dur, der
sogenannten „Kindersinfonie“.
Herbert von Karajan leitete das Philharmonia Orchestra.
Heute wird bisweilen angenommen, das Werk stamme nicht vom Vater Mozarts,
sondern von einem Komponisten namens Edmund Angerer.
Wie dem auch sein möge, wir begegnen in dieser Produktion des berühmten Walter
Legge einmal nicht einen hohepriesterlich zugeschnürten Karajan – also einem
elitär distanzierten, hochmögend in sich gekehrten Pult-Divo.
Sondern – Onkel Herbert; einem zutraulichen Primus inter pares, der einen
musikalischen Witz erzählt – wie dies Karajan übrigens gerne tat.
Herbert von Karajan – 15. Folge
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Karajans gesellige Seite war nicht sehr ausgeprägt.
Auch privat sah man ihn bestenfalls durch die Frontscheibe seines Privatflugzeugs
oder auf der Flucht vor Photographen.
Partys, Empfänge und sonstige „Stehrumchen“ mied er.
Und doch konnte Karajan, introvertiert und sonderlingshaft wie er war, zuweilen
vertraulich werden, und zwar dann, wenn es um Musikvermittlung ging.
Karajan redete nicht gern über Musik – es sind auch kaum Interviews überliefert, in
denen man ihn so weit bekommen hätte –, denn er fürchtete die Dinge „zu
zerreden“.
Redselig dagegen wurde er, wenn es um die Verbreitung der Musik ging, um die
Gewinnung neuer Hörerschichtung, um Nachwuchsförderung und Jugendarbeit.
Darin – erstaunlicherweise – sind seine Nachfolger in Berlin, Claudio Abbado und
Simon Rattle, getreue Karajaniden.
Auch sie legten starke Akzente auf den Aspekt der Publikumsförderung.
Von heute aus betrachtet, hat Karajan in Berlin in diesen Dingen denn auch fast
stärker gewirkt als in musikalischen.
Während man ihm musikalisch einiges am Zeug geflickt hat, seit er nicht mehr
unter uns ist, wurde der pädagogische Impetus seines Wirkens direkt fortgesetzt.
Ihn selbst hätte dieser Sachverhalt gewiss verwundert.
Denn Karajan war es zu Lebzeiten gewohnt, für seine musikalischen Leistungen
verehrt zu werden.
Er benutzte das Thema Zukunftsarbeit als willkommenes Ausweichthema
gegenüber lästigen Interviewern.
In der heutigen Sendung werden wir denn auch Karajan als Gesprächspartner
mehrfach begegnen.
Vergegenwärtigen wir uns, bevor wir dies tun, dass Karajans Faible für die Jugend
für ihn eine althergebrachte, eine gewohnte Sache war.
Karajan selber hatte 1929 vor dem Universitätsorchester des Mozarteums als
Dirigent sein Debüt absolviert.
Er hatte sich an den Stadttheatern von Ulm und Aachen ständig um Nachwuchs
bemühen müssen, um gleichsam undichte Stellen im Orchester und im Ensemble
nach Möglichkeit zu flicken.
Und es ist kein Zufall, dass die erste Solo-Aufnahme, welche die Sopranistin
Elisabeth Schwarzkopf im Jahr 1946 für die EMI machte, von niemand anderem als
Karajan geleitet wurde – auch wenn schon damals der legendäre Produzent (und
spätere Ehemann der Schwarzkopf), Walter Legge, dahinter steckte.
Dieses Dokument der Nachwuchsförderung, immerhin mit den Wiener
Philharmonikern als Begleitorchester, hat bis heute nichts von ihrem Charme
verloren.
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
www.kulturradio.de
Herbert von Karajan – 15. Folge
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Es handelt sich um Mozarts Arie „Martern aller Arten“ aus der Oper „Die
Entführung aus dem Serail“ – ein Werk, mit dem sich Karajan später nie mehr
beschäftigen sollte.
EMI Classics
LC 0110
CDH 7
63708 2
Track 011
Wolfgang Amadeus Mozart
Arie „Martern aller Arten“ aus „Die Entführung aus dem
Serail“
Elisabeth Schwarzkopf, Sopran (Konstanze)
Wiener Philharmoniker
Leitung: Herbert von Karajan
1946
8’54
III (Musikalische Pädagogik)
Das war die „Martern“-Arie aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“.
Herbert von Karajan dirigierte die Wiener Philharmoniker.
Sein ‚Sopran-Schützling’, wenn man so sagen darf, war im Jahr 1946 die damals
30-jährige Elisabeth Schwarzkopf.
Erstaunen mag, dass dieses Schallplatten-Debüt keineswegs so früh erfolgte, wie
man es für die damalige Zeit vielleicht erwarten würde.
Bemerkenswert ist aber vor allem, dass die Sängerin, die eine der glanzvollsten
Gesangskarrieren der Nachkriegszeit vor sich hatte, damals noch mit einer
durchaus engen Höhe zu kämpfen hatte.
Und dass ihr Sopran damals noch sehr farbarm, sogar leicht anämisch wirkte (eine
sogenannte weiße Stimme).
Das sollte sich – vor allem unter der Einwirkung der Arbeit mit ihrem späteren
Ehemann, Walter Legge – grundlegend ändern.
