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Foucault in Westeros - consolution.info

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Foucault in Westeros
Eine machttheoretische Untersuchung von George R. R.
Martins „A Song of Ice and Fire“
Bachelorarbeit von Ralph Gebhart Rirsch
h0753270
Betreuer: Dr. Thomas Schneidhofer
1
1.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ............................................................................................................................................. 3
2. Macht…………… ..................................................................................................................................... 4
2.1 Materialismus .................................................................................................................... 4
2.1.1 Macht als Eigenschaft von Individuen ....................................................................... 5
2.1.2 Macht als Eigenschaft von Beziehungen ................................................................... 5
2.1.3 Macht als Eigenschaft von Strukturen bzw. Institutionen ......................................... 5
2.2 Relationalismus .................................................................................................................. 6
3. Foucault ............................................................................................................................................... 8
3.1 Diskursive Phase................................................................................................................. 8
3.2 Macht - Phase .................................................................................................................... 9
3.3 Wende zum Subjekt ......................................................................................................... 10
4. Ausgewählte Methoden u. Begriffe aus Foucaults Werk .................................................................. 10
4.1 Diskurs .............................................................................................................................. 10
4.2 Archäologie ...................................................................................................................... 11
4.3 Genealogie ....................................................................................................................... 12
4.4 Dispositiv .......................................................................................................................... 12
4.5 Panopticon ....................................................................................................................... 13
4.6 Selbst-Techniken .............................................................................................................. 14
5. Gouvernementalität als Analysetool ................................................................................................. 14
5.1 Macht ............................................................................................................................... 16
5.2 Regierungstechnologien .................................................................................................. 16
5.2.1 Der feudal-absolutistische Machtbegriff ................................................................. 16
5.2.2 Disziplinarmacht ...................................................................................................... 17
5.2.3 Pastoralmacht .......................................................................................................... 18
5.3 Herrschaft ........................................................................................................................ 19
6. A Game of Thrones ............................................................................................................................ 19
7. Vorgehen bei der Analyse ................................................................................................................. 24
8. King’s Landing .................................................................................................................................... 25
8.1 Die Rote Festung: König, Adel und kleiner Rat ................................................................ 25
8.2 Die Stadtwache ................................................................................................................ 28
8.3 Religion und Werte .......................................................................................................... 30
8.4 Versagen der Kontrolle .................................................................................................... 33
9. Fazit……. ............................................................................................................................................. 36
10. Literarturverzeichnis........................................................................................................................ 37
2
1. Einleitung
„A Song of Ice and Fire“, besser bekannt als “A Game of Thrones” ist durch die extrem erfolgreiche
TV- Serie des amerikanischen Senders HBO noch bekannter geworden als die Bücher von George R.R.
Martin es ohnehin schon waren. Durch die lebendige Erzählung und die realistischen Charaktere
zeichnet der Autor ein eindrucksvolles Bild von einer in permanenten Machtkämpfen gefangenen
Gesellschaft. Im Laufe der Geschichte werden sowohl Herrscher als auch Beherrschte in ihrer
Lebenswelt eindrucksvoll dargestellt. Scheinbar stabile Machtblöcke werden aufgebrochen, neue
Allianzen formieren sich und im ganzen Land herrscht Krieg. Dieses wilde Durcheinander zu
entwirren und verständlich zu machen ist die Inspiration für diese Arbeit. Buchanan und Badham
(1999b) führen darüber hinaus aus, dass in der post-modernen Organisation starre Hierarchien
immer mehr von unbestimmteren und personenorientierteren Systemen verdrängt werden. Diese
Entwicklung wird durch die immer komplexeren Anforderungen an Unternehmen hervorgerufen, wie
erhöhte Flexibilität und Innovation. Dynamisierung und Verflüssigung von Organisationsformen
machen die Vorgänge innerhalb des Unternehmens schwerer vorhersagbar und klassische
hierarchische Mittel zur Unternehmens und Mittarbeitersteuerung verlieren an Relevanz.
Persönliche und interpersonale Ressourcen werden immer wichtiger. Das Unternehmen wird
beherrscht von widerstreitenden Interessen von Personen und Gruppen, die sich in einem
permanenten Machtkampf befinden. Ein derart komplexes Geschehen lässt sich kaum noch mit
statischen, hierarchiebasierten Ansätzen analysieren. Foucaults Machttheorie erscheint wegen ihrer
inhärenten Dynamik als hervorragendes Instrument für eine solche Untersuchung.
Das Ziel dieser Arbeit ist es daher ein Analysemodell basierend auf Foucaults Modell der
Gouvernementalität zu entwickeln und es am pseudoempirischen Material „A Song of Ice and Fire“
zu erläutern. Zu Beginn wird ein genereller Überblick über das Gebiet der Machttheorien gegeben.
Dann folgt eine Darstellung von Foucaults Werk mit besonderem Schwerpunkt auf seine
machttheoretischen Überlegungen. Innerhalb dieser Überlegungen wird das System der
Gouvernementalität besonders hervorgehoben, erläutert, vereinfacht und an die Bedürfnisse der
Arbeit angepasst. Dieses Modell wird dann verwendet um die Machtbeziehungen im sozialen System
„King’s Landing“ aus „A Song of Ice and Fire“ zu untersuchen. Anhand der praktischen Anwendung
wird einerseits das Modell der Gouvernementalität kritisch betrachtet und andererseits die inhärente
Instabilität von Herrschaft, eine der machttheoretischen Kernaussagen Foucaults, anschaulich
illustriert (Kammler/Pfarr/Schneider 2008, S.273-277).
3
2. Macht
Das Thema Macht ist sehr kontrovers und viele unterschiedliche Erklärungs- und Forschungsansätze
existieren dazu. (Huczynski und Buchanan, 2007). Es scheint daher notwendig zuerst einen Überblick
über die zwei wichtigsten Grundströmungen in diesem Forschungsgebiet zu geben, um Foucaults
Theorien in Perspektive zu setzen. Es existieren zwei einander grundsätzlich widersprechende
epistemologische Paradigmen um das Phänomen Macht zu erfassen. Der Materialismus und der
Relationalismus. Unter den Relationalismus fällt auch Foucaults dynamische Machtkonzeption.
(Emirbayer, 1997).
2.1 Materialismus
Ausgangspunkt der Analyse im Materialismus sind immer autonome, an sich unveränderliche
Entitäten. Aus ihrer Beschaffenheit und Wechselwirkung miteinander erschließt sich das untersuchte
System.„(Substantialism)… takes as its point of departure the notion that it is substances of various
kinds (things, beings, essences) that constitute the fundamental units of all inquiry.” (Emirbayer,
1997, S.283). Emirbayer führt weiter aus, dass die grundsätzliche Beschaffenheit dieser Entitäten im
Materialismus als „preformed“ – also vor der Interaktion als gegeben gesehen werden. Durch
Interaktion können sie zwar transformiert werden, sie sind aber als relativ stabil anzusehen. Ziel ist es
diese Entitäten möglichst genau zu erfassen, um dann die Auswirkungen eines Aufeinandertreffens
vorhersagen zu können. Dieses Denken liegt laut Cassirer (1953, S.8 in Emirbayer, 1997, S.283)
prinzipiell in der Natur des Menschen:“Relation is not independent of the concept of real being; it
can only add supplementary and external modifications to the latter, such as do not affect its real
‘nature’ ”. Es gibt im Materialismus also eine „Natur“ einer Sache, die ähnlich der Essenz in der
griechischen Philosophie die Entität ausmacht und durch Interaktion mit anderen Entitäten nicht
grundlegend verändert wird.
Eine Differenzierung innerhalb des Materialismus kann nach der Art der Entität, die als Basis der
Beobachtung herangezogen wird, stattfinden. Folgt man Huczynski und Buchanan (2007) gibt es drei
Arten von Entitäten, denen in den verschiedenen Theorien Macht als eine Eigenschaft zugeschrieben
wird. Diese sind das Individuum, die Beziehungen zwischen Individuen und Strukturen bzw.
Institutionen.
4
2.1.1 Macht als Eigenschaft von Individuen
Prämisse von Theorien, die Macht dem Individuum als Eigenschaft zuschreiben ist, dass bestimmte
Akteure Macht haben und diese über verschiedene soziale und interpersonale Praktiken ausüben.
Ziel dieser Theorien ist es herauszufinden, woher diese Macht kommt, wie viel davon das Individuum
hat und wie mehr Macht errungen werden kann(Huczynski und Buchanan 2007, S.798f).
Ein Beispiel ist Pfeffers Theorie der individuellen Quellen der Macht. Diese Theorie identifiziert auf
der einen Seite strukturale Quellen individueller Macht, wie Unersetzbarkeit oder Zentralität der
eigenen Abteilung im Unternehmen. Auf der anderen Seite persönliche Quellen individueller Macht,
wie psychische und physische Ausdauer oder die Fähigkeit andere Menschen zu verstehen und zu
durchschauen (Pfeffer, 1992, in Huczynski und Buchanan, 2007, S.798f).
2.1.2 Macht als Eigenschaft von Beziehungen
Auch hier wird bestimmten Individuen Macht zugeschrieben, allerdings wird das Augenmerk auf die
Funktionsweise der Machtausübung gelegt, da auch der Adressat der Machtausübung mit
einbezogen wird. Daraus ergibt sich beispielsweise bei French und Raven (1958), in Huczynski und
Buchanan, 2007, S.799ff), dass die Geführten wahrnehmen müssen welche der fünf identifizierten
Machtbasen bzw. Machtmittel dem Führer zur Verfügung stehen, damit diese auch wirksam sein
können.
Es rückt also eine Interaktion in den Blickpunkt. Es kann hier aber nicht von einer relationalen
Betrachtung gesprochen werden, da ganz im Zeichen des Materialismus, Macht noch immer einer
Entität als Eigenschaft zugeschrieben wird. Es wird bloß ein weiterer Einflussfaktor, wie z.B. bei
French und Raven die Wahrnehmung des Geführten, einbezogen.
2.1.3 Macht als Eigenschaft von Strukturen bzw. Institutionen
In Theorien, die Macht als eine Eigenschaft von Strukturen betrachten, wird sie nicht Individuen oder
Interaktionen als Eigenschaft zugeschrieben. Es rücken abgrenzbare Teilbereiche von Institutionen,
wie z.B. Abteilungen, in den Blickpunkt. Einerseits werden Beziehungen zwischen Institutionen
untersucht, auf der anderen Seite auch, wie Macht auf die innerhalb der Institutionen agierenden
Menschen ausgeübt wird. Besonderer Wert wird darauf gelegt, Machtmechanismen aufzudecken
und zu erklären, die sich nicht in offenen Machtdemonstrationen äußern, sondern von der Struktur
5
der Institution vorgegeben sind. Beispiele sind die Wirkung von Regeln und Unternehmenspolitik, das
Entlohnungssystem, oder die Eigenschaften der auszuführenden Aufgaben.
Hickson et al. (1971) haben auf Grund dieser Annahmen ein Model der Organisationalen Macht
entworfen, das die folgenden fünf Faktoren als Machtbasen einer Abteilung anderen Abteilungen
gegenüber identifiziert:„Generierung von Abhängigkeiten“, „Finanzielle Ressourcen“, „Zentralität der
Aktivitäten“, „Unersetzbarkeit“ und „Unsicherheitsreduktion“.
Man kann also zusammenfassen, dass der Materialismus als Paradigma seinen Blick immer auf
beständige Entitäten und deren Eigenschaften richtet. Macht ist eine dieser Eigenschaften. Sie haftet
der Entität an. Egal ob das Individuum, Beziehungen, oder Institutionen Mittelpunkt der Betrachtung
sind, immer bilden abgrenzbare, unabhängige Objekte, denen Eigenschaften zugewiesen werdenden
Ausgangspunkt oder Rahmen für Aktion.
Im folgenden Kapitel wird der Relationalismus als alternative Herangehensweise an die Thematik der
Macht skizziert, die sich weitgehend von den Entitäten des Materialismus gelöst hat und eine völlig
andere Perspektive auf das Phänomen Macht bietet.
2.2 Relationalismus
Der Relationalismus wendet sich entschieden von isolierbaren Entitäten ab und definiert diese, im
Netz ihrer Transaktionen miteinander neu.
Transaktion bedeutet nach Dewey und Bentley (1949):“systems of description and naming are
employed to deal with aspects and phases of action, without final attribution to ‘elements’ or other
presumptively detachable or independent ‘entities’, ‘essences,’ or ‘realities,’ and without isolation of
presumptively detachable ‘relations’ from such detachable ‘elements’.”(Dewey und Bentley 1949, S.
108, in Emirbayer 1997, S.286f) Sie verneinen also die Existenz von unabhängigen Entitäten jeder Art.
Es sind nicht mehr die Entitäten die Handeln bzw. Eigenschaften haben, sondern Systeme in denen
Entitäten wechselnde Bedeutungen und Eigenschaften durch Transaktionen miteinander erhalten.
