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facebook - felixhutt.com

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■
2 Titel
Das Tor
zur welt
Das Internet bekommt ein Gesicht.
Eines? Nein, ganz viele. Soziale
Netzwerke wie Facebook verbinden
Menschen über alle Kontinente hinweg.
Millionen Deutsche, junge wie alte,
machen bereits mit – und täglich werden
es mehr. Wer heute cool sein will,
muss unbedingt rein. Aber was tun die
da eigentlich? Der stern stellt einige
Mitglieder vor und zeigt, wie sie sich im
Netz präsentieren
facebook
Michaela Bethge,
54
Bei Facebook seit
dem 30. November 2008
Heimatstadt:
Hamburg
Freunde: 32
Beziehungssta­
tus: verheiratet
Clara Bethge, 16
Bei Facebook seit
dem 1. März 2007
Heimatstadt:
Hamburg
Freunde: 393
Beziehungs­
status: Single
Aktivitäten: Tennis, Yoga, Joggen
Lieblingsfilm:
„Forrest Gump“
Lieblingsbücher:
„Bis(s) zum
Morgengrauen“,
„Für immer vielleicht“, „No Exit“
Andere Netz­
werke: SchülerVZ
Text Felix Hutt Fotos Oliver Mark
118 stern 37/2009
37_026_Facebook.indd 118-119
09.09.2009 17:34:43 Uhr
■
2 Titel
facebook
Roman Libbertz,
32
Bei Facebook seit
dem 22. Januar
2008
Freunde: 2165
Beziehungsstatus: Single
Über mich:
romanlibbertz.
blogspot.com
Eigene FacebookGruppe:
„Mehr Liebe ist
der Schlüssel“
Beruf: freier
Schriftsteller,
Nachtklubbesitzer
in der Maximilianstraße, München
Mitglied: Arche
Kinderprojekt,
Grün-Braun ’07,
BestSecret.com,
Fresh to
Death Family
Andere
Netzwerke:
Asmallworld,
Nachtagenten
37_026_Facebook.indd 120-121
facebook
Nicole
Fischbacher, 27
Bei Facebook seit
dem 8. Mai 2006
Freunde: 340
Heimatstadt:
München
Beziehungsstatus: in einer
Beziehung
Hochschule:
Ludwig-Maximi­
lians-Universität
München
Mitglied von:
Kein Alkohol
ist auch keine
Lösung, Vegetarier
essen meinem
Essen das Essen
weg, How can
I be so thirsty this
morning when
I drank so much
last night?
Fan von:
Marcel ReichRanicki,
TimmyNoPants,
Sam Sparro
37/2009 stern 121
09.09.2009 17:34:44 Uhr
2 Titel
■
xing
122 stern 37/2009
37_026_Facebook.indd 122-123
Mark Frech, 36
Bei Xing seit
dem 1. September
2005
Kontakte: 362
Status:
Premium-Mitglied
Stellung:
Teamleiter
Treasury und
Wertpapier
Sales bei der
Dresdner Bank
Er sucht: Alternative Investments,
Neuerungen im
Portfolio- und
Fondsmanagement, Geschäftskontakte
Er bietet: Anlagemanagement,
ein Netzwerk mit
Kontakten zu
vielen namhaften
Banken
Interessen:
Klettern,
Beachvolleyball,
Snowboarden
facebook
Renate Künast, 53
Bei Facebook seit
dem 1. März 2009
Freunde: 2221
Interessen:
Bücher und Gärten (wenn da nicht
die viele Unkrautjäterei wäre)
Lieblingsbücher:
„Der Turm“ von
Uwe Tellkamp,
„Istanbul“ von
Orhan Pamuk
Lieblingsmusik:
Klassik, z. B.
Beet­hovens Violin­
konzert mit Itzhak
Perlman, Jazz
Über mich: In meiner Freizeit würde
ich mich gern
öfter kreativ betätigen – malen, dekorieren, basteln
Politische
Einstellung:
grün
Stellung:
Rechtsanwältin
09.09.2009 17:34:45 Uhr
F
decayenne
Marco Schierhorn,
29, und
Anne Schön, 24
Bei Decayenne
seit: er seit dem
23. August 2005,
sie seit dem
23. Januar 2007
Freunde:
er 496, sie 81
Marcos
Interessen:
Pferde, Nacht­
leben, Program­
mieren im Internet, FC Bayern
München
Annes Interessen:
Mode, Musik,
Skifahren, ihre
Katzen Beebi
und Pushi
Beziehungsstatus: vergeben
Andere soziale
Netzwerke:
Asmallworld,
StudiVZ, Facebook
37_026_Facebook.indd 124-125
ast scheint es, als ließe sich mit
Facebook sogar der Tod überlisten: Die Tochter von Anita und
Kevan aus Hemel Hempstead in
England war kurz nach der Geburt an Leukämie erkrankt. Im
September 2008 sagten die Ärzte
dem Paar, dass Iona bald sterben
wird, wenn sich nicht schnell ein
Knochenmarkspender für sie findet. Da war Iona gerade 22 Monate alt. Die Eltern verzweifelten
an ihrem Schicksal, weil in England kein geeigneter Spender registriert war. Bis ihnen ein Freund
riet, einen letzten Versuch zu starten. Am 13. Oktober 2008 machten Anita und Kevan einen Aufruf
bei Facebook, der Millionen Facebook-Mitglieder auf der ganzen
Welt erreichte. Es melde­ten sich
knapp 7000 Menschen, die dem
kleinen Mädchen helfen wollten, nach zwei Wochen war ein
passender Spender gefunden. In
Australien.
