close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

1 1 Organisation der Familie Die Familie ist, wie ich in meinem

EinbettenHerunterladen
1
Organisation der Familie
Die Familie ist, wie ich in meinem ganzen Buch betone, der Inbegriff eines Umfelds, in dem
rechtschaffene Menschen herangebildet werden. Die Basis dafür besteht in der Vermittlung
von universalen Werten, den unersetzlichen Pfeilern für den Bau einer gerechteren
Gesellschaft.
Familienunternehmen, die über viele Generationen bestehen sollen, bedürfen einer
Organisationsform, die einen Mittelpunkt für alle ihre Mitglieder schafft. Gemeinsame
Tätigkeit und die Geschäfte müssen das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und eine auf
Werten beruhende Arbeitskultur fördern: Werte, die den Familienkontext überschreiten
und der Gesellschaft nützen.
Zur Erreichung dieser Ziele haben wir in unserer Familiengruppe ein aus zwei
Einrichtungen bestehendes System eingeführt, dessen Aufgabe es ist, den Zusammenhalt
aller Familienmitglieder zu gewährleisten und zur Optimierung der Ressourcen
beizutragen.
Das Zentrum für Betreuung der Familie (ZBF) widmet sich der sozialen Dimension der
großen Familie, d. h. es ist für alle Mitglieder desselben Familienzweigs und ihre
Nachkommen da. Der Zweck dieser Einrichtung besteht darin, die familiären Bindungen,
Respekt und Vertrauen zwischen allen Mitgliedern zu fördern: Sie sind dazu aufgerufen,
sich in der Mission der Familie zusammenzuschließen.
Das Verwaltungsgremium der Familie (VGF) wurde eingerichtet, um die Familie zu
organisieren und ihre ökonomische, soziale und politische Entwicklung voranzutreiben.
Mit der Einführung dieses Systems wird die Möglichkeit geschaffen, die Vorstellungen der
Beteiligten mit den allgemeinen Interessen in Übereinstimmung zu bringen. Ich bin sicher,
dass dieses Modell für viele Familienstrukturen von Nutzen sein kann. Am Anfang können
diese Einrichtungen aus wenigen Mitgliedern bestehen und ohne Formalitäten auskommen.
Später werden sie, um den Bedürfnissen und Wünschen der jeweiligen Familie Rechnung
zu tragen, eine größere Spannweite erreichen. Dann sollten Vereinbarungen hinsichtlich
1
2
ihrer Funktionsweise angestrebt werden, und während einige Richtlinien und Regeln
streng durchzusetzen sind, könnten andere flexibler gehandhabt und so den auf längere
Sicht eintretenden Veränderungen angepasst werden.
a) Zentrum für Betreuung der Familie (ZBF)
Dieses Zentrum ist das Organ, welches alle Mitglieder der großen Familie umfasst, seien es
direkte Familienmitglieder oder Schwäger, Schwägerin etc. Es kann als Klub in Form einer
Gesellschaft bürgerlichen Rechts, als gemeinnütziger Verein oder auch als Stiftung
eingerichtet werden. Als Bezeichnung kann der Name des Familiengründers dienen.
In der Satzung des Zentrums müssen die Regeln und Verfahren aufgeführt sein, die zur
Erfüllung aller in der Familienverfassung getroffenen Vereinbarungen dienen. Außerdem
beschreibt die Satzung die Funktion und die Verantwortlichkeiten der einzelnen Organe
und legt dar, in welcher Weise und unter welchen Umständen sie in Aktion treten müssen.
Hauptfunktionen des Zentrums sind die Grundwerte der Familie zu wahren, ihre
Traditionen an die künftigen Generationen weiterzugeben und die jungen
Familienmitglieder dabei zu unterstützen, ihre Berufung zu finden; Erziehung und
Ausbildung aller Familienmitglieder zu fördern und zu begleiten, die mit moralischen und
zwischenmenschlichen Aspekten verbundenen Aktivitäten zu organisieren und zu bündeln
sowie die Entwicklung individueller und kollektiver unternehmerischer Projekte zu
unterstützen, vor allem durch Beratung in administrativen, rechtlichen und finanziellen
Angelegenheiten.
Das ZBF verfolgt das Ziel, freie Männer und Frauen heranzubilden: Menschen, die in der
Lage sind, die von ihnen gewählte Tätigkeit auszuüben. Die Familienzugehörigkeit bedeutet
nicht notwendigerweise, dass die betreffende Person in Familienbetrieben arbeiten kann.
Es genügt, dass sie ihren Pflichten als Aktionär nachkommt, der seine Intelligenz und seine
Kenntnisse in das Familienunternehmen einbringt und eine konstruktive Haltung
einnimmt.
2
3
Förderung von Einzelprojekten: Man kann einen speziellen Fonds vorsehen, dessen Zweck
darin besteht, von Familienmitgliedern verfolgte unternehmerische Einzelprojekte zu
finanzieren bzw. mit einer Bürgschaft abzusichern. Darüber hinaus kann das ZBF
Unterstützung bei den Vorstudien zur Durchführbarkeit des Projekts gewähren und
Beratung in Verwaltungs-, steuerlichen, rechtlichen und finanziellen Angelegenheiten
anbieten. Diese Förderungsmaßnahmen dienen nicht nur der Entwicklung der
Familienmitglieder. Sie zielen auch darauf ab, den guten Namen der Familie zu schützen,
indem sie zu einer Reduzierung des Fehlerrisikos führen, das jedes Geschäft begleitet. Die
Aktivitäten des ZBF werden von einer Vollversammlung, einer Leitenden Kommission, den
einzelnen Arbeitskommissionen und einem Rat geregelt.
Vollversammlung der Großen Familie. Teilnehmer sind alle Mitglieder der erweiterten
Familie. Die Regeln für die Sitzungen und weitere Besonderheiten sind mit denen
vergleichbar, wie sie für das Verwaltungsgremium der Familie genauer ausgeführt werden.
Leitende Kommission: Sie kann sich aus Familienmitgliedern zusammensetzen, die über
Erfahrung in Funktionen der Exekutive verfügen, sowie einem externen Fachmann, der auf
diese Art von Institutionen spezialisiert ist. Ihre Hauptfunktion ist die Verwaltung und die
Kontrolle der einzelnen Arbeitskommissionen.
Arbeitskommissionen: Sie werden aus Familienmitgliedern zusammengestellt, die über
die Fähigkeiten und das Interesse verfügen, die von der Familie angestrebten Ziele zu
verwirklichen. Diese Kommissionen tragen die Verantwortung für die Aufstellung von
Arbeitsplänen und ihre Umsetzung.
Familienrat. Er ist der Garant des Systems, und als solcher trägt er Sorge für die
Bewahrung der Familienwerte. Er nimmt Aufgaben der Beaufsichtigung, der Kontrolle und,
im Falle von Konflikten, der Schlichtung wahr. Der Rat kann aus direkten
3
4
Familienmitgliedern bestehen, die vorzugsweise von externen Fachleuten beraten werden.
Seine Funktionen ähneln denen, die später für das VGF ausgeführt werden.
Die Wahl der Familienmitglieder, die der Leitenden Kommission und dem Rat angehören,
erfolgt im Rahmen der Vollversammlung. Vorher ist das Profil der Kandidaten zu
bestimmen, wobei zu berücksichtigen ist, dass die Wahrnehmung dieser Funktionen eine
hohe Verantwortung gegenüber der Familie, ihren humanistischen und sozialen Zielen mit
sich bringt. Es ist wünschenswert, dass die Kandidaten über mindestens fünf Jahre
erfolgreicher Erfahrung in Führungspositionen des Unternehmens verfügen. Es sollte sich
um gebildete, kluge und vertrauenswürdige Personen handeln, die an der Führung von
Projekten im Bereich sozialer Verantwortung teilgenommen haben oder aktiv politisch tätig
waren.
VOLLVERSAMMLUNG
RAT
LEITENDE KOMMISSION
ARBEITSKOMMISSIONEN
Das Rückgrat des ZBF ist die Familienverfassung (oder das Protokoll), deren Rolle
vergleichbar ist mit der, welche die Magna Charta für den Staat spielt. Dieses Dokument
muss die angestrebte Arbeitskultur und die klare Linie für ein sich an Werten
orientierendes Handeln zum Ausdruck bringen. Die Verfassung gilt auch für das
Verwaltungsgremium der Familie und muss in der Satzung aller beteiligten
Unterorganisationen Anwendung finden.
4
5
Die Familienverfassung
In diesem Dokument ist die Vision der Familie niedergelegt. Außerdem sind in ihr die
Werte, Prinzipien, Rechte und Pflichten formuliert, welche die Familienmitglieder beachten
und in Ehren halten wollen. Ebenso legt sie die Regeln für die ökonomische Entwicklung
der Familie fest und trifft Vorkehrungen zur Vermeidung bzw. Lösung von Konflikten, die in
Familienunternehmen auftreten können. Sie ist ein auf die Zukunft gerichtetes Engagement,
eine Form, komplizierte Situationen vorherzusehen und sowohl die Methoden als auch die
Regeln für das Finden der bestmöglichen Lösung festzulegen. Im Folgenden führe ich eine
Reihe grundlegender Aspekte auf, zu denen jede Familienverfassung Ausführungen machen
sollte:
1. Die Vision: Dies ist der “gemeinsame Traum”, der das Handeln und die Festlegung der
Ziele motiviert. Einige der Grundfragen, die sie zu beantworten hat, sind: Wer sind wir?
Was wollen wir sein? Wie wollen wir in die Gemeinschaft wirken? Wie möchten wir in
Erinnerung bleiben?
2. Die Mission: Hierbei handelt es sich um ein Axiom oder das Credo, welches das
grundlegende Ziel der Familie definiert. Diese Aussage muss die Bestrebungen aller
Familienmitglieder repräsentieren.
3. Werte der Familie: Hier werden die grundlegenden Überzeugungen dargelegt, welche
die Wertepyramide der Familie bilden: Erinnerungen, die Wurzeln der Familie und die von
den Vorfahren ererbte Weisheit. Man sollte auch Zitate, Maximen und Sprichwörter
aufnehmen, die den Jüngsten als Leitfaden dienen können. Wer bereit ist, sich mit den im
Folgenden von mir entwickelten Themen zu beschäftigen, schafft die Basis für ein
Dokument, an dem sich alle Familienmitglieder beteiligt fühlen:
•
Ethik: Es muss ein Verhaltenskodex ausgearbeitet werden, den die Familie zu
respektieren bereit ist. Dazu können Workshops organisiert werden, in denen die
Familie unter Mitwirkung von Spezialisten über seine Konkretisierung debattieren,
5
6
wobei eine Werteskala zugrunde gelegt wird, über die ein von allen mitgetragener
Konsens herrscht.
•
Erziehung und Bildung: Die effektive Begleitung der jungen Familienmitglieder in
den einzelnen Etappen ihrer Bildung ist ein unverzichtbares Instrument dafür, sie zu
führen und ihnen in geeigneter Weise dabei zu helfen, ihre Berufung zu entdecken
und an ihrer Verwirklichung zu arbeiten. Was man an Mühe und Zeit in maximales
Bildungsniveau und Fertigkeiten der Kinder investiert, wird in jedem Falle Früchte
tragen. Die Kultur des Wissens, die ihnen eingepflanzt wurde, und die daraus
resultierenden Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer Anlagen sind Werte, die ihnen
niemand mehr nehmen kann.
•
Soziale Verantwortung: Die Sorge um das Gemeinwohl ist von grundlegender
Bedeutung in der Entwicklung jeder Familie. Mängelsituationen aufzudecken und
sich für den Schutz der Umwelt zu engagieren sind erstrangige Aufgaben. Es ist
ratsam, die jeweilige Situation sorgfältig zu analysieren, um effektive solidarische
Aktionen planen zu können. Familienmitglieder, die sich dem sozialen Engagement
besonders verpflichtet fühlen, werden solche Aktionen vorantreiben und für diesen
Zweck vorgesehene Mittel zum Beispiel im Rahmen einer NGO verwalten. Kraft und
Klugheit auf Projekte dieser Art zu verwenden ist eine wichtige Investition, denn der
Einsatz für Verbesserungen im Leben der Gemeinschaft bringt Synergie-Effekte
hervor und gibt den Beteiligten eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung.
•
Zusammenhalt der Familie: Verursacht die große Nähe unter Familienmitgliedern
zuweilen Konflikte, kann zu große Entfernung das Zusammengehörigkeitsgefühl
schwächen und negative Folgen haben. Es ist somit notwendig, die gefühlsmäßigen
Bindungen zu pflegen und zu fördern, wobei auch die Familientraditionen zu
berücksichtigen sind. Zum Beispiel kann ein Komitee einberufen werden, das
Familienfeiern aus Anlässen wie Geburtstag, Weihnachten, Silvester etc. vorbereitet
6
7
und dafür verschiedene Aktivitäten organisiert (Spiele, Unterhaltung,
Vorführungen), wobei auch Präsentationen und Reden zu Themen aufgenommen
werden, an denen die Familie teilhaben soll. Im Vordergrund steht, dass diese
Begegnungen in guter Erinnerung bleiben und zu Einheit und Freundschaft
beitragen sollen. In effektiver Weise an der Schaffung von Vertrauen und an einer
Integration aller Familienmitglieder zu arbeiten ist von grundlegender Bedeutung.
Nur so entsteht eine große, in Liebe verbundene Familiengemeinschaft.
•
Formung von Führungskräften: Es sind Richtlinien festzulegen, an welche die
Familienmitglieder sich halten müssen, wenn sie führende Positionen in den
Unternehmen besetzen wollen. Eine aktive Teilnahme an den Geschäften ist ein
gutes Beispiel für die Jüngsten, dem sie nacheifern können.
•
Nachfolgeregelung: Die Familie formuliert ihre Wünsche in Bezug auf die Rolle, die
künftige Generationen in ökonomischer und sozialer Hinsicht ausfüllen sollen.
•
Gesundheit: Es ist ratsam, Vorkehrungen in Bezug auf professionelle Hilfe und
ökonomische Unterstützung zu treffen, die den Familienmitgliedern im Falle
gesundheitlicher Probleme gewährt wird, seien sie körperlicher oder seelischer Art.
Schnelles und effizientes Handeln ist in solchen Fällen unabdingbar.
Neben Antworten auf diese und andere Fragen hat die Familienverfassung auch Richtlinien
zu formulieren, nach denen die Satzung der einzelnen Organe unter Festlegung der
jeweiligen Verantwortlichkeiten erarbeitet wird. Regeln zur Lösung von Konflikten sollten
unbedingt konkret und detailliert sein. Damit die Verfassung Bestand hat, muss sie die
einzelnen Aspekte ausführlich behandeln und gleichzeitig so flexibel sein, dass sie sich dem
Fortschreiten der künftigen Generationen anpassen und sich auf die Realitäten und
Besonderheiten eines jeden Moments einstellen kann. Das Dokument ist somit der
eigentliche Leitfaden für das Handeln der ganzen Familie. Alle ihre Mitglieder sollten daher
7
8
– mit Unterstützung von angesehenen externen Spezialisten – größtmögliche Konzentration
und Zeit auf seine Erarbeitung verwenden. Ein solches Vorgehen wird der Verfassung und
dem aus ihren Artikeln abgeleiteten Regelwerk die notwendige Legitimität und
Beständigkeit verleihen.
b) Verwaltungsgremium der Familie (VGF)
Das Ziel dieser Einrichtung ist, wie schon gesagt, die Familie hinsichtlich der Ausbildung
sowie der ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklung zu organisieren. Zur
Organisation einer Familie gehört jedoch wesentlich mehr als zum Management eines
Wirtschaftsprojekts. Sie ist der eigentliche Raum, in dem Grundwerte, Lebensphilosophie,
Arbeitskultur und von Generation zu Generation weitergegebenen Kenntnisse von allen
geteilt werden.
Familienunternehmen mit langer Tradition sind Bestandteil unserer Geschichte und haben
ihren Anteil an der Entwicklung der Gemeinschaften, in denen sie tätig sind. Schon in
frühester Zeit haben sich die primitiven Völker der Jagd und der Landwirtschaft gewidmet
und Vorräte für die Familien und die Sippe angelegt. Über Jahrhunderte hat der Mensch sich
der Arbeit verschrieben, Waren produziert und Projekte vorangetrieben, die den
Wohlstand seiner Nachfahren mehrten. Die Geschichte kennt unzählige Beispiele von
Familien, die über die Generationen hinweg ihre Tradition, den Ort ihrer Herkunft und ihre
Wurzeln verteidigten, wobei sie das gemeinsam verfolgte Ziel über die individuellen
Interessen stellten.
Über Jahrhunderte war dies Teil der kulturellen Entwicklung des Menschen, und in
gewissem Maße verhält es sich auch heute so: Der Mensch sucht mit dem, was er tut, seine
eigene Existenz zu überschreiten, zum Wohle seiner Nachkommen und der Gemeinschaft.
Noch heute existieren in Süd- und Nordargentinien kleine Betriebe, in denen Pflanzenanbau
und Rinderzucht so betrieben werden, wie es von Generation zu Generation weitergegeben
wurde. In der ganzen Welt finden sich Beispiele für Familien, die einem gemeinsamen Ideal
nachstrebten, das Vermögen der Familie mehrten und erreichten, dass die Erben sich die
Ideale ihrer Vorfahren zu eigen machten. Solche Familienunternehmen haben Hindernisse
8
9
überwunden wie Kriege, Phasen wirtschaftlicher Stagnation, Absatzkrisen, den
unerwarteten Verlust von Führungskräften und dergleichen mehr. Erwähnt seien BMW,
Lego, Ikea, Beretta, Matsushita, Kikkoman Corp., Seagram, Johnson & Son, Cargill, Levi
Strauss & Co., Mars, die Bechtel Group, Hallmark Cards, Milliken & Co., Ford Motor Co.,
Campbell Soup, New York Times Company, WalMart, Koch, Carlson, News Corp, Comcast,
General Dynamics, HCA, Tyson Foods und Samsung. In den Ländern, wo diese
Familienbetriebe tätig sind, haben sie einen erheblichen Anteil am Bruttosozialprodukt und
leisten ihren Beitrag zum Gemeinwohl.
Trotz Globalisierung und daraus folgender Zunahme der Betriebsgröße ist in den
entwickelten Ländern ein Drittel der Betriebe in Familienhand, in Asien und Südamerika
sind es zwei Drittel.
Der Index von beständigen Familienbetrieben in den entwickelten Ländern ist allerdings
gering: Nur etwa 10 Prozent existieren länger als drei Generationen, in Asien und
Südamerika schaffen dies lediglich 5 Prozent.
Sehr attraktiv sind Projekte dieser Art im Allgemeinen unmittelbar nach ihrer Gründung
und in Zeiten des Wachstums. Solange sie positive Ergebnisse erzielen, dienen sie der
Stärkung der persönlichen Beziehungen und der Identifikation mit dem gemeinsamen
Vorhaben. Doch mit der Ausdehnung der Familie und des Geschäfts kommt es zu einer
Professionalisierung des Betriebs und zur Einstellung neuer Mitarbeiter. Es kann dann
günstig sein, im Vorfeld bestimmter Entscheidungen Befragungen anzuregen, etwa wenn
für die Besetzung leitender Stellen externes Personal unter Vertrag genommen werden soll,
wenn die Wahl von Führungskräften innerhalb des Familienkreises oder Fragen wie
Gehaltsfestsetzung und Höhe von Honoraren, Dividendenausschüttung, Maßnahmen zur
Optimierung der Wettbewerbsfähigkeit, Strategien für den Generationswechsel und
dergleichen anstehen. Themen dieser Art beeinträchtigen erfahrungsgemäß die
Familienharmonie, so dass es ratsam ist, darüber Einvernehmen zu erzielen und sie
entsprechend zu regeln. Anders als man eigentlich erwarten sollte, sind Streitigkeiten
zwischen Menschen, die sich nahe stehen, am schwersten zu schlichten nicht selten von
ungewöhnlicher Heftigkeit. In vielen Fällen schaden sie allen Familienmitgliedern: Es kann
9
10
soweit kommen, dass man an die Zerstückelung der Geschäfte und des Vermögens denkt,
um im besten Falle individuelle Firmen zu begründen, oder aber um einfach einen
aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Um solcher Art Zwist vorzubeugen oder ihn unter
Kontrolle zu halten, ist es ratsam, entsprechende Familiengremien einzurichten, klare
Regeln aufzustellen und Prozesse des Wandels – seien es Fragen der Nachfolgeregelung
oder solche, die Wirtschafts- und Geschäftszyklen betreffen – nicht dem Selbstlauf zu
überlassen. Dafür ist ein Experte in Familienangelegenheiten hinzuzuziehen, außerdem
sollte man auf diese Themen spezialisierte Rechtsanwälte zur Verfügung haben. Damit das
System Bestand hat, bedürfen gefühlsmäßige Bindungen und Vertrauen der Pflege. Alle
Familienmitglieder müssen über den formalen Ablauf der Dinge informiert sein und
Gelegenheit erhalten, ihre Meinung zu äußern. Sehr wichtig ist die Teilnahme der Jüngsten
an diesem Gremium, in dem sie Gelegenheit haben, das Zuhören und das Fragen zu lernen.
Ob die Harmonie in der Familie aufrechterhalten bleibt, hängt auch davon ab, wie deutlich
die Werte formuliert wurden, zu deren Respektierung sie sich verpflichtet hat. Dasselbe gilt
für die in Bezug auf das Geschäft getroffenen Festlegungen, insbesondere jene, die eine
Nachfolgeregelung und die Verfügung über das Eigentum garantieren.
Zusammensetzung
Die Organe des VGF sind die Vollversammlung, ein Direktorium und ein Rat, die jeweils
gemäß der in Satzung und Geschäftsordnung getroffenen Vereinbarungen tagen. Aufgrund
seiner Relevanz sollte dieses Gremium in juristisch verbindlicher Form eingesetzt werden,
damit es auf lange Sicht die Einhaltung der Familienverfassung und der Wünsche des
Gründers garantieren und zur Verwirklichung folgender Ziele beitragen kann:
a) Zusammenhalten des Familienvermögens, wobei den Mitgliedern ermöglicht wird,
Entscheidungen mitzutragen und die Verwaltung des Kapitals auf lange Sicht zu optimieren.
b) Förderung einer Investitionspolitik mit kontrollierten Risiken.
c) Schaffung eines Klimas, in dem eventuelle Konflikte geschlichtet werden können.
d) Planung der Nachfolge in der Führung der Familie, wobei geeignete Schritte zur
Heranführung der Nachfolger an ihre Aufgaben vorzusehen sind.
10
11
Die Satzung des VGF muss eine Geschäftsordnung enthalten, welche im Falle eines Dissens
ein System vorsieht, durch das entweder der Familienrat oder die Vollversammlung mittels
eines differenzierten Abstimmungsverfahrens (in Fällen, die dies erfordern, mit
qualifizierter Mehrheit) eingreifen. In der Geschäftswelt steht das VGF für die
Berechenbarkeit des Unternehmens und schafft Vertrauen. Für externen Gesellschafter,
Mitarbeiter, Zulieferer, Kunden, Institutionen und Beamte ist es wichtig zu wissen, dass
eine organisatorische Struktur existiert, in der das Thema der Nachfolgeregelung geklärt
ist, hohe Werte vertreten werden, eine solide Unternehmenskultur herrscht und ein
professionelles System besteht, das über die ökonomische und soziale Entwicklung wacht.
Rückt der Moment der Nachfolge näher, kommt dem VGF eine entscheidende Rolle zu: Der
Firmengründer kann im Vertrauen auf die Wirksamkeit der vereinbarten Regelung handeln
und seine Führungsfunktion in geplanter Weise abgeben. Dadurch kann er sich persönlich
der Aufgabe widmen, seine Nachfolger an die Übernahme der Leitungsfunktionen
heranzuführen. Dieser persönliche Kontakt ist von großer Bedeutung, denn schriftliche
Anweisungen, mögen sie noch so präzise sein, sind nicht dasselbe wie eine direkte
Weitergabe von Kenntnissen und Erfahrungen. Dieses Systems hat den Vorzug, dass im
Leben dessen, der etwas hinterlässt, in aktiver Weise mehrere Generationen
zusammenleben, und die festgelegten Regeln finden erneut Anwendung, wenn die
Nachfolger später selbst den Staffelstab weitergeben. So wird ein verantwortungsvoller
Umgang mit allem, was die Familie betrifft – in den positiven, aber auch in den
problematischen Aspekten – gesichert.
Die folgenden Grafik veranschaulicht die allgemeine Struktur des Gremiums: Die
Familienmitglieder tagen in der Vollversammlung, diese delegiert die Ausführung der
großen Entscheidungen an das Direktorium, das seinerseits über ein Familienbüro (FB)
verfügen kann. Der Familienrat agiert als Garant des Systems und Schlichter im Falle von
Konflikten.
11
12
VOLLVERSAMMLUNG
VERWALTUNGSGREMIUM
DER FAMILIE (VGF)
FAMILIENRAT
DIREKTORIUM
FAMILIENBÜRO
Die Vollversammlung ist das Forum, in dem sich alle Familienmitglieder äußern, in dem
sie versammelt sind, um in Angelegenheiten zu beraten und zu entscheiden, die von
gemeinsamem Interesse sind und mit Aspekten des Interesses der Familie in Verbindung
stehen. Das Gremium funktioniert nach dem Kollegialprinzip, das heißt, zunächst
entscheiden die aufgrund ihres Verwandtschaftsgrades oder durch Festlegung in der
Geschäftsordnung dazu legitimierten Personen, welche Themen auf die Tagesordnung
gesetzt werden. Es ist wichtig, dass die Familienmitglieder mit den auf der
Vollversammlung zu behandelnden Themen gut vertraut sind; die aktive Teilnahme aller
trägt zu Harmonie, Zusammenhalt und Stabilität der Familienbeziehung bei und sichert das
Funktionieren des Systems. Die Versammlung muss nach den festgelegten Formalitäten
stattfinden, etwa in Bezug auf das Quorum und die notwendigen Mehrheiten. Vor allem sind
die Festlegungen zu Teilnahmeberechtigung, Einberufung und Konstituierung der
Versammlung, Diskussion und Abstimmung zu respektieren. Ihrem Selbstverständnis nach
ist sie das repräsentative Organ der Familiendemokratie, denn in ihr üben die Mitglieder ihr
Recht aus, die notwendigen Informationen zu erhalten und mittels Stimmabgabe zu
entscheiden. Die Versammlung kann vom Gründer oder einer von ihm benannten Person
geleitet werden; durch Abstimmung mit qualifizierter Mehrheit kann diese Funktion auch
einer anderen Person oder direkt dem ältesten Familienmitglied übertragen werden. Neben
12
13
den vom Direktorium oder vom Rat einberufenen Sitzungen muss die Vollversammlung
mindestens zweimal pro Jahr an vorher festgelegten Terminen tagen.
Die Vollversammlung ist berechtigt, die wesentlichen Themen der Familienorganisation zu
diskutieren und zu analysieren; dazu gehören auch Eigentumsangelegenheiten, soziale,
humanitäre, kulturelle und andere Fragen, die im ZBF festgelegt wurden.
Das Direktorium ist die administrative Einheit, welche die von der Vollversammlung
beschlossenen Vorhaben auf den Weg bringt. Es arbeitet nach dem Kollegialprinzip. Damit
eine effektive Arbeit gewährleistet ist, sollte es aus wenigen Mitgliedern (wenigstens 3,
höchstens 9) bestehen. Um Patt-Situationen zu vermeiden, sollte die Gesamtzahl ungerade
sein.
Das gute Funktionieren des Direktoriums ist von höchster Bedeutung für die Geschicke der
Familie, denn sein Auftrag besteht darin, die in der Vollversammlung beschlossene Politik
und die dort getroffenen Entscheidungen umzusetzen.
Der Präsident des Direktoriums muss alle Bedingungen erfüllen, die an eine Führungskraft
zu stellen sind. Er muss in der Lage sein, Konflikte in kurzer Zeit zu lösen, und über das
Vertrauen der einzelnen Familienzweige verfügen, um autonom entscheiden zu können. Die
Mitglieder des Direktoriums werden mit den Stimmen der ganzen Familie in der
Vollversammlung gewählt. Dies verleiht ihnen Autorität und die zur Ausübung ihrer
Funktion nötige Legitimität. Zusammengefasst: Das Direktorium plant und führt in den
Unternehmenszielen angemessener und effizienter Form aus, was die Vollversammlung
beschlossen hat.
In erster Instanz und je nach den Bedürfnissen der Familie kann sich das Direktorium aus
Eltern, Kindern und qualifizierten Fachleuten zusammensetzen. Doch es ist wichtig, auch
die folgenden Generationen nach und nach an die Arbeit in diesem Gremium
heranzuführen, damit es sich mit der Zeit erneuert. Kriterium für das Profil der
Direktoriumsmitglieder ist die bestmögliche Anpassung an die konkreten Umstände, es
sollte im Einklang mit dem erreichten Grad der Konsolidierung des VGF stehen und auf sich
ergebende Notwendigkeiten reagieren. Damit Raum für neue Ideen bleibt, sollten die
13
14
Mitglieder ihre Funktion nur eine begrenzte Zeit ausüben und dann anderen die
Möglichkeit geben, in diesem Gremium mitzuarbeiten.
Der Rat erfüllt als Garant des Systems Aufgaben der Supervision und der Kontrolle, in
Konfliktfällen handelt er als Schlichter. Er kann aus einer kleinen Anzahl direkter
Familienmitglieder bestehen, wobei externe Fachleute, die das Vertrauen der Familie
genießen, seine Tätigkeit begleiten. Die Ratsmitglieder sollten über große Erfahrung
verfügen, sie können sich bereits im Ruhestand befinden oder demnächst in diesen gehen.
Hauptfunktionen des Rates sind: a) Beratung des Direktoriums und der Familienmitglieder;
b) direktes (oder vermittelt über Dritte) Eingreifen als Schlichter oder Schiedsrichter in
Konfliktfällen; c) Überprüfung der ordnungsgemäßen Funktion des Systems. In seiner
Geschäftsordnung kann die Aufnahme externer Spezialisten, die in Streitfällen eingreifen
bzw. schlichten, oder die Weiterleitung bestimmter Fälle an externe Stellen vorgesehen
werden. Für die Beilegung von Meinungsverschiedenheiten ist es wichtig, das aufgetretene
Problem gründlich zu analysieren, es in seiner zeitlichen Dimension zu betrachten und das
korrekte Eingreifen erfahrener Personen zu ermöglichen. Der Rat trägt Sorge dafür, dass
die Werte der Familie bewahrt werden, und seine Mitglieder agieren als Tutoren des
Systems.
Familienbüro (FB)
Das Familienbüro ist eine administrative Einheit, die funktionell der Leitung des VGF
untersteht. Seine Führung sollte externen Fachleuten überlassen bleiben;
Familienmitglieder sollten beteiligt, aber in der Minderheit sein. Bei Bedarf kann das FB
über bewährtes Personal für die Unterstützung in rechtlichen Fragen bzw. Abgaben und
Buchhaltung, Versicherung und dergleichen betreffenden Angelegenheiten verfügen, wobei
besondere Aufmerksamkeit auf die Bereitstellung und Ausbildung der menschlichen
Ressourcen zu richten ist. Zu seinen Aufgaben kann auch die Schaffung eines Fonds zur
Finanzierung neuer Geschäftsideen gehören, deren Realisierung von Mitgliedern der
Familie angestrebt wird. Ein weiteres Thema, dessen sich das FB annehmen kann, ist die
soziale Verantwortung. Durch entsprechende Aktionen kann es im Zusammenwirken mit
14
15
anderen Institutionen Hilfe für die Bedürftigsten anbieten, vorrangig bei der Ausbildung
und bei der Suche nach einem guten Arbeitsplatz.
Erhalt des Familienvermögens
Damit das Familienvermögen erhalten bleibt, müssen die persönlichen Interessen denen
der ganzen Familie untergeordnet und ein hoher Grad an Effizienz und
Wettbewerbsfähigkeit aufrechterhalten werden. Es ist wichtig, dass Werte wie Leidenschaft
für die Arbeit, Beharrlichkeit und Klugheit in den Genen der Familie verankert sind. Das
Eigentum sollte durch entsprechende Rechtsformen gegen Wechselfälle abgesichert
werden, wie sie im Vererbungsfall eintreten können.
Bei der Verwaltung der Unternehmen muss ein hoher Grad an Professionalität herrschen.
Die Garantie des Systems sind die Verlässlichkeit und Unabhängigkeit der Mitarbeiter und
die Hierarchisierung der Funktion des Direktoriums, wobei die Formalitäten in seiner
Beziehung zur Vollversammlung einzuhalten sind.
Damit das Unternehmen auf dem Markt glaubwürdig ist, müssen sowohl seine
Organisationskultur als auch seine Politik auf dem Gebiet der menschlichen Ressourcen
einen guten Ruf genießen. Die Fachleute verfügen innerhalb der von ihnen bekleideten
Posten über völlige Aktionsfreiheit und werden nach ihrer Leistung bewertet. Ihr Handeln
erfolgt im Rahmen der Geschäftsordnungen und der Abläufe in den einzelnen Betrieben, sie
sind der Geschäftsleitung und den Kontrollgremien der jeweiligen Gesellschaften
gegenüber rechenschaftspflichtig.
Die Familienorganisation muss geeignete Maßnahmen ergreifen, um bei ihren Mitgliedern
eine Kultur des Wissens zu fördern. Auf diese Weise werden sie sich an den strategischen
Entscheidungen des Unternehmens beteiligen und zum Wohle der Gemeinschaft wirken
können. So werden auch künftige Generationen dazu ermutigt, sich einzubringen, sie
empfinden sich als Teil Familie, verteidigen deren Interessen und unterstützen auf diese
Weise eine effiziente Führung des Unternehmens.
Führung
15
16
Neue Führungskräfte brauchen Zeit und müssen Erfahrungen sammeln, bis sie ihren
Aufgaben in vollem Maße gewachsen sind. Jedes Management hängt von den besonderen
Eigenschaften der Person ab und von den Herausforderungen, denen sie sich zu stellen hat.
Vertrauen, geistige Offenheit, Teamarbeit und eine feste, aber auf die Mitarbeiter
eingehende Führung sind wesentliche Charakteristika, die der neuen Leitung ein
erfolgreiches Arbeiten ermöglichen. Das Vertrauen zwischen den Mitgliedern des Systems
beruht auf einer klaren und sachlichen Kommunikation, Wort und Tat müssen stets
übereinstimmen. Alle Beteiligten sollten über den Raum verfügen, in dem sie ihre Gedanken
offen aussprechen können. Bevor eine Entscheidung getroffen wird, müssen die
Führungskräfte allen die Möglichkeit geben, sich frei zu äußern, damit ein genaues Bild von
der allgemeinen Interessenlage gewonnen wird. Eine im Team getroffene Entscheidung hat
größere Legitimität und wird möglichem Gegenwind besser widerstehen können.
Zwar ist es nicht möglich, eine einzige und universale Terminologie der Führungstätigkeit
aufzustellen, doch werden die folgenden Charakteristika dem, der Führungsaufgaben
übernimmt, die Arbeit erleichtern:
Ein Leiter muss die Fähigkeit haben, bescheiden zuzuhören, die Geschicklichkeit, sich mit
den fähigsten Mitarbeitern zu umgeben; im Team zu arbeiten; er muss klug, beharrlich und
davon überzeugt sein, dass mit intelligentem und engagiertem Handeln positive Resultate
zu erreichen sind. Ein guter Leiter darf sich nicht durch Schwierigkeiten aufhalten lassen,
vielmehr wird er im richtigen Moment handeln und auch Risiken in Kauf nehmen. Die
neuen Führungskräfte müssen proaktiv sein in Bezug auf die berufliche Entwicklung
sowohl der talentiertesten Familienmitglieder als auch der Mitarbeiter mit dem größten
Entwicklungspotential. Diesem Personenkreis müssen wichtige und verantwortungsvolle
Aufgaben übertragen werden, und dabei sollten sie an strategischen Aktionen des
Unternehmens teilnehmen. Einen guten Leiter zeichnet die Fähigkeit zur Entdeckung neuer
Potentiale und zur Unterstützung ihrer Entwicklung aus. Die große Herausforderung, der er
sich mit Leidenschaft stellt, besteht für ihn darin, die verschiedenen Einzelwillen zu einem
gemeinsamen Ziel zusammenzuführen. Führungskräfte müssen bereit sein, die Kultur des
Wissens zu inkorporieren, und sollten auch die anderen zu ständiger Weiterbildung
16
17
ermuntern. So werden sie die zu lösenden Aufgaben stets aus innovativen Perspektiven
wahrnehmen können.
Im Folgenden erwähne ich die einzelnen Typen der Leitung, wie sie in
Familienunternehmen auftreten können, mit ihren Vorzügen und möglichen
Schwierigkeiten.
Individuelle Leitung
Die zentralisierte Leitung ist oft in der Hand des Gründers, der das meiste Kapital hält. Mit
der Expansion des Unternehmens ist jedoch die Einstellung neuer Fachkräfte notwendig,
was die in einer einzigen Person konzentrierte Führungstätigkeit schwieriger macht. In
diesem Falle ist eine allmähliche Vorbereitung der möglichen Führungskräfte
unverzichtbar, und die Organisation muss so beschaffen sein, dass bestimmte
Entscheidungen zweckmäßigerweise von Managern und verantwortlichen Mitarbeitern auf
mittlerer Ebene getroffen werden. Wird das Unternehmen von seinem Gründer geführt,
sind Vorkehrungen für den Fall seines Ablebens und dessen Folgen nötig. Fragen, die in
dieser Situation entstehen, sind zum Beispiel: Wie wird das Eigentum vererbt? Wer
entscheidet? Wie bewerkstelligt man den sofortigen Übergang von einer zentralisierten
Führung zu einem Modell, bei dem sie sich die Leitungstätigkeit auf mehrere Personen
verteilt? Einen Nachfolger in der Familie zu finden, auf den sich alle einigen können, kann
sich in dieser von Gefühlen dominierten Situation als eine unlösbare Aufgabe erweisen. Es
kann auch zur Formierung eines Blocks kommen, der die Führung in die Hände einer
Person legen will, die nur einen Teil der Familie repräsentiert. Noch komplizierter wird es
unter Umständen, wenn die Aktionäre Geschwister sind und vor der Wahl des neuen
Leiters evaluiert wird, wer von ihren Kindern als Kandidat in Frage käme.
Der Übergang der Leitung auf die folgende Generation erfordert Zeit und eine festgelegte
Strategie. Die Familie muss die möglichen Szenarien bewerten und dafür sorgen, dass die
Organisation in effizienter Weise weitergeführt wird. Dabei muss die Generation, die sich
zurückzieht, den Nachfolgern zugestehen, dass sie es sind, die den Übergangsprozess
prägen. Ein Führungsstil, der früher angemessen war, kann in einer Welt beständiger
17
18
Veränderungen und immer komplexerer Wettbewerbsanforderungen obsolet geworden
sein. Momente wie diese sind somit als Chance zu begreifen, den Kurs eines Unternehmens
zu konsolidieren und seine Energien zu erneuern.
Leitung durch Geschwister
Ihre Fähigkeiten und Eignung für die jeweiligen Aufgaben müssen die Geschwister durch
ihre Leistungen nachweisen, und sie sollten frei, in völliger Offenheit und solidarisch
miteinander kommunizieren. Wenn sich zeigt, dass einer von ihnen – wie es in den meisten
Fällen geschieht – das Zeug zu einem herausragenden Leiter hat, sollte er dazu in der Lage
sein, die Mitarbeiter an der Erfüllung der Führungsaufgaben teilhaben zu lassen. Seine
Autorität und damit die Legitimität seines Führungsanspruchs stützen sich auf die Qualität
der von ihm geleisteten Arbeit, den Einsatz für die Prinzipien der Familie und
Großzügigkeit. Die Leitung durch Geschwister pflegt von hoher Komplexität zu sein, da es
zu Interferenzen mit persönlichen, emotionalen und psychologischen Fragen kommen
kann. Meist üben auch die jeweiligen Partner ihren Einfluss aus. Wird dies von vornherein
beachtet, können Missverständnisse und Spannungen vermieden werden.
Sind die Geschwister in ähnlicher Weise für das Geschäft begabt und verfügen sie über etwa
gleich große Anteile am Kapital, kann es angeraten sein, dass sie Führungspositionen in
verschiedenen Unternehmen oder Regionen besetzen. Das worst scenario ergibt sich, wenn
Geschwister um die Führung streiten, die Verbindung abbrechen oder es zur ökonomischen
Trennung kommt. Aus diesem Grunde ist es notwendig, die Rollen und
Verantwortlichkeiten klar abzugrenzen. Im Falle von Meinungsverschiedenheiten, die nicht
im Dialog beigelegt werden können, sollte man erst einmal Zeit vergehen lassen und die
Schlichtung des Konflikts auf einem der dafür vorgesehenen Wege, etwa durch den
Familienrat, anstreben.
Der Erfolg einer Unternehmensleitung durch Geschwister kann seine solide Basis in der
Erziehung und die eventuell im ZBF oder VGF erworbenen Erfahrungen haben. Die
Motivation erwächst aus der gemeinsamen Vision von den Zielen des
Familienunternehmens, und als Team zu agieren bedeutet auch einen Arbeitsstil zu
18
19
entwickeln, in dem Erfolg und Niederlage in solidarischer Form geteilt werden. Haben wir
es mit gut ausgebildeten Familienmitgliedern zu tun, welche über die für Führungsaufgaben
notwendigen Qualitäten verfügen, sollte es zu keiner Art von Kontroversen kommen.
Leitung durch Verwandte
Diese Art der Leitung ergibt sich nach der dritten Erbengeneration. In diesem Falle ist die
Aktionärsstruktur zu berücksichtigen, um Ungleichgewichte in der Machtverteilung zu
vermeiden, und es ist die Zahl der Erben in jedem Familienzweig zu beachten. Wer seine
Aktien durch Erbschaft, also nicht durch aktive Teilnahme an der Organisation des
Unternehmens erworben hat, steht ihm möglicherweise fern. Das Interesse am
Familienunternehmen schwindet auch dadurch, dass die Zahl der Begünstigten in
geometrischer Progression wächst und nur noch sehr kleine Aktienanteile mit
entsprechend geringerem ökonomischem Anreiz gehalten werden. In diesem Fall sollte die
ökonomische Handlungsfähigkeit der Organisation dadurch erhalten werden, dass man ihre
“kritische Masse” erhöht. Das Eigentum muss ständig kapitalisiert werden, wobei die
Erträge über der Inflationsrate liegen müssen und nur ein geringer Anteil der erzielten
Gewinne verteilt werden darf.
Für das Funktionieren eines Familienunternehmens, kann man zusammenfassend sagen, ist
ein System, wie ich es vorschlage, von großer Bedeutung. Schon in jungen Jahren sind die
Familienmitglieder durch ZBF und AGF in eine Arbeitskultur eingebunden, die sich auf
dauerhafte Werte stützt. Der Anreiz, das begonnene Werk fortzuführen, entsteht aus dem
Bewusstsein der Nachfolger, dass sie ihr Geschick in den eigenen Händen halten: Sie
werden glücklich sein können, wenn sie fähig sind, die ihnen vom Leben gegebenen Rollen
auszufüllen und diese Tätigkeit genießen. Die notwendige Basis dafür sind das Wissen, das
sie zu erwerben in der Lage waren, und die Konsolidierung einer wirksamen Werteskala.
Auf diese Weise wird das Familienvermögen Bestand haben.
Nur ein Team von Führungskräften ist in der Lage, sich den Herausforderungen zu stellen,
wie sie Wachstum und der Konkurrenz auf den heutigen globalen Märkten mit sich bringen.
Die Geschäftsleitung erfolgreicher Familienbetriebe ist in den meisten Fällen aus
19
20
Eigentümern, Managern und Gesellschaftern zusammengesetzt. An der Spitze der
Organisation steht jedoch immer eine Person, die über die nötige Autorität verfügt, um über
die großen Themen zu entscheiden und dafür Sorge zu tragen, dass der Geist, in dem das
Familienunternehmen gegründet wurde, lebendig bleibt.
20
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
8
Dateigröße
197 KB
Tags
1/--Seiten
melden