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Elfriede Hammerl: „Ich fühle mich aber gar nicht wie 60 - NÖ Heime

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Elfriede Hammerl:
„Ich fühle mich aber gar nicht wie 60!“
Sehr geehrte Damen und Herren,
als ich überlegt habe, wie ich meinen heutigen Vortrag beginnen soll, ist mir
eine ganze Reihe von möglichen Einstiegen ins Thema eingefallen. Und weil
ich mich für keinen entscheiden konnte – bzw. weil ich keinen weglassen
mochte – präsentiere ich sie Ihnen jetzt alle. Oder fast alle. Oder wenigstens
ein paar.
Einstieg 1:
Meine Friseurin hatte vor nicht allzu langer Zeit ein Lehrmädchen namens
Gloria, das alles andere als schüchtern war. Eines Tages, ich kam mit einem
dicken – und selbstverständlich hochliterarischen – Buch, um mir eventuelle
Wartezeiten zu vertreiben, sagte Gloria gönnerhaft und sehr laut zu mir: „Na,
Frau Hammerl, tun S’ gern lesen? Was lesen S’ denn da Schönes?“
Ich gestehe, dass mir Fassungslosigkeit die Rede verschlug. In dem Moment
sah ich mich mit Glorias Augen: eine bestimmt schon terrische Alte, die sich
einer verstaubten Kulturtechnik hingab, einer Altersbeschäftigung, wie
Musikantenstadel sehen oder zahnlos am Guglhupf mümmeln.
Ja, vielleicht war ich überempfindlich. Aber die Vorstellung, einmal, in noch
höherem Alter, auf eine Gloria angewiesen zu sein, die mich gönnerhaft,
herablassend behandelt und meinen IQ weit unter ihrem ansiedelt, obwohl ihr
IQ, es tut mir leid, wenn das jetzt arrogant klingt, keine Messlatte darstellt,
diese Vorstellung entsetzte mich.
Einstieg 2:
Als junge Journalistin und Kolumnistin für den Kurier, ich war damals Mitte
20, schrieb ich einmal einen Text, der drehte sich darum, dass ich hoffte, als
ältere Frau den Irrnissen und Wirrnissen der Liebe abgeklärt gegenüber zu
stehen. Oder, noch besser: souverän über den Irrnissen und Wirrnissen der
Liebe zu stehen.
Inspiriert hatte mich dazu ein Besuch in einem Innenstadtcafé, wo ich beim
Händewaschen unfreiwillig das Gespräch zweier betagter Damen mitangehört
hatte. Also: betagt aus meiner damaligen Sicht. Heute würde ich sagen: älter.
Zur Präzisierung: im Pensionistinnenalter, und ich meine nicht
Frühpensionistinnen.
Die beiden hatten, kichernd und kudernd, spekuliert, ob ein unbekannter Er
wohl anrufen würde, und wenn ja, wann, und was er zu sagen hätte, und
überhaupt und ausserdem.
Ein Gespräch wie unter Teenagern. Ich fand es hochgradig deprimierend. Ich
hörte zu und hoffte tatsächlich, von all dem Rätseln und Bangen, von der
Unsicherheit und Ungewissheit des Frisch-Verliebtseins befreit zu sein, wenn
ich einmal im Alter der beiden Damen wäre.
Was ich nicht bedachte, war, dass Verliebtsein nicht nur Rätseln und Bangen
mit sich bringt, sondern auch Lebensfreude, beglückende Spannung und neue
Unternehmungslust.
Meine Kolumne kam nicht gut an, wenigstens nicht bei den älteren
Leserinnen und Lesern. Ich kriegte Berge von Zuschriften. Ihr Tenor war: Sie
haben ja keine Ahnung!
Und: Wollen Sie uns das Recht auf Liebe absprechen?
Das wollte ich eigentlich nicht. Ich hatte mir nur vorgestellt, dass in reiferen
Jahren ein anderer Umgang mit der Liebe angebracht wäre. Ein maßvoller,
vernünftiger, gelassener. Und hatte damit das Wesen der Liebe verkannt, das
die Regeln der Vernunft und der emotionalen Sparsamkeit ausser Kraft setzt,
egal, wie alt die von der Liebe Befallenen sind.
Einstieg 3:
Ich gehöre einer Generation an, die unglückseligerweise den Slogan erfand:
Traue keinem über 30!
Über 30 ist: alt. Daran glaubten wir. Deswegen fürchteten wir uns vor dem
30. Geburtstag.
Ich erinnere mich, dass ich mir eines Tages - da werde ich 27 oder 28 gewesen
sein -, als ich gerade in meine geliebten Jeans stieg, bang die Frage stellte:
Werde ich noch Jeans tragen können, wenn ich einmal über 30 bin?
Heute bin ich mehr als zweimal 30, und ich trage immer noch Jeans, wie
übrigens viele meiner Altersgenossinnen. Warum auch nicht?
Was habe ich mir damals vorgestellt? Dass ich zwei, drei Jahre später
schlagartig zur Matrone werden würde, für die nur noch Twinsets und
kastenförmige Röcke passend wären?
