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Menschenaffen wie wir - University College London

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DOI:10.1002/biuz.200910394
Plädoyer für eine radikale evolutionäre Anthropologie
Menschenaffen wie wir
V OLKER S OMMER
Eine grundsätzliche Unterscheidung von Tieren und
Menschen ihrem Wesen nach wird durch die evolutionäre
Anthropologie in Frage gestellt. Die konsequente Ausformulierung eines strikt gradualistischen Programmes hat dabei
nicht nur wissenschaftliche Konsequenzen, sondern führt
zudem zu einer evolutionsbiologisch informierten Verschiebung ethischer und existenzieller Perspektiven. Eine entsprechende Debatte ist mittlerweile unter den Stichworten
„Naturalismus“ und „evolutionärer Humanismus“ in Fahrt
gekommen. Diese Denkrichtung soll hier vornehmlich
anhand von Befunden der Primatologie illustriert werden.
as und wie wir sind verdanken wir der Stammesgeschichte. Dass wir über einen Milliarden
Jahre alten Strom mit anderen Lebensformen verbunden sind, zweifeln die meisten Zeitgenossen nicht
grundsätzlich an [16]. Gleichwohl unterscheiden wir
quasi reflexhaft „Menschen“ von „Tieren“. Diese Dichotomie zeichnet nicht nur unsere Alltagssprache aus,
sondern ist auch explizite Annahme vieler Philosophen,Theologen und Naturwissenschaftler. Erkenntnisfördernd ist sie nicht.
Die so selbstverständlich erscheinende Tier-MenschTrennung wurde mit Ausformulierung der Evolutionstheorie vor 150 Jahren grundsätzlich fragwürdig. Dass
die Grenze nicht scharf ist, belegte zunächst die vergleichende Anatomie, indem sie abgestufte Ähnlichkeiten hinsichtlich des Körperbaus nachwies. Zusätzlich
erkannte speziell Darwin,dass Echos der Vergangenheit
auch in unseren so genannten „geistigen“ Dimensionen
erklingen [13] – in Verhaltensmustern, Selbstbildern,
Glaubensvorstellungen und sozialen Normen.
Entsprechend begriffen bereits frühe Anhänger der
darwinischen Theorie den Menschen als Tier, betonten
jedoch „einmalige“ Charakeristika wie Sprache, Technologie oder Kultur. Derlei Merkmale sind jedoch
schwer zu definieren. Zudem wurde das Konzept der
„Sonderstellung“ durch Fortschritte der Verhaltensbiologie zunehmend relativiert.Besonders Freilandstudien
an Menschenaffen lösten die Mensch-Tier-Grenze weiter auf. Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos wurden dabei zunehmend vermenschlicht (an-
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thropomorphisiert) und Menschen vertierlicht (zoomorphisiert). Das Vorgehen halten viele Verhaltensforscher nicht nur für legitim, sondern für geboten –
eben weil sie sich als Gradualisten verstehen, die in
Übergängen denken, statt in strikten Klassen.
In Fortführung des Ansatzes der vergleichenden
Anatomie schaffen die modernen Methoden der Molekularbiologie und Genomik [1, 3] interessanterweise
für klare Einteilungen mehr Probleme, als sie lösen –
denn je genauer die Untersuchungen, desto mehr Unterschiede werden ersichtlich.Es ist aber weithin in das
Belieben des jeweiligen Taxonomen gestellt, welche
dieser „innerartlichen“ Variationen als so essenziell anzusehen sind, dass sie ein eigenes Taxon konstitutieren
[5, 8].
Eine wesensgemäße Unterscheidung von Mensch
und Tier aufgrund von Merkmalen im Körperbau ist jedenfalls unhaltbar, weil die Kriterien willkürlich sind.
Aber auch Trennungen, die sich auf „geistige“ Fähigkeiten berufen, bleiben gewöhnlich nur solange in Mode,
bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das genau das kann, was angeblich allein die Krone der
Schöpfung auszeichnet.
Denken in die Zukunft
Nehmen wir den berühmten Homo faber. Demnach
machte Werkzeugbenutzung das spezifisch Menschliche aus – bis Jane Goodall erstmals beobachtete, wie
wilde Schimpansen Zweige bearbeiteten,um damit Termiten zu angeln.Die Messlatte wurde daraufhin einfach
höhergelegt. Zu den revidierten Behauptungen gehörte: Allein Menschen fertigen Geräte vorausschauend und für zukünftigen Gebrauch; nur Menschen bewahren sie für erneute Benutzung auf; allein Homo sapiens setzt verschiedene Artefakte in logischer Folge
ein.
