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Familie Schüpbach Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die

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Sonderausstellung: Familien – Geschichten, die das Leben schrieb
Familie Schüpbach
Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die
Gemeinde Münsingen aufmischten
Fritz Lauber
Beiträge zur Geschichte Münsingens
Heft Nr. 5
Impressum
Copyright und Herausgeber:
Einwohnergemeinde Münsingen, Museum Münsingen
Redaktion und Lektorat: Christa Rüedi
Titelbild
Der Tuchfabrikant und Gemeindepräsident mit seiner Familie. Von links: Bendicht
Schüpbach (1842–1909), Tochter Rosa (1872–1924), Sohn Johann Bendicht
(1870–1945), Ehefrau Karolina Schüpbach (1848–1921). Sitzend Sohn Ernst
(1878–1948). Bild um 1895.
Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
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Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre
Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
Kommt da ein auswärtiger Familien-Clan nach Münsingen, gründet eine Tuchfabrik, kauft überall Land zusammen, engagiert sich in Gemeindeämtern, wirkt an
vorderster Front bei der Gründung der ersten Bank mit, stösst Grossprojekte wie
die Wasserversorgung und die Elektrizitätsversorgung an – und verschwindet
wieder von der öffentlichen Bildfläche, nachdem der Bekannteste des Clans ein
finanzielles Desaster veranstaltet hat. Das ist die Geschichte der Familie
Schüpbach zwischen 1829 und 1910.
Abb. 1 Das SchüpbachFamilienwappen
Es müssen drei tatendurstige junge Männer gewesen sein, die 1829 vom kleinen
Bauernnest Heistrich bei Worb nach Münsingen zogen. 1825 war ihr Vater David
Schüpbach gestorben, der in Heistrich Gutsbesitzer, „Rössli“-Wirt und Guttuchfabrikant gewesen war. Sein Betrieb dürfte nicht viel mehr als eine Handweberei
umfasst habeni. Seinen zehn Kindern hinterliess er aber ein hübsches Erbe.ii
Denn drei dieser zehn Kinder kauften davon im weit stattlicheren Dorf Münsingen
an prominenter Lage gemeinsam ein Bauern- und Kaufhaus: Das Krämerhaus an
der Verzweigung Tägertschistrasse/Thunstrasse, dort, wo heute das Bankgebäude der Spar- und Leihkasse steht.
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Begleitheft zur Sonderausstellung 2012/2013 des Museums Schloss Münsingen
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Eigentlich waren es vier Schüpbach-Brüder, die am 3. Weinmonat 1829 von
Jakob Käser für 5700 Franken das damals rund 30-jährige Gebäude erwarben.
Im Vordergrund standen David, Bendicht und Jakob Schüpbach. Aber nur David
war bereits volljährig und damit handlungsfähig. Bendicht und Jakob waren erst
21 bzw. 18 Jahre alt; sie konnten als Minderjährige den Handel noch nicht selber
abschliessen. So fungierte ihr älterer Bruder Johann namens der Vormundschaftsbehörde als Vogtiii und beteiligte sich gleich selber am Kauf, obschon er in
Heistrich ansässig blieb. In der von den Brüdern Schüpbach erworbenen Liegenschaft war schon bisher im Kramladen nebst Käse und Tabak auch Tuchiv verkauft worden. Zudem war im Haus ein Arbeitsplatz für einen Weber eingerichtet.v
Zur Liegenschaft gehörten Scheune, Sodbrunnen, Hausbrunnen mit Quellwasser, Wasch- und Ofenhaus und selbstverständlich auch eine Reihe von
Äckern und Matten. Wahrscheinlich liessen die Brüder Schüpbach anfänglich im
eigenen Weblokal – vielleicht auf mehr als einem Webstuhl – Tuch herstellen,
sicher kauften sie bei den zahlreichen Heimwebern des Emmentals Tuch ein und
handelten damit, und sie führten den Landwirtschaftsbetrieb. 1834vi erwarben die
drei Brüder David, Bendicht und Jakob Schüpbach vom Seiler Hans Maurer ein
Heimwesen im Mühlegraben und richteten eine Tuchwalke ein, während sich der
vierte Bruder Johann zurückzog und seinen Anteil am Krämerhausvii den drei
andern verkaufte.