Ein Beweis dafür, was gute Erziehung (auch in stimmlicher Hinsicht) alles bewirken
kann.
Karajan sollte noch oft pädagogisch wirken, ja tatsächlich wäre es nicht unmöglich,
Karajans gesamten Stil, sein ästhetisches Wirken insgesamt, unter dem Aspekt des
Pädagogischen zusammenfassen.
Das mag überraschen, es stimmt aber nicht allein mit Karajans Faible für
Nachwuchs und Breitenwirkung, sondern auch mit seiner Musik überein.
Stilistische Untersuchungen zum Werk Karajans hat es im Grunde nur sehr wenige
gegeben.
Man gab sich fast immer mit der Gegenüberstellung von Karajans feuerköpfiger
Frühphase – ganz im Geiste und unter dem Einfluss Toscaninis – einerseits
zufrieden und andererseits mit der ästhetizistischen Oberflächenpolitur des
Spätwerks.
Verbunden werden beide Phasen durch Karajans Favorisierung der Gesanglichkeit,
einer Kultur des Legato auf der Basis rhythmischer Präzision, welch letztere mit
den Jahren immer dezenter gehandhabt wird, immer mehr in den Hintergrund tritt.
Erst im Jahr 2005 erschien erstmals eine Untersuchung des Musikstils Karajans.
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
www.kulturradio.de
Herbert von Karajan – 15. Folge
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Sie stammt von dem Berliner Musikjournalisten Peter Uehling und ist bei Rowohlt
erschienen.
Uehling hat Karajans Aufnahmen quergehört und hebt verschiedene Eigenschaften
an Karajan hervor, die man vielleicht folgendermaßen zusammenfassen kann:
Erstens: Eine Bevorzugung dessen, was Uehling den „Großrhythmus“ eines Werkes
nennt.
Das bedeutet: Karajan wählt und verabsolutiert ein Grundtempo, einen
Grundrhythmus des Stücks, den er in möglichst weiten Bögen durchführt und
beibehält.
Zweitens: Er verbindet die Töne und einzelnen Stimmen des Stückes, zum Teil,
indem er den Musikern anbietet, ein bisschen früher einzusetzen und damit die
Bindungen innerhalb eines Stückes sinnfälliger und stärker erscheinen zu lassen.
Dies letztere wird oft auch in dem Ausdruck „Legato“ zum Ausdruck gebracht –
eine Eigenschaft, die für Karajan allgemeine musikalische Bedeutung annimmt.
Und drittens: Karajan entscheidet sich oftmals für die Melodie eines Satzes, die
zumeist in den Oberstimmen formuliert wird.
Das heißt: Er ebnet die Polyphonie der Stücke sanft ein und sorgt so für ein
homogenes Klangerlebnis – eine spezielle Sache Karajans, die ihn zum Beispiel von
seinem Vorgänger Wilhelm Furtwängler unterscheidet.
Bei Furtwängler klang alles gleichsam „stonewashed“, bei Karajan wird es
‚geplättet’.
Dies alles ist nicht bewertend, sondern nur beschreibend gemeint.
Es lässt sich so zusammenfassen: Karajan favorisierte die Makrostrukturen eines
Werkes, das heißt er vereinfachte den Klang und die melodische Struktur eines
Stückes – und er sorgte so für eine weit größere Einheitlichkeit des musikalischen
Gegenstandes als seine Vorgänger.
Musik wird durch diese Verschlankung, innere rhythmische Begradigung und
lyrische Bündelung, so lässt sich annehmen, nicht nur schöner – dies war zweifellos
Karajans Ziel.
Sondern sie wird auch einfacher wahrnehmbar.
Interne Störmomente, Unruhen und Kompliziertheiten werden teilweise eliminiert,
so dass die Musik an Eingängigkeit und Fasslichkeit gewinnt.
Nun gut.
Vielleicht war das sogar Teil des Erfolgsgeheimnisses Karajans.
Es würde in jedem Falle bedeuten, dass Karajans ästhetischen Absichten ein
pädagogischer Impetus innewohnte.
Denn seine Art, musizieren zu lassen, bequemte sich dem (auch flüchtigen) Hörer
womöglich mehr an als der aufreibende Furtwängler oder der rigide Toscanini.
So weit so gut.
Nur glauben wir hiermit bitte nicht, Karajans Geheimnis wirklich auf die Schliche
gekommen zu sein.
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
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Herbert von Karajan – 15. Folge
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Denn das eben preisgegebene Rezept, wenn es denn zutrifft, besteht zwar aus
Vereinfachung.
Aber wäre dies nicht zugleich eine Steilvorlage zur Erzeugung von Langeweile.
Wenn Karajan vereinfachte, wie hat er es dann fertiggebracht, nicht im selben
Augenblick für Überdruss und Unterforderung bei denjenigen zu sorgen, welche die
Stücke schon kennen – und sich als Kenner der Materie nicht gerne etwas
vormachen lassen?
