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Hunger bekämpfen: Aber wie? – Wirtschaftsethische Perspektiven

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MARTIN-LUTHER-UNIVERSITÄT
HALLE-WITTENBERG
Juristische und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Lehrstuhl für Wirtschaftsethik
Prof. Dr. Ingo Pies
Hunger bekämpfen: Aber wie? –
Wirtschaftsethische Perspektiven
Hannah-Arendt-Vorlesung
Hannover
9. Juli 2014
Hannah Arendt (* 14. Oktober 1906; † 5. Dezember 1975)
Hannah Arendt war eine der führenden Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Sie sah die
Aufgabe politischer Philosophie nicht darin, sich beliebt, sondern sich unbeliebt zu machen:
durch das Stellen unbequemer Fragen.
• Hannah Arendt fragte nicht nur nach der Ethik
des Guten. Sie forderte auch eine Ethik des
Bösen, mit folgender Pointe: Radikal ist nur das
Gute. Das Böse ist banal (und wurzellos).
http://www.thehindu.com/lr/2006/11/05/images/2006110500130401.jpg
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Lehrstuhl für Wirtschaftsethik
Prof. Dr. Ingo Pies
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Hannah Arendt (* 14. Oktober 1906; † 5. Dezember 1975)
Hannah Arendt war eine der führenden Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Sie sah die
Aufgabe politischer Philosophie nicht darin, sich beliebt, sondern sich unbeliebt zu machen:
durch das Stellen unbequemer Fragen.
• Hannah Arendt fragte nicht nur nach der Ethik
des Guten. Sie forderte auch eine Ethik des
Bösen, mit folgender Pointe: Radikal ist nur das
Gute. Das Böse ist banal (und wurzellos).
• Ordonomik fragt nicht nur
(a) nach der Moraltauglichkeit unserer
Gesellschaft, sondern auch – spiegelbildlich –
(b) nach der Gesellschaftstauglichkeit unserer
Moral(kommunikation).
http://www.thehindu.com/lr/2006/11/05/images/2006110500130401.jpg
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Spekulationskritik: ein Thema mit medialer Aufmerksamkeit
http://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/finanzen/713508803/1.2896525/article_multimedia_overview/die-deutsche-bank-hoert-ihre-kritiker-an.jpg
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Literaturhinweise (und Dank an Ko-Autoren)
Pies, Ingo (2013): Chancengerechtigkeit durch Ernährungssicherung – Zur
Solidaritätsfunktion der Marktwirtschaft bei der Bekämpfung des weltweiten
Hungers, Wirtschaftsethik-Studie 2013-1, Halle
Pies, Ingo, Sören Prehn, Thomas Glauben, Matthias Georg Will (2013):
Nahrungssicherheit und Agrarspekulation: Was ist politisch zu tun?, in:
Wirtschaftsdienst. Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, 93. Jahrgang, Heft 2 (Februar
2013), S. 103-109.
Thomas Glauben et al. (2013): Agrarspekulation mit Indexfonds: Wie sie
funktioniert. Was sie bewirkt. IAMO Policy Brief No. 12, hrsg. vom Leibniz-Institut
für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO), Halle. Im Internet unter:
http://www.iamo.de/dok/IAMOPolicyBrief12_de.pdf
Pies, Ingo (2013): Die zivilgesellschaftliche Kampagne gegen Finanzspekulationen
mit Agrarrohstoffen – Eine wirtschaftsethische Stellungnahme, in: Das weite Feld
der Ökonomik: Von der Wirtschaftsforschung und Wirtschaftspolitik bis zur
Politischen Ökonomik und Wirtschaftsethik, hrsg. von Ingo Pies, Stuttgart 2013, S.
57-90.
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Literaturhinweise (und Dank an Ko-Autoren)
Prehn, Sören, Thomas Glauben, Ingo Pies, Matthias Georg Will, Jens-Peter Loy
(2013): Betreiben Indexfonds Agrarspekulation? Erläuterungen zum
Geschäftsmodell und zum weiteren Forschungsbedarf, in: ORDO – Jahrbuch für
die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Band 64, S. 421-441.
Will, Matthias Georg, Sören Prehn, Ingo Pies, Thomas Glauben (2013): Schadet
oder nützt die Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen? – Ein Literaturüberblick zum
aktuellen Stand der empirischen Forschung, in: List Forum für Finanz- und
Wirtschaftspolitik 39(1), S. 16-45.
Pies, Ingo, Matthias Georg Will, Thomas Glauben, Sören Prehn (2013):
Hungermakers? Why Futures Market Activities by Index Funds Are Promoting the
Common Good, Diskussionspapier Nr. 2013-19 des Lehrstuhls für Wirtschaftsethik
an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle.