Abb. 2 Das Krämerhaus an der Verzweigung Tägertschistrasse/Thunstrasse ums Jahr 1900. Heute
steht das Geschäftshaus der Spar- und Leihkasse an diesem Ort. (Bild SMM)
Mit der wassergetriebenen Walkmühle wurden Rohgewebe durch Stossen,
Strecken und Pressen gereinigt und verfilzt, damit sie dichter und geschmeidiger
wurden. Auf diese Weise entstand das Guttuch, welches die Gebrüder Schüpbachviii bereits 1836 mit Erfolg an der Industrieausstellung in Bern zeigten. Im
Verlauf der Jahre wurde immer wieder Land zugekauft für Erweiterungen wie die
Einrichtung der Wollspinnerei. Bald wurde zudem die Walke in die Au verlegtix
und ihr eine Färberei und Tröckne angegliedert.
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Innerhalb weniger Jahre etablierte sich die Münsinger Fabrik neben der Leinwandherstellung in Walkringen als wichtigster Industriebetrieb im Amt Konolfingen; in den kommenden Jahrzehnten wurden ihre Stoffe und Garne immer
wieder an den in Mode gekommenen Ausstellungen ausgezeichnetx.
Dass der Start des Unternehmens auf Anhieb so gut gelang, ist bemerkenswert,
denn in der Branche herrschte Umbruchstimmung: 1831 ging in Oberdiessbach
eine der ältesten Wolltuchfabriken der Schweiz in Konkursxi. 1832 wurde in Uster
ZH die mechanische Spinnerei und Weberei Corrodi & Pfister in Brand gesteckt
von Kleinwebern und Heimarbeitern, die sich durch die neuen Webmaschinen in
ihrer Existenz bedroht sahen.xii Baumwolle verdrängte in der Ostschweiz zudem
die Leinwandindustrie, die sich in den Raum Emmental/Oberaargau verlagerte.
Und das Guttuch hatte trotz einer bescheidenen staatlichen Förderung keinen
leichten Stand. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte der
wachsende Bedarf an Uniformen (Militär, Eisenbahn, Post) einen spürbaren
Aufschwungxiii für die einheimische Wollindustrie.
Abb. 3 Die Walke an der Giesse, die 1840-1902 zur Tuchfabrik gehörte. (Bild: Sammlung Müller)
Die Grundstückkäufer
Die drei Schüpbach-Brüder waren nicht nur Münsingens erste Industrielle, sie
betätigten sich auch unablässig als Landkäufer und -verkäufer, teils einzeln, teils
gemeinsam. Fast jährlich sind von ihnen im Grundbuch mehrere Liegenschaftshändel registriert. Oft ging es nur um bescheidene Parzellen: wenn ein kleiner
Landbesitzer Geld brauchte, griffen die Schüpbachs zu. Aber auch ganze
Bauernhöfe gingen durch ihre Hände. So kaufte Bendicht Schüpbach 1845 das
vordere Üelisbrunnengutxiv, um es drei Jahre später mit Gewinn wieder abzustossen. Laufend arrondierten sie ihr Areal, vorweg am Dorfplatz, wo bald nebst
dem Krämerhaus und seinem damals noch grossen Umschwung auch das
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Ochsengut (heutiges Bauernhaus Müller) und weitere Liegenschaften ihnen
gehörten. Weitere Investitionsschwerpunkte waren das Mühletal, wo die
Tuchfabrik stand, sowie die Umgebung der Walke, die ums Jahr 1840 an die
Giesse verlegt worden war. Seien es Matten und Äcker, Wald oder Staudland in
der Au: immer wieder griffen die Brüder Schüpbach zu, wenn eine Parzelle
käuflich war.