Die sozialen Netzwerke des Internets sind in der Gesellschaft
angekommen. Über Facebook
und Co. werden Revolutionen
koordiniert, Wahlen entschieden,
hier verkündet Papst Benedikt
XVI. nicht nur Glaubensbekenntnisse, sondern seine nächsten
Auftritte, hier macht sich der Kollege mit Kommentaren wie „Ich
hatte Spaß in der Hüpfburg auf
dem Flohmarkt vor meiner Haustür!“ zum Affen, hier zeigt die
Nachbarin ihre Urlaubsfotos, hier
trifft man die vergessene Jugend-
2
Titel ■
liebe aus dem Zeltlager in Dänemark wieder.
Bei den meisten ist die Skepsis
vor dem, was sich da im Internet
abspielt, der Neugier und dem
Gefühl gewichen, auch dabei sein
zu müssen. Mehr als 1,1 Milliarden Menschen nutzen inzwischen weltweit das Internet, 734
Millionen davon auch soziale
Netzwerke; in Deutschland sind
es rund drei Viertel der mehr als
40 Millionen Nutzer. Facebook,
Twitter, Xing, Myspace und all
die anderen sozialen Netzwerke
(Kasten Seite 133) beeinflussen
unseren Alltag – in der Schule,
der Freizeit, in den Medien, im
Job, auf Reisen.
Glück, Leid, Politik, Show,
Kommunikation, Werbung, Öffent­
liches und Privates verschwimmen hier zu einer Melange, zum
Unterhaltungsgut der global vernetzten Masse. Man kann viel
sehen, viel zeigen – je nach
Bedarf. Auch für die Mächtigen
und die Konzerne spielen diese
neuen Netzwerke eine immer
größere Rolle, denn nirgendwo
sonst erreichen sie so viele Menschen.
Der Weltmarktführer Facebook, um den es in dieser Geschichte vorwiegend gehen wird,
ist mittlerweile die viertgrößte
Website der Welt, hinter Google,
Microsoft und Yahoo, vor Giganten wie AOL, Ebay, Amazon
und Wikimedia. Facebook hat 250
Millionen Nutzer, im Juli 2009
besuchten 7,4 Millionen Deutsche
die Website. Galt man noch vor
Kurzem als Exot, wenn man bei
Facebook war, gilt heute der als
Exot, der noch nicht dabei ist.
Warum bleiben bei Facebook
so viele hängen? Warum exponieren sich Menschen, die fest im
Leben stehen und eigentlich Besseres zu tun haben müssten? Was
macht Facebook für seine Mitglieder, die aus allen Altersschichten kommen, so attraktiv?
Als Erstes hört man meist, dass
man bei Facebook sein muss, weil
es alle anderen auch sind, und
als Zweites, dass Facebook sehr
praktisch ist: Man kann sein
Netzwerk managen, sich Nachrichten schicken, Videos und Fotos hochladen, chatten. Und man
bekommt das Gefühl, immer unter
Freunden zu sein, nie allein.
Wie in einer großen Familie lassen viele Mitglieder bei Facebook
„Freunde“ an ihrem Leben teilhaben. Kontakte heißen bei Facebook Freunde, eine Freundschaft
bedeutet das Einverständnis, seinen Freunden Einblick in sein
Profil zu gewähren. Freunde gratulieren zu Geburtstagen, stellen
Fotos ihrer Neugeborenen ein,
begrüßen alte Bekannte und tauschen sich über ihr Befinden,
neue Bücher, Filme oder den Fußballklub aus.
Kevan und Anita
aus dem engli­schen
Hemel Hempstead
mit ihrer an Leu­
kämie erkrankten
Tochter Iona.
Einen ge­eigneten
Knochen­mark­
spender fanden die
Eltern über Face­
book – in Australien
S
o präsentiert ein Schönheitschirurg aus Süddeutschland
seine barbusigen Kundinnen
auf Ibiza, zum Dinner trifft er sich
mit Jan Ullrich und Matt Damon,
alles dokumentiert in seinen Bildern auf seinem Facebook-Profil.
Die Tennisspielerin Anna-Lena
Grönefeld suchte über Facebook
nach einem Mixedpartner und
fand Mark Knowles, einen Spieler von den Bahamas. Das war
im Januar, im Juli gewannen die
beiden Wimbledon. Wenn zwei
ehemalige Chefredakteure des
„SZ-Magazins“ im Urlaub in Südfrankreich im Pool planschen, anschließend mit Popliteraten wie
Moritz von Uslar und Benjamin
von Stuckrad-Barre auf der Terrasse Meeresfrüchte und Weißwein
genießen, dann erfährt man davon in keinem Branchendienst,
sondern bei Facebook. Fotos von
Mario Gomez mit Freundin, von
Roland Emmerich mit braun gebrannten jungen Män­nern auf
einem Segeltörn, von Shawne Borer-Fielding im Bikini am Strand
von St-Tropez, von Alexandra
Kamp mit Lockenwicklern beim
Friseur, von Doreen Dietel am
Set, von Oliver Berben beim Feiern … alles bei Facebook.