Cassirer (1953) beschreibt die Abwendung von isoliert definierbaren Entitäten ähnlich:„(Things) are
not assumed as independent existences present anterior to any relation, but . . . gain their whole
being . . . first in and with the relations which are predicated of them. Such ‘things’ are terms of
relations, and as such can never be ‘given’ in isolation but only in ideal community with each other”
6
(Cassirer 1953, S.36, in Emirbayer 1997, S.287). Die unabhängige Existenz von Entitäten vor einer
Relation, oder Transaktionen mit anderen wird ausgeschlossen. Sie bekommen ihren Sinn und
beginnen erst mit der Relation bzw. Transaktion zu existieren. Diese Aussage sollte keineswegs so
gedeutet werden, dass die physische Existenz dieser Entitäten angezweifelt wird. Vielmehr kann man
diese Absage an die unabhängige Entität als Dynamisierung des Entitätsbegriffes sehen. Es gibt keine
vor einer Situation bestehenden festgelegten Eigenschaften, alle Eigenschaften sind permanent vom
komplexen Wechselspiel der Entitäten abhängig.
Es kehrt sich also die Attributierung, die der Materialismus vornimmt um. Ein Netz von Transaktionen
bestimmt nun die temporären Eigenschaften der Entitäten immer wieder neu. Als Beispiel kann ein
Wald dienen, der für das Eichhörnchen Lebensraum ist, für den Holzfäller Arbeitsplatz, für die
moderne Industriegesellschaft Ressource und für manche indigene Völker ein Objekt der Verehrung.
Der Wald mag bestimmte physikalische Eigenschaften haben, aber die Sinngebung und Definition der
Entität „Wald“ findet erst in der jeweiligen Transaktion statt.
Entitäten verändern sich demnach permanent in den Transaktionen, die sie mit anderen Entitäten
eingehen. Daraus ergibt sich die dynamische Natur der relationalen bzw. transaktionalen Theorien.
Abbot (1996) führt dazu aus, dass Akteure Transaktionen eingehen und von diesen in ihrer Substanz
so stark verändert werden, dass vollkommen neue Entitäten und Beziehungen entstehen. “Previously
constituted actors enter [transactions] but have no ability to traverse [them] inviolable. They ford
[them] with difficulty and in [them] many disappear. What comes out are new actors, new entities,
new relations among old parts” (Abbott 1996, S.863, in Emirbayer 1997, S.289).
Vor diesem theoretischen Hintergrund muss auch Macht radikal anders definiert werden als im
Materialismus. Sie kann nicht mehr eine stabile und isolierte Eigenschaft von Entitäten sein. “The
concept of power[is] transformed from a concept of substance to a concept of relationship. At the
core of changing figurations—indeed, the very hub of the figuration process—is a fluctuating, tensile
equilibrium, a balance of power moving to and fro. . . . This kind of fluctuating balance of power is a
structural characteristic of the flow of every figuration.” (Elias 1978, S.131 in Emirbayer 1997, S.292)
Nach Elias (1978) ist Macht im Relationalismus ein ständiges Hin- und Her, ein sich permanent
veränderndes Gleichgewicht. Endgültige, oder stabile Attribution von Macht als Eigenschaft ist
aufgrund der Dynamik dieses Gleichgewichts unmöglich.
Einer der wohl bekanntesten Vertreter des Relationalismus ist Michel Foucault. Auch er sieht Macht
nicht mehr als unabhängige und stabile Eigenschaft, sondern als allen Vorgängen in der Gesellschaft
7
inhärent und diese bestimmend. Macht ist in jedem sozialen Verhalten des Menschen enthalten und
ist selbst von diesem Verhalten abhängig (Emirbayer, 1997)
3. Foucault
Foucault hat seine Positionen im Laufe seines Schaffens immer wieder, teils radikal, verändert und
weiterentwickelt (Ruoff 2009). Daher scheint es angebracht zuerst einen historischen Querschnitt
durch sein Lebenswerk zu geben. Dazu werden zunächst kurz die Eckpunkte Foucaults akademischen
Lebens skizziert. Anschließend werden die für diese Arbeit relevanten Begriffe und Methoden seines
Werkes näher untersucht.
Foucaults Werk kann gemäß Ruoff (Ruoff 2009, S.21) in drei Phasen gegliedert werden. Diese Phasen
leiten sich aus der jeweiligen Zentralität bestimmter Begrifflichkeiten ab.
3.1 Diskursive Phase
Die diskursive Phase umfasst fünf zentrale Arbeiten in denen Foucault versucht der Entwicklung und
Entstehung der modernen Gesellschaft auf den Grund zu gehen. Diese Arbeiten sind: „Wahnsinn und
Gesellschaft“, „Die Geburt der Klinik“, „Die Ordnung der Dinge“, „Die Archäologie des Wissens“ und
„Die Ordnung des Diskurses“. Das für die Analyse eingesetzte Mittel ist der Diskurs bzw. die
Diskursanalyse, auf die später in dieser Arbeit genauer eingegangen wird.
In den ersten drei Werken versucht Foucault die Vorbedingungen für die Entstehung der Moderne
mittels der archäologischen Methode zu schreiben (Ruoff 2009, S.21).
Im vierten Werk der diskursiven Phase „Archäologie des Wissens“ bearbeitet er kritisch seine drei
bisherigen Arbeiten, um „die Voraussetzungen …, die die Aussagen zu einem Wissen machen...“
genauer beleuchten zu können (Ruoff 2009 S.33). Er sucht also die diskursiven Grundbedingungen
der Wissensschaffung in der Gesellschaft.
Das letzte Werk der diskursiven Phase „Ordnung des Diskurses“ vollzieht eine methodologische
Wende von der Archäologie hin zur Genealogie (mehr dazu in den jeweiligen Kapiteln zu 4.2
Archäologie und 4.3 Genealogie), um jene Verfahren in einer Gesellschaft zu untersuchen, die
Diskurse einschränken und kontrollieren und wandelt damit den Begriff des Diskurses. Dieser
bekommt nun Ereignischarakter und verliert im Werk schrittweise seine Unabhängigkeit. Foucault
sieht den Diskurs nunmehr als abhängig und geformt von den Bedingungen seiner Entstehung(Ruoff
2009).
8
Die diskursive Phase von Foucaults Werkentwickelt demnach aus der historischen
Auseinandersetzung mit den Grundbedingungen der Wissensformierungen in der Gesellschaft ein
neues Verständnis von Wissen auf Basis seines Diskursbegriffs. Mit Archäologie und Genealogie
schafft Foucault außerdem den methodologischen Grundstein seiner weiteren Arbeiten.
3.2 Macht - Phase
Die zweite Entwicklungsphase Foucaults dreht sich um eine Neukonzeption des Begriffs der Macht
unter Einbeziehung der Dispositive. In dieser Phase setzt sich auch die Umdeutung des Diskurses
durch genealogische Untersuchungen fort. Der Diskurs ist nicht länger unabhängig von seiner
Umgebung zu betrachten, sondern wird innerhalb der Dispositive geformt (Ruoff 2009). Die
wichtigsten aus dieser Zeit stammenden Arbeiten sind „Überwachen und Strafen“, „Der Wille zum
Wissen“ und die Vorlesungsreihe „Geschichte der Gouvernementalität“.
In „Überwachen und Strafen“ untersucht Foucault die Strafe als Machtmittel der Herrschenden von
der frühen Neuzeit bis in das 19. Jahrhundert und definiert mehrere juridisch-diskursive Typen von
Macht und Machtpraktiken, auf die in dieser Arbeit an späterer Stelle (siehe Kapitel 5.
Gouvernementalität als Analysetool) genauer eingegangen wird (Kammler/Pfarr/Schneider, 2008).
Juridisch-diskursive Macht kann in Foucaults Werk mit verbietender oder hemmender Macht
gleichgesetzt werden (Ruoff, 2009).
„Der Wille zu Wissen“ setzt die Überlegungen zur Macht fort und verlagert sie auf die Ebene der
menschlichen Sexualität. Foucault untersucht den Umgang der Gesellschaft mit Sexualität und
verknüpft diese mit seinen machttheoretischen Überlegungen. Er wendet sich immer stärker vom
juridisch-diskursiven Machtprinzip seiner vorherigen Untersuchungen ab und betont die konstruktive
und strategische Seite der Macht, die der einschränkenden und verbietenden Seite gegenüber steht.
(Kammler/Pfarr/Schneider, 2008).
„Die Geschichte der Gouvernementalität“ untersucht die Entwicklung der Regierungskunst im
Rahmen seiner neuen Machttheorie. Ziel dieser Vorarbeiten ist eine Genealogie des modernen
Staates und somit eine Diagnose der Gegenwartdurch die Ergründung ihrer
Entstehungsvoraussetzungen (Ruoff, 2009).
In dieser Phase interpretiert Foucault seinen Diskursbegriff neu und versucht eine immer
ganzheitlichere Perspektive auf Macht zu bekommen. In seiner Auseinandersetzung mit den
Herrschaftspraktiken vom Mittelalter bis in das späte 20. Jahrhundert trennt er die Begriffe
Herrschaft und Macht strikt voneinander. Gleichzeitig schafft er einen neuen konstruktiven
9
Machtbegriff, der entschieden mit dem juridisch-diskursiven Machtbegriff bricht und entwickelt ein
eigenes System von Machttypen.
3.3 Wende zum Subjekt
In dieser Phase sucht Foucault nach „eine(r) nicht normativen Ethik, die definitionsgemäß ihre
Allgemeingültigkeit nicht über Zwang und Pflicht entwickelt“ (Ruoff 2009,S.52). Im Gegensatz zu den
beiden vorangegangenen Phasen, in denen das Subjekt für Foucault immer den Systemen in denen
es sich bewegt unterworfen ist, spielt nun die Autonomie dieses Subjekts eine zentrale Rolle für ihn.
Diese Autonomie wurde vor allem im Rahmen der Diskursanalyse stark in den Hintergrund gedrängt.
Diskurs und Macht reichen Foucault nun nicht mehr um die Geschichte des Subjekts in der
Gesellschaft zu erklären. Das Subjekt wird nicht mehr bloß durch Diskurse und Machtsysteme
definiert, sondern kann sich über „Technologien des Selbst“ unabhängig von diesen selbst gestalten.
Da diese letzte Phase seines Schaffens mit Foucaults Tot endete, sind viele Begriffe und
Überlegungen aus dieser Zeit unvollständig bzw. sehr umstritten. Die vorliegende Arbeit wird
Foucaults Wende zum Subjekt an späterer Stelle (siehe Kapitel 5. Gouvernementalität als
Analysetool) stark vereinfacht nachvollziehen. Genauere Informationen zu dieser Phase seines
Werkes sind u.A. in Ruoff (2009) auf den Seiten 52-58 zu finden.
4. Ausgewählte Methoden u. Begriffe aus Foucaults Werk
Im folgenden Kapitel werden einige der wichtigsten und für diese Arbeit relevanten Begriffe in
Foucaults Werk näher betrachtet und erläutert. Aufgrund des Umfangs seiner Arbeiten kann hier nur
eine schmale Auswahl erfolgen. (Für weitere Informationen siehe Kammler/Pfarr/Schneider 2008,
S.219-303, oder Ruoff 2009, S.61-236.) Die erläuterten Begriffe werden im nächsten Teil der Arbeit
als Grundlage der Untersuchung dienen.
4.1 Diskurs
Der Kern des Diskursbegriffes ist „Aussage“ bzw. „Kommunikation“. Er kann gemäß
Kammler/Pfarr/Schneider (2008, S.234)auf mehreren Ebenen definiert werden.
10
Zunächst als Grundvoraussetzung für menschliches Wissen. Foucault stellt die Behauptung auf, dass
alles Wissen diskursiv vermittelt ist und von den Diskursen, in denen es entsteht, geformt wird. Der
Mensch kann seine Umwelt also nicht anders als in Aussagen erfassen.
Auf der nächsten Ebene gibt es eine Mehrzahl von Diskursen, „eine jeweils individualisierbare
Gruppe von Aussagen“, die zu einem bestimmten Diskurs gehören. Beispiele solcher Diskurse sind
der juristische, der ästhetisch-literarische und der ökonomische Diskurs. Die formende Wirkung des
Diskurses wird klar wenn man nun einen Gegenstand abwechselnd in diese Diskurse einbringt. Der
Autor wäre im juristischen Diskurs Urheber, im ästhetisch-literarischen Diskurs Schöpfer und im
ökonomischen Diskurs Produzent einer Ware.
Schließlich kann der Diskurs auch als „regulierte Praxis“ gesehen werden, die ein bestimmtes Feld
von Aussagen hervorbringt, neben dem es weitere solche Felder gibt, die von anderen Diskursen
konstituiert werden. Auf dieser Ebene geht es um die „Gesamtheit der Bedingungen, nach denen sich
eine bestimmte Praxis vollzieht“ (Köppen, 1973, S.116 in Kammler/Pfarr/Schneider 2008, S.234). Ein
Beispiel ist der Diskurs der Krankenpflege.