Im folgenden Vorspiel zur Oper „Lohengrin“ von Richard Wagner setzt Karajan
idealtypisch seine Intentionen in die Tat um:
- Bevorzugung des rhythmischen Ganzen ohne den Versuch, innerhalb des
Stück neu anzusetzen, Zäsuren zu bilden oder durch emphatische
Höhepunkte den Fluss zu stauen;
- Verschmelzung der melodischen und harmonischen Strukturen;
- und Transparenz durch deutliche Hierarchisierung der Stimmen.
All das führt zu Übersichtlichkeit und Eingängigkeit – aber keine Sekunde lang zu
Stillstand oder Langeweile.
Die Berliner Philharmoniker im Jahr 1974.
EMI Classics
LC 06646
4 76896 2
Track 002
Richard Wagner
Vorspiel zum 1. Akt „Lohengrin“
Berliner Philharmoniker
Leitung: Herbert von Karajan
1974
9’45
IV (Vermittlung)
Das Vorspiel zum 1. Akt von Richard Wagners „Lohengrin“.
Herbert von Karajan dirigierte die Berliner Philharmoniker 1974.
Karajan, so könnte man den pädagogischen Eros seines Stils resümieren, machte
Musik ‚mundgerecht für die Ohren’.
Vielleicht liegt darin zumindest ein Teil des Grundes für seinen wahrlich
breitenwirksamen Erfolg, der ihn von anderen Dirigenten unterscheidet – und auf
den sich Karajan tatsächlich auch viel zugute gehalten hat.
Da sich hinter Karajans Mission, Musik für Millionen zu machen, immer auch sein
eigenes finanzielles Interesse verbarg, könnte man annehmen, Karajan habe sich
auf seinen Erfolg im Grunde nur ungern ansprechen lassen.
Das war jedoch ganz und gar nicht der Fall.
Im Gegenteil: Karajan wendete seinen Erfolg bei den Massen gern in einen
Volksbildungsgedanken, indem er stolz unterstrich, erstmals in der Geschichte des
Mediums derart viele Menschen für Musik gewonnen zu haben und begeistern zu
können.
Darin ist ja auch etwas Wahres.
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Herbert von Karajan – 15. Folge
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Hören wir Karajan einmal selbst zu diesem Thema.
Sein Gesprächspartner in der Pause einer „Troubadour“-Aufführung in der Wiener
Staatsoper war im Jahr 1978 der legendäre Wiener Opern-Erklärer Marcel Prawy.
RCA
LC 00316
74321
61951 2
Track 217,
ab 3:14 bis
Schluss
Marcel Prawy im Gespräch mit Herbert von Karajan:
Frage: „Wie ist das Verhältnis von Oper und
Fernsehen?“
Antwort (hier nur Stichworte): „Wir sind doch jetzt bei
unserem 32. Film. Wir müssen uns einen Zugang
bahnen. Ein Trend geht zur Oper. Die Menschen wollen
es sehen. Sie wollen sogar den Fehler sehen. Wir
müssen die Techniken finden, die geeignet sind. Wir
haben durchschnittlich 10 bis 15 Jahren gebraucht.
Mein Traum ist, ein Studio zu betreten, den Rock
auszuziehen und gleich Kunst zu machen. Eine größere
Anzahl von Menschen zum Hören bringen! Das ist heute
nicht mehr für 2000 Menschen, sondern für 120
Millionen. Es ist nicht mehr vergleichbar. Ich finde, es
wäre ein Verbrechen, den Menschen das
vorzuenthalten.“
Wien 1978, Live
4’00
Der Schritt von der Musik zur Musikverbreitung war für Karajan ein verschwindend
geringer.
Karajan neigte dazu, sich vom Interpreten zum Missionar aufzuschwingen, wenn es
darum ging, aller Welt seine Kunst nahezubringen.
Es wäre „ein Verbrechen“, den Menschen seine Kunst vorzuenthalten: Ein solches
Volksbeglückungsprogramm via Klassik ist heute eigentlich nicht mehr vorstellbar.
Tatsächlich war Karajan in diesem Impetus auch ein – etwas seltsamer – Ausdruck
der Veränderungswut der 60er und 70er Jahre.
Selbst Karajan, dem Konservativen, wohnte damals eine Art revolutionärer Gestus
inne.
Und er ist zeit seines Lebens dabei geblieben.
Entsprechendes geht denn auch aus dem langen Gespräch hervor, dass Karajan in
jenen Jahren im Saal der damaligen Hochschule für Musik in der Berliner
Hardenbergstraße mit Zuhörern führte, und zwar über das Thema „Wie hört man
Musik“.
Wir haben bereits Ausschnitte hieraus in unserer Sendereihe gehört.
Kurz nach diesem Podiumsgespräch ließ sich Karajan sogar noch einmal über die
selbe Sache interviewen, sozusagen ein Gespräch über das Gespräch, aus dem
deutlich wird, wie organisatorisch Karajan dachte, sobald er didaktisch wurde.
Dann nämlich gründete er sofort Stiftungen, Institute und Einrichtungen, die seinen
Fragen generalstabsmäßig nachgehen sollten.
All dies sind Entwicklungen, die schon eindeutig der beginnenden Spätphase des
Dirigenten zuzurechnen sind.
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Herbert von Karajan – 15. Folge
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In ihr wurden Überlegungen zur Wirksamkeit von Musik immer stärker mit Fragen
der Sicherung des eigenen Erbes verknüpft – im Endeffekt also mit Fragen der
Macht.
