close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Fremde, Ausländer, Mitbürger und wie ”wir” mit ”ihnen” umgehen

EinbettenHerunterladen
!"#$%#& '()*+,%#"& -./01"2#" (,% 3.# 43."4 $./ 4.5,#,4 ($2#5#,
Zehn Begriffe und eine Perspektive in zwanzig Minuten
1.Begriffe
Begriffe tun so als ob sie die Wirklichkeit abbilden. Sprache ist aber kaum ein
Medium zur Abbildung von Wirklichkeit, sondern eher ein Werkzeug zur Herstellung
von Wirklichkeit. Mit dem Gebrauch bzw. der Veränderung unserer Redeweisen
ändert sich auch unsere Vorstellung davon, womit wir es zu tun haben und was wir
erreichen wollen oder erreichen können. Mit anderen Worten: Worte bezeichnen
keine Tatsachen, sondern bringen das, wovon sie sprechen, erst hervor. Wir haben
keine DIN-Begriffe, Wirklichkeit wird in einem Verbal-Cocktail sprachlich serviert.
Wir müssen davon ausgehen, dass Worte und Begriffe immer auch einen hohen
!"#$%&'()*&+ )*$(,- .(/)*&$ /%&&+(, 0(,/1)(,2 3%4 *&&(# 5677(,+&81)( 0(,/1)(,5
3(4*,+9%4+:,'/$(9:;+ #8+ 8)4(4 <('4877/= :,> ?%4+9*)& :#'()(,
2.Mehrheit und Minderheit
Moderne Gesellschaften sind ausdifferenzierte Gesellschaften. Sie bilden rationale
Systeme, die sich voneinander abgrenzen und denen bestimmte Funktionen
zugesprochen werden. Die Schule soll z.B. Wissen vermitteln und Erziehen; Soziale
Arbeit soll helfen, integrieren und Exklusion vermeiden. Kulturelle/ethnische
Zugehörigkeit zu einer Gruppe spielt für die Teilhabe und Partizipation in einem
@:,A+8%,//"/+(# 8, #%>(4,(, B(/(&&/1)*7+(, 5(8'(,+&81)5 A(8,( C%&&( #()4- ?8//(,2
D%#E(+(,F(,2 G8',:,' /8,> >8( D48+(48(,.(,,%1) 8/+ F: $(%$*1)+(,2 >*// G+),8F8+H+ F: (8,(# 4(':&*+83(, I48,F8E 7J4
#%>(4,( B(/(&&/1)*7+(, (+*$&8(4+ 984>- K# C*)#(, >(4 G+),8/8(4:,' 984> 3(4/:1)+2
B(/(&&/1)*7+//+4:A+:4(, F: (+),878F8(4(, :,> >*$(8 $(/+8##+( B4:EE(, F:
>8/A48#8,8(4(,- .*#8+ 3(4$8,>(+ /81) (8,( '(F8(&+( L(:$(9(4+:,' >(/ (8'(,(,
!+*,>E:,A+(/08,>(4)(8+(, 8, .(:+/1)&*,> '(,8(;(, (8,(, $(/%,>(4(, !1):+F2 /%7(4, (/ /81) :#
,*+8%,*&( 08,>(4)(8+(, )*,>(&+L*1) (8,(4 .(78,8+8%, 8# M:/*+FE4%+%A%&& F:4 G:4%EH8/1)(, D%,3(,+8%, F:# !1):+F(
>(4 0(,/1)(,4(1)+( :,> B4:,>74(8)(8+(,2 >8( *# N-@($4:*4 NOOP 3%, >(4
I*4&*#(,+*48/1)(, Q(4/*##&:,' >(/ G:4%E*4*+(/ $(/1)&%//(, 9:4>(2 )(8;+ (/G/ )*,>(&+ /81) :# 5,*+8%,*&( 08,>(4)(8+(,52 9(,, >(4(, 08+'&8(>(4
5 *R8# S%)(8+/'($8(+ >8(/(/ !+**+(/ *,/H//8' :,> >(//(, !+**+/$J4'(4 /8,>2
$R &*,'TH)48'( 7(/+( :,> >*:(4)*7+( Q(4$8,>:,'(, F: >8(/(# !+*++ *:74(1)+(4)*&+(,2
1R $(/%,>(4( (+),8/1)(2 A:&+:4(&&(2 4(&8'86/( :,> /E4*1)&81)( 0(4A#*&( *:79(8/+2
>R *:/4(81)(,> 4(E4H/(,+*+83 /8,>2 %$9*%)& 8)4( M*)& '(48,'(4 8/+ *&/ >8( >(4 J$48'(,
<(36&=
A(4:,' >8(/(/ !+**+(/ %>(4 (8,(4 C('8%, >8(/(/ !+**+(/2
