close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Meine Liebe ist groß wie die weite Welt von Norbert Handwerk

EinbettenHerunterladen
aus: waldorf-hessen Nr. 4 / November 2001
Meine Liebe ist groß wie die weite Welt
Zur Friedenserziehung in der Waldorfschule /von Norbert Handwerk
Iiih, eine Spinne!
Mit Ekel und Abscheu reagierten viele Kinder meiner ersten Klasse, als wir eine Spinne an der Deckenlampe erblickten. Was tun? Totschlagen? Fangen und ins Freie bringen? Unsere spontanen Abwehrreaktionen sind meist gefühlsbedingt und wir wenden Gewalt an, nicht nur bei Spinnen.
Aber es geht auch anders. In dem oben erwähnten Fall waren die schnellen „Retter“ zu bremsen, die uns
von dem „Ungeziefer“ befreien wollten. Ich erzählte eine kleine Geschichte über die Spinne. Wir finden
sie zwar vielfach abscheulich, aber ist das nicht eine Frage der Perspektive? Könnten wir nicht auch
staunen über den filigranen Bau ihrer Gliedmaßen, ihre Kunstfertigkeit im Weben der verschiedensten
Netze? Hat nicht auch die Spinne wichtige Aufgaben im „Ökosystem“?
Nachdem die Aufmerksamkeit der Kinder in eine andere Richtung gelenkt war, gelang es den meisten,
die Anwesenheit der Spinne zu akzeptieren: Sie galt jetzt als unser Klassenraum-„Hausmeister“.
Neugierde war geweckt, durch die seelische Anteilnahme war eine positive innere Beziehung entstanden.
Kein Tierlein ist auf Erden...
Das Staunen über die Welt und die liebevolle Zuwendung zu der gesamten Umgebung werden gepflegt.
Das bedeutet nicht nur das Mitgefühl für den anderen Menschen, sondern für alles, vom kleinsten Stein
bis zu den Sternen, wie es besonders deutlich auch in Christian Morgensterns Gedicht zum Ausdruck
kommt. Auch die Legenden von Franz von Assisi sowie Lieder und Gedichte, die diese Grundstimmung
zum Ausdruck bringen, werden daher gerne in den ersten Schuljahren ausgewählt. Sie können ähnliche
Erlebnisse begleiten und die Empfindungen der Kinder bereichern.
Erleben und Handeln
Dieses Mitgefühl soll auch zu konkreten Taten führen. Neben zahlreichen Einzelaktivitäten, wie Patenschaften und Hilfsaktionen für (Waldorf-)Einrichtungen in aller Welt helfen dabei vor allem die im
Lehrplan fest verankerten praktischen Epochen: Die liebevolle Pflege von Natur und Mensch übt jeder
von der dritten Klasse an bis in die Oberstufe in der Ackerbau-Epoche (3.Klasse), dem Gartenbau-Unterricht (5.-10.Kl.), im Landwirtschafts- und im Sozialpraktikum (9. bzw.11./12.Kl.).
Friedenspädagogik
Aber ist das schon Friedenserziehung? Waldorfpädagogen würden es vielleicht nicht so bezeichnen.
Schließlich kam der Begriff erst ein halbes Jahrhundert nach Begründung der Waldorfpädagogik auf. In
den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hielt die „Friedenspädagogik“ Einzug in die Schulpraxis
von der Grundschule bis zur Oberstufe. Der Anspruch war weit gefasst. Die kritische Aufarbeitung des
Kalten Krieges und der internationalen Austauschbeziehungen (Nord-Südkonflikt, Dritte Welt) durch die
„Friedensforschung“ hatte den Blick geschärft: Gewalt wird offensichtlich nicht nur im Krieg ausgeübt.
Sind nicht auch wirtschaftliche Abhängigkeiten Gewalt, eine „strukturelle“ Gewalt in friedlichem
Gewand?! Wird nicht auch in unserer Gesellschaft, in der Familie gegenüber Obdachlosen, Ausländern,
Kindern, Frauen „Gewalt“ ausgeübt?
