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Manuskript Kulturkritik und Literatur I Nachtstudio Wie die Frau zur

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Manuskript
Kulturkritik und Literatur I
Nachtstudio
Wie die Frau zur Theorie wurde.
Das Unbehagen am Geschlechtermachen
Ein Essay von Stephanie Metzger
Engel
Anna Riedl
Cyborg
Xenia Tiling
Parodist
Sebastian Weber
Sprecherin
Katja Bürkle
Zitatorin
Annette Wunsch
Zitator
Heinz Peter/Friedrich Schloffer
Ton u. Technik:
Cordula Wanschura
Regie:
Stephanie Metzger
Redaktion:
Martin Zeyn
Sendetermin:
Dienstag, 09. September 2014, 20.03 Uhr
MUSIK
Künstler: Planningtorock/Perera Elsewhere
Titel: Human Drama (Perera Elsewhere Remix)
Engel, Cyborg, Parodist im Chor
Beginnen wir mit einem Geständnis eines Unbehagens. Beginnen wir damit, zuzugeben, dass wir „wir“ sagen, obwohl wir uns damit verfehlen;
Parodist
Dass wir „ich“ sagen und uns damit genauso verfehlen.
E, C, P im Chor
Beginnen wir damit, darauf hinzuweisen, dass „wir“,…
Engel
… dass „ich“…
Cyborg
…Konstruktionen sind.
E, C, P im Chor
Und dass wir es trotzdem sagen!
Engel
Beginnen wir mit dem Moment,…
Cyborg
…mit der Situation, aus der heraus wir sprechen.
E, C, P im Chor
Beginnen wir mit einer Selbstvorstellung.
Dieses Manuskript wird ohne Endkorrektur versandt und darf nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Jede andere Verwendung oder Veröffentlichung ist nur in Absprache mit dem
Bayerischen Rundfunk möglich! ©Bayerischer Rundfunk 2014. Bayern2 - Hörerservice, Bayerischer Rundfunk, 80300 München, Service-Nr. 01801/102033 (4 Cent/Min.),
Fax: 089/5900-3862 service@bayern2.de, www.bayern2.de
2
Cyborg
Ich bin..., ich..., ich bin die Cyborg. Ich bin ein Hybrid zwischen Mensch und Maschine. Sex und Gender habe ich hinter mir gelassen. Ich bin ein Geschöpf der
Post-Gender-Welt. Ich besitze keine Ursprungsgeschichte. Ich bin..., ich bin eine
überzeugte Anhängerin von Partialität, Ironie, Intimität und Perversität. Ich bin oppositionell, utopisch und ohne jede Unschuld. Ich bin eine Idee von Donna Haraway.
Engel
Ich bin..., ich..., ich bin der Engel. Ich zirkuliere im Zwischenraum. Ich bin Vermittler dessen, was noch aussteht, was noch kommen wird, was sich ankündigt. Ich
öffne unablässig die Geschlossenheit des Universums, der Universen, der Identitäten, der Geschichte. Die Geste ist meine Natur. Ich bin eine Ausgeburt von Luce
Irigaray.
Parodist
Ich bin..., ich... ich bin der Parodist. Ich imitiere Geschlecht. Geschlechter. Geschlechtsidentitäten. Ich offenbare ihre Konstruktion. Ich bin Spieler, ich bin verwirrend. Ich bin ein Kind von Judith Butler.
E, C, P im Chor
Wir sind Figuren der Utopie. Figurationen der Möglichkeit.
Cyborg
Wir sind keine Personen mehr.
Wir streben nicht nach „Identität“.
Engel
Wir brauchen kein Gegenüber, um uns als Subjekte zu erfahren.
Wir brauchen kein „Anderes“.
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3
Parodist
Wir sind Frauen und Männer. Weiß und schwarz.
Und nichts davon.
Cyborg
Wir haben keinen Ort und keine Geschichte.
E, C, P im Chor
Aber wir fühlen ein Unbehagen und sind auf der Suche.
Engel
Wir wollen Schwierigkeiten machen.
Cyborg
Wir wollen in Schwierigkeiten bringen.
Parodist
Wir wollen den besten Weg finden, in Schwierigkeiten zu sein.
Engel
Also durchqueren wir die Zeiten.
Cyborg
Wir inszenieren Retrospektiven von Morgen.
Parodist
Augenblicke der Kritik, Szenen des Unbehagens und der Vision zugleich.
Engel
Wir erzählen Geschichte. Nicht eine, sondern viele.
Immer wieder.
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4
Cyborg
Immer anders.
Parodist
Immer neu.
MUSIK ENDE
E, C, P Chor
Also beginnen wir noch einmal.
Ansage
Wie die Frau zur Theorie wurde.
Das Unbehagen am Geschlechtermachen
Ein Essay von Stephanie Metzger
E, C, P im Chor
Beginnen wir mit der Szene der Gegenwart:
MUSIK
Künstler: Genesis Breyer P-Orridge & Cotton Ferrox
Titel: Searching For Substance
Parodist
Mai 2014: Die Süddeutsche Zeitung berichtet von Ideen zu einer progressiven Sexualpädagogik. Jugendliche sollen im Unterricht Bordelle einrichten, die ganz unterschiedlichen sexuellen Bedürfnissen Rechnung tragen. Die Frage, ob Sadomasochismus und Fetischismus nur sexuelle Vorlieben sind oder auch Identitätsbausteine, soll diskutiert werden. Ein Bericht vom „ersten Mal“ als Gedicht, Referat
oder Sketch rundet den Katalog innovativer Lehrinhalte ab. Den Autoren des Buches „Sexualpädagogik der Vielfalt“ geht es darum, die vermeintlichen Grundfesten sexueller Identität infrage zu stellen.
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5
Cyborg
Mai 2014: Die „Frau mit Bart“, die Kunstfigur Conchita Wurst, gewinnt den Eurovision Song Contest in Dänemark. Der Sieg wird für den Drag-Künstler Tom Neuwirth zur Botschaft von Toleranz und Frieden.
Engel
August 2013: Im deutschen Recht wird es möglich, das Geschlecht als unbestimmt eintragen zu lassen. Bis dahin kannte das Gesetz nur Mann und Frau.
MUSIK ENDE
Parodist
Homosexuelle, Transgender, das dritte Geschlecht angekommen in unserer Gesellschaft?
Engel
Heterosexualität als nur eine Option unter vielen?
Cyborg
Gender in Motion?
E, C, P im Chor
Gegenszenarien:
MUSIK
Künstler: Genesis Breyer P-Orridge & Cotton Ferrox
Titel: Searching For Substance
Engel
Jobsuche, Wohnungssuche, Arztbesuch: Die Angabe zum Geschlecht „männlich“
oder „weiblich“ ist Standard. Sie ist fester Bestandteil der Konvention, nach der wir
von uns als Person erzählen und uns präsentieren.
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6
Parodist
Staatliche Regierungen schätzen gesetzliche Feiertage, die „Feste der Liebe“;
wegen ihres Potenzials zur menschlichen Reproduktion. An Weihnachten werden
die meisten Kinder gezeugt!
Cyborg
In der sogenannten Gender-Medizin geht es darum, körperliche und psychische
Unterschiede von Mann und Frau im Blick zu haben. Geschlechtsspezifische Forschung und Medikation stehen auf der Agenda.
Engel
Also doch die bekannte Aufteilung in Mann und Frau. Das Festhalten am heterosexuellen Paar und seinen Nachkommen.
Ein Panorama voller Widersprüche.
Cyborg
Irgendwo zwischen Auflösung von Normen und ihrer Beständigkeit.
Parodist
Zwischen Wandel und Statik.
MUSIK ENDE
Sprecherin
Sind das Paradoxien der Postmoderne? Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen?
