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Der Krebs ist besiegt, das Leben geht weiter. Aber wie?

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KL
report
Der Krebs
ist besiegt,
das Leben
geht weiter.
Aber wie?
„Ich bin selbstbewusster geworden, habe
meine Kräfte kennen gelernt – und wahre Freunde“
Katja Schwerdt ist Psycho- onkologin im Brustzentrum
am Ludmillenstift Meppen
Sie beraten Frauen, die eine Krebsbehandlung hinter sich haben.
Nehmen viele diese Hilfe an? Ja.
Monika Leirich (51):
„Ich konnte nicht an mein
altes Leben anknüpfen“
J
oker, davon bin ich überzeugt, hat
mir Glück gebracht. Joker ist mein
Hund, ein Labrador ­Retriever,
und ich habe ihn von meinem Mann
vor neun Jahren geschenkt bekommen. Kurz nachdem ich aus der ­Klinik
entlassen worden war, die ich ein paar
Monate zuvor als gesunde Frau betreten hatte: Ich hatte einen Knoten in
der Brust ertastet, die Ärzte hielten ihn
für gutartig, trotzdem wollten sie zur
Sicherheit operieren. Noch während
ich in der Narkose lag, stand fest: Es
ist Krebs. Ich dachte, ich wäre in drei
Monaten tot. Aber die Chemotherapie schlug gut an, und ein halbes Jahr
nachdem sie beendet war, ­kehrte ich
in meinen Beruf als Krankenschwester auf der Frauenstation zurück. Ich
musste Geld verdienen – und ich
­wollte dort anknüpfen, wo ich vor
meiner Krankheit aufgehört hatte.
Doch das war schwieriger als gedacht. Früher hatte ich eine gesunde
Distanz zu den Patientinnen auf der
Station gewahrt, nun bekam ich oft
eine Gänsehaut, wenn ich Frauen mit
Ein bösartiger Tumor! Es
folgen Operation, Chemotherapie,
Bestrahlung. Und wenn man das
überstanden hat, ist alles wieder
wie vorher? Nein, sagen diese
drei Frauen und erzählen, wie die
Krankheit ihr Leben verändert hat
Manuela Esders (46):
G
egen Ende der Kur war ich
sehr optimistisch: „Jetzt
bleibst du noch zwei Wochen
zu Hause und ruhst dich aus“, nahm
ich mir vor, „und dann gehst du wieder arbeiten.“ Doch als ich wirklich
wieder daheim war, fühlte ich mich
plötzlich allein. In den Kliniken war
ich immer umsorgt und behütet worden, aber nun war niemand mehr rund
um die Uhr für mich da. Mein Mann
fuhr zur Arbeit, meine vier Töchter
mussten auch arbeiten oder in die
Schule gehen – und ich?
Ich quälte mich durch den Tag. Es
war nicht so schlimm wie damals während der ambulanten Chemo­therapie,
wo mein einziges Tagwerk oft darin
bestand, die Spülmaschine ein- und
auszuräumen. Aber ich war nicht
18 l
mehr die Powerfrau von früher, die
putzte, kochte, erzog und in der Firma
­ihres Mannes arbeitete. Das Problem
war, dass meine ­Familie dachte: Die
­Mama wird das schon machen, die ist
ja wieder gesund. Klar, offiziell war
ich gesund. Geheilt vom Krebs, der
meine linke Brust befallen und den
ich besiegt hatte, indem ich mir diese
Brust abnehmen ließ und die Therapie
durchmachte. Aber fit war ich deshalb
noch lange nicht. Und die Alte erst
recht nicht. Glücklicherweise haben
wir das alle schnell gemerkt und da­
rüber offen gesprochen.
Nun helfen meine Töchter im
Haushalt mit, in der Firma wurde eine
Vertretung engagiert – und ich unternehme mehr Dinge, die mir gut tun.
Ich gehe walken, versuche Negatives
zu vermeiden und engagiere mich in
einer Selbsthilfegruppe. 40 Frauen
sind wir dort, und uns vereint auch
die Tatsache, dass der Krebs uns nicht
nur schwach, sondern auch gleich­
zeitig stark gemacht hat: Wir sind
alle selbstbewusster geworden, haben
unsere Kräfte kennen gelernt – und
während der Krankheit unsere wahren Freunde.
Dennoch glaube ich, dass ich den
Krebs so schnell nicht vergessen
werde – meine Hände und Füße
schmerzen seit der Therapie und da
ist immer noch die Sache mit meiner
linken Brust. Ich habe mich für einen
Wiederaufbau mit einem Expander
entschieden. Die Wiederherstellung
ist noch nicht ganz abgeschlossen,
aber ich bin glücklich, denn ich merke:
Das bringt meinen Körper und meine
Seele wieder ins Gleichgewicht.
Britta Petersen aus
Hamburg erkrankte
dreimal an Krebs,
zuletzt 2006. Der
Sport gab ihr Kraft,
zu kämpfen
„Ich rege mich nicht
mehr über Kleinigkeiten auf“
Britta Petersen (37):
I
ch bin schon immer gern gelaufen. Als Kind einfach so, als Jugendliche mittlere Strecken und
heute starte ich zweimal im Jahr bei
einem Marathon. Viele sind erstaunt,
wenn sie das hören, denn in den vergangenen neun Jahren bin ich dreimal an Lymphdrüsenkrebs erkrankt,
einer seltenen Krebsart. Beim ersten
Mal war ich 28 Jahre alt. Ich kam mit
Husten und Atemnot zum Arzt, er
nahm mir Blut ab, dann ging alles
ganz schnell: Computertomografie,
Krankenhaus, Chemo. Es hat einige
Zeit gedauert, bis mein Körper sich
Brustkrebs sah. Und obwohl ich mich
kraftlos und müde fühlte, habe ich
mich noch lange durch die Arbeit gekämpft; vor zwei Jahren bin ich dann
in Rente gegangen. Seitdem geht es
mir besser. Denn mir ist klar geworden: Anknüpfen an das alte Leben
kann man nach dem Krebs nicht, die
Krankheit verändert einen.