So verdienstvoll diese Erweiterung des Gewaltbegriffs war, so sehr dadurch der Unterricht einer
Lehrergeneration impulsiert wurde, der Erfolg der engagierten „Erziehung zum Frieden“ blieb
zweifelhaft.
Der Mensch ist gut
Auch die Waldorfpädagogik möchte natürlich zum Frieden erziehen. Doch sie geht bewusst andere Wege.
„Friedenserziehung“ findet hier nicht vorrangig durch eine Thematisierung in bestimmten Unterrichtseinheiten oder Projekten statt, sondern man vertraut auf die Wirkung des pädagogischen Gesamtkonzepts:
Der Pädagoge weiß, dass jeder Mensch in seinem individuellen Wesenskern gut ist. Er wird daher ver-
suchen, die äußeren Verhaltensweisen und entwicklungsbedingten Unvollkommenheiten seiner Schüler
zu verstehen und ihre „innere“, eigentliche Persönlichkeit suchen. Dieses positive Menschenbild zieht
sich als Maxime des eigenen Handelns und als methodischer Leitfaden durch alle Fächer und alle
Jahrgangsstufen.
...und kann Böses tun
Das wird häufig als wirklichkeitsfremd missverstanden. Schließlich hat der Mensch auch die Fähigkeit,
Böses zu tun. Das wird auch in der Waldorfpädagogik nicht verschwiegen. Aber helfen wir unseren
Kindern, wenn wir sie mit all dem Leid und Unglück konfrontieren, das sie noch gar nicht einordnen, verstehen und verkraften können? „Kritisches Bewusstsein“ im Kleinkindaltern vermitteln zu wollen, überfordert und schwächt unsere Kinder. Wenn dagegen im Waldorfkindergarten und in der ersten Klasse die
Kinder täglich Märchen erzählt bekommen, werden sie in einer altersgemäßen Form mit der Grausamkeit
und dem Bösen konfrontiert : Die Welt wird durch die glückliche Lösung wieder ins Gleichgewicht
gebracht. Das Böse ist benannt und damit gebannt, es kann durch das Gute überwunden werden.
Sei ein Kämpfer des Lichts!
Die Mythen der Völker, die in den Grundschuljahren vom Lehrer täglich erzählt werden, spiegeln die
Erfahrung des Menschen, zwischen Gut und Böse wählen zu können, aber auch sich entscheiden zu
müssen.
Bei der jährlichen Feier des Michael-Festes (28.September) steht dieser Gedanke im Mittelpunkt. Die
Kinder können ihn im Bild vom Kampf St.Michaels mit dem „Drachen“ mit allen Sinnen aufnehmen.
Mittel- und Oberstufenschüler erarbeiten die Thematik oft in besonderen Projekten entsprechend den
Verständnismöglichkeiten ihrer Altersstufe.
Für die in den Waldorfschulen am Tagesbeginn übliche Rezitation wird z.B. in der Mittelstufe gerne ein
altpersischer Spruch gewählt, der sehr viel konkreter die Aufgabe des Menschen benennt:
Trage die Sonne auf die Erde!
Du Mensch, bist zwischen Licht und Finsternis gestellt,
Sei ein Kämpfer des Lichtes!
Liebe die Erde!
In einen leuchtenden Edelstein
verwandle die Pflanzen,
verwandle die Tiere,
verwandle DICH SELBST !
Perspektivwechsel
Um diesen Verwandlungsprozess lebendig zu halten, ihn immer wieder anzuregen, brauchen wir innere
Beweglichkeit. Da Heranwachsendenerst langsam entdecken, welche Möglichkeiten in ihnen schlummern
und sie mühsam um das eigene Profil ringen, fällt es ihnen schwer, bewusst die Perspektive zu wechseln,
sich in einen Anderen hineinzuversetzen, gerade wenn man ihn nicht liebt.