(R 3%, >(# ?:,/1) $(/((&+ /8,>2 >8( 7J4 8)4( K>(,+8+H+ 1)*4*A+(48/+8/1)(,
0(4A#*&(2 8,/$(/%,>(4( 8)4 D:&+:42 8)4( U4*>8+8%,(,2 8)4( C(&8'8%, %>(4 8)4(
!E4*1)( '(#(8,/*# F: (4)*&+(,5?(4 ,*+8%,*&( 08,>(4)(8+ 8/+2 (,+/1)(8>(+ T(>(4 !+**+ 7J4 /81)- K, .(:+/1)&*,> '(&+(,
,:4
V:+%1)+)%,( B4:EE(,2 >(4(, V,'()648'( >8( >(:+/1)( !+**+/$J4'(4/1)*7+ $(/8+F(,2
*&/ ,*+8%,*&( 08,>(4)(8+(,!% )(8;+ (/ 8, >(4 G4A&H4:,' >(4 <:,>(/4(E:$&8A .(:+/1)&*,> $(8 >(4 M(81),:,' >(/
C*)#(,*$A%##(,/ 3%# NN-0*8 NOOWX 5L*+8%,*&( 08,>(4)(8+(, 8, >(4
Bundesrepublik Deutschland sind die Dänen deutscher Staatsangehörigkeit und die
Angehörigen des sorbischen Volkes mit deutscher Staatsangehörigkeit. Das
Rahmenabkommen wird auch auf die Angehörigen der traditionell in Deutschland
heimischen Volksgruppen der Friesen deutscher Staatsangehörigkeit und der Sinti
und C%#* >(:+/1)(4 !+**+/*,'()648'A(8+ *,'(9(,>(+5.8(/( .(78,8+8%, #*1)+ :,#8//3(4/+H,>&81) A&*42 >*// ,(:(4( (+),8/1)(
08,>(4)(8+(,2 >8( 8# M:'( >(4 V4$(8+/#8'4*+8%, 8, .(:+/1)&*,> (,+/+*,>(, Y :,> >8(
F*)&(,#H;8' F-U- '46;(4 /8,> *&/ >8( *,(4A*,,+(, ,*+8%,*&(, 08,>(4)(8+(, = 8, >(4
%778F8(&&(, I(4/E(A+83( :,$(4J1A/81)+8'+ $&(8$(,(vgl.Träbing-Butzmann, S. Politische Entwicklung- Minderheitenschutz... In Wurr R./TräbingButzmann, S.: Schattenkämpfe.Widerstände und Perspektiven der schulischen Emanzipation
deutscher Sinti Kiel, 1998, S 203-227)
3.Fremde
Es gibt Freunde, Feinde und Fremde.
Der deutsche Soziologe Simmel hat vor rund 100 Jahren formuliert. Der Fremde ist
der, der heute kommt und morgen bleibt. Mit dem Wort >fremd< verbinden sich
unterschiedliche Aspekte. Zusammengefasst kann man die beiden Pole mit
Faszination und Neugier auf der einen Seite beschreiben. Auf der anderen Seite
steht Angst und Abwehr.
Das Fremde gibt es nicht an sich, sondern es handelt sich um die Erfahrung bzw.
Enttäuschung darüber, dass die Welt auch anders sein kann, als ich sie mir bisher
vorgestellt habe. Fremdheit hat immer mit Beziehungen zu tun, ist nicht statisch,
d.h. sie kann verändert werden. Das Fremde ist notwendig, um das Eigene zu
erkennen, man braucht das Fremde sozusagen für sich selbst.
Fremdheit kann auch künstlich erzeugt werden und politisch instrumentalisiert
werden. Jemand, den man sich von Leibe halten will, ein Gegner, wird zum Fremden
erklärt. Fremd ist, wer sich nicht angleicht, wer nicht dasselbe wie all die anderen
anzieht, wer anders aussieht und anders denkt. Zum Fremden wird, wer nicht an den
jeweils für üblich erachteten Ritualen teilnimmt. Wenn meine Einschätzung stimmt,
sehen europäische Gesellschaften in der Fremdheit eher eine Zumutung als eine
Herausforderung.