Gesprächspartner der Aufnahme des damaligen SFB war der Reporter Peter
Schwermer.
Eigenaufnahme Interview mit Herbert von Karajan
Track 002
4’21
Man sieht, Karajan denkt schon wieder einen Schritt weiter.
Das Gespräch ist die Vorstufe der Fernsehdiskussion, das Konzert das Material für
die mediale Übertragung.
Karajan selber hat sich offenbar mit zunehmenden Jahren immer mehr selbst als
Medium verstanden, allerdings im esoterischen Sinne eines missionarischen
Heilsbringers, sondern im handfesten, exoterischen Sinne der Distribution, der
Verteilung und auch Vermarktung.
Dass sein massenmediales Sendungsbewusstsein dabei eine so merkwürdige
Verbindung einerseits mit der Jugendarbeit, andererseits mit der wirtschaftlichen
Tüchtigkeit seines eigenen Unternehmens einging, mag uns heute befremden.
Es mag biographisch auch damit zusammen hängen, dass Karajan einerseits immer
sehr karrierebewusst gedacht und gehandelt hatte.
Für die Stelle in Aachen hätte er bekanntlich „sogar einen Mord begangen“, wenn
es nötig gewesen wäre.
Andererseits hatte sich Karajan, wie er mehrfach in Interviews hervorgehoben hat,
in gewisser Weise immer als unerwachsen erfahren.
Er war als Jüngster gegenüber einem stärker und größer gewachsenen Bruder
immer „der Kleine“ gewesen – und hatte sich dem Vernehmen nach oft als schwach
empfunden.
Noch in einem Fernsehgespräch im Jahr 1983, wo man ihn als „Zeuge des
Jahrhunderts“ portraitierte und befragte, äußerte er gegenüber dem Interviewer
unvermittelt:
„Ich habe durch lange Zeit immer das Gefühl gehabt, ich bin ein
zurückgebliebenes Kind.“
Bisweilen, so Karajan, überfalle ihn im Gespräch mit anderen geradezu
„Verwunderung“, nicht vor Kindern wie er selbst zu stehen, sondern vor
Erwachsenen.
Es mag für Künstler gar nicht unnormal sein – vielleicht entspricht es aber auch nur
einem geläufigen Klischee –, das Künstler das Kind in sich kultiviert und produktiv
erhalten haben.
Auf Karajan scheint es auf buchstäbliche, leicht pathogene Weise zuzutreffen.
Interessanterweise hatte das Image, das Karajan in der Öffentlichkeit hinterließ, zu
keiner Zeit die geringsten Züge von Kindlichkeit.
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Herbert von Karajan – 15. Folge
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Denn Karajan wirkte stets überaus selbstbewusst, innerlich sortiert,
entscheidungsfreudig und fähig dazu, Verantwortung zu übernehmen und
selbstbestimmt zu gestalten.
Doch selbst musikalisch zieht sich durch sein Werk gleichsam ein Faden
kindheitszugewandter Werke, die in ihm – vielleicht nicht zufällig – einen ingeniösen
Interpreten fanden.
Bei Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ ist dies gewiss der Fall, von
den Handlungs-Balletten Tschaikowskys und Prokofieffs „Peter und der Wolf“ lässt
sich ähnliches behaupten.
Im „Triumphzug“ von Prokofieffs musikalischem Märchen entfacht Karajan eine
naive Freude am Spiel und am gefangen genommenen Untier.
Dem Werk, das auf Kinder ja durchaus unheimlich wirken kann, ist hier indes auf
emphatische Weise alle Unheimlichkeit genommen.
Vielleicht auch wegen der lässig-charmanten, 19-jährigen Romy Schneider, mit der
Karajan für diese Studioaufnahme im Jahr 1956/57 zusammenarbeitete.
Es spielt das Philharmonia Orchestra.
EMI Classics
LC 06646
CDZ 25
2201 2
Track 008
(ab 1’57),
009
Serge Prokofieff
Peter und der Wolf
Romy Schneider, Erzählerin
Philharmonia Orchestra
Leitung: Herbert von Karajan
1956/57
5’49
V Akademie, Wettbewerb
Das war der Schluss von Serge Prokofieffs musikalischem Märchen „Peter und der
Wolf“ mit Romy Schneider als doppelbödig-naiver Erzählerin.
Herbert von Karajan dirigierte das Philharmonia Orchestra 1956/57.
Karajans Hinwendung zum Nachwuchs und zum Publikum drückte sich – vor allem
in Berlin – in der Gründung zweier wichtiger Institutionen aus, von denen eine bis
heute besteht.
Sie bildet sogar eine von Karajans wichtigsten Berliner Vermächtnissen.
Gemeint ist die Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker, die Karajan 1972
ins Leben rief.
Die Orchesterakademie ist im Prinzip ein Instrument zur Regeneration der Berliner
Philharmoniker aus eigener Kraft.
Hier werden talentvolle Musiker ausgebildet, erhalten die Möglichkeit für
Aushilfsdienste bei den Philharmonikern und eröffnen für diese somit die
Möglichkeit, Nachwuchs in den eigenen Reihen zu bilden.
