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Bunt wie das Leben: Jugendliche mit Migrationshintergrund - IG Metall

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Vorstand
Bunt wie das Leben:
Jugendliche mit Migrationshintergrund
And the future is wide open ?
Jugendlichen mehr Zeit geben, statt weniger !
Kommentar „Bildungssystem ade“
„Wohin mit den Kindern ?“ — Vereinbarkeit von Arbeit und Lernen
13. Ausgabe // Juli 2009
Foto: IG Metall/Kirchgässner
Willkommen zur neuesten Ausgabe von IGMigration!
Ausbildung wird in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise zu einem raren Gut. Die Arbeitgeber lehnen es ab, die nötige Anzahl an Ausbildungsplätzen zu ermöglichen. Dabei müssen
mindestens 604.000 neue Ausbildungsverträge geschlossen werden, damit sich die Situation
der Jugendlichen nicht dramatisch verschlechtert. Aber die Arbeitgeber verweigern ihren Beitrag für eine tragfähige Zukunft unserer Gesellschaft.
Es darf nicht soweit kommen, dass die Krise auf dem Rücken der Jugend ausgetragen wird.
Wir als IG Metall werden alles tun, damit die Jugend nicht noch mehr Perspektiven verliert. Für
alle Betriebsräte und aktiven Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter ist dies eine besondere Herausforderung. Sie müssen sich mit und für die Jugend engagieren und ihnen Platz einräumen, damit sie ihre Ideen einbringen können. Das heißt aber auch, dass Betriebsräte und
Gewerkschafter dem immer weiter verstärkenden Ausleseprozess entgegen wirken müssen.
Sie müssen dafür sorgen, dass Jugendliche, unabhängig von ihrer Herkunft, die gleichen
Chancen auf einen Ausbildungsplatz bekommen. Wir werden alles dafür tun, dass ein Existenz sichernder Arbeitsplatz auch in Zukunft die Regel und nicht die Ausnahme ist.
In den Gesprächen zum Nationalen Integrationsplan haben wir klare Handlungsmöglichkeiten
zur Integrationsförderung benannt. Wir haben uns dazu verpflichtet, Integration in den Betrieben zu fördern. Der Bericht der Bundesintegrationsbeauftragten zum Stand der Integrationsbemühungen zeigt jedoch die Defizite bei der Umsetzung des Nationalen Integrationsplanes.
Sie stagniert, schlimmer noch: Die Lage wird schlechter. Dafür ist auch die Bundesregierung
verantwortlich. Für uns ist das Auftrag, uns noch mehr für eine Stärkung des Arbeitsmarktes
und besonders für ausreichende Ausbildungsplätze einzusetzen. Wir fordern die Politik zum
Handeln auf: Jedem Jugendlichen muss die Möglichkeit für eine Ausbildung und damit eine
Perspektive ermöglicht werden.
Wir müssen gemeinsam eine Zukunft für die Jugendlichen schaffen - mit ihnen und für sie!
Wolfgang Rhode
Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall
impressum
2
Herausgeber: Wolfgang Rhode, IG Metall Vorstand, Frankfurt a. M.
Wilhelm-Leuschner-Str. 79, 60329 Frankfurt am Main, Tel.: 069-6693-2524, E-Mail: igm-migration@igmetall.de
Redaktion: DGB Bildungswerk, Bereich Migration & Qualifizierung, Düsseldorf
Konzept und Gestaltung: kus-design, Mannheim; Maria Peitz, IG Metall Vorstand // Druck: alpha print medien AG, Darmstadt
Titelfoto: Jan Michalko
news-ticker
inhalt
++Integrationsmonitoring — Im Nationalen Integrationsplan (2007) wurden rund 400 Maßnahmen und Aktivitäten von Bund, Ländern, Kommu-
4
And the future is wide open?
Jugendliche mit Migrationshintergrund
nen, Migrantinnen und Migranten sowie wichtigen gesellschaftlichen Institutionen verabredet.
Nun liegt der erste Bericht zum Bundesweiten Integrationsmonitoring vor. BT-Drucksache:
7
Kommentar:
Prof. Dr. Michael Hartmann
„Bildungssystem ade“
Unterrichtung durch die Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration,
htp://dip21.bundestag.de/dip21/btd/133/1613300.pdf
++ Integration der Drittstaatenangehörigen er-
8
Dein Recht
leichtern — Die Europäische Kommission will
Einwanderern aus Drittstaaten (Staaten außer-
9
Jugendlichen mehr Zeit geben statt
weniger
halb der Europäischen Union) Langfristig die
gleichen Rechte verschaffen, wie EU-Bürgern.
Zwar können sich Einwanderer, die seit minde-
12
„Ich möchte nicht die nächsten
Jahre Scheinwerfer produzieren!“
stens fünf Jahren legal in einem EU-Land leben,
auch in den übrigen 26 Ländern niederlassen.
der Zugang zum Arbeitsmarkt wird davon abhän-
14
Marktplatz
gig gemacht, ob ein EU-Bürger/–Bürgerin für die
Stelle zur Verfügung steht. Die EU-Kommission
16
Zu guter Letzt
will eine flexible Migrationspolitik einführen,
um Integration zu fördern, illegale Migration
aber zu bekämpfen. ++ Von der Zuwanderung
profitiert — Nach einer Studie des Instituts für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundes-agentur für Arbeit (IAB) profitiert Deutschland wirtschaftlich langfristig durch die Einwanderung von Arbeitskräften. So erhöhte die
Zuwanderung das Bruttoinlandsprodukt in der
erweiterten EU seit 2004 um 0,2 Prozent. Für
Deutschland gehen die Forscher von einem Anstieg der Zuwanderung aus. „Davon würde die
einheimische Bevölkerung langfristig durch höhere Einkommen aus Arbeit und Vermögen profitieren“. Die IAB-Studie zum herunterladen:
http://doku.iab.de/kurzber/2009/kb0909.pdf
3
And the future is wide open?
Jugendliche mit Migrationshintergrund
Der Jugend heller Tage: Die Zukunft noch vor sich, alle Möglichkeiten und Wege frei. Oder wie Tom Petty sang: „And
the future is wide open.“ Aber die Wirklichkeit sieht anders aus: Dauer-Praktika, befristete Beschäftigung, unsichere Jobs. Die Möglichkeiten der Jugend sind bei weitem nicht so offen und frei, wie wir gerne glauben möchten.
Die IG Metall hat Jugendliche nach ihrer persönlichen Lage und ihren Zukunftserwartungen gefragt – das Ergebnis:
Sie sind motiviert, werden aber ausgebremst.
4
Während lange Zeit eine Ausbildung
jungen Beschäftigten bekommen nach
ran: Es trifft Alle, ob mit oder ohne Aus-
und anschließend die Übernahme im
ihrer Ausbildung keinen unbefristeten
bildung.