Einstieg 4:
Es ist zwar auch schon eine Weile her, aber ich weiss es noch wie heute, da
schlug ich den Kurier auf und fand die Reportage eines jungen Kollegen darin,
der hatte sich was Originelles einfallen lassen: Er hatte herauszufinden
versucht, wie sich ein alter Mensch fühlt. Zu diesem Zweck habe er sich,
schrieb er, als 60jähriger Greis verkleidet, mit Krückstock, schwarzer Brille
und Blindenbinde am Arm. Zusätzlich habe er sich zwecks Schwerhörigkeit
die Ohren zugestoppelt.
Ich vermute, er hat ebenfalls eine Menge Post bekommen.
Einstieg 5:
Als ich 50 wurde, bekam ich eine Broschüre des Landes NÖ, mit
Begleitworten meines übrigens etwa gleichaltrigen Landeshauptmanns, die
wollte mich auf meinen neuen Lebensabschnitt – über 50 – vorbereiten. Ich
fand darin gute Ratschläge wie den, ab nun nur noch trittfestes Schuhwerk zu
tragen und Strassen ausschließlich an gesicherten Kreuzungen zu überqueren.
Ausserdem wurde mir mitgeteilt, wo und wie ich Erwachsenenwindeln
preisgünstig bekäme (ich glaube, es war sogar ein Gutschein dabei), und ich
wurde gefragt, ob ich als Leihoma zur Verfügung stehen wolle, was ich in
Anbetracht meiner Berufstätigkeit und eines gesetzlichen
Pensionsantrittsalters von 60 einigermaßen merkwürdig fand.
Aber offenbar wurden über 50jährige Frauen von den für die Broschüre
Verantwortlichen als mehr oder weniger untätige, aufgabenlose Wesen
imaginiert.
Einstieg 6, und das ist jetzt der letzte, mit dem ich Sie konfrontiere, obwohl
ich noch lange so weitermachen könnte, Einstieg 6 ist der Beginn einer profilKolumne, die ich vor einiger Zeit schrieb, und der geht so:
Eine mir bekannte Mittfünfzigerin bekam von Ihrer
Versicherung einen Brief, der begann folgendermassen:
„Wir wollen uns für Ihre Treue bedanken! Vorsorgen für
sich und seine Lieben – vor allem im reifen Alter – ist
ein Gebot der Stunde…“ Dem Schreiben war ein TreueAngebot für einen Erbentreuhand-Vertrag beigelegt. Aber
nicht nur das!
„Zusätzlich“, so ging der Brieftext
weiter, „ zusätzlich haben wir mit unserem Partner Club
50 (Verein für Senioren-Freizeitgestaltung) eine
attraktive Gewinnchance für Sie ausgearbeitet und
verlosen eine wunderschöne 8-tägige Mittelmeerkreuzfahrt
für 2 Personen…“ An Bord des Kreuzfahrtschiffes, so wurde
der Adressatin verheissen, würde es ein musikalisches
Feuerwerk geben, mit Stars wie Publikumsliebling Hansi
Hinterseer und
den „Ursprung-Buam“…
Die Empfängerin dieses verlockenden Angebots war darob
ein wenig befremdet. Vielleicht sollte sie ja, so dachte
sie, der Statistik zum Trotz – die ihr noch rund 30 Jahre
Lebenszeit gönnen würde – dem Gedanken an ihr Ableben
tatsächlich nähertreten. Aber dass die Versicherung
diesem mit Hansi Hinterseer und den Ursprung-Buam
nachzuhelfen beabsichtigte, fand sie doch ein wenig
drastisch.
Im Ernst: Ist es eine Altersfrage, Hansi-Hinterseer-Fan
zu sein? Oder
mehr eine des Milieus, der Bildung und des
Geschmacks?
Falls wir uns darauf einigen können, dass eine Schwäche
für die Ursprung Buam in erster Linie auf die
Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bildungs- und
Sozialschicht schliessen lässt: Wieso werden Menschen
jenseits der fünfzig automatisch sozial, kulturell und
intellektuell runtergestuft?
Warum mutiert eine Frauengeneration, zu deren
Erfahrungsschatz der Kampf um berufliche Eigenständigkeit
und sexuelle Selbstbestimmung gehört, in den Augen der
(jüngeren) MitbürgerInnen so oft zu einer Herde von
schafsköpfigen Bierzeltpascherinnen?
Gerechte Strafe des Schicksals, weil schon die heute
Fünfzigjährigen ihren Müttern Unrecht getan haben, indem
sie tüchtigen, durchaus selbständigen, durchaus
fortschrittlichen Frauen durch die Bank seufzend
Spiessigkeit und Beschränktheit unterstellten? Äh. Mal
nachdenken.
Also: Keine weiteren Einstiege, obwohl ich die Liste solcher Beispiele noch
lange fortsetzen könnte.
Beispiele wofür? Beispiele dafür, dass die Altersfrage eine Frage der
Perspektive ist. Es kommt darauf an, wie alt man selber ist, wenn man über
Altersgruppen und Lebensphasen spekuliert. Von welcher Seite des Zauns
man worauf schaut. Was man schon selber erfahren und erlebt hat. Und ob
man auf seine Erfahrungen und Erlebnisse zurückgreift oder statt dessen auf
vorgefertigte Vorstellungen und übliche Erwartungen.
