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iet hatte den Kopf gegen die Fensterscheibe gelehnt und sah, wie

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P
iet hatte den Kopf gegen die Fensterscheibe
gelehnt und sah, wie sich die Gleise draußen
neben dem Zug bewegten. Dann verschwanden sie immer schneller aus seinem Blickfeld, so als
wären sie nie da gewesen, während die neuen Bilder
um so eindringlicher auf ihn einstürmten.
Wie schnell die Zeit doch vergeht dachte er. War
nicht kürzlich erst ein neues Jahrhundert gefeiert
worden? Aber jetzt war es schon Oktober, genauer
gesagt, goldener Oktober.
Er wandte sich von der Scheibe ab und betrachtete
seine Umgebung. Der Zug war brechend voll aber er
genoss die Menge, die wie ein Bienenschwarm voller
Erwartung summte. Was mochte sie beschäftigen?
Die junge Familie neben ihm mit den beiden Kindern? Der jüngere Sohn verfolgte mit offenem Mund
die vorbeihuschenden Oberleitungsmasten, während
die ältere Schwester sich an einem CD-Player versuchte und plötzlich lauthals bemerkte, dass der Vater
die Kopfhörer vergessen hatte.
Oder die nicht mehr ganz junge Frau zwei Reihen
weiter, die so angestrengt gedankenverloren ins Leere
schaute, dass Piet meinte, mit Händen ihre Sorgen
greifen zu können. Was bewegte sie alle, dass sie
summten, auch wenn sie völlig still schienen. Waren
sie nicht alle irgendwie auf der Flucht so wie er, jeder
auf der eigenen und doch verbunden durch die gleiche Richtung, in der sie fuhren?
Als er aus seinen Gedanken wieder erwachte, hatten
sie Koblenz gerade passiert.
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Die Burg Kaub stand golden, von der Sonne beschienen, im Rhein, die endlosen Hänge der Weinberge im
Hintergrund. Alles strahlte den stillen Frieden einer
Idylle aus und strich an Piet vorbei wie ein Film.
Warum wollte er diesem Frieden entfliehen? Dieser
Märchenwelt aus Nostalgie und Sehnsucht
Ihm war mit einem Mal deutlich bewusst, dass er sich
auf einer Reise in die Zukunft wie auch der Vergangenheit bewegte. Die nach rückwärts enteilenden
Gleise schienen nur das andere Ende einer endlosen
Schleife seines Lebens zu sein
Er war auf dem Weg nach Düsseldorf, um von dort
nach Teneriffa zu fliegen und fuhr dabei in ein Stück
seiner Vergangenheit, das Jahrzehnte zurücklag und
doch plötzlich fast schmerzhaft in seine Gegenwart
drang. Vielleicht, so dachte er, war es der Schmerz
des Wiedererkennens einer verlorenen oder doch
vergangenen Zeit, der gleichsam notgedrungen immer
dann auftaucht, wenn man außer sich ist. Außer sich,
um offen für das Neue zu sein, um dann im Neuen
wieder zu sich zu kommen. Aber was ist schon neu?
Bestimmte Dinge, konstatierte er für sich, wiederholen sich immer wieder. Damit meinte er nicht die
alltäglichen Vorgänge, die unser Leben strukturieren
und überhaupt erst lebbar machen. Nein, es waren
wesentlichere Dinge, die einem immer wieder „geschahen“, ohne dass man wusste, warum.
Vor ihm auf dem Tisch lag ein Roman, in dem er in
den Pausen seiner äußeren Betrachtungen las. Der
Autor meinte, einen Roman müsse man nicht mehr
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linear, sondern wie ein Puzzle von verschiedenen
Subjekten und Zeiten zusammensetzen. Und wie zum
Beweis dessen, ließ er einem fiktiven Gegenüber von
einem Roman berichten, den dieser gelesen habe. Auf
die Frage, ob er ihn kenne, erwiderte der Autor: „Ja
sicher ... Ich habe ihn selbst geschrieben.“
Ganz nett, die Pointe, fand Piet. Wie aber, so sann er
nach, wenn die Figuren eines Romans tatsächlich
autonom wären, wenn sie einen eigenen Willen hätten
und ihn gegen den des Autors setzen könnten? Wie,
wenn sie sich auf eigene Wege begäben und der Autor sich auf die Suche machen müsste, um sie zu finden oder wieder zu finden?