Aber das muss keine schlechte Veränderung sein. Ich achte viel mehr
darauf, was ich will und was nicht. Ich
arbeite mich nicht mehr ab, sondern
teile meine Energien ein. Ich möchte
meine Tage glücklich verbringen, in
der Natur unterwegs sein und Tiere
fotografieren. Das ist meine Leidenschaft geworden, ohne den Krebs und
ohne Joker hätte ich sie wohl nicht
entdeckt – jeden Tag bin ich mit ihm
nach der Arbeit rausgegangen, um
abschalten zu können. Angst, dass die
Krankheit zurückkommt, habe ich
nicht. Wer nach fünf Jahren keinen
Rückfall hatte, gilt als geheilt. Ich habe schon vier Jahre mehr überstanden.
Vor Kurzem habe ich mich vom letzten Erinnerungsstück meiner Erkrankung getrennt: Der Perücke, die ich
während der Chemotherapie getragen
habe – ich habe sie für zehn Euro auf
dem Flohmarkt verkauft.
erholt hatte, aber ich habe positiv in
die Zukunft geschaut.
Jetzt hast du es überstanden, dachte
ich. Doch zwei Jahre später erwischte
mich im Urlaub eine Sommergrippe.
Als ich zu Hause zum Arzt ging, stellte sich heraus: Der Krebs war zurückgekehrt – und er war schlimmer als
zuvor. Doch die Ärzte glaubten an
mich. Einmal, als ich die Chemotherapie abbrechen wollte, standen sie
um mich herum und sagten: „Frau
Petersen, bei einem Marathon wären
Sie jetzt bei Kilometer 35, sieben Kilo­
meter vor dem Ziel. Sie wollen doch
nicht aufgeben?“ Nein, das wollte ich
nicht. Und als ich einige Wochen danach aus dem Krankenhaus entlassen
wurde, war ich nur noch glücklich.
Die Sonne schien, der Rasen war
Im Krankenhaus sind die Frauen erst
einmal erleichtert darüber, dass der
Krebs entfernt wurde. Wie ihr Leben
weitergehen soll, überlegen sie erst
zu Hause. Allein. Und dann merken
sie: Der Krebs ist eine Erkrankung,
die nicht automatisch aufhört,
wenn die Therapien beendet sind.
Inwiefern? Der Krebs ist in der Regel
weiterhin präsent, weil sich mit ihm
das Leben grundlegend geändert
hat. Oft ist die Erkrankung eine Probe für die Partnerschaft: Die Frauen
sind nicht mehr so belastbar, also
müssen Arbeiten anders verteilt
und Rollen neu definiert werden.
Das ist nicht einfach, und deshalb
fällt es vielen schwer, sich die ­eigene
Schwäche einzugestehen.
Wie kann man nach einer Erkrankung gut weiterleben? Die Patientin
sollte sich Zeit geben, ihr eigenes
Tempo zu finden und dabei auf
­ihren Körper und ihre Seele hören.
Der Verein „Frauenselbsthilfe nach
Krebs“ bietet auf seiner Homepage
unter www.frauenselbsthilfe.de. Informationen sowie Adressen von Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen in
ganz Deutschland. Es gibt auch viele
regionale Angebote, die man meist unter dem Stichwort „Frauen nach Krebs“
findet, wie zum Beispiel im Emsland
www.frauen-nach-krebs-meppen.de. grün, irgendwie konnte ich das alles
nicht fassen. Die Ärzte meinten, dass
das Laufen mich gerettet hat: Es hatte mein Herz und meine Kondition
gestärkt. Also lief ich, nachdem ich
wieder auf den Beinen war, weiter.
Der Krebs holte mich zwar vor zweieinhalb Jahren noch einmal ein, aber
dieses Mal war es nicht so schlimm.
Ich gelte nun als geheilt, dennoch
hat mich auch dieser Rückfall geprägt: Ich lebe noch mehr im Hier
und Jetzt, mache keine langfristigen
Pläne mehr und versuche jeden Tag
zu genießen. Dazu gehört, dass ich
mich nicht mehr über Kleinigkeiten
aufrege, wie Stau auf der Autobahn
oder Schlangen vor der Kasse. Mein
Ziel neben dem Berlin-Marathon in
diesem Jahr? Gesund zu bleiben. l 19
Fotos: Martin Brockhoff, Dirk Eisermann (2); Protokolle: Christine Böhringer
Bei Manuela Esders aus Haren
­ urde der Tumor in der linken
w
Brust Anfang 2007 entdeckt.
Seit der Therapie gönnt sie
sich Auszeiten – zum Beispiel
zum Lesen oder Walken
„Nach dem Krebs
muss jede Frau erst
ihr Tempo finden“
Monika Leirich
aus Lübeck ertastete
vor neun Jahren einen
Knoten in der Brust
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Seele and Geist
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