Anzeichen des Verlusts von Fortschrittsbewegung und der verbleibenden Sehnsucht danach? Was sind die Bestandteile, was sind die Grundelemente dieser Paradoxien?
Da ist die Sprache auf der einen Seite. Der machtvolle und männliche Diskurs,
nach dem wir in unserer Realität funktionieren und agieren. Und der Körper als
Material auf der anderen Seite. Potenzial der Subversion, des Widerstands, eines
weiblichen Eigensinns.
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7
Zitatorin
„sein, das heißt geworden sein, zu dem geworden sein, als was man sich manifestiert.“
Sprecherin
...schreibt Simone de Beauvoir 1949 in „Das andere Geschlecht“ und meint damit
vor allem eines: Frau sein, das heißt geworden sein. Frau sein ist nicht Schicksal
oder festgelegte Natur. Frau sein ist soziale Konstruktion, gesellschaftliche Formierung. Und die Bewertung des körperlichen Unterschieds zwischen Mann und
Frau, sie liegt nicht in der Natur selbst, sondern in der Perspektive der Betrachtung:
Zitatorin
„Biologische Gegebenheiten bekommen den Wert, den man ihnen gibt.“
Sprecherin
Oder anders gesagt: Körper ist nicht gleich Diskurs. Die Geschlechter unterscheiden sich biologisch und körperlich. Die soziokulturelle Bewertung dieser diversen
Eigenschaften ist aber eine andere Sache. Simone de Beauvoir stellt die physische, also die sexuelle Differenz von Mann und Frau nicht in Frage. Aber was eine
patriarchale Gesellschaft daraus ableitet, die Regeln und Zwänge, nach denen die
Gesellschaft diese Körper in Geschlechterrollen drängt, all dies greift sie an: die
Ausgrenzung der Frau als das „Andere“; ihre Unterdrückung als zu beherrschendes Objekt; ihre Instrumentalisierung als Spiegel, durch den sich der Mann als
Subjekt schaffen und erfahren kann.
Die sexuelle Differenz zwischen Mann und Frau ist seit den 1970er Jahren auch
Ausgangspunkt der französischen Philosophin Luce Irigaray. In die Konstellation
„Mann und Frau“ und in die darin enthaltenen, bisher nicht ausgeschöpften Potentiale setzt Irigaray ihre große Hoffnung. So beschwört sie die Zweigeschlechtlichkeit als potentiellen Raum für Gleichberechtigung und echte Begegnung. Zugleich
erforscht sie in ihrem Schreiben eine eigenständige, weibliche Artikulation, die sie
nicht selten an den Körper koppelt.
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8
Zitatorin
„Denn es geht nicht mehr darum, nach irgendeinem bestimmbaren Attribut, nach
irgendeiner Erscheinungsweise des Wesens, nach irgendeinem gegenwärtigen
Antlitz zu schmachten. Was erwartet wird, ist nicht ein dies oder ein das, auch kein
hier und kein dort. Weder durch Sein noch Zeit, noch Ort kann es bezeichnet werden. Besser ist es also, sich jedem Diskurs zu verweigern, zu schweigen oder sich
an ein so unartikulierbares Schreien zu halten, daß ihr kein Gesang gelingen wird.
Das Ohr aber achtet auf jedes Erschauern, das eine Rückkehr ankündigt.“
Sprecherin
Das Schweigen oder der Schrei überwinden die vom Mann vorgeformte Sprache.
Sie verweisen auf den Körper als Material und als Medium genuin weiblichen
Ausdrucks. Körper ist nicht nur nicht gleich Diskurs, er ist außerhalb des Diskurses.
Auch bei Judith Butler ist der Körper ein Instrument des Widerstands. Aber hier ist
es komplizierter. Denn der Körper ist bei Butler auch Medium des Geschlechtermachens selbst. In Ihrem Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ von 1990
macht sie dies deutlich. Mittels der Art, wie wir uns bewegen, uns anziehen oder
schminken, liefern wir eine Aufführung von „Mann“ oder „Frau“. Geschlecht ist
Spiel, Aufführung, Performanz. Die schon bei Beauvoir angedeutete Unterscheidung von „sex“, dem körperlichen Geschlecht, und „gender“, dem sozialen Geschlecht, löst Butler auf. Das, wovon wir als dem Körper sprechen, wie wir Körper
darstellen und repräsentieren, untersteht immer Regeln und Zwängen. Körper ist
Diskurs. Eine der stärksten Ausformungen solcher diskursiven Normierung ist das
heterosexuelle Paar.
Engel (ernst)
Ich liebe dich. Willst du meine Frau werden?
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Sprecherin
Als Vorbild für alle Paare.
Cyborg (ernst)
Ja, ich will!
Sprecherin
Die sogenannte „hegemoniale heterosexuelle Matrix“ verabsolutiert weibliches und
männliches Geschlecht sowie Heterosexualität als normal. Und zwar auf dem Rücken derer, die sich hier nicht einpassen: Homosexuelle, Transsexuelle, Intersexuelle. Widerstand und Subversion ermöglicht laut Butler nur die Parodie all dieser
Codes und Normen.
Parodist (die vorherigen parodierend)
Ich liebe dich. Willst du meine Frau werden?
Ja, ich will!
Zitatorin
„Die parodistische Vervielfältigung der Identitäten nimmt der hegemonialen Kultur
den Anspruch auf naturalisierte oder wesenhafte geschlechtlich bestimmte Identitäten.“
Sprecherin
Aber schafft die Parodie auch Freiheit? Ob es eine Chance auf tatsächliche Überwindung der Normen durch Parodie gibt, das lässt Judith Butler offen.
Mutiger oder vielleicht lustvoller in der Ausgestaltung möglicher, freierer Welten ist
da Donna Haraway. Die amerikanische Philosophin und Biologin will mit ihren
Texten seit den 1980er Jahren ganz über das Geschlecht hinaus. In ihren Ideen
eines Post-Gender träumt sie ironisch und utopisch zugleich von einer Gesellschaft jenseits der Aufteilung in Mann und Frau, Mensch und Maschine, Mensch
und Tier. Sie phantasiert Menschmaschinen, also Cyborgs, Tiermenschen, Zwitter.
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Zitatorin
„Cyborg-Politik bedeutet, zugleich für eine Sprache und gegen die perfekte Kommunikation zu kämpfen, gegen den einen Code, der jede Bedeutung perfekt überträgt. Daher besteht die Cyborg-Politik auf dem Rauschen und auf der Verschmutzung und bejubelt die illegitime Verschmelzung von Tier und Maschine. Solche
Verbindungen machen den Mann und die Frau problematisch, sie untergraben die
Struktur des Begehrens, die imaginierte Macht, die Sprache und Gender hervorgebracht hat und unterlaufen damit die Strukturen und die Reproduktionsweisen
westlicher Identität, Natur und Kultur, Spiegel und Auge, Knecht und Herr, Körper
und Geist.“
MUSIK
Künstler: Planningtorock/Perera Elsewhere
Titel: Human Drama (Perera Elsewhere Remix)
Engel
Der Mann, auf seiner Seite die Sprache –
Cyborg
Die Frau, auf ihrer Seite der Körper –
Parodist
Der Körper, auf seiner Seite der Widerstand –
Der Körper als Medium des Anderen, der Utopie, der Zukunft.
Engel
Oder ist das zu einfach?
E, C, P im Chor
Beginnen wir einfach noch einmal.
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Engel
Immer wieder.
Parodist
Immer anders.
Cyborg
Immer neu.
MUSIK ENDE
E, C, P im Chor
Beginnen wir mit Körper-Manifesten.
MUSIK
Künstler: Jun Miyake
Titel: The Here and After (Instrumental)
Engel
Dezember 1913. Théâtre Champs Elysee in Paris. Im roten Zuschauerraum verbreitet sich der Duft eines schweren Parfüms. Der Vorhang hebt sich, ein Schauspieler rezitiert ein Manifest: die Theorie zu einem neuen Theater.