B. Müller geht davon aus, >*// >8( 574(#>(, Z($(,/9(8/(,5 V,&*// 7J4 >8(
G,+/+():,' >(4 /%F8*&(, V4$(8+ 9*4(,- .(4 [#'*,' #8+ >(, @4(#>(, \V4#(2
<()8,>(4+(2 V:/'('4(,F+( (+1R 2 >8( K,+(43(,+8%, 8, 8)4( Z($(,/&*'(2 9*4 ,81)+ ,:4
(8,( $F9- die >soziale Frage<, sondern eine sittlich-religiöse. Soziale Arbeit hatte
immer die Aufgabe, den Fremden zu helfen und die Kontrolle über die Fremden und
Andersartigen zu gewährleisten.
4.Ausländer/Ausländische Mitbürger/Migranten usw.
>Ausländer< ist ein Rechtsbegriff. Der Begriff beschreibt eine Personengruppe, für
die bestimmte Rechte gelten und die z.T. von anderen Rechten, die für
Einheimische gelten, ausgenommen sind. >Mitbürger< ist gemäß der
demokratischen Grundauffassung jemand, der zum Gemeinwesen gehört, darin
8,3%&38(4+ 8/+- .(4 <('4877/$(/+*,>+(8& 5*:/&H,>8/1)(5 >4J1A+ *$(4 *:/2 >*// >8(/(
I(4/%,(, ($(, ,81)+ '*,F >*F:'()64(,2 $(8 $(/+8##+(,2 9(/(,+&81)(, V/E(A+(,2
>8( >*/ B(#(8,9(/(, *,'()(,2 *:/'('4(,F+ $&(8$(,- G/ 8/+ *&/% (8, /()4
*#$83*&(,+(4 <('48772 >(4 M:'()648'A(8+ /:''(48(4+2 /8( *$(4 ,81)+ (8,&6/+5V:/&H,>8/1)( 08+$J4'(45 :,+(4/+4(81)+ >8( U4(,,:,' 8, 5?84 :,> K)45[,+(4/1)(8>:,'(, '()64(, F: >(, A%,/+8+:+83(, B4:EE(,E4%F(//(,2 >8( *&&( /%F8*&(
B4:EE(, #*1)(,--
5.Migration, Zuwanderung, Einwanderung
Migration ist sozialwissenschaftlich ein ziemlich neutraler Begriff. Er beschreibt die
dauerhafte Ortsveränderung von Personen oder Personengruppen, also eine
dauerhafte '(%'4*78/1)( Q(4H,>(4:,' >(/ Z($(,/#8++(&E:,A+(/ Y '&(81) 9(&1)(
[4/*1)(, /8( )*+- 08'4*+8%, :#7*//+ <8,,(,9*,>(4:,' \F-<-8,,(4)*&$ .(:+/1)&*,>/R
:,> $(+4877+ *:1) >8( 1* N 08&&8%, .(:+/1)( \F-<- C(,+,(4R2 >8( 8)4(,
Z($(,/#8++(&E:,A+ 8, !J>(:4%E* )*$(, \ J$48'(,/ #()42 *&/ K+*&8(,(4 :,> !E*,8(4 8,
.(:+/1)&*,> &($(,RG8,9*,>(4:,' Y 8, >8(/(# >(78,8+%48/1)(, !E4*1)/E8(& = 8/+ '(%4>,(+ :,> 4(':&8(4+2
*$(4 ,81)+ (8'(,+&81) '(9J,/1)+- .(4 <('4877 M:9*,>(4:,' :#7*//+ *:1) 8&&('*&(
08'4*+8%, :,> 0(,/1)(,/1)#:''(&2 984> *$(4 *:1) 3(49(,>(+2 :# >(# +*+/H1)&81)
/+*++78,>(,>(, M:F:' 3%, 0(,/1)(, *:/ *,>(4(, ZH,>(4, F: $(F(81),(,2 $F9- :#
7J4 >8(/(, U*+$(/+*,> >(, <('4877 G8,9*,>(4:,' F: 3(4#(8>(,.8( .($*++( :# >8( @4*'(2 %$ .(:+/1)&*,> (8, G8,9*,>(4:,'/&*,> 8/+ %>(4 ,81)+ )*+
9(,8'(4 #8+ >(, +*+/H1)&81)(, M*)&(, F: +:, *&/ #8+ >(4 /"#$%&8/1)(,2 ,*+8%,*&
'(E4H'+(, !(&$/+3(4'(98//(4:,' (8,(/ !+**+(/- .8( <(+%,:,'X .(:+/1)&*,> 8/+ A(8,
G8,9*,>(4:,'/&*,> 3(4)(8;+ <(/+H,>8'A(8+ 8, (8,(4 3%, 4*E8>(, ?*,>(& '(E4H'+(,
M(8+- .8(/( S*&+:,' 7J)4+ &*,'748/+8' 8, (8,( (#%+8%,*&( !*1A'*//(- .8( G47*)4:,'
>(4 ?84A&81)A(8+ :,> >8( <(/1)4(8$:,' >(4 ?84A&81)A(8+ /8,> ,81)+ #()4 8, G8,A&*,'
F: $48,'(,2 >*/ 7J)4+ $(8 38(&(, 0(,/1)(, F: Q(49844:,'(,2 >8( /81) /%F8*& :,>
E%&8+8/1) A*:# ,%1) 4(':&8(4(, &*//(,6.Einwanderungsland, Multikulturelle Gesellschaft, Schmelztiegel,
Nationalstaat
Es geht nicht darum , ob wir in Deutschland weiterhin mit Zu- und Einwanderung zu
tun haben, sondern darum, wie wir sie gestalten, wie wir sie beschreiben und damit
bewerten.