Betrieb der gängige Weg war, wird dies
Job, sondern müssen sich mit befriste-
Soziale Herkunft bestimmt Schulab-
mehr und mehr zur Ausnahme, so der
ten Stellen, Leiharbeit, Teilzeitjobs und
schluss
Schluss der Studie „Motiviert – aber
Praktika auseinandersetzen. Langfristi-
Zwar liefert die Studie der IG Metall kei-
ausgebremst“ Persönliche Lage und Zu-
ge Lebensplanung? Nicht möglich,
ne gesonderte Auswertung für Men-
kunftserwartungen der jungen Generati-
wenn man von einem befristeten Job in
schen mit Migrationshintergrund. Aller-
on, TNS Infratest Politikforschung im
den nächsten geht. Da tröstet es nicht,
dings zeigen viele anderen Untersuchun-
Auftrag der IG Metall, April 2009“
dass nur acht Prozent der Jugendlichen
gen, dass sich die Situation für junge
(www.igmetall.de und www.gutes-le-
für längere Zeit arbeitslos werden und
Menschen mit Migrationshintergrund
ben.de). Jeder vierte Jugendliche ist
innerhalb eines Jahres wieder Arbeit fin-
noch verschärft darstellt. So kam so-
nach Abschluss der schulischen oder
den. Denn generell bleiben die unsiche-
eben eine Studie im Auftrag der Integra-
beruflichen Ausbildung länger als sechs
ren Bedingungen für sie bestehen. So
tionsbeauftragten der Bundesregierung
Monate arbeitslos, jeder Dritte findet
haben zwei Drittel der Menschen, die 35
zu dem Ergebnis, dass die Jobchancen
nicht den Ausbildungsplatz, der seinen
Jahre und jünger sind, Erfahrungen mit
von Migrantinnen und Migranten nach
Wünschen entspricht. Zwei Drittel der
prekären Jobs. Das Erschreckende da-
wie vor geringer und ihr Armutsrisiko
titelthema
höher sind. Jugendliche mit Migrations-
tergrund doppelt so häufig die Schule
Jugendliche. Aber rechtliche Einschrän-
hintergrund arbeiten häufiger als An-
ohne Abschluss verlassen wie deutsche
kungen und Diskriminierungen erschwe-
und Ungelernte und sind daher stärker
Jugendliche. Zu den Forderungen der IG
ren ihren Einstieg in die Arbeitswelt. So
von Arbeitslosigkeit bedroht. Das liegt
Metall gehört deshalb eine umfassende
haben Jugendliche mit Migrationshinter-
nicht unbedingt an ihrem Ausländersta-
Bildungsreform. Das deutsche Bildungs-
grund, selbst bei gleichen Schulnoten in
tus oder dem der Eltern. Verschiedene
system fördert ungleiche Chancen statt
den Kernfächern Mathematik und
Gründe greifen ineinander. So wurde ein
allen Jugendlichen die ihnen zustehen-
Deutsch, nicht die gleichen Chancen wie
Großteil der ersten Generation für Be-
den Optionen zu ermöglichen. Das bis-
junge Menschen ohne Migrationshinter-
schäftigungen angeworben, die durch
herige dreigliedrige Schulsystem wählt
grund. Vorbehalte von Unternehmern und
Anlernen ausgeführt werden konnten,
nach falschen Kriterien aus. Gerade Ju-
Personalverantwortlichen verhindern ihre
eine Ausbildung war nicht von Nöten.
gendliche mit Migrationshintergrund
Beschäftigung. Der Wissenschaftler Klaus
Akademiker und Akademikerinnen hat-
werden hier benachteiligt.
Dörre betont in der Broschüre „Junge Ge-
ten eher Sonderstatus.
Ungleiche Chancen bei der Berufswahl
neration. Motiviert – aber ausgebremst“
Schon die Pisa-Studie kam zu dem
Neben einer schlechteren Ausgangssi-
der IG Metall: „Jugendliche mit Migrati-
Schluss: Der Schulabschluss wird von
tuation bei der schulischen Ausbildung
onshintergrund werden auch bei gleicher
der sozialen Herkunft mitbestimmt. Das
stehen junge Menschen mit Migrations-
Qualifikation bei der Suche nach Ausbil-
heißt ,das soziale und berufliche Leben
hintergrund allerdings auch ungleichen
dungsplätzen systematisch diskriminiert.“
der Eltern hat starken Einfluss auf die
Chancen bei der Berufswahl entgegen.
Ausbildungsplätze erhöhen
schulische und berufliche Ausbildung
Nach dem aktuellen Berufsbildungsbe-
Gleichzeitig muss aber auch die berufli-
und damit die Zukunftsperspektiven ih-
richt liegt die Ausbildungs-
rer Kinder. Nach einer Studie der Hans-
beteiligungsquote junger
Böckler-Stiftung erreichen nur 46 Pro-
Ausländerinnen und Aus-
zent der Kinder aus Nichtakademiker-
länder mit knapp 24 Pro-
haushalten einen Abschluss in der Se-
zent deutlich unter der
kundarstufe 2, nur die Hälfte dieser Kin-
junger Deutscher (knapp
der beginnt anschließend ein Studium.
58 Prozent). Das liegt nicht
Akademikerkinder schließen dagegen zu
etwa daran, dass sie keine
88 Prozent die Sekundarstufe 2 mit ei-
Ausbildung machen möch-
nem Abschluss ab und fast alle – 94 Pro-
ten. Nach einer Studie des
zent – starten anschließend ein Studi-
Bundesinstituts für Berufs-
um. Wer also bereits benachteiligt ist,
bildung (BIBB) haben Ju-
der wird im deutschen Bildungssystem
gendliche mit Migrations-
mit hoher Wahrscheinlichkeit diesen
hintergrund nach der all-
Nachteil nicht mehr wettmachen kön-
gemeinbildenden Schul-
nen. Da verwundert es nicht, wenn nach
zeit ein ebenso hohes In-
dem Berufsbildungsbericht 2009 Schü-
teresse an einer Berufs-
lerinnen und Schüler mit Migrationshin-
ausbildung, wie deutsche
Ausbildungsquote nach Staatsangehörigkeit
1993 bis 2007
Jahr
1993
1994
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
Deutsche
Ausländische
Auszubildende Auszubildende
70
67
66
65
65
63
65
63
63
61
60
59
58
57
58
33
34
33
33
32
31
30
30
29
28
27
25
24
24
24
Quelle: Statistisches Bundesamt, BIBB 2009
5
che Ausbildung für die Jugendlichen
wieder eine Option sein. Das „Parken“
in Übergangssystemen bietet keine
Möglichkeiten. „Die Anzahl der Ausbildungsplätze muss erhöht werden – gerade jetzt in der Krise“, betont Martin
Barthman, politischer Sekretär im Funktionsbereich Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik beim IG Metall Vorstand. „Es kann nicht auf der einen Seite ein Facharbeitermangel von der Wirtschaft beklagt werden, auf der anderen
Land
JAV-Mitglieder
Türkei
Italien
Griechenland
Portugal
Bosnien-Herzegowina
Kroatien
Mazedonien
Polen
Jugoslawien
Slowenien
Spanien
Albanien
Marokko
Andere
215
56
17
14
12
12
6
6
5
5
5
3
2
20
Quelle: Berechnungen der IG Metall,
Ressort Migration, September 2008
kidou vom Ressort Migration beim IG
Metall Vorstand. Ihre Kollegin Petra
Wlecklik sieht hier einen gezielten Auftrag an die IG Metall. „Im Rahmen der
Migrationsarbeit müssen gezielt Jugendliche angesprochen,“ erklärt sie.