Oft höre ich von Menschen, zum Beispiel, wenn ich ihnen zu einem runden
Geburtstag gratuliere, zum 50er, 60er, 70er, 80er: Weißt du, eigentlich fühle
ich mich gar nicht wie 80. Oder 70. Oder 60.
Ach ja? Wie sollte, wie muss man sich denn mit 60, 70, 80 fühlen? Gibt’s da
fixe Regeln dafür? Vorschriften? Woher kommt dieses Gefühl, den Kriterien
nicht zu entsprechen, die ab jetzt auf eine oder einen zutreffen sollten?
Es kommt daher, dass die Kriterien von Leuten erstellt werden, die häufig
nicht kompetent sind.
Viel von dem, was einem bestimmten Lebensalter zugeschrieben wird,
resultiert aus den Fantasien von Menschen, die dieses Alter noch nicht
kennen. Darum sagen 60-, 70-, 80jährige: Aber ich fühl mich noch gar nicht
wie -.
Sie glauben, mit 70 müssten sie sich so fühlen, wie sie seinerzeit, mit dreissig
oder 40 gedacht haben, dass sich 70jährige fühlen müssen.
Das wollte ich Ihnen mit meinen Einstiegsszenen zeigen: wie problematisch es
ist, bestimmte Lebensalter sofort mit bestimmten Klischeevorstellungen und
Klischee-Erwartungen zu verknüpfen. Ich will sie vor den Altersschubladen
warnen.
„Ich will in keine Schublade gesteckt werden!“ sagte meine Kollegin und
Freundin Leomare immer, wenn sie die Auskunft über ihr Alter verweigerte.
Damals, mit Anfang 30, war ich noch finster entschlossen, stets zu meinen
Jahren zu stehen.
Das ist doch lächerlich, wandte ich ein, niemand hält dich mit 60 für 29,
wenn du nicht zugibst, wie alt du bist.
Nein, aber vielleicht für 58, sagte Leomare trotzig.
Ich dachte, sie wäre Mitte fünfzig. Als sie wenig später überraschend starb,
stellte sich heraus, dass sie 63 gewesen war.
Sie hätte meine Mutter sein können, das war mir immer klar gewesen, aber
ich empfand sie als alterslos; zwar hielt sie mit ihrem Erfahrungsvorsprung
nicht hinter dem Berg, trotzdem hatte sie sich eine ungebrochene Neugier aufs
Leben, auf die Menschen bewahrt, wenn wir über Gott und die Welt lästerten,
hörte sie sich an wie eine rebellische Junge.
Recht hat sie gehabt, dachte ich mir nach ihrem Tod, dass sie sich kein „Ichbin-schon-über...“-Schild umhängen hat lassen.
Mittlerweile ist es mir selber unangenehm, mein Geburtsjahr anzugeben.
Komme ich nicht darum herum, lauere ich darauf, dass die Leute staunen:
Was? Das ist ja nicht möglich!
Staunen sie, fühle ich mich wie ein Fossil.
Staunen sie nicht, bin ich erst recht gekränkt.
Wie kommt das? Warum ist es für viele von uns so schwer, zu unserem
fortgeschrittenen Alter zu stehen? Es kommt daher, dass die Schubladen, in
die wir gesteckt werden, ziemlich unkomfortabel sind.
Wir leben, das ist nicht neu, in einer Zeit des Jugendkults. Jung ist
hip, jung ist angesehen, jung ist respektiert. Alle wollen jung sein. Noch die
45jährigen bestehen darauf, als jugendlich zu gelten, sie sind frisch, straff,
dynamisch und, vor allem, sofern männlich, noch nicht reif, sehr oft
jedenfalls. (Nicht reif für feste Bindungen, nicht reif für die Ehe, nicht reif für
Kinder, aber das nur nebenbei.)
Auch wir Älteren sind häufig noch dynamisch und munter unterwegs, oh ja,
durchaus, aber in dem Moment, in dem wir zu unserem Alter, zu unserer
Altersgruppe stehen, sind wir mit wenig schmeichelhaften Klischees über uns
konfrontiert.
Alt heisst: intellektuell anspruchslos. Technisch unterbelichtet. Hilflos.
Körperlich gebrechlich. Eine Belastung für das Pensionssystem. Eine
Belastung für das Gesundheitssystem.
Wir sind, je nach Schublade: Raffgierige Alte, die viel zu viel besitzen,
weshalb die Jungen viel zu wenig besitzen. Mittellose Alte, die es verabsäumt
haben, ausreichend Zaster für ihre Lebensabend beiseite zu legen, weshalb sie
jetzt von der öffentlichen Hand mitgeschleppt werden müssen. Fitte
Nichtstuer, die sich – wie lang denn noch? – faul an Swimmingpools räkeln.
Klapprige Teppen, die bestimmt nicht klapprig wären, wenn sie disziplinierter
auf ihre Fitness geachtet hätten.
Als Frauen bestenfalls eine liebe Oma, der man ihre die Rentenkassen
strapazierende Existenz nachsieht, wenn sie sich familiär nützlich macht,
schlechterenfalls ein giftiges, missgünstiges, denunziatorisches Weib. Die böse
Alte, die am Fenster lauert, um die Nachbarschaft auszuspionieren, gehört
zum fixen Personal von Fernsehserien und wird auch in feuilletonistischen
Betrachtungen gern beschworen.