Pies, Ingo, Matthias Georg Will, Thomas Glauben, Sören Prehn (2013): The Ethics
of Financial Speculation in Futures Markets, Diskussionspapier Nr. 2013-21 des
Lehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg,
Halle.
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6
Zivilgesellschaftliche Organisationen (ZGO) schlagen Alarm
Zahlreiche ZGO machen Banken für den weltweiten Hunger mitverantwortlich und üben in
groß angelegten Kampagnen massiven Druck auf die Geldhäuser aus.
“Spekulationen mit Nahrungsmitteln lassen die
Preise für Mais, Weizen und Reis explodieren.
Millionen von Menschen in armen Ländern treibt
das in Hunger und Armut.“
Oxfam (2012): Mit Essen spielt man nicht (Kampagnen-Video) .
https://www.oxfam.de/sites/www.oxfam.de/files/imagecache/mainimage_node/maini
mage/highlight-aktion-mit-essen-spielt-man-nicht-700x360.jpg
„Die Hungermacher: Wie Deutsche Bank,
Goldman Sachs & Co. auf Kosten der Ärmsten mit
Lebensmitteln spekulieren“
http://www1.pictures.gi.zimbio.com/Elections+Subcommittee+Holds+Hearing+Voter+CEY2k97dx6yl.jpg
Foodwatch (2011): Die Hungermacher.
http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Foodwatch_logo.svg
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7
Starke Rhetorik
Jean Ziegler und sein Nachfolger im Amt des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf
Nahrung, Olivier de Schutter, machen in den Medien gegen die Spekulation mit
Nahrungsmitteln mobil.
„Futures … und andere Börseninstrumente sind
zwar legal, es ist dennoch ein Verbrechen gegen
die Menschlichkeit. … Sie spekulieren nicht, um zu
töten, sondern für den Profit. Es ist Totschlag, wenn
Sie so wollen, nicht Mord.“
https://www.kintera.com/accounttempfiles/account21259/images/jean-ziegler.jpg
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/jean-ziegler-im-gespraech-nahrungsmittelspekulation-ist-ein-verbrechen-gegen-die-menschlichkeit-1.1469878
http://d1.stern.de/bilder/stern_5/wirtschaft/2012/KW34/2208_deschutter_420_fitwidth_420.jpg
„Rohstoff-Indexfonds sollten verboten werden. …
Seit institutionelle Investoren um das Jahr 2006
anfingen, mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu
spekulieren, werden die Agrarmärkte durch reine
Finanzlogik beherrscht. Angebot, Nachfrage und
Lagerbestand hingegen spielen nur noch eine
winzige Rolle.“
http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-04/sahel-hunger-deutsche-bank.
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8
Die christlichen Kirchen machen sich die Spekulationskritik zu eigen
Hochrangige Vertreter der christlichen Kirchen setzen sich für ein Ende der
Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen ein.
EKD-Ratsvorsitzender Schneider:
„Die Spekulation mit Nahrungsmitteln … verstärkt
die Preisausschläge an den Märkten. Wir haben
es hier mit „Spekulanten des Todes“ zu tun.“
Schneider, Nikolaus (2012): Statement auf der Rio+20 Auswertungstagung in Berlin.
http://www.aref.de/news/mission/pics/nikolaus-schneider_20070607_wiki.jpg
http://www.wjt.de/rund-um-den-wjt/hauptveranstaltungen/539-20-000sicherheitskraefte-fuer-den-papst-in-brasilien
Spiegel online meldet am 16.6.2014:
„Papst Franziskus hat eine globale Initiative gegen
die Preistreiberei im Handel mit Lebensmitteln
gefordert. Er nannte diese Form der Spekulation
einen Skandal mit ernsten Folgen für die
Ernährung der Ärmsten.“
http://ml.spiegel.de/article.do?id=975493
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9
Die Spekulationskritik erzeugt Resonanz in der Politik
Die ehemalige Bundesministerin Ilse Aigner übernimmt diese alarmistische Rhetorik. Sie
erklärt in einem Interview („Mit der Existenzgrundlage von Milliarden Menschen spekuliert man
nicht!“) im Berliner Tagesspiegel vom 3. Mai 2013:
„ Investitionen in Agrarrohstoffe sind als
Terminfinanzierung vernünftig. Agrarrohstoffe
als reine Finanzanlageprodukte lehne ich ab.