Es ist wichtig zu betonen, dass der Diskurs zwar als sprachliches Instrument verstanden werden kann,
allerdings in seiner weiteren Auslegung auch non-verbale Praktiken innerhalb des Diskurses erfasst
werden, „denn Diskurse bestehen zwar aus Zeichen, aber ihre Funktion ist irreduzibel auf den bloßen
Zeichencharakter“ (Plumpe/Kammler 1980, S.193 in Kammler/Pfarr/Schneider 2008, S.234).
4.2 Archäologie
Die Archäologie sucht die Regeln der Diskurse einer Gesellschaft und beschreibt diese unabhängig
von normativen Bewertungen. Foucault grenzt die Archäologie strikt von der herkömmlichen
Geschichtsschreibung ab. „Ihr tieferer Sinn besteht in einem Ansatz, der unterhalb der Ideen des
Auftauchens von Erkenntnissubjekten zu registrieren erlaubt“ (Foucault, 1980-1988, S.537 in Ruoff
2009, S.69). Das Ziel ist eine möglichst objektive Analyse durch den Verzicht auf die Zuweisung von
Sinn und Bedeutung, auf historische Kontinuität und vorgefasste Begriffe im Sinne einer seriellen
Geschichtsschreibung.
Foucault versucht, „die größtmögliche Distanz zu einem Wissenskomplex einzunehmen, der in der
Perspektive methodischer Fremdheit erfasst werden soll“ (Kammler/Pfarr/Schneider, 2008, S.219f).
Bublitz (2001)zieht die Parallele zum Grabungsfund, bei dem jede Entdeckung ein banales Fundstück
sein soll und katalogisiert werden muss, ohne es zu interpretieren oder irgendeiner Theorie bzw.
Wunschvorstellung unterzuordnen. Erst dann sind Regelmäßigkeiten zu finden, die den so
11
entstandenen Beschreibungen gemein sind (Bublitz, 2001, in Kleiner, 2001). Diese Regelmäßigkeiten
sind die diskursiven Grundbedingungen, die die Archäologie sucht. Archäologische Beschreibung soll
an die Stelle erkenntnistheoretischer Erklärungen treten (Kammler/Pfarr/Schneider, 2008).
Darüber hinaus steht in der Archäologie Diskontinuität für Foucault im Zentrum der Betrachtung.
Lücken zwischen den untersuchten Ereignissen werden nicht mehr durch kognitive Leistung des
Autors erklärt bzw. geglättet. Stattdessen zeigt der mosaikhafte Aufbau an den Bruchlinien der
einzelnen Stücke eine Vielzahl von Transformationen und Diskontinuitäten, die der eigentliche
Gegenstand der Untersuchung sind (Kammler/Pfarr/Schneider 2008, S.232f.).
4.3 Genealogie
Die Genealogie ist die Geschichte des Verhältnisses, in dem Begriffe, Objekte und Praktiken
hervorgebracht und formiert werden (Bublitz, 2001, in Kleiner, 2001). Sie betrachtet Diskurse nicht
mehr völlig unabhängig, sondern identifiziert und untersucht Machttechniken und -strukturen, die
sie formen, bedingen und ihren Strukturen immanent sind. Sie beschreibt das System in dem sich
Diskurse formieren. Die Archäologie beschreibt bloße Regelmäßigkeiten innerhalb der Diskurse. Die
Genealogie zieht Machtverhältnisse, die sich u.A. in sozialen Praktiken äußern, als Außenraum des
Diskurses erklärend hinzu. Der Diskurs ist Teil von ihnen und sie formen und beeinflussen ihn.
Diese Machtverhältnisse versteht Foucault als sich permanent verändernd, was wiederum auf die
Diskurse die in ihnen geformt werden zurückwirkt. Dadurch schafft die Genealogie ein dynamisches
Bild der Entwicklung des in der Archäologie beschriebenen Diskurses und wendet sich gegen seine
zuvor erklärte Unabhängigkeit. Lokale Diskurse müssen abhängig von einem Machtsystem
verstanden werden, dessen Teil sie sind.
Dieser Schritt bedeutet keine Rückkehr zu der von Foucault kritisierten Kontinuität in der
Geschichtsschreibung. Die übergeordneten Machtsysteme sind nicht als Interpretationsrahmen zu
verstehen, sondern als konstituierender Teil der untersuchten Diskurse. Sie sind Bedingung für die
Entstehung und Veränderung der Diskurse und gehen in diese formend ein, sie werden ein Teil von
ihnen.
4.4 Dispositiv
Das Dispositiv markiert den Übergang von der Archäologie zur Genealogie. „Es umfasst eine
bestimmte Gesamtheit von Institutionen, Diskursen und Praktiken“ (Ruoff 2008, S.100). Diese ist
12
nicht als statisch zu sehen, sondern als historisch entstanden und jederzeit veränderlich. Nicht mehr
nur der Diskurs wird untersucht, sondern auch seine ihn konstituierende Umgebung. Foucault
definiert in einem Gespräch mit Jacques-Alain Miller 1977 das Dispositiv folgendermaßen: „Gesagtes,
genauso wie Ungesagtes, das sind die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv ist das Netz, das man
zwischen diesen Elementen herstellen kann“(Foucault, 1980-1988, S.391-396 in
Kammler/Pfarr/Schneider 2008, S.239).
Das prominenteste Beispiel eines Dispositivs in Foucaults Arbeit ist das Sexualdispositiv. Es umfasst
alle Regeln, Praktiken und Aussagen, die mit der Thematik verbunden sind und gibt vor, welche
Eigenschaften, Aussagen und Verhaltensweisen aufweisen müssen, um als „sexuell“ wahrgenommen
zu werden. Ob diese dann auch als sozialadäquat wahrgenommen werden steht zunächst nicht im
Vordergrund der Analyse.
Es gibt weiter nicht „DAS“ Sexualdispositiv, sondern viele, zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte
und in unterschiedlichen Gesellschaften. Man vergleiche z.B. Kleidungsvorschriften in indigenen
Gesellschaften im Amazonasgebiet und der „westlichen Welt“. Nacktheit ist nicht überall „sexuell“
und war es auch nicht immer.
Die Identifikation von Dispositiven dient in der Diskursanalyse vor allem dazu, ihre Machtwirkungen
untersuchen zu können. Das geschieht unter anderem anhand der Regeln, die für das Handeln
innerhalb des Dispositivs gelten und die soziale Wahrnehmung bestimmen. Ein Beispiel für solche
Machtwirkungen im derzeitigen westeuropäischen Sexualdispositiv ist die Verurteilung der
Promiskuität oder die sich verändernde Rolle der Frau.
4.5 Panopticon
Foucault greift Jeremy Benthams Idee des Panopticons in seinem Werk auf und bildet aus ihm einen
eigenen Machttypus, den Panoptismus. Benthams Panopticon ist ein architektonischer Entwurf eines
Gefängnisses. Zentral steht ein, von unten nicht einsehbarer, Turm. Rund um diesen Turm werden
kreisförmig die Zellen der Häftlinge angebracht. Diese sind vom Turm aus permanent einsehbar.
Zusätzlich befindet sich in jeder Zelle nur ein Häftling. Foucault sagt dazu „Der Delinquent wird nicht
nur einfach weggesperrt, wie in der Praxis der Einkerkerung geschehen, sondern er findet sich
vielmehr ins Licht gerückt vor“(Foucault, 1992, S.251-292 in Ruoff 2009, S.159). Auf diese Weise wird
der Insasse individualisiert und hat das Gefühl permanenter Beobachtung ausgesetzt zu sein. Diese
Erwartung schlägt sich in einem selbstregulierten Verhalten nieder, sogar wenn der Beobachter gar
13
nicht da ist. Der Insasse kontrolliert sich selbst, unabhängig von der tatsächlichen, ihm ja nicht
ersichtlichen, Anwesenheit eines Überwachers.
In Foucaults weiteren Untersuchungen tritt die architektonische Anordnung des Panopticons immer
weiter in den Hintergrund und der Effekt, den die Kontrollerwartung auslöst, bekommt mehr
Gewicht. Er konstruiert einen eigenen strategischen Machttypus, den Panoptismus, den er in der
Industriegesellschaft des späten 18. Jahrhunderts als Auswuchs der Disziplinarmacht verwirklicht
sieht. (Für nähere Informationen siehe Kammler/Pfarr/Schneider, 2008, S.279-284.)
Im Kontext der vorliegenden Arbeit wird der Begriff des Panopticons genutzt werden, um die
Funktionsweise der unten näher erläuterten Machttypen vollständiger erklären zu können.
4.6 Selbst-Techniken
In der letzten Phase seines Werkes wandte sich Foucault wieder dem Individuum als
Untersuchungsgegenstand zu. Ausdruck findet diese Wende zum Subjekt auch in seiner
Machtkonzeption, die er um die Selbst-Techniken ergänzt.
Diese Techniken umfassen Vorgänge, in denen sich das Subjekt selbst und unabhängig konstituiert.
Technologien des Selbst ermöglichen es dem Individuum sich aus eigenem Antrieb so zu verändern,
dass es bestimmte Ziele wie Glück, Reinheit, Weisheit, Vollkommenheit oder Unsterblichkeit
erlangen kann (Ruoff 2009, S.205).
Das Individuum ist nicht länger bloßer Spielball von Machtbeziehungen, sondern ein integraler
Bestandteil dieser Beziehungen und hat formenden Einfluss auf sie.
Diese Arbeit wird versuchen die Wende zum Subjekt in den, vor dieser Wende von Foucault
identifizierten, historisch-politischen Machttypen in vereinfachter Form nachzuvollziehen. Der
Einfluss von Machtpraktiken auf die individuelle Psyche des Unterworfenen und daraus resultierende
Wechselwirkungen werden daher in die Machtkonzeption Foucaults ergänzend eingebracht. Nähere
Ausführungen dazu folgen im Abschnitt „Regierungstechnologien“.
5. Gouvernementalität als Analysetool
Die Machtkonzeption Foucaults hat sich im Laufe seines Werkes mehrfach verändert und an seine
Untersuchungsgegenstände angepasst (Ruoff, 2009). Vor allem der Übergang vom juridischdiskursiven Machtbegriff zum strategischen Machtbegriff stellt eine Diskontinuität in seinem Werk
14
dar, die erklärt, wieso einige der Begriffe, die er einführt einander scheinbar widersprechen bzw.
ablösen.
Dieser Übergang zwischen den beiden Machtbegriffen in Foucaults Werk kann durch die
Unterschiedlichkeiten seiner historischen Untersuchungsgegenstände erklärt werden, da er Macht
zunächst in der Zeit der französischen Klassik und später im Laufe der Entwicklung zur Moderne
untersucht hat. Daher wird diese Arbeit die scheinbar überholten Begriffe aus der juridischdiskursiven Phase mit seinen neueren strategischen Begriffen gemeinsam im System der
Gouvernementalität verwenden.
Die folgende Machtkonzeption wird dementsprechend versuchen die Gouvernementalität als System
aus der Sicht Foucaults in den späten 1970er Jahren darzustellen, um einen ganzheitlichen
Analyserahmen zu schaffen. In diese Systematik werden juridisch-diskursive Machtkonzeptionen,
nämlich „der feudal souveräne Machtbegriff“, die „Disziplinarmacht“ und eine strategische
Machtkonzeptionen, die „Pastoralmacht“ eingebracht. Zusätzlich wird diese Arbeit den Versuch
unternehmen, eine neue Dimension, die „Auswirkung auf die individuelle Psyche“, hinzuzufügen, um
Foucaults Wende zum Individuum nachzuvollziehen. Aus der Sicht dieses Systems wird auch die
Illustration am pseudoempirischen Material „A Game of Thrones“ an späterer Stelle in dieser Arbeit
erfolgen.
Es bleibt vorab noch zu erwähnen, dass Gouvernementalität auch eine historisch-politische
Bedeutung in Foucaults Werk hat. Sie stellt einen eigenen Herrschaftstypus dar (Lemke, 2001, in
Kleiner 2001, S.117). Aufgrund der Beschaffenheit der Gesellschaft in „A Game of Thrones“, die
mittelalterlich-feudal ist und der Identifikation der Gouvernementalität als moderne Kunst des
Regierens, kann dieser Aspekt keinen Eingang in die Analyse finden. Dasselbe gilt für einige seiner
weiteren historisch-politischen Machttypen. Weiterführende Informationen zur Gouvernementalität
in diesem Sinne enthält Lemke 2001, in Kleiner 2001, S.108-122. (Weiterführende Informationen zu
den übrigen Machttypen gibt Ruoff (2009) in den Seiten 146-157.)
Lemke (2001) stellt drei Ebenen der Analyse im System der Gouvernementalität vor (Lemke, 2001, in
Kleiner 2001, S.119-120). Diese Ebenen sind allerdings nicht als hierarchisch geordnet oder
voneinander unabhängig zu sehen, sondern unterscheiden sich im Grad der Verfestigung von
Machtpositionen und –mitteln. Sie sind Macht, Regierungstechnologien und Herrschaft.
