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Epirrhema Müsset im Naturbetrachten Immer eins wie alles achten

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Epirrhema
Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten;
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;
Denn was innen, das ist außen.
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis.
Freuet euch des wahren Scheins,
Euch des ernsten Spieles;
Kein Lebendiges ist Eins,
Immer ist’s ein Vieles.
Johann Wolfgang von Goethe
Die Zyklische Ordnung
Zu künstlerischen Arbeiten von Laura Baginski
„Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren. Wo
sie sich durchdringen – ist er in jedem Punkte der Durchdringung“1, so
schrieb Novalis in einem seiner zahlreichen Aphorismen. Nicht also in einem
möglichen Innenraum des Subjekts, in dem die überkommene Philosophie
seelische Phänomene vielfach verorten wollte, sondern in einem bestimmten
Verhältnis von Innen- und Außenwelt soll sich die Seele des Menschen
finden lassen. Der Seele auf die Spur zu kommen, bedarf deshalb einer
Annäherung an die uns umgebende Welt der Dinge, einer Lektüre der großen
‚Chiffrenschrift der Natur’, wie es heißt, die sich auf unterschiedlichen
Objekten wie etwa den Wolken des Himmels, dem Gefieder der Vögel, den
Mineralien und Kristallen oder in der Welt der Pflanzen auffinden lässt.
Die Natur, von der hier die Rede ist, unterscheidet sich nicht unerheblich
von jener anderen Natur, die in den modernen empirischen Wissenschaften,
wie etwa in der Physik, in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt wird. Die
Betrachtung einer Natur, die uns als Raum von Chiffren entgegentritt, bedarf
nicht jener methodischen Distanznahme von den Gegenständen der Untersuchung, die für jedes im Laboratorium durchgeführte Experiment selbstverständlich ist, sondern fordert eine innere Annäherung an das Gegebene, eine
besondere, nicht zuletzt von Affekten getragene, den Dingen sich hingebende
Empathie. Der Romantiker Novalis trat an, um den alten sinnerfüllten,
durch Wissenschaft und Aufklärung in Bedrängnis geratenen Kosmos zu
retten, weil er in ihm eine unverzichtbare Quelle der Selbstverständigung
des Menschen erblickte. Nur in einem geduldig sich hingebenden Lauschen
auf die sprechende Natur kann sich das Subjekt seiner eigenen Natur vergewissern; in einem bestimmten Verhältnis zur äußeren Welt und nur dort
entdecken wir uns selbst.
1
Novalis: Im Einverständnis mit dem Geheimnis, Freiburg 1980, S. 28
Im künstlerischen Denken von Laura Baginski lassen sich vergleichbare
Motive ausmachen. Ihre Zeichnungen und plastischen Arbeiten stehen im
Kontext der vor allem durch die Romantik angestoßenen Bemühungen, die
durch die technisch-wissenschaftliche Moderne verschärfte Entzweiung von
Subjekt und Objekt einschließlich der immer wieder konstatierten Entfremdung des Menschen von sich selbst und der umgebenden Natur zurückzunehmen. Eine herausgehobene Rolle in ihrem Programm spielt dabei die
Welt der Pflanzen, die eine gewisse Mittelstellung zwischen dem Raum des
Animalischen oder Menschlichen und jener Sphäre des Anorganischen
besetzen, der die Erde, das Wasser, die Gesteine, Mineralien und Metalle
angehören. Selbst bereits als eine besondere Form des Lebens anzusehen,
haben die Pflanzen gleichwohl noch nicht die Evolutionsstufe jener Wesen
erklommen, die wir im vollen und uneingeschränkten Sinne als beseelt
betrachten. Dennoch kehren sie Eigenschaften hervor, die wir bei Tieren oder
Menschen in ähnlicher Weise beobachten können, denn sie wachsen, streben
zum Licht, entfalten auf eigenaktive Weise ihre organischen Strukturen,
reproduzieren und vermehren sich über Praktiken geschlechtlicher Fortpflanzung und bleiben auf diese Weise vom anorganischen Sein durch einen
unüberwindlichen Abgrund getrennt. In den Augen von Laura Baginski
liefern die Formen des Vegetabilischen einen Schlüssel zum Verständnis
entsprechender Eigenschaften des Menschen. Indem sich das Subjekt in die
Formen und Gestalten der Pflanze vertieft, so die hier leitende Überlegung,
kann es Züge seiner selbst entdecken, die ihm bis dahin möglicherweise
verborgen geblieben sind. Die Pflanze bildet in diesem Sinne so etwas wie
einen in der Außenwelt niedergelegten Text, der vom Menschen und den
in ihm angelegten Potentialen handelt. Ähnlich wie im Denken des Novalis
soll die Kontemplation von Formen der Natur dem Subjekt Wege zu einem
veränderten Leben eröffnen.
Selbsterkenntnis und Selbstentfaltung konstituieren sich hier wie dort also
nicht über Verfahren der Introspektion, einer bloßen Selbstbespiegelung des
Einzelnen, sondern über eine bestimmte Synthese von Innen- und Außenwahrnehmung. Was sich dem Subjekt in dieser Form der Koexistenz
erschließt, ist eine mehr als nur abstrakte Gewissheit von der zyklischen
Struktur des Lebens, die in der Pflanzenwelt in exemplarischer Form hervor-
tritt. Wachstum und Verfall sind hier in einer Ordnung ewiger Wiederkehr
untereinander verkettet: was wächst, muss vergehen, und auf jedes Absterben
folgt schließlich neues Leben. Die sich zeigende zyklische Ordnung der
Natur bildet nicht etwa eine Quelle der Verzweiflung - weil sich hier jedes
individuelle Leben als unaufhebbar endlich darstellt -, sondern liefert
vielmehr, wie die Künstlerin hervorhebt, den Anlass eines Trostes, der jener
Trauer begegnet, die aus der Verdrängung innerer und äußerer Natur resultiert. In der im Zeichen des Vegetabilischen vollzogenen Versöhnung von
Subjekt und Objekt soll die Existenz eine Stabilität entwickeln können, die
sie im Raum der pragmatisch-instrumentellen Rationalität vielfach verloren
hat. Kunst zielt in diesem Fall auf eine jenseits der durch Kultur produzierten Spaltungen und Differenzen angesiedelten Kontinuität des Seins. Die so
verstandene künstlerische Praxis berührt sich mit Formen des mythischen
Denkens, in dem der Einzelne als Glied einer übergreifenden Schicksalsordnung angesehen wird, gegen die er sich nur um den Preis schmerzhafter
Verwerfungen aufzulehnen vermag. In diesem Feld regiert der Gedanke einer
sämtliche Unterschiede überbrückenden Verwandtschaft aller existierenden
Einzelwesen.
Die zyklische Ordnung der Dinge findet ein Korrelat in entsprechenden
ästhetischen Praktiken. Mit Blick auf die stetige Wiederkehr von Wachstum
und Verfall zeigt die Künstlerin in einem lang gestreckten, farbig bemalten
Relief eine lineare Abfolge gleicher Formen aus der Welt der Pflanzen. Die
serielle Multiplikation von Blüten, Blättern, Früchten und keimenden
Samenkapseln tritt in den Dienst der Vorstellung einer periodisch sich
erneuernden Natur. Macht diese Arbeit vom Prinzip des klassischen Reihenornaments Gebrauch, so zeigen auch zahlreiche andere Zeichnungen oder
Reliefs eine deutliche Neigung zur ornamentalen Form. Die organischen
Gebilde, die hier in Szene gesetzt sind, weisen in ihrer stilisierten Struktur
auf jene Ordnungsmuster zurück, die in den Samen in Gestalt der genetischen Information niedergelegt sind. Die Zeichnungen, die diese naturspezifischen Zusammenhänge imitieren, zeigen die für die animalische und
vegetabile Natur typischen Formrepetitionen, Spiegelungen und Symmetrien.
Laura Baginski entwickelt eine eigene Bildwelt, in der sich die aufgenommenen Formen von Pflanzen mit Versatzstücken der menschlichen Figur
verbinden: Kopf wird zur Blüte, Blatt wird zum Arm und der Stiel verwandelt sich in den Leib. Die Art der wechselseitigen Annäherung von Subjekt
und Objekt findet hier auf der Ebene der geformten Objekte bildhafte
Metaphern. Die ornamentale Stilisierung der Mischwesen gibt dabei einen
Hinweis auf den spezifischen Charakter der der Natur zugewandten Existenz
des Menschen. Der Raum der Seele, der sich öffnen soll, bestimmt sich
zugleich als Schauplatz einer rituell stilisierten Interaktion. Im Ritus distanziert sich der Einzelne von jener Idee unbedingter Handlungsfreiheit, in der
die sinnlichen Bindungen des Einzelnen gezielt zurückgedrängt werden. Das
Subjekt agiert hier in Abhängigkeit von einer inneren Natur, die zu erheblichen Anteilen im Hintergrund des zwecksetzenden Bewusstseins wirksam ist
und nur schwer auf die Stufe des expliziten Wissens gehoben werden kann.
Vor allem die Romantik, in deren Tradition die Künstlerin arbeitet, hat auf
die Bedeutung des Unbewussten für das Leben des Menschen aufmerksam
gemacht. Die Versöhnung des Subjekts mit der äußeren Natur, wie sie
Novalis beschrieben hat, impliziert zugleich den Versuch, in die Nacht der
eigenen inneren Natur hinabzusteigen. Auch hier gewinnt die Pflanze
metaphorische Bedeutung. Als Organismus, der sich selbstbestimmt entfaltet,
ohne über das Licht des Bewusstseins zu verfügen, gibt sie ein poetisches Bild
der unbewusst ablaufenden Vorgänge der Psyche. Die dem Licht entgegen
wachsende Pflanze gleicht einer schlafenden, dabei ungebrochen strebenden
und begehrenden Seele. Bilder dieser Art liefern dem Einzelnen den Anstoß,
jene latenten Prozesse ins Auge zu fassen, die sämtliche Bewusstseinsakte
grundieren und begleiten. Die intendierte Erfahrung der Natur impliziert die
Gewissheit, dass gerade hier im Raum des unbewussten Seelenlebens, dem
auch der Schlaf und der Traum zuzurechnen sind, die unverzichtbaren
Quellen für eine vitale Entfaltung der Existenz aufzufinden sind. Die Forderung, die Wirklichkeit dem Traum anzunähern, wie sie sich beispielgebend
bei Novalis findet, legt Rechenschaft von diesem spezifischen Zusammenhang ab. Laura Baginskis Bildwelt kommuniziert auch mit diesem in der
Romantik entwickelten Motiv. So stellt sich der zwischen dem Subjekt und
seinem Gegenstand aufgespannte Raum als eine Sphäre dar, in der eine
produktive Kommunikation zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten möglich werden kann.
Die Künstlerin hat über die ins Ornament übersetzte Pflanzenmetaphorik
hinaus ein weiteres Motiv ins Spiel gebracht, das die Implikationen der
geforderten Erschließung innerer und äußerer Natur deutlich werden lässt.
Eine auf einem Sockel platzierte Plastik zeigt den Kopf und Oberkörper eines
Menschen, der einen großen Fisch mit den Armen umfängt, der sich selbst
dem Körper dieses Menschen anschmiegt. Dieses Bild eines symbiotischen
Verhältnisses von Mensch und Tier liefert ein Stück poetische Anthropologie.
Das vom Reich der Natur getrennte Subjekt wird hier in einer Situation
präsentiert, in der es sich der verlorenen Ordnung über eine physische
Berührung wieder annähert. Fast scheint es, als wäre der Fisch die fehlende
Hälfte des existierenden Menschen, selbst nur ein Fragment, zu dem er in
seinen Träumen immer wieder zurückkehrt. Das Subjekt ist in diesem Bild
durch einen elementaren Mangel bestimmt und deshalb offenbar zu einer
stetigen Suche nach Mitteln der Tilgung dieses Mangels verurteilt. Für das
fehlende Element steht hier das der vormenschlichen Natur angehörende
Wesen des Fisches. Die Welt des Wassers, der der Fisch entstammt, war
immer schon ein Bild für die kaum auszulotenden Abgründe und Sehnsüchte
des Subjekts, an die in dieser plastischen Arbeit auf eindrucksvolle Weise
erinnert wird. Der auf ungebrochene Macht pochende Mensch, so könnte
man deren unausgesprochene Botschaft umschreiben, muss überwunden
werden. An dessen Stelle soll ein durch Affinitäten und Empathien bestimmtes Verhältnis zwischen den Entzweiten entwickelt werden. Dies ist nur
möglich, wenn sich das Subjekt eine Logik der Kontinuität zu eigen macht,
durch die auch sein Anderes zu sich selbst befreit wird.
Hans Zitko
“Wachstumsfries”, 2008
Gips, 39 x 310 x 15 cm
“Madonna mit Kind”, 2007
Gips, 52 x 29 x 12 cm
“Gebär-Mutter”, 2009
Gips, 48 x 194 cm
“Florales I”, 2009
Gips, 48 x 34 cm
“Frau / Kabeljau”, 2009
Gips, 28 x 40 x 53 cm
“Mother Splendor”, 2006
Tusche auf Papier, 205 x 645 cm
Foto: K AH Bonn
“Eddingserie II”, 2006
Edding auf Papier, 93 x 154 cm,
Foto: K AH Bonn
Biographie
* 7. Oktober 1980 in Benediktbeuern
seit 2002 Kunststudium an der Hochschule für
Gestaltung Offenbach
2004
European Media Art Festival, Osnabrück
2005
„studio interim...“, Hafen2, Offenbach
2005
51. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen
2007
Stipendium der Künstlerhilfe Frankfurt
2007 „Kunststudenten stellen aus“, Kunst- und Ausstellungshalle Deutschland, Bonn
2007 „Nahes im Fernrohr“, mit Manfred Stumpf,
Galerie Sima, Nürnberg
Dieser Katalog erscheint im Rahmen der Ausstellung “Unverblümte Gewächse” im 1822-Forum
der Frankfurter Sparkasse vom 3. November bis zum 12. Dezember 2009 in Frankfurt a. M.
Danke an: Manfred Stumpf, Dr. Hans Zitko, Judith Ritter, Max Pauer, Babak Khoramzadeh,
Rebecca Leudesdorff und das Team von Berthold Druck
Druck und Herstellung: Berthold Druck, Offenbach a. M.
Fotografien: Laura Baginski, KAH Bonn
Auflage: 1000 Exemplare
© Laura Baginski 2009
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