„Wir sind überaltert und müssen einen
Verjüngungsprozess einleiten. Das
heißt für uns, dass wir gezielt Jugendund Auszubildendenvertretungen und
andere Jugendliche mit Migrationshintergrund ansprechen. Wir möchten sie
Seite aber Ausbildung mit Hinweis auf
6
tretungen aus,“ relativiert Maria Kallini-
die schwierige Situation in der Finanz-
so mehr, wie engagiert und interessiert
an unseren Seminaren und für die Ar-
und Wirtschaftskrise verweigert wer-
viele von ihnen sind. 68 Prozent der
beit im Migrationsausschuss interessie-
den. Eine Ausbildungsplatzabgabe wür-
jungen Beschäftigten erklärten in der
ren.“ Sie betont, dass sich das nicht von
de hier die Entscheidung für viele Unter-
Umfrage der IG Metall, dass sie sich
selbst ergebe, sondern aktiv Jugendli-
nehmen vermutlich erleichtern.“ Ju-
persönlich für bessere Arbeitsbedingun-
che eingebunden werden müssen. Die
gendliche wollen mit gestalten und sich
gen einsetzen möchten. Die IG Metall
Jugend will ihre Chance, sie will mitbe-
engagieren. Ihnen muss jedoch auch
will diese hohe Motivation der jungen
stimmen und sich engagieren. Dazu
die Möglichkeit dazu gegeben werden.
Beschäftigten fördern. Und sie möchte
sollte ihr die Möglichkeit gegeben wer-
Der massive Anstieg von unsicheren Ar-
in den Betrieben den Raum und die
den. Die IG Metall setzt sich für sie ein.
beitsverhältnissen in den letzten Jahren
Möglichkeiten schaffen, dass die Jun-
Es geht darum gleiche Chancen für alle
ist vor allem eine Folge von Gesetzesän-
gen ihre Interessen noch besser vertre-
zu schaffen. Nur so kann die Zukunft
derungen. Zwar haben Gewerkschaften
ten können. So kommt beispielsweise
wieder werden, was sie einst war: offen
und Betriebsräte schon viel dafür getan
der Wissenschaftler Hans-Joachim Roth
und frei.
die Lebens- und Arbeitsbedingungen zu
in der Broschüre der Bundeszentrale für
ändern. Die IG Metall unterstützt die
politische Bildung zum Schluss: „Trotz
Forderungen der Jugendlichen zum Bei-
oftmals erlebter Benachteiligungen ha-
spiel mit der Aktion Übernahme [siehe
ben Heranwachsende mit Migrations-
Kasten S. 5]. Aber langfristig kann die
hintergrund eine starke demokratische
Aus Politik und Zeitgeschichte, hg.v.
Situation sich nur verändern, wenn der
Grundeinstellung und ein Interesse an
der Bundeszentrale für politische Bil-
Gesetzgeber reagiert und weitere Ver-
der gesellschaftlichen Partizipation.“:
dung, Nr. 5/2009: Lebenswelten von
schlechterungen verhindert und die bis-
Dies ist wohl mit ein Grund, weshalb
Migrantinnen und Migranten
herigen Regelungen aufhebt.
über 370 ausländische Jugendliche in
www.bpb.de
Jugendliche: Motiviert und engagiert -
Jugend- und Auszubildendenvertretun-
Berufsbildungsbericht 2009, hg.v.
Die IG Metall bietet Möglichkeiten
gen aktiv sind. „Allerdings machen die-
Bundesministerium für Bildung und
Wenn man sich die schlechten Aussich-
se nur vier Prozent der gesamten Anzahl
Forschung, 2009
ten der Jugend ansieht, erstaunt es um-
in den Jugend- und Auszubildendenver-
http://www.bmbf.de/pub/bbb_09.pdf
Zum Weiterlesen:
kommentar
54 % ohne anerkannte berufliche
raus sein. Der Übergang zum Gymnasium
Qualifikation. Bei den 25- bis 34-jäh-
ist aber entscheidend, da er den weiteren
rigen sind es „nur“ knapp 42 %. Der
Bildungs- und Berufsverlauf sehr stark vor-
wesentliche Grund dafür ist einfach.
bestimmt.
Nur gut jeder vierte ausländische Ju-
Zweitens erhalten Migrantenkinder in der
gendliche erhält heute nach dem En-
Regel nicht die Unterstützung, die vor al-
de der Schulzeit einen betrieblichen
lem angesichts ihrer sprachlichen Proble-
Ausbildungsplatz. Die große Mehr-
me nötig wäre. Vorschulische Bildungsein-
heit verbleibt in den verschiedenen
richtungen, die die herkunftsbedingten
staatlichen Übergangsmaßnahmen.
Nachteile verringern könnten, stehen für
Höhere Bildungsabschlüsse sind für
Kinder bis zu drei Jahren in völlig unzurei-
die Kinder und Jugendlichen aus
chendem Maße zur Verfügung. Gerade
Migrantenfamilien sogar weitgehend
einmal 8,1 % dieser Altersgruppe können
unerreichbar. Nicht einmal jeder ach-
in Westdeutschland, wo die überwiegende
Mehrheit der Migranten wohnt, in eine
Bildungssystem ade
Kindertageseinrichtung gehen. Bei den
Kindern zwischen drei und sechs Jahren
verbessert sich die Situation zwar erheb-
In den 1960er Jahren war die katholische
te von ihnen besucht ein Gymnasium
lich, vor allem die Öffnungszeiten bleiben
Arbeitertochter vom Lande das Sinnbild
und an eine Hochschule schafft es nur
aber ein großes Problem. Ganztägige An-
für die Bildungsmisere in Deutschland.
ungefähr jeder zehnte. Für diese kata-
gebote existieren in Westdeutschland ge-
Heute ist es der männliche türkische Ju-
strophale Lage sind in erster Linie zwei
rade einmal für ein Fünftel der Kinder, die
gendliche aus einer Arbeiter- oder Ar-
Gründe verantwortlich:
einen Kindergarten besuchen. In der Schu-
beitslosenfamilie. Er symbolisiert das
Erstens leiden Kinder und Jugendliche
le setzen sich die Probleme dann fort. Es
Versagen des deutschen Bildungssys-
mit Migrationshintergrund unter den Be-
mangelt nicht nur an Ganztagsschulen, es
tems, vor allem gegenüber den Kindern
nachteiligungen, mit denen Arbeiterkin-
fehlen auch spezielle Sprachkurse oder ei-
und Jugendlichen aus Migrantenfamili-
der im deutschen Bildungssystem gene-
ne besondere Betreuung durch dafür aus-
en. Nahezu drei Viertel der türkischen
rell konfrontiert werden. Weil sie zu ei-
gebildete Migranten, die ihrer jeweiligen
Jugendlichen bleiben ohne jegliche wei-
nem wesentlich höheren Prozentsatz
Heimatsprache mächtig sind. Dies ist z. B.
tere Ausbildung nach dem Ende der
aus Arbeiterfamilien stammen, trifft sie
in den skandinavischen Ländern üblich.