Ob die Schüpbach-Brüder in der damaligen politisch bewegten Zeit – wie andere
wirtschaftliche Aufsteiger – auch in der Politik eine Rolle spielten, ist nicht
eruierbar. Immerhin hatte 1831 nach der grossen Volksversammlung der
Liberalen in Münsingen die patrizische Berner Regierung abdanken müssen;
Freischarenzüge und der Sonderbundskrieg liessen in den 1840er-Jahren die
politischen Emotionen hochgehen; 1848 wurde die Schweiz zum Bundesstaat.
Auf Gemeindeebene nahmen die Schüpbachs jedenfalls Einfluss. So war David
Schüpbach nicht nur Gemeinderat, sondern von 1849 bis 1850 auch Gemeindepräsident.xv Er stand also der Gemeinde vor, als am 25. März 1850 auf der
Münsinger Löwen- und der Bärenmatte im Vorfeld der kantonalen Wahlen
gleichzeitig zwei hitzige Politversammlungen von 12'000 Konservativen und
8'000 Radikalenxvi stattfanden. Angesichts der schon im Vorfeld heftig geführten
Auseinandersetzung wurden wüste Zusammenstösse der politischen Gegenspieler befürchtet. Deshalb stellte der Gemeinderat Münsingen unter dem
Präsidium von David Schüpbach das Brandcorps mit der Feuerspritze auf
Pikettxvii. Auch nachts hatte diese Wache „die nöthigen Patrouillen zu machen“.
Doch ein Wasserwerfereinsatz zur Abkühlung der Gemüter war bei dieser
Politdemonstration nicht nötig, die beiden Volksversammlungen gingen –
abgesehen von ein paar Prügeleien – friedlich zu Ende, und die Wachmannschaft wurde für ihren Einsatz mit zwei Batzen pro Mann entlöhnt.
Abb. 4 Titel des Buchhaltungsjournals des Bendicht Schüpbach,
1861. Fein säuberlich listet er auf
den folgenden Seiten die
Rechnungsbeträge für gelieferte
Stoffe auf.
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Bendicht als Alleinbesitzer
Wenn drei Brüder in einem Unternehmen tätig sind, wenn sie teils gemeinsam
und teils im Alleingang hier und dort Land kaufen, so entsteht ein kompliziertes
Besitzesgeflecht. Das versuchten sie mehrmals durch Teilungen zu entflechten.
So entwickelte sich David zum Besitzer mehrerer Bauerngüter, während er das
Tuchgeschäft fast ganz seinen beiden Brüdern überliess. Bendicht und Jakob
hielten nur noch das Fabrikareal und die Walke im Gemeinschaftseigentum,
während die Dorfliegenschaft (Krämerhaus) ganz an Bendicht, die Wohnliegenschaft im Mühlegraben ganz an Jakob überging.xviii Da starb 1856 Jakob
Schüpbach 42-jährig unerwartet. Seine Witwe, Anna geb. Gfeller, blieb mit vier
Kindern zurück, von denen keines mehr als 12 Jahre zählte. Sie sicherte sich ihre
Zukunft mit dem Verkauf von Jakobs Anteil an der Tuchfabrik und seiner andern
Liegenschaften und verheiratete sich ein Jahr später neu mit Johann Schlegel
von Kaufdorf. Bei diesen Versteigerungen griff Bendicht zu und erwarb des
Bruders Anteile an der Tuchfabrik und auch dessen Wohnhaus samt Umschwung
im Mühlegraben. Abgesehen von einem hälftigen Anteil an der Walke, der noch
Bruder David gehörte, war Bendicht nun Alleinbesitzer der Tuchfabrik und zweier
grosser Liegenschaftenxix im Dorf und im Mühlegraben.
Das Ende der ersten Generation
1863 starb Bendicht Schüpbach 55-jährig. Seine Witwe Elisabeth geb. Schmutz
trat die Tuchfabrik und die beiden Heimwesen im Dorf und im Mühlegraben an
die beiden Söhne Johannes und Bendicht ab zum Anschlagpreis von 100'000
Franken.xx Also hatte die Tuchfabrik wieder zwei Eigentümer.