Cyborg
Eine Tänzerin in fremdartigem Kostüm betritt die Bühne, das Gesicht mit einem
Schleier verhüllt. Sie bewegt sich stockend, formal, artifiziell. Dazu rezitiert ein
zweiter Schauspieler Gedichte.
Parodist
Das Licht verändert sich, geometrische Formen werden auf den Bühnenhintergrund projiziert.
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Sprecherin
„Métachorie“ heißt der Theaterabend der Tänzerin, Künstlerin und Dichterin Valentine de Saint-Point. Ein Theater über das Theater, eine Selbstreflexion der tänzerischen Kunst. Alle Elemente der Bühne – Körper, Text, Licht und Musik – stehen
gleichberechtigt nebeneinander, ohne als homogenes Gesamtkunstwerk ineinander aufzugehen. Der Körper der Tänzerin liefert nicht eine Projektionsfläche für
den männlichen Zuschauer. Er bedient nicht den männlichen Blick auf die erotische Exotik der Schleiertänzerin oder auf die ätherische Stilisierung der klassischen Ballerina. Körper, Bewegung, Kostüm – sie erscheinen als graphische Momente in einem Theater, das zur Schrift wird. Das vorgetragene Manifest
„Métachorie“ liefert die Theorie zur künstlerischen Praxis:
MUSIK ENDE
Zitatorin
„‚Metachorie’ zeigt Tanz, der nicht nur plastischer und sinnlich-humaner Rhythmus
der Musik ist, sondern Tanz, der eine Idee zum Ausdruck bringt, festgehalten in
der Strenge von Linien.“
Sprecherin
Der Körper weder als Objekt der Begierde noch als expressiver Ausdruck des
weiblichen Subjektes: Die avantgardistische Theaterästhetik von Valentine de
Saint-Point sucht die Abstraktion, den Gedanken. Eine Ästhetik, die sich auch als
Ausdruck einer Theorie der Geschlechter verstehen lässt. An einer solchen hat
Saint Point mit theoretischen und künstlerischen Entwürfen gearbeitet. Als Reaktion auf Filippo Tommaso Marinettis futuristisches Manifest von 1911 schreibt SaintPoint 1912 das „Manifest der futuristischen Frau“. Der bei Marinetti proklamierten
„Verachtung des Weibes“ will Saint-Point mit einem eigenen Konzept der futuristischen Frau begegnen. Dabei beginnen die Begriffe „Weib“ und „Frau“ sowohl bei
Marinetti als auch bei Saint Point zu oszillieren. Zwischen sozialer Einschreibung
und biologischen Gegebenheiten.
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Zitator
„Als ich sagte ‚verachtet die Frauen’, beschimpfte man mich mit wüsten Beleidigungen, wie wütende Nutten bei einer Polizeifahndung. Und doch, ich sprach nicht
vom Wert von Frauen als biologische Wesen, sondern von der gefühlsduseligen
Bedeutung, die ihnen normalerweise angehängt wird. Ich will gegen die Tyrannei
der Liebe ankämpfen, gegen die Obsession von der einzigartigen Frau, gegen den
romantischen Mondschein, der sich über die Fassade des Bordells ergießt.“
Sprecherin
Marinetti nutzt hier den Begriff „Weib“ zur Beschreibung einer Feminisierung der
Kultur: Gefühlsbetontheit, emotionale Schwäche, Stagnation, Dekadenz. „Weib“
bezeichnet nicht den weiblichen Körper oder das weibliche Geschlecht. „Weib“
wird zum Code für psychologische Zustände, Geisteshaltung, Gesellschaft. Diese
Argumentation übernimmt auch Saint Point.
Zitatorin
„Es ist absurd, die Menschheit in Frauen und Männer einzuteilen. Sie besteht nur
aus Weibheit und Mannheit. Jeder Übermensch, jeder Held, sei er noch so episch,
jedes Genie, sei es noch so mächtig, ist nur der verschwenderische Ausdruck einer Rasse und einer Epoche, weil es eben aus weiblichen und männlichen Elementen besteht, aus Weibheit und Mannheit: weil es ein vollkommenes Wesen ist.
Ein nur-männliches Individuum ist ein Vieh; ein nur weibliches Individuum das
Weibchen.“
Sprecherin
Valentine de Saint-Point imaginiert die Verschmelzung der Geschlechter in einer
Art Übermensch, der sich gegen die weibliche Dekadenz erhebt. Die Inbegriffe
des Weiblichen sind auch bei ihr: Sentimentalität und Emotionalität, Fürsorge, Parasitentum, unberechenbares sexuelles Begehren. Es sind Attribute, mit denen sie
Männer wie Frauen, Epochen, ganze Nationen beschreibt.
So progressiv diese Trennung von sozialen Zustandsbeschreibungen und biologischer Körperlichkeit zunächst scheint, so überraschend ist, dass Saint-Point im
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weiteren Verlauf ihrer Schrift in altbekannte, an den Körper gebundene Weiblichkeitsbilder zurückfällt. Zunächst beschreibt sie die futuristische Frau als Amazone,
Zerstörerin, Heldin.
Engel
...Semiramis, Jeanne d’Arc, Judith, Kleopatra...
Sprecherin
Die futuristische Frau folge ihrem Instinkt, erführe ihre Lust als Kraftquelle, trüge
Wildheit und Grausamkeit in sich. Am Ende des Manifestes bleibt nichts von dieser Vision. Biologisches und Gesellschaftliches überlagern sich und Saint-Point
benutzt bewährte Rollenbilder.
Zitatorin
„Die Frau muss Mutter oder Geliebte sein. Die gebärende Mutter bringt mit der
Vergangenheit die Zukunft, die Geliebte verkündet die Sehnsucht nach der Zukunft. Frauen, ihr waret zu lange in Moral und Vorurteilen irrgläubig; kehrt zu eurem erhabenen Instinkt zurück, zur Wildheit, zur Grausamkeit. Statt die Männer
unter das Joch der erbärmlichen sentimentalen Bedürfnisse zu bringen, treibt eure
Söhne, eure Männer, sich selbst zu übertreffen. Ihr schafft sie. Ihr könnt alles über
sie. Ihr schuldet der Menschheit Helden, gebt sie ihr!“
Engel
...Mutter und Geliebte...
Sprecherin
Ist das nur Provokation oder ernsthafte Vision? Schwer zu entscheiden, zumal die
Tonlage des Manifests beide Lesarten zulässt. Ob Saint-Point die progressive Ablösung des Weiblichen vom biologischen Geschlecht, die ihr Manifest anfangs
enthält, überhaupt bewusst ist? Sie widerspricht der Rückbindung des futuristischen Fortschritts an den weiblichen Körper als Fortpflanzungsmedium. Ein Paradox, das bemerkenswert ist. Und zugleich kein Einzelfall. Die amerikanische
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Künstlerin und Dichterin Mina Loy, ebenfalls dem futuristischen Ideengut verpflichtet, macht 1914 in ihrem „Feministischen Manifest“ einen provozierenden Vorschlag. Sie fordert die medizinische Entjungferung aller Mädchen in der Pubertät.
Zitatorin
„Deshalb wäre ein erstes selbst-bestimmtes Gesetz für das weibliche Geschlecht,
das Schutz vor dem vom Mann geschaffenen Schreckgespenst der Keuschheit
bieten würde, welches das allererste Instrument zur Unterdrückung ist, die bedingungslose chirurgische Zerstörung von Jungfräulichkeit bei allen Frauen in der
Pubertät.“
Sprecherin
Soziale und institutionelle Kontrolle über den weiblichen Körper – etwa durch eine
Mythisierung von Jungfräulichkeit– sind männliche Hebel zur Beherrschung der
Frau. Loys Provokation besteht darin, die weibliche Sexualität davon befreien zu
wollen. Dem Dualismus von Mutter und Geliebter stellt sie einerseits die Vielfalt
weiblicher Sexualität gegenüber. Andererseits mündet auch ihr Text in der Forderung nach der Mutterschaft für alle Frauen, ob verheiratet oder nicht. Und wieder
wird bei ihr die Mutterschaft zur Triebkraft für gesellschaftlichen Wandel.
Zitatorin
„Jede Frau hat das Recht auf Mutterschaft –
Jede intelligente Frau sollte ihrer Art gerecht werden –
Verantwortung dafür übernehmen, Kinder zu bekommen im angemessenen Verhältnis zu den schwachen und degenerierten Mitgliedern ihres Geschlechtes – “
Sprecherin
Die Entwürfe der Futuristinnen zeugen vom Unbehagen an der Verachtung des
Weibes. Die Frauen greifen den Ansatz der männlichen Kollegen auf, dass mit
„männlich“ und „weiblich“ nicht nur sexuelles Geschlecht bezeichnet werden kann,
sondern auch Soziales. Doch das sexuelle Geschlecht selbst, der weibliche Körper bleibt in ihren Manifesten seiner Biologie verpflichtet.
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Anders in der Kunst. Dort nämlich – etwa im Entwurf eines synthetischen Theaters
bei Valentine de Saint-Point – wird der Körper abgelöst von seiner Materialität. Er
wird Schrift. Er wird Medium in einem Theater der Abstraktion.
MUSIK
Künstler: Terre Thaemlitz
Titel: Trucker (Burnt by The Muffler Edit by Facil)
Engel
„Piktographie, Choreographie, Phonographie, Pornographie des Traums, stellvertretend für die gegenwärtige Paralyse dessen, was noch schläft“, würde Luce Irigaray sagen. Manifestation einer „anderen“ Schrift, als der des Diskurses, der hierarchisiert zu Objekt und Subjekt. Eine andere Schrift, die öffnet. Eine alternative
Theorie. Eine andere Verkörperung. Eine Verbindung von Körper und Gedanken,
wie ich, der Engel, sie immer schon evoziere. Denn als Bote spreche ich, aber die
Geste ist meine Natur: Die Bewegung, die Haltung, das Hin und Her zwischen
beidem. Ich versetze die Lähmung oder die Apathie des Körpers, der Seele, der
Welt in Bewegung, in Erregung.
Parodist
Dann wärst du, der Irigaraysche Engel, Mitspieler im Theater der Abstraktion von
Valentine de Saint-Point?
Engel
Vielleicht. Aber als Figuration eines „noch nicht“ des Sexuellen, eines „nicht erblühten Fleisches“, die ich bin, welchen Körper habe ich da? Möglicherweise bleibe ich hinter der Tänzerin mit konkretem Körper zurück.
Cyborg
Irigarays Idee, „daß Engel und Körper zusammenfinden können“, ist sie nicht verwirklicht im Theater von Valentine de Saint Point, im Streben nach dem Körper als
Gedanke?
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Engel
Ich, der Engel der Prophezeiung, geschaffen von Luce Irigaray, als Nachfahre der
Futuristin Valentine de Saint Point!
Parodist
Eine schöne Geschichte. Eine unter vielen, die noch nicht erzählt wurden.
Erzählen wir eine zweite.
MUSIK ENDE
E, C, P im Chor
Beginnen wir noch einmal.
Engel
Immer wieder.
Parodist
Immer anders.
Cyborg
Immer neu.
E, C, P im Chor
Beginnen wir mit Weiblichkeit als Maske!
MUSIK
Künstler: The Phenomenal Handclap Band & Peaches
Titel: Walk the Night (Arthur Baker Remix)
Engel
Bildbeschreibung: Ein junges Mädchen vor einem hellen Vorhang mit Pflanzenornamenten. Magerer Oberkörper, kurz geschorene Haare. Der Blick schräg nach
unten gerichtet. Ein Arm über den Kopf angewinkelt, die Achselhaare sichtbar. Der
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andere Arm in die Hüfte gestützt. Als Oberteil ein ärmelloses, dunkles Unterhemd,
um den Kopf ein Stirnband aus Gräsern und Pflanzenblättern.
Cyborg
Die französische Fotografin und Autorin Claude Cahun als Nymphe?
Parodist
Nein, sie selbst! Im Jahr 1917.
Cyborg
Bildbeschreibung: An einer weißen Zimmerwand sind zwei dunkle, aber transparente Tücher aufgespannt. Hintergrund und Bühne für die breitbeinig davorstehende Figur. Sie trägt weite, dunkle Cordhosen, eine voluminöse weiße Strickjacke mit Rollkragen und eine weiße Mütze. Das Gesicht sieht mit strengem Blick in
die Kamera. Die Hände sind in den Hosentaschen vergraben.
Engel
Claude Cahun als Hafenarbeiter?
Parodist
Nein, sie selbst! Im Jahr 1920.
Parodist
Bildbeschreibung: Vor schwarzem Hintergrund sitzt, kokett die Beine übereinander
geschlagen, eine Figur im Kostüm eines Jahrmarktsartisten: weißer Trainingsanzug, schwarze Shorts, schwarze Gelenk- und Wadenschoner. Das kurze schwarze Haar voller Gel, zwei Schmalzlocken an die Stirn geklebt. Das Gesicht stark
geschminkt, Kussmund und ein Herzchen auf jeder Backe. Auf dem Trikot zwei
Knöpfe als Brustwarzen und der Spruch: „I am in training don’t kiss me“. Auf dem
Schoß Kugelhanteln. Wahrscheinlich aus Pappmaché. Leicht zur Seite geneigter
Kopf, der Blick aufreizend und direkt in die Kamera gerichtet.
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Cyborg
Claude Cahun als Gewichtheber?
Engel
Claude Cahun als Verführerin?
Cyborg
Claude Cahun als Mann?
Engel
Claude Cahun als Frau?
Parodist
Das alles sie selbst! Im Jahr 1927.
MUSIK ENDE
Sprecherin
Die fotografischen Selbstinszenierungen der Künstlerin Claude Cahun sind
Selbsterkundung und bodenloses Maskenspiel in einem. In zahlreichen Fotoreihen
und szenischen Anordnungen spielt Cahun diverse Rollen durch: den Dandy, den
Asketen, die Mondäne, das Gretchen oder die Maskierte. Rollenspiele, die mit
Kostüm, mit Spiegelbildern und dem Einsatz von Masken arbeiten.
Zitatorin
„Unter der Maske eine andere Maske. Ich werde nicht aufhören, all diese Gesichter abzuziehen.“
Sprecherin
Eine Suchbewegung nach dem Grund des Selbst und zugleich Manifestation des
Wissens um das Sein als Rollenspiel.
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Zitatorin
„In mir ist so viel Künstlichkeit, so wenig Primitives.“
Sprecherin
Mit ihren Fotos und in ihren Schriften betreibt Cahun eine unablässige narzisstische Selbsterkundung. Aber diese scheitert, weil der Grund des Selbst sich nicht
zeigen will. Rollenspiel und Maskerade vermitteln stattdessen viel eher all die
Konventionen und kulturellen Codes, nach denen Geschlecht und Selbstbilder
hergestellt werden. Das weiß aber nicht nur die Künstlerin Cahun. Zeitgleich wird
in der psychoanalytischen Weiblichkeitsdebatte die Maske zu einem wichtigen
Topos. 1929 veröffentlicht die englische Psychoanalytikerin und FreudÜbersetzerin Joan Riviere den Aufsatz „Weiblichkeit als Maske“.
Hatte Freud die Sexualität der Frau als „Rätsel“ und Weiblichkeit als einen „dark
continent“ bezeichnet, so unternimmt Riviere das Risiko einer Expedition in diese
Gefilde. Rivieres These lautet: Aus Angst und zur Besänftigung der Männer ihres
Umfeldes verdeckt die intelligente Frau ihre eigenen männlichen Anlagen, ihren
Drang nach Erfolg und öffentlicher Anerkennung. Und zwar mittels des Vorspielens von Weiblichkeit. Die Frage nach der eigentlichen Substanz des Weiblichen
beantwortet Riviere so:
Zitatorin
„Der Leser mag sich nun fragen, wie ich denn Weiblichkeit definiere oder wo ich
eine Grenze zwischen echter Weiblichkeit und solcher Maskerade ziehe. Ich behaupte jedoch keineswegs, dass es einen solchen Unterschied gäbe; ob fundamental oder oberflächlich – es handelt sich um dieselbe Sache.“
Sprecherin
Bisher hatte die Psychoanalyse weibliche Sexualität aus der Negation heraus beschrieben. Neid auf und Aneignung des Penis lieferten zentrale Erklärungsmuster.
Bei Riviere scheinen zwei innovative Momente auf. Nämlich, dass die Frau überhaupt Männlichkeit haben kann. Damit verflüssigen sich die Kategorien von weiblich und männlich. Noch weitgreifender in Rivieres Ansatz ist aber die Auflösung
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von authentischer und gespielter Weiblichkeit. Ob Original oder Fälschung ist
plötzlich keine sinnvolle Frage mehr. Weiblichkeit ist immer ein Spiel, eine Inszenierung, die sich eines Codes für scheinbar natürliche Weiblichkeit bedient. Ob
dieses Spiel nun Selbstentfremdung darstellt oder verflüssigte Identität ausdrücken kann, hängt daran, ob von einem substantiellen Selbst überhaupt ausgegangen wird. Daran entzündet sich quasi die Frage nach dem Fleisch unter der Maske. Einem Fleisch, das bei der Künstlerin Claude Cahun zur Wunde wird.
Zitatorin
„An einem Tag überschwänglicher Begeisterung vor dem Spiegel drückt man seine Maske fest an, sie beißt in die Haut. Nach dem Fest lüftet man eine Ecke, um
nachzusehen... verfehltes Abziehbild. Man erkennt mit Schrecken, dass das
Fleisch und die Maske untrennbar geworden sind. Schnell, ein bisschen Speichel;
man klebt das Pflaster wieder auf die Wunde.“
Sprecherin
Hier gibt es sie, die Wunde und das Fleisch, das aufreißt, wenn eine Maske abgezogen wird. Aber auch nur deshalb, weil die Maske mit dem darunterliegenden
Gesicht verwachsen ist. Die Ambivalenz von frei flotierendem Maskenspiel und
Recherche nach dem Grund dieses Spiels, sie bleibt ungelöst. Sowohl bei Cahun
als auch bei Riviere. Die spielerische Verflechtung von Selbsterzeugung und
Selbstentfremdung trägt in sich das Paradox von Entstellung und überhaupt „inErscheinung-treten“. Denn das Dasein auf der Oberfläche ist erst einmal eines –
aber eines ohne festen Boden unter den Füßen.
MUSIK
Künstler: Terre Thaemlitz
Titel: Trucker (Burnt by The Muffler Edit by Facil)
Parodist
„Doing gender“. Nicht Frau sein, sondern spielen. Nicht Mann sein, sondern so tun
als ob. Nicht Frau, nicht Mann, alles dazwischen... das bin Ich, der Parodist. Claude Cahun ist meine Schwester.
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Cyborg
Und Joan Riviere die Stiefschwester? Die Weiblichkeit als Maske ist bei ihr nicht
freies Spiel, sie ist Versteck. Ausschlaggebend bleibt der Mann als Zuschauer. Die
Maske als Kostüm für den männlichen, heterosexuellen Blick der Macht. Judith
Butler sagt, die Riviersche Maske ist Verdeckung eines eigentlich tabuisierten homosexuellen Begehrens.
Parodist
In der Theorie vielleicht, aber in der Kunst? Für Claude Cahun steht Suzanne
Malherbe hinter der Kamera. Auch sie Künstlerin und die lebenslange Partnerin
von Cahun. In der Kunst und im Leben. Die Maske als Experiment. Und als Inszenierung für die weibliche Geliebte. Ein lesbisches Maskenspiel.
Cyborg
Cahun sagt aber auch:
MUSIK ENDE
Zitatorin
„Männlich? Weiblich? Das hängt von der Situation ab. Das Neutrum ist das einzige
Geschlecht, das mir immer Recht ist.“
Engel
Das ist jetzt aber ein anderes Spiel. Ein Spiel über das Geschlecht hinaus.
E, C, P im Chor
Dann beginnen wir einfach noch einmal.
Engel
Immer wieder.
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Parodist
Immer anders.
Cyborg
Immer neu.
E, C, P im Chor
Beginnen wir mit dem „Dritten Geschlecht“
MUSIK
C 1562100 106
Künstler: Planningtorock
Titel: Words are Glass
Engel
Ein Vaudeville Theater im Paris der 1920er Jahre. Auftritt „Barbette“: Pfauenfedern, atemberaubendes Abendkleid, glitzernde Steine, eine Perücke.
Cyborg
Cape und Kleider werden abgelegt, ein Anschein von Nacktheit. Der Trapezakt
beginnt. Die Meisterschaft des dramatischen Falls, kurz vor der letzten Sekunde
abgefangen. Dem Publikum stockt der Atem.
Parodist
Der Moment des Schlussapplauses und: das Abnehmen der Perücke. Eine Glatze
und die Offenbarung, dass hier ein Mann eine Frau gespielt hat.
Zitator
„Barbette ist die Sphinx der Transformation. Sie zwingt jeden Zuschauer zu rätseln: Mädchen oder Junge? Mädchen oder Junge? Worauf die Barbette-Sphinx
antworten wird – Und du?“
MUSIK ENDE
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Sprecherin
„Numeró Barbette“ – die Auftritte des Artisten und Transvestiten Van der Clyde im
Paris der 1920er Jahre sind legendär. Vorstellungen, die auf Theater setzen, auf
Kostüm, Inszenierung und Täuschung. Ausstellung des Körpers, dessen geschlechtliche Einordnung offen bleibt. Für die Zuschauer eine Erfahrung von irritierender Anziehung, von Begehren über die Geschlechtergrenzen hinweg; eines
Begehrens im Dazwischen, im Ungewissen und im irritierenden Zweifel. Eines
Zweifels, der die eigene Person mit einschließt. Die Faszination für das Publikum
liegt in Van der Clydes Fähigkeit, sich zwischen die Geschlechter zu stellen. Und
dies nicht nur durch Verkleidung, Gesten und Schminke. Selbst im quasi nackten
Zustand, während der Nummern am Trapez, wirkt der männliche Körper weiblich.
Auch der dramatisch inszenierte Schlussmoment, die Desillusionierung, bleibt
ambivalent. Hinter der Bühne, so hat Jean Cocteau überliefert, spielt Van der Clyde nicht nur „die Frau“ weiter, sondern auch „den Mann“. Seine Bewegungen parodieren beide Geschlechter und sein eigentliches Geschlecht liegt dazwischen,
im Wechsel von Mann und Frau, in der Fluidität, die ihm das Theater ermöglicht.
Oder vielleicht bewegt er sich ganz jenseits der Geschlechter, jenseits der Natur?
MUSIK
C 1562100 106
Künstler: Planningtorock
Titel: Words are Glass
Zitator
„Er gefällt denen, die in ihm einen Frau sehen, genauso wie denen, die in ihm den
Mann wahrnehmen, und bei anderen berührt er ihre Seele durch das übernatürliche Geschlecht der Schönheit.“
Sprecherin
Für Cocteau weist Van der Clydes Kunst über Geschlecht und Natur hinaus. Danach zelebriert er eine Androgynität, die in die artifizielle Abstraktion führt. Eine
Zweigeschlechtlichkeit, die aber doch gebunden ist an diesen einen, konkreten
Körper und sein Tun.
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25
Engel
Barbettes „Dazwischen“ als ein Drittes. Surreal und schön.
MUSIK ENDE
Sprecherin
Real und pervers ist dagegen das „Zwischen“ im damaligen Diskurs über Homosexualität. Der deutsche Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld beginnt in seiner seit 1900 entwickelten Lehre von den Zwischenstufen damit, homosexuelle
Orientierung zu erfassen und gegen Anfeindungen jeglicher Art zu verteidigen. Er
übernimmt dafür den damals kursierenden Begriff vom „dritten Geschlecht“. Dieses Dritte übersteigt nicht Natur oder Geschlechterordnung. Vielmehr wird es zum
Bestandteil von Natur. So auch die zentrale Argumentation in der Aufklärungsschrift „Was muss das Volk vom ‚Dritten Geschlecht’ wissen“ aus dem Jahr 1901.
Zitator
„Jedermann sollte darüber unterrichtet werden, daß alle körperlichen und geistigen
Eigenschaften, die man gewöhnlich als männlich ansieht, vereinzelt bei Frauen
vorkommen und alles, was man im Bau und den Aufgaben des Körpers als dem
Weibe eigentümlich betrachtet, ausnahmsweise auch bei einem Manne auftreten
kann. Es entsteht dadurch eine große Reihe von Zwischenstufen zwischen den
völlig ausgebildeten Personen beiderlei Geschlechts, die man unter der Bezeichnung ‚drittes Geschlecht’ zusammenfassen kann. Die Schöpfer des § 175 nehmen
einfach an, und die Richter und das Volk folgen ihnen darin, daß die, welche diesen Paragraphen verletzen, Menschen seien, wie sie selbst, und daß sie aus eigenem freien Entschluß ihre an sich zu Frauen neigende Natur verlassen, um sich
Männern zuzuwenden. Sie wissen nicht, daß der Urning, der Homosexuelle, sich
ebenso stark zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt, wie der Gesetzgeber zum
andern, daß seinem Naturell der Verkehr mit dem Weibe widernatürlich erscheint,
daß er gezwungen ist, sein Leben lang männliche Personen zu lieben.“
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Sprecherin
Diese Verteidigung ist Reflex auf die massive zeitgenössische strafrechtliche Verfolgung von Homosexualität. Die Aufklärungsschrift über das dritte Geschlecht und
viele andere sexualwissenschaftliche Studien – nicht nur eines Magnus Hirschfeld
– setzen gegen die Rechtsprechung eine Strategie der „Einkörperung der Perversionen“, wie es Michel Foucault beschrieben hat. Der Homosexuelle ist eine Sondernatur, seine Homosexualität ist ihm ins Gesicht und auf den Körper geschrieben. Die sexualwissenschaftliche Klassifizierung und Typisierung der Sondernaturen, die eigentlich auf Respekt und Akzeptanz zielt, wird dabei zur fatalen Strategie. Denn sie holt das Unordentliche, Abweichende in den Raum der Kontrolle
hinein. Während sich die Frage des Geschlechtes also bei Barbette am Körper
und darüber hinaus verunklärt, wird das „dritte Geschlecht“ der Sexualwissenschaft in den Körper, in die Biologie hineinprojiziert und damit wiederum Gegenstand der Disziplinierung. Ein Paradox, sind doch Liberalisierung und Freiheit eigentlicher Impuls der Sexualwissenschaftler:
Zitator
„Je mehr wir Übergänge zwischen den Geschlechtern kennenlernen, um so mehr
lernen wir die Nützlichkeit der Gewährung eines möglichst freien Spiels der Kräfte
für Mann und Weib begreifen. Vollkommen müßig ist dabei der alte Streit, ob das
eine Geschlecht dem andern an Wert überlegen oder unterlegen ist. Beide sind
gleich wertvoll und gleich notwendig, beide haben ihre guten und minder guten
Eigenschaften. Die alte Freiheitsforderung: Gleiches Recht für alle, wurzelt viel
mehr in der Verschiedenheit als in der Gleichheit der Menschen. Damit jede Persönlichkeit sich frei und schön entfalten kann, müssen jeder die gleichen Möglichkeiten gegeben werden.“
Sprecherin
So schreibt Hirschfeld 1907 im Nachwort für das Buch: „Aus eines Mannes Mädchenjahren“. Es ist die mehr oder weniger authentische Biographie von Karl M.
Baer, der mit nicht eindeutigem Geschlecht geboren wird, seine Jugend als Mädchen verbringt und nach einem Geschlechtswechsel ein erwachsenes Leben als
Mann führt. Mann oder Frau, das ist der Dualismus, der im Titel des Buches steckt
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und auch die Wahlmöglichkeiten des Autors, der unter Pseudonym veröffentlicht,
klar macht. Karl M. Baer kann entweder als Mann oder Frau leben. Für sein Buch
nennt er sich aber N.O. Body. Das Pseudonym überschreitet den qualvollen Dualismus von Mann und Frau und macht gleichzeitig deutlich, dass der Raum dazwischen nicht markiert ist. N.O. Body steht konkret für Norbert und Nora Body. Aber
eben auch für „Niemand“. Ein Körper:
Cyborg
„Body“
Sprecherin
...der durch seine Uneindeutigkeit nicht adressierbar ist.
Cyborg
„Nobody“
Sprecherin
Einblick in den Raum zwischen den Geschlechtern – zumindest einen Blick auf die
Grenze zwischen beiden – ermöglicht dem Leser auch eine weitere Biographie
und andere Geschichte vom Geschlechtswechsel. 1928 veröffentlicht Virginia
Woolf den Roman „Orlando“ und lässt darin die Hauptfigur durch die Zeit reisen –
vom Elisabethanischen Zeitalter bis in die Zeit der Romanveröffentlichung. Auf
halber Strecke wechselt Orlando zudem das Geschlecht. Wird vom Mann zur
Frau. Im Roman ist dieser Vorgang zunächst überhaupt kein Problem. Das ändert
sich, als Orlando in England in einem Gerichtsprozess ihre Besitztümer legitimieren muss. Und schon auf der Schiffsreise nach London sinniert Orlando über Vorund Nachteile der zwei Geschlechter:
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Zitatorin
„In der Tat schien sie für den Augenblick zu schwanken; sie war Mann; sie war
Frau; sie kannte die Geheimnisse, teilte die Schwächen beider. Es war ein höchst
verwirrender und verworrener Zustand, in dem sie sich befand. Die Tröstungen
der Unwissenheit schienen ihr gänzlich versagt. Sie war wie eine Feder, die vom
Sturm dahingerissen wird. So ist es kein Wunder, daß sie, als sie die beiden Geschlechter miteinander verglich und beide abwechselnd voll der bedauerlichsten
Mängel fand und sich nicht sicher war, zu welchem sie gehörte – es war kein großes Wunder, daß sie aufschreien wollte!“
Sprecherin
Orlando ist Hin und her gerissen zwischen Abwertung und Stolz, eine Frau zu
sein. War die Existenz als Mann besser? Welche Vorteile hat es, eine Frau zu
sein? Sie bleibt unsicher. Denn letztlich kommt sie zu einem anderen Gedanken.
Wichtiger als eine Hierarchie zwischen den Geschlechtern ist das Wissen um die
Grenze zwischen den Geschlechtern. Sie und ihre Ausmessung ist es, was Orlando als eigentlichen Gewinn ihrer Verwandlung erfährt.
Zitatorin
„Jetzt lichtete sich das Dunkel, das die Geschlechter trennt und in seinem Dämmer zahllose Unlauterkeiten verharren lässt.“
Sprecherin
Orlando erfährt konkret, mit allem, was dazu gehört, was es heißt als Mann oder
als Frau zu leben. Sie kennt die Grenze, aber um ein Verbleiben im Grenzbereich,
im Zwischen geht es im Roman noch nicht. Und doch birgt die Kenntnis der zwei
Seiten zumindest das Potenzial zur Überschreitung der Dualität. Sie könnte münden in die Freiheit eines androgynen Geistes. Eine Freiheit, die Virginia Woolf
1929 im Essay „Ein Zimmer für sich allein“ ausgemalt hat.
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Zitatorin
„Als Coleridge sagte, ein großer Geist sei androgyn, meinte er damit sicher nicht
einen Geist, der Frauen eine ganz besondere Anteilnahme entgegenbringt, einen
Geist, der sich für ihre Sache einsetzt oder sich ihrer Deutung widmet. Vielleicht
neigt der androgyne Geist weniger als ein eingeschlechtlicher Geist dazu, diese
Unterscheidungen zu treffen. Er meinte vielleicht, dass der androgyne Geist mitschwingend und durchlässig ist, dass er ungehindert Gefühle übermittelt, dass er
von Natur aus schöpferisch, weißglühend und ungeteilt ist.“
MUSIK
Künstler: Terre Thaemlitz
Titel: Trucker (Burnt by The Muffler Edit by Facil)
Cyborg
Ein ungeteilter Geist: Das ist ein Jenseits der Differenz, die Überwindung von Dualität als solcher! Das ist die Utopie einer androgynen Gesellschaft. Das klingt wunderbar.
Engel
Ästhetisches Schillern bei der Kunstfigur Barbette...
Parodist
Das Zwischen als pathologischer Typus in der Sexualwissenschaft von Magnus
Hirschfeld...
Cyborg
Freiheit des androgynen Geistes bei Woolf...
E, C, P im Chor
Auch das sind utopische Figurationen. So wie wir gehen sie über das Geschlecht
hinaus!
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Engel
Der Zwischenraum als Idee von Freiheit. Aber was heißt das konkret? „Das Neutrum ist die Möglichkeit einer Begegnung, aber es schiebt sie auf, verschiebt sie
auf später“ sagt Luce Irigaray. Also frage ich: Was, wenn die sexuelle Differenz
ihre Chance nie gehabt hat? Wenn auch die Begegnung zwischen den zwei Geschlechtern, zwischen Mann und Frau, eine der Freiheit wäre? Wenn sie in den
Attraktionen, Spannungen, Akten zwischen Form und Materie angesiedelt wird?
Cyborg
Du meinst, die Beziehungen von Form und Materie, von Zwischenraum und Begrenzung müssen verändert werden?
Engel
Ja! Sie sind nie in einer Weise gesetzt worden, daß sie die Beziehung zwischen
zwei liebenden Subjekten verschiedenen Geschlechts zugelassen hätten, den
Raum zwischen ihnen als einen Raum von Freiheit und Anziehung, von Trennung
und Vereinigung.
Parodist
Ich widerspreche. Ich glaube mit Judith Butler, der Raum zwischen Mann und Frau
ist eine Falle! Er hängt am Dualismus. Die sexuelle Differenz ist eine diskursive
Konstruktion! Schaut mich an, schaut Barbette an: Was sind wir, Mann, Frau, alles
andere? Das ist nicht eindeutig. Und gerade deshalb lösen wir ein besonderes
Begehren aus! Verlassen wir doch diesen Raum der sexuellen Differenz, den
Raum des zwanghaften Begehrens von Mann oder Frau! Habe wir den Mut zur
Verführung im Zwischenraum.
Cyborg
Was wenn wir das Organische überhaupt verließen?
Engel
Das ist wieder eine andere Geschichte.
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31
Parodist
Macht nichts, beginnen wir einfach noch einmal.
Engel
Immer wieder.
Parodist
Immer anders.
Cyborg
Immer neu.
MUSIK WEG
E, C, P im Chor
Beginnen wir mit unnatürlichen Körpern – mit Maschinenträumen.
MUSIK
C 154867 Z00 (Track 8)
Künstler: Brandt Brauer Frick
Titel: Empty Words
Zitatorin
„Da stand sie, in einem Papprohr von Kopf bis Fuß. Ihr Gesicht war eine schreckliche Maske mit offenem Mund und zur Seite gedrückter Nase, ihre Arme in dünnen
Papprohren, die mit stilisierten Fingern verlängert waren. Der einzige lebendige
Teil von ihr, den man sehen konnte, waren die Füße, ganz nackt da unten – das
war so beklemmend und ausdruckstark. So tanzte sie. Sie konnte nicht viel mehr
tun, als mit ihren Füßen auf den Boden stampfen oder das ganze Ding wie einen
Schornstein kippen, während sie auch ab und zu sprach. Aber man verstand es
nicht. Man fühlte es. Und manchmal stieß sie einen Schrei aus, einen Schrei... Ich
hatte noch nie so etwas gesehen und ab da war ich eingenommen von den Dadaisten.“
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32
Cyborg
Ein dadaistisches Szenario: Emmy Hennings im Pappkostüm tanzt. Maske über
dem Gesicht, Kartonrohre verdecken den Körper, nur die Füße bleiben als
menschliches Element sichtbar.
Parodist
Kein Sprechen mehr, kein Rezitieren oder Singen,
Engel
...sondern der Schrei.
MUSIK ENDE
Sprecherin
Die Performance von Emmy Hennings, 1916 Mitbegründerin des Cabaret Voltaire
in Zürich, beeindruckt die Laban-Tänzerin Suzanne Perrottet. Den Körper unter
abstraktem Kostüm zu verbergen und das Gesicht unter archaischer Maske verschwinden zu lassen, steht im Zeichen der Anti-Kunst der Dadaisten. Auflösung
der Sprache. Zusammenspiel aller Kunstformen wie Literatur, Gesang, Tanz, Malerei, Bühnenbild. Nicht Sinn, sondern Unsinn. Nicht Dichtung, sondern Laute.
Nicht körperliche Expression, sondern Abstraktion. Nicht Mann oder Frau, sondern
Kunstfigur, Skulptur, Puppe. So revolutionär das klingt, es ist vorrangig der weibliche Körper, der sich verfremdet, entpersonalisiert, entkörpert. Die dadaistischen
Kooperationen, wie die von Emmy Hennings und Hugo Ball oder Sophie Taeuber
und Hans Arp, sie bleiben sehr oft der traditionellen Aufteilung von Performance
auf Seiten der Frauen und Kreation auf Seiten der Männer verhaftet. In solcher
Konstellation wirkt das Papprohr als Verkleidung der Frau provozierend. Der Phallus überschreibt den weiblichen Körper. Die Frau ist es, die sich aufgibt für überspitzte männliche Symbolik.
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MUSIK
C 154867 Z00 (Track 8)
Künstler: Brandt Brauer Frick
Titel: Empty Words
Engel
Bildbeschreibung: Ein Frauenkörper – halb Mensch, halb von Papparmen und
Pappkopf verdeckt –, auf dem Kleider abgelegt werden können.
Cyborg
Der Körper ist fragmentiert, die Fotomontage suggeriert die Mechanik einer Marionette.
Parodist
Ein abstrahierter, mechanischer Körper. Die Maschinenfrau als Männerphantasie
mit misogynem Unterton?