Pflichtschulzeit. Bei allen Jugendlichen
die soziale Schieflage aber stärker als
Hier ist noch sehr viel zu tun. Die Abschaf-
mit Migrationshintergrund sind es im-
die Deutschen gleichen Alters. Das gilt
fung des dreigliedrigen Schulsystems und
merhin auch noch 44 %, dreimal so viele
besonders für den Besuch des Gymnasi-
die ganztägige Betreuung sind, soweit es
wie bei den gleichaltrigen Deutschen.
ums. Um eine Gymnasialempfehlung
das Bildungssystem betrifft, dabei die
Dazu kommt, dass sich die Situation in
durch die Lehrkräfte der Grundschule zu
zwei entscheidenden Ansatzpunkte.
den letzten Jahren weiter verschlechtert
bekommen, müssen Kinder von un- und
statt verbessert hat. Die jüngeren sind
angelernten Arbeitern in ihrer Leistung
schlechter ausgebildet als die älteren.
Kindern aus klassischen Akademikerfa-
Prof. Dr. Michael Hartmann
Bei den 20- bis 24-jährigen bleiben fast
milien volle eineinhalb Schuljahre vo-
Technische Universität Darmstadt
7
dein recht
Sozialhilfe auch für Ausländer
und Ausländerinnen
derbehörde dem FSJ/FÖJ zustimmen,
Richtlinie nicht für Artikel-13-Vereinba-
eine Arbeitsmarktüberprüfung durch
rungen. Europäische Betriebsräte, die
Wenn EU-Bürger und –Bürgerinnen
die Bundesagentur für Arbeit entfällt
vor September 1996 gegründet wurden,
in der Bundesrepublik beschäftigt
nun. Bislang hatte die Bundesagen-
sind damit ausgenommen. Sie machen
waren, haben sie in Deutschland bei
tur für Arbeit eine sogenannte Vor-
im Organisationsbereich der IG Metall
Arbeitslosigkeit ein Recht auf Sozial-
rangprüfung durchgeführt, wonach
fast 40 Prozent aus.
hilfe. So urteilte der Europäische Ge-
Deutsche und EU-Ausländer und EU-
richtshof in Luxemburg. Hintergrund
Ausländerinnen bei der Vergabe der
des Urteils ist die Klage zweier Grie-
offenen Stelle bevorzugt werden.
Deutsche auf Abruf — bis zum
Widerruf
chen. Beide waren kurze Zeit in
Asylsuchenden und Geduldeten, die
Mit der Änderung des Zuwanderungs-
Deutschland beschäftigt gewesen,
sich über ein Jahr in Deutschland auf-
gesetzes wurde 2001 das sogenannte
hatten dann aber ihre Arbeit verlo-
halten, kann damit unabhängig von
Optionsmodell eingeführt. Danach er-
ren. Das Sozialgericht Nürnberg ver-
der Arbeitsmarktlage eine Beschäfti-
halten in Deutschland geborene Kinder
trat die Auffassung, die beiden Grie-
gungserlaubnis für ein FSJ/FÖJ erteilt
von Ausländern bzw. Ausländerinnen
chen hätten keinen Anspruch auf So-
werden.
zunächst zwei Staatsangehörigkeiten:
zialhilfe, weil sie zu kurz in Deutsch-
Alter von 18 Jahren müssen sie sich für
am Europäischen Gerichtshof urteil-
Neue EBR-Richtlinie tritt in
Kraft
ten dagegen anders, da sie einen
Nach mehr als fünf Jahren konnte das
scheiden. Die ersten Kinder erhalten
Verstoß gegen das EU-Recht feststell-
Verfahren zur Überarbeitung der EU-
nun ein Schreiben, in dem sie aufgefor-
ten. Sie forderten das Sozialgericht
Richtlinie über Europäische Betriebs-
dert werden, sich für eine Staatsange-
auf, die Arbeitnehmereigenschaft er-
räte im Juni abgeschlossen werden
hörigkeit zu entscheiden. Wenn sie sich
neut zu überprüfen. Möglicherweise
und trat am 5. Juni 2009 in Kraft. Zu-
nicht melden, verlieren sie automatisch
hätten die Kläger zumindest für
vor war die Neufassung der Richtlinie
die deutsche Staatsangehörigkeit und
sechs Monate nach Verlust ihrer Ar-
immer wieder vom Europäischen Ver-
geben damit z. B. das Wahlrecht in
beitsstelle Anspruch auf Sozialhilfe
band der Industrie- und Arbeitgeber-
Deutschland auf. Der DGB und die Ge-
gehabt.
verbände (Businesseurope) behin-
werkschaften kritisieren das Options-
AZ C-22/08 vom 4. Juni 2009
dert worden. Die Nachbesserungen
modell. Zehntausende volljähriger
Urteil unter http://curia.europa.eu
der Richtlinie zum EBR betreffen im
deutscher Jugendlicher sind in den
Wesentlichen einige neue bzw. neu
nächsten Jahren davon betroffen. Ein
Freiwillliges Soziales Jahr für
Geduldete möglich
gefasste Bestimmungen zum Verfah-
schneller Verzicht auf den Options-
rensrecht bei der Einrichtung künfti-
zwang würde die ungerechte Behand-
Mit der im Januar diesen Jahres in
ger EBR. So wurde die Situation bei
lung dieser Jugendlichen beenden. Sie
Kraft getretenen Beschäftigungsver-
betrieblichen Arbeitnehmervertretun-
sollten, ebenso wie jene Doppelstaats-
ordnung wurde die Aufnahme eines
gen und bei den Gewerkschaften bei
angehörigen, die aus Partnerschaften
Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) bzw.
der EBR Gründung verbessert. Außer-
zwischen Deutschen und Nichtdeut-
eines Freiwilligen Ökologischen Jah-
dem wurden Grundlagen geschaffen,
schen stammen, ihre Staatsangehörig-
res (FÖJ) für Geduldete vereinfacht.
um die Arbeit im EBR selbst effektiver
keiten ein Leben lang behalten können.