Karajan hatte gewiss hierbei auch die Sicherung seines Klang-Erbes, also die
Weitergabe seiner musikalischen Erziehungsarbeit mit dem Orchester im Sinn.
Karajans große Leistung bei den Berliner Philharmonikern bestand ja durchaus in
der Kreation eines Orchesterklangs, den es zuvor in solcher ausgeprägter
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Herbert von Karajan – 15. Folge
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Perfektion – also mit klanglicher Homogenität bei voller Binnendifferenzierung –
nirgendwo gegeben hatte.
Karajans möglicher Traum, in der Orchesterakademie ein Instrument zu finden, das
seine Klangideale beizeiten an den Nachwuchs weitergeben könne, ging freilich
nicht in Erfüllung.
Denn so demokratisch die Berliner Philharmoniker organisiert sind, so abhängig ist
schließlich auch ihre Orchesterakademie vom eigenen Willen.
Und der emanzipierte sich auch auf Akademie-Ebene immer stärker von den
Vorstellungen Karajans, so dass heute fast nichts von Karajans spezifischen
Klangvorstellungen übrig geblieben ist.
Folgenreich war auch der Dirigentenwettbewerb, dem Karajan von 1969 bis 1984
seinen Namen lieh.
Danach schlief diese Institution wieder ein.
In einem ausführlichen Gespräch mit dem stets wunderbar hartnäckig
nachfragenden Klaus Lang hat Karajan in den 70er Jahren über den
Dirigentenwettbewerb Auskunft gegeben.
Hören wir einmal herein.
Eigenaufnahme Gespräch von Klaus Lang mit Herbert von Karajan
Track 002, von Bis: „Ich musste es eben selbst lernen, auf die harte
Anfang bis
Tour.“
4:49
4’49
Soweit Karajan im Gespräch mit dem damaligen Orchesterreferenten des SFB,
Klaus Lang.
Karajan wollte mit seinem Dirigentenwettbewerb vermutlich etwas gutmachen, das
an ihm selbst versäumt worden war.
Dieser Impuls ist durchaus glaubhaft.
Schüler hervorzubringen dagegen, war nie wirklich seine Absicht.
Er hat ja auch keine hervorgebracht.
Selbst die Sieger seines Dirigentenwettbewerbes, die heute bekannt sind, haben
ihm in Fragen der Interpretation oder des Repertoires nicht wirklich nachzueifern
versucht.
Zu den Preisträgern gehörten Mariss Jansons, der den Wettbewerb 1971 gewann,
und Valery Gergiev.
Christian Thielemann übrigens wurde im letzten Jahrgang 1984 disqualifiziert, weil
er sich zu sehr in Details verlor und nicht fertig wurde.
Karajan, nebenbei bemerkt, war für Thielemann.
Er hatte immer darauf bestanden, Absolventen keine Tricks beibringen zu wollen,
und förderte die Eigenart selbständiger Talente.
Karajan sagte seien Schülern:
„Ich kann Ihnen nicht beibringen, wie man dirigieren muss, aber ich kann Ihnen
zeigen, wie man so probt, dass Sie im Konzert selbst kaum mehr zu dirigieren
brauchen.“
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
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Herbert von Karajan – 15. Folge
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Maria Callas hat einmal richtig bemerkt: „Der Unterschied zwischen einem guten
Lehrer und einem großen Lehrer ist der, dass gute Lehrer das Beste aus den
Mitteln eines Schülers machen, große Lehrer jedoch voraussehen, was dessen Ziele
sind.“
Daran gemessen, war Karajan wahrscheinlich eher ein guter statt ein großer
Lehrer.
Tatsächlich hatte seine ‚pädagogische’ Initiative, wie die hohe Zahl bekannter
Absolventen lehrt, durchaus Erfolg.
Auch Bruno Weil und Dimitri Kitajenko ginge daraus hervor, Okku Kamu, Franz
Welser-Möst, Christoph Prick, Jiri Belolahvek und Muhai Tang – heute bekannte
Namen, die – wie es nicht weiter verwundert – dem bekannten Namen Karajans
nach Berlin gefolgt waren.
Karajans Talentsuche zeigte den längst Hyperberühmten um die Zukunft besorgt –
auch um die eigene.
Denn freilich konnte sich der „Chef“ und Talent-Scout im Glanz seiner
Entdeckungserfolge durchaus sonnen.
Wieder ging es nicht zuletzt um Machtfragen.
Wir erleben Karajan bei seinen Versuchen der Zukunftssicherung immer auch auf
leicht amüsante Weise „Auf der Jagd“.
DG
LC 00173
435 335-2
Track 204
Johann Strauß
Auf der Jagd op. 373
Wiener Philharmoniker
Leitung: Herbert von Karajan
1959
2’14
VI (Talentsuche Mutter)
Das war „Auf der Jagd“ op. 373, die Polka schnell von Johann Strauß, gespielt im
Jahr 1959 von den Wiener Philharmonikern unter Karajans meisterhafter Leitung.
Eine Talentjagd Herbert von Karajans zwar zweifellos über alle Maßen erfolgreich –
zumindest von heute aus betrachtet.
Gemeint ist die Entdeckung des damals noch nicht volljährigen Wunderkindes AnneSophie Mutter.