Feindselige Spannung zwischen den Generationen sind allerdings nicht so
neu. Auch die betagten Bauersleute im Austragsstüberl wurden häufig nicht
ob ihrer Altersweisheit geehrt und respektiert, sondern als unnütze Esser
schlecht behandelt. Und schon in der Antike führten alte Männer, wie man
weiss, Klage über die angeblich nichtsnutzige Jugend.
Obwohl – hier tut sich vielleicht ein Unterschied auf: Die Alten heutzutage
hüten sich meistens, schlecht über die Jugend zu reden. Schliesslich wollen sie
nicht extra darauf aufmerksam machen, dass sie nicht mehr dazu gehören.
Aber auch die Jüngeren reden doch nicht durchwegs schlecht über die Alten!
Manches, was vordergründig als wertschätzend daherkommt, entpuppt sich
allerdings bei näherem Hinsehen als Zumutung. Zum Beispiel das Gerede von
der Anspruchslosigkeit im Alter.
So ein alter Mensch, wird dann behauptet, ist ja so wunderbar abgeklärt und
genügsam. Braucht nichts mehr. Oder kaum was. Sitzt in einer eingerichteten
Wohnung, hat das Autofahren verünftigerweise aufgegeben, verfügt bereits
über einen vollen Kleiderkasten, macht sich nichts mehr aus Festivitäten, hat
im Theater eh schon alles gesehen, ißt Preßschinken genauso gern wie
Prosciutto (läßt nicht der Geschmackssinn im Alter nach?) und ist glücklich,
wenn er unsere Blumen gießen darf, denn das gibt ihm das Gefühl, gebraucht
zu werden.
Freundliche Zuschreibungen – auf den ersten Blick, wie gesagt. So nett sehen
wir die Alten. So einsichtig und bescheiden. Das Beste nehmen wir von ihnen
an.
Tatsächlich sind die Erwartungen, die damit ausgedrückt werden, ganz schön
unverschämt. Und auch unter praktischen Gesichtspunkten falsch.
Wohnungseinrichtungen nützen sich ab. Haushaltsgeräte geben den Geist auf.
Alte Betten taugen nicht mehr fürs alte Kreuz. Badewannen müssen durch
Duschen ersetzt werden. Wer nimmer Autofahren kann, braucht Geld zum
Taxifahren, wenn das Einsteigen in Öffis zu beschwerlich geworden ist. Das
Leben wird in mancher Hinsicht teurer. Plötzlich zahlt man für Handgriffe,
die man früher mit links selber erledigt hat.
Und: Gar nicht wahr, dass alte Menschen keine Anregungen und keine
Abwechslung nötig haben. Gar nicht wahr, dass sie sich nichts mehr aus
Theaterbesuchen machen – sie gehen allerdings nicht mehr auf Stehplatz, und
sie sitzen möglicherweise auch nicht auf der Galerie, weil sie dort wenig hören
und schlecht sehen.
Gar nicht wahr, dass alte Menschen von Natur aus nicht mehr eitel sind. Sie
sind es dann nicht, wenn man ihnen eingeredet hat, dass sich das nicht gehört
für sie. Oder wenn sie sich aufgegeben haben.
In Venedig sah ich einmal an einer Vaporetto-Haltestelle eine sehr alte Dame
stehen, silberhaarig, schick frisiert, die war von oben bis unten in rosa
gekleidet: langer rosa Nerzmantel, rosa Strümpfe – hauchdünn, aber rosa -,
rosarote Ballerinas. Was soll ich Ihnen sagen: Es hat großartig ausgeschaut!
Ich habe sie zu meinem Role Model fürs noch höhere Alter ernannt, wie ich
den Nerz auftreiben soll, weiss ich allerdings nicht, und das ist nicht nur eine
Sache des Tierschutzgedankens.
Was das Blumengießen und ähnlich geartete Herausforderungen betrifft:
Manche haben’s immer schon gern gemacht, andere lesen sich auch im Alter
lieber durch die ZEIT oder das profil.
Was mich am meisten verblüfft bei der Legende von der Anspruchlosigkeit:
Dass viele Menschen, die fest davon überzeugt sind, aufgrund ihres eigenen
Alters eigentlich Zweifel daran entwickeln sollten. Oder glauben 50-,
55jährige, die heute selbstverständlich Anspruch auf Prosciutto erheben,
tatsächlich, dass sie in zehn, 15 Jahren nur noch Gusto auf Preßschinken
haben werden? Falls ja, warum? Was bringt sie auf diesen arroganten
Gedanken?
Und wie kommt es, dass sie die heute Alten für bescheiden im Geiste halten,
während sie sich selber als helle Köpfe sehen, die auch später auf intellektuelle
Anregungen nicht verzichten werden?
Dieses Symposion hat den Titel: „Wenn ich einmal alt bin...“
Wir alle hatten und haben gute Vorsätze für unseren Lebensabend.
Wenn ich einmal alt bin, will ich gesund und rüstig sein, bei klarem Verstand
und selbständig.
