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Neue Minderheiten für das Imperium? Die Mittelmächte und die Ethnien im
Königreich Polen
Stephan Lehnstaedt
Der Vortrag soll am Beispiel des eroberten Russisch-Polen, das in das deutsche
Generalgouvernement
Warschau
und
das
österreichisch-ungarische
Militärgeneralgouvernement Lublin aufgeteilt war, die imperiale Symbolpolitik untersuchen,
mit der die Mittelmächte die Einheimischen umwarben. Ausgangspunkt der Untersuchung ist,
dass beide Kaiserreiche Polen in den eigenen Herrschaftsbereich eingliedern wollten. Dabei
sollen allerdings nicht die sattsam bekannten diplomatischen Verwirrspiele zwischen den
beiden Besatzern in den Blick genommen werden, sondern vielmehr die Frage gestellt
werden, auf welche Weise Berlin bzw. Wien die Polen (und viel weniger die Juden) von ihrem
Herrschaftsanspruch überzeugen wollten. Selbstverständlich stellten diese im Land zwischen
Weichsel und Bug keine Minderheit dar, aber in den beiden Imperien waren sie es – und sie
sollten natürlich auch nach einem gewonnenen Krieg nur eine nachgeordnete Rolle in einem
wie auch immer geprägten „Mitteleuropa“ spielen.
Der imperiale Konkurrenzkampf zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn, der wegen
der militärischen Notwendigkeiten vielfachen Beschränkungen unterlag, war trotz der
Waffenbrüderschaft keinesfalls außer Kraft gesetzt. Für die künftige Zugehörigkeit Polens zu
dem einen oder anderen Reich bzw. dessen Einflusssphäre war zwar die Meinung der
Einheimischen unerheblich, aber deren Sympathien konnten als gewichtiges Argument
genutzt werden; entsprechende Bekundungen einer Nationalversammlung zugunsten
Deutschlands oder Österreich-Ungarns hätten ein nur schwerlich zu ignorierendes Zeichen
gesetzt. Darüber hinaus ging es ganz pragmatisch darum, die Unterstützung der Polen für
die eigenen Kriegsanstrengungen zu gewinnen. Sie waren nicht nur als Soldaten gefragt,
sondern auch als Lieferanten von verschiedenen Rohstoffen und Lebensmitteln, auf die die
Mittelmächte kaum verzichten konnten – die aber mit Zwang ungleich schwer aufzubringen
waren als bei freiwilliger Ablieferung. Es gab also vielerlei Gründe, um die Einheimischen zu
werben, darunter nicht zuletzt das Legitimitätsproblem, das durch die Wahrnehmung als
reiner Aggressor und Ausbeuter entstehen würde.
Untersucht werden sollen drei Bereiche: Instrumentalisierung von Aufbau und „gerechter“
Verwaltung, Kultur- und Religionspolitik. In diesem Sinne hatte Symbolpolitik für die
Zeitgenossen wahrnehmbare Auswirkungen, und die Vorteile lagen eher auf deutscher Seite.
In kulturellen und religiösen Fragen entwickelte sich eine Art Patt, das sich etwa in den
offensichtlichen Rückschlägen wie Glockenabnahmen oder Studentenstreiks manifestierte;
bei der „gerechten Verwaltung“ musste die Habsburgermonarchie aber ein ums andere Mal
die Erfolge des Verbündeten anerkennen: Dieser hatte zumindest Strukturen geschaffen, die
ihm einen effizienten Zugriff auf die Ressourcen des Landes ermöglichten. Gleichzeitig
wurden die eigenen Bemühungen, als freundlicher und entgegenkommender
wahrgenommen zu werden, nur als Schwäche ausgelegt. Auch bei dieser Bewertung
handelte es sich freilich um subjektive Einschätzungen während des Krieges und unmittelbar
danach; eine objektive Analyse der tatsächlichen „Leistungen“ der Verwaltung war dem nicht
vorangegangen. Entsprechende Perzeptionen des imperialen Rivalen lösten allerdings die
Befürchtung aus, im Wettbewerb um das Ansehen bei der Bevölkerung ins Hintertreffen
geraten zu sein, weshalb ihr weitere Zugeständnisse gemacht werden mussten. Angesichts
einer solchen Politik entwickelten die Polen, deren Sympathien weder besonders deutlich
dem einen noch dem anderen Besatzer zuneigten, sondern vor allem der Unabhängigkeit
galten, im Laufe der Zeit einiges Geschick darin, die konkurrierenden Interessen der
Mittelmächte für ihre Zwecke auszunutzen und sie gegeneinander auszuspielen. Auf diese
Weise wuchsen die Handlungsspielräume der einheimischen Eliten während des Krieges
tatsächlich an.
Mit dieser Feststellung ist trotzdem noch nichts über die Wirkungsmacht der Symbolpolitik
gesagt. Selbst wenn diese etwa in Bezug auf die Kirche nicht die von den Besatzern
gewünschten Resultate erzielte, heißt dies nicht zwingend, dass sie vollkommen wirkungslos
gewesen ist. Eine exakte Messbarkeit der Auswirkungen von Legitimationsstrategien ist indes
nicht gegeben. Natürlich nahm die Bevölkerung sämtliche Angebote der Mittelmächte gerne
an, war aber gleichzeitig trotzdem unzufrieden, weil ihr Wunsch nach „echter“
Unabhängigkeit unerfüllt blieb. Insbesondere die Proklamation des Königreichs Polen am 5.
November 1916 hatte große Hoffnungen geweckt, die sie nicht erfüllen sollten. Die
Enttäuschung hierüber saß so tief, dass weitere kulturpolitische Zugeständnisse keine Abhilfe
mehr schaffen und die Divergenzen zwischen Besatzern und Besetzten überbrücken konnten.
Zusätzlich förderten viele Maßnahmen im Lande die Wahrnehmung, ungerecht behandelt zu
werden – weil Dinge im anderen Generalgouvernement vermeintlich vorteilhafter geregelt
waren, oder weil sie die Widersprüche zwischen Versprechen und Wirklichkeit offen legten.
Außerdem ließen die Okkupanten bei allem Entgegenkommen an einer Sache keinen Zweifel:
Selbst wenn es zu Missstimmung unter der Bevölkerung führte, lag die letzte Entscheidung in
allen Angelegenheiten immer bei ihnen.
Kurzbiographie:
Stephan Lehnstaedt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut Warschau
und Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Forschungsscherpunkte: Geschichte der beiden Weltkriege, des Holocaust und seiner
Wiedergutmachung; imperiale Geschichte; Geschichte Polens
Publikationen (u.a.): Okkupation im Osten. Besatzeralltag in Warschau und Minsk, 1939-1944 (Studien
zur Zeitgeschichte 82), München 2010 [erscheint 2014 polnisch und 2015 englisch]; Der koloniale
Blick? Polen und Juden in der Wahrnehmung der Mittelmächte, in: Bernhard Bachinger und Wolfram
Dornik (Hrsg.), Jenseits des Schützengrabens. Der Erste Weltkrieg im Osten: Erfahrung –
Wahrnehmung – Kontext, Innsbruck/Wien/Bozen 2013, S. 391–410; Fluctuating between ‘Utilisation’
and Exploitation. Occupied East Central Europe during the First World War, in: Jochen Böhler,
Włodzimierz Borodziej, Joachim von Puttkamer (Hrsg.), Legacies of Violence. Eastern Europe’s First
World War (Schriften des Imre Kertész Kollegs Jena 3), München 2014, S. 89–112.
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Seele and Geist
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