Als 1869 auch noch der Letzte der 1829 zugezogenen Schüpbach-Brüder, David,
als reicher Gutsbesitzer starb, hatte er ein für die damalige Zeit erkleckliches
Vermögen von 244'562 Franken zu vererben (entspricht ungefähr einem
heutigen Wert von zwölf Millionen Frankenxxi). Sein Heimwesen mit Kramladen
an der Landstrasse (heutiges Konfektionsgeschäft Dubach) ging an Sohn
Johannes, das Ochsengut (heutiges Bauernhaus Müller) an der Tägertschistrasse an den Sohn Gottlieb, der hälftige Anteil an der Walke, der noch im
Besitz Davids war, an die Tochter Karolina, die sich 1868 mit ihrem Cousin und
Tuchfabrik-Erben Bendicht jun. verheiratet hatte.xxii Alles, was zur Tuchfabrik
gehörte, lag damit in den Händen Bendichts und Johanns, zweier Neffen des
verstorbenen David. Jedem der neun Kinder Davids wurden Werte oder Geld im
Betrag von 27'173 Franken zugewiesen.
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Abb. 5 Das „Bureau
mit Glasschäftli“ im
Bauernhaus des
Ochsenguts, an dem
Rosina SchüpbachDepping wohl sass, als
sie 1869 die Erbteilung
regelte. Das prächtige
Einbaumöbel ist 2011
restrauriert worden.
(Bild: Fritz Brand)
Wie die Reichen damals lebten
Auch die Witwe Davids, Elisabeth Schüpbach-Bernhard, kam in dieser Erbsache
nicht zu kurz. In einem Vertrag, den auf ihr Verlangen Major Rudolf von Erlach
vom Schwand als Vertreter der Vormundschaftsbehörde ausarbeitetexxiii, sicherte
sie sich ebenfalls einen Erbanteil von 27'173 Franken. Spannend ist nicht nur,
wie das grosse Erbe Davids unter Beizug zweier Sachverständiger offensichtlich
ohne Gezänk auf die neun Kinder aufgeteilt wurde. Spannend ist vor allem, wie
die Witwe „für sich und einen Abwart lebenslänglich und ungestört“ das Wohnrecht in drei Zimmern des Obergeschosses des Ochsenguts sicherte, samt
Anrecht auf Sod, Waschhaus, Garten und Abtritt. Detailliert wurde aufgelistet, wie
diese Wohnung eingerichtet war. Das gewährt uns Heutigen einen Einblick in den
Lebensstandard der Schüpbachs. So behielt sich Elisabeth Schüpbach-Bernhard
eigentümlich vor: „Sämtliche Kleider und Zierathen, zwei vollständig ausgerüstete
Bette, 1 Buffet, 1 Bureau mit Glasschäftli, 1 Nachttischli, 2 Zusammenlegtische, 2
kleine Tische, 1 Stock-Pendule, 1 Tisch auf der Laube, 12 Sessel, 1 Fauteuil, 1
Schaft, 1 Commode, 2 Spiegel, ferner an Koch- und Küchengeräthschaften
diejenigen, welche sie auswählen wird.“
Der Übernehmer des Ochsenguts, also Sohn Gottfried, hatte ihr „täglich 1½
Maas Milch frisch von der Kuh, alle Jahre 6 Säke gute Herdöpfel“ sowie Rüben,
Kabis und Bohnen zu liefern „und in den Jahren noch Obst geratet auch von
diesem so viel sie nöthig hat und bedarf“ sowie „alle Jahre ein fettes Schwein“.
Für diese Naturalleistungen musste die Mutter dem Sohn jährlich 450 Franken
bezahlen. Sollte der Zins aus ihrem Verschleisskapital von 27'000 Franken, der
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auf vier Prozent festgesetzt war, für diese Entschädigung sowie die übrigen
Haushaltungskosten nicht ausreichen, ja sollte „die Abtreterin zu einem
standesgemässen unbeschränkten Lebensunterhalt mehr als dieses Schleisskapital nöthig haben, sind die Kinder solidarisch verpflichtet, derselben alle Jahre
noch so viel dazu zu legen als sie nöthig hat, wünscht und bedarf“.