Sachverhalte oder gesellschaftliche Prozesse, die man tabuisiert, kann man nicht
gestalten.
Die Betonung bzw. Hoffnung, weiterhin ein kulturell einheitliches, homogenes
Gemeinwesen darstellen zu können, ist angesichts der gesellschaftlichen
Entwicklung (Stichworte Globalisierung, Internet, Life-Style. Moden etc.) absurd. Der
europäische Vereinigungsprozess erfordert die Abkehr von national-staatlichem
Denken und Handeln und diese Abkehr muss den Menschen sozial und politisch
und durch die Medien plausibel gemacht werden.
Das Ergebnis wird kein Schmelztiegel (nach dem amerikanischen Motto: we are all
americans) sein, sondern eher ein permantes Ringen um Interessenausgleich. Das
Problem ist nicht die Verschiedenheit, sondern das Akzeptieren der
Verschiedenheit.
7.Integration, Assimilation , Inklusion, Insertion, Citizenship , Managing
diversity
Jedes Gemeinwesen muss sich die Frage stellen, was machen wir mit denen, die
dazu kommen, bzw. was wollen und sollen die anderen machen? Sollen alle >
normal<, d.h. unauffällig sein? Was ist aber ist normal? In welchen
>geografischen/sozialen/kulturellen Raum> sollen sich die Einwanderer einpassen?
Auf der einen Seite zeigen soziologische Untersuchungen (z.B. die Shell-Studie) die
Ausdifferenzierung und Pluralisierung unserer (deutschen?) Gesellschaft und stellen
die Orientierungslosigkeit und den Wertepluralismus als ein Merkmal unserer
modernen Industriegesellschaften heraus. Auf der anderen Seite wird von
Einwanderern (zu Recht?) die Verortung/Einordnung in ein bestehendes
gesellschaftliches und politisches System verlangt. Kein System ist jedoch statisch,
jedes System lebt von Veränderungen. Jede Veränderung berührt Macht- und
Einflussfragen: Wer darf oder soll was warum?
Sollen Berliner Karneval feiern, müssen wir fortan Goethe-Gedichte
italienisch/türkisch aufsagen, soll die Kehrwoche (ein schwäbisches Ritual) für alle
eingeführt werden, müssen wir alle katholisch/protestantisch/islamisch/buddistisch
sein? Sind die >Geräusche< der Moscheen lauter als die Glocken katholischer
Kirchen? Die Zukunftsfrage ist . Wie gehen wir mit der größer werdenden
Verschiedenheit um?
8.Kultur
Mozart, Schiller, Bauhaus-Architektur, Bier nach dem Reinheitsgebot, rechts vor
links im Kreisverkehr oder doch umgekehrt,. Privatfernsehen, bei Rot vor der Ampel
stehen - auch wenn kein Auto kommt. Was davon gehört zur, ist Kultur? Die Antwort
ist einfach: Alles. In den Sozialwissenschaften hat sich ein weiter Kulturbegriff
etabliert, der Kultur als Zusammenfassung von Symbolen (Sprache) Objekten, Ideen
und Verhaltensweisen versteht. Kultur ist kurz gesagt ein Orientierungssystem. Es
ist die Gesamtheit der übereinstimmenden und gelernten Bedeutung von Dingen
und Sachverhalten einer sozialen Gruppe.