Wenn ich einmal alt bin, werde ich niemandem zur Last fallen.
Ich werde regelmäßig Kreuzworträtsel lösen, Stiegen steigen, Sport treiben,
dann kann mir praktisch nix passieren, das verhindert Alzheimer und
körperlichen Verfall. (Merkwürdigerweise kommt dieser Vorsatz nicht selten
von Leuten, die weder Sport noch Kreuzworträtsel im Programm haben –
wann wollen sie damit anfangen? In der Rente?)
Also, wenn ich einmal alt bin, möchte ich keinesfalls ein Pflegefall sein.
Ich möchte nicht lange krank sein, bevor ich sterbe, am liebsten plötzlich tot
umfallen und aus.
Na klar. 100jährig nach einem Sektfrühstück tot vom Pferd fallen oder von
der Luftmatratze ins Meer – das ist eine einigermaßen charmante Vorstellung,
wesentlich charmanter jedenfalls als langes Siechtum.
Ein No-Na-Wunsch. Aber leider kein Vorhaben, denn Vorhaben setzen
voraus, dass ihre Realisierung der persönlichen Kontrolle unterliegt.
Bedauerlicherweise können wir uns nur sehr begrenzt aussuchen, wie unser
Alterungsprozess verläuft. Niemand wird aus Schlamperei dement, niemand
legt sich Parkinson aus freien Stücken zu, niemand sich sucht sich arthritische
Gelenke aus, niemand wird aus purem Trotz doch nicht reich, um von einer
bescheidenen Rente leben zu müssen.
Binsenweisheiten, sollte man meinen. Aber warum klingt dann so vieles, was
man älteren Leuten nachsagt, wie eine Schuldzuweisung?
Hätten früher. Hätten rechtzeitig. Haben halt nicht. Waren zu -. Waren zu
wenig. Kein Wunder, dass sie jetzt. Geschieht ihnen recht. Wie kommen wir
dazu, weil die. Oder: ...weil die nicht.
Es ist unser gutes Recht zu hoffen, dass das Alter gnädig mit uns verfährt.
Aber es ist nur sehr begrenzt unsere Schuld, wenn die eine oder andere
Rechnung nicht aufgeht.
Manche Vorsätze sind allerdings, könnte man meinen, keiner Willkür des
Schicksals unterworfen. Die sollten sich doch realieren lassen! Oder?
Als meine Freundin Lore 50 wurde, sagte sie: Mit 60 melde ich mich in einem
Pensionistenheim an, ich bleibe nicht in meiner Wohnung, bis ich allein nicht
mehr zurechtkomme.
Als sie 60 wurde, sagte sie: Jetzt bin ich angemeldet, mit 70 übersiedle ich.
Als sie 70 wurde, pilgerte sie ins Pensionistenheim und erkundigte sich nach
den Einzugskonditionen. Sie erfuhr, dass ihre Pension nicht ausreichen
würde, die Kosten dort zu decken. Die Differenz würde von der Gemeinde
übernommen, ihr stünden dann noch 120 Euro Taschengeld zu.
120 Euro. Lore ist keine, die große materielle Ansprüche stellt. Aber es gibt
Dinge, die gehören sie für sie unabdingbar zu einem qualitätvollen Leben:
Bücher, Theaterbesuche, Konzertkarten, ein Glas Wein in einem angenehmen
Lokal nach dem Kino, ab und zu eine Massage für den verspannten Rücken,
ein hübscher neue Schal dann und wann und das eine oder andere
Medikament, das die Krankenkasse nicht zahlt. All das kann sie sich derzeit
nach Abzug der Fixkosten für ihre kleine Wohnung durchaus leisten. Was
davon könnte sie sich noch gönnen, wenn sie, wie ein Teenager, zur
Taschengeldempfängerin regredierte?
70 hin oder her, wir sind übereingekommen, dass Lore nicht reif fürs
betreute Wohnen ist. Nicht nur schupft sie ihren Haushalt nach wie vor
tadellos, sie ist auch geschäftig wie eh und je, engagiert sich für Projekte der
Zivilgesellschaft, arbeitet ehrenamtlich in caritativen Einrichtungen und wird
rund um die Welt zu Kongressen geschickt, wo sie dann in vier Sprachen
fließend parliert.
Eine andere befreundete Frauenperson, mittlerweile 85 und geistig ebenfalls
noch unglaublich rege, musste vor ein paar Jahren ihre Wohnung – im
zweiten Stock ohne Lift - aufgeben, weil ihre kaputten Kniee das
Stiegensteigen verweigerten. Es fiel ihr nicht leicht, von vier großen Zimmern
in anderthalb kleine zu wechseln. Aber sie zog es ohne Jammern durch,
diszipliniert, wie sie ihr Leben lang war. Allerdings ist sie so begütert, dass sie
sich die so genannte Seniorenresidenz, in der sie lebt, aus eigenen Mitteln
leisten kann und trotzdem mehr als nur ein Taschengeld zur Verfügung hat.
Ein Trost.
Ja, ich rede immer wieder von konkreten Einzelpersonen, weil es mir genau
darum geht: dass und wie Individuen mit allgemein gehaltenen
Rahmenbedingungen – und Rahmenbedingungen müssen allgemein gehalten
sein – zurechtkommen. Im praktischen Alltag zeigt sich, welche Theorien für
die Einzelne oder den Einzelnen taugen. Was zutrifft und was anwendbar ist.