Mit diesem Abtretungsvertrag von 1869 hat Elisabeth Schüpbach-Bernhard nicht
nur ihren Kindern den Weg in die Zukunft geebnet, sondern auch für sich die
Weiterführung eines standesgemässen Lebens gesichert – samt Abwart, der ihr
zur Hand gehen sollte und Wohnrecht in ihren Stuben des Ochsenguts genoss.
Man darf wohl davon ausgehen, dass auch der Lebensstil im Hause ihres sechs
Jahre vorher verstorbenen Schwagers Bendicht Schüpbach-Schmutz ein
ähnliches Niveau aufwies, obschon aus dessen Erbschaft kein solch detailreiches Vertragswerk der Nachwelt erhalten blieb.
Heiraten unter Seinesgleichen
Die Schüpbachs waren offensichtlich nicht nur geschäftstüchtige Leute, die die
neuen Wirtschafts- und Gewerbefreiheiten nach der französischen Revolution zu
nutzen verstanden. Sie wussten auch standesgemäss zu heiraten. Das war in
der ersten Generation so und in der zweiten nicht anders, zum Beispiel bei den
beiden Brüdern Johann und Bendicht, zwei Söhnen des 1863 verstorbenen
Bendicht. 1867 hatte ihnen die Mutter, Elisabeth Schüpbach-Schmutz, die
Tuchfabrik abgetreten. 1868 heiratete der 26-jährige Bendicht seine 20-jährige
Cousine Karolina Schüpbach, die ein Jahr später (siehe oben) zu den Erben des
David Schüpbach gehören sollte. Und auch sein Bruder Johann mehrte mit
seiner Heirat das künftige Vermögen: 1862 schon hatte er sich als 21-Jähriger
mit der sieben Jahre älteren Rosina Depping verehelicht, der Tochter des
gutbetuchten Holzhändlers und Gemeinderats Gottlieb Depping, der 1854
zusätzlich zu seinem Holzhändlergewerbe in Münsingen den Gasthof „Ochsen“
und dessen Landwirtschaftsbetrieb (der nicht mit dem Ochsengut identisch ist)
gekauft hatte. 1877 sollten aus seinem Erbe je 57'336 Franken an Rosina und
ihren Bruder Gottlieb jun. fliessen, der inzwischen Ochsenwirt geworden war.xxiv
Eine Bank in Schüpbach-Händen
Was die Brüder Johann und Bendicht Schüpbach für eine Ausbildung genossen,
wissen wir nicht. Ob sie von ihrem Vater, wie das von andern Firmeninhabern
bekannt ist, nach Deutschland oder in die Niederlande zur beruflichen Weiterbildung geschickt wurden, ist nirgends dokumentiert. Sicher mussten sie jedoch
nach dem Tod des Vaters Bendicht 1863 als 21- und 22-Jährige im Betrieb voll
einsteigen. Ende der 1860er-Jahre waren sie wohlbestallte Tuchfabrikanten, und
Bendicht war auch Gemeinderatsmitglied. Die beiden gehörten als noch nicht
30-Jährige an vorderster Front zu den Gründern der Spar- und Leihkasse
Münsingen.
Initiative Gewerbler wollten für ihre Geschäfte und Liegenschaftshändel nicht
länger auf private Darlehensgeber oder die Geldinstitute in Bern angewiesen
sein. Deshalb kamen am 8. November 1869 17 Handwerker und Gewerbler im
Wartsaal der Station Münsingen zusammen und beschlossen, einen
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Handwerker- und Gewerbeverein und eine Spar- und Leihkasse zu gründen.
Bereits vier Monate später, am 1. April 1870, nahm die Bank ihre Tätigkeit auf.