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5.1 Macht
Macht ist, wie in den Ausführungen zur Genealogie bereits beschrieben, als umfassendes,
allgegenwärtiges Netz strategischer Beziehungen zu sehen. „In Gesellschaft leben, heißt jedenfalls so
leben, dass man gegenseitig auf sein Handeln einwirken kann. Eine Gesellschaft ohne
Machtverhältnisse kann nur eine Abstraktion sein“ (Dreyfuß und Rabinow, 1994, S.257 in Kleiner,
2001, S.118). Vor allem die oben erwähnte Gegenseitigkeit der Macht und wechselseitige
Abhängigkeit muss betont werden. Niemand steht außerhalb, oder bleibt unberührt von diesem Netz
an Machtbeziehungen.
5.2 Regierungstechnologien
Regierungstechnologien können vereinfacht als systematisch eingesetzte Machtmittel verstanden
werden, die die Verfestigung von Asymmetrien in den Machtbeziehungen möglich machen. Sie sind
der Grundstein für Herrschaft. Der Einsatz bestimmter Machtmittel wirkt auch definierend für die
weiter unten diskutierten Herrschaftsformen (Lemke, 2001, in Kleiner 2001, S.119-120).
Regierung umfasst nach Foucault nicht nur offenen Zwang. „Vielmehr ist sie immer ein bewegliches
Gleichgewicht mit Ergänzungen und Konflikten zwischen Techniken, die Zwang sicherstellen und
Prozessen, durch die das Selbst sich konstruiert oder modifiziert wird.“Selbst- und Machttechniken
vereinen sich in den Regierungstechnologien. „Man muss die Punkte analysieren, an denen die
Herrschaftstechniken über Individuen sich der Prozesse bedienen, in denen das Individuum auf sich
selbst einwirkt. Umgekehrt muss man jene Punkte betrachten, in denen Selbsttechnologien in
Zwangs- oder Herrschaftsstrukturen integriert werden“ (Lemke, 2001, in Kleiner 2001, S. 120).
Regierungstechnologien sind demnach systematisch eingesetzte Machtmittel, die sowohl offenen
Zwang, als auch Wechselwirkung mit Selbst-Technologien des Individuums verwenden und den
Grundstein für Herrschaft bilden. Im Folgenden werden drei für diese Arbeit relevante historischpolitische Machttypen Foucaults anhand dieser Konzeption kurz erläutert. Für weitere Informationen
siehe Ruoff 2009, S.146-157; 161f; Kammler/Pfarr/Schneider 2008, S.273-277; oder Kleiner 2001, S.
90-121.
5.2.1 Der feudal-absolutistische Machtbegriff
„Dieser Machttypus basiert auf der Anwendung unmittelbarer physischer Gewalt, der Präsenz eines
Gewalt- und Vernichtungsapparats und der offenkundigen Asymmetrie“(Kammler/Pfarr/Schneider,
2008, S.275). Der feudal-absolutistische Herrscher greift nur sporadisch in die Lebenswelt der
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Unterworfenen ein. Anlassfall ist in der Regel die Verletzung der Integrität des Souveräns. Diese
Verletzung kann im Handeln gegen seine Gesetze, Kritik, oder offenem Widerstand bestehen.
Öffentliche Marter und Hinrichtung, die vom Souverän angeordnet wird sind die Reaktion. Extrem
überhöhte Bestrafung wird als Machtdemonstration und zur Abschreckung verwendet (Ruoff, 2009).
Der Beherrschte steht der grenzenlosen Macht des Souveräns hilflos gegenüber. Diese Macht über
Leben und Tod überhöht den Herrscher in den Augen des Untertanen und ängstigt ihn. Angst und
gefühlte Machtlosigkeit machen somit den Untertanen gefügig. Er sieht sich selbst als klein und
hilflos und den Herrscher als unüberwindbar groß und mächtig.
Der Fokus dieses Herrschaftstypus liegt daher klar im Machterhalt des Herrschers. Der Unterworfene
wird nur wahrgenommen, wenn er diesen Machterhalt gefährdet.
5.2.2 Disziplinarmacht
Die Disziplinarmacht beherrscht den Menschen nicht mehr nur aus einer zentralen Position heraus.
Der möglichst effektive Einsatz des Menschen in der Gesellschaft steht für den Herrschenden im
Vordergrund, nicht mehr bloßer Machterhalt. In Anlehnung an die Praktiken, die in der Armee,
Schulen oder im Gefängnis angewendet werden, wird der Mensch permanenter Kontrolle, nicht nur
durch hierarchisch Höhergestellte, sondern auch durch hierarchisch Gleichgestellte unterworfen
(Ruoff, 2009). Dieser Effekt wird durch die Vorgabe von „normalem“ und „erwünschtem“ Verhalten
in den Institutionen, die der Mensch im Laufe seines Lebens durchläuft, erzeugt. Jeder kann jeden
anderen und sich selbst an diesen „Werten“ messen. Sie werden ein definierender Bestandteil des
sozialen Systems.
Zusätzlich tritt ein panoptischer Effekt ein, weil die Erwartung, permanent beurteilt und an einem
vorgegebenen Wertesystem gemessen zu werden im Individuum zur Selbstkontrolle führt. Egal ob
Andere tatsächlich Interesse am eigenen Verhalten haben, verhält sich das Individuum durch diese
Überwachungserwartung, sogar wenn es nicht unter Beobachtung steht, sozial konform.
Ein weiterer Aspekt der Disziplinarmacht ist die Gewöhnung des Unterworfenen an bestimmte
Verhaltensweisen durch regelmäßige Übung. Solche Verhaltensweisen können wichtig für den
effektiven Einsatz in einer Institution sein, aber auch soziale Verhaltensweisen, wie Verbeugungen
und das Niederknien werden eingeübt. Diese einstudierten Gesten der Unterwerfung formen die
Psyche dessen, der sie permanent ausführt. Ist es für den Unterworfenen selbstverständlich sich vor
seinem Herrscher auf den Boden zu werfen, oder vor seinem Vorgesetzten zu salutieren, so formt
diese hierarchische Unterordnung auch sein Selbstbild. Er gehorcht ganz natürlich, unabhängig von
Angst, aus Gewohnheit und um nicht aus der Reihe zu fallen. Der Zustand der Unterwerfung wird
natürlich für das Individuum.
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5.2.3 Pastoralmacht
Im Folgenden wird das Wort „Gott“ in der Einzahl verwendet werden. Die Pastoralmacht wirkt aber
im Kontext polytheistischer Religionen ebenso. Sie kann sich sogar vollständig vom religiösen Kontext
lösen. (Näheres dazu in Ruoff, 2009, S.161-165.)
„Pastoralmacht ist eine Art der Menschenführung, die sich auf jede Lebenssituation erstreckt und die
gesamte Existenz des Menschen bis in die feinsten Detailfragen hinein bestimmen will“ (Ruoff, 2009,
S.162). Noch weiter als bei der Disziplinarmacht erstreckt sich der Eingriff des Führers in alle Bereiche
des Lebens des Geführten. Disziplinartechniken kommen auch hier zum Einsatz. Beispielsweise
regelmäßige Gebete oder Grußformeln. Unterwerfung wird für das Individuum natürlich. Zunächst
Unterwerfung Gott gegenüber und konsequenter Weise auch gegenüber seinen Vertretern oder
Propheten auf der Welt. Der spirituelle Führer kennt den Willen Gottes. Sich ihm zu widersetzen
hieße für den Einzelnen sich Gott zu widersetzen. Er ist der einzige Wegweiser zum Seelenheil.
Den spirituellen Führer kann man nach Ruoff (2009) auch als Hirten einer Herde sehen, der die Tiere
zusammenhalten und sich um ihr Wohlergehen kümmern soll. Der Hirte legitimiert seinen
Machtanspruch in erster Linie also nicht über Gewalt oder Zwang, sondern über seine schützende
und leitende Funktion für die Herde. Das Ziel dieser Führung ist das Seelenheil jedes Einzelnen.
(Ruoff, 2009, S.162) Die oben erwähnten Disziplinartechniken werden als Mittel zur Erreichung dieses
Ziels gesehen. Absoluter Gehorsam den Regeln bzw. Geboten des Glaubenssystems gegenüber wird
nicht direkt erzwungen, sondern stellt den einzigen Weg zum Seelenheil dar. Eine weitere
Komponente, die an das jenseitige Seelenheil anknüpft ist die Beichte bzw. seelische Öffnung
gegenüber dem Hirten. Der Hirte ist Gott für seine Herde verantwortlich, im positiven, wie auch im
negativen Sinn. Die Verdienste der Herde sind seine Verdienste, ihre Verfehlungen sind aber auch
seine. Diese Beziehung spiegelt die gegenseitige Abhängigkeit von Führer und Geführtem im Pastorat
wider.
Vereinfacht kann Pastoralmacht demnach als ein System gesehen werden, an dessen Spitze ein oder
mehrere Vertreter Gottes stehen, die durch ihre Verbindung zu Gott alleinigen Anspruch auf
Wahrheit und Gehorsam haben. Das Individuum muss sich ihnen unterwerfen um sein Seelenheil
nicht zu gefährden und wird durch Disziplinartechniken zusätzlich an diese Unterwerfung gewöhnt
bis sie ganz natürlich ist und alle Bereiche seines Lebens durchsetzt.
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5.3 Herrschaft
Herrschaft ist „eine auf Dauer gestellte und mit ökonomischen, politischen oder militärischen Mitteln
institutionalisierte Ausübung von Macht“ (Lemke, 2001, in Kleiner 2001, S.118). Herrschaft
beschreibt verfestigte Machtzustände. Soziale Kräfteverhältnisse sind in Institutionen festgehalten.
Herrschaftszustände sind Extremformen von Machtbeziehungen in denen es einer Gruppe oder
einem Individuum gelungen ist, dauerhafte Asymmetrien in den Machtbeziehungen zu etablieren.
Diesen Herrschaftszuständen entsprechen die oben erwähnten historisch-politischen Machttypen in
ihrer verfestigten Form: der „feudal souveräne Machttypus“, die „Disziplinarmacht“ und die
„Pastoralmacht“.
Foucault sieht diese „Idealtypen“ der Herrschaft und Regierungstechnologien, die er formuliert hat,
als Teile des Systems der Machtbeziehungen, nicht als alleinige Determinanten dieses Systems. Es
sind bloße Wirkweisen der Macht, nicht Machtbasen, die unabhängig von anderen Faktoren
Herrschaft begründen. Herrschaft kann diesen „Idealtypen“ teilweise oder ganz entsprechen, sie
miteinander verbinden und modifizieren (Lemke, 2001, in Kleiner 2001, S.119-120).
Außerdem sind diese verfestigten Asymmetrien inhärent instabil. Keine Herrschaft ist ideal oder
perfekt. Jede Regierungstechnologie hat besondere Eigenschaften, die im Wechselspiel der Kräfte
sowohl Stärken oder auch Schwächen sein können. Die Geschichte zeigt, dass, was einmal
stabilisierend wirkt, kurz darauf nicht mehr funktioniert und umgekehrt (Kammler/Pfarr/Schneider
2008, S.273-277).
6. A Game of Thrones
“A Game of Thrones” ist das erste Buch der High-Fantasy Serie “A Song of Ice and Fire” von George R.
R. Martin. Wegen der extrem erfolgreichen Fernsehserie von HBO wird aber die gesamte Serie
zumeist bloß “A Game of Thrones“ genannt. Bisher umfasst die Serie fünf Bände, zwei weitere sind in
Arbeit.
Grundsätzlich gelten in der Welt von A Game of Thrones dieselben naturgesetzlichen Regeln wie in
unserer Welt, allerdings existieren sowohl Magie, als auch diverse magische Wesen, wie Untote oder
Drachen. Deren Einfluss auf den Hauptstrang der Handlung ist allerdings in den ersten drei Bänden
sehr gering.
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Es gibt drei, in den ersten drei Bänden weitestgehend voneinander getrennt ablaufende,
Handlungsstränge. Der Großteil der Serie spielt auf dem Kontinent Westeros und dreht sich um den
Kampf der großen Adelshäuser um den eisernen Thron.
Das im Kapitel „Gouvernementatlität“ erarbeitete Analysemodell wird verwendet werden, um die
Machtbeziehungen in der Hauptstadt von Westeros und Sitz des Eisernen Thrones, King’s Landing, zu
untersuchen. Daher folgt nun eine knappe Wiedergabe des Haupthandlungsstranges auf Westeros
bis zum Ende des dritten Buches mit Fokus auf die Vorkommnisse in King’s Landing, die Ereignisse
jenseits von Westeros müssen aus Platzgründen ausgespart werden.
Westeros ist in sieben Königreiche aufgeteilt. Im Norden herrschen die Starks von Winterfell. Südlich
gefolgt von den Tullys von Riverun in den Flusslanden und im Südosten vom grünen Tal der Arryns.
Im Zentrum des Kontinents befinden sich drei weitere Königreiche, von West nach Ost: die
Westlande unter der Herrschaft des Hauses Lannister von Casterly Rock, die Weite beherrscht vom
Haus Tyrell aus Highgarden und die Königslande, die immer dem Inhaber des Eisernen Throns
unterstehen. Den Süden des Kontinents bilden die Sturmlande, der Sitz des Hauses Baratheon aus
Storm’s End und die Südspitze, das Wüstenkönigreich Dorne unter dem Haus Martell von Sunspear.
Erwähnenswert ist noch ein weiteres 8. Haus, die Greyjoys. Sie wurden vor Beginn der Handlung des
ersten Buches von den Starks unterworfen und beherrschen ein Inselreich im Nordwesten von
Westeros, die Iron Islands mit der Hauptstadt Pyke.
Nun folgt eine kurze Zusammenfassung der Handlung der ersten drei Bücher der Serie.
König Robert Baratheon besucht Eddard Stark in Winterfell um diesen aufzufordern die neue Hand
des Königs (sein oberster Berater und Stellvertreter) zu werden. Eddard stimmt zu, obwohl die
Hintergründe des Todes der ehemaligen Hand des König, Jon Arryn ungeklärt sind und alles auf eine
Intrige des Hauses Lannister hindeutet. Beide Töchter Starks ziehen mit ihm nach King’s Landing. Die
ältere Tochter Sansa wird mit Joffrey, König Roberts ältestem Sohn, verlobt.
Vor dem Aufbruch wird Eddards Sohn Bran schwer verletzt, als ihn Jaime Lannister von einem Turm
stößt. Er tut das, weil Bran ihn und seine Schwester Cersei, die Königin, beim Inzest ertappt. Bran
bleibt von diesem Sturz dauerhaft gelähmt und liegt lange im Koma. Damit Bran niemals erwacht
findet kurze Zeit später, nach Eddards Aufbruch nach King’s Landing, ein Attentatsversuch statt, der
jedoch vereitelt wird. Noch weiß niemand, wer Bran gestoßen hat.
Besorgt um ihren Mann bricht Catelyn Stark nun ebenfalls nach King’s Landing auf um ihn vor den
Lannisters, die sie verdächtigt, zu warnen und hinterlässt Winterfell in der Obhut ihres ältesten
Sohnes Robb.
20
In King’s Landing erfährt Catelyn von Petyr Baelish, dem Schatzmeister des Königs und ihrem
ehemaligen Verehrer, dass der Dolch,den der Attentäter in Winterfell verwendet hat Tyrion
Lannister, dem jüngsten und kleinwüchsigen Sohn der Lannisters, gehört. Dies teilt sie ihrem Mann
mit und kehrt nach Winterfell zurück. Auf der Rückreise nach Winterfell begegnet sie zufällig Tyrion
Lannister, nimmt ihn gefangen und bringt ihn zur Eyrie, der Hauptstadt der Weite, wo ihre
Schwester, Lysa Arryn, die Witwe von Jon Arryn, herrscht. Tyrion wird des Mordversuches angeklagt
und zum Tode verurteilt, kommt jedoch durch einen Gerichtskampf, bei dem ihn ein Söldner vertritt,
frei.
In King’s Landing stellt Eddard Stark, nun Hand des Königs, Nachforschungen über die Lannisters an
und findet heraus, dass alle drei vermeintlichen Erben des Königs vom Bruder der Königin in Inzest
gezeugt wurden. Bevor er ihm dies sagen kann verunglückt König Robert bei einem Jagdunfall.
Außerdem bietet Eddard Cersei aus Mitleid die Gelegenheit zu fliehen. Diese Vorwarnung nutzen die
Lannisters um Stark, der auf dem Totenbett vom sterbenden König zum Regenten ernannt wird, mit
Hilfe der Stadtwache und Lord Baelish, der Stark verrät, gefangen zu nehmen und selbst die Macht zu
ergreifen. Joffrey, Cerseis ältester Sohn, wird König und lässt Stark nach einem erzwungenen
Geständnis öffentlich mit dessen eigenen Schwert hinrichten. Arya seine jüngere Tochter entkommt
und verlässt die Stadt um nach Norden zu fliehen, während Sansa bei den Lannisters bleibt.
Währenddessen erfasst ein massiver Bürgerkrieg Westeros. Tywinn Lannister, Oberhaupt des Hauses
Lannister, greift die Tullys in den Flusslanden an und belagert nach mehreren Siegen deren
Hauptstadt Riverrun. Als Anlass nimmt er die Inhaftierung seines Sohnes Tyrion durch Catelyn Stark,
die auch Erbin des Hauses Tully ist.
Robb Stark greift mit einer Armee des Nordens auf Seiten der Tullys in den Konflikt ein. Auf dem Weg
nach Süden gewinnt er den mächtigen Lord Frey, der die Grenze zum Norden kontrolliert,durch das
Versprechen einer Heirat für seine Sache. Robb besiegt daraufhin die Lannisters in den Flusslanden in
mehreren Schlachten und nimmt Jaime Lannister, den Bruder der Königin, gefangen.
Gleichzeitig erklären sich die beiden Brüder des verstorbenen Königs, Renley und Stannis Baratheon,
jeweils selbst zum König. Renley mit der Unterstützung des Hauses Tyrell und Stannis von seinem Sitz
in Dragonstone, einer Insel nicht weit im Osten von King’s Landing, aus. Robb Stark wird nach seinen
Siegen von den Lords des Nordens und der Flusslande zum König des Nordens ausgerufen. (Martin,
George R.R. ,1996)
Hier beginnt der zweite Teil der Serie „A Clash of King’s“:
21
Balon Greyjoy, der Herrscher der Iron Isles im Nordosten von Westeros, erklärt sich ebenfalls zum
König des Nordens und greift die Westküste des Reichs der Starks an.
Catelyn Stark versucht unterdessen, eine Allianz gegen die Lannisters zwischen den beiden
Baratheons und ihrem Sohn Robb zu schmieden. Die Verhandlungen schlagen fehl und Renly wird am
Vorabend der entscheidenden Schlacht gegen seinen Bruder Stannis von einem mysteriösen
Schatten getötet. Diesen Schatten hatte Renlys Beraterin, eine Priesterin aus Essos, beschworen. Der
Mord wird aber Catelyn angelastet und sie muss fliehen. Nach Renlys Tod schließen sich die meisten
seiner Vasallen Stannis an, nicht aber Haus Tyrell, das sich zurückzieht.
Währenddessen wird Tyrion Lannister in King’s Landing zur Hand des Königs, seines Neffen Joffrey,
ernannt. Er übernimmt die Regierungsgeschäfte und verstärkt die Verteidigung der Stadt. Durch das
Versprechen Joffrey mit Margaery Tyrell zu verheiraten und das Verlöbnis mit Sansa Stark zu brechen
erlangt er die Unterstützung der Tyrells. Durch einen ähnlichen Heiratspakt schafft er auch eine
Allianz mit den Martells aus Dorne und festigt die Herrschaft der Lannisters über King’s Landing.
Im Norden erobert Theon Greyjoy Winterfell, die Hauptstadt des Nordens. Bran und Rickon, die
beiden Stark-Kinder in Winterfell, können fliehen. Anschließend sammeln sich die Vasallen der Starks
und belagern Winterfell. Unter ihnen befinden sich auch die Boltons, die zuerst die restlichen
Vasallen der Starks hinterrücks überfallen und töten und dann Winterfell schleifen, nachdem Theon,
der sie auf seiner Seite wähnt, ihnen die Tore öffnet. Die Lannisters hatten den Boltons versprochen
sie für diesen Verrat zu den Herrschern des Nordens zu machen, was in weiterer Folge auch
geschieht.
Zur selben Zeit gewinnt Robb Stark mehrere Schlachten gegen die Lannisters in den Flusslanden und
weiter im Westen. Diese ziehen sich in Richtung King’sLanding zurück, als sie erfahren, dass Stannis
die Stadt angreifen wird. Die Armee des Nordens zieht daraufhin weiter nach Süden um die Länder
der Lannisters um Casterly Rock einzunehmen.
Schließlich kommt es zur Schlacht um King’s Landing. Stannis greift die Stadt vom Meer und vom
Land aus an, wird aber durch einen Trick Tyrions knapp zurückgeschlagen und seine Flotte vernichtet.
Gleichzeitig trifft Tywin Lannister mit seiner Armee und der Unterstützung der Tyrells ein und
vernichtet Stannis Armee. Stannis kann nach Dragonstone fliehen. Tyrion wird während der Schlacht
von einem Ritter der Königsgarde, auf Befehl seiner Schwester Cersei, beinahe getötet, überlebt
jedoch schwer verletzt. (Martin, George R.R. ,1998)
22
Hier beginnt der Dritte Teil der Serie „A Storm of Swords“, dessen Handlung nun in zwei Teilen
dargestellt wird. Zuerst ein Überblick über den Verlauf des Bürgerkrieges und dann über die
Geschehnisse in King’s Landing.
Rob Starks Armee des Nordens zerfällt zusehends: Catelyn Stark lässt Jaime Lannister frei, weil er ihr
verspricht dafür ihre Töchter, von denen sie denkt, dass beide noch Gefangene der Lannisters sind
(Arya konnte aber fliehen), frei zu lassen. Lord Richard Karstark, einer seiner wichtigsten Vasallen,
dessen zwei Söhne Jaime in der Schlacht getötet hat, nimmt daraufhin Rache an zwei gefangenen
Lannisters, die beide noch Kinder sind und ermordet diese. Da dies gegen seinen direkten Befehl
geschieht, sieht König Stark sich gezwungen Karstark hinzurichten und verliert einen großen Teil
seiner Armee, weil Karstarks Truppen daraufhin abziehen. Zusätzlich bricht Robb den Heiratspakt mit
den Freys, indem er eine andere Frau aus Liebe heiratet und verliert die Unterstützung der Freys und
deren Armee.
Diese schon stark geschrumpfte Armee erleidet dann ihre erste Niederlage gegen eine
Koalitionsstreitmacht der Lannisters und Tyrells. König Starks Armee wendet sich daraufhin wieder
nach Norden, als die Nachricht vom Einmarsch der Greyjoys und dem Fall Winterfells sie erreicht. Um
den Norden zurückzuerobern will Stark die Unterstützung der Freys, deren Gebiet er passieren muss
und deren Armee er benötigt durch einen neuen Hochzeitpakt gewinnen. Er arrangiert eine Hochzeit
zwischen den Freys und dem Lord der Flusslande Edmure.
Am Abend der Hochzeit findet sich die gesamte Armee des Nordens bei der Festung der Freys ein um
zu feiern. Lord Frey, der noch immer gekränkt vom Bruch des ersten Heiratspaktes ist, wird von den
Lannisters mit der Herrschaft über die Flusslande bestochen um den König des Nordens zu verraten.
Auf der Hochzeitsfeier findet ein Blutbad statt und große Teile der Armee, König Stark, seine Mutter
Catelynund die Mehrheit der Fürsten des Nordens werden getötet. Es stellt sich heraus, dass
LordBolton, ein Vasall König Starks, sowohl diesen Hinterhalt, als auch die verlorene Schlacht im
Osten eingefädelt hatte und von den Lannisters mit der Herrschaft über den Norden belohnt wurde.
Nach der Schlacht von King’s Landing und der Vernichtung der Armee des Nordens bei der „Roten
Hochzeit“ kehrt vorübergehend Frieden ein und die Lannisters gehen als Sieger aus dem Bürgerkrieg
hervor.
23
Zur gleichen Zeit in King’s Landing:
Zu Beginn des Buches treffen die Tyrells in King’s Landing ein. Sansa Stark, deren Verlöbnis mit König
Joffrey aufgelöst wird, muss stattdessen Tyrion Lannister heiraten, um eine eventuelle spätere
Herrschaft der Lannisters über den Norden durch einen gemeinsamen Erben zu legitimieren.
König Joffrey’s und Margaery Tyrells Hochzeit findet ebenfalls wie geplant statt. Allerdings wird der
König auf dem Fest vergiftet und stirbt. Cersei Lannister verdächtigt Tyrion und lässt ihn verhaften.
Die wahren Täter sind jedoch Lord Baelish Little Finger und die Tyrells, die den grausamen Joffrey
durch seinen jüngeren Bruder am Thron ersetzen wollen. Davon weiß aber niemand und Margaery
wird kurzum mit dem jüngeren Bruder Tommen verlobt, der noch ein Kind ist. Lord Tywin benutzt ihn
als Marionette und herrscht an seiner Stelle. Littlefinger nimmt die nun verheiratete Sansa mit und
flieht aus King’s Landing zur Eyrie, um Lysa Arryn zu heiraten und der Herr der Weite zu werden. Dies
gelingt ihm auch, woraufhin er Lysa vor Sansas Augen tötet. Er ist somit Herrscher eines der sieben
Königreiche. Er gibt Sansa gegenüber auch zu, dass er und Lysa hinter der Ermordung von John Arryn
stecken und er somit der eigentliche Auslöser des Bürgerkrieges ist.
Nach der Hochzeit trifft Jaime Lannister nach langer Flucht in King’s Landing ein. Er reorganisiert die
Königsgarde und wird deren neuer Kommandant, gleichzeitig lehnt er das Angebot seines Vaters
Tywin ab stattdessen der Erbe von Casterly Rock und den Ländern der Lannisters zu werden. Es
kommt zum Bruch zwischen ihm und seiner Familie. Bei Tyrion Lannisters anschließendem Prozess
verliert dessen Champion den Gerichtskampf und er wird zum Tod verurteilt. Er kann jedoch mit
Jaime Lannisters und Lord Varys‘ Hilfe flüchten. Auf der Flucht tötet er seinen Vater Tywin Lannister.
Hier endet der dritte Teil der Serie. Was nun folgt ist eine nähere Beschreibung des Vorgehens bei
der Untersuchung der Stadt King’s Landing und daran anknüpfend die Analyse der Machtstrukturen
innerhalb der Stadt. (Martin, George R.R. ,2000).
7. Vorgehen bei der Analyse
Die folgende Untersuchung des Machtsystems King’s Landing sollte sich ursprünglich an den
archäologischen und genealogischen Methoden Foucaults orientieren. Die Eigenheiten des
vorliegenden Materials lassen eine solche Untersuchung jedoch nicht zu, da nur eine einzelne Quelle
vorhanden ist, nämlich die Bücher von George R.R. Martin. Daher muss die Analyse auf einer
24
späteren Ebene der Analyse ansetzen. Dazu wird angenommen, dass die Bücher ein umfassendes Bild
der Gesellschaft von King’s Landing liefern, da es außer den Büchern keine weiteren
Erkenntnisquellen zu untersuchen gibt. Ausgehend von diesem Bild werden nun mit Hilfe des
Systems der Gouvernementalität, das im Kapitel 5. Gouvernementalität als Analysetool
herausgearbeitet wurde, die wichtigsten Institutionen und Machtmechanismen innerhalb der Stadt
untersucht und anhand anekdotischer Belege aus „A Song of Ice and Fire“ näher erläutert.
Der letzte Teil der Analyse wird sich mit dem scheinbaren Versagen dieser Machtmechanismen
auseinandersetzen, um die von Foucault propagierte Instabilität und Dynamik von Herrschaft und
Macht an einem Beispiel anschaulich zu machen.
Im nächsten Kapitel wird King’s Landing zuerst generell beschrieben. Anschließend wird anhand der
wichtigsten Fraktionen innerhalb der Stadt ein genaueres Bild der Vorgänge innerhalb der Mauern
der Stadt gegeben. Diese Analyse erfolgt anhand des Systems der Gouvernementalität.
8. King’s Landing
King’s Landing ist die Hauptstadt von Westeros und der Sitz des eisernen Thrones. Es untersteht
immer jenem Haus, das gerade den eisernen Thron innehat und befindet sich an der Ostküste von
Westeros ungefähr in der geographischen Mitte des Kontinents. Die Stadt hat ca. 400.000 Einwohner
(A Wiki of Ice and Fire, 2013) und ist von hohen Mauern umgeben, die von sieben Toren
durchbrochen werden. Auf dem höchsten Hügel, im östlichen Teil der Stadt, befindet sich die „Rote
Festung“, der Sitz des Königs und des Hochadels und überblickt die gesamte Stadt. Im Zentrum der
Stadt steht das größte Gotteshaus der sieben Königreiche, die Septe des Baelor, Sitz des HochSeptons, des höchsten Vertreters der wichtigsten Religion in Westeros. King’s Landing besteht zu
großen Teilen aus Armenvierteln, die Reichen und Adligen der Stadt wohnen in einem abgetrennten
Teil der Stadt, in schwer bewachten und mit Mauern geschützten Anwesen. Geschützt wird King’s
Landing von seiner eigenen Stadtwache, die wegen ihrer goldenen Umhänge „Goldröcke“ genannt
wird.
8.1 Die Rote Festung: König, Adel und kleiner Rat
Auf dem höchsten Hügel der Stadt liegt die Rote Festung. Sie überblickt die gesamte Stadt. Dort
leben der König und der hohe Adel. Die Festung ist der Sitz des Eisernen Throns und damit das
Herrschaftszentrum von Westeros. An der Spitze steht der König der, ähnlich dem absolutistischen
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Herrscher im 17.-18. Jahrhundert Europas, formal alle Macht in seinen Händen vereint und nach
eigenem Gutdünken regiert. Foucault identifiziert in dieser Zeit auch den feudal-absolutistischen
Machttypus. Der König von Westeros bedient sich der für diesen Machttypus charakteristischen
Machtmittel. Sein Fokus liegt ebenfalls vor allem auf dem Machterhalt, wie sich an einigen Beispielen
zeigen lässt.
Bei einem Streit zwischen Joffrey, dem Thronerben und Arya, der Tochter von Lord Stark, fällt der
König ein hartes Urteil. Es gibt kein förmliches Gerichtsverfahren, nur eine Anhörung, nach der er
willkürlich entscheidet, dass das Haustier einer der Stark-Töchter getötet werden muss. Dies
geschieht, obwohl der Wolf, der Joffrey tatsächlich verletzt hat, nicht auffindbar ist, das zu tötende
Tier offensichtlich unschuldig ist und der anderen Tochter Starks, Sansa, gehört. Diese Episode zeigt,
dass wegen eines scheinbaren Angriffes auf die königliche Familie, egal ob gerecht oder nicht, eine
drastische Vergeltung folgen muss, obwohl in diesem Fall der König seinen Sohn weder liebt, noch an
den Begebenheiten sonderlich interessiert ist. Ein Junge, der mit Arya zum Tatzeitpunkt unterwegs
war, wird sogar getötet weil ihm vorgeworfen wird Joffrey, genauso wie Arya, mit einem Stock
geschlagen zu haben. Da er jedoch kein Hochadeliger ist muss er sterben.
Die Hinrichtung Lord Starks am Ende des ersten Buches ist ebenfalls sinnbildlich für den
absolutistisch-feudalen Machttypus. Lord Stark wird vorgeworfen nach dem Tod des Königs versucht
zu haben die Macht an sich zu reißen. Der neue König Joffrey zwingt ihn durch Bedrohung seiner
Kinder und Einkerkerung unter widrigsten Umständen zu einem öffentlichen Geständnis. Stark wird
versprochen er könne sein Leben behalten, solange er in die Verbannung gehe. Nach seinem
Geständnis lässt der König ihn dennoch, mit seinem eigenen Schwert, vor einer riesigen
Menschenmenge enthaupten.
An mehreren weiteren Stellen, durch die gesamte Geschichte hindurch, werden die drakonischen
Strafen und willkürliche Rechtsprechung beschrieben. So auch als Rekruten der Nachtwache darüber
sprechen, wegen welcher Verbrechen sie gezwungen waren zur Nachtwache zu gehen. Zwei von
ihnen sind Vergewaltiger, einer aber ein Wilderer und ein anderer hatte nur die sexuellen Avancen
eines Lords abgelehnt. Jedem von ihnen droht entweder die Todesstrafe oder schwere
Verstümmelung (Abhacken eines Armes / der Genitalien). Keiner von ihnen hatte einen Prozess,
sondern wurde entweder vom Adeligen auf dessen Grund das Verbrechen geschehen ist, oder von
der Stadtwache in King’s Landing gefasst, für schuldig befunden und verurteilt.
Außerhalb dieser drakonischen Strafen, die immer wieder als „das Gesetz bzw. die Gerechtigkeit des
Königs“ bezeichnet werden, greift der König kaum je aktiv in das Leben seiner Untertanen ein. Seine
Macht ist bloß eine verbietende und auf die Verteidigung seiner Position gerichtet. Er ist der oberste
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Richter und jeder Angriff auf seine Souveränität, sei er noch so gering, wird schwer bestraft um diese
wieder herzustellen und seine Macht zu demonstrieren. Das Volk ist ihm und seinen Adeligen
ausgeliefert. Die Angst vor Bestrafung und Tod halten den König an der Macht.
Betrachtet man die Position des Königs jedoch genauer, erkennt man, dass er keineswegs
unabhängig oder allmächtig ist. Zu dieser Erkenntnis gelangt man durch die Untersuchung einiger
bezeichnender Vorfälle im Laufe von „A Song of Ice and Fire“.
An vielen Stellen der Geschichte wird der kleine Rat beschrieben. Dieser Rat wird vom König besetzt
und fungiert als Beratungsgremium. Seine Mitglieder übernehmen, ähnlich einem Ministerrat,
jeweils einen bestimmten Bereich der Regierung, sind aber dem König verantwortlich und
weisungsgebunden. Vorsitz in diesem Rat hat die Hand des Königs, der oberste Berater, der den
König in allen Regierungsgeschäften vertritt.
In der Zusammensetzung des Rates spiegelt sich die Abhängigkeit des Königs von verschiedenen
Fraktionen im Reich. Bei jedem der drei Könige im Verlauf der Geschichte sitzt zumindest ein
Familienmitglied im Rat, bei König Tommen sind es sogar zeitweise drei. Der König ist zwar formell
Herrscher über alle Adelshäuser, muss sich aber seine Hausmacht erhalten um seine Position zu
schützen. Er ist keineswegs unabhängig und wird oft stark beeinflusst. Das geht so weit, dass Tywin
Lannister als Hand des Königs unter der Herrschaft Tommens, seines Enkels, de facto als König
herrscht. In einer Diskussion zwischen Tywin und Cersei Lannister wird sogar klar, dass Tywin, das
Oberhaupt der Familie Lannister, bereit ist, Joffrey, seinen Enkel, wenn nötig zu stürzen, sollte er
keine ausreichende Rücksicht auf die Bedürfnisse der Lannisters zu nehmen.
Im Rat sitzt auch der Schatzmeister Lord Baelish. Aus mehreren Aussagen während Sitzungen des
Rates wird ersichtlich, dass der König, obwohl er formal Herr über Westeros ist, aufgrund der
Autonomie der Reiche, außer King’s Landing, kaum eigene Einnahmequellen hat. Er ist schwer
verschuldet und muss immer wieder Konzessionen machen um nicht Bankrott zu gehen. Beispiele
hierfür sind die starke Machtposition der Tyrells nach der Schlacht um King’s Landing oder der
massive Einfluss der Lannisters auf den Thron, sogar noch bevor ein Lannister König wird.
Eine komplexere Abhängigkeitsbeziehung zeigt sich darin, dass auch Lord Varys, der Leiter des
königlichen Geheimdienstes, die gesamte Geschichte hindurch Teil des Rates ist. Seine Anwesenheit
versinnbildlicht die Abhängigkeit der Entscheidungen des Rates und letztlich des Königs von
Vorgängen außerhalb des Rates. Er liefert Informationen über die Laune der Bevölkerung, über das
Kriegsgeschehen und die Umtriebe der anderen Herrscherhäuser. Der König braucht diese
Informationen, da er sowohl sein Volk, als auch die anderen Mächtigen des Reiches fürchten muss.
Jeder könnte versuchen ihn stürzen.
27
Diese Instabilität und Abhängigkeit der Herrschaft ist ein zentraler Werksbegriff Foucaults und ein
wichtiges Ziel seiner Untersuchungen. Sie wird in „A Song of Ice and Fire“ eindrucksvoll darin
sichtbar, dass zwei Könige ermordet werden und der dritte eine Marionette der Lannisters ist. Der,
der scheinbar und sogar formell allmächtig ist, ist selbst im Netz der Machtbeziehungen gefangen
und wird von diesem geformt und bedrängt, obwohl es ihn gleichzeitig in seiner Position hält.
Die Vorgänge in der Roten Festung sind aber bei weitem nicht das Einzige, was das Geflecht an
Machtbeziehungen in King’s Landing formt und bestimmt. Einige zusätzliche Faktoren werden im
Folgenden untersucht.
8.2 Die Stadtwache
Die Streitmacht der Stadt nimmt sowohl die Funktionen einer Garnison, als auch die einer Polizei
wahr. Sie stellt mit zwischen 2000 und 8000 (kurz vor der Schlacht um King’s Landing)Mann die
größte bewaffnete Truppe innerhalb der Stadtmauern dar. Die Hausgarden der Lannisters mit 100
Mann und jene der Starks mit ca. 50 sind die nächststärksten Truppen in der Stadt. Mit einem
eigenen Kommandeur und einer Befehlskette sind die Goldröcke scheinbar unabhängig. Die
Stadtwache ist jedoch ebenso wie der König in einem Netz von Abhängigkeiten gefangen.
Sie wird vom König und Mitgliedern des Rates finanziert und immer wieder instrumentalisiert. Das
prominenteste Beispiel ist die Rolle der Goldröcke im Machtkampf rund um den Tod von Robert
Baratheon. Schlussendlich ist es die Stadtwache, die bestochen von den Lannisters, den Ausschlag
dafür gibt, dass Joffrey König wird und Ned Stark als Verräter festgenommen wird. An späterer Stelle,
bei der Reorganisation der Goldröcke durch Tyrion Lannister, entbrennt ein Kampf um die politische
Kontrolle der Stadtwache innerhalb des Hauses Lannister. Jeder will einen ihm treuen
Kommandanten einsetzen, um die Streitmacht beeinflussen zu können. Allen Beteiligten ist bewusst,
dass die Loyalität der Stadtwache nicht dauerhaft gesichert werden kann und permanente
Einwirkung und Wachsamkeit notwendig sind.
Die internen Vorgänge innerhalb der Goldröcke werden in der Geschichte kaum beleuchtet, einiges
kann aber aus den Vorbereitungen geschlossen werden, die Tyrion Lannister rund um die Schlacht
um King’s Landing trifft. Weitere Anhaltspunkte bietet die Analyse des Auftretens der Soldaten der
Wache über die Geschichte hinweg.
Die Stadtwache hat eigenständige Baracken, in denen die Männer wohnen und ausgebildet werden.
Diese räumliche Trennung und das professionelle Auftreten der Soldaten, die in Reih und Glied
marschieren, perfekt salutieren und immer Haltung bewahren, lassen darauf schließen, dass sie
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einem rigiden Drill unterworfen werden. Kein einziges Mal im Laufe der Geschichte verweigert ein
Mitglied der Wache den Gehorsam oder widerspricht einem Befehl. Örtliche Abtrennung vom Rest
der Bevölkerung, Überwachung und Drill sind klassische Methoden der Disziplinarmacht, wie sie
Foucault identifiziert. Jedes Mitglied der Stadtwache muss sich an denselben Standards des
Gehorsams und der Unterwerfung orientieren. Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten wird nicht
nur durch Strafdrohung, sondern durch Drill und Gewohnheit für den Untergebenen ganz natürlich.
Ein weiterer Faktor, der zu diesem Effekt beiträgt, ist die Uniform. Ihre wichtigsten Merkmale sind
eine Kettenhaube mit verschließbarem Mundschutz und der namensgebende goldene Umhang.
Durch sie hebt sich die Stadtwache stark von den anderen bewaffneten Truppen in der Stadt und von
der Bevölkerung ab. Der einzelne Soldat ist, sobald er den Mundschutz befestigt nicht erkenntlich,
sondern Teil der „Maschine“ Stadtwache. Diese Anonymität schützt die Soldaten bei der Ausübung
ihrer Pflichten vor Identifikation und persönlich gegen sie gerichteten Racheakten. Sie zwingt sie im
Gegenzug aber auch zur Konformität, da jedes von der Norm abweichende Verhalten noch stärker
sichtbar ist und eine „Enttarnung“ nach sich ziehen kann.
Die Funktion, die die Stadtwache der Bevölkerung gegenüber wahrnimmt, kann wie bereits erwähnt
durchaus mit der einer Polizei verglichen werden. Ihr untersteht darüber hinaus die Rechtsprechung
über alle nicht-adeligen Bürger der Stadt.
Eine weitere Besonderheit der Situation der Stadtwache ist die Architektur der Stadt. King’s Landing
ist vollständig von hohen Mauern umgeben, von denen aus die Goldröcke die Bevölkerung
beobachten können. Jedes Tor, das aus der Stadt heraus oder hinein führt, wird überwacht. Ähnlich
wie im Panopticon sind die Bewohner von King’s Landing also permanenter Kontrolle und
Beobachtung ausgesetzt, während die Beobachter anonym und oft selbst nicht sichtbar sind. Diese
Kontrollerwartung formt die Alltagswelt der Bevölkerung auf eine spezielle Art und Weise, die der
Grundannahme des Panopticons, dass Selbstkontrolle eintritt, stark widerspricht. Im nächsten Teil
der Arbeit wird dieser Umstand genauer untersucht werden.
Außer dem König und der Stadtwache gibt es noch den Glauben an die Sieben, der einen starken
Einfluss auf die Bevölkerung von King’s Landing und deren moralisches Wertesystem hat. Der
folgende Abschnitt wird diesen Einfluss genauer untersuchen.
29
8.3 Religion und Werte
Der Glaube an die Sieben, kurz „der Glaube“, ist die dominante Religion in den sieben Königreichen.
Er ist monotheistisch und es werden sieben Aspekte bzw. Tugenden ein und derselben Gottheit,
teilweise wie eigenständige Götter, verehrt. Diese Aspekte und ihre Bedeutung sind:

Der Vater steht für Gerechtigkeit und göttliches Urteil oder Strafe.

Die Mutter sie symbolisiert Mutterschaft und Fürsorge.

Der Krieger steht für stärke im Kampf, Ehre und Mut.

Die Jungfrau steht für Reinheit und Unverdorbenheit.

Der Schmied steht für Handwerk und Arbeit.

Das alte Weib steht für Weisheit.

Der Fremde steht für Tod und das Ungewisse.
Die Gotteshäuser des Glaubens heißen Septen. Die Priester werden Septons und die weiblichen, mit
christlichen Nonnen vergleichbaren Vertreter des Glaubens, werden Septas genannt. Der oberste
Glaubensvertreter ist der Hoch-Septon, dessen Sitz sich in der Septe des Baelor im Zentrum von
King’s Landing befindet. Die Institution bzw. Kirche, die den Glauben vertritt heißt ebenfalls „der
Glaube“.
Die interne Organisation ist der des Christentums ähnlich. Der Hoch-Septon wird von einem
Kollegium der höchsten geistigen Würdenträger auf Lebenszeit gewählt. Er hat formell die alleinige
Entscheidungs- und Gerichthoheit in allen Dingen die den Glauben und dessen Vertreter betreffen.
Die männlichen Septons sind entweder in Orden organisiert, stehen einer Gemeinde vor, oder ziehen
frei von Ort zu Ort und leben von Almosen. Vor allem jene Septons, die einer großen Gemeinde
vorstehen sind oft Berater der weltlichen Herrscher dieser Gemeinde. Die weiblichen Septas sind
ebenfalls in Orden organisiert, oder leben als Erzieherinnen an den Höfen des Adels.
Die Vorgänge innerhalb des Glaubens als Institution werden in „A Song of Ice and Fire“ nicht
angesprochen und können daher nur Gegenstand der Spekulation sein. Aufgrund der hierarchischen
Organisation und des stark ritualisierten Verhaltens der Septons kann aber darauf geschlossen
werden, dass die Vertreter des Glaubens eine strenge Disziplinierung erfahren. Die Auswirkungen auf
ihr Verhalten können demnach ähnlich wie bei den Ausführungen zur Stadtwache gesehen werden,
obwohl sie später oft die Institution verlassen und isoliert von anderen Mitgliedern ihren Aufgaben
nachgehen. Beispielhaft hierfür sind die Septas, die meist einzeln bei Hofe für die Kindererziehung
zuständig sind.
30
Ein weiterer Effekt, der vordergründig nach außen wirkt, allerdings auch auf die hierarchisch
untergeordneten Mitglieder des Glaubens wirkt, kann aus der Sicht Pastoralmacht erklärt werden.
Der Hoch-Septon ist die Stimme Gottes auf Erden. Daher ist absoluter Gehorsam ihm gegenüber
unerlässlich für das persönliche Seelenheil. Für all jene außerhalb der Institution bedeutet dies, dass
in den Bereichen, die in die Zuständigkeit der Kirche fallen, deren Lehren zu folgen und ihren
Vertreter zu gehorchen ist. In der institutionellen Hierarchie des Glaubens greift dieser Mechanismus
ebenfalls und zwingt zu absolutem Gehorsam dem Vorgesetzten gegenüber.
Diese starke Wirkung kann der Glaube in der Gesellschaft von King’s Landing allerdings nicht oft
entfalten.
Obwohl der König vom Hoch-Septon gekrönt wird und ihm damit Legitimität verliehen wird, hat er
über weite Teile der Geschichte kaum realpolitisches Gewicht. Es sitzt kein Vertreter des Glaubens im
kleinen Rat und der Glaube wird in politische Entscheidungen nicht einbezogen. Dieser Umstand
kann historisch erklärt werden. Im Vorfeld der Ereignisse von „A Song of Ice and Fire“ gab es eine
Auseinandersetzung zwischen einem militanten Zweig des Glaubens und dem König. Dieser
Bürgerkrieg ging sehr knapp für den König aus. Viele Ritter des Reiches hatten sich auf Seiten des
Glaubens geschlagen, da jeder von ihnen von einem Septon zum Ritter gesalbt worden war und
schwören musste den Glauben zu verteidigen. Nach der militärischen Niederlage des Glaubens
wurde dieser vom König politisch entmachtet und demilitarisiert.
Die Funktion des Hoch-Septons bei der Krönung des Königs ist jedoch immer noch sehr wichtig. Der
Hoch-Septon erklärt den König zum Herrscher von Gottes Gnaden. Die oben beschriebene feudalabsolutistische Machtausübung beruht auf Bestrafung und Gewalt. Durch die Gnade Gottes
bekommt der König zusätzliche Legitimation. Sich gegen ihn aufzulehnen bedeutet daher auch sich
gegen den Glauben aufzulehnen.
Anders als die Institution hat der Glaube als Religion aber starken Einfluss auf die Gesellschaft. Viele
Rituale sind fester Bestandteil des täglichen Lebens und das moralische Wertesystem des Glaubens
ist fest in der Gesellschaft verankert.
Ein besonders interessantes Ritual ist der Gerichtskampf. Jeder Adelige kann, statt sich der weltlichen
Gerichtsbarkeit zu unterwerfen, auf einen solchen Kampf bestehen. Hier tritt entweder der
Gerichtherr selbst, oder ein von ihm ernannter Champion, in einem Kampf auf Leben und Tot gegen
den Beschuldigten oder dessen Champion an. Gewinnt die Seite des Beschuldigten, so ist dieser
unschuldig, wenn nicht, ist er schuldig. Dies erklärt sich aus der Ansicht, dass Gott dem Gerechten die
Kraft zum Sieg verleiht. Der Gerichtskampf kommt im Laufe der Geschichte mehrfach zur
Anwendung. Unter anderen muss sich Tyrion Lannister gleich zwei Mal einem solchen Kampf stellen.
31
Die extreme Beschneidung der Gerichtshoheit des Adels und auch des Königs wird an keiner Stelle in
der Handlung angefochten oder aufgehoben. Der Gerichtskampf ist fester Bestandteil der Kultur von
Westeros und von den Herrschenden akzeptiert.
Andere solche Rituale sind Gesten und Gebetsroutinen, die sowohl der Adel als auch das Volk, fest in
ihr tägliches Leben integrieren. Beispiele sind Grußformeln und Schwüre, sowie religiöse Feiertage.
Wie fest der Glauben in den Menschen verankert ist wird sichtbar, als Stannis Baratheon zu einer
neuen Religion aus Essos konvertiert. Viele seiner Gefolgsleute wollen eher sterben als sich
zwangskonvertieren zu lassen und werden schließlich am Scheiterhaufen verbrannt.
Weitere Einblicke in das gesellschaftliche Wertesystem gewährt die Untersuchung des
Sexualdispositivs und darin besonders der Rolle der Frau.
Ein wichtiger Anhaltspunkt um die Rolle der Frau in Westeros herauszuarbeiten ist die Institution der
Ehe. Sie wird von einem Septon gestiftet und gilt als untrennbares Band, das die Familien der
Eheleute verbindet. Als solchem kommt der Ehe eine sehr wichtige machtpolitische Funktion zu. Alle
wichtigen Allianzen zwischen den großen Häusern werden durch Eheschließung bekräftigt.
In der Ehe ist der Mann das Familienoberhaupt. Die Frau ist ihm klar untergeordnet. Das wird
besonders im Adel an mehreren Stellen klar, als Cersei mit ihrem Vater Tywin Lannister spricht. Er
bedauert immer wieder, dass Cersei nicht als Mann geboren ist, weil sie, obwohl von allen seinen
Kindern am besten geeignet, niemals seine Nachfolge antreten kann. Ähnliche Tendenzen in
niederen sozialen Schichten kann man daran erkennen, dass Frauen kein Handwerk erlernen dürfen
und immer der Mann die Familie nach außen vertritt. Erkennbar ist diese Trennung auch in den
Institutionen des Glaubens. Septas sind hauptsächlich mit erzieherischen Aufgaben und der
Totenbestattung betraut, während die männlichen Septons an den Höfen als Berater dienen und
eigenen Gemeinden vorstehen.
Das Aufbegehren gegen diese Geschlechterrollen ist ein zentrales Thema in „A Song of Ice and Fire“.
Die sehr unterschiedlichen Charaktere Cersei Lannister und Arya Stark verbringen weite Teile der
Handlung damit sich gegen diese gesellschaftliche Ordnung aufzulehnen. Cersei versucht Einfluss auf
die Geschicke von Westeros zu nehmen, indem sie ihre Kinder auf den Thron bringt und diese dann
berät. Arya wünscht sich im krassen Gegensatz zu ihrer Schwester Sansa überhaupt aus der typischen
Rolle der Frau auszubrechen und eine Kriegerin zu werden. Ein weiteres Beispiel ist Brienne von
Tarth, eine Frau die versucht ein Ritter zu sein. Den beiden letzteren wird entweder Spot oder
offener Widerstand entgegengesetzt, weil sie sich offen aus der, ihnen vom Sexualdispositiv
zugeordneten, Rolle zu befreien versuchen. Cerseis Beispiel zeigt, dass es gewisse Grenzen gibt, die
eine Frau in Westeros niemals überschreiten kann. Sie kann niemals offen als Herrscherin akzeptiert
32
werden und sie wird niemals Erbin ihres Hauses werden, solange eines ihrer männlichen Geschwister
am Leben ist.
Außer in Ehe und Erbfolge sieht man den Einfluss des Glaubens auf die Gesellschaft von King’s
Landing vor allem darin, dass jene Werte, die als erstrebenswert gelten, immer einem der sieben
Aspekte Gottes zugerechnet werden können. Der Schmied beispielsweise umfasst alle positiven
Attribute, die mit harter ehrlicher Arbeit in Verbindung stehen. Somit geben die sieben Aspekte (der
Fremde ausgenommen) den Menschen eine Fülle an positiven Eigenschaften, nach denen es zu
streben und an denen es sich zu messen gilt. Verhält sich ein Individuum sozial inadäquat, so verstößt
es gleichzeitig gegen den Willen der Götter. Dieses Gedankengut ist auch die Grundlage für den
Gerichtskampf.
Wie man sieht beeinflusst also der Glaube, obwohl er als Institution politisch wenig Gewicht hat, die
Gesellschaft in King’s Landing sehr stark. Er wirkt einerseits um Herrschaft zu stabilisieren und formt
auf der anderen Seite die normativen Grundvorstellungen der Menschen
8.4 Versagen der Kontrolle
Die obigen Ausführungen über die Gesellschaft von King’s Landing zeigen einige der unzähligen
Mechanismen die zusammenwirken um das Leben der Menschen in der Stadt zu bestimmen. Es gibt
eine Vielzahl an Regeln die zu befolgen sind und mehrere Institutionen, die auf die Bevölkerung
einwirken. Der folgende Abschnitt wird die Grenzen dieser Machtmechanismen in King’s Landing
untersuchen.
Geht man davon aus, dass in panoptischen Anordnungen die Menschen von innen heraus, wegen
einer permanenten Kontrollerwartung, ihr Verhalten anpassen, geschieht in diesem konkreten
Anwendungsfall des Panopticons etwas scheinbar vollkommen anderes. Auch die abschreckende
Wirkung der Bestrafung im feudal-absolutistischen Machttypus wirkt nicht so wie erwartet.
Weite Teile der Stadt werden von kriminellen Syndikaten und Banden kontrolliert. Mord, Raub und
Vergewaltigung sind permanente Bedrohungen in den ärmeren Teilen der Stadt. Diese Banden treten
sehr offen auf, können sich aber der Stadtwache entziehen. Wie ist dieser Zustand mit Foucaults
Verständnis des Panopticons vereinbar?
Ein Erklärungsansatz ist, dass die Kontrollerwartung in King’s Landing bei vielen Menschen nicht
eintritt, oder anders als erwartet verarbeitet wird. Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass die Reichen
und Mächtigen sich nicht für das Schicksal der Armen interessieren. Diese Einstellung wird sowohl
33
von Seiten des Adels als auch vom Volk an mehreren Stellen der Handlung offensichtlich. Die
Geschichte hat die Menschen in den Armenvierteln von King’s Landing gelehrt, dass obwohl sie von
hohen Mauern aus beobachtet werden können, selten Konsequenzen aus der Beobachtung
erwachsen. Die Stadtwache hat nicht genügend Männer und Mittel um Verbrechen in den
Armenvierteln zu ahnden.
Die Architektur der Stadt ruft noch einen weiteren Effekt hervor. Die Kriminalität wandert in jene
Bereiche der Stadt ab, die nicht eingesehen werden können bzw. schafft sich solche Bereiche. Das
hat zur Folge, dass einige der kriminellen Organisationen in der Kanalisation situiert sind und viele
Straßen der Stadt mit Leintüchern oder Planen verhängt werden. Die Beobachtungserwartung kann
also wenn man den Menschen Alternativen offen lässt, was in der realen Welt, abseits vom
Idealtypus des Gefängnisses, kaum vermeidbar ist, dazu führen, dass versucht wird sich der Kontrolle
zu entziehen. Hier scheitert das Panopticon demnach an der Realität seiner Umsetzung.
Darüber hinaus haben viele Menschen in King’s Landing einfach keine Wahl. Sie sind vom Hungertod
bedroht und müssen sich zwischen Tod und Gehorsam bzw. Gesetzestreue entscheiden. Der
Leidensdruck, der hinter ihren Handlungen steht, durchbricht die hemmende Wirkung der
Kontrollerwartung des Panopticons und der Angst vor Bestrafung des feudal-absolutistischen
Machttyps.
Ganz andere Gründe sich nicht an die Gesetze zu halten haben die Reichen und Adeligen in King’s
Landing. Sie haben viel zu verlieren und sind nicht von Hunger und Armut bedroht. Trotzdem sind
Mord, Ehebruch und Betrug in Adelskreisen an der Tagesordnung. Bei näherer Betrachtung der
Vorgänge in King’s Landing können dre Hauptgründe für dieses Verhalten gefunden werden.
Erstens ist die Kontrolle, der der Adel unterliegt, anders geartet als die des Volkes. Ein Netz von
Spionen beobachtet sie, aber diese Überwachung wird mehr als Machtspiel und weniger als totale
Beobachtung wie im Panopticon wahrgenommen. Daher ist die Erwartung bestraft zu werden weit
schwächer und Selbstkontrolle tritt nicht ein.
Zweitens sind viele Adelige zu Recht überzeugt davon, dass minderschwere Verbrechen, wie Mord
oder Vergewaltigung eines Nicht-Adeligen, von ihrem Lehensherren nachgesehen werden. Das heißt
auch die Abschreckungswirkung der drakonischen Strafen der absolutistisch-feudalen Macht
entfaltet sich nicht.
Schließlich muss auch in Betracht gezogen werden, dass im Fall von Verrat oder anderen Verbrechen
gegen höhergestellte Adelige oft der antizipierte Nutzen so groß ist, dass er die hier sehr wohl
erwartete Strafe in den Schatten stellt. Gepaart mit der Erwartung nicht erwischt zu werden, also das
„Game of Thrones“ zu gewinnen, wird der Adel also kaum von verbotenem Verhalten abgeschreckt.
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Sehr treffend formuliert Cersei Lannister, kurz vor der Machtübernahme durch die Lannisters nach
Robert Baratheons Tod diese Haltung gegenüber Eddard Stark mit den Worten:„When you play the
Game of Thrones, you win or you die. There is no middle ground.“
Als Grundlage sozial konformen Verhaltens, das durch Kontrolle, sei es im Panopticon oder durch
feudal-absolutistische Machttechniken hervorgerufen wird, leitet diese Arbeit daher vereinfacht eine
unbewusste Kosten-Nutzen Überlegung ab. Bei dieser Überlegung wird die Chance für sozial
unerwünschtes Verhalten bestraft zu werden (Panopticon) bzw. die Schwere der erwarteten Strafe
(feudal-absolutistischer Machttypus) mit der Höhe des erwarteten Nutzens verglichen.
Ziel des Panopticons ist es in diesem Modell durch die Erwartung permanenter Beobachtung
Bestrafung sehr wahrscheinlich wirken zu lassen. Beim absolutistisch-feudalen Machttypus wird
vereinfacht auf die Abschreckungswirkung drakonischer Strafen gesetzt. Beide Mechanismen wirken
hemmend und sollen den erwarteten Nutzen in ihrer Auswirkung übersteigen um
Verhaltenskontrolle zu ermöglichen.
Bei Alternativlosigkeit ist diese Überlegung eine sehr einfache für das Individuum. Sicherer Tod durch
Verhungern ist eine sehr starke Motivation. Eine Folge dieser Überlegung ist, dass Kontrolle durch
Erwartung einer negativen Konsequenz für sozial inadäquates Verhalten nur solange wirkt, als nicht
eine andere Motivation stärker ist als die hemmend wirkende Straferwartung ist.
Dieses Phänomen wird sichtbar, als der König und eine Prozession des Hochadels vom wütenden
Mob in den Straßen von King’s Landing angegriffen werden. Für die Bürger von King’s Landing ist es,
wie oben ausgeführt, völlig selbstverständlich sich ihrem König zu unterwerfen. An der Beobachtung
durch die Stadtwache, die in diesem Fall sogar in großer Zahl präsent ist, hat sich ebenfalls nichts
geändert. Trotzdem greift das Volk den König an. Es ist vollkommen klar, dass jeder solche Angriff die
Todesstrafe nach sich ziehen kann. Wut und vor allem Hunger treiben die Menschen aber dazu ihre
Angst vor dem König und ihre gewohnte Unterwürfigkeit zu überwinden. Hier steht als erwarteter
Nutzen das eigene Überleben den oben erwähnten hemmenden Mechanismen gegenüber und
überwindet diese.
Auch das oben diskutierte Aufbegehren bestimmter Frauen gegen gesellschaftliche Zwänge
untermauert diese Hypothese. Obwohl sie mit starkem Widerstand oder gesellschaftlicher Ächtung
rechnen müssen, lehnen sich diese Frauen dennoch gegen das althergebrachte Wertesystem auf. Die
negativen Konsequenzen dieser Auflehnung werden ihnen sehr früh bewusst, trotzdem hören sie
nicht auf, da ihr jeweiliges Ziel diese Konsequenzen für sie überwiegt.
Während des Aufstands wird auch der amtierende Hoch-Septon vom wütenden Volk getötet. Er ist
durch seine Kleidung und Kristallkrone klar erkenntlich. Ihn zu töten stellt das schlimmste Verbrechen
35
gegen den Glauben dar, das ein Mensch begehen kann. Wie oben bereits ausgeführt ist der Glaube
eine starke, regulierende Kraft im Leben der Menschen von King’s Landing. Die Gruppe der
Aufständischen ist mit höchster Wahrscheinlichkeit genauso gläubig wie der Rest der Bevölkerung.
Warum schützt den Hoch-Septon seine Position also nicht vor ihnen? Eine Interpretationsmöglichkeit
ist, dass die Hoffnung auf jenseitiges Glück, derer sich die Pastoralmacht bedient, ebenso wie die
hemmenden Wirkungen der Straferwartung, keine absolut stabile Verhaltenskontrolle gewährleisten
können. Sobald eine andere Motivation stärker ist als die oben beschriebenen Kontrollmechanismen
verlieren diese ihre Wirkung.
9.Fazit
Menschliches Verhalten hängt, wie Foucault es immer wieder betont, von einer Vielzahl von
Faktoren ab und keine Machtbasis oder Art der Kontrolle kann Machtverhältnisse bis zur
Versteinerung stabilisieren und Verhaltenskontrolle garantieren (Kammler/Pfarr/Schneider, 2008).
Die Relevanz dieser Aussage wird heute immer deutlicher. Durch die Dynamisierung der
Geschäftswelt und die damit einhergehende Auflösung klassisch-hierarchischer
Unternehmensstrukturen rücken menschliches Verhalten und Interaktion immer mehr in den
Mittelpunkt der wissenschaftlichen Betrachtung. Machtkämpfe und politische Auseinandersetzungen
innerhalb und zwischen Organisationen sind zentrale Bestandteile des unternehmerischen Alltags.
Das Ziel der Wissenschaft hier Vorhersagbarkeit zu schaffen ist ungleich schwerer zu erreichen als bei
der Untersuchung von Unternehmensstrukturen ohne den Menschen und die Unsicherheiten die er
in das System bringt zu berücksichtigen (Buchanan und Badham, 1999b). Das letzte Kapitel der
vorliegenden Arbeit „Versagen der Kontrolle“ thematisiert genau diese Unsicherheiten. Es zeigt, dass
menschliches Verhalten nur begrenzt vorhersagbar und kontrollierbar ist. Selbst wenn mit massiven
Konsequenzen zu rechnen ist verhalten sich Menschen mit der richtigen Motivation sozial nicht
konform. Dennoch muss die Prognose als Ziel nicht aufgegeben werden. Die vorliegende Arbeit soll
vielmehr dazu anregen einen ganzheitlichen Blick auf soziale Systeme zu werfen. Menschliches
Verhalten wird von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Diese reichen von strukturellen
Merkmalen der Arbeitsumwelt, über die Beziehung zum Vorgesetzten bis zu persönlichen Zielen,
Einstellungen und Wertvorstellungen. Foucaults Ansatz ein möglichst umfassendes Bild des
Untersuchungsgegenstandes zu erlangen ist im daher im Kontext der Dynamisierung der
Geschäftswelt trotz, ja gerade wegen ihrer hohen Komplexität besonders relevant.
36
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