Also: individuelle Schicksale, individuelle Bedürfnisse, individuelle
Temperamente, Fähigkeiten, Fertigkeiten, physische Verfassungen.
Ältere Menschen sind so unterschiedlich wie jüngere auch. Manche sind
rüstig, manche sind schwach. Manche sind diszipliniert, manche lassen sich
gehen. Manche sind gescheit, manche werden langsam langsam im Denken.
Viele müssen sparen, manche haben das Geld für Taxis. Oder für rosa
Nerzmäntel.
Den alten Menschen gibt es nicht. Den Geburtstag, an dem ein Mensch
plötzlich zum alten wird, gibt es nicht. Die Generation 60 plus – oder 65 plus
- gibt es nicht. Und selbst wenn die 60jährigen einander ähnlicher wären,
wäre es wohl ein wenig sinnvoll, sie über einen Kamm zu scheren mit den 80und 90jährigen. Sehen wir 50jährige als Vertreter einer Generation 25 plus?
Was uns Ältere allerdings eint, ist die deutlicher werdende Einsicht in die
Endlichkeit unseres Lebens. Das dahinschmelzende Kontingent an
verbleibender Lebenszeit.
Natürlich weiss niemand, wie alt er oder sie wird. Auch junge Menschen
können sterben. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein junger Mensch noch
viele Jahre vor sich hat, ist groß.
Mit 20 sagt einem die Statistik, dass man gut und gerne noch viermal so alt
werden wird. Mit 40 kann man davon ausgehen, dass man gerade einmal bei
der Halbzeit seines Lebens angekommen ist. Sogar mit 45 besteht eine
realistische Chance, noch einmal 45 Jahre zu erleben. Aber mit 60, 70, 8o
rückt das eigene Ablaufdatum plötzlich in sichtbare Nähe. Das erschreckt.
Nicht immer, aber immer wieder.
Dazu kommen die Verluste von Vertrautem, von Liebgewonnenem, vor allem
von Menschen, die zum eigenen Leben, zum gewohnten Umfeld gehört haben.
Das Sicherheitsnetz, in dem man sich aufgehoben fühlt, kriegt Löcher. Und so
spannend der Umgang mit jüngeren Menschen auch sein kann – er hat andere
Qualitäten als der Umgang mit Altersgenossen. Plötzlich immer und überall
der oder die Älteste zu sein, ist nicht leicht. Keiner da, der deine Erinnerungen
teilt. Kein wortloses Verständnis bei bestimmten Stichworten. Unter dem
Gesichtspunkt der Zeitgeschichte hat es nämlich schon was auf sich mit dem
Dach der selben Generation, unter dem etwa Gleichaltrige versammelt
werden. Man ist unter ähnlichen Rahmenbedingungen aufgewachsen,
konditioniert, sozialisiert worden. Natürlich gab es auch erhebliche
Unterschiede nach Milieu, Wohnort und Geschlecht, aber der große äußere
Rahmen war gleich. Für die heute 60- bis 70jährigen heisst das: Nachkriegs-
Österreich, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Kalter Krieg, Rock’n Roll,
68er-Bewegung, Beatles, Frauenbewegung, Familienrechtsreform. Das war
unsere Kindheit, unsere Jugend. Wir haben das alles miterlebt. Manche haben
es vielleicht nur am Rand wahrgenommen, andere waren mitten drin, aber
doch: wir sind Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geschichtlicher und
gesellschaftlicher Ereignisse, die für die Jüngeren eben nur Geschichte sind,
Vergangenheit.
Auf einmal mußt du, wenn du der oder die Älteste bist in einer Runde,
frühere Selbstverständlichkeiten erklären, und die anderen hören dir zu und
schauen dich an, als kämst du aus der Steinzeit. Sowas macht verdammt
einsam, jedenfalls in diesen Momenten.
Früher hast du dir vielleicht gesagt: Später einmal lerne ich noch Klavier
spielen. Studiere ich Philosophie. Gehe ich in die
Entwicklungszusammenarbeit. Schreibe ich Gedichte. Werde ich eine
erfolgreiche Modedesignerin.
Aber einmal kommt der Tag, an dem du dich ernsthaft fragen musst, wie
viele Möglichkeiten dir noch bleiben. Wieviele Bücher du noch lesen, wieviele
Länder du noch bereisen, ob du wirklich noch jemals ordentlich Spanisch
lernen wirst.
Sich der Erkenntnis zu stellen, dass man manches wohl nicht mehr erreichen
und nicht mehr schaffen wird, ist nicht leicht.
Wie kann Altern gelingen? Ich bin versucht, mit einem Kalauer zu antworten:
Leider gelingt das Altern ganz von allein. Eigentlich hätten wir gern, dass es
uns mißlingt, hiesse das Mißlingen nicht: ein früher Tod.
Sie sehen, ich tue mir schwer mit Rezepten, mit Patentrezepten schon gar.
Einen alten Ratschlag schätze ich mit zunehmender Erfahrung allerdings
immer mehr. Er lautet: Carpe diem. Den Tag nützen. Die Gegenwart nützen.