Erster Verwaltungsratspräsident wurde Johann Schüpbach-Depping. Dem
Verwaltungsrat gehörten zudem sein Bruder Bendicht, sein Schwiegervater
Gottlieb Depping sowie sein Cousin Johann Schüpbach-Grafxxv an. Der
Schüpbach-Familienclan war also massgeblich am Entstehen dieses Instituts
beteiligt und stellte vier von neun Verwaltungsratsmitgliedern. Die 100 Aktien à
50 Franken waren rasch gezeichnet. Doch weit reichte das Stammkapital von
5000 Franken für die Geschäftsaktivitäten der jungen Kasse nicht. Bald schon
musste sich das Institut, um Geldausleihungen an seine Kunden gewähren zu
können, refinanzieren. Zum Beispiel bei der Kantonalbank von Bern. Das ging
nicht ohne Sicherheiten. Für solche Kredite mussten jeweils die Verwaltungsratsmitglieder persönlich haften. Der Gemeinderat hatte zuhanden der kreditgebenden Bank ein Zeugnis auszustellen. So zum Beispiel 1872 für Bendicht
Schüpbach, der für einen 10’000-Franken-Kredit der Kantonalbank an die Sparund Leihkasse haften musste. Er sei „ehrenfähig und eigenen Rechts“, bestätigte
der Gemeinderat und musste noch angeben, wieviel er versteuerte, während
Bendicht Schüpbach, der selber dem Gemeinderat angehörte, den Ausstand
nehmen musstexxvi. Das Engagement für die Bank barg also für die Verwaltungsratsmitglieder erhebliche finanzielle Risiken.
Seilziehen ums Ochsengut
Finanzielle Risiken einzugehen war den jungen Tuchfabrikanten allerdings
tägliches Brot. Als beispielsweise Gottlieb Schüpbach, der 1869 das Ochsengut
aus der Erbschaft seines Vaters David übernommen hatte (siehe oben), sein
Heimwesen 1878 an Gemeinderat und Schlossgutpächter Peter Schär für 80'000
Franken verkaufen wollte, machte Bendicht Schüpbach das Zugrechtxxvii geltend,
also das Vorkaufsrecht seiner Ehefrau Karolina gegenüber ihrem Bruder Gottlieb,
damit das Ochsengut in der Familie blieb. Bendicht Schüpbach musste das
Ochsengut zu den gleichen Bedingungen erwerben, wie es Peter Schär hatte
übernehmen wollen. Vermutlich um das Ochsengut zu finanzieren verkaufte er
gleichzeitig seinem Bruder Johann, mit dem er gemeinsam die Tuchfabrik führte,
seinen hälftigen Anteil am Krämerhaus-Bauerngut, in welchem auch ein Tuchund Spezereiwarengeschäft untergebracht war, und die Hälfte der Tuchwalke in
der Au, die seit 1869 ganz in seinem Besitz war.xxviii Dieser Liegenschaftshandel
sollte sich für Bendicht später auszahlen: 1895 verkaufte er das Ochsengut für
88'500 Franken an den gleichen Peter Schär, der es 17 Jahre vorher schon hatte
erwerben wollen – allerdings ohne Kleinheimwesen an der Tägertschistrasse und
ohne das Land in der Dorfmatte, die vorher dazugehört hatten. Er löste also zehn
Prozent mehr als beim Kauf, ohne dass er die ganze Liegenschaft weitergab.
