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Ich muss etwas in Worte fassen Wie würdest du dein - Ethnocineca

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Ich muss etwas in Worte fassen
Wie würdest du dein Leben weiterführen, wenn dir ein Diktator verbieten würde, in deinem Land deine Gedanken den anderen mitzuteilen? Würdest du Widerstand leisten und dein Leben riskieren? Dich assimilieren lassen? Falls es möglich ist, dein Heimatland sofort verlassen? Immer weiterschreiben, egal was passiert? Eine Filmrezension von Zsófia Hacsek Diese Fragestellungen könnten die Ausgangssituati‐
on für einen spektakulären Science‐Fiction‐ oder Fantasy‐Film geben. Aber das Land, in der sich Lite‐
raten diese Fragen stellen müssen, ist keine andere Welt, die Zeit ist keine dystopische Zukunft und die Geschichte ist keine Fiktion. Mithilfe des Dokumen‐
tarfilmes SCHREIBEN, UM GELESEN ZU WERDEN rei‐
sen wir für dreißig Minuten ins leidgeprüfte postkoloniale Äquatorialguinea.
Mischa G. Hendels und Pablo Rudichs Film hat eine spannende Zielsetzung: das Thema Literatur und schriftliche Kultur durch die Mittel einer ganz ande‐
ren Kunstform, der visuellen Darstellung, zu beob‐
achten und zu interpretieren. Hendel hat sich bereits in seiner Diplomarbeit mit der Literatur Äquatorialguineas beschäftigt. Obwohl der Film vier Jahre danach gedreht wurde, hat man das Gefühl, dass SCHREIBEN, UM GELESEN ZU WERDEN selbst eine Projektarbeit von progressiv denkenden jungen Universitätsstudierenden ist. Ein Grund dafür könn‐
te sein, dass der Film mit ziemlich einfachen und pu‐
ristischen Darstellungsformen operiert.
Wie bei einer Low‐Budget‐Produktion im Allgemei‐
nen sieht man hier keine Computereffekte oder 3D‐
Animationen, die den Film breitenwirksam und da‐
durch besser verkäuflich machen, aber im schlech‐
teren Fall die Kernaussage verringern würden. Wie Hendel in einem Interview zusammenfasst:„Ich fin‐
de es enorm wichtig, ohne Geld und professionelles Equipment Filme zu machen. Denn durch gute Ide‐
en, Enthusiasmus sowie ein interessantes Thema etc. kann ein richtig guter Film entstehen, sowohl inhaltlich als auch ästhetisch. Meiner Ansicht nach wird bei den ‚großen‘ Filmen mit dem Equipment auch übertrieben, und der künstlerische Anspruch verringert sich.” (Hendel / Lems 2010)
Eine große Stärke des Filmes liegt gerade in seinem einfachen Aufbau. Die Interviews mit drei äquatori‐
alguineischen SchriftstellerInnen weisen eine mono‐
logische Form auf, ohne dass die Fragesteller_innen zu sehen oder zu hören wären. Unterbrochen wer‐
den sie von mit statischer Kamera aufgenommenen Szenerien. Nur im Bild bewegt sich etwas: Wir sehen Menschen, die durch die Straßen von Malabo spa‐
zieren, Boote, die am Ozean schaukeln, oder Kinder, die im Wald spielen. Dialoge gibt es hier nicht, nur Musik und natürliche Geräusche. Die Landschaften und die Personen sehen so aus, als ob sie gerade den Romanen und Gedichten entsprungen wären, mit denen sich der Film eigentlich beschäftigt.
Die Filmmusik von der äquatorialguineisch‐spani‐
schen Band Máscara steuert die passende Unterma‐
lung zur poetischen Stimmung des Filmes bei. Alles ist langsam und nachdenklich, wie das Lesen eines guten tiefgehenden Romans.
Es war verboten, zu schreiben
Es kann überraschen, dass in einem Film über Afrika das Thema Literatur dominiert. Die meisten euro‐
päischen Zuschauer_innen haben nur stereotype Bilder über diesen Kontinent im Kopf, die durch vi‐
suelle Informationen unterstützt werden. Zahlreiche berühmte Fotos und Filme zeigen die Hungrigen, die Kranken, die Armen und die Traurigen. Aber trotz al‐
len Stereotypen sind nicht alle afrikanische Länder in einem solchen Zustand: Äquatorialguinea, zum Beispiel, entwickelte sich nach seiner Unabhängig‐
keit von der Kolonialmacht Spanien 1968 anfangs ziemlich rasch. Aufgrund seiner Ölfelder ist es in Wahrheit ein reiches Land, seine finanziellen und in‐
frastrukturellen Probleme sind heute hauptsächlich von der riesigen Korruption verursacht.
Das war aber nicht immer so. Wie der kleine histori‐
sche Überblick anhand von Archivaufnahmen und Audiokommentar zeigt, kam kurz nach der Unab‐
hängigkeit der Diktator Francisco Macías Guemas an die Macht und brachte alle Lebensfelder unter seine Kontrolle. Macías Guema wollte sich von der kolo‐
nialen Vergangenheit für immer verabschieden: die geographischen Orte wurden umbenannt (aus der Hauptstadt Santa Isabel wurde Malabo), außerdem verbot er, Spanisch weiterhin als Amts‐ und Um‐
gangssprache zu verwenden.
