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Die Farbe Rosa Oder wie das Geschlecht ins Gehirn kommt

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Fotomontagen: Daniel Lienhard, Zürich
Von Sabina Larcher
Prorektorin Weiterbildung und Forschung der Pädagogischen Hochschule Zürich
und Mitglied der Kommission Gleichstellung PHZH
D i e Fa r b e R o s a
Oder wie das Geschlecht ins Gehirn
kommt
Warum entscheiden sich Frauen für typisch
weibliche Berufe, deren Ausübung in der Regel
geringer geschätzt wird als männlich dominierte Berufe? Fehlen ihnen für andere Aufgaben
die Talente oder sogar die richtigen Gene? Sind
letztere auch dafür verantwortlich, dass selbst
Farbpräferenzen angeboren sein sollen? Einige
Fragen im komplizierten Wechselspiel zwischen
Geschlechterforschung und Naturwissenschaften.
Im Handbook of Science and Technology Studies klassifizierte die Physikerin und Professorin am Massachusetts
Institute of Technology (MIT), Evelyn Fox Keller, 1995 drei
Dimensionen der Gender-Forschung in den Naturwissenschaften:
• Women in Science (Frauen in den Naturwissenschaften)
• Science of Gender (biologisch-medizinische Konstruktion
von Geschlechterdifferenz)
• Gender in Science (Geschlechterideologie in wissenschaftlicher Theoriebildung)
Die biologisch-medizinische Konstruktion von Geschlechterdifferenz ist auch historisch gesehen zweifellos ein Dauerbrenner (Fausto-Sterling 1985). Aus welchen Gründen
auch immer, die Erkenntnis bleibt, dass die unter dem Begriff Life Sciences zusammengefassten biologischen und
medizinischen Disziplinen mit grossem Engagement Geschlechtsunterschiede zu finden suchen. Die aktuelle Medienpräsenz der Neurowissenschaften belegt dies eindrücklich: War es etwa vor gut hundert Jahren die Schädelform, kurze Zeit darauf das Gehirnvolumen, genauer Grösse
und Gewicht, steht heute die Asymmetrie der Hirnhälften
im Mittelpunkt der populären neurowissenschaftlichen
Debatten (Schmitz 2004; 2006; 2007; Ebeling & Schmitz
2006).
Neurowissenschaftliche Vereinfachungen
Die dazu passende Kurzformel «vom Gen zum Verhalten»
ist schnell zur Hand; ebenso Ratgeber und deren Verfilmung wie Warum Männer nicht zuhören und Frauen
schlecht einparken (Pease & Pease 2000) oder Männer sind
vom Mars, Frauen von der Venus (Evatt 2005). Diese sind
internationale Bestseller mit zahlreichen Blogs auf dem Internet. Sie wollen lehrreich, mit viel Witz und amüsanten
Fakten durch die «evolutionsbedingten Geschlechterunterph I akzente 1 /2008
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schiede» führen. Dabei berufen sie sich auf Ergebnisse der
Hirnforschung unter dem Signum: «Aber man sieht es
doch!» Auch die US-amerikanische Psychiaterin Louann
Brizendine legte vor diesem Hintergrund 2006 ein Buch
mit dem Titel The Female Brain vor. Ihre Kernbotschaft
lautet: so genannt weibliche und männliche Verhaltensweisen und Fähigkeiten sind in den Gehirnen von Geburt
an verankert. Die Diskussion um das Verhältnis von Anlage und Umwelt ist damit wieder lanciert.
Was macht die Attraktivität solcher Publikationen
aus? Ist es allein die Kraft der bildgebenden – und nicht
abbildenden – Verfahren, die den Eindruck objektiver Realität und unumstösslicher Wahrheit suggerieren (Schmitz
2003) und deshalb eine solche Wirkung erzielen? Warum
erscheint es so zentral, Geschlechtsunterschiede im Gehirn, den Gehirnstrukturen und Genen zu determinieren
und damit Verhaltensweisen biologisch zu begründen
(ebd.)? Und falls Unterschiede nicht zu finden sind – wofür
einiges spricht – was dann? Was würden wir verlieren?
Dass in der genannten Literatur die teilweise sehr
widersprüchlichen Befunde und wissenschaftlichen Fakten schlicht ausgeblendet, Heterogenität verneint und damit Komplexität reduziert wird: nun denn. Auch dass sie
dazu verleitet, die Kategorie Geschlecht «zu einem Eimer
zu erklären, in den Eigenschaften hineingeleert werden
können» (Goffmann 1994, 113) und Diskussionen in einem gedanklichen Zirkel leer laufen zu lassen, weil
scheinbare Unterschiede durch Unterschiedlichkeit erklärt
werden – auch hier: nun denn. So sind sie, die Vereinfacher/innen dieser Welt, und wer nicht denken will, kann
bei Kant nachlesen, was es damit auf sich hat: «Sapere
aude!», also «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu
bedienen!» meint, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Es bedeutet auch, Aussagen genau und sorgfältig zu sammeln und kritisch abzuwägen.
Vereinfachungen des oben genannten Typs sind meines Erachtens aus anderen Gründen problematisch: Sie
lösen eine Konfusion zwischen sehr verschiedenen Ebenen aus, letztendlich zwischen Analyse und Beschreibung.