Folgende Merkmale werden immer wieder genannt. Kultur wird erlernt, sie ist etwas
Gemeinsames und trägt damit zur Identitätsstiftung bei, sie vermittelt Bedeutungen
und erzeugt damit eine gewisse Ordnung und Regelhaftigkeit, Kultur wird durch
Sozialisation weitergegeben und Kultur verändert sich ständig, wie z.B. an
Begrüßungsformeln zu erkennen ist. (Die Zeit als Jungs einen Diener und Mädchen
einen Knicks zu machen hatten, sind vorbei).
Kultur ist auch so etwas wie ein Filter, bestimmte Ausschnitte der Wirklichkeit
werden wahrgenommen (Lärm, Schmutz, Hygiene, Gesundheit ), andere nicht,
Verhalten wird bewertet (nachgeahmt:Straßencafes, kritisiert: Minarette)
Jeder Mensch ist und hat Kultur. Kulturunterschiede beziehen sich nicht nur auf die
Ebene In- und Ausländer, sondern Kulturunterschiede gibt es zwischen Stadt und
Land, zwischen jung und alt, zwischen Männer und Frauen etc. Kulturunterschiede
führen auch mal zu Missverständnissen. Missverständnisse sind normale
Bestandteile der Kommunikation.
9.Leitkultur
Kultur, so hatte ich eben gesagt, ist ein Orientierungssystem. Die Menschen müssen
sich heute in verschiedenen Systemen bewegen können, sie sollen ja wirtschaftlich
und sozial einsatzfähig bleiben. Sie müssen, so fordert es der Prozess der
Globalisierung, mobil, flexibel und lernfähig, d.h. offen für Neues sein.
Der Begriff >Deutsche Leitkultur< ist in diesem Kontext obszön, weil er eine Fiktion
zum Gradmesser der Zugehörigkeit macht. Deutsche Leitkultur (was ist das typisch
Deutsche?) ist ein V:/'4(,F:,'/8,/+4:#(,+2 9(8& V:/&H,>(4 Y >* A6,,(, /8( /81)
,%1) /% /()4 *$/+4*#E(&, \!E4*1)( &(4,(,2 984+/1)*7+&81)2 /%F8*& (47%&'4(81) /(8,
(+1-R =($(, ,81)+ .(:+/1)( 8# !8,,( (8,(4 8,,(4(, Q(4$:,>(,)(8+ 9(4>(, A6,,(,.(4 <('4877 /:''(48(4+ F:>(#2 >*// >8( M:'()648'A(8+ F: (8,(4 B(#(8,/1)*7+ *#
()(/+(, J$(4 >8( A:&+:4(&&( !1)8(,( &*:7(- M:4 G48,,(4:,'X (,+/1)(8>(,> 7J4 >8( V4+
:,> .*:(4 >(/ V:7(,+)*&+//+*+:/ 3%, V:/&H,>(4, 8, >(4 <C. 9*4 :,> 8/+ ,81)+ >8(
]A:&+:4(&&( V,E*//:,'52 /%,>(4, >8( '(/81)(4+( Z($(,/'4:,>&*'(2 8, @%4# (8,(/
4('(&#H;8'(, G8,A%##(,/ :,> *,'(#(//(,(# ?%),4*:#- .8( A:&+:4(&&(
.8#(,/8%, 984> %7+ 8, >(, Q%4>(4'4:,> '(/1)%$(,2 :# D%,7&8A+( F98/1)(, K,= :,>
V:/&H,>(4, F: A&H4(,- ^7+ '()+ (/ *$(4 ,81)+ :# A:&+:4(&&( [,+(4/1)8(>(2 /%,>(4, :#
984+/1)*7+&81)(2 :,> /%F8*&E%&8+8/1)(, K,+(4(//(,-
10. Ethnozentrismus, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus
Wir haben in Deutschland keinen Rassismus, - da im öffentlichen Raum der Begriff
Ausländerfeindlichkeit zur Bezeichnung diskriminierender Handlungen gegenüber
Ausländern verwendet wird.
Rassismus hat immer etwas mit vermeintlicher Überlegenheit zu tun. Während in der
Biologie physische (somatische Merkmale) herangezogen werden, um >Rassen< zu
bilden, bezieht sich Rassismus auf soziale Merkmale (Verhalten, Aussehen,
Lebenslage, Religion) von Personen. Kurz: Rassen werden sozial konstruiert und
dienen denen, die sie konstruieren, als Projektionsfläche. Rassismus ist, so ein
englischer Wissenschaftler: Macht plus Vorurteil..