Speziell Forschungen an Schimpansen belegen, wie
unzulässig auch diese neuerlichen Abgrenzungsversuche sind [10].So wählen die Menschenaffen bestimmte
Pflanzenarten aus, je nachdem, ob sie hartes oder biegsames Rohmaterial benötigen, und transportieren die
Zweige über teilweise erhebliche Distanz zum zukünftigen Einsatzort.Wollen sie etwa Termiten fischen oder
Bienenhonig löffeln, beißen sie die Enden bürstenartig
auf. Das vergrößert die Oberfläche und damit die Ausbeute. Bienen nisten gern in Baumhöhlen. Schimpansen zeigen extreme Geduld,um diese Behausungen auf© 2009 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
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A B B . 1 Nicht nur der Körperbau zeugt von gemeinsamer
Abstammung – auch die mentalen Welten von Menschenaffen
und Menschen ähneln einander. Gleichwohl zerstören wir die
Lebensräume unserer nächsten Verwandten flächendeckend.
Dabei gäbe es viel, was wir von- und übereinander lernen könnten.
Bild: Jutta Hof.
© 2009 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
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A B B . 2 OrangUtan. Die rotbehaarten
„Menschen des
Waldes“ leben
weitgehend einzelgängerisch
auf Borneo und
Sumatra. Seit
mehr als zehn
Millionen Jahren
durchlaufen sie
eine eigene Entwicklung abseits
der Stammform
von Gorillas,
Schimpansen,
Bonobos und
Menschen.
Bild: Jutta Hof.
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zubrechen – und hämmern mit Knüppeln oft mehr als
tausendmal darauf ein.Zeitweilig beginnen sie diese Arbeit am Morgen, unterbrechen für eine Mittagspause
und fahren am Nachmittag fort. Außerdem legen sie geeignete Hölzer in den Baumkronen für eine zukünftige
Wiederbenutzung ab [17].
Wilde Schimpansen spüren überdies im Boden metertief verborgene Ressourcen durch Probebohrungen
auf. Im Umkreis von Termitenbauten gilt es etwa, dicht
bevölkerte Kammern zu finden.Dazu drücken die Menschenaffen einen harten Stock in die Erde, ziehen ihn
wieder heraus und beriechen das Ende. Dies wiederholen sie vielfach – bis sie über Geruch und Erdwiderstand eine lohnende Quelle lokalisieren. Dann führen
sie ein zweites,biegsames Werkzeug ein.Um Erdhöhlen
stachelloser Bienen zu finden und auszubeuten, setzen
Schimpansen gar fünf, sechs verschieden gestaltete
Grabstöcke und Honiglöffel ein – so, wie wir unseren
Werkzeugkästen verschiedene Schlüssel entnehmen.
Derartige Berichte erschienen anfangs unglaubhaft,
sind aber mittlerweile mehrfach bestätigt. Gleichwohl
wissen wir verschwindend wenig über Leben und Treiben unserer nächsten Verwandten. Halbwegs systematische Beobachtungen begannen vor gerade 50 Jahren,
während Menschengesellschaften seit Jahrtausenden
dokumentiert werden.
Deshalb sind auch Beobachtungen in Gefangenschaft weiterhin wertvoll – etwa die an einem Schimpansenmann in einem schwedischen Zoo, der kaltblütig für die Zukunft plante.Dies entkräftet den Einwand,
wilde Menschenaffen würden Gegenwart und Zukunft
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keineswegs kognitiv trennen, weil ihre Beutezügen
durchgängig von demselben Nahrungsbedürfnis motiviert seien. Der Zooschimpanse sammelte jedenfalls regelmäßig Steine. Außerdem klopfte er aus Zement gegossene Gehegeteile ab, um Hohlräume zu finden. Hier
brach er Brocken aus, die er teilweise zu handlicheren
Scheiben zerschlug. Das Material versteckte er strategisch nahe am Wassergraben. Erst Stunden oder Tage
später setzte er es als Wurfgeschosse gegenüber dem
Publikum ein [9].
Die Munitionssammlungen ähneln 2,6 Millionen
Jahre alten Lagern von Steinwerkzeugen in Ostafrika,
die Hominiden zugeschrieben werden. Aber waren es
wirklich immer „Menschen“, die diese Artefakte sammelten? Ausgrabungen in westafrikanischen Wäldern
weisen jedenfalls nach,dass Schimpansen dort seit Jahrtausenden Hämmer und Ambosse aus Stein zum Nüssezerschlagen einsetzen. Viele angebliche Belege archaischer menschlicher Erfindungskraft könnten also
in Wirklichkeit widerspiegeln, dass auch das Denken
der Menschenaffen noch nie prinzipiell auf das Hier
und Jetzt beschränkt war.
Panthropologie
Zu den zäheren Versuchen, das Einzigartige der conditio humana zu belegen, zählt Berufung auf die alleinige „Kulturfähigkeit“ der Menschen – wobei auch dieser Graben zunehmend erodiert. Vieles hängt an der
Definition von „Kultur“ – wovon wohl ebensoviele
existieren, wie es „Kulturen“ selbst gibt. Zu den klarsten Kriterien zählt, dass Menschen je nach Wohnort un© 2009 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
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terschiedlichen Sitten folgen – was unsere kulturelle
Vielfalt ausmacht. Aber auch die Gebräuche nichtmenschlicher Tiere können sich je nach Lebensraum
unterscheiden. Obwohl also zur gleichen Art zählend,
differieren lokale Populationen hinsichtlich ihrer sozialen Gepflogenheiten, Subsistenztechniken oder Nahrungsgewohnheiten.Derlei Unterschiede sind nicht angeboren, sondern im sozialen Kontext erlernt [6].
Drückerfische beispielsweise blasen Seegurken
durch einen Wasserstrahl um, um dann deren ungeschützte Seite auszufressen. Im Roten Meer allerdings –
und nirgendwo sonst – transportieren die Fische ihre
Beute im Maul vorsichtig nach oben und lassen dann
los.Während die Stachelhäuter langsam nach unten trudeln, attackieren die Fische deren unbewaffnete Körperstellen. Seeotter beuten ihre Nahrung gleichfalls unterschiedlich aus.Entlang der kalifornischen Küste paddeln sie rückwärtig auf dem Wasser, balancieren dabei
eine Muschel auf dem Bauch, um sie dann mit einem in
den Vorderpfoten gehaltenen Stein zu zerschlagen. Otter weiter nördlich zeigen diese Technik nicht.
Wie zu erwarten sind speziell auch nicht-menschliche Primaten kulturfähig. So kommen periodisch in
manchen Gruppen von Kapuzineraffen in Costa Rica
bizarre Spiele in Mode. Dabei werden ausgewählten
Partnern die Zehen gelutscht, ihnen werden Finger in
die Nase gesteckt oder gar unter die Augäpfel geschoben. Dies dürfte wenig angenehm sein und erfordert
einiges Vertrauen. Genau das ist wohl die Funktion der
Intimitäten:Wer sie teilt, signalisiert Bereitschaft zu Allianz in anderen, meist aggressiven Kontexten. Außergewöhnlich kann es ebenfalls unter Japanmakaken zugehen. So nehmen die Affen mancherorts Kiesel in die
Hände und klopfen sie klackernd aneinander – eine
nutzlose Tätigkeit, die vielleicht die Identität der
Gruppe markiert.
Musterschüler in Sachen Kultur sind erneut Schimpansen – was diesbezüglichen Forschungen an der Gattung Pan den treffenden Spitznamen „Panthropologie“
eintrug. Leiden sie an Durchfall, pflücken Schimpansen
die rauen Blätter ausgewählter Pflanzen, falten sie und
schlucken sie unzerkaut – was den Darm reizt und
Wurmparasiten ausscheidet. Die genauen Mechanismen der Selbstmedikation sind unklar, doch muss diese
Naturheilkunde über Generationen sozial weitergegeben werden.Wieder fällt auf, wie „prominente“ Verhaltensweisen das kulturelle Profil mancher Bevölkerungen ausmachen – während sie anderswo komplett fehlen. So planschen Kommunitäten des Senegal in
flachen Teichen,während andere Gruppen Kontakt mit
Wasser panisch meiden. Im nigerianischen Gashaka
wiederum isst jeder Schimpanse jeden Tag Ameisen,
rührt aber nie die weitaus nährreicheren Termiten an.
Wären die Schimpansen Menschen, würden sie aufgrund des Wasser- oder des Termiten-„Tabus“ als Anhänger einer magisch-religiösen Weltanschauung gel© 2009 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
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ten. Die Psychologie der Menschenaffen jedenfalls
dürfte jener ähnlich sein, über die sich Ethnien definieren: „Du willst ein Gashaka-Schimpanse sein? Dann iss
Ameisen soviel Du willst, aber komm bloß nicht auf die
Idee, je eine Termite anzurühren. Oder die Wassergeister zu stören. Sowas macht man nicht...“
Konvergente Denklandschaften
Der Katalog an Merkmalen, mit denen sich eine
menschliche Sonderstellung eben nicht belegen lässt,
ist mittlerweile umfangreich. Zur Freude der Gradualisten werden Tier-Mensch-Protagonisten zuweilen mit
eigenen Waffen geschlagen – etwa, wenn an Bildschirmen geschulte Schimpansen zufällige Zahlenfolgen
schneller und genauer rekapitulieren können, als Studenten.
Neben der Kultur hält sich das Ja oder Nein der
Sprachfähigkeit als hartnäckiges Thema – wobei auch
hier viel an den Definitionen hängt. Manche in Menschenobhut aufgewachsene Menschenaffen lernen jedenfalls, gesprochenes Englisch zu verstehen oder
kommunizieren mittels Gebärdensprache oder Kunstsprache über eine Computertastatur. Zudem können
Zöglinge „sprechender“ Eltern deren Vokabular übernehmen, ganz ohne eigene formelle Schulung. Meerkatzen im nigerianischen Gashaka wiederum verblüffen, weil die Affen nicht nur ihre Raubfeinde Leopard
und Kronenadler mittels spezifischer Referenzlaute
auseinanderhalten. Vielmehr führt eine Kombination
der Rufe zu völlig neuer Bedeutung,nämlich der,in eine
bestimmte Richtung weiterzuziehen – ganz ähnlich,
wie Einzelworte in verschiedenen Sätzen einen anderen Sinn bekommen können.
„Primatozentrisch“ zu argumentieren liegt nahe,
weil Affen und Menschenaffen uns am nächsten stehen
– weshalb die Mensch-Tier-Dichotomie hier am ehesten aufweicht. Gleichwohl sind menschenähnliche
mentale Leistungen in paralleler Evolution mehrfach
unabhängig voneinander entstanden [4]. Eine solche
Konvergenz der Denklandschaften scheint durch komplexe soziale Umwelten begünstigt zu sein – die nicht
nur bei Primaten an der Tagesordnung sind, sondern
ebenfalls bei Elefanten, Ratten, Walen, Papageien oder
Krähenvögeln. Ein kompliziertes Miteinander stellt offenbar harte Anforderungen an Gehirne, weil Sozialleben nicht nur Vorteile bietet, etwa Schutz vor Raubfeinden oder Möglichkeiten der Zusammenarbeit.
Gruppengenossen sind vor allem auch Konkurrenten,
die eigenen Vorteil suchen – und sich dabei nicht
scheuen, Täuschung und Falschinformation einzusetzen [12].
Die Hypothese der Machiavellischen Intelligenz
sieht dadurch eine Rüstungsspirale in Gang gesetzt: In
dem Maße, wie die Gefahr wuchs, von anderen übervorteilt zu werden, wurde das eigene Gehirn zu einem
immer besseren Lügendetektor und gleichzeitig immer
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effizienteren Manipulationsapparat [11]. Das demonstrieren Rabenvögel. Wird vor den Augen von zwei im
Gehege gehaltenen Vögeln Futter versteckt, fliegen
beide um die Wette los, sobald das der Versuchleiter erlaubt. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wird das
Versteck aber nur einem Raben gezeigt und kommt ein
zweiter erst hinzu, wenn das Gitter geöffnet wird, so
lockt der „wissende“ Rabe den anderen sonstwo hin –
ein offensichtliches Ablenkungsmanöver. Sobald der
Wissende dem Versteck näher ist als sein Konkurrent,
räumt er den Speicher rasch aus.
Nicht nur Menschen sind also in der Lage,sich in andere hineinzuversetzen und damit „Gedankenleser“ zu
sein.
Die Gemeinschaft der Gleichen
Die Befunde der Primatologie zwingen uns,speziell das
Verhältnis zumindest zu unseren allernächsten Verwandten zu überdenken. Das betrifft zunächst die Taxonomie: Die Einteilung der Hominoidea, der Menschenartigen, hat bereits mehrere Revolutionen hinter
sich. So wurden bis in die 1970er Jahre die Großen
Menschenaffen als Familie Pongidae den Hominidae gegenübergestellt, mit Homo sapiens als einziger lebender Form. Bei den Pongidae verblieb allein der OrangUtan, als die Gattungen Gorilla und Pan (Schimpanse,
Pan troglodytes; Bonobo, P. paniscus) den Hominidae
eingegliedert wurden. Als die Molekularbiologie klar
machte, dass Pan mit Gorilla weniger nahe verwandt
ist als mit Homo, wurde es eng. Denn nun musste eine
Zwischendecke eingezogen werden, um innerhalb der
Hominidae den „Tribus“ der „Gorillini“ abzugrenzen
vom Tribus der „Panini“, zu dem nunmehr Pan und
Homo zählen.
Der wirklich konsequente Schritt steht aus. Genetiker kalkulieren je nach ausgewählten Markern, dass
sich Homo und Pan maximal 2 bis minimal 0,6 Prozent
unterscheiden (während durchschnittlich 4 Prozent
zwischen Menschenmännern und -frauen liegen...).
Differierte das Erbgut von Käfern um solche Bruchteile, würden sie gewiss nicht alternativen Genera zugeschlagen. Somit ist die Forderung durchaus angemessen, unsere Gattung zu erweitern – durch Umbenennen von Schimpansen in Homo troglodytes und
Bonobos in Homo paniscus [15].
Diese Sicht ist zusätzliche Unterstützung für die
Forderung, den Großen Menschenaffen einige jener
Rechte zuzugestehen, die bisher nur für Menschen gelten – so das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit von Folter. Die Initiative der Philosophen Peter Singer und Paola Cavalieri macht sich seit
gut 15 Jahren dafür stark, Menschenaffen in die „community of equals“ aufzunehmen,die „Gemeinschaft der
Gleichen“.Es würde damit als Unrecht gelten,sie in medizinischen Experimenten zu Tode zu richten oder ihren Lebensraum zu zerstören. Zugleich sollen sie als
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„Personen“ angesehen werden – nicht zuletzt, weil
Menschenaffen sich in andere Wesen hineinversetzen
und in die Zukunft denken können, weshalb ihre Leidensfähigkeit der unseren sehr ähneln dürfte [2].
Solche Überlegungen setzen andere historische Debatten logisch fort – beispielsweise die, ob Frauen wählen sollen, ob Menschen ihr zugeschriebenes Geschlecht ändern dürfen, ob jemand mit dunkler Hautfarbe als Sklave gehalten werden darf. In diesen Fällen
wurde die „Gemeinschaft der Gleichen“ jeweils erweitert. Der Moment scheint gekommen, erneut inklusiver
zu werden (wobei die anthropozentrische,willkürliche
Grenze zwischen Menschenaffen und anderen Tieren
selbstverständlich ebenfalls hinterfragt werden kann).
Die Notwendigkeit praktischer Einschränkungen
spricht nicht gegen den Grundsatz. Obwohl sie ein
Recht auf körperliche Unversehrtheit haben, dürfen
viele Menschen – Kinder, Komakranke – beispielsweise
nicht wählen. Ganz ähnlich wird wohl niemand ein
Recht auf Bildung für Bonobos fordern wollen. Unhaltbar erscheint aber zumindest der Speziesismus, der Ungleichheit über ein essenzielles Artverständniss rechtfertigt.
Naturalisierung des Geistes
Beobachtungen wie die an Primaten oder Rabenvögeln
unterstützen den Ansatz einer „Naturalisierung des
Geistes“ – jenes Programmes, das alles Mentale auf
Hirnprozesse zurückführen will. Zu den Grundeinstellungen dieser reduktionistischen Weltanschauung gehören: Parsimonie (die einfachste Erklärung gilt), Materialismus (mentale Zustände existieren, sind aber
identisch mit Gehirnzuständen), Monismus (während
die Welt gemäß des traditionellen Dualismus aus zwei
Substanzen besteht – Geist und Materie –, behauptet
der Monismus, dass nur physikalische Wirkungen real
sind), sowie Gradualismus (zwar beruht Evolution auf
„Sprüngen“, den Mutationen, doch gehen hierdurch angestoßene Veränderungen in so kleinen Schritten vor
sich, dass Wandel quantitativ und allmählich erfolgt –
weshalb Übergänge stets fließend sind) [14]. Solche
Konsequenzen sind in dem Maße unausweichlich, wie
die Dichotomie Tier-Mensch zusammenfällt. Angesichts
dessen, was wir heute über Menschenaffen wissen:Wer
will da weiter einen Doppelstandard behaupten wollen, wonach allein Menschen Verstand, Geist, freien Willen oder Seele besitzen, und mit Gott durch Gebet in
> A B B . 3 Gorilla. Die größten der heute lebenden Primaten schlugen vor etwa sechs bis elf Millionen Jahren einen
Sonderweg ein und sind heute auf Zentralafrika beiderseits des Äquators beschränkt. Ihre Gruppen werden von
einem Silberrücken angeführt, dem allerdings oft weitere
erwachsene Männer zur Seite stehen. Die Weibchen entscheiden sich gewöhnlich mehrmals im Leben für einen
Gruppenwechsel. Bild: Jutta Hof.
© 2009 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
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Kontakt treten können, um nach einem tugendhaften
Leben in Ewigkeit unter Engeln zu weilen?
Zeit für ein Bekenntnis: Derlei Selbstverständlichkeiten meiner intellektuellen Kinderjahre kamen mir
abhanden, weil sie nach Jahrzehnten Forschung in der
weiten Natur keinen Sinn mehr haben. Ohne Zögern
begreife ich mich deshalb mittlerweile so, wie „Tiere“
traditionell begriffen wurden: als geist-los, gott-los,
seelen-los und radikal sterblich – wenn meine Neuronen zerfallen, geht das Licht aus.Was bleiben wird, sind
Erinnerungen an mich in anderen, ebenfalls vergänglichen Gehirnen, Schimpansen eingeschlossen.
Zeit für die Gretchenfrage: An was glauben Sie? Für
den Selbsttest werden drei Positionen zur Auswahl geboten – wobei, auch entsprechend offizieller Haltung
etwa der großen christlichen Glaubensgemeinschaften
– keine dabei das Faktum einer Evolution anzweifelt.
Erste Haltung: Ich bin Pro-Dualist und Non-Gradualist. Ich glaube an übernatürliche Kräfte, die nicht
den Gesetzen der Physik unterliegen, und meine, dass
Menschen sich von Tieren in ihrem Wesen unterscheiden. Beispielsweise kennen nur Menschen einen Unterschied zwischen Gut und Böse. Irgendwann im
Laufe der Evolution offenbarte sich Gott den Urmenschen, hat ihnen Geist geschenkt, Verstand, eine Seele
und die Möglichkeit,nach dem Tod selig zu leben.Hölle
und Himmel sind frei von Neandertalern und Gorillas.
Zweite Haltung: Ich bin Pro-Dualist und Pro-Gradualist. Ich glaube an Übernatürliches, doch akzeptiere
ich die Erkenntnisse der Verhaltensbiologie. Deshalb
muss ich annehmen, dass manche Tiere wie Menschenaffen ebenfalls Verstand, Bewusstsein und Geist haben
– und vermutlich zudem freien Willen und eine Seele.
Somit wird die Ewigkeit von allerlei Getier bevölkert,
das sich im Diesseits gut und richtig verhielt. Der Himmel ist ein Zoo.
Dritte Haltung: Ich bin Non-Dualist und Pro-Gradualist. Ich akzeptiere nur die Gesetze der Physik. Ich
meine,dass weder Menschen noch andere Tiere „Geist“
oder unsterbliche Seele haben. Manche Tiere einschließlich Menschen verfügen über ein Bewusstsein,
das ihnen etwa vorgaukelt, sie würden frei handeln,
und dass es göttliche Welten gibt. Diese Illusionen waren über weite Strecken der Evolution nützlich und
machten Gläubige zu brauchbaren Gen-Vehikeln – deren individuelle Kombination aber nach dem Tod in materielle Bestandteile zerfällt [7]. Somit können wir den
Himmel nur auf Erden haben.
Dass ich mit der letzten Haltung mehr als sympathisiere, dürfte klar geworden sein. Gleichwohl erkennt
mein strikter Monismus durchaus an,dass unser Gehirn
dazu neigt, an Supranaturales zu glauben. Wir sind ein
evolvierter Homo religiosus. Rituale wie Gebet, Meditation,Tanz können deshalb zur Empfindung der Außerkörperlichkeit führen,einer unio mystica mit dem Göttlichen, Seelenreisen und tiefen Glücksgefühlen – was
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die Neuropsychologie empirisch bestätigt. Es erscheint
mir deshalb wenig hilfreich, derlei neuronale Potenzen
zu leugnen, sie per se als rückwärtsgewandt zu verdammen,oder sie mit missionarisch atheistischem Eifer
ad absurdum führen zu wollen. Denn einerseits kann
sich auch ein „aufgeklärtes“ Gehirn an Bachmessen
und Weihrauch erfreuen. Andererseits ist eine säkulare
Spiritualität durchaus möglich – Atheisten können
ebenfalls meditieren [7].
Jenseits von Gut und Böse
Die skizzierte gradualistische Sicht kann und sollte in
Ethikdebatten einfließen. Im Unterschied zu religiös
begründeten Handlungsanweisungen existieren für
jene, die in der Tradition Darwins argumentieren, allerdings keine ewigen Werte, kein unwandelbares Wissen
um Gut und Böse.Vielmehr gilt es zu akzeptieren, dass
sich Normen ändern, wenn sich Umwelten ändern. Der
Klimax-Regenwald ist mehrfach der Savanne gewichen
– genauso wie „Hoch“-Kulturen einander ablösten.Wie
es mithin kein ökologisches Gleichgewicht gibt, weil
sich das Klima stets wandelt, existiert ebenfalls kein
ethisches Gleichgewicht.
Wertvorstellungen sind darum relativ, inklusive dessen, was als lobenswert oder verwerflich gilt.Vorhautbeschneidung, Verzehr von Ameisen oder gleichberechtiges Diskutieren zwischen Mann und Frau gelten
in manchen Kulturen als Gräuel, in anderen als Tugenden. Derlei Werte prallen in einem mehr und mehr globalen Kontext immer häufiger zusammen. Genau deshalb sind die Zeiten vorbei, dass Kulturen auf ihren je
eigenen Kodex pochen könnten. Die ökonomisch Ausgebeuteten der Subsahara mögen deshalb meinen energieveschwendenden Lebensstil genauso hinterfragen,
wie ich die Jagd auf „Buschfleisch“ anprangere,die Afrikas Menschenaffen in die Ausrottung treibt.
Eine zeitgemäße, evolutionsbiologisch orientierte
Ethik wird also Handlungsanweisung an Weltenbürger
sein müssen. Der Streit wird dabei nie enden, sollte
aber mittelfristig stabile Ergebnisse zeitigen, die dem
Stand der Wissenschaft Rechnung zollen. Nehmen wir
die Forderung nach Personenstatus für Menschenaffen
– die vor 20 Jahren nicht nur mir selbst absurd erschienen wäre. Heute wird der Gedankengang oft durchaus
sympathisierend reflektiert.
Was möglich ist, demonstriert ein einst erzkonservatives Land wie Spanien: Da werden die für Menschenaffen geforderten Rechte gesetzlich verankert.
> A B B . 4 Schimpanse. Ökologische Flexibilität erlaubte
es diesen Menschenaffen, sich über weite Regionen
Afrikas auszubreiten. Noch vor fünf Millionen Jahren teilten sie mit Bonobos und Menschen einen gemeinsamen
Vorfahren. Die Trennung war allerdings nicht vollständig,
weil gemeinsame Fortpflanzung weiterhin an der Tagesordnung blieb. Bild: Jutta Hof.
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Verkehrte Welt? Deutschland hat jedenfalls Nachholbedarf.Wenn man hier die Zeichen der Zeit ernst nimmt,
dann sollte die Forderung nach „Leitkultur“ nicht rechten Rufern überlassen werden. Sie sollte sich vielmehr
manifestieren im Sinne einer neu verhandelten Ethik,
wie ich sie mir wünsche: der eines evolutionären Humanismus.
Literatur
[1] M. L. Arnold, Reticulate Evolution and Humans. Origins and Ecology, Oxford University Press, Oxford, 2008.
[2] P. Cavalieri, P. Singer (Hrsg.), The Great Ape Project. Equality Beyond Humanity, St. Martin's Press, New York, 1993.
[3] W. Enard, S. Pääbo, Comparative primate genomics, Annual Review of Genomics and Human Genetics 2004, 5, 351–378.
[4] S. Hurley, M. Nudds (Hrsg.), Rational Animals?, Oxford University
Press, Oxford, 2006.
[5] J. Mallet, A species definition for the Modern Synthesis, Trends in
Ecology & Evolution 1995, 10, 294–299.
[6] W. C. McGrew, The Cultured Chimpanzee: Reflections on Cultural
Primatology, Cambridge University Press, Cambridge, 2004.
[7] T. Metzinger, The Ego Tunnel. The Science of the Mind and the
Myth of the Self, Basic Books, New York, 2009.
[8] R. Neumann, How to be a species? Struggling for (a) concept(s).
Lab Times 2009, 1, 20–23.
[9] M. Osvath, Spontaneous planning for future stone throwing by
a male chimpanzee, Current Biology 2009, 19, R190–R191.
[10] V. Sommer, Schimpansenland. Wildes Leben in Afrika, C. H. Beck,
München, 2008.
[11] V. Sommer, Von Menschen und anderen Tieren. Essays zur Evolutionsbiologie, Hirzel, Stuttgart, 1999.
[12] E. Voland, Grundriss der Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz, Gustav Fischer, Jena, 2006.
[13] G. Vollmer, Evolutionäre Erkenntnistheorie, Hirzel / Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 2002.
[14] F. J. Wetz, (Hrsg.), Ethik zwischen Kultur- und Naturwissenschaft.
(Kolleg Praktische Philosophie, Bd. 1), Philipp Reclam jun., Stuttgart, 2008.
[15] D. E. Wildman, M. Uddin, G. Liu, L. I. Grossman, M. Goodman, Implications of natural selection in shaping 99.4% nonsynonymous
DNA identity between humans and chimpanzees: Enlarging genus
Homo. Proceedings of the National Academy of Sciences 2003,
100, 7181–7188.
[16] F. M. Wuketits (Hrsg.), Wohin brachte uns Charles Darwin? (Schriftenreihe der Freien Akademie 28), Angelika Lenz, Neu-Isenburg,
2009.
[17] www.congo-apes.org
Zusammenfassung
Aktuelle Erkenntnisse der Evolutionsbiologie sind nicht nur
wissenschaftlich bedeutsam. Vielmehr haben sie auch weltanschauliche Konsequenzen, die unter den Stichworten
Naturalismus und evolutionärer Humanismus zunehmend
diskutiert werden. Wer konsequent gradualistisch denkt, für
den ist die wesensgemäße Unterscheidung von Tier und
Mensch ebenso problematisch wie dualistische Philosophien, die auf supranaturale Kräfte bauen. Speziell reformbedürftig ist unser Verhältnis zu Menschenaffen, deren
Denkwelten den unseren ähneln. Ihnen wäre deshalb Personenstatus zuzuerkennen, und unsere eigene Gattung durch
Umbenennung der Schimpansen in Homo troglodytes zu
erweitern.
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Summary
Current evolutionary biology is not only of scientific importance, but has major philosophical consequences for our understanding of what human beings are – as reflected in recent discourses about “naturalism” and “evolutionary humanism”. A strict gradualist approach will question any
dichotomy of “humans” versus “animals” as well as dualistic philosophies that assume supernatural forces. Revisions
are likewise needed in our relationship to great apes as our
nearest relatives. Their mental worlds are very similar to
ours. Apes should therefore be regarded as persons, and our
own genus should be enlarged to include chimpanzees as
Homo troglodytes.
Schlagworte
Primatologie, evolutionäre Anthropologie, evolutionärer Humanismus, Menschenaffen, Personenstatus
Der Autor
Volker Sommer hat als international führender
Primatologe am University College London einen
Lehrstuhl für evolutionäre Anthropologie inne
(www.ucl.ac.uk/anthropology). In Asien und Afrika
betreibt er Feldforschung zur Öko-Ethologie von
Affen und Menschenaffen (www.ucl.ac.uk/gashaka).
Einer breiteren Öffentlichkeit ist der engagierte Naturschützer durch Fernsehsendungen sowie Bücher
bekannt, zuletzt „Darwinisch denken“ (Hirzel,
2007) und „Schimpansenland“ (C.H. Beck, 2008).
Als wissenschaftlicher Beirat der „Giordano-BrunoStiftung“ setzt er sich für eine säkulare Weltsicht
ein.
Korrespondenz:
Prof. Dr. Volker Sommer
Department of Anthropology
University College London
GB London WC1E 6BT
Email: v.sommer@ucl.ac.uk
Die Fotografin
Jutta Hof arbeitet hauptberuflich als Heilpraktikerin
in der Nähe von Frankfurt. Die außergewöhnliche
Intensität ihrer Menschenaffen-Portraits führt sie
auf eine intuitive Nähe zurück.
Kontakt:
jutta.hof@t-online.de
© 2009 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
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Seele and Geist
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