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Abb. 6 Die Tuchfabrik im Mühlegraben mit Stöckli in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
(Bild SMM)
Tod von Johann Schüpbach
Am 26. Februar 1881 starb Johann Schüpbach, der zusammen mit seinem
Bruder Bendicht Besitzer der Tuchfabrik war, im 40. Altersjahr, in der Blüte
seines Lebens und auf dem Höhepunkt seines Einflusses. Bruder Bendicht, 1878
eben erst zum Gemeindepräsidenten gewählt, trat unverzüglich von diesem Amt
zurück, „weil ihn der gestern eingetretene Tod seines Bruders Johann
Schüpbach zu dieser Demission nöthige, indem der Verlust seines Associé seine
Arbeit im Fabrikationsgeschäft ihm so sehr anwachse, dass er absolut sich
einstweilen der öffentlichen Geschäfte entziehen müsse“xxix. So begründete er
seinen Entscheid an der Gemeinderatssitzung vom 26. Februar 1881. Mit
Bedauern gab der Gemeinderat an der Gemeindeversammlung vom 28. Februar
davon Kenntnis. Ganz aus der Politik zog sich Bendicht Schüpbach allerdings
nicht zurück: In den nachfolgenden Wahlen wurde er von der Gemeindeversammlung klar als Gemeinderat bestätigt – er trat nur als Gemeindepräsident
zurück. Und dass er trotz voraussehbarer Mehrbelastung in der Tuchfabrik die
Fäden und seinen Einfluss nicht aus der Hand geben wollte, belegt auch die
Tatsache, dass er bei der Spar- und Leihkasse die Nachfolge seines Bruders
Johann als Verwaltungsratspräsident antrat und dabei in einer Kampfwahl seinen
Mitkonkurrenten Peter Schär um zwei Stimmen ausstach.xxx
Bendicht II wird Alleinbesitzer
Der Tod seines Bruders Johann machte Bendicht Schüpbach zum Alleinbesitzer
der Tuchfabrik, wie das schon sein Vater gewesen war. Denn Johanns Witwe,
Rosina Schüpbach-Depping, verkaufte die Hälfte „der gemeinschaftlich
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Abb. 7 Die ehemalige Tuchfabrik samt dem ehemaligen Stöckli im Jahre 2012. (Bild: FL)
besitzenden Fabrikbesitzung im Mühlegraben“xxxi ihrem Schwager Bendicht
Schüpbach. Damit war „das Wollspinnereigebäude samt dazu dienenden
Maschinen und Werkzeugen, und mit dem Recht zur Einleitung des Wassers aus
dem Dorfbach“ ganz in Bendichts Eigentum. Dazu gehörten auch ein Wohnstöckli, eine Scheune und jene 27 Aren Land im Mühletal, die noch 1881 zugekauft worden waren. Bendicht Schüpbach erwarb zudem von der Schwägerin die
Hälfte der Walkebesitzung in der Au wieder, die er drei Jahre vorher seinem
Bruder Johann verkauft hatte (siehe oben). Damit waren auch die Walke samt
zudienenden Effekten – namentlich der Tuchrahmen –, das Färbereilokal, das
Tröckne- und Holzlokal und der bei der „Rieseten beir Todtengiesse“ eingeleitete
Brunnen sowie die Wohnung im Walkegebäude wieder im Alleinbesitz von
Bendicht. Schliesslich kaufte Bendicht, der ja seit 1878 auch im Besitz des
Ochsenguts war, noch die Dorfliegenschaft seines Bruders, also das Krämerhaus
an der Verzweigung Tägertschistrasse/Thunstrasse. Drei Jahre vorher hatte
Bendicht seine Hälfte an dieser Liegenschaft seinem Bruder abgetreten. Jetzt
kaufte er das ganze Gut zurück, und zwar einschliesslich Wohnhaus, Wohnstöckli, Scheune, Ofenhaus, Brennerei und vor allem mit den zahlreichen
Parzellen Matt-, Acker- und Allmendland sowie dem Wald, die zum Dorfgut
gehörten. Im Grundstücksteuerregister der Gemeinde Münsingenxxxii von 1886
wurde Bendicht Schüpbach mit 61 Hektaren Land als einer der grössten
Grundstückbesitzer aufgeführt.
Die einzige Liegenschaft, die Bendicht Schüpbach nicht aus dem Nachlass
seines verstorbenen Bruders übernahm, war die „Wirthschaftsbesizung zu
Klösterli“. Witwe Rosina Schüpbach-Depping versteigerte sie.xxxiii Meistbietender
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war Jakob Wiedmer, Wirth und Unterweