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Festhalten, wie die Zeit vergeht - DGSP

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02/2014 soziale psychiatrie
im kino
Festhalten, wie die Zeit vergeht
Bericht von den 64. Internationalen Filmfestspielen Berlin Von Ilse Eichenbrenner
»52 Tuesdays«
24 Februare
Die letzte Berlinale vor meinem
Ruhestand: Das letzte Mal die
manische Schubkraft vor dem
Beginn der Berlinale nutzen, um
den Aktenschrank leer zu kriegen,
aufgeschobene Entscheidungen
zu treffen, den Kollegen Tschüss
zu sagen. Zwei Dutzend Akkreditierungen, 24 * 10 überfüllte Tage
im Februar habe ich erleben
dürfen.
Wie schnell ist die Zeit vergangen,
wie wenig und doch so viel hat
sich verändert. 1990 bin ich mit
der S-Bahn zur »schwangeren
Auster« gefahren und habe mir in
den langen Pausen zwischen den
Filmen den winterlichen Tiergarten erwandert. In späteren Jahren
hastete ich zwischen Hansaplatz,
dem Olympia und dem Delphi hin
und her. Ich lernte immer wieder
andere Hotels kennen, in denen
das Pressezentrum einquartiert
war; ich raste zu Pressekonferenzen
und leerte mein kostbares Pressefach. Viele Spielstätten existieren
nicht mehr oder sind wieder auferstanden: der wunderbare Zoopalast! Besonders einschneidend
war der Umzug zum Potsdamer
Platz. Seither ist es möglich von der
ersten Vorstellung im Wettbewerb
um 9 Uhr im Berlinale-Palast bis
zum späten Abend quasi nonstop
vor der Leinwand zu sitzen. Tupperdosen mit Stullen und ausgewähl-
44
»Boyhood«
ten Süßigkeiten, Taschentücher
und Hustenbonbons gehören zum
Survival-Set.
Die jedes Jahr neu gestaltete Umhängetasche gab es noch 1990
exklusiv nur für die Akkreditierten;
sie war heiß begehrtes Mitbringsel und riesengroß. Das war auch
gut so, denn außer dem dicken
Katalog und dem Programmheft
musste jede Hochglanzbroschüre,
jedes Pressefoto und jede Werbemappe eingepackt werden. Ein
paar Stunden lang habe ich sortiert und geschnibbelt; mit dem
Ende der Berlinale wurde der Umschlag nach Köln geschickt, und
unser Grafiker Hans Schlimbach
pickte sich heraus, was ihm für das
alljährlich hoch gelobte BerlinaleLayout zu passen schien.
Jede Berlinale endet mit der Verleihung der Bären, dem Publikumstag am Sonntag und meiner postberlinalen Depression. Der Montag
ist für meine Berichterstattung
reserviert. Umfang und Format
sind seit 24 Jahren unverändert;
per Post, per Fax und inzwischen
natürlich per E-Mail wird Filmknäcke nach Köln gebeamt. Ich schneide keine Fotos mehr aus, sondern
lade Filmstills herunter und speichere sie auf dem gewünschten
Medium. Wenn alles gut geht –
und dank Michaela Hoffmann ging
es immer gut –, dann kann ich
nach der fristgerechten Einsendung meiner Berichterstattung im
nächsten Herbst eine weitere
Akkreditierung ernten, um 2015
ganz unbeschwert zum Potsdamer
Platz zu fahren. Ich stecke nur mein
Smartphone in die Tasche, denn
hier ist mein ganzes Programm,
sind meine Favoriten und alle Inhaltsangaben jederzeit abrufbar.
Hier mache ich meine Notizen.
Denn ich möchte sie so gerne festhalten, diese kostbaren Tage im
Februar.
»52 Tuesdays«
Die 16-jährige Billie lebt gemeinsam mit ihrem Bruder Harry bei
der Mutter; die Eltern haben sich
schon lange getrennt. Nun will
sich die Mutter einer Geschlechtsanpassung unterziehen – so zumindest ist dieser einschneidende
Prozess im Katalog etwas euphemistisch beschrieben. James, so
will Billies Mutter zukünftig heißen,
rechnet mit einem schwierigen
Jahr. In dieser Zeit soll Billie bei
ihrem Vater leben. Nur einmal pro
Woche – an jedem Dienstag –
werden sich Mutter und Tochter
für ein paar Stunden treffen. Die
Mutter schneidet sich die Haare
ab und beginnt mit der Hormonbehandlung. Sie gerät in heftige
Krisen und unterzieht sich dann
doch der entscheidenden Operation. Doch auch Billie experimentiert mit Videotagebüchern und
verändert sich dabei; sie verbringt
viel Zeit mit einem Pärchen und
versucht herauszufinden, wie ihr
zukünftiges Liebesleben aussehen
soll.
Die Filmcrew hat sich auch im
realen Leben in wöchentlichem
Abstand jeweils dienstags zu den
Dreharbeiten getroffen, sodass
sich auch die echten Protagonisten
im Laufe dieses Jahres »wirklich«
verändert haben. Dieser australische Spielfilm – auf der Schwelle
vom Jugend- zum Erwachsenenfilm – bewältigt sein schwieriges
Thema mit höchster Sensibilität.
Er ist ungeheuer schnell und witzig, provozierend und ein wenig
sentimental. Zu Recht hat »52
Tuesdays« den Gläsernen Bären
als bester Film der Sektion Generation gewonnen. Filmstart noch
unbekannt.
»Boyhood«:
12 Jahre im Leben eines Jungen
Schon 2002 hat sich Richard
Linklater vorgenommen, die Zeit
festzuhalten. Jährlich einmal hat
er eine feste Crew drei Tage lang
zu Dreharbeiten einberufen, unter
ihnen seine Tochter Lorelei Link-
im kino
»Kreuzweg«
water. Sie verkörpert die ältere
Schwester des kleinen Mason, der
bei Beginn der Dreharbeiten sechs
Jahre alt ist. Er steht im Zentrum
dieser atemberaubenden fiktivauthentischen Langzeitbeobachtung. Sein nie ganz erwachsen
werdender und getrennt lebender
Vater wird gespielt von Ethan
Hawke; seine fürsorgliche Mutter
(Patricia Arquette) gerät immer
wieder an die falschen Männer.
Besonders authentisch sind die
Zeiten, in denen sie mit ihrem
Psychologie-Prof und dessen beiden Kindern zusammenzieht. Der
despotische Alkoholiker terrorisiert
die ganze Familie, bis zur abrupten
Flucht und der nächsten fatalen
Beziehung. Besonders spannend
ist es, dem kleinen Mason und
seiner Schwester beim Wachsen
und Erwachsenwerden zuzuschauen. Haare werden kürzer und
länger, Telefone kleiner und Bildschirme größer, und die Stimmen
tiefer. »Boyhood« hat in die Berlinale eingeschlagen wie ein Blitz;
dass er nur den Silbernen Bären
für die beste Regie und nicht den
Goldenen Bären gewonnen hat,
das werden die Kritiker dieser Jury
niemals verzeihen. Im Laufe des
Jahres wird er in unsere Kinos
kommen.
Die 14 Bilder des Kreuzwegs
Nicht am Zyklus des Kalenders
oder der Jahreszeiten, sondern an
den Stationen des Kreuzwegs Jesu
orientiert sich dieser karge Wett-
soziale psychiatrie 02/2014
»A Long Way Down«
bewerbsbeitrag »Kreuzweg«, für
dessen Drehbuch die Geschwister
Anna und Dietrich Brüggemann
einen Silbernen Bären erhalten
haben. Maria ist 14 Jahre alt; sie
wächst in einer Familie auf, die sich
ganz den strengen Regeln der
katholischen Pius-Bruderschaft
unterworfen hat. Der Film beginnt
mit einem Unterricht zur Vorbereitung auf die Firmung. Freundlich, aber sehr akzentuiert fordert
der junge Pfarrer (Florian Stetter)
die Schüler auf, Soldaten Jesu zu
werden, indem sie sich für ihn einsetzen, das Böse bekämpfen und
Opfer bringen. Als Maria gegen
Ende der Stunde nach einem der
Kekse auf dem Teller greift, meint
der Pfarrer: »Vielleicht ist es genau
dieser Keks, auf den du verzichten
solltest.« Anna möchte alles richtig machen, sie möchte sich Jesus
ganz und gar hingeben, um ihren
behinderten kleinen Bruder, der
noch immer kein einziges Wort
spricht, zu heilen. Überall lauert
die Versuchung; als ein Schüler aus
der Parallelklasse sie einlädt, in
seinem Kirchenchor Gospels zu
singen, führt dies zu einer Fülle
von Vorwürfen und Verdächtigungen der strengen Mutter. Maria
wird krank, und der Hausarzt ahnt,
was hinter ihrem allmählichen
Verfall stecken könnte. Er ruft
einen Krankenwagen und lässt sie
einweisen. Maria ist nicht mehr zu
retten. Die Familie steht um das
Sterbebett, und der kleine Bruder
spricht sein erstes Wort.
Das blasse Gesicht der jugendlichen Darstellerin der Maria, Lea
van Acken, bleibt noch lange im
Gedächtnis.
Winter, Frühling, Sommer, Herbst
und Winter bei den Roma
Auf einem Hügel am Rand der
rumänischen Kreisstadt Sfântu
Gheorghe liegt ein Romadorf, das
von den beiden Filmemachern
Christiane Schmidt und Didier
Guillain seit vielen Jahren privat
besucht wird. Es sind Freundschaften entstanden, sie wurden Paten
der Neugeborenen. Dieser Beziehung ist ein ungewöhnlich tiefer
Einblick zu verdanken. In ihrem
Projekt beobachten sie das mühsame Überleben der Mitglieder
dieser Dorfgemeinschaft, beginnend im Winter und endend im
Winter. Mit dem Pferdegespann
und zu Fuß ziehen sie in den Wald,
suchen und schlagen unentwegt
Holz zum Heizen und schleifen es
zurück ins Dorf. Erwachsene und
Kinder sammeln Pilze, Beeren und
Wildkräuter. Nur noch zur Kartoffelernte werden einige von ihnen
im Spätsommer als Saisonarbeiter
abgeholt und bezahlt. Die Dorfbewohner sind Mitglieder der 7-TageAdventisten und tiefgläubig. Der
Dokumentarfilm »The Forest Is
Like the Mountains« erzählt in
wunderbar ruhigen, unspektakulären Bildern vom Alltag der Roma,
abseits von Pogromen und Zigeuner-Klischees.
Zwei Schuljahre
Lehrer Christian Zingg trägt immer ein Lachen im Gesicht. So
begrüßt er auch die neuen Schüler seiner Integrationsklasse in
Basel. Sie kommen aus Serbien,
Afghanistan, Kamerun, Äthiopien
und Venezuela und wollen in der
Schweiz bleiben. Sie sind Asylbewerber und sprechen nur wenige
Brocken Deutsch; Schwyzerdütsch
verstehen sie nicht. Während der
zweijährigen Schulphase versucht
der engagierte Lehrer, sie in die
Kultur und die Regeln ihrer neuen
Heimat einzuführen. Er versucht
sie auf eine Berufsausbildung vorzubereiten, der die meisten wegen ihrer defizitären Schulbildung
nicht gewachsen sind. Er versucht
ihnen mit Rollenspielen Mut zu
machen; er baut Vertrauen auf und
enttäuscht Hoffnungen. Nach der
Projektion des Dokumentarfilms
»Neuland«, der den »First Steps
Award« gewonnen hat, beklagt
Lehrer Zingg, dass es in der Schweiz
eine enorme Tendenz zur Akademisierung aller Berufe gibt. Das
kommt uns bekannt vor. Der Start
im neuen Land scheitert nicht nur,
aber auch an diesen Hürden.
Der lange Weg ins Leben
Auf dieser Berlinale blieb meine
Suche nach den psychischen
Störungen im weiteren und Psychiatrie im engeren Sinne erst mal
erfolglos. Doch es gab düsteren
Stoff genug: Der klassische Gangs-
45
02/2014 soziale psychiatrie
im kino
»Dans la cour«
terfilm erlebt ein ungeheures
Revival mit exotischer Grundierung. Bestes Beispiel für diese
Entwicklung ist der chinesische
Gewinner des Goldenen Bären:
»Black Coal, Thin Ice«. Für seine
Darstellung des abgehalfterten,
saufenden und über das Eis schlurfenden Kommissars wurde Liao
Fan als bester männlicher Darsteller ausgezeichnet. Es gab weitere
Filme in dieser Kategorie, zum Beispiel »Stratos« aus Griechenland
oder »Kraftidioten« aus Skandinavien: Hier ballern keine durchgeknallten Psychopathen durch die
Gegend, sondern gut bezahlte
Auftragsmörder. Pures Männerkino, mit Blut spritzend, seit
»Fargo« auch gerne mit reichlich
Schnee oder in der Wüste, mit
Tieren garniert: Hunden, Ratten,
Falken.
Gestorben wird also immer. Nick
Hornby hat mit seinem Bestseller
»A Long Way Down« die Vorlage
geliefert für den gleichnamigen
Film von Pascal Chaumeil. Er lief in
der Reihe ›Berlinale Special‹ und
führte anlässlich der Weltpremiere reichlich Prominenz an den Potsdamer Platz, was Veranstalter und
Presse natürlich glücklich macht.
Um es vorwegzusagen: Ich fand
den Film belanglos. Vier sehr unterschiedliche potenzielle Selbstmörder(innen) treffen zufällig in einer
Silvesternacht auf dem Dach eines
Londoner Hochhauses aufeinander
und verschieben die finale Aktion
auf den Valentinstag. Martin
46
»Aloft«
(Pierce Brosnan) ist ein prominenter Talkmaster, und wegen einer
Lolita-Affäre abgestürzt; Maureen
(Toni Collette) ist Mutter eines
schwerstbehinderten Sohnes und
mit ihrer Kraft am Ende; J.J. (Aaron
Paul) kann seine Erfolglosigkeit als
Rockmusiker nicht mehr ertragen,
und die schrille, aufmüpfige Jess
(Imogen Poots) will sich angeblich
aus Liebeskummer in den Tod stürzen. Die vier formidablen Schauspieler geben sich alle Mühe, um
die hanebüchene Story glaubhaft
zu machen. Das ›Aktionsbündnis
für seelische Gesundheit‹ lobt den
Film und meint in einer Pressemitteilung: »Nick Hornby zeichnet
seine depressiven Hauptfiguren
aus einem humoristischen Blickwinkel und schafft dadurch viel
Sympathie.« Ich würde mal sagen:
Keine der vier angeblich lebensmüden Gestalten würde von
SP-Lesern als psychisch krank oder
suizidal diagnostiziert, und damit
ist der Anti-Stigma-Effekt des
Kunstwerks auch zu vernachlässigen. Aber amüsieren Sie sich doch
einfach selbst: »A Long Way
Down« ist seit dem 3. April in
unseren Kinos.
Seltsame Hausbewohner
Der Profi-Musiker Antoine verlässt
wortlos die kleine Bühne, als er
eigentlich auftreten soll. Seit Wochen hat er nicht geschlafen. Nun
ist er arbeitslos und bewirbt sich
um einen Job als Hausmeister.
Mathilde (Catherine Deneuve)
verwaltet zusammen mit ihrem
Gatten das Haus; sie gibt Antoine,
wie immer ihrer Intuition vertrauend, den Job. Antoine ist ein schwermütiger Loser, gewinnt aber mit
seiner schwerfälligen Art allmählich das Vertrauen der Hausbewohner, die wohl alle, wie in Frankreich üblich, Eigentümer ihrer
Wohnungen sind. Wir lernen die
Bewohner nun mit seinen Augen
kennen. Jeder von ihnen ist eigen,
skurril oder hat eine kleine Macke.
Mathilde ist frisch berentet und
versucht mit ehrenamtlichem
Engagement die ungewohnte
Leere zu füllen. Sie beobachtet mit
Sorge einen Riss in der Wand – von
einem Statiker lässt sie sich nicht
beruhigen. Sie pinnt Zettel an die
Bäume und recherchiert Katastrophenszenarien über eingestürzte
Wohnviertel. So sammelt sie andere Paranoiker um sich. Der schwermütige Hausmeister verschwindet
immer wieder in der Wohnung
des dealenden Fahrraddiebes, um
mit ihm eine Line zu ziehen. Ein
obdachloser Sektenanhänger versucht ihm Literatur und seinen
Dobermann unterzujubeln; Antoine kann nicht Nein sagen, auch
als eines Tages Mathilde zu ihm
flüchtet, weil ihr Mann sie wegen
ihrer Phobien einweisen lassen
will. Dieser Film ist wunderbar
gesponnen, nahezu realistisch in
der Beobachtung der alltäglichen
Merkwürdigkeiten eines Häuserblocks, wie sie Sozialarbeiterinnen
von ihren Hausbesuchen kennen.
Am Ende von »Dans la cour«
verabschiedet sich Antoine mit
einer Überdosis, nur die geklauten
Rosen ranken an den Wänden des
Hinterhofs.
Seltsame Therapeuten
Nick lebt vom illegalen Verkauf
antiquarischer Bücher. Kurzfristig
muss er abtauchen, da kommt ihm
der Job als Aufpasser einer Villa
gerade recht. Hier kann er untertauchen. Doch leider muss er den
Besitzer, den alten Philosophen
und Psychologen Curt Ledig mitversorgen, weil der sich weigert,
zu seiner Tochter umzusiedeln. Nick
und Curt sind ein seltsames Paar,
und noch merkwürdiger ist, dass
die Küchenphobie, die der Alte angeblich hat, auf Nick überspringt.
Er kann keine Küche mehr betreten. Curt bereitet sich auf einen
Auftritt bei einem Symposium vor,
den ihm keiner mehr zutraut. Nick
durchstöbert schon mal die Bibliothek nach Kostbarkeiten. Curt hat
immer mehr Spaß daran, an seinem proletarischen Patienten Nick
herumzudoktern: Er befragt ihn
zu seiner Kindheit, gräbt ihn bis
zum Hals in der Erde ein und wartet gelassen die Heilung ab.
»Über-Ich und Du« von Benjamin
Heisenberg ist leider nicht mehr
als gut gespielter Unfug, voller
kleiner verrückter Details und mit
wunderbaren Anspielungen auf
geriatrische Psycho-Gurus und
ihre Jünger.
im kino
»She’s Lost Control«
Weitaus ernster meint es Claudia
Llosa in »Aloft«. Wieder einmal
fügt sich die Geschichte erst aus
zahlreichen Rückblenden zusammen. Nana hat zwei Jungs; der
kleinere wird wohl an einem Gehirntumor sterben, der ältere namens Ivan verbringt seine ganze
Zeit mit seinem geliebten Falken
Inti. Ein Heiler, genannt »der Architekt«, kommt in die Gegend, man
pilgert zu ihm. Er baut aus Ästen
fragile Gebilde, in denen sich die
heilende Energie bilden soll. Doch
Ivans Falke fliegt hinein und zerstört zum Entsetzen aller das Kunstwerk. Zufällig berührt Nana in
dieser Situation ein blindes Kind,
und so wird ihre heilende Energie
entdeckt. Am Ende des Films, viele
Jahre und Ereignisse später, fährt
Ivan mit einer jungen, schönen
Dokumentarfilmerin zum Polarkreis, um seine Mutter, die inzwischen legendäre Heilerin Nana,
zu sehen. »Aloft« überwältigt
zunächst mit traumhaft schönen
Bildern und Schauspielern, und wer
noch keinen Falken hat, der wird
sich nun wohl einen anschaffen.
Der Plot ist Behauptung und hat
das Berlinale-Publikum enttäuscht.
Sexualität, so rum und andersrum,
war das heiße Herz vieler Filme,
die von Filmknäcke an dieser Stelle
zu vernachlässigen sind. »Nymphomaniac« von Lars von Trier gab es
in der seltenen Langfassung zu sehen und wurde bejubelt; die kurze
Version war inzwischen längst in
den Kinos.
soziale psychiatrie 02/2014
»Triptyque«
Ein besonderes Kennzeichen der
Berlinale sind die vielen Filme mit
dem Topos Homosexualität – auch
sie sollen hier nur ganz kurz gestreift werden. Mal ist die schwule
Liebe inzwischen fast nebensächlich, wie die Partnerschaft der beiden alt gewordenen Männer in
»Love Is Strange«, die wie alle
anderen Opfer der Gentrifizierung
ihre Wohnung verlieren, und das
ausgerechnet in New York. Dann
wieder muss die körperliche Beziehung zweier Männer für stylishe Bilder an Strand und im Bett
herhalten, wie in dem heftig beschimpften Wettbewerbsbeitrag
»Praia do Futuro«. Und ein paar
Grenzen weiter, in Ungarn, ist
bereits der bloße Verdacht tödlich.
Der eindrucksvolle Spielfilm
»Viharsarok« basiert auf einer
wahren Geschichte über Homophobie in ländlichem Kontext.
»She’s Lost Control«, ein kleiner
Spielfilm der Filmemacherin Anna
Marquardt, beschreibt das Scheitern einer Sexarbeiterin, die mit
Männern arbeitet, die nicht in der
Lage sind, intime Nähe auszuhalten. Ronah ist noch in der Ausbildung zur Verhaltenspsychologin;
ein erfahrener Psychotherapeut
überweist ihr die Fälle und spricht
sie mit ihr durch. Supervision gibt
es nicht. Sie beginnt mit einfachen
Körperübungen, stets behält sie
das Heft in der Hand. Bei ihrem
letzten Patienten gelingt es ihr
nicht, die notwendige Distanz zu
halten. Er ist klug und unberechenbar, und sie fängt an, sich in ihn zu
verlieben und ihm nachzuspüren.
Als sie ihm während einer Sitzung
zu nah kommt dreht er durch. Mit
frischen Verletzungen sitzt sie später bei der Polizei – und geht dann
doch kommentarlos wieder weg.
Ihr Weg als Therapeutin ist zu Ende.
Anna Marquardt gelingt es gut,
das Kippen der Beziehung filmisch
umzusetzen. Umso enttäuschender sind ihre Aussagen nach der
Vorführung. Mir scheint, sie hat
sich nicht wirklich mit ihrem Sujet
auseinandergesetzt und weiß
grade mal, dass in den Niederlanden »sexual surrogates« auf Krankenschein behandeln dürfen. Das
ist mir zu wenig, um ein derart
aktuelles und heikles Thema zu
interpretieren.
Hearing Voices
Welche Bedeutung haben Sprache
und Stimme im Leben des Menschen? Der prominente kanadische
Künstler Robert Lapage hat ein
Theater-Marathon mit dem Titel
»Lipsynch« entwickelt. Drei Episoden hat er für den Spielfilm »Triptyque« herausgelöst und aus der
Nähe betrachtet. Es beginnt mit
der Entlassung von Michelle aus
der riesigen psychiatrischen Klinik
in Quebec. Sie wird von ihrer
Schwester Marie abgeholt. Der
Arzt ermahnt sie noch einmal,
regelmäßig ihre Medikamente
einzunehmen. Die schizophrene
Drehtürpatientin Michelle wird
wunderbar verkörpert von der
Schauspielerin Lise Castonguay.
Sie übernimmt wieder ihren Job in
einem kleinen Buch-Antiquariat,
wo sie sich ihren inneren Stimmen
und den spärlichen Kunden widmen kann. Wir begegnen ihr später wieder, oder ist es vorher? Der
visuell und akustisch opulente
Film arbeitet mit vielen Vor- und
Rückblenden, in deren Strom ich
manchmal die Orientierung verloren habe. Das macht aber nichts,
ich lasse mich treiben.
Marie, Michelles Schwester, arbeitet in einem Jazzclub als Sängerin
und hat einen Gehirntumor. Sie
wird von Thomas, einem deutschen
Chirurgen, in London auf die Operation vorbereitet. Sie werde wohl
vorübergehend die Sprache verlieren, kündigt er an, aber nicht die
Stimme. Sie weint. Auch Thomas,
der schöne Chirurg, hat Probleme;
wegen eines Tremors der linken
Hand kann er eigentlich nicht mehr
operieren. Ist seine unerfreuliche
Ehe der Auslöser oder vielleicht
schlicht der Alkohol, den er etwas
allzu reichlich konsumiert? Er trifft
seine Patientin Marie nach ihrem
Auftritt im Club, und die beiden
haben eine Liaison. Thomas operiert Marie, und wir sehen die Abnahme der Schädeldecke und
werfen einen Blick auf das Gehirn.
Einzelne Areale werden gereizt;
Marie muss Fragen beantworten,
um zu prüfen, wie weit das Sprachzentrum betroffen ist. Das Gehirn
ist eines der größten Wunder unserer Welt, und Michelangelo
scheint in der Sixtinischen Kapelle
seine mäandernde Gestalt bereits
erahnt und seine Bedeutung erfasst zu haben. Der Film widmet
47
02/2014 soziale psychiatrie
im kino
»Yves Saint Laurent«
sich in einer letzten Episode der
Suche von Marie nach der Stimme
ihres Vaters, die sie vergessen hat,
von dem sie aber einige Super-8Aufnahmen besitzt. Kann man die
Worte des Vaters an seinen Lippen
ablesen? Marie bittet einige befreundete Synchronsprecher, die
Stimme des Vaters einzusprechen,
doch das Ergebnis stimmt nicht.
Schließlich haben die Toningenieure eine Idee: Sie verzerren
Maries Stimme, die so zur Stimme
des Vaters wird. »In der Stimme
deines Vaters war deine Stimme
bereits enthalten.«
Manchen Rezensenten war »Triptyque« ein wenig zu pathetisch,
zu melodramatisch. Mich hat er
enorm berührt. Dieser Hymne an
das menschliche Gehirn, an die
inneren und äußeren Stimmen
sollte man sich hingeben, wie an
eine der vielen Arien, die die exzellent komponierten Großaufnahmen wunderbar ergänzen.
So wurde ich auf meiner Suche
nach der Anstalt in »Triptyque«
doch noch fündig.
Abschied von der Anstalt
Auch in dem gleichnamigen
Porträt des Modeschöpfers »Yves
Saint Laurent« gibt es eine kleine
Szene, in der der manisch-depressive Star im Einzelzimmer einer
Klinik untergebracht ist. Hier ist
die stationäre Behandlung aber
wirklich nur eine winzige Facette
in der Beschreibung eines reichen
Lebens, beginnend 1957 als Assistent von Christian Dior. Das Schwer-
48
»Midden in de Winternacht«
gewicht dieses eleganten Spielfilms von Jalil Lespert liegt auf der
Beziehung des jungen, labilen YSL
zu seinem Lebenspartner Pierre
Bergé, der ihn über die Erfolge seiner frühen Karriere und alle Exzesse und Krisen seiner Bipolarität
hinweg gestützt und begleitet hat.
Sehenswert ist der Film wegen
des Lebensgefühls jener Jahre, das
er atmosphärisch dicht vermittelt,
und vor allem wegen des 21-jährigen Schauspielers Pierre Niney,
dem vermutlich die Götter diese
Rolle gegeben haben. YSL ist ab
17. April im Kino.
Und dann noch eine allerletzte
psychiatrische Klinik »Midden in
de Winternacht«. Santa Claus, abgeschleppt von Polizei und Krankenwagen, sitzt vor dem Psychiater und behauptet steif und fest,
der Weihnachtsmann zu sein. Der
Psychiater ist ein freundlicher,
offensichtlich psychoanalytisch
orientierter älterer Herr. Sehr
freundlich versucht er die Äußerungen von Santa Claus zu deuten
und die um ihn sitzenden Patienten und Mitarbeiter in den Gruppenprozess einzubeziehen. Doch
es nützt alles nichts, Santa Claus
schreitet zum Schornstein, zieht
sich aufs Dach und reitet auf seinem Elch von dannen. »Bitte geben
Sie mir eine Injektion«, bittet der
Psychiater seine Assistentin. Der
Kinderfilm nach dem erfolgreichen
Buch von Andreas Steinhöfel »Es
ist ein Elch entsprungen« könnte
den psychiatrischen Nachwuchs,
so um das Einschulungsalter herum, auf die richtige Spur bringen.
Du musst Caligari werden!
Nein, ich bin nicht Caligari geworden und habe mich auch nicht
hypnotisieren lassen. Für viele
Fanatiker aber war die Aufführung
der digitalisierten Fassung des
Filmklassikers »Das Cabinet des
Dr. Caligari« angeblich das Highlight der diesjährigen Berlinale.
Man pilgerte in die Philharmonie,
um dort direkt auf die Leinwand
zu starren oder auf den so genannten Hörplätzen von der Seite
zu schielen. Groß angekündigt war
die musikalische Untermalung
des berühmten Stummfilms durch
den amerikanischen Multiinstrumentalisten John Zorn. Nein, ich
war nicht dabei, sondern habe nur
in der Mediathek ein wenig hineingehört. Aber ich habe ja meine
Gewährsleute. Und die meinen:
»Die Qualität des Filmes war dank
der Digitalisierung einer gut erhaltenen Fassung exzellent. Die
Orgelbegleitung war – zumindest
für uns – mehr als gewöhnungsbedürftig. Und wir können von
uns eigentlich behaupten, einiges
gewöhnt zu sein. Ich dachte zwischendurch: Der verarscht hier alle.
Das ist irgendein durchgeknallter
Performancekünstler, der gar nicht
orgeln kann und hier alle zum
Narren hält … Caligari ist ein ganz
wunderbarer Film, mit einer unerwarteten Auflösung, der einen
vielleicht etwas verstört zurücklässt mit der Frage: Was war wahr,
und was war Wahnsinn? Aber diese
Vertonung hat er nicht verdient.«
Genießen wir also dieses Meisterwerk, Mutter und Vater aller Filmknäckes, in der perfektionierten
Fassung stumm oder mit einer
inspirierten Orgelbegleitung, wie
sie zum Beispiel im Berliner Babylon zu genießen ist. ■
Noch mehr Berlinale gibt es wie immer
unter www.psychiatrie.de/bibliothek/
aktuelle-kinofilme/
52 Tuesdays, Australien 2013, 114 Min.,
Regie: Sophie Hyde
Boyhood, USA 2013, 164 Min.,
Regie: Richard Linklater
Kreuzweg, Deutschland/Frankreich 2014,
107 Min., Regie: Dietrich Brüggemann
The Forest Is Like the Mountains,
Rumänien/Deutschland 2014, 101 Min.,
Regie: Christiane Schmidt und Didier
Guillain
Neuland, Schweiz 2013, 92 Min.,
Regie: Anna Thommen
A Long Way Down, Großbritannien/
Deutschland 2013, 96 Min.,
Regie: Pascal Chaumeil
Dans la cour, Frankreich 2013, 97 Min.,
Regie: Pierre Salvadori
Über-Ich und Du, Deutschland/Schweiz/
Österreich 2014, 94 Min., Regie: Benjamin
Heisenberg
Aloft, Spanien/Kanada/Frankreich 2013,
112 Min., Regie: Claudia Llosa
She’s Lost Control, USA 2014, 90 Min.,
Regie: Anja Marquardt
Triptyque, Kanada 2013, 94 Min.,
Regie: Robert Lapage und Pedro Pires
Yves Saint Laurent, Frankreich 2013,
110 Min., Regie: Jalil Lespert
Midden in de Winternacht, Niederlande
2013, 85 Min., Regie: Lourens Blok
Das Cabinet des Dr. Caligari, Deutschland 1920, 75 Min., Regie: Robert Wiene
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