Den Augenblick genießen. Jede kleine Freude auskosten. Sich öfter was Gutes
tun ohne schlechtes Gewissen. Möglichst wenig auf die lange Bank schieben.
Nicht nur auf die Zukunft hin leben und nicht der Vergangenheit nachseufzen.
Gerade im Alter ist es wenig sinnvoll, sich erfüllbare Wünsche zu versagen
und realisierbare Pläne nicht zu realisieren, denn die Zukunft, auf die man
derlei vertagen kann, wird es womöglich nicht geben.
Genauso wenig bringt es, rückwärtsgewandt zu sein. Wir alle kennen sie, die
Alten, die sich, obwohl klaren Geistes, hoffnungslos in der Vergangenheit
verirren, ja verlieren. In einer verklärten Vergangenheit. Die eigene Kindheit
wird zum Paradies, Mutter und Vater nehmen zusehends die Gestalt von
Wunderwesen an, mit den eigenen Kindern gab es, als sie noch klein waren,
nichts als Freude und Sonnenschein.
Damit kann keine Gegenwart Schritt halten. Das macht der Gegenwart
nichts aus. Aber für die Alten, die in ihr nur noch einen Abstieg und einen
grauen Gegensatz zum leuchtenden Elodorado ihrer Fantasie-Vergangenheit
erblicken, ist es schädlich und vermiest ihnen die verbleibende Freuden, die
wahrzunehmen sie sich weigern.
Den Tag nützen. Wie? Ich würde auch dazu sagen: Nach jeweils individuellen
Bedürfnissen und Vorstellungen. Damit sind wir wieder bei den
Altersschubladen. Verweigern wir, darin abgelegt zu werden. Lassen wir uns
nichts einreden. Beugen wir uns nicht dem Druck fremder Erwartungen.
Lassen wir uns nicht auf die Genügsamkeitsschiene drängen. Wozu ein neuer
Fernseher, in unserem Alter? Dazu! Weil wir gut sehen wollen, falls wir gerne
fernsehen.
Sträuben wir uns, Klischeevorstellungen zu verinnerlichen.
Ich nenne Ihnen ein Beispiel: das ist die weitverbreitete Vermutung, ja,
eigentlich Überzeugung, Frauen im Großmutteralter würden danach gieren,
Großmutter zu werden, um ganz in ihren Enkelkindern aufzugehen. Bzw.,
wenn sie keine eigenen Enkel hätten, die Kinder andere Leute zu umsorgen.
Ich verrate Ihnen was: Ich werde meine Enkelkinder – und ich hoffe
durchaus, welche zu bekommen – bestimmt sehr lieben. Aber ich habe nicht
vor, in ihnen aufzugehen. Ich habe meinen Teil geleistet. Ich habe Abende
damit zugebracht, Kinderbücher vorzulesen, literarisch hochwertige
Kinderbücher, oh ja, aber nun genieße ich es, Erwachsenenbücher zu lesen
und in Erwachsenenfilme zu gehen und mit gescheiten Erwachsenen gescheite
Erwachsenengespräche zu führen, und das möchte ich weder bleiben lassen
noch wesentlich einschränken.
Dazu bedarf es offenbar eines gewissen Rückgrats.
Vor einiger Zeit schrieb ich eine profil-Kolumne genau darüber, dass ich
nämlich keine Ambition hätte, eine Oma für alle zu werden, eine Frau, die für
ihr gesamtes Umfeld nur noch unsere Oma heisst, und die Sonntag für
Sonntag ihre Kinder, Schwiegerkinder und Kindeskinder bekochen soll –
nein, bekochen darf, denn Kinder, Schwiegerkinder und Kindeskinder
huldigen der festen Überzeugung, dass unsere Oma ihr Leben als leer und
sinnlos betrachten würde, wenn sie sonntags nicht groß aufkochen dürfte.
Meine Kolumne endete mit den Worten: In mir festigt sich zunehmend der
charmante Vorsatz, eine Oma zu werden, die sonntags mit aufmerksamen
Kavalieren in Haubenlokalen speist. Aus Prinzip.
Das hat mir Zustimmung gebracht, aber noch mehr Ablehnung. Vor allem
Opas, Ehemänner und Söhne schrieben mir, wie sehr sie meine Haltung
befremde, und dass die eigene Frau oder Mutter nichts Schöneres kenne als
der Familie zu dienen.
Nun mag das ja in manchen Fällen durchaus zutreffen. Aber es muss die
Ehefrau, die Mutter, die Oma selbst sein, die für sich entscheidet, was ihr gut
tut, was sie schön findet und worin ihre Erfüllung liegt.
Auch ältere Menschen brauchen Aufgaben, richtig. Aber sie ganz allein
müssen festlegen dürfen, welche.
Das fällt Jüngeren oft schwer zu glauben - dass die Alten wirklich wissen, was
sie wollen bzw. dass sie, die Jüngeren, es nicht besser wissen.