Karajan hatte durch andere von dem Mädchen aus Rheinfelden in Baden gehört,
das mit fünf Jahren mit dem Geigenspiel begonnen hatte.
Vor lauter Talent war sie von der Schule befreit worden und zum Studieren nach
Winterthur zu Aida Stucki gewechselt.
Für Dezember 1976 lud Karajan das Mädchen zum Vorspielen nach Berlin ein.
Die 13-Jährige war noch ein bisschen pausbäckig und besaß dicke blonde Locken.
Sie erschien in Blue Jeans auf der Bühne, spielte Bachs d-Moll-Chaconne und zwei
Sätze aus dem 3. Violinkonzert von Mozart.
Hinterher ging man zur Belohnung mit ihr in den Zoo.
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Herbert von Karajan – 15. Folge
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Karajan war von dem Spiel des Teenagers sofort bezaubert und engagierte ihn
stehenden Fußes für die Salzburger Festspiele im kommenden Jahr.
Man sollte die Entdeckungsleistung eines Karajan im nachhinein vielleicht nicht
überschätzen.
Anne-Sophie Mutter war Karajan indirekt empfohlen worden, man kannte ihren
Namen in Insider-Kreisen schon seit langem.
Nur: Der Umfang, die Zuneigung, mit der Karajan sich tatsächlich beinahe in den
Dienst der jungen Solisten stellte, übertraf tatsächlich alle realistischen
Erwartungen.
Hören wir, bevor wir uns diesem tatsächlich für Karajan einzigartigen Fall
eingehender widmen, die beiden einmal selbst.
Oder eigentlich: die drei.
Anne-Sophie Mutter wird begleitet von den Berliner Philharmonikern unter Herbert
von Karajan im 3. Satz: Allegro giocoso, ma non troppo vivace – Poco più presto des
Violinkonzertes in D-Dur op. 77 von Johannes Brahms.
Die Einspielung erschien im Jahr 1982.
EMI Classics
LC 06646
2532032
Track 003
Johannes Brahms
Violinkonzert D-Dur op. 77
Anne-Sophie Mutter, Violine
3. Allegro giocoso, ma non troppo vivace – Poco più
presto
Berliner Philharmoniker
Leitung: Herbert von Karajan
(P) 1982
8’27
VII (Keine Solisten, bitte)
Der 3. Satz: Allegro giocoso, ma non troppo vivace – Poco più presto aus dem
Violinkonzert von Johannes Brahms.
Anne-Sophie Mutter mit den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan –
ein Höhepunkt der Zusammenarbeit, die 1977 begann und sich in einer unerhörten
Serie gemeinsamer CDs äußerte.
Tatsächlich ist die Berühmtheit, die Anne-Sophie Mutter durch ihre Verbindung mit
Karajan erfuhr, ein Spiegel der absoluten Ausnahmestellung, die dies im Leben
Karajans repräsentiert.
Denn: Karajan war nie ein passionierter Dirigent von Solo-Konzerten gewesen.
In seiner Diskographie gibt es nur ein kleines Grüppchen von Klavier-, Cello- oder
Geigen-Solisten, mit denen er überhaupt Schallplatten-Aufnahmen gemacht hat.
Mit Dinu Lipatti war es zwei Mal dazu gekommen, mit Svjatoslav Richter eineinhalb
Mal.
Mit Rostropowitsch spielte er nur drei Stücke ein, mit David Oistrach nur eines.
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Herbert von Karajan – 15. Folge
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Vor Anne-Sophie Mutter gab es nur sehr wenige Violinkonzerte, die Karajan mit
einer Einspielung beehrte.
Er hatte eine Reihe von Platten mit dem vorzüglichen französischen Geiger
Christian Ferras gemacht, darunter die Konzerte von Beethoven, Brahms,
Tschaikowsky und Sibelius.
Ferras endete tragisch, denn er beging im Jahr 1982 in Folge langjähriger
Depressionen Selbstmord an seinem Wohnort in Paris.
Auch seine Aufnahmen mit Karajan sind heute größtenteils aus den Katalogen
gestrichen.
Karajan, so kann man aus alldem schließen, war kein wirklich leidenschaftlicher
Solisten-Begleiter gewesen – außer bei Sängern.
Zuweilen war die Wahl seiner Solisten leicht undurchsichtig.
Seine Zuneigung zu dem Pianisten Alexis Weissenberg etwa galt kaum einem
Pianisten, der zu seiner Zeit allererste Wahl war.
Vielleicht wollte sich Karajan nur ungern die Show stehlen lassen.
Vielleicht war es in seinen Konzerten schlicht unnötig, neben Karajan noch einen
weiteren Star aufzubieten.
Gerade im Konzert indes engagierte Karajan zuweilen durchaus Virtuosen und
setzte – zugunsten eines Mischungsverhältnisses der Werke – Klavier- und
Violinkonzerte an.
Eine der wenigen Solistenaufnahmen, die Karajan vor der Zeit mit Anne-Sophie
Mutter als Solisten-Dirigenten zeigt, ist die folgende Einspielung der Fantasie über
ungarisch Volksmelodien von Franz Liszt, in die wir uns im folgenden einblenden.