Gerade dies muss aber geübt werden, aber wie? In der Mittel- und Oberstufe wird dieser Perspektivwechsel nicht nur im Gespräch geübt. Die kontrastive Themenstellung von Aufsätzen (z.B. „Napoleonein Freiheitskämpfer“ und „Napoleon- ein Diktator“), geometrische Formen, Schwarz-WeißZeichenübungen oder auch bestimmte Bewegungen in Eurythmie und Turnen greifen diesen Grundgedanken in verschiednen Fächern gezielt auf. Da unterschiedliche Aspekte gefühlsmäßig und durch die
eigene Tätigkeit erlebt werden, ist deutlich, dass zwei Seiten nicht einfach austauschbar sind. Der
Perspektivwechsel bleibt nicht eine bloß intellektuelle Übung von pro und contra.
Vorbilder
Unser „vernünftiges“ Denken allein garantiert schließlich noch nicht den Sieg des Guten. Wenn wir aber
Licht und Schatten in ihren unterschiedlichen Qualitäten mit unserer gesamten Persönlichkeit erfahren,
fällt die Entscheidung für das Licht vielleicht leichter. Diesen Kampf, von dem auch in dem persischen
Spruch die Rede ist, muss jeder zunächst in seinem Inneren ausfechten, Gewalt ist da kein geeignetes
Mittel. Erst die liebevolle Zuneigung, das Verständnis auch für unsere Feinde überwindet das Böse. Ein
unerfüllbares christliches Ideal?
In den Biografien zahlreicher Persönlichkeiten wie auch in der Geschichte finden sich immer wieder
Beispiele, die zeigen, dass es doch gelingen kann. Ob man an den Friedensschluss zwischen Kaiser
Friedrich II. und Sultan Saladin, an die Geschichte der Katharer, an Ghandi oder Martin Luther King
erinnert, Aufgabe aller Lehrer bleibt es, solche positiven Beispiele zu suchen und als Vorbilder den
Schülern zur Orientierung anzubieten. In der Waldorfschule ist dafür täglich im sogenannten „Erzählteil“
des Hauptunterrichtes ein fester Platz reserviert
Ganzheitlich und Methodenvielfalt
Ihre Wirkung entfalten die einzelnen Beispiele aus der Unterrichtspraxis erst im Gesamtkonzept der
Waldorfpädagogik. Hier geht es nicht bloß um die Textauswahl oder das engagierte Verhalten eines
Pädagogen.
Die Methodenvielfalt, das unterschiedliche Erleben beim Singen, Spielen, Malen, Feiern und Arbeiten
kann die Empfindungsfähigkeit vertiefen. Auch die schöne Gestaltung der äußeren Umgebung kann die
innere Empfindung stärken: Die Welt ist gut und schön. Das hat nichts mit Schönfärben oder
Gefühlsduselei zu tun, sondern mit der Überzeugung, dass in Kindheit und Jugend nur das Schöne, das
Wahre und das Gute dem Menschen die Geborgenheit und die Kraft gibt, die er benötigt, um als
Erwachsener erfolgreich für das Gute eintreten zu können.
Auf einer gefühlsmäßigen inneren Sicherheit aufbauend ist es dann in der Oberstufe möglich, mit der
notwendigen Skepsis die „Wahrheiten“ zu hinterfragen, ohne dabei gleich umgeworfen zu werden. Das
Vertrauen in eine Weltordnung, die über unseren Tod hinausreicht und in der geistige Mächte wirksam
sind, kann die Kraft verleihen, friedlich zu sein: nicht vertrauensselig, sondern Frieden stiftend, als streitbarer Humanist und engagierter Friedenskämpfer für eine „Zivilisation der Liebe“, wie sie z.B. auch
Papst Johannes Paul II. nach dem New Yorker Terroranschlag forderte.
„Friedenserziehung“ basiert in der Waldorfschule auf dem Menschenbild, an dem sich das gesamte
Kollegium orientiert und auf das Inhalt und Methodik aller Fächer des Waldorflehrplans vom Kindergarten bis zur 13.Klasse abgestimmt sind. Auch dann aber muss Frieden im täglichen praktischen Tun
errungen werden.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
1
Dateigröße
43 KB
Tags
1/--Seiten
melden