Demnach muss nur noch die Auslän-
zu gestalten. Allerdings gilt die neue
www.wider-den-optionszwang.de
land beschäftigt waren. Die Richter
8
die Deutsche sowie die der Eltern. Im
eine dieser Staatsangehörigkeiten ent-
in eigener Sache
Foto:dpa
Jugendlichen mehr Zeit geben,
statt weniger !
Ein Tarifvertrag sorgt in Nordrhein-Westfalen für die Förderung von Ausbildungsfähigkeit
Die Anzahl der Ausbildungsplätze sinkt
heiße, so fügt er hinzu, dass 112,5 Aus-
gleichzeitig gibt es jedes Jahr einen ho-
in den letzten Jahren stetig. 2008 fiel
bildungsplätze für 100 Jugendliche zur
hen Überhang an Jugendlichen, die im-
ihre Zahl trotz der damals noch guten
Verfügung stehen müssen. „Da der
mer noch einen Ausbildungsplatz su-
Ausgangslage um 1,5 Prozent, in die-
Staat die Ausbildung aber nicht selbst
chen. „Das hat zum Beispiel damit zu
sem Jahr dürfte die Zahl vor dem Hin-
durchführen kann, muss dieser die
tun, dass sich nicht jeder Jugendliche,
tergrund der Wirtschafts- und Finanz-
Wirtschaft zur Ausbildung verpflichten.
der gerne eine kaufmännische Ausbil-
krise noch stärker abfallen. „Und dies,
Deshalb fordert die Gewerkschaftsju-
dung machen möchte, drängen lässt,
obwohl das Bundesverfassungsgericht
gend seit langem eine Ausbildungs-
statt dessen Metzgerfachgehilfe oder
urteilte, dass die deutsche Wirtschaft
platzabgabe. Wir möchten, dass alle
Fleischereifachverkäufer zu werden“,
oder der Staat dafür Sorge zu tragen
Jugendlichen die Möglichkeit zur Aus-
weiß Thomas Hay. „Gleichzeitig gibt es
hat, dass es ein auswahlfähiges Aus-
bildung haben.“ Es herrscht eine ver-
aber auch immer wieder Jugendliche,
bildungsplatzangebot gibt“, kritisiert
quere Situation in Deutschland: Unter-
die im weitesten Sinne noch nicht aus-
Thomas Hay, Bezirksjugendsekretär in
nehmen beklagen, dass sie nicht alle
bildungsfähig sind.“ Unternehmen kri-
Nordrhein-Westfalen. Auswahlfähig
Ausbildungsplätze besetzen können,
tisieren immer wieder, dass Jugendli-
9
Wir treffen
uns in
Frankfurt!
den Jugendlichen
Ebene verschiedene Ange-
mehr Zeit geben,
bote. Sie reichen vom Ein-
statt weniger!“
stiegsqualifizierungsjahr
Um dieser Situation
über das Berufsgrund-
gerecht zu werden
schuljahr bis zum Werk-
wurde der Tarifver-
stattjahr. Aber oftmals ha-
trag zur Förderung
ben Schülerinnen und
von Ausbildungsfä-
Schüler nach Abschluss
higkeit (TV FAF) zwi-
dieser Weiterbildungen
schen dem IG Metall
nicht mehr Chancen als
Bezirk Nordrhein-
vorher, einen Ausbildungs-
Große ArenaKundgebung
Westfalen und dem
platz zu erhalten. In seiner
Verband der Metall-
Bewertung zur Umsetzung
und Elektroindustrie
des Nationalen Integrati-
„Schluss mit der
Ungerechtigkeit!
Gemeinsam für
ein gutes Leben!“
Nordrhein-Westfalen
onsplanes „Partizipation
geschlossen. Damit
statt Ausgrenzung“ kam
soll für Jugendliche
der DGB zu dem Schluss:
mit Förderbedarf ei-
„Vielfach werden auch Ju-
ne einjährige Quali-
gendliche, die nur wegen
fizierungsphase vor
fehlender betrieblicher
eine reguläre Ausbil-
Ausbildungsplätze ohne
dung gestellt wer-
Ausbildungsstelle bleiben,
den. „Das ist für uns
auf die berufliche Vorberei-
ein neuer Weg zur
tung verwiesen. Statt sie in
Lösung des Pro-
Warteschleifen abzuschie-
blems bei der Beset-
ben, müssen vorhandene
Zentrale Jugendkundgebung
„Operation Übernahme“
5. September 2009
10-11 Uhr
Frankfurt/Main
Alte Oper
5. September 2009
13-16 Uhr
Frankfurt/Main
CommerzbankArena
10
che die dreieinhalbjährige
ist für die Auszubildenden
zung von Ausbildungsplät-
gleichwertige Ausbildungs-
Ausbildung nicht überste-
jedoch fatal, weil sie aus Ge-
zen. Wir wollen damit errei-
gänge an den verschiede-
hen. Ihr Schluss aus dieser
werkschaftssicht nur unzu-
chen, dass Jugendliche mit
nen Lernorten genutzt und
Situation: Die Ausbildung
reichend qualifiziert werden
Förderbedarf fachlich und
ausgebaut werden.“ Vor
muss verkürzt werden. So
und so ihre Chancen auf
auch charakterlich qualifi-
diesem Hintergrund ist ins-
wurde zum Beispiel der
dem Arbeitsmarkt rapide
ziert werden und dass die
besondere die Verbindung
Ausbildungsberuf zum
abnehmen. „Wer eine sol-
Unternehmen ihre aktuellen
zur Arbeitswelt wichtig,
Oberflächenbeschichter
che Ausbildung macht, lan-
und künftigen Fachkräftebe-
wie auch Thomas Hay be-
bzw. –beschichterin ge-
det anschließend mit an Si-
darfe decken können.“
tont: „Für uns ist die Inte-
schaffen. Dies ist die ver-
cherheit grenzender Wahr-
Dabei ist der Begriff der För-
gration in normale Be-
kürzte Ausbildung des Ma-
scheinlichkeit im Niedrig-
derung der Ausbildungsfä-
triebsabläufe wichtig. Des-
lers und Lackierers. Was
lohnsektor“, so Thomas
higkeit nicht unumstritten.
halb haben wir diesen An-
sich zunächst gut anhört,
Hay. Er fordert: „Wir müssen
Zwar gibt es auf staatlicher
satz im Tarifvertrag ge-
wählt, der es den Jugendli-
Schülerstatus aber keinen
triebe. „Wenn sie auch nur ei-
‚Tarifvertrag zur Förderung
chen ermöglicht, über ei-
Ausbildungsstatus“, erläu-
nen ihrer Ausbildungsplätze
der Ausbildungsfähigkeit‘
nen Zeitraum von bis zu ei-
tert Thomas Hay. Allerdings
nicht besetzten können, weil
durch ein Projekt unter-
nem Jahr tiefere Erfahrun-
erhalten sie eine Vergütung,
sie nicht den oder die passen-
stützen. „Dazu sollen in
gen im Betrieb zu sammeln.