In der Aufnahme aus dem Jahr 1961 begegnen wir einem Solisten, der gleichfalls
mit Karajan wenig in Zusammenhang gebracht wird – und der so beispielhaft für
Karajans sehr episodisches und ephemeres Interesse für das Virtuosenrepertoire
zeigt.
Es handelt sich um den russischen Virtuosen Shura Cherkassky.
Die Aufnahme kann heute als fast vergessen gelten – und ist so ein typisches
Beispiel für die Tatsache, dass Karajan als Solisten-Dirigent in der Zeit vor AnneSophie Mutter im Grund eine Art unentdecktes Land war.
Es begleiten die Berliner Philharmoniker.
DG
LC 0173
429 156-2
Track 001
Franz Liszt
Fantasie über ungarische Volksmelodien
Shura Cherkassky, Klavier
Berliner Philharmoniker
Leitung: Herbert von Karajan
(P) 1961
10’00
VIII Mutter
Franz Liszts sogenannte Ungarische Fantasie, gespielt von Shura Cherkassky und
den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan.
Im Gesamtwerk Karajans steht diese Aufnahme ebenso isoliert – und im Grunde
unmotiviert – herum wie nur möglich.
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
www.kulturradio.de
Herbert von Karajan – 15. Folge
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Auch die Zusammenarbeit mit Cherkassky wurde nicht intensiviert, ebenso wenig
wie die mit Lazar Berman oder anderen Solisten, mit denen gelegentlich eine
Begegnung im Schallplattenstudio arrangiert worden war.
All das bedeutet nun vor allem: Karajan hatte ab 1977 mit Anne-Sophie Mutter
völlig freie Bahn, um ein Solisten-Repertoire frisch für die Schallplatte
aufzunehmen, für das er sich bisher wenig eingesetzt hatte.
Man kann das, was folgte, getrost als einen zweiten Frühling für Karajan
bezeichnen.
Karajan betonte in seinen späten Jahren verschiedentlich, dass er sich vor der
Wiederbegegnung mit Werken, die er bereits maßstabsetzend eingespielt hatte,
gerade zu fürchte.
„Ich habe Angst“, sagte er etwa 1983 in einem Fernsehinterview, „Sachen
aufzuführen, die ich früher aufgenommen habe“.
Diese Gefahr bestand mit der jungen Anne-Sophie Mutter nicht wirklich.
Schon von der ersten Gelegenheit, bei der Karajan das junge Mädchen begleitete,
wird berichtet, Karajan habe sich zusehends verjüngt, ja die Jahre seien sozusagen
von ihm abgefallen – ganz ähnlich, wie man dies schließlich auch bei seinem letzten
Schützling, dem russischen Wunderkind Evgeny Kissin beobachten konnte.
Sie beide läuteten eine Phase ein, die noch einmal den Stern Karajans mächtig
leuchten ließen.
Denn Mutter und Kissin konnten als formbar und talentvoll gleichermaßen gelten.
Sie ließen sich willig auf Karajans immer langsamere Tempi ein und waren dankbar
für die Möglichkeiten, die ihnen Karajan für ihre Karriere eröffnete.
Und das zurecht.
Denn es unterliegt keinem Zweifel, dass etwa Anne-Sophie Mutter auch ohne
Karajan eine große Zukunft vor sich gehabt hätte.
Aber kaum in Gestalt der Tatsache, dass sie in den 12 Jahren ihrer gemeinsamen
Arbeit auch fast ein dutzend Werke einzuspielen Gelegenheit fand.
Als Karajan starb, hatte Mutter große Teile ihres Kernrepertoires mit ihm
eingespielt, in den Folgejahren bot sich ihr deshalb nur Grund für manche
Repertoire-Doublette.
Insgesamt: beneidenswert für eine junge angehende Solistin.
Und kein Wunder, dass Anne-Sophie Mutter von Karajans Gnaden das
unvermeidliche Vorbild für mehrere Generationen junger Geigerinnen (und Geiger)
wurde.
Sogar halbseidene Schmankerl wie die folgende „Thais“-Meditation von Jules
Massenet gerieten den beiden ins Visier.
Früher hatte Karajan hierfür den Solo-Geiger und Konzertmeister der Berliner
Philharmoniker, Michel Schwalbé, gebeten.
Jetzt, zu Beginn der 80er Jahre, musste er zurückstecken und das Feld räumen für
die verjüngende Wundergeigerin, die mit rauschend vollem Ton, satt und
vibratoselig, dem Nachdenken über eine ägyptische Kokotte etlichen Schmelz
verlieh.
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Herbert von Karajan – 15. Folge
EMI Classics
LC 06646
5 74698 2
Track 002?
Seite 14 von 16
Jules Massenet
„Thais“-Meditation. Intermezzo
Anne-Sophie Mutter, Violine
Berliner Philharmoniker
Leitung: Herbert von Karajan
6’00
VIII (Jugendliches Publikum)
Das war Anne-Sophie Mutter mit Grenzerkundungen des Kitsches: mit der beliebten
„Thais“-Meditation, einem Intermezzo aus der Oper „Thais“ von Jules Massenet.
Die Berliner Philharmoniker spielten unter der Leitung von Herbert von Karajan.
Karajans späte Vorliebe für die Jugend bezog sich übrigens nicht nur auf junge
Interpreten.