Zocker müssen die Finger von
Nahrungsmitteln lassen. Reis und Weizen
gehören nicht ins Casino. Mit der
Existenzgrundlage von Milliarden Menschen
spekuliert man nicht!“
http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/interview-die-spekulation-verstaerkt-preisschwankungen-bei-lebensmitteln/8161006-3.html
http://www.ilse-aigner.de/cms/upload/pressefotos/Pressefoto1.jpg
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10
Weltweiter Protest nach Preissteigerungen (2004-2012)
Quellen von links oben an: http://standeyo.com/C2C_090218/India.food.riot.jpg, http://static.guim.co.uk/sys-images/Guardian/Pix/audio/video/2011/11/22/1321962056421/A-protester-throws-a-tear-010.jpg, http://4.bp.blogspot.com/-DzgCnBcBMTY/TbY7TxAbZtI/AAAAAAAAEe8/Gj8b3sVd_68/s1600/high-food-prices-spark-protests-in-india-where-food-inflation-was-1832-percent-last-month.jpg, http://griid.files.wordpress.com/2012/09/44045095_416_4floods_ap.jpg, http://1.bp.blogspot.com/c7B1pIgzP3w/TvviRvBhvjI/AAAAAAAAAqI/etgS6gpgU44/s1600/Mohamed+Bouazizi+in+flames.jpg, http://media.treehugger.com/assets/images/2011/10/food20protest20mexico.jpg, http://e-newschannel.de/wp-content/uploads/2011/01/Mohammed-Bouazizi-in-sidi-bouzid-fire.jpg, http://2.bp.blogspot.com/_AIkWSJ039r8/TIMc3fvjNMI/AAAAAAAADRA/Wmn0GDMibjI/s1600/food3.jpg, http://www.3quarksdaily.com/.a/6a00d8341c562c53ef016303964459970d-800wi,
http://cdn.mg.co.za/crop/content/images/2011/10/01/300Xtahrirxap.jpg/300x300/
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Preisentwicklung mit dramatischen Konsequenzen
Entwicklung des FAO Food-Price-Index von Januar 2004 bis August 2012 sowie
Hungerrevolten in diesem Zeitraum.
FAO Food
Price Index
Source: Lagi,, Marco Karen Bertrand and Yaneer Bar-Yam (2011) The Food Crises and Political Instability in North Africa and the Middle East and FAO-Food Price Index
Hungerrevolten
2004
–
2013
Burundi
Somalia, Indien,
Mauretanien, Mosambik,
Jemen, Kamerun, Sudan,
Elfenbeinküste, Haiti,
Ägypten, Tunesien
Mosambik, Tunesien, Libyen,
Ägypten, Mauretanien, Algerien,
Saudi Arabien, Sudan, Jemen,
Oman, Marokko, Irak, Bahrain,
Syrien, Uganda
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12
Die argumentative Stoßrichtung der Spekulationskritiker
Insbesondere zivilgesellschaftliche Organisationen (ZGOs) befürchten einen negativen
Zusammenhang zwischen den Gewinninteressen von Indexfonds und dem Gemeinwohlziel
der Ernährungssicherheit.
Eigeninteresse der
Indexfonds
Populäre
Wahrnehmung:
Indexfonds sind
Spekulanten, die
Agrarpreise nach
oben treiben.
S1
V1
Gemeinwohl
Werturteil:
Existenzsicherung
der Armen hat
Vorrang vor dem
Profitinteresse
von Indexfonds.
ZGOs sehen die Ursache der Ernährungskrise 2008 in den Gewinninteressen der
Indexfonds (S1) und fordern, die Geschäfte von Indexfonds einzuschränken (V1)!
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Die argumentative Stoßrichtung der Wirtschaftsethik
Aus wirtschaftsethischer Sicht herrscht kein Interessenkonflikt, sondern eine weitgehende
Interessenharmonie: Indexfonds sind dem Gemeinwohl nicht abträglich, sondern zuträglich.
Ökonomische Sicht:
Indexfonds sind
Versicherungsanbieter,
die auf den
Terminmärkten für
Agrarrohstoffe
Preisänderungsrisiken
übernehmen. Ein Verbot
von Indexfonds wäre
deshalb für eine
wirksame Bekämpfung
des Hungers
kontraproduktiv.
Eigeninteresse der
Indexfonds
S1
V2
S2
V1
Gemeinwohl
Faktenfrage:
Hat die Linie eine
positive oder negative
Steigung?
In der Auseinandersetzung geht es nicht um strittige Werturteile,
sondern um eine reine Faktenfrage.
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14
Argumentation im Überblick
1.
Zum Stand der Forschung I: Realwirtschaftliche Faktoren
2.
Zum Stand der Forschung II: Finanzwirtschaftliche Faktoren
3.
Ordnungspolitik: Wie bekämpft man (vorbeugend) Hungerkrisen?
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15
A: Struktureller Trend steigender Nachfrage
Global steigende Pro-Kopf-Einkommen ändern das Ernährungsverhalten. Der Fleischkonsum
nimmt zu. Dies lässt die Nachfrage nach Agrarrohstoffen überproportional ansteigen.