Besonders hasste Macías Guema die Intellektuellen, da er alle „schädlichen” westlichen Einflüsse als ihre Fehler interpretierte (vgl. Hendel 2006: 31f). Als to‐
taler Herrscher hatte er jedoch keine wirkliche Zu‐
kunftsperspektiven. Das führte nicht überraschenderweise bald zum Terror, dem ein Drit‐
tel der Bevölkerung zum Opfer fiel. Viele Intellektu‐
elle flohen nach Spanien oder wanderten in die französischsprachigen Nachbarländer aus. „[S]o ver‐
schwanden schlussendlich alle literarischen Aus‐
drucksformen Äquatorialguineas” (ebd. 36).
Schriftliche Literatur – im Gegensatz zu oralen Er‐
zählungen – hatten vor der Unabhängigkeit noch
keine große Tradition. „Die Einzigartigkeit der äqua‐
torialguineischen Literatur liegt [...] darin, dass [in der Kolonialzeit] kein einziges antikolonialistisches Werk existierte, während in den Nachbarländern Autoren [...] sich bereits etabliert hatten und litera‐
rische Erfolge verzeichnen konnten” (ebd. 30f). Sammlungen, Transkriptionen und Übersetzungen vom ethnographischen Material existierten schon seit den 1940er Jahren. Auf den ersten kurzen Ro‐
man musste Äquatorialguinea bis 1953 warten. Bald inspirierten sich die Autor_innen gegenseitig zum Schreiben. Die Mischung aus oralen Bantu‐Traditio‐
nen und europäischen Stilmitteln sowie Spanisch als bevorzugte Sprache des literarischen Ausdrucks bil‐
deten ein reichhaltiges Reservoir, aus dem die äqua‐
torialguineischen Schriftsteller_innen schöpfen konnten. Dieser schöne Traum wandelte sich jedoch mit dem Antritt von Macías Guema zu einem Alp‐
traum.
Nachdem Macías Guema von seinem Neffen 1979 gestürzt worden war, begann sich der Status der
Intellektuellen in Äquatorialguinea langsam zu ver‐
bessern. Unter Obiang waren sie keine „gegneri‐
schen Elemente” mehr. Trotzdem ist es ein bis heute langsamer und viel Energie kostender Prozess, das kulturelle‐literarische Leben auferstehen zu lassen. Vor allem, da die Autor_innen noch immer keine Hilfe und Unterstützung bekommen. Es hängt aus‐
schließlich von ihnen ab.
Mein Ursprung, mein Zuhause, mein Land
Die drei im Film porträtierten Schriftsteller_innen erzählen von der Erfahrung, sich unter solch repres‐
siven Bedingungen literarisch zu betätigen, sowie über ihre Zukunftspläne. „Ihre Herangehensweise an die Literatur und die Erwartungen, die sie an ihr literarisches Schaffen knüpfen, sind sehr individuell, aber bis zu einem gewissen Grad auch von ihrer je‐
weiligen Generationszugehörigkeit bestimmt; ge‐
meinsam ist ihnen jedoch allen der Wunsch, ihrem Land eine literarische Stimme zu verleihen […]” (Da‐
bić 2011). Obwohl sie sich im Film nicht treffen, er‐
möglicht die Montage den Eindruck, als ob ihre diversen Charaktere und unterschiedlichen Meinun‐
gen in Dialog treten würden.
Da die Interviewsequenzen meist statisch inszeniert sind, ist es umso interessanter, auch auf die nonver‐
balen Elemente zu achten. Donato Ndongo Bidyogo, der die ältere Generation im Film repräsentiert, sitzt vor einer großen Äquatorialguinea‐Landkarte. Er sieht sein Land wirklich aus der Distanz. Seit seiner Jugend wohnt er in Spanien, zuerst als Bildungsmi‐
grant und seit 1968 als politischer Flüchtling. Er fühlt sich ganz wohl in Spanien, trotzdem sind seine Romane von den Erlebnissen aus seiner Kindheit in Äquatorialguinea inspiriert. „Ohne zu übertreiben, lässt sich feststellen, dass dieser Romanschriftsteller und Journalist mit seiner ersten Anthologie 1984 die
moderne Literatur Äquatorialguineas mitbegründe‐
te” (Hendel 2006:101). Seine kontroverse Beziehung mit dem Heimatland wird jedoch in allen Gesten, Blicken, auch in einem einsamen Spaziergang sicht‐
bar.
ben eher einen l'art‐pour‐l'art‐Zugang, während bei den Älteren die soziale und politische Komponente noch einen sehr hohen Stellenwert genießt.” (Dabić 2011). Mekuy kümmert sich wahrscheinlich viel um ihre eigene Berühmtheit und Anerkennung als um postkoloniale Kritik. Dieses Gefühl beschleicht der/ die Zuschauer_in von der ersten bis zur letzten Mi‐
nute: „Ich selbst werde nicht rasten, bis unsere Ro‐
mane in allen Sprachen zu lesen sind, angefangen bei meinen Romanen.” Mekuy ist eine doppelte Staatsbürgerin und fühlt sich sowohl in Spanien, als auch in Äquatorialguinea wohl. Diese leicht genom‐
mene Haltung charakterisiert auch ihre Kunstwerke: sie schreibt über ihre persönliche Gefühle im Rah‐
men der Geschichte einer „afrikanischen Frau”, ohne auf Äquatorialguinea hinzuweisen. Ist es wün‐
schenswert, ein so einheitlichen Bild von Afrika zu verbreiten, um ein möglichst breites Zielpublikum, wie Mekuy zugibt, anzusprechen?
Der junge Schriftsteller und Dichter César Mba Abo‐
go wird außer in seinem Büro immer in einem
Kulturzentrum gefilmt. Er hat besonders weit schweifende Pläne: er möchte die erste Buchhand‐
lung Äquatorialguineas aufbauen (vgl. MTI 2012). In seinem Zimmer hängt ein Plakat, das eine afrikani‐
sche Maske abbildet, wahrscheinlich eine Werbung von einem im Film unbenannten Kulturprogramm oder Projekt. Mba Abogo hat ein besonderes Nah‐
verhältnis zu seiner Heimat und ihren Traditionen. Wie Ndongo Bidyogo war er ein Bildungsmigrant in Spanien, nach ein paar Jahren kehrte er jedoch zu‐
rück und wählte die äquatorialguineische Staatsbür‐
gerschaft anstelle einer Doppelbürgerschaft. Obwohl es zwischen ihnen merkwürdige Differenzen gibt, passt zu ihm sehr gut Ndongo Bidyogos Mei‐
nung: „Ein Schriftsteller darf die aktuellen Probleme nicht ignorieren und trägt soziale Verantwortung” (Hendel 2006:84). Mba Abogo schaut trotz allen Schwierigkeiten optimistisch in die Zukunft.
Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Adi‐
chie vertritt zum Beispiel eine gegenteilige Meinung und nennt diese vereinigenden Vorstellungen über das vielseitige Afrika „gefährlich” (vgl. Adichie 2009).
Die Geschichte wird letztlich entscheiden
Was sagen diese drei unterschiedlichen Zugänge so‐
wie das Thema afrikanischer Literatur nun den euro‐
päischen Zuschauer_innen? In Europa ist es spätestens seit 1945 möglich, alles und für alle Zwe‐
cke zu schreiben und zu publizieren. Der Film zeigt uns eine vermutlich nicht sehr vertraute Kultur ei‐
nes Landes, das zwischen der „südlichen” und „westlichen” Welt steht, und gemahnt uns, dass es nicht überall selbstverständlich ist, Meinungs‐ und Ausdrucksfreiheit zu haben.
Guillermina Mekuy ist die jüngste von diesen drei Autor_innen. Hendel charakterisiert den Unter‐
schied zur älteren Generation folgendermaßen: „Die Jungen, die seit den neunziger Jahren schreiben, ha‐
Alle müssen für die Entstehung und Erhaltung von Kulturschätzen kontinuierlich und hart arbeiten und manchmal auch viel opfern. Die europäischen Län‐
der führten ihre Kämpfe in den vorigen Jahrhunder‐
ten mit Erfolg. Wir können mit Ndongo Bidyogo, Mba Abogo und Mekuy gemeinsam hoffen, dass Äquatorialguinea seinen eigenen Weg in eine freie Zukunft schafft.
Quellen:
Adichie, Chimamanda. 2009. The danger of a single story.
http://www.ted.com/talks/chimamanda_adichie_th
e_danger_of_a_single_story.html. Oxford,
England.
Dabić, Mascha. 2011. Literatur in Äquatorialguinea. Schreiben, um gelesen zu werden.
http://dastandard.at/1319181750398/Literatur‐in‐
Aequatorialguinea‐Schreiben‐um‐gelesen‐zuwerden
Education and culture of Equatorial Guinea. http://www.youtube.com/watch?
v=KBIdfNSjiqo&feature=relmfu
Hendel, Mischa G. / Lems, Annika. 2010. Unter‐
schätzt und unbeachtet. Literarische Stimmen
Äquatorialguineas. http://www.uni‐koeln.de/phil‐
fak/afrikanistik/kant/data/Hendel‐KANT3.pdf In:
Beiträge zur 3. Kölner Afrikawissenschaftlichen Nachwuchstagung (KANT III), 5‐7. 11. 2010.
Hendel, Mischa G. 2006. Entwicklung und Themen der hispanophonen Literatur Afrikas am
Beispiel Äquatorialguinea. Diplomarbeit an der Uni‐
versität Wien.
Magyar Távirati Iroda [MTI]. 2012. Ahol most nyílik az első könyvesbolt.
http://www.nyest.hu/hirek/ahol‐most‐nyilik‐az‐
elso‐konyvesbolt
Zsófia Hacsek studiert Kultur‐ und Sozialanthropologie und Internationale Entwicklung an der Uni‐
versität Wien.
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