In Berlin dirigierte Karajan oftmals und bereitwillig auch Jugendkonzerte, denen er
in seinen fortgeschrittenen Jahren durchaus den Vorzug gegenüber AbonnementVeranstaltungen gab.
Karajan war sich der Tatsache bewusst, dass die Leute nicht nur wegen der Musik,
sondern zum Teil einfach wegen ihm kamen.
In den Eingangstüren der Konzerte mögen sich oft Wortwechsel ereignet haben, die
inhaltlich dem folgenden Witz entsprechen:
Eine alte Dame wendet sich beim Hineingehen in den Saal zu ihrer Freundin und
fragt sie: „Was gibt’s heute?“
Und die andere antwortet: „Na, Abonnement.“
Bei Karajan-Konzerten dürfte die Antwort eher gelautet haben: „Karajan“.
Auf die Dauer kann dies keinem Musiker wirklich gefallen – nicht einmal Karajan
selber dürfte es geschmeckt haben.
In Jugendkonzerten ebenso wie in Programmen mit Neuer Musik, die es zeitweilig
noch bei den Berliner Philharmonikern gab, war Karajan in praktischer Weise auf
die Zukunft ausgerichtet.
So konnte es geschehen, zum Beispiel im Abonnementkonzert der Reihe „Musik des
20. Jahrhunderts“, dass Karajan seine Zuhörer plötzlich, etwa am 25. Januar
1973, mit einem Programm wie dem folgenden schockierte:
Vor der Pause gab es Anton Weberns Fünf Sätze für Streichorchester op. 5.
Nach der Pause Strawinskys Psalmensymphonie.
Und dazwischen, wie zum Verschnaufen, Schönbergs Variationen für Orchester op.
31.
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Herbert von Karajan – 15. Folge
Deutsche
Grammophon
LC 0173
457 760-2
Track 008011
Seite 15 von 16
Arnold Schönberg
Variationen für Orchester op. 31
1. Introduktion: Mäßig, schnell
2. Thema. Molto moderato
3. Variation I: Moderato
4. Variation II: Langsam
Berliner Philharmoniker
Leitung: Herbert von Karajan
1974
6’03
IX
Das waren die ersten vier Sätze aus Arnold Schönbergs Orchestervariationen op.
31, ein Auszug aus einer berühmten Schallplattenproduktion Karajans mit den
Berliner Philharmonikern im Jahr 1974.
Karajans Engagement für Nachwuchs und neue Hörer war eine logische
Konsequenz aus den pädagogischen Implikationen, aus seiner aufs Publikum
gerichteten Musikauffassung.
Es war zugleich Ausdruck seiner Macht und diente indirekt der Schulbildung – durch
Musiker, die bis heute zumeist Karajans treueste Reflektoren und Multiplikatoren
sind.
Unter den Dirigenten darf wohl vor allem Seiji Ozawa als jemand gelten, für den
Karajan eine Art künstlerischer Vaterfigur darstellte.
Berühmt wurde das Foto von Dieter Blum für das Magazin „Stern“, auf dem Ozawa
zu den Füßen des Meisters in einer staubigen Ecke der Pariser Opéra zu sehen ist.
Übrigens wurde das Foto im „Stern“ nur retouchiert gedruckt, weil Karajans
Sekretärin der prominente Bauchansatz ihres Chefs unangenehm auffiel.
Er kürzlich wurde die unretouchierte Fassung veröffentlicht – Karajan gleichsam in
voller Vaterfigurhaftigkeit: mit Bauch.
Karajan sollte seine Vorliebe für Nachwuchs-Fragen im Endeffekt noch Ärger
bereiten.
Denn zu diesem Themenkomplex gehört schließlich auch der Versuch der Berufung
der jungen Klarinettistin Sabine Meyer, die Karajan in den 80er als Solistin der
Berliner Philharmoniker verpflichten wollte.
Das Verhältnis zu seinem Orchester sollte daran zerbrechen.
Doch das ist ein anderes Thema.
Es gehört nicht mehr in unsere heutige Sendung über Karajans Macht, sondern in
eine spätere über den Machtzerfall.
Hören wir zum Schluss der heutigen Folge, die noch ganz einen glücklich
vorausschauenden Maestro zeigt, ein weiteres Dokument musikalischer
Machtvollkommenheit.
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Herbert von Karajan – 15. Folge
Seite 16 von 16
In Giuseppe Verdis Vorspiel zur Oper „Attila“ schlug Karajan im Jahr 1975 einen so
kernigen Ton glücklicher Kunstentfaltung an, als wolle er sich selbst in der Pose des
siegreichen Hunnenkönigs portraitieren.
Auf Wiederhören bis nächste Woche – dann unter dem Titel „Das Imperium schlägt
zurück“: mit Karajan als Medienmogul und Fixstern seines eigenen Universums.
Am Mikrophon für heute verabschiedet sich
Ihr Kai Luehrs-Kaiser
Deutsche
Grammophon
LC 0173
453 058-2
Track 107
Giuseppe Verdi
Preludio zu “Attila”
Berliner Philharmoniker
Leitung: Herbert von Karajan
1975
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4’07
(= ca.
79’08)
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Seele and Geist
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