Nigeria
Bangladesc
Indonesih
en
China, Festland
Indien
Japan
Brasilien
Mexiko
Pakistan
Spanien
Italien
Deutschland
Frankreich
USA
Anteil der tierischen Nahrungsmittel in der Ernährung (in %)
Quelle: IFAD WFP FAO (2012; S. 19).
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16
B: Entwicklung der Produktion von Biokraftstoffen, 2005-2021
In den USA und in der Europäischen Union wurden Subventionsprogramme aufgelegt, um
Biokraftstoffe zu fördern. In Deutschland wurden 2011 rund 16 % der gesamten Ackerfläche
mit Energiepflanzen angebaut, vor allem Raps für die Biodiesel- und Mais für die
Biogasnutzung.
Quelle: OECD und FAO (2012; Abbildung 3.4 und 3.5, S. 93).
Die Subventionierung von Biokraftstoffen entzieht der Lebensmittelproduktion
beträchtliche Anbauflächen und führt zu einer Nutzungskonkurrenz Tank
versus Teller.
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17
C: Rolle der Lagerhaltung als Schock-Puffer
Angesichts geringer Lagerbestände kommt es zum Zusammentreffen von unelastischer
Nachfrage und unelastischem Angebot. So werden extreme Preisreaktionen verständlich.
Fehlt der Puffer hoher Lagerbestände, dann können bereits kleine
Angebotsschocks zu extremen Preissteigerungen führen.
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18
C1: Stock-to-Use-Ratio als kritische Größe (Mais)
Die Stock-to-Use-Ratio gilt als kritische Variable für Preissteigerungen. Sinkt sie bei Mais
unter 12%, kann es zu massiven Preissprüngen kommen.
0,50
Weltweit
0,40
Weltweit
ohne China
0,30
0,20
0,10
2011
2008
2005
2002
1999
1996
1993
1990
1987
1984
1981
1978
1975
1972
1969
1966
1963
1960
0,00
Quelle: USDA Foreign Agricultural Service–Production Supply and Distribution Online
Es ist deutlich zu erkennen, dass die Lagerhaltung einen gravierenden Einfluss
auf die jeweiligen Preise hat. In den grau gekennzeichneten Zeiträumen waren
starke Preisanstiege zu verzeichnen.
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19
C2: Stock-to-Use-Ratio als kritische Größe (Weizen)
Die Stock-to-Use-Ratio gilt als kritische Variable für Preissteigerungen. Sinkt sie bei Weizen
unter 20%, kann es zu massiven Preissprüngen kommen.
0,50
Weltweit
0,45
Weltweit ohne China
0,40
0,35
0,30
0,25
0,20
1960
1962
1964
1966
1968
1970
1972
1974
1976
1978
1980
1982
1984
1986
1988
1990
1992
1994
1996
1998
2000
2002
2004
2006
2008
2010
2012
0,15
Quelle: USDA Foreign Agricultural Service–Production Supply and Distribution Online
Es ist deutlich zu erkennen, dass die Lagerhaltung einen gravierenden Einfluss
auf die jeweiligen Preise hat. In den grau gekennzeichneten Zeiträumen waren
starke Preisanstiege zu verzeichnen.
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D: Politische Reaktionen auf die Krise 2007/8
Erzeugerländer machten von einer Ausnahmeregelung der Welthandelsorganisation
Gebrauch und versuchten, durch Exportbeschränkungen und sogar durch Exportverbote die
knapp werdenden Agrarrohstoffe im eigenen Land zu halten. Dies sorgte für Panik auf den
Märkten und veranlasste Importländer, staatliche Anstrengungen zu unternehmen, die die
Nachfrage und damit die Preise nochmals ansteigen ließen.
Exportländer reduzieren Angebot
(ab Herbst 2007)
China streicht Exportsubventionen
China, Argentinien, Russland, Kasachstan und
Malaysia heben Exportsteuern an
Argentinien, die Ukraine, Indien und Vietnam
führen Mengenbegrenzungen für den Export von
Weizen und Reis ein
Die Ukraine, Serbien und Indien verbieten
Weizenexporte
Ägypten, Kambodscha, Vietnam und Indonesien
erlassen Exportverbote für Reis.
Indien erlässt ein Exportverbot für alle
Reissorten bis auf Basmati.
Importländer erhöhen Nachfrage
(ab Januar 2008)
Folgende Länder reduzierten ihre Importtarife:
 Indien ( für Weizenmehl)
 Indonesien (Sojabohnen und Weizen)
 Serbien (Weizen)
 Thailand (Schweinefleisch)
 EU (Getreide)
Folgende Länder stockten ihre Reislager durch
staatliche Ankaufprogramme auf:
 Philippinen
 Malaysia
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Trostle (2008; S. 23 f.)
sowie unter Rückgriff auf die – speziell für den Reismarkt – detaillierte Auflistung bei Dawe und Slayton (2011; Abbildung 9.2, S. 175).