Er erinnerte sich an Pirandellos „Sechs Personen
suchen einen Autor“. Vielleicht wären die sechs heute
weder sonderlich scharf darauf, ihren Autor zu finden, noch erpicht, sich gar von ihm finden zu lassen.
Vielleicht wäre der Autor heute eine Art moderner
Schlemihl auf der Suche nach seinen geistigen Schatten.
Welche Schwierigkeiten würde ein Autor bei der Suche nach seinen Personen haben?
Oder wie sähe es gar aus, wenn der Autor seine Personen noch gar nicht kannte?
Wenn sie sozusagen erst in statu nascendi in seinem
Gehirn schlummerten. Vielleicht würde er sie nie
kennen lernen. Es wäre eine Frage des Zufalls, ob er
ihnen begegnen würde oder nicht. Aber was ist eigentlich Zufall?
Vielleicht sind Zufälle nichts weiter als der Roman
unseres Lebens, den wir ständig schreiben, ohne des7
sen Figuren und Handlungsverlauf im Voraus zu
kennen. Vor einiger Zeit hatte er dazu ein Gedicht
geschrieben, das ihm jetzt einfiel.
Zufälle gäb es nicht sagt man.
Doch glauben wir’s?
Verrät das Wort doch selbst,
was es nur scheinbar
zu verbergen sucht.
Was auf uns fällt,
kann ja nur fallen,
weil wir da sind.
Denn jeder Fall
hat stets ein Zielsonst fiel er nicht.
„Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten
erreichen wir Düsseldorf Hauptbahnhof. Sie haben
Anschluss ...“
Piet schreckte aus seinen Überlegungen auf – und
wurde gleich wieder von einer neuen Flut von Gedanken überfallen.
Düsseldorf, hier hatte er zum ersten Mal in seinem
damals noch jungen Leben mit seinen Eltern in der
eigenen Wohnung zusammenleben dürfen. Vorher
war er bei Verwandten und Freunden untergebracht
worden und hatte seine Eltern nur selten zu Gesicht
bekommen. Endlich konnten sie dann eine der in den
Ruinen des Krieges neu errichteten Wohnungen beziehen. Das war Mitte der fünfziger Jahre. Die Tape8
ten waren noch feucht und schimmelten von den
Wänden. Aber es war die erste eigene Wohnung für
die junge Familie.
Sie lag verkehrsgünstig in einer kleinen Nebenstraße
nicht weit von den Rheinwiesen entfernt. Dorthin
gingen sie oft spazieren, gelegentlich kam sogar der
ansonsten viel beschäftigte Vater mit. Ziel war fast
immer die große bronzene Rheinschlange. Sie war
Klettergerüst, Rutsche, aber auch Partner der eigenen
Fantasien. Ihr großes geöffnetes Maul konnte nicht
zubeißen, wenn man den Kopf hineinlegte. Konnte
es wirklich nicht, oder wollte es nicht? Wohin führte
der Schlund, wenn man in ihn hineinkriechen könnte?
Manchmal meinte er, ein leichtes Beben des riesigen
Körpers zu verspüren, wenn er auf den Wellen seines
Leibes balancierte. Dann zitterte auch er und meinte
zu fühlen, dass die Schlange ihm ein Geheimnis anvertrauen wollte, das aus längst vergangenen Tagen
rührte, aus Tagen, in denen keine Raddampfer und
Frachtkähne unter heftiger Rauchentwicklung den
Fluss aufwärts fuhren und keine Güterzüge über die
nahe Brücke rasselten. Nein, damals gab es all das
noch nicht. Damals gab es Ritter, Prinzessinnen und
Drachen, aus deren Gewalt die Prinzessinnen befreien werden mussten. Und wenn sie nicht gestorben
waren, dann lebten sie noch heute.
Ja, Märchen hatten ihn immer fasziniert, auch lange
nach der Kinder- und Jugendzeit bis heute. Das
Wunderbare an ihnen ist, dass sie zunächst voller
Geheimnisse und Rätsel zu stecken scheinen. Aber
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zum Schluss löst sich alles auf, wird gut. Man kann in
die Geschichte eintauchen, mitleiden und mitfiebern
und sich zum Schluss selber als erlöst fühlen.
Nirgendwo konnte man so leidenschaftlich und letztlich gefahrlos auf die Suche nach Geheimnissen gehen und sicher sein, dass man ihnen auf die Spur
kommen wird. Und nirgends war es letztlich so
selbstverständlich, erlöst zu werden, wie in Märchen.
Er war den Geheimnissen, die ihn damals umgaben,
auf der Spur. Und es gab deren viele, große und kleine, täglich aufs Neue. Als er beim Doktorspiel mit der
kleinen Nachbarstochter auf der Suche nach deren
Geheimnis von einem Halbwüchsigen erwischt wurde, war es weniger die Peinlichkeit, bei einer Schatzsuche gestört worden zu sein, die ihn störte, als vielmehr das Ärgernis, dass auf dem Gesicht des
Burschen ein eigentümlich wissendes, ironisches
Grinsen lag. Er wusste also schon, was Piet nicht
wusste. Aber nun war er bei der Lüftung des Geheimnisses gestört worden.
Erst viel später begriff er, dass das Leben im Wesentlichen aus Geheimnissen besteht, die man zwar ständig zu lösen versucht, die aber wenn es einem gelungen zu sein scheint, meist ein merkwürdiges Loch
dort hinterlassen, wo man eben noch dieses seltsame,
verstörende und doch auch gleichzeitig belebende
Verlangen nach Erlösung gespürt hatte.
Sie näherten sich nun Düsseldorf-Flughafen. Piet
spürte seinen Gedanken noch etwas nach, stand auf,
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um sich zum Aussteigen bereit zu machen – und
blickte in zwei stahlblaue Augen. Sie steckten wie
Achtungsschilder in einem Gesicht, dessen Mund
etwas unwillig die halblangen, dunkelbraunen Haare
aus dem Gesicht pustete. Ihre Gesichter verharrten
für einen Moment nur handbreit voneinander entfernt. Sie mochte Mitte vierzig sein und legte offensichtlich keinen Wert auf Make-up. Und das hatte sie
auch nicht nötig, denn außer einigen kleinen Lachfältchen um die Augen war das Gesicht ebenmäßig und
frisch, fast jugendlich. Jetzt allerdings hatte sich eine
tiefe Falte zwischen den Augenbrauen gebildet, die
sich wie ein Fragezeichen zusammenzog.
„Erlauben Sie!“, sagte sie in einer sehr hochdeutschen
Art und wuchtete einen kleinen Handkoffer an seiner
Nase vorbei aus der Gepäckablage. Dann drehte sie
sich um und eilte, da der Zug inzwischen in den
Bahnhof einfuhr, dem Ausstieg entgegen.
Piet stand noch einen Moment fast wie betäubt da
und schaute ihr nach. Da geht auch wieder so ein
Geheimnis dachte er. Er hatte ja nicht viel mehr als
die Augen gesehen. Aber das hatte ausgereicht. Augen
waren für ihn fast ein Synonym für Geheimnisse. Sie
faszinierten ihn, zogen ihn an und stießen ihn ab.
Denn er hatte inzwischen oft genug erfahren, welche
Distanz Augen zwischen Menschen errichten, ja welche Waffen es gar sein konnten. Waffen, die einen,
wenn man nicht einen Schutzschild aus Selbstbewusstsein oder Ignoranz aufgebaut hatte, vernichten
konnten.
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Er schaute ihr nach. Sie trug eine blaue Lederjacke,
die zwar zu ihren Augen passte, aber ihre Haare nicht
genug zur Geltung brachten, wie Piet befand. Er
wusste selber nicht genau, warum er sie auf Mitte
vierzig geschätzt hatte. Es mochte wieder mit den
Augen zu tun haben. Junge, jugendliche Augen blickten meist mit einer Unbedingtheit in die Welt, die nur
von purer Neugierde oder Erwartung geprägt war.
Ältere Augen blickten anders, vielleicht erfahrener.
Mit vierzig wird der Schwabe gescheit wusste er.
Er war kein Schwabe aber er war gerade Mitte fünfzig,
hatte nun die Hälfte seines Lebens unter den Schwaben
zugebracht und wusste um die Sinnsprüche seiner
Wahlheimat und auch um deren Treffsicherheit.
Mit vierzig hat man in der Regel auch schon die
Schattenseiten des Lebens in irgendeiner Form, meist
mehr als genug erfahren. Das prägt. Die Augen sehen
nicht mehr so unvoreingenommen in die Gegend.
Und für einen aufmerksamen Betrachter sind die
Spuren des Trauerflors der Niederlagen und Enttäuschungen des Lebens in den Augen und deren Umgebung zu erkennen. Aber die Geheimnisse bleiben,
ja sie wachsen sogar noch. Denn die eigenen Erfahrungen häufen sich an und verstecken sich hinter
eben diesen Augen.
Piet machte sich auf und folgte den anderen Reisenden hinaus, um sich in deren Strom einzureihen.
Am Ende des Bahnsteigs sah er eine blaue Lederjacke. Sie bewegte sich durch die Menge wie ein Segelschiff in hoher See. Elegant, aufrecht und mühelos,
so schien es fand, sie ihren Weg.
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Da also ging wieder ein Geheimnis, dem er doch eigentlich gerade zu entfliehen trachtete. Er schüttelte
fast etwas unwillig den Kopf, weil er bemerkte, dass
er ihm sozusagen hinterherlief.
Nein, sein Bedarf an Frauen war fürs Erste gedeckt.
Mit Mühe hatte er sich aus einer mehrjährigen Beziehung lösen können. Ruth und er waren sich in einer
leidenschaftlichen aber fast selbstzerstörerischen Affäre nahe gekommen. Zu nahe, wie er im Nachhinein
bemerkte. Ihre Versuche, körperliche, intellektuelle
und seelische Ansprüche offen zu legen und gemeinsam auch zu leben, waren immer dramatischer gescheitert. Es war ihnen nie oder fast nie gelungen, alle
ihre Ansprüche auf einer Ebene zu leben und schon
gar nicht gleichzeitig. Immer gab es Grenzen, die
verletzt und die von beiden mit heftigen Gefechten
verteidigt wurden.
Nach einem dieser Gefechte, einem besonders heftigen, war er endgültig geflohen. Seine Reise nach Teneriffa war letztlich eine verspätete Folge dieser
Flucht. Es hatte Monate gedauert, bis er sich wirklich
abgenabelt hatte.
Und nun? Waren schon jetzt alle guten Vorsätze vergessen? Es stimmte, die kurze Begegnung hatte ihn
aufgewühlt. Aber das stellte er eher unwillig fest. Es
waren die Augen, die ihn fasziniert hatten. Er meinte
darin ein verborgenes Bekanntes entdeckt zu haben.
Etwas, das ihm schon einmal begegnet war. Er fügte
sich in die lange Schlange am Check-in ein.
Die blaue Jacke hatte sich in die gleiche Reihe etwas
vor ihm eingereiht. Und plötzlich wusste er, woher er
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diese Augen zu kennen meinte. Es war an einem solchen Altweibersommertag vor fünfunddreißig Jahren
gewesen. Da hatte er auch in solche Augen geschaut.
Und es war der Tag gewesen, an dem er Lu zum ersten Mal geküsst hatte.
Sie lagen irgendwo in den Dünen an der Nordsee. Von Ferne
konnten sie den Deich sehen. Und gleich dahinter lag das Internat, in das sie beide gingen.
„Du hast eine Fliege auf der Nase“, sagte Piet.
Er lag neben ihr, hatte sich auf einen Arm aufgestützt und
hielt in der anderen Hand den Halm eines Strandhafers, mit
dem er versuchte, in ihre Nasenlöcher zu fahren. Lu hatte die
Augen geschlossen und ließ sich von der warmen Herbstsonne
wärmen. Jetzt blinzelte sie ihn an, richtete sich auf die Ellenbogen auf und schmunzelte.
„Ich habe dich beobachtet.“
„Unsinn, du hast geschlafen“
„Nein wirklich, ich habe dich beobachtet.“ Sie blies eine
Strähne ihres dichten braunen Haares zur Seite. Dann sah sie
ihn mit stahlblauen Augen an.
„Du hast eine Nase, zwei Augen und einen Mund“
„Was du nicht sagst. Und was hast du noch beobachtet?“
„Braune Augen und einen schönen Mund“, antwortete sie,
schlug die Augen nieder und legte sich wieder hin. Wie vertraut sie waren, dachte er. Er legte sich neben sie und
schwieg. Der Wind bewegte den Strandhafer über ihnen.
Aber sie selber waren geschützt. Bis auf das leise Rauschen
des Windes war nichts zu hören. Ab und zu hörte er von
fern eine Möwe schreien.
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Er dachte daran, dass sie gestern in der großen Pause auch so
nebeneinander gelegen hatten. Ganz hinten am Ende des Schulhofs gab es einen kleinen Zaun, der das Areal von den beginnenden Dünen abtrennte. Hierher kam die Aufsicht praktisch nie.
Es war wahrscheinlich verboten, über den Zaun zu steigen. Aber
sie kümmerten sich nicht darum. Schließlich waren sie beide in der
Unterprima, wurden von den Lehrern gesiezt und waren praktisch erwachsen. Das heißt Lu, die eigentlich Luise hieß, aber von
allen nur Lu genannt wurde, war erst 18, während er schon 20
war. Er war ein begabter aber etwas fauler Schüler gewesen, der
schon einige Ehrenrunden gedreht hatte und auch dieses Schuljahr
stand für ihn auf der Kippe. Sie hingegen gehörte in ihrer Klasse
zu den Besten.
Im Winter hatten sie sich näher kennen gelernt. Lu hatte vom
Hausmeister die Erlaubnis erhalten, in den Pausen den Plattenspieler in dem Nebenraum seines Büros benutzen zu dürfen. Dort
saß sie oft und hörte ihre Platten. Lu war anders als die Anderen. Ja sie wurde sogar gelegentlich gehänselt, weil sie nur selten
mit der Klasse ging, auf die Anmache der Jungs nicht reagierte
und sich auch nicht so zurechtmachte, wie die Anderen.
Piet hatte sie schon öfters in den Pausen beobachtet. Er ging in
eine der Parallelklassen, und auch er war anders als die Anderen. Allerdings zeigte er es nicht so deutlich wie Lu. Piet war
sich wohl bewusst, dass er von den Mädchen mit Wohlwollen
betrachtet wurde, und war einem Scherz oder einem kleinen
Flirt nicht abgeneigt. Aber innerlich war er eher ein Einzelgänger, der sich mit tief schürfenden Fragen über Gott und die
Welt beschäftigt Dafür hatte er bisher noch keinen Gesprächspartner gefunden
An diesem Wintertag ging er zufällig an der Hausmeisterloge
vorbei und hörte die Musik.
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Die Türe war nur angelehnt, deshalb trat er ohne weiters ein
und sah Lu auf einem Stuhl sitzen, die Augen geschlossen und
andächtig der Musik lauschend. Dies ira. Piet war wie immer
ergriffen von der Gewalt dieser Musik. Das Requiem von
Mozart gehörte zu seinen Lieblingsstücken an klassischer
Musik. Wortlos hatte er sich dazugesetzt und gelauscht, bis die
Pause vorüber war.
So hatte ihre Freundschaft angefangen.
Danach hatten sie häufig in dem kleinen Raum gesessen und
sich gegenseitig ihre Platten vorgespielt. Brahms, Violinkonzert, den letzten Satz der 9. von Beethoven und immer wieder
auch Mozart.
Es stellte sich heraus, dass sie recht ordentlich Klavier spielte
und öfters in der Aula das Klavier benutzen durfte. Und da er
leidenschaftlicher Klassikfan war, hörte er ihr gelegentlich zu,
wenn es sich ergab.
Die anderen Schüler hatten mit Verwunderung bemerkt, was
sich da zwischen den beiden angebahnt hatte. Aber sie ließen
sie in Ruhe. Es schien sogar, als ob Lu durch die Freundschaft
mit Piet in der Achtung ihrer Klassen gestiegen war, als sie
sahen, dass die beiden öfters auf dem Schulhof miteinander
gingen und oft heftig ins Gespräch vertieft waren.
Im Frühling waren sie dann auf „ihre“ Ecke ausgewichen und
hatten sich über theologische, philosophische und andere Fragen
ausgetauscht oder einfach gemeinsam geschwiegen.
So hatten sie auch gestern nebeneinander gelegen und sich dann
für den Sonntag zu einem kleinen Ausflug verabredet.
Und nun lagen sie in den Dünen und fühlten die Wärme der
Sonnenstrahlen aber auch eine innere Wärme, die sie bisher
noch kaum gekannt hatten.
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