Rassistische Aktivitäten sind für ein demokratisches, pluralistisches Gemeinwesen
in der Regel auf der gesellschaftlichen Oberfläche peinlich: political not correct.
Trotzdem gibt es ihn und er soll dementsprechend bekämpft werden.
Aber auch reichlich Sach- und Personalmittel können nicht aus rassistisch
(8,'(/+(&&+(, 0(,/1)(, = 4:1A-F:1A Y *:74(1)+(2 +%&(4*,+( .(#%A4*+(, #*1)(,0*, A*,, 4*//8/+8/1)(/ .(,A(, :,> S*,>(&, ,81)+ /1),(&& 3(4/1)98,>(, &*//(,C*//8/#:/ $(4:)+ *:7 A%#E&(_(, B(>*,A(,'($H:>(2 7%&'&81) 8/+ V,+8=C*//8/#:/
*:1) A%#E&(_0*, A*,, *$(4 >*7J4 /%4'(,2 >*// >8( [4/*1)(, :,> ?:4F(&, >(/ C*//8/#:/2 /(8,(
@:,A+8%, 7J4 >8( B(/(&&/1)*7+2 0(1)*,8/#(, >(4 V:74(1)+(4)*&+:,'2 >*/ V:7F(8'(,
/(8,(4 @%&'(, :,> #6'&81)( V&+(4,*+83(, F:# B('(,/+*,> (8,(4 A48+8/1)(,
.8/A://8%,`V:/(8,*,>(4/(+F:,' 8, >(4 a77(,+&81)A(8+ 9(4>(,- .*$(8 A6,,(, >8(
\0*//(,=R0(>8(, )(&7(,Eine Interkulturelle Perspektiven
Wir leben in einer Gesellschaft, die auch ohne Zu- und Einwanderung eine
multikulturelle Gesellschaft wäre. Was die modernen Gesellschaften an
Lebensformen und Lebensstilen, an Milieus hervorgebracht hat, lässt diese Aussage
zu. Cross-over ist nicht nur die Bezeichnung eines trendigen Musikstils, sondern
Ausdruck veränderter Lebenslagen.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Interkulturalität immer spürbarer wird. Diese
Interkulturalität geht einher mit neuen Möglichkeiten für einzelne und mit Angst vor
Überforderungen und Verlust bei anderen.
Ich denke, Politik und Medien müssen die Menschen darauf einstimmen, dass das
dauerhafte Zusammenleben (wohnen, arbeiten, feiern,) mit Anderen, mit Fremden
mit Minderheiten zu den festen Bestandteilen unseres Alltags gehört und gehören
wird. Wir müssen aber auch berücksichtigen: Jeder Alltag, der erfolgreich gelebt
wird, braucht Orientierungen, Regeln, Werte. Hier moderierend, intervenierend,
gestaltend tätig zu sein, gehört zu den zentralen Aufgaben der sozialen
Professionen.
Bassam Tibi, der syrische "Erfinder" des Begriffs europäische Leitkultur, hat
formuliert.
Eine europäische Leitkultur muss auf den Werten der kulturellen Moderne basieren
und konsensuell für Deutsche und Migranten als Plattform für ein Miteinander
gelten. (Sie) besitzt folgende Inhalte
? Das Primat der Vernunft vor religiöser Offenbarung, d.h. vor der Geltung
absoluter Wahrheiten, individuelle Menschenrechte (also nicht Gruppenrecht) zu
denen im besonderen Maße die Glaubensfreiheit zu zählen ist.
? Säkulare, auf der Trennung von Religion und Politik basierende Demokratie
? Allseitig anerkannter Pluralismus ebenso wie gegenseitig geltende Toleranz, die
bei der rationalen Bewältigung von kulturellen Unterschieden hilft.
Die Geltung und Anerkennung dieser Werte macht die Substanz der
Zivilgesellschaft aus. Und dafür sollten sich die einsetzen, die Verantwortung für die
Gesellschaft tragen (wollen).
Beitrag für die internationale Tagung:
Dialog zwischen Mehrheitskultur und Minderheitenkultur und den Medien.
Strategien der Sozialarbeit; Wien, 18.-19.Februar 2002
Prof.Dr. Günter J.Friesenhahn
Fachhochschule/University of Applied Sciences
Finkenherd 4
D-56072 Koblenz
e.mail friesenh@fh-koblenz.de
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
2
Dateigröße
129 KB
Tags
1/--Seiten
melden