Aber es sind nicht nur die bunten, sondern vor allem die ernsten Geschichten, die Facebook so
faszinierend machen. Avril Grube
aus dem südenglischen Poole war
mit einem Ungarn verheiratet, als
der 1982 ihren drei Jahre alten
Sohn nach Budapest entführte.
27 Jahre später traf sie ihr Kind
jetzt bei Facebook wieder, der
junge Mann muss nun erst mal ➔
37/2009 stern 125
09.09.2009 17:34:46 Uhr
■
2 Titel
Englisch lernen. Mutter und Sohn
chatten so lange fleißig mit einem
Übersetzungstool. Man kann bei
Facebook auch den ehemaligen
Mitschüler auf Selbstfindung in
Indien begleiten, die Freundin se­
hen, die im Krankenhaus aus der
Narkose erwacht, die Schweinegrippe beobachten, deren Ausbrei­
tung von der Facebook-Gemeinde
mit einer eigenen Landkarte dokumentiert wird – die Bilder und
Anekdoten, die man hier mitbekommt, sind so verschieden wie
die Nutzer, die aus allen sozialen
und demografischen Schichten
hinzustoßen. Und es werden immer mehr.
D
e r Hype macht auch vor
denen nicht halt, die bisl ang einen Auftritt bei Anne
Will für die größtmögliche mediale Offenbarung hielten. „Ich
habe mich Anfang des Jahres bei
Facebook angemeldet, weil ich
hier mitteilen kann, wo ich bin,
was ich mache und was ich
denke“, sagt Renate Künast, 53.
Es ist Anfang Juli, noch drei
Monate bis zur Bundestagswahl,
und die Fraktionsvorsitzende der
Grünen erklärt in ihrem Berliner
Büro, wie sie über Facebook
ein gutes Wahlergebnis einfahren
will.
Grob betrachtet kann man
die Facebook-Mitglieder in zwei
Grup­pen aufteilen. Die einen leben sich hier so richtig aus, frei
nach Goethes Faust: „Hier bin ich
Mensch, hier darf ich’s sein.“ Ihnen bietet Facebook die Bühne,
auf der sie sich darstellen können. Sie verschonen einen auch
nicht mit alltäglichen Banalitäten
– dass sie gleich duschen gehen,
ihr Hund Durchfall hat oder sie
sich betrinken.
Renate Künast macht so etwas
nicht, sie gehört zu den Mitgliedern, die Facebook als Multiplikator ihrer Interessen benutzen.
„Ich habe bei Facebook über 2200
Freunde, die ich mit meinen Nachrichten direkt erreiche. Das ist
wie eine Riesen-Diskussionsrunde“, sagt sie. „Ich finde es klasse,
dass ich hier bestimmen kann,
wann meine Nachrichten rausgehen, dass ich keine Rücksicht auf
Presseagenturen und Seite-drei-
facebook
Ursula
Engelen-Kefer, 66
Bei Facebook seit
dem 8. Mai 2009
Freunde: 238
Auf der Suche
nach: Kontakte
knüpfen
Interessen:
Wandern, Schwimmen, Radfahren,
Skifahren, mein
Hund Timmy
Lieblingsmusik:
Klassik – Schubert,
Bach, Schumann
Über mich: Aktiv
in Bewegung,
aufgeschlossen
Neuem gegenüber,
Angehen gegen
Ungerechtigkeit,
Feigheit und
Opportunismus
Politische
Einstellung:
Sozialdemokratische Partei
Deutschlands
Religiöse
Ansichten: christlich – evangelisch
Redakteure nehmen muss. Und da
man bei Facebook meine Einträge
kommentieren kann, bekomme
ich wertvolles Feedback von den
Menschen, die sich für mich und
meine Politik interessieren.“
Wenn Künast mit Jürgen Trittin
ein Wahlvideo für die Grünen
dreht, dann berichtet sie davon
bei Facebook. Aber wie bei vielen
anderen Mitgliedern erfährt man
auch von Renate Künast einiges,
was man nicht wissen muss. Am
13. August zum Beispiel, da teilt
sie um 14:40 Uhr ihren FacebookFreunden mit: „Renate Künast
bäckt Käsestangen im Biobackhaus Hans Leib in Falkensee“.
Darunter ein Foto von Künast mit
zwei Bäckern. Und der Kommentar einer Petra: „Garantiert ohne
Analogkäse!!!!“
W
er das für banal hält,
dem
sei eine FacebookBekanntschaft
mit KarlTheodor zu Guttenberg, 37, empfohlen. Der Wirtschaftsminister
verkündet hier jeden seiner Bierzelt-Auftritte mit einer Verve, als
sei er die Reinkarnation von John
F. Kennedy. „Spannend verspricht
der politische Sommerabend im
Festzelt in Marktschorgast am
Donnerstag, 27. August 2009, zu
werden“, schreibt er am 24. August 2009, gleich zwei Bundesminister, nämlich er und Wolfgang
Schäuble, seien dort zu Gast. Zudem gibt er an, dass er „männlich“ ist, „regelmäßig Workout
etc.“ macht und „ohne Literatur
nicht auskommt“.