Die Präsentation von Erkenntnissen in Kombination mit
einem dualen Erklärungsmodell, das in seiner vereinfachenden zirkulären Wirkung jegliche Kritik verunmöglicht,
ist höchst problematisch. Denn in dieser Lesart ist es die
ahistorische Natur, die befiehlt – und diese hat immer
Recht. Die sich dadurch abzeichnende Biologisierung und
Naturalisierung des Sozialen und Politischen sind ernst zu
nehmende Phänomene und Entwicklungen. Solche Ansätze machen politische Diskussionen obsolet, Legitimation
ebenso: Die sich seit den 1970er-Jahren derart abzeichnende Debatte zu Life Sciences, ausgelöst durch Wilsons
Schrift Sociobiology: The New Synthesis (1975) und
Dawkins’ Studie Das egoistische Gen (1976), reduziert individuell menschliches Verhalten und soziale Verhältnisse
4
ph I akzente 1 /2008
auf biologische Prozesse. Geschlechterrollen und -hierarchien werden etwa als Notwendigkeit der maximalen Genweitergabe verstanden, vermeintliche Defizite von Frauen
bei räumlichen Aufgaben, mangelnder Orientierungssinn
und mathematischen Fähigkeiten als angeboren bezeichnet. Umgekehrt werden Männern tiefere sprachliche Kompetenz und Vernetzungsfähigkeiten zugeordnet. Welche
Konsequenzen solche Ansätze für Schule, Aus- und Weiterbildung, das Bildungssystem und die Bildungspolitik im
Allgemeinen haben, zeigen etwa Befunde aus Studien zu
sozialer Ungleichheit: Diese wird als naturgegebenes, in
allen Gesellschaften vorhandenes und auf ungleichen Begabungen, Leistungen und Leistungsmotivationen basierendes natürliches Phänomen definiert. Ähnliches gilt für
die Ungleichheit der Geschlechter: Die geringe Anzahl von
Frauen im Management beispielsweise wird von männlichen wie weiblichen Führungskräften dadurch erklärt,
dass Frauen insbesondere auf Grund ihrer biologischen
Disposition als Mütter weniger leistungsmotiviert seien,
sich weniger führungsadäquat verhielten und häufig nicht
in der Lage seien, Karriere und Familie zu verbinden (von
Alemann 2005a; Imbusch et al. 2005).
Herausforderung für die Schule
Die Life Sciences fordern Erziehung und Bildung heraus. Es
liegt dabei auf der Hand, dass die Lehrer/innenbildung
und ihre Disziplinen von solchen Diskussionen direkt betroffen sind. Es gilt dabei die komplexen Beziehungen
zwischen «Naturtatsachen» und gesellschaftlichen Faktoren ins Bewusstsein zu heben und die Frage zu klären,
was am Menschen, an Frauen und Männern, als «natürlich
gegeben» und was als «gesellschaftlich vermittelt» anzusehen ist (Heilmeier et al. 1991; Hemminger 1994). In welchem Verhältnis stehen dabei organische Anlagen und
personale Entwicklungsmöglichkeiten oder physiologische
Substanzannahmen und sozial geförderte Kreativitätsprozesse? Wie sind individuelle Bildungsprozesse, welche
wiederum Vorstellungen über «individuelle Natur» und
«Gesellschaft» beeinflussen, mit sozialer Ungleichheit und
Herrschaft verbunden? Das Verhältnis von Neurowissenschaften und Pädagogik ist in der jüngsten Vergangenheit
an verschiedenen Stellen intensiv diskutiert worden (u.a.
Becker 2002, 2006; Borck 2006; Friedrich & Preiss 2003;
Herrmann 2004; Müller 2006; Markowitsch & Brand 2006;
Otto 1995; Scheunpflug et. al. 2004; Scheunpflug & Wulf
2006; Stern 2004; Weber 2003; Zierfaß & Liebau 2006). Im
Zentrum steht die Frage, welchen Erkenntnisgewinn die
Erziehungswissenschaft aus dem aktuellen Forschungsstand der Neurowissenschaften ziehen kann, und ob sich
daraus Implikationen für die pädagogische Praxis ergeben
(Duncker, Scheunpflug & Schultheis 2004). Während in populärwissenschaftlichen Zirkeln die grosse pädagogische
Relevanz neurobiologischer Befunde betont wird, stellt
sich die Auseinandersetzung innerhalb der Erziehungswissenschaft heterogener dar. Das Wissen um Anlage und
Aufbau des Gehirns stützt die pädagogische Einsicht in die
Verschiedenheit der Schüler/innen, und die Einsicht von
der Andersartigkeit eines jeden Kindes ist deshalb «vor
dem Hintergrund neurobiologischer Erkenntnisse gar nicht
radikal genug zu sehen» (ebd.). Dennoch müssen wir die
Herausforderung angehen. Die Suche britischer Forscherinnen nach dem Rosa-Gen kann zwischenzeitlich gelassen
abgewartet werden.1
Anmerkung
1
Die Studie «Biological components of sex differences in color
preference» ist am 21.8.07 in der Fachzeitschrift Current Biology (Bd. 17, Ausg. 16, S. 623) erschienen. Anya Hurlbert und Yazhu
Ling von der Universität Newcastle versuchen, die weibliche
Rot-Präferenz, die zu Rosa und Violett neigt, mit der Evolution
zu erklären: Für (weibliche) Sammler war es wichtiger, rote
Früchte vom grünen Hintergrund unterscheiden zu können als
für (männliche) Jäger. Die Forscherinnen scheint es nicht zu
stören, dass das Man the Hunter/Woman the Gatherer-Paradigma nicht haltbar ist.
für einen Brückenschlag zwischen Hirnforschung und Didaktik.
In: Pädagogische Rundschau, 57(2003)2, S. 181–199.
Goffman, Erving (1994): Interaktion und Geschlecht. Frankfurt am
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wissenschaft 9. Jg, Beih. 5/2006, S. 231ff.
ph I akzente 1 /2008
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