die sich an der Vergütung
de Bewerber/in finden, kann
zwei Kernregionen Betrie-
Gleichzeitig konnten wir
des ersten Ausbildungsjah-
dieser Tarifvertrag helfen. Ein
be angesprochen werden,
dem Schulministerium ab-
res in der Metall- und Elek-
Blick auf die demografische
sich zu beteiligen. Wir
ringen, eigene Fachklassen
troindustrie anlehnt. In den
Entwicklung sollte ihnen genü-
möchten ihnen ihre Sor-
einzurichten. Vorrausset-
ersten drei Monaten erhal-
gen, um den Sinn zu sehen.
gen nehmen und Schüler
zung dafür ist, dass min-
ten sie 75 Prozent, anschlie-
Sie benötigen qualifizierte
und Betriebe zusammen
destens vierzehn Jugendli-
ßend steigt sie gestaffelt auf
Fachkräfte“, erklärt Thomas
bringen“, erklärt Thomas
che, die sich in einer Region
90 Prozent an. In Summe
Hay. Das sieht auch das Minis-
Hay. „Nur so kann der Ta-
über den Tarifvertrag quali-
sind das dann zwischen 570
terium für Arbeit, Gesundheit
rifvertrag mit Leben gefüllt
fizieren lassen, gefunden
Euro und 690 Euro. „Das
und Soziales in Nordrhein-
werden.“
werden. In normalen Klas-
kann sich sehen lassen“, fin-
Westfalen so. Sie wollen den
sen finden sich dagegen oft
det Thomas Hay. Inzwischen
30 und mehr Schülerinnen
gilt der Tarifvertrag seit ei-
und Schüler.“ Um die Ju-
nem Jahr. Als die Angebote
gendlichen auch außerhalb
veröffentlicht wurden, gab
der Schule im Betrieb zu
es Hunderte von Anfragen
Auch in Bayern konnte ein weiterer Schritt zur Siche-
begleiten und zu unterstüt-
von Jugendlichen, Lehrerin-
rung von Beschäftigten und Auszubildenden getan
zen, erhalten die Lehrkräfte
nen und Lehrern und Eltern,
werden. Im Mai diesen Jahres einigten sich die IG Me-
ein Vollzeitstundendeputat.
erzählt Thomas Hay. „Mir hat
tall Bayern und der Verband der Bayerischen Metall-
Sie geben an zwei Tagen in
zum Beispiel ein Jugendli-
und Elektroindustrie (VBM) auf eine gemeinsame Tarif-
der Woche Unterricht und
cher geschrieben: ‚Ich bin an
vereinbarung zur Sicherung von Beschäftigung und
an den restlichen drei Ta-
der Förderung meiner Aus-
Ausbildung. In diesem wird unter anderem eine „Be-
gen haben sie Zeit, die Ju-
bildungsfähigkeit interes-
schäftigungsbrücke Bayern GmbH“ für junge Fachar-
gendlichen in den Betrie-
siert‘. Das lässt tief blicken
beiter und Facharbeiterinnen gegründet. Wenn sie
ben zu begleiten und indivi-
und macht die prekäre Situa-
nach erfolgreicher Ausbildung wegen der wirtschaftli-
duelle Förderpläne zu er-
tion vieler Jugendlicher deut-
chen Lage nicht übernommen werden, sollen bis zu
stellen.
lich“, findet der Gewerk-
500 von ihnen für weitere 18 Monate beschäftigt wer-
Obwohl die Jugendlichen
schaftssekretär. Die Nachfra-
den. Sie erhalten tarifliche Bezahlung ohne Leistungs-
bis zu einem Jahr im Betrieb
ge bei den Unternehmen ge-
zusätze und erhalten einen vorrangigen Einstellungs-
bleiben und dabei an zwei
staltete sich dagegen bis-
anspruch. Auch 500 junge Ingenieure und Ingenieurin-
Tagen in der Woche die Be-
lang nicht so reibungslos.
nen, die das Studium erfolgreich beendet haben, sol-
rufsschule besuchen, han-
Erst ein Unternehmen betei-
len bei der Beschäftigungsbrücke Bayern beschäftigt
delt es sich dennoch nicht
ligt sich gegenwärtig an dem
und dann für vier Tage pro Woche an Betriebe verlie-
um eine Ausbildung. „Die
freiwilligen Tarifvertrag. Da-
hen werden.
Jugendlichen haben zwar
bei gewinnen auch die Be-
Weitere Informationen: www.igmetall-bayern.de
Förderung junger Fachkräfte und
Ingenieure in Bayern
11
aus den betrieben
„Ich möchte nicht die nächsten
Jahre Scheinwerfer produzieren!“
nennen, freut sich über die Möglichkeit, wieder zu arbeiten.
„Ich arbeite gerne. Ich war eigentlich immer glücklich da,
wo ich arbeite.“ Tatsächlich ist sie voller Tatendrang. „Ich
kann nicht stillsitzen, ich muss immer irgend etwas machen. Sonst gehe ich seelisch kaputt“, sagt sie über sich
selbst. Ihre Arbeitskollegen haben sich gefreut, als sie nach
drei Monaten wieder in die Firma kam. „Unser Muntermacher ist wieder da“, haben sie gesagt. Denn Naciye ist ein
fröhlicher und aufgeschlossener Mensch. Ihre privaten Probleme zeigt sie nicht nach außen. Aber nicht immer kann
sie ihre Sorgen verdrängen: „Mein Mann ist arbeitslos. Er
hat die Schule abgebrochen und keinen Beruf erlernt. Er
springt von einer Leihfirma in die nächste. Immer nur befristet. Solange sie ihn brauchen, beschäftigen sie ihn, ansonsten wird er entlassen.“ Während der Arbeit hat ihr
Mann vieles gelernt. „Er kann alles, was Einrichter und
Schlosser machen. Aber leider hat er keinen Ausbildungsabschluss. In Deutschland zählt nur ein Diplom oder ein Abschluss. Berufserfahrung wird nicht anerkannt“, erzählt sie
Naciye Mehmet-Oglou arbeitet bei einer Leiharbeits-
resigniert. Zwar sieht ihr Mann immer wieder Anzeigen in
firma. Mit der IGMigration sprach sie über Leiharbeit,
der Zeitung, aber dass wirklich Stellen dahinter stehen,
die Krise und ihre Träume.
glaubt sie nicht mehr. „Ich denke, das ist einfach nur PR.