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21
Änderung von Fundamentaldaten als Auslöser der Krise(n)
Bei Betrachtung der relevanten Zeiträume lassen sich neben makroökonomischen Schocks
und lokalen Missernten sowie dem wichtigen Faktor niedriger Lagerbestände vor allem drei
Auslöser bzw. Verstärker für die Preissteigerungen auf den Kassamärkten diagnostizieren:
•
Steigende Nachfrage durch anhaltendes
Wachstum großer Schwellenländer
•
Ausweitung der Subventionierung von Biokraftstoffen in Europa und den USA
•
Politikversagen: Zahlreiche
Exportbeschränkungen verschärfen Knappheit
und erzeugen Panik
http://www.glowiseinvestments.com/blog/wp-content/uploads/2012/09/china-growth1.jpg
http://d1.stern.de/bilder/stern_5/auto/2010/KW52/Biosprit_420_fitwidth_420.jpg
http://www.asien-news.de/wp-content/uploads/Duerre.jpg
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Argumentation im Überblick
1.
Zum Stand der Forschung I: Realwirtschaftliche Faktoren
2.
Zum Stand der Forschung II: Finanzwirtschaftliche Faktoren
3.
Ordnungspolitik: Wie bekämpft man (vorbeugend) Hungerkrisen?
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Der wissenschaftliche Befund: A „Smoking Gun“ could not be found
http://cdn-static.zdnet.com/i/story/13/39/309019/smokinggun_1.jpg
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Die Diskussion um Finanzspekulation
Gegen die These, dass die Finanzspekulation die starken Preissteigerungen ausgelöst hat,
sprechen mehrere gewichtige Argumente:
 Wären die Terminmarktpreise durch Finanzmarktspekulation exzessiv angetrieben
worden, so hätte die Preisentwicklung nur dann auf den Kassamarkt überspringen
können, wenn die Lagerbestände angestiegen wären. Die Lagerbestände haben aber im
fraglichen Zeitraum nicht zugenommen, sondern abgenommen.

Die Preise für Agrarrohstoffe haben sich zwischen Januar 2006 und April 2008 sehr unterschiedlich entwickelt. Das
Muster spricht gegen die vermutete Kausalität:
 Auf den Terminmärkten, die vom Indexhandel erfasst werden, gab es unterschiedliche Preissteigerungen: Mais +
175 %, Sojabohnen + 120 %, Sojaöl + 172 %, Weizen (CBOT) + 159 %, Weizen (KBOT) + 136 %, Baumwolle +
36 %, und bei Rindern sind die Preise sogar um 9 % gesunken.
 Der Terminmarkt für Reis wird vom Indexhandel nicht erfasst. Trotzdem sind die Preise hier um 168 %
gestiegen.
 Selbst Güter, für die es gar keine Terminmärkte gib, hatten relativ starke Preisanstiege zu verzeichnen: Äpfel +
58 %, Bohnen + 78 %.
 Ein wichtiges Indiz ist, dass die Zunahme des Indexfonds-Volumens auf dem Terminmarkt für Weizen mit dem Anstieg
der Terminmarktpreise nicht zusammenfällt, sondern ihm zeitlich stark vorausläuft. Dieses „time-lag“ spricht gegen eine
kausale Verursachung. Ähnliche Muster lassen sich bei Mais und Soja nachweisen.
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Die Diskussion um Finanzspekulation
Gegen die These, dass die Finanzspekulation die starken Preissteigerungen ausgelöst hat,
sprechen mehrere gewichtige Argumente:
 Wären die Terminmarktpreise durch Finanzmarktspekulation exzessiv angetrieben worden, so hätte die
Preisentwicklung nur dann auf den Kassamarkt überspringen können, wenn die Lagerbestände angestiegen wären. Die
Lagerbestände haben aber im fraglichen Zeitraum nicht zugenommen, sondern abgenommen.
 Die Preise für Agrarrohstoffe haben sich zwischen Januar 2006 und April 2008 sehr
unterschiedlich entwickelt. Das Muster spricht gegen die vermutete Kausalität:
 Auf den Terminmärkten, die vom Indexhandel erfasst werden, gab es
unterschiedliche Preissteigerungen: Mais + 175 %, Sojabohnen + 120 %, Sojaöl +
172 %, Weizen (CBOT) + 159 %, Weizen (KBOT) + 136 %, Baumwolle + 36 %, und
bei Rindern sind die Preise sogar um 9 % gesunken.
 Der Terminmarkt für Reis wird vom Indexhandel nicht erfasst. Trotzdem sind die
Preise hier um 168 % gestiegen.
 Selbst Güter, für die es gar keine Terminmärkte gib, hatten relativ starke
Preisanstiege zu verzeichnen: Äpfel + 58 %, Bohnen + 78 %.

Ein wichtiges Indiz ist, dass die Zunahme des Indexfonds-Volumens auf dem Terminmarkt für Weizen mit dem Anstieg
der Terminmarktpreise nicht zusammenfällt, sondern ihm zeitlich stark vorausläuft. Dieses „time-lag“ spricht gegen eine
kausale Verursachung. Ähnliche Muster lassen sich bei Mais und Soja nachweisen.
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Die Diskussion um Finanzspekulation
Gegen die These, dass die Finanzspekulation die starken Preissteigerungen ausgelöst hat,
sprechen mehrere gewichtige Argumente:
 Wären die Terminmarktpreise durch Finanzmarktspekulation exzessiv angetrieben worden, so hätte die
Preisentwicklung nur dann auf den Kassamarkt überspringen können, wenn die Lagerbestände angestiegen wären. Die
Lagerbestände haben aber im fraglichen Zeitraum nicht zugenommen, sondern abgenommen.
 Die Preise für Agrarrohstoffe haben sich zwischen Januar 2006 und April 2008 sehr unterschiedlich entwickelt. Das
Muster spricht gegen die vermutete Kausalität:
 Auf den Terminmärkten, die vom Indexhandel erfasst werden, gab es unterschiedliche Preissteigerungen: Mais +
175 %, Sojabohnen + 120 %, Sojaöl + 172 %, Weizen (CBOT) + 159 %, Weizen (KBOT) + 136 %, Baumwolle +
36 %, und bei Rindern sind die Preise sogar um 9 % gesunken.
 Der Terminmarkt für Reis wird vom Indexhandel nicht erfasst. Trotzdem sind die Preise hier um 168 %
gestiegen.
 Selbst Güter, für die es gar keine Terminmärkte gib, hatten relativ starke Preisanstiege zu verzeichnen: Äpfel +
58 %, Bohnen + 78 %.
 Ein wichtiges Indiz ist, dass die Zunahme des Indexfonds-Volumens auf dem
Terminmarkt für Weizen mit dem Anstieg der Terminmarktpreise nicht zusammenfällt,
sondern ihm zeitlich stark vorausläuft. Dieses „time-lag“ spricht gegen eine kausale
Verursachung. Ähnliche Muster lassen sich bei Mais und Soja nachweisen.
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Zeitlich starker Vorlauf der Long-Positionen
Zwar können höhere Preise beobachtet werden. Diese fallen zeitlich aber nicht mit dem
Anstieg des Anlagevolumens zusammen. Die „time lags“ sprechen gegen Kausalität.
450000
400000
600
Mais
500
350000
300000
400
250000
300
200000
Long-Positions
(Anzahl)
Preis (Cent/Scheffel)
150000
100000
50000
200
100
0
0
2004
900
180000
800
160000
175000
700
140000
150000
600
120000
125000
500
100000
100000
400
80000
300
60000
200
40000
100
20000
225000
200000
Weizen
Long-Positions (Anzahl)
75000
50000
Preis (Cent/Scheffel)
25000
0
0
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2005
2006
2007
2008
2009
1400
Soja
1200
1000
800
600
Long-Positions (Anzahl)
400
200
Preis (Cent/Scheffel)
0
0
2004
2005
2006
2007
2008
2009
Quelle: Sanders, Dwight, und Scott Irwin (2011; Tabelle 1, S. 525).
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Die wissenschaftliche Literatur: ein Überblick
In der wissenschaftlichen Literatur ist die Auswirkung der Finanzspekulation mit
Agrarrohstoffen gründlich untersucht worden. Der Lehrstuhl für Wirtschaftsethik der MartinLuther-Universität hat in Zusammenarbeit mit dem in Halle ansässigen LeibnizForschungsinstitut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) einen
umfassenden Literaturüberblick erarbeitet. Dieser Überblick von Will et al. (2012) liefert drei
Ergebnisse:
 Die weit überwiegende Mehrheit der empirischen Studien kann nicht bestätigen, dass die
Terminmarktspekulation der Indexfonds die Volatilität der Preise für Agrarrohstoffe
signifikant erhöht hat.

Die weit überwiegende Mehrheit der empirischen Studien kann nicht bestätigen, dass die Terminmarktspekulation der
Indexfonds das Niveau der Preise für Agrarrohstoffe signifikant erhöht hat.
 Die weit überwiegende Mehrheit der empirischen Studien gelangt zu der Politikempfehlung, vor einer möglichen Überund Fehlregulierung der Terminmärkte zu warnen. Insbesondere die derzeit in der Öffentlichkeit diskutierten
Verbotsforderungen beschwören die Gefahr herauf, dass die Agrarmärkte nicht besser, sondern schlechter
funktionieren würden.
