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Militärlager statt Ferienspaß | Manuskript
Militärlager statt Ferienspaß – Wehrlager in der DDR
Bericht: Tom Fugmann
Hier wurde zu DDR-Zeiten die Jugend für den Ernstfall gedrillt – in der sogenannten
vormilitärischen Ausbildung. Das Zentrale Lager für Wehrausbildung „Egon Schultz“ in
Prerow ist heute eine Brache. Die Baracken sind eingefallen und überwuchert. Fast nichts
erinnert mehr an die verhassten Wochen Lagerleben, in denen junge Männer lernen sollten,
den Sozialismus zu verteidigen.
René Roloff , ehemaliger Teilnehmer
Es musste geschossen werden, es musste Bajonettkampf geübt werden, es musste
marschiert werden. Alles mögliche war dabei. Aber andererseits nahmen die Ausbilder das
locker, wenn dann keiner hinguckte. Ich erinnere mich noch an einen Spruch, da mussten
wir 3.000-Meter-Lauf absolvieren und allzu schnell waren wir nicht. Und da hieß es
hinterher vom Ausbilder, na ja, wir mussten uns ganz schön anstrengen, damit ihr die
Norm schafft.
René Roloff war einer von tausenden männlichen Schülern und Lehrlingen, die hier zwei
Wochen übten, wie der Klassenfeind am besten abzuwehren wäre. Schießen und Exerzieren,
Marschieren, Laufen, Sturmbahn. Der Klassenfeind allerdings hat sich davon nicht
beeindrucken lassen. Und Roloff, inzwischen Bürgermeister in Prerow, weiß heute nicht so
recht, was er nun mit der alten, verfallenen Barackensiedlung anfangen soll.
René Roloff, Bürgermeister Prerow:
Eine Tauchsportschule war hier untergebracht oder es gab eine Art Jugendherberge,
solange das noch haltbar war. Aber der Zustand wurde immer schlechter und es wollte
keiner mehr pflegen oder instand halten. Es lohnt sich auch nicht mehr, das instand
zuhalten.
Ein paar Kilometer entfernt sitzt Jürgen Kludt in seinem Wohnzimmer und sortiert seine
Erinnerungen. 28 Jahre lang - bis 1988 - hat er das Lager geleitet - mit Leib und Seele, wie er
sagt. Noch heute erinnert sich der 81-Jährige genau, wer damals alles zu Besuch war.
Jürgen Kludt, ehemaliger Lagerleiter:
Der Vorsitzende der Bruderorganisation aus Albanien, mit seiner Uniform als
Generalmajor von Albanien. Das ist schon ein Erlebnis. Oder wenn eine Ausbildungsgruppe
aus Chile sich vorbereitet hat im Lager auf bestimmte Aktivitäten ihres Landes. Oder
damals der General aus Burma. Das waren schon Erlebnisse und auch Ansporn.
Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers
verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.
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Dieser Ansporn funktionierte nicht bei allen. Denn manchmal verweigerten Jugendliche die
Teilnahme an Schießübungen: Pazifismus ausgerechnet hier.
Jürgen Kludt, ehemaliger Lagerleiter:
In der Regel waren es Jugendliche, die christlich gebunden waren. Wo der Vater oder
andere Verwandte Pfarrer waren oder sie konfirmiert waren. Und manche auch mit dem
Gedanken, na, es klang manchmal so raus, ein pazifistischer Gedanke. Der sie veranlasst
hat, alles mache ich mit, aber Schießen oder Töten ist nicht mein Ding.
DDR-Fernsehen, 28.9.1981
Stillgestanden. Thema der Ausbildung: Das Leben unter feldmäßigen Bedingungen.
Wer sich hier verweigerte, konnte Probleme mit der Abiturzulassung bekommen. Die
Wehrausbildungslager waren der praktische Teil der vormilitärischen Ausbildung in der DDR.
Ab 1978 kam der verpflichtende Wehrkunde-Unterricht ab der 9. Klasse dazu. Eine Mischung
aus theoretischer Überzeugungsarbeit und praktischen Übungen, beispielsweise, wie man
sich im Falle eines Atomangriffs verhalten sollte. Die Militarisierung durchdrang die gesamte
Gesellschaft. Im Fernsehen wurde schon den Kleinsten klargemacht, warum der Sozialismus
nur bewaffnet eine Chance hat.
Soldat zu Kindergartenkindern (DDR-Fernsehen 27.2.1974)
Die Kanone gehört uns allen. Wisst ihr warum? Kinder: Nein. Soldat: Damit ihr ruhig im
Kindergarten spielen könnt. Damit wir unsere Heimat schützen können.
Waffen und Kinder– das erregte den Unmut des Theologiestudenten Michael Kleim. Er
engagierte sich in der Evangelischen Studentengemeinde Naumburg gegen die
Militarisierung in der DDR. 1986 fiel ihm dort ein besonders bizarrer Auswuchs der
vormilitärischen Ausbildung auf.
Michael Kleim, unabhängige Friedensbewegung
Irgendwann haben wir festgestellt, dass so kleine trabbigroße Militärfahrzeuge dort
waren, Panzer und Raketengeräte und so was. Ein SED-Genosse hatte da die Idee, ab 12
Jahre Jungs zu nehmen, die in Uniform zu stecken, die an den Fahrzeugen basteln und
damit rum fahren.
Michael Kleim fotografiert die Kinder in den fahrenden Panzermodellen – die Jungen
Tankisten. Er will dagegen protestieren - schreibt Eingaben an Volkskammerabgeordnete.
Ergebnislos. Erst als die Fotos in den Westen geschmuggelt und veröffentlicht werden,
kommt Bewegung in die Sache.
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Militärlager statt Ferienspaß | Manuskript
Michael Kleim , unabhängige Friedensbewegung
Das Interessante ist, dass trotz der Beteuerungen, dass die Jungen Tankisten notwendig
seien, kein Widerspruch zur Friedenspolitik bestehen und uns dass nichts angehen würde,
seit dieser Thematisierung in der DDR und den Westmedien die Jungen Tankisten faktisch
aus der Öffentlichkeit verschwanden. Sie wurden nicht aufgelöst, die trafen sich noch
regelmäßig. Sie waren nur nicht mehr bei Paraden dabei und es wurde nicht mehr offensiv
für sie geworben.
Auch Christian Sachse hat sich gegen den Wehrkundeunterricht engagiert. Als Historiker
untersuchte er später die Militarisierung der DDR. Und stellte dabei fest, dass die Wirkung
von Wehrlagern und Wehrkunde-Unterricht zunächst kontraproduktiv waren.
Christian Sachse, Historiker
Die Loyalität gegenüber der DDR nahm durch diese Lager ab, die Angst vor dem Atomkrieg
nahm zu und der Disziplinierung hat man versucht, sich zu entziehen.
Heute beschäftigt den Historiker ein erschreckender Langzeiteffekt dieser Ausbildung, der
bis in die Gegenwart reicht.
Christian Sachse, Historiker
Wen ich aber heute auf bewaffnete Auseinandersetzungen im Ostblock schaue, auf dem
Balkan oder jetzt aktuell in der Ukraine. Dann bemerkt man, dass in diesen Ländern, in
denen ja auch vormilitärische Ausbildung betrieben worden ist, die Leute schneller zu den
Waffen greifen.
Für das ehemalige Wehrlager Prerow gab es nach der Wende durchaus Pläne: für ein
europäisches Studienzentrum, für energieautarke Wohnhäuser. Alles zerschlug sich. Heute
nutzen nur noch die Kutscher, die sonst Touristen durch Prerow fahren, die alten Wege – als
Wendeschleife.
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