Die Firmen wollen zeigen, dass sie in der Zeit der Krise noch
Als wir mit ihr sprechen, ist Naciye gerade auf dem Weg
da sind, aber eingestellt wird dann eigentlich keiner“, sagt
zur Arbeit. Sie ist immer in Hast. Einen Termin am Vortag
sie.
musste sie absagen. „Wir haben seit Anfang des Jahres
12
Kurzarbeit. Gestern rief meine Firma an und hat mir mit-
Als wir sie nach ihrer Herkunft fragen, sagt die 32-Jährige:
geteilt, dass ich in der Spätschicht arbeiten kann.“ Na-
„Meine Eltern sind aus der Türkei, aber ich bin hier geboren
ciye, die nicht möchte, dass wir ihre Firma namentlich
und aufgewachsen.“ Sie überlegt kurz. Dann sagt sie be-
stimmt: „Ich will nicht sagen, ich bin Türkin oder ich bin
toll, in der Podiumsrunde zu sitzen.“
Deutsche. Ich bin Europäerin, ich bin ein Mensch. Für
Als ihre Firma sie vor die Entscheidung stellte Weiterbil-
mich gibt es keine Ausländer – nur Menschen.“
dung oder Aufhebungsvertrag, hat sich für die Schule entschieden. Sie konnte zwischen Metall, Elektrotechnik, La-
Sie selbst hat die 12. Klasse abgeschlossen, danach ge-
ger, Logistik und Informatik auswählen. Als es dann je-
heiratet. Ihre Tochter ist inzwischen zehn Jahre alt. Zeit
doch soweit war, gab es nur noch Plätze bei der Elektro-
hat Naciye für sie allerdings kaum. „Ich gehe nebenbei
technik. „Viele waren demotiviert. Sie wollten nicht das
arbeiten, sonst würde es nicht klappen“. Das heißt, sie
Ohmsche Gesetz oder ähnliches lernen. Wir hatten Inte-
arbeitet fünf Tage im Akkord Spätschicht bei der Autozu-
resse an anderen Dingen, aber die standen nicht zur Aus-
liefererfirma und am Wochenende im Service in der Gas-
wahl“, kritisiert Naciye. Dennoch sagt sie, habe sie viel in
tronomie. „Wenn mein Mann einen sicheren Job hätte,
der Weiterbildung gelernt. Wohl auch, weil ihr Dozent sie
könnte sie vielleicht in die Frühschicht wechseln und
zum Nachdenken anregte. „Der hat uns motiviert. Uns vor
müsste nicht mehr zusätzlich arbeiten gehen“, sagt sie.
Augen gehalten, dass wir uns selbst bewegen müssen.
Und so, wie sie es sagt, klingt es wie ein ferner Traum.
Wir haben uns abhängig gemacht von einer Firma, weil wir
keine Perspektive gesehen haben. Aber daran können wir
In den letzten drei Monaten hat sie an einer Weiterbil-
etwas ändern.“
dung teilgenommen. „Unsere Firma hat im Frühjahr Kurzarbeit angemeldet. Damals hieß es: Aufhebungsvertrag
Inzwischen hat sie sich in der Lippe-Schule schlau ge-
mit Abfindung oder Teilnahme an einer Weiterbildung.“
macht und sich über eine Weiterbildung informiert. „Ich
Viele ihre Kolleginnen fürchteten sich aber vor der Weiter-
möchte vielleicht meinen Betriebswirt machen. Das dauert
bildung. Gerade die ausländischen Kolleginnen hatten
vier Jahre in Teilzeit oder zwei Jahre in Vollzeit. Allerdings
Angst, dass ihre Deutschkenntnisse nicht reichen wür-
muss ich es mir noch überlegen. Anmelden kann ich mich
den. Das Gerücht ging um, dass bei Nichtbestehen der
wieder im nächsten Februar. Dann schaue ich, wie die La-
Weiterbildung auch die vertraglich festgelegte Abfindung
ge bei meiner Firma ist. Wenn ich weiterhin arbeiten kann
wegfallen würde. Aus Unwissenheit ließen sie sich dann
– sehr gerne. Ich bin auf das Geld angewiesen.“ Dennoch
auf den Aufhebungsvertrag ein. Dabei waren sie durch
stellt sie klar: „Aber dann würde ich mich trotzdem für die
die Kurzarbeit geschützt, ihr Arbeitgeber hätte ihnen
Teilzeitausbildung als Betriebswirtin anmelden und die
nicht kündigen können. „Sie stehen jetzt wieder dem Ar-
Schicht wechseln. Dann könnte ich tagsüber Frühschicht
beitsmarkt zur Verfügung“, sagt Naciye ohne jeden Sar-
machen und abends die Schule.“ Minderwertig fand sie
kasmus in der Stimme. Dann fügt sie leise hinzu. „Aber
ihre Arbeit nie. „Ich arbeite gerne da, auch wenn das
da ist nichts.“ Gerade unterstützt Naciye die Wahlen zum
kaum einer glaubt.“ Dennoch: „Irgendwann habe ich ge-
Betriebsrat. Nur wenige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
dacht, ich möchte doch nicht die nächsten 35 Jahre
in Leiharbeitsfirmen haben es bisher geschafft einen Be-
Scheinwerfer produzieren.“
triebsrat aufzustellen. Ein wenig stolz klingt in ihrer Stimme mit, als sie davon erzählt, dass es ihnen gelungen ist.
Beim Kongress Junge Generation der IG Metall in Berlin
hat sie über ihre Erfahrungen als Leiharbeiterin berichtet.
„Die Teilnahme an dem Kongress hat mich so richtig aufgeweckt“, sagt sie nachdenklich. Und „Ich fand es richtig
13
marktplatz
Ausbildungsplatzangebot in der Krise
Mixopolis und Beroobi
Die Finanzkrise hat den Lehrstel-
Hinter diesen Namen verber-
lenmarkt erreicht. Nach einer re-
gen sich zwei durchaus se-
präsentativen Befragung des
henswerte Websiten von
Bundesinstituts für Berufsbil-
„Schulen ans Netz e. V.“ zum
dung (BIBB) im Frühjahr unter
Thema berufliche Integration.
rund 1.000 Unternehmen beab-
Mixopolis wendet sich insbe-
sichtigen 25 Prozent der Betriebe weniger Ausbildungsplät-
sondere an Jugendliche mit Migrationshintergrund. Diese
ze anzubieten. Gleichzeitig gaben allerdings auch 22 Pro-
finden auf der Website interessante Informationen zu Beruf,
zent an, ihr Ausbildungsplatzangebot im Vergleich zum
Gesellschaft und Jugendkultur. Ehrenamtliche E-Mentorin-
letzten Jahr zu steigern, immerhin 32 Prozent planen ihr
nen und E-Mentoren helfen bei Fragen rund um die Berufs-
Engagement auf dem Vorjahresniveau zu halten. Besonders
ausbildung weiter. Um verschiedene Berufsbilder kennen zu
schwierig gestaltet sich die Situation laut der Befragung
lernen, kann man sich auf beroobi umsehen. In Videos er-
bei Betrieben aus dem Bereich Industrie und Handel, ins-
zählen Auszubildende von
besondere bei export- und konsumabhängigen Branchen.