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Die wissenschaftliche Literatur: ein Überblick
In der wissenschaftlichen Literatur ist die Auswirkung der Finanzspekulation mit
Agrarrohstoffen gründlich untersucht worden. Der Lehrstuhl für Wirtschaftsethik der MartinLuther-Universität hat in Zusammenarbeit mit dem in Halle ansässigen LeibnizForschungsinstitut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) einen
umfassenden Literaturüberblick erarbeitet. Dieser Überblick von Will et al. (2012) liefert drei
Ergebnisse:
 Die weit überwiegende Mehrheit der empirischen Studien kann nicht bestätigen, dass die Terminmarktspekulation der
Indexfonds die Volatilität der Preise für Agrarrohstoffe signifikant erhöht hat.
 Die weit überwiegende Mehrheit der empirischen Studien kann nicht bestätigen, dass die
Terminmarktspekulation der Indexfonds das Niveau der Preise für Agrarrohstoffe
signifikant erhöht hat.

Die weit überwiegende Mehrheit der empirischen Studien gelangt zu der Politikempfehlung, vor einer möglichen Überund Fehlregulierung der Terminmärkte zu warnen. Insbesondere die derzeit in der Öffentlichkeit diskutierten
Verbotsforderungen beschwören die Gefahr herauf, dass die Agrarmärkte nicht besser, sondern schlechter
funktionieren würden.
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Die wissenschaftliche Literatur: ein Überblick
In der wissenschaftlichen Literatur ist die Auswirkung der Finanzspekulation mit
Agrarrohstoffen gründlich untersucht worden. Der Lehrstuhl für Wirtschaftsethik der MartinLuther-Universität hat in Zusammenarbeit mit dem in Halle ansässigen LeibnizForschungsinstitut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) einen
umfassenden Literaturüberblick erarbeitet. Dieser Überblick von Will et al. (2012) liefert drei
Ergebnisse:
 Die weit überwiegende Mehrheit der empirischen Studien kann nicht bestätigen, dass die Terminmarktspekulation der
Indexfonds die Volatilität der Preise für Agrarrohstoffe signifikant erhöht hat.
 Die weit überwiegende Mehrheit der empirischen Studien kann nicht bestätigen, dass die Terminmarktspekulation der
Indexfonds das Niveau der Preise für Agrarrohstoffe signifikant erhöht hat.
 Die weit überwiegende Mehrheit der empirischen Studien gelangt zu der
Politikempfehlung, vor einer möglichen Über- und Fehlregulierung der Terminmärkte zu
warnen. Insbesondere die derzeit in der Öffentlichkeit diskutierten Verbotsforderungen
beschwören die Gefahr herauf, dass die Agrarmärkte nicht besser, sondern schlechter
funktionieren würden.
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Zwischenfazit: Der zivilgesellschaftliche Alarm ist ein Fehl-Alarm!
Unter Agrarökonomen herrscht weitgehend Einigkeit: Die jüngsten Agrarkrisen sind nicht
finanzwirtschaftlich, sondern realwirtschaftlich verursacht worden. Dies belegt ein offener
Brief an Bundespräsident Gauck, in dem 40 Wissenschaftler am 19.12.2012 auf die
problematische Schieflage der öffentlichen Diskussion aufmerksam machen.
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Argumentation im Überblick
1.
Zum Stand der Forschung I: Realwirtschaftliche Faktoren
2.
Zum Stand der Forschung II: Finanzwirtschaftliche Faktoren
3.
Ordnungspolitik: Wie bekämpft man (vorbeugend) Hungerkrisen?
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Ein langer Rückblick auf das 20. Jahrhundert
Die realen Agrarpreise sind seit 1900 gefallen, obwohl das Wachstum der Weltbevölkerung
zunahm. Offenbar gelang es, das Angebot noch stärker als die Nachfrage wachsen zu lassen.
Agrarpreis-Index
1977-79 = 100
Weltbevölkerung in Mrd.
Agrarpreis-Index
-0,9 % pro Jahr
Weltbevölkerung
Quelle: Fuglie and Wang (2012; S. 2).
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4 Quellen des Wachstums
(1) Ausdehnung der Ackerfläche; (2) Bewässerung; (3) Düngemittel; (4) Innovation
(1)
(4)
http://www.poettinger.at/img/landtechnik/collection/saemaschinen/AEROSEM_3002_1_hq.jpg /
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kartoffelanbau_acker.jpg
(2)
(3)
http://www.raiffeisen.de/uebersicht-der-genossenschaftssparten/ware/
http://www.fermanox-wasseraufbereitung.de/verfahren/brauchwasser/bewaesserung/grundwasser.html
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Quellen des Wachstums der Weltagrarproduktion, 1960-2009
Seit 1990 ist die mit großem Abstand wichtigste Wachstumsquelle die Zunahme des Wissens.