„Mir fehlt bei Facebook die inhaltliche Diskussion, hier findet
viel zu wenig Austausch über
politische Themen statt“, sagt Ursula Engelen-Kefer, 66. Das hat
die ehemalige stellvertretende
DGB-Vorsitzende, die für die SPD
in den Bundestag möchte, aber
nicht davon ab­gehalten, ebenfalls
Mitglied bei Facebook zu werden.
Und um ihr Ziel zu erreichen, verbreitet sie fleißig Botschaften, wie
am 22. August: „Mehr Sozialstaat
wagen – Perspektive sozialdemokratische Politik.“ Wähler, die das
noch nicht überzeugt haben sollte, erfahren weiter, dass sie ihren
Hund Timmy mag.
Beim Umgang mit Facebook
wirken deutsche Politiker wie
Kinder, die ein neues Spielzeug in
der Hand halten, das sie ganz toll
finden, ohne zu wissen, wie man
damit spielt. Sie wären online so
gern cool, genau das macht sie
uncool. Ihre „persönlichen“ Nachrichten klingen trockener als jede
Pressemitteilung.
Dabei können Facebook und
Co. politisch zu viel mehr dienen
als nur zur Selbstvermarktung.
Das bewiesen die Präsidentschaftswahlen im Iran. Über Face­
book und Twitter, eine Website,
auf der man Kurznachrichten verbreiten kann, verabredeten sich
Iraner auf der ganzen Welt zu Demonstrationen, machten minütlich auf die Repression aufmerksam, unter der sie leiden. Facebook und Twitter erwiesen sich
als Gegner, auf die das Überwachungsregime in Teheran keine
Antwort wusste. Die iranische
Journalistin Anahita Moghaddam,
26, schickte über Facebook Tag
und Nacht Fotos und Videos von
den Protesten, wies auf gewalttätige Polizisten hin, animierte zur
Solidarität mit ihrem Volk und
wurde so zur Ansprechpartnerin
für ausländische Journalisten, die
nicht mehr aus Teheran berichten
durften. „Ohne die Aufmerksamkeit, die Facebook und Twitter
generiert haben, hätten wir die
grüne Revolution nicht so lange
durchgehalten. Sie haben die Art
und Weise, wie die Menschen uns
Iraner sehen, von Grund auf geändert“, sagt Moghaddam.
Wer auf Facebook viele Menschen erreichen möchte, der
gründet eine Gruppe. So wie die
Eltern der krebskranken Iona, so
wie die Iraner, die Solidarität
suchten. Auch der Münchner ➔
126 stern 37/2009
37_026_Facebook.indd 126
09.09.2009 17:34:46 Uhr
■
2 Titel
K
önnte er Facebook verbessern, würde er zur Auflage
machen, dass die Mitglieder
ein Videoprofil einstellen müssten, so könnte sich niemand mehr
hinter einem geschönten Profil
verstecken. Facebook nutze die
Sinnsuche seiner Generation aus,
sagt Libbertz, für viele Gleichaltri­
ge sei Aufmerksamkeit um jeden
Preis der neue und einzige Sinn.
Tatsächlich stellt sich jedem,
der regelmäßig bei Facebook ist,
nicht mehr die Frage, warum
TV-Formate wie „DSDS“ oder
„Germany’s Next Topmodel“ die
jungen Leute vor die Bildschirme
holen. Sie funktionieren nach
demselben Prinzip wie Facebook.
„Man sieht mich, also bin ich.“
Das Sich-zur-Schau-Stellen, der
offene Umgang mit persönlichen
Informationen, das Teilen intimster Dinge mit einem großen
Freundeskreis, all das mögen äl-
tere Menschen befremdlich finden, für jüngere gehört diese Darstellung zu ihrer Persönlichkeit.
Für sie bedeutet die Zeit, die sie
vor dem Computer oder mit dem
iPhone verbringen, nicht die Isolation vom Leben, sondern eine
verbesserte Lebensqualität.
Viele von ihnen leben für ihr
Facebook-Profil. Sie halten sich
für beliebt, wenn sie ständig neue
Freunde „adden“, hinzufügen, sie
gehen auf Partys, weil sie wissen,
dass sie dort fotografiert und ihre
Bilder später bei Facebook hochgeladen werden. Sie sind süchtig
nach der Aufmerksamkeit dieser
Scheinwelt aus Exhibitionismus
und Voyeurismus.
Dass die wirklich wichtigen
Dinge – wie die Liebe – dabei
nicht unbedingt zu kurz kommen
müssen, zeigt das Beispiel von
Anne und Marco: Die Studentin
Anne Schön, 24, lebt in Hamburg,
ihr Freund, der Webunternehmer
Marco Schierhorn, 29, in Düsseldorf. Ihre erste Begegnung fand
nicht im Café oder im Fitnessstudio statt, sie haben sich nicht aufgrund ihres Parfüms oder seines
Knackpopos ineinander verliebt,
sondern weil sie ihre Profile in ihren sozialen Netzwerken gut fanden. Er ist Mitbesitzer des Netzwerks Decayenne, das sich vor
allem an Kinder aus besserem
Hause richtet; beide sind auch aktive Nutzer von Facebook. Als sie
Anfang vorigen Jahres bei Decayenne sein Profil anklickte, war
es um sie geschehen, zwischen
Hamburg und Düsseldorf wurden
Profile „abgecheckt“. Wie gibt er
sich? Was hat er für Freunde? Ist
er oft feiern oder ein Langweiler?
Was trägt sie? Ist sie sexy?
Wie bei den meisten Usern geht
es auch bei Anne und Marco zunächst um das Visuelle, die Fotos,
die eingestellt sind. Anne und
Marco fanden sich schnell sympathisch, es gab nur ein Problem:
Marco hatte seinen Beziehungsstatus mit „vergeben“ angegeben.
Um das zu ändern, begab sich
Anne auf einen Ausflug ins wirkliche Leben, reiste nach vier Wochen Online-Flirten zum Karneval nach Düsseldorf. Marco war
danach neu vergeben – an Anne.
Von nun an luden sie Fotos ➔
Alternativen zu Facebook
Job suchen, Wohnung suchen,
Freunde suchen
Ein Überblick über einige der bedeutendsten sozialen Netzwerke
Für wen? Studienabgänger,
Berufstätige
Wozu? Professionelles Kontakt­
management, Jobsuche,
Geschäftsnetzwerke
Anzahl der Nutzer: 8 Millionen
Kosten: Grundfunktionen kosten­
los, die Premium-Mitgliedschaft
kostet 5,95 Euro im Monat
Für wen? Die VZ-Netzwerke sind für
Schüler, Studenten, Erwachsene
Wozu? Private Netzwerkpflege,
Spaß
Anzahl der Nutzer: 15 Millionen
Kosten: Die drei Netzwerke der
VZ-Gruppe, SchülerVZ, StudiVZ,
MeinVZ sind kostenlos
Für wen? Kreative
Wozu? Selbstdarstellung
von Musikern, DJs, Literaten
und anderen Künstlern
Anzahl der Nutzer: 220 Millionen
Kosten: kostenlos
Für wen? International tätige
Geschäftsleute, Firmen
Wozu? Globales, professionelles
Kontaktmanagement, Jobsuche,
Geschäftsnetzwerke
Anzahl der Nutzer: 43 Millionen
Kosten: Grundfunktionen kosten­
los, für verschiedene Features
fallen Gebühren an
Für wen? Alle
Wozu? Schnelle und breit streu­
bare Kurzmitteilungen, über
Ableger wie TwitterSearch auch
Personensuche
Anzahl der Nutzer: Keine Angaben
wegen vorwiegend mobiler Nutzung
Kosten: kostenlos
Für wen? Alle
Wozu? Flirten, Wohnungssuche,
alte Freunde wiederfinden,
vor allem Privates, Anmeldung
auf Einladung
Anzahl der Nutzer: 6,5 Millionen
Kosten: kostenlos
Für wen? Jugendliche, Studenten,
vor allem in Süddeutschland
Wozu? Flirten, Spaß, Partyfotos
Anzahl der Nutzer: 3 Millionen
Kosten: kostenlos
Für wen? Fotobegeisterte
Wozu? Austausch, Teilen von Fotos
und Videos
Anzahl der Bilder: Laut eigenen An­
gaben vom Juni 2009 sind 3,6 Milli­
arden Bilder über Flickr einsehbar
Anzahl der Nutzer: 35 Millionen
Kosten: kostenlos
Für wen? Schulfreunde
Wozu? Klassenfotos einstellen, alte
Schulfreunde wiederfinden, flirten
Anzahl der Nutzer: 7,5 Millionen
Kosten: Basisfunktion kostenlos,
für Mail- und weitere Funktionen
benötigt man die „Gold“-Mitglied­
schaft, die 18 Euro pro Jahr kostet
FOTO: Nati Harnik/ap
Roman Libbertz, 32, hat eine
Gruppe gegründet, sie heißt
„Mehr Liebe ist der Schlüssel“.
Libbertz gehört ein Klub an
der Maximilianstraße, nebenbei
schreibt er Bücher. Er benutzt
seine Gruppe, um seine Gedichte
zu verbreiten, einen DJ in seinem
Klub oder ein neues Buch anzukündigen – aber auch als Eitelkeitsbeschleuniger. „Ich würde
nie ein Foto einstellen, auf dem
ich schlecht aussehe“, sagt er.
„Die Darstellung der Mitglieder
in sozialen Netzwerken entspricht
meist ihrem Charakter in der
rea­len Welt“, erklärt die Soziologin Marina Hennig vom Wissenschaftszentrum Berlin, die die
sozialen Netzwerke erforscht. Libbertz bestätigt ihre These, er ist
bei Facebook wie im echten Leben
gut vernetzt, hat mehr als 2000
Facebook-Freunde. Aber Libbertz
ist einer der letzten, für die die
Grenzen zwischen realer und virtueller Welt noch klar gezogen
sind. „Unter meinen FacebookFreunden sind nur drei oder vier
echte Freunde. Eine Freundschaft
kann für mich unmöglich über
Face­book entstehen, weil man
hier keine Sympathie für jeman­
den aufbauen kann. Hier geht es
nur um die perfekte Darstellung,
niemand gibt seine Makel an.“
128 stern 37/2009
37_026_Facebook.indd 128
09.09.2009 17:34:48 Uhr
■
2 Titel
von gemeinsamen Reisen in ihren
Profilen hoch.
Anne und Marco sind keine
Ausnahme, sondern die Regel.
Man kann ihr Leben in den
sozialen Netzwerken verfolgen
wie eine Soap-Opera. Für sie
gibt es zwischen on- und offline
keinen großen Unterschied mehr,
ihr Leben spielt sich wie selbstverständlich in beiden Welten
ab, im Guten wie im Schlechten. „Natürlich wäre ich eifersüchtig, wenn eine andere Frau
an Marcos Pinnwand schreiben
würde“, sagt Anne, „das ist kein
Spaß.“
D
ass aus Spaß in den Netz werken schnell Ernst wer den kann, das musste Michaela Bethge, 54, aus Ohlstedt
bei Hamburg erfahren. Als langjährige Elternvertreterin am Gymnasium ihrer Kinder hatte sie bereits mit Mobbing-Fällen zu tun,
die über das Internet entstanden.
Die Mutter dreier Söhne und einer Tochter hat wie viele Eltern
das Problem, nicht zu wissen,
was ihre Kinder in den Netzwerken treiben. Den Eltern fehlt Verständnis und technisches Wissen
für das, was da im Internet passiert. Sie müssen von ihren Kindern lernen – um sie dann kon­
trollieren zu können.
Als Tochter Clara, 16, im vergangenen Jahr zum Schüleraustausch nach Kanada flog, wurde
Michaela Bethge Mitglied bei
Face­book. Mitglied wird man –
und dieses Prozedere ist bei fast
allen sozialen Netzwerken ähnlich –, indem man sich mit Namen und E-Mail-Adresse anmeldet. Die Mitgliedschaft bei Facebook ist kostenlos, die Website
einfach zu bedienen. Nach jeder
Anmeldung sieht man, welche
„Freunde“ online sind, wer neue
Fotos hochgeladen hat, ob man
eine Nachricht erhalten hat oder
ob jemand mit einem befreundet
sein möchte.
Michaela Bethge tauschte sich
von nun an über Facebook mit
Claras Gastmutter aus und schaute, was ihre Tochter im Netz so anstellte. Einmal gab es Ärger, weil
Clara Fotos von sich hochgeladen
hatte, die ihrer Mutter zu freizügig
facebook
Anahita
Mogghadam, 26
Bei Facebook seit
dem 14. Mai 2007
Freunde: 443
Lieblingszitate:
„We save the
world by being
alive ourselves“,
Joseph Campbell;
„He not busy
being born is busy
dying“, Bob Dylan
Über mich:
„I am a lizard
and a cat“
Religiöse
Ansichten:
Religion divides
Mitglied von:
Green Revolution,
100 million
Facebook
members for
Democracy
in Iran
erschienen. „Es ist schon komisch,
dass Mama auch bei Face­book ist“,
sagt Clara, „ich fühle mich ein
bisschen kontrolliert.“
Clara ist, wie die meisten deutschen Schüler, auch Mitglied bei
SchülerVZ, einem sozialen Netzwerk für 12- bis 21-Jährige aus der
VZ-Gruppe, auf dem deutschen
Markt der härteste Konkurrent
von Facebook. Clara berichtet von
einem Pärchen an ihrer Schule,
das von Mitschülern über SchülerVZ so lange gemobbt wurde, bis
es sich verzweifelt an die Polizei wandte. Und Michaela Bethge weiß von Lehrern, die die
Accounts ihrer Kinder nutzen, um
nachzuschauen, wie sie bei ihren
Schülern abschneiden, ob ihr Fach
als „Hassfach“ angegeben wird.
An Schulen funktionieren die
Netzwerke wie ein Verstärker der
Antipathie; riskierte man früher
eine Ohrfeige, wenn man dem
Mitschüler sagte, dass man ihn
für einen Idioten halte, so können
die Schüler das heute hinter der
Online-Fassade tun und alle ihre
Freunde daran teilhaben lassen.
Und wie soll ein Lehrer reagieren, wenn er mitbekommt, dass
seine Schüler bei SchülerVZ eine
Gruppe gegründet haben, in der
sie ihn homosexuell nennen? Verweis für alle? Michaela Bethge
fordert, dass Eltern und Lehrer
aufgeklärt werden, dass sie wissen müssen, was sich in den Netzwerken abspielt, um im Schul­
alltag mit der neuen Situation
klarzukommen. Schülern müsse
der verantwortungsvolle Umgang
mit den neuen Medien beigebracht werden wie Latein.
„Ein Verbot bringt nichts, ebenso wenig macht es Sinn, einen
virtuellen Kontrollstaat aufzubauen“, sagt auch der Berliner Da­
tenschützer Alexander Dix, 58.
Lehrer und Eltern müssten den
Kindern erklären, dass sich ihr
Verhalten in den sozialen Netzwerken nachteilig für sie auswirken kann. „Das Hauptproblem
der Netzwerke ist, dass sie eine
Illusion der Intimität verbreiten.
Da ist alles kuschelig und lustig,
man meint, man unterhält sich
nur mit seinen Freunden, dabei
könnte die ganze Welt zuschauen. Dieses Grundmissverständnis
muss aufgeklärt werden, und da
stehen alle, die Lehrer, die Eltern,
der Staat, aber auch die Betreiber
in der Verantwortung.“
Dix weist darauf hin, dass Spuren im Internet nie vollständig zu
löschen sind, auch nicht, wenn
man bei einem sozialen Netzwerk austritt. Lässt sich ein Mädchen mit 16 Jahren nackt am
Strand von Rimini fotografieren,
lädt die Fotos bei Facebook hoch
und löscht sie vor dem Bewerbungsgespräch zwei Jahre später
wieder, sind sie trotzdem für jeden durchschnittlich ausgebildeten Informatiker im Web sehr
einfach zu finden. Dix kritisiert,
dass Nutzer von Betreibern nicht
genügend darauf hingewiesen
werden, mit persönlichen Informationen vorsichtig umzugehen.
L
aut einer Dimap-Studie im
Auftrag der Bundesregierung
informiert sich mittlerweile
jedes vierte Unternehmen in den
Netzwerken über Mitarbeiter
und Bewerber. Mark Frech, 36,
bei der Dresdner Bank in Stutt­
gart als Teamleiter für das Wertpapiergeschäft zuständig, sagt,
dass es für ihn ganz normal sei,
sich die Online-Profile von Bewerbern anzusehen. „Wenn ich
da Fotos von Saufgelagen oder anderen Exzessen finde, kommt der
Bewerber nicht infrage“, sagt er.
Frech ist Mitglied bei Xing, einem
sozialen Netzwerk, das sich auf
Geschäftskontakte spezialisiert
hat. „In der Finanzbranche findet
sich fast niemand mehr, der nicht
bei Xing ist“, sagt er, selbst die
Vorstände seien dort vertreten.
Profile, Lebensläufe und Angaben
seien seriös und für ihn sehr
praktisch, er akquiriere über Xing
neue Kunden und verwalte seine
Kontakte. Dass Xing für seine
Premium-Mitgliedschaft Geld ➔
130 stern 37/2009
37_026_Facebook.indd 130
09.09.2009 17:34:48 Uhr
■
2 Titel
verlangt, stört Frech nicht, er hält
das Preis-Leistungs-Verhältnis für
angemessen.
„Ich würde sofort austreten,
wenn Facebook auf einmal Geld
kosten würde“, sagt Nicole Fischbacher, 27. Die angehende Mar­
ketingfachfrau aus München ist
wie die meisten Mitglieder der
Meinung, dass mit den Daten, die
sie Facebook zur Verfügung stellt,
die Rechnung beglichen ist. Als
Facebook am 4. Februar 2009
versuchte, seine Allgemeinen
Geschäftsbedingungen zu ändern,
und sämtliche Nutzungsrechte an
Fotos und anderen Daten für sich
beanspruchen wollte, war der
Widerstand riesig. Gründer und
CEO Mark Zuckerberg, 25, musste zwei Wochen später zurückrudern. Das Problem der KostenlosKultur im Internet – unter dem
heute auch viele Verlage leiden –
ist auch ein Problem der Netzwerke. Obwohl sich bei Facebook
täglich fast 700 000 Menschen
neu anmelden, die Betreiber im
Besitz von Abermillionen Nutzerdaten sind, haben sie noch keinen
Weg gefunden, ihre Netzwerke
profitabel zu machen. Im Facebook Headquarter im kaliforni­
schen Palo Alto arbeitet ein Großteil der 1000 Mitarbeiter daran,
die Website weiter zu verbessern,
für Werbekunden und Nutzer.
Mark Zuckerberg sieht das Potenzial seiner Firma noch lange nicht
ausgeschöpft. „Unser Ziel ist es,
eine Milliarde Nutzer zu haben“,
sagt er im stern-Interview (siehe
Seite 128).
F
acebook sammelt bis zu 90
persönliche Angaben, die jedes Mitglied freiwillig einstellen kann; zum Vergleich: Der
Erfassungsbogen der Stasi zählte
48 persönliche Daten der Überwachten. „Zwei Dinge sind daran
sehr erstaunlich: Die Vermarktung der vielen Daten durch die
Betreiber lässt noch zu wünschen
übrig, kaum eine Plattform arbeitet profitabel. Und viele Menschen beschweren sich über den
Überwachungsstaat Deutschland,
stellen aber in den sozialen Netzwerken die intimsten Informa­
tionen freiwillig zur Schau“, sagt
Hendrik Speck, Professor für In132 stern 37/2009
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formatik an der Fachhochschule
Kaiserslautern. Speck und seine
Studenten beschäftigen sich seit
Langem mit der Sicherheit der
Daten in den Netzwerken. „Die
wenigsten Nutzer wissen, wer
Zugriff auf ihre Daten hat und
was mit ihnen passiert. Aber was
wäre, wenn man verschwörerisch
denkt, wenn China Facebook
kauft? Dann hätten die Chinesen
mehr Informationen über die
westliche Welt, als ihnen ihre Geheimdienste je liefern könnten“,
orakelt er.
Speck vergleicht den heutigen
Umgang mit den sozialen Netzwerken mit dem der Menschen,
die am Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Autos fuhren.
„Damals waren sich alle einig,
dass das Auto eine nützliche
Erfindung war, jeder wollte ei­nes haben, aber noch nicht je­der konnte damit umgehen. Es
brauchte Zeit, bis man herausfand, dass man mit den Autos
nicht über Bürgersteige fahren
und im Dunkeln besser Lichter
anbringen sollte, um zu sehen,
wohin man fährt. Die Betreiber,
die Nutzer, die Werbewirtschaft,
sie sind alle noch auf der Suche
nach dem richtigen Weg, um mit
diesen neuen Kommunikationsplattformen umzugehen.“
Bis die Lösungen gefunden
sind, bis die Lichter an Facebook
und Co. montiert sind und den
Weg weisen, bis dahin können
sich alle, die sich in den sozialen
Netzwerken im Internet aufhalten, wie Pioniere einer neuen Bewegung fühlen. Eine, die weiter
an Bedeutung gewinnen wird.
Doch all dies wird nie verhindern können, dass es Dinge gibt,
die immer dem Schicksal der realen Welt überlassen bleiben werden. Nur einen Monat nachdem
Anita und Kevan aus England den
passenden Knochenmarkspender
für ihre Tochter Iona in Austra­
lien gefunden hatten, schrieben
sie am 2. Dezember 2008 bei
Facebook: „Wir sind am Boden
zerstört, unsere wunderschöne
Tochter Iona hat heute Morgen
um neun Uhr ihren Kampf ver­
loren. Iona hatte eine Lungen­
entzündung und starb friedlich in
unseren Armen.“
2
interview
„Über Geld rede ich nicht“
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg über große Pläne, politische
Revolutionen – und echte Freunde
Sie sind 25 Jahre alt und haben in
fünf Jahren aus einem CampusNetzwerk der Harvard-Universität
die viertgrößte Website der Welt
gemacht. Wohin soll die Reise mit
Facebook noch gehen?
Menschen wollen ihre Gefühle und
Informationen mit anderen teilen.
Wenn es uns weiter gelingt, dass
unsere Nutzer bei uns vielfältig und
sicher kommunizieren können,
erreichen wir noch sehr viel mehr
Menschen. Unser Ziel sind eine
Milliarde Nutzer.
Was macht Facebook besser als
seine Wettbewerber?
Im Unterschied zu den meisten
Konkurrenten gehen wir spielerisch
an die Sache heran, fragen uns
ständig: Was ist nicht nur nützlich,
was bringt uns auch Spaß? Wir
spielen in unseren Büros in Palo
Alto gern Computerspiele, sind
Game-Nerds und lassen das auch
bei Facebook einfließen. Zudem
haben wir uns sehr früh für externe
Entwickler geöffnet und profitieren
von deren Input.
Je besser die Netzwerke, desto
größer die Sorge der Eltern,
dass ihre Kinder nur noch vor dem
Computer sitzen.
Ein Treffen mit echten Freunden
kann niemand ersetzen. Aber die
Anforderung der globalisierten
Welt lässt persönliche Treffen nicht
mehr jeden Tag zu, dafür haben
wir zu wenig Zeit. Bei Facebook
kann man mit einer Nachricht sehr
viele Freunde erreichen und
sich schnell informieren, was sie
machen.
Wie werden soziale Netzwerke
unsere Gesellschaft verändern?
Sie tun es schon. Man ist heute mit
einer Informationsflut konfrontiert,
braucht Orientierungshilfe. Dies
übernehmen die Freunde aus den so­
zialen Netzwerken. Künftig kann man
mit Gleichgesinnten auf der ganzen
Welt befreundet sein, ohne mit ih­
nen jeden Abend ein Bier zu trinken.
Wie fühlen Sie sich, wenn Facebook – wie jetzt bei der Revolution
im Iran – als politisches Instrument
genutzt wird?
Es macht uns sehr stolz. Es zeigt,
dass Netzwerke wie Facebook
der Demokratie eine Bastion bieten
können, auch in Ländern mit
schwierigen Regierungsverhält­
nissen.
Wie verhindern Sie, dass Facebook
für negativen Austausch missbraucht wird?
Die Herausforderung besteht darin,
die Privatsphäre der Nutzer zu
schützen, ohne den Kommunikati­
onsfluss zu stören. Aber wir stellen
fest, dass unter den Nutzern ein
starkes Selbstkorrektiv herrscht,
dass auffällige Personen oder
Vorfälle sofort gemeldet werden.
Die sozialen Netzwerke sind noch
nicht profitabel. Warum?
Ich möchte nicht über Geld reden,
kommentiere auch nicht Gerüchte,
wonach ich der jüngste Milliardär
der Welt sein soll. Es wird in
Zukunft darum gehen, dass die Fir­
men in den sozialen Netzwerken
die Nutzer dazu bekommen, dass
die ihren Freunden die jeweiligen
Produkte empfehlen. Nichts bietet
mehr Kaufanreiz als die persön­
liche Empfehlung eines Freundes.
Wird Facebook eines Tages die
Plattform, unter deren Dach sich
alles abspielt: Banking, Kommunikation, Shopping, Mediennutzung?
Ja, aber mit einem wichtigen
Detail: Wir machen das nicht inner­
halb von Facebook, sondern bün­
deln diese Firmen und Funktionen
auf Facebook, die uns dann wie
einen Verteiler benutzen können.
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09.09.2009 17:34:49 Uhr
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Seele and Geist
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