ihren täglichen Aufgaben. Er-
Ein Drittel dieser Unternehmen plant eine Verringerung des
fahrungen können auf einer
Ausbildungsplatzangebotes im nächsten Jahr. Im Handwerk
Community ausgetauscht
zeigt sich die Situation dagegen etwas positiver. Hier wol-
werden.
len mehr Betriebe (29 Prozent) ihr Ausbildungsengagement
im Vergleich zum Vorjahr ausweiten (21 Prozent).
www.mixopolis.de und www.beroobi.de
Mehr zur Studie unter www.bibb.de
Europäische Webseite für Integration
14
...von Novosibirsk nach Nürnberg
Eine neue Webseite der
Die betriebliche Handlungshilfe für
Europäischen Kommission
die Werbung von russischsprachigen
soll dazu beitragen, positi-
Beschäftigten erscheint demnächst.
ve Beispiele der Integrati-
Diese Broschüre bietet Betriebsrä-
on von Menschen mit Mi-
ten, Jugendvertretungen und Ver-
grationshintergrund zu
trauensleuten wichtige Informatio-
verbreiten und die Integrationspolitik und –praxis zu för-
nen, um russischsprachige Beschäf-
dern. Nutzer und Nutzerinnen der Seite können Ansätze aus-
tigte verstärkt für die IG Metall zu
tauschen und sich über aktuelle Entwicklungen in der Euro-
gewinnen und um unsere gemeinsamen Interessen
päischen Union auf nationaler und lokaler Ebene informie-
durchzusetzen. Sie kann bezogen werden über Arvato.
ren.
Produkt-Nummer: 16648-23932
http://ec.europa.eu/ewsi/de/index.cfm
Weitere Informationen über igm-migration@igmetall.de
Mehrsprachigkeit als Wettbewerbsvorteil
Diskriminierung im Betrieb:
Menschen mit Migrationshintergrund
Was kannst Du dagegen tun?
bringen oftmals weit mehr Potentiale
Die Handlungshilfe hat zum Thema, wie
ins Arbeitsleben ein, als wahrgenom-
man gegen Rassismus im Betrieb vorge-
men werden. Mehrsprachigkeit ist ein
hen, sich rassistischen Angriffen entge-
Beispiel dafür. In welchen Bereichen
genstellen und sie verhindern kann.
Mehrsprachigkeit genutzt werden
und wie sie erschlossen werden
Die Broschüre wird vom IG Metall Vor-
kann, untersuchten nun im Auftrag
stand, Ressort Jugendarbeit und -politik,
des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge Forscher
zunächst ausschließlich als PDF-Datei veröffentlicht.
und Forscherinnen der Universität Hamburg. Das Ergebnis: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund und entsprechenden Sprachkenntnissen können zum Wettbewerbsvorteil werden. So entwickeln insbesondere kleine und mittlere Unternehmen immer häufiger internationale Geschäftsbeziehungen für die gute
Deine Meinung zählt - schreib uns,
Fremdsprachenkenntnisse benötigt werden. Die Studie
was du zu sagen hast! Zu einem der hier behandelten Themen
„Nutzung der Mehrsprachigkeit von Menschen mit Mi-
oder zu einer Sache, die dir unter den Nägeln brennt. Schreib
grationshintergrund“ kann unter www.bamf.de herunter
uns deine Meinung zur IGMigration —
geladen werden.
per E-mail: igm-migration@igmetall.de
oder mit der Post an:
IG Metall Vorstand, Ressort Migration
Wilhelm-Leuschner-Str. 79
60329 Frankfurt am Main
Mitglied werden –
so geht’s:
Wer Mitglied werden will, kann
am Arbeitsplatz IG-Metall Vertrauensleute oder andere Kolleginnen und Kollegen ansprechen, die der IG Metall angehören.
Informationen im Internet:
www.igmetall.de
per Telefon: 069/6693-2578
per E-Mail: :
mitglieder@igmetall.de
tät. „Ein Ansatzpunkt war dabei zu-
zu guter letzt…
nächst einmal die Sensibilisierung
für die eigene Kultur. Außerdem ha-
„ Wohin mit den Kindern?“
ben wir uns mit Konfliktlösung und
interkulturelle Kommunikation beschäftigt.“ Sein Wissen hat André
Vereinbarkeit von Arbeit und Lernen unterstützen
Rimpel in einer Schulung an seine
beiden Mitarbeiterinnen weitergegeben. Nun hofft er, dass mehr Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund ihre Kinder zu den Veranstaltungen mitnehmen: „Bislang
nutzen ausländische Kolleginnen
und Kollegen unsere Kindertagesstätte deutlich weniger als Deutsche.
Wir würden uns freuen, wenn sie öfter ihre Kinder mitbringen und unser
Angebot nutzen.“
Vielen Eltern stellt sich diese Frage. Das IG Metall Bildungszentrum Sprock-
Wer an dem kostenlosen Ange-
hövel bietet deshalb ganzjährig Seminare mit begleitender Kinderbetreuung
bot für Seminarteilnehmende
an. Bis zu zwanzig Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren, nach Absprache
im Bildungszentrum Sprock-
auch jüngere und ältere, werden in einem ein- bis zweiwöchigen Seminar-
hövel interessiert ist, kann sich
Rhythmus kostenfrei betreut. Während der Sommerferien (Juli – August) ver-
informieren bei:
ändert sich die Altersgrenze von sechs bis 14 Jahren. Außerhalb der Schulferien kann im Einzelfall die Altersgrenze, nach telefonischer Absprache, auf
IG Metall-Bildungszentrum
ein Jahr gesenkt werden.
Tel. 0 23 24 — 7 06-0
sprockhoevel@igmetall.de
Während die Eltern im Seminar dis-
André Rimpel vom Kindertreff. „Sie
http://www2.igmetall.de/home
kutieren und lernen, erfahren ihre
werden hier von ausgebildeten Pä-
pages/bz-sprockhoevel/
Kinder in der Betreuungseinrich-
dagogen betreut.“
tung, die die IG Metall gemeinsam
Seit Juni diesen Jahres führt die Kita
AWO-Kita IG Metall
mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) be-
das Zertifikat „Interkulturelle Ein-
André Rimpel
treibt, neue Eindrücke. Akrobatik,
richtung“. André Rimpel besuchte
Otto-Brenner-Straße 100
Zirkus, Ausflüge in Freizeitparks,
dafür einen einjährigen Lehrgang
45549 Sprockhövel
schwimmen und vieles mehr steht
der AWO westliches Westfalen. In
Tel. 0 23 24 — 70 63 91
auf dem Plan für die Kinder. „Für die
vier Blöcken ging es an jeweils zwei
E-Mail: kindertreff@awo-en.de
Kinder ist das wie Ferien“, erzählt
Tagen um Kultur und Interkulturali-
www.kita-igm.de
5486-24489
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Seele and Geist
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