Wachstumsrate (in %) pro Jahr
Quelle: Fuglie und Wang (2012; Abbildung 3, S. 4).
Quellen des Wachstums:
Totale Faktorproduktivität
Input-Intensivierung
Bewässerung
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Größere Anbaufläche
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These 1: Wissensproduktion und Know-How-Transfer sind wichtig!
Viele ZGO behaupten, es gebe genügend Nahrungsmittel, wenn man sie nur richtig verteilen
würde. Das ist falsch. Da Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, sind (nachhaltige)
Angebotsausdehnungen nötig, damit arme Menschen sich Lebensmittel leisten können.
http://www.joergland.com/wp-content/uploads/2011/04/trainiere-mehr-als-deine-wettbewerber.gif
Eine nachhaltige Strategie zur Herstellung globaler Ernährungssicherheit muss
ganz konsequent auf eine Angebotssteigerung setzen, vor allem auf eine
Produktivitätssteigerung durch Wissensproduktion und Know-How-Transfer!
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These 2: Ausländische Direktinvestitionen sind wichtig!
Viele ZGO verurteilen Direktinvestitionen als “landgrabbing”. Das ist falsch. In vielen Fällen
haben langfristige Investoren kein Interesse an Menschenrechtsverletzungen, sondern an
sozialer Akzeptanz durch wechselseitige Besserstellung. Das gilt es zu nutzen!
http://ddc.arte.tv/uploads/program_slideshow/image/caption/2133107.jpg
FDI = Landgrabbing?
http://truthaboutcommodities.org/wp-content/uploads/2013/05/glez_LANDGRAB2-1.jpg
Ein wichtiger Kanal für gelingende Know-How-Transfers von reichen zu armen
Staaten sind ausländische Direktinvestitionen. Insofern ist es nicht hilfreich,
jegliche Direktinvestition als „Landgrabbing“ zu diffamieren!
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These 3: Strukturwandel hilft, Menschen aus der Armut zu befreien!
Viele ZGO wollen gezielt Kleinbauern fördern. Das ist falsch und oft sogar kontraproduktiv.
Kleinbauern
verdienen
unsere Hilfe
und Solidarität.
Aber nicht etwa
deshalb, weil
sie Kleinbauern
sind. Oder auf
dem Dorf
wohnen. Oder
Subsistenzwirtschaft
betreiben.
Sondern
vielmehr
deshalb, weil
sie Menschen
sind, deren
Würde durch
Hunger und
Armut verletzt
wird.
http://www.renovabis.de/sites/default/files/imagecache/daypic-large/bild_des_tages/20111110_bdt_al_landwirtschaft.jpg
Gegenwärtig
bewirtschaften
Kleinbauern im
Durchschnitt
weniger als 5
ha Land. Viele
werden nur
dann eine
bessere Zukunft
haben, wenn
sie den Sektor
verlassen und
in die Stadt
ziehen, um im
Industrie- oder
Dienstleistungs
sektor zu
arbeiten. Die
Bekämpfung
von Hunger und
Armut erfordert
Strukturwandel.
Es ist nicht hilfreich, Kleinbauern mittels Subventionen in einer dörflichen
Subsistenzwirtschaft festhalten zu wollen. Hier droht die Gefahr, dass
Armutsfallen perpetuiert werden, die ausgerechnet den Ärmsten schaden!
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These 4: Die Kampagne gegen Agrarspekulation ist kontraproduktiv
Die verfehlte Kritik an Indexfonds verstellt den Blick für die eigentlich hilfreichen
Maßnahmen, die in der Öffentlichkeit leider nur wenig Aufmerksamkeit erfahren:
Maßnahmenkatalog:
• Mittel für Forschung und Know-HowTransfer
• Bessere Politik-Koordination
(Reform der Handelspolitik)
• Überprüfung/Suspendierung von EUFlächenstilllegungsprogrammen
• Überprüfung/Anpassung der (Art von)
Subventionierung für Biokraftstoffe
• Transparenzvorschriften für Finanzmärkte
(Aber: Vorsicht vor Überregulierung)
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Wie (dys-)funktional sind demokratische Prozesse?
Die Ordonomik thematisiert drei Probleme, die systematisch zusammenhängen:
Marktversagen, Politikversagen und Diskursversagen (DV).
Öffentlichkeit
(Suggestive
Spekulationskritik)
Fehl-Alarm verzerrt
DV moralische
Wahrnehmung
3. Ebene
http://www.notablebiographies.com/images
/uewb_01_img0038.jpg
Politik
(schlechte
Gesetze)
Politikversagen
Fehlregulierung
beeinträchtigt
Terminmärkte
2. Ebene
Landwirtschaft
(mangelnde
Versorgung)
Marktversagen
Leistungsdefizite
gefährden
Ernährungssicherheit
1. Ebene
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