Sprecherin
1920 in New York. Elsa von Freytag-Loringhoven, Modell, Dadaistin und Perfomancekünstlerin avant la lettre, steht für Man Rays Portmanteau Modell – zu
deutsch: Kleiderständer. In der Fotomontage macht sie sich scheinbar zum Objekt
des männlichen Künstlers. Mag dies hier zutreffen, in ihrer eigenen body art und in
ihrer sexualisierten Müllkunst dagegen attackiert und parodiert Elsa von FreytagLorginhoven ihre männlichen Kollegen. Mit Tomatendosen als Büstenhalter, Zelluloidringen als Armreifen, Teelöffeln als Ohrringen, Briefmarken auf der Wange und
elektrischen Lichtern auf den Gesäßpolstern ihres Kleides marschiert sie durch die
Straßen New Yorks. Und macht sich lustig über den Technikkult der Männer.
Zitatorin
„Autos und Fahrräder haben Rücklichter. Warum nicht ich?“
Sprecherin
Sie inszeniert sich als androgyne Kriegsbraut.
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Zitatorin
„Sie schien eine Haut zu haben, die das Muster ihres Kostüms war: ein Mieder mit
Rauten, rot und gelb, im Rücken tief ausgeschnitten... Das Material ihres Trikots
war eben keine Hülle mehr, es war sie selbst. Der hauteng anliegende Zwickel war
so sehr ihr eigenes Fleisch, daß er sie so geschlechtslos machte wie eine Puppe.“
MUSIK ENDE
Sprecherin
Diese Beschreibung in Dunja Barnes Nachtgewächs aus dem Jahr 1936 vermittelt
die Anspielung der Dadaistin auf die Maschinenträume der männlichen Avantgardisten. Bei aller Misogynie auf Seiten der Männer, bei aller Aneignung oder auch
Parodie auf Seiten der Frauen, diese Maschinenträume liefern immer auch utopische Räume. Träume von post-humanen Zeiten, die „männlich“ und „weiblich“ hinter sich lassen.
Am 4. Februar 1923 hält der englische Genetiker John Haldane einen Vortrag in
Cambridge: „Deadalus oder Wissenschaft und Zukunft“. Eine Zukunftsutopie als
Pamphlet, das auch in Rahmen der journalistischen Reihe „To-Day and ToMorrow“ veröffentlicht wird. Aus einer imaginierten Zukunft heraus blicken die Autoren auf die aktuellen Zustände und entwickeln Gedankenexperimente mit
Sprengkraft. So wird bei Haldane die Vision, den menschlichen Fötus außerhalb
des weiblichen Körpers auszutragen, die „Ectogenesis“, zum Sprungbrett für eine
durch Eugenetik verbesserte Gesellschaft. Eine radikale Fortschreibung der Idee
der Ectogenesis liefert der britische Physiker John Bernal 1929 in „Die Welt, das
Fleisch und der Teufel“. Im Rahmen einer Fabel von drei Zeitaltern zeichnet er das
Bild einer posthumanen Zeit als Endpunkt der menschlichen Entwicklung. Wesen
zwischen Organischem und Anorganischem, zwischen Mensch und Maschine bilden eine neue Spezies, die in ungeahnte Bereiche vordringt. Geschlecht und
menschlicher Körper als solcher scheinen überwunden.
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Bayerischen Rundfunk möglich! ©Bayerischer Rundfunk 2014. Bayern2 - Hörerservice, Bayerischer Rundfunk, 80300 München, Service-Nr. 01801/102033 (4 Cent/Min.),
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35
Zitator
„Statt einem Material, aus dem die Natur gezwungen war, Leben zu schaffen, wird
die Menschheit eine Vielzahl von Stoffen haben. Lebendige und strukturierte Stoffe werden dem mechanischen oder zusammengesetzten Menschen zur Verfügung
stehen wie Metalle heute. Und allmählich wird dieses lebendige Material mehr und
mehr niedrige Gehirnfunktionen wie Erinnerung, Reflexe etc. ersetzen, denn den
Körper wird man dann weit hinter sich gelassen haben.“
Sprecherin
In diesem utopischen Szenario ist der menschlichen Körper überwunden, geschlechtlich nicht mehr markiert. Die neue Art ist kollektives Bewusstsein, universaler, zeit- und raumübergreifender Kreislauf von Erinnerungen, Emotionen und
Individuen, der auch den Tod überwindet. Endpunkt der phantastischen Vision ist
die Auflösung.
MUSIK
C1453890 006
Künstler: Matmos
Titel: Supreme Balloon
Zitator
„Das neue Leben wäre formbarer, direkter kontrollierbar und zugleich variabler
und fester als das vom erfolgreichen Opportunismus der Natur erzeugte. Dieser
Wandel wäre genauso wichtig, wie der, als das erste Leben auf der Erde auftauchte, er könnte aber auch nur graduell und unmerklich sein. Schließlich könnte das
Bewusstsein selbst enden oder verschwinden in einer Menschheit, die gänzlich
ätherisch ist, losgelöst vom engen Organismus, die eine Masse von Atomen im
Raum ist, die über Strahlen kommuniziert. Die sich letztlich vielleicht ganz in Licht
auflöst. Das könnte ein Ende oder ein Beginn sein, es ist jetzt noch nicht vorhersehbar.“
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Cyborg
Das war John Bernal 1929 – jetzt hört mal Donna Haraway 1985: „Unsere Maschinen sind aus Sonnenschein gemacht. Sie sind aus Sonnenschein gemacht.
Sie sind so vollkommen licht und rein, weil sie aus nichts als Signalen, elektromagnetischen Schwingungen, dem Ausschnitt eines Spektrums bestehen. Cyborgs sind Äther – Quintessenz.“ Hör ihr: was für eine Analogie! Grenzüberschreitung, Verschmelzung von Mensch und Maschine bis hin zur vollkommen Abstraktion und Auflösung des Organischen. Entgrenztes Bewusstsein und Cyborgs.
Parodist
Sind das Utopien. Oder doch Dystopien?
Engel
Da wäre das Cyborguniversum als ein endgültiges Koordinatensystem der Kontrolle, die endgültige Abstraktion, die restlose Aneignung der Körper der Frauen in
einer männlichen Orgie des Kriegs!
Cyborg
Oder die Cyborgwelt als eine Wirklichkeit, in der niemand mehr seine Verbundenheit zu Tieren und Maschinen zu fürchten braucht. In der niemand mehr vor partiellen Identitäten und widersprüchlichen Positionen zurückschrecken muß.
Parodist
Kontrollszenario oder Freiheitsutopie?
Cyborg
Wir müssen beide Blickwinkel prüfen.
Engel
Perspektiven einnehmen auf Zwänge und Möglichkeiten zugleich.
MUSIK ENDE
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Parodist
Es geht ja auch um die Frage von Utopie als Praxis!
MUSIK
Archivnr.:C1562100 103
Künstler: Planningtorock
Titel: Human Drama
E, C, P im Chor
Beginnen wir mit einem Geständnis des Unbehagens. Beginnen wir damit zuzugeben, dass wir utopisch denken, aber auch handeln.
Parodist
Obwohl wir Figurationen der Möglichkeit sind.
Engel
Obwohl wir keine Personen sind und nicht nach Identität streben.
Cyborg
Obwohl wir keinen Ort und Ursprung haben.
E, C, P im Chor
Beginnen wir damit, radikal umzudenken und uns zu verhalten!
Parodist
Imitieren wir Geschlechtsidentität und vervielfältigen wir uns!
Engel
Öffnen wir geschlossene Universen!
Cyborg
Durchqueren wir Normen, Gesetz und Geschlecht.
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E, C, P im Chor
Beginnen wir mit neuen Szenen des Unbehagens!
Absage SPRECHERIN
Wie die Frau zur Theorie wurde.
Das Unbehagen am Geschlechtermachen
Ein Essay Stephanie Metzger
Es sprachen Katja Bürkle, Heinz Peter, Anna Riedl, Friedrich Schloffer, Xenia Tiling, Sebastian Weber und Annette Wunsch
Technik: Cordula Wanschura
Regie: Stephanie Metzger
Reaktion: Martin Zeyn
Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2014
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Seele and Geist
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