Ich erinnere mich an eine Freundin – ich habe viele Freundinnen, wie Sie
merken, und das ist gut und macht das Leben reich -, ich erinnere mich an
eine Freundin, die ihre damals kleinen Kinder unentwegt ihrer Mutter, ich
formuliere es salopp, aufs Auge drückte. Meine Freundin war berufstätig, ihre
Mutter aber auch, sie arbeitete nach wie vor in der Firma ihres Mannes mit.
Die Mutter fühlte sich überlastet, zu Recht. Immer wieder beschwerte sie sich
bei mir. Aber jedesmal, wenn ich das meiner Freundin mehr oder weniger
vorsichtig mitteilte, sagte die: Du siehst das völlig falsch. Meine Mutter
braucht das. Meine Mutter wäre todunglücklich, wenn sie sich nicht um
meine Kinder kümmern könnte. Sie tut nur so, aber in Wirklichkeit braucht
sie es.
Noch einmal: Wir entscheiden selber, was wir brauchen!
Vor einiger Zeit war ich bei einer Podiumsdiskussion, bei der vertraten
honorige Führungspersönlichkeiten allen Ernstes die Meinung, weil sie selber
sich nicht vorstellen könnten, jemals Ruhe zu geben, müsse das auch auf alle
anderen Werkätigen zutreffen. Aus dem Publikum kam der Einwand, dass alte
Dachdecker vielleicht ganz froh seien, nicht mehr auf Dächern herumkletterm
zu müssen. Die Herren auf dem Podium waren anderer Ansicht: Auch auf den
alten Dachdecker warteten berufliche Aufgaben, vielleicht solche, bei denen er
seine Erfahrungen an jüngere Dachdecker weitergeben könne.
Und ein auf dem Podium sitzender Autor untermauerte diese These mit dem
Bekenntnis, er selber würde es ja auch nicht aushalten, nicht mehr zu
schreiben, wieso also sollte der alte Dachdecker es hinnehmen wollen, keine
Dächer mehr decken zu dürfen?
Ich fragte mich: Wieso geht der Autor davon aus, dass der Dachdecker zum
Dachdecken genau die gleiche Beziehung hat wie der Autor zum Schreiben?
Vielleicht hat er sie. Genauso gut wäre jedoch denkbar, dass er seinerseits,
säße er auf einem Podium, den Autor energisch auffordern würde, endlich
aufzuhören mit der wichtigtuerischen Dichterei.
Egozentrik. Subjetive Wahrnehmung. Darf sein, aber nur, solange sie nicht
dazu führt, anderen diktieren zu wollen, was gut für sie ist.
Ich kehre zum Anfang zurück und erinnere daran: Wir brauchen auch Liebe.
Manchen genügt keusche Zuneigung, anderen nicht. Das ist nach wie vor ein
Tabu: Die Sehnsucht nach Berührung im höheren Alter. Der Wunsch älterer
Menschen, auch als erotisches Wesen wahrgenommen zu werden. Er erfüllt
sich Männern häufiger als Frauen, aber insgesamt wird Älteren immer noch
der Anspruch auf erotisches Begehren und Begehrtwerden weitgehend
abgesprochen.
Ja, gelegentlich preschen exhibitionistische Selbstdarstellerinnen vor und
inszenieren sich mit über 80, wie jüngst die Autorin des Bestsellers
„Nacktbadestrand“, als ungenierte Konsumentin promiskuitiver
Sexabenteuer.
Das Buch war ein schriller Erfolg, weil es den Nerv einer an und für sich
sexualisierten Gesellschaft traf, die eine Art Orgasmuszwang ausgerufen hat.
Dabei geht es freilich weniger um Lust und Leidenschaft, als um den
Nachweis einer möglichst hohen Erfolgsquote. In diesem Kontext hat die
ungehemmte Beschreibung von Paarungsvorgängen, bei denen ein ziemlich
alter Körper mittut, den Reiz des Ungewöhnlichen und wird akklamiert als
mögliche Erweiterung eines Erfahrungsspektrums, in dem es vor allem aufs
Konsumieren ankommt.
Wie sehr solche Bekenntnisse jedoch geeignet sind, das Verständnis für
Romanzen unter Seniorinnen und Senioren generell zu fördern, entzieht sich
meiner Beurteilung.
Damit keine Mißverständnisse auftauchen: Auch die Verpflichtung zu
Romanzen im hohen Alter wäre natürlich ein Unding.
Selbstbestimmung. Die ist wichtig.
Eine, die meinen Oma-Betrachtungen im profil zustimmte, ist eine tüchtige
Mittsechzigerin aus der Südsteiermark, Akademikerin, Grossmutter, BioWeinbäuerin. Sie habe sich, schrieb sie mir, mit 57 bei einer politischen Partei
engagieren und ihre speziellen Kenntnisse und Berufserfahrungen einbringen
wollen. Auf ihre Anfrage kam als Antwort: „Ja, prima! Wir haben eine
Seniorengruppe, die sich bestimmt über ein neues Mitglied freut.“ Mit
anderen Worten: Was sie sonst alles noch war, war wurscht – sie wurde nur
noch als Seniorin wahrgenommen.
Was bleibt, schrieb sie weiter, was bleibt, ist das: Oma legt sich vorläufig
einmal die Stones auf und tanzt zu „I can get no satisfaction“.
Ich schlage vor, dass wir da alle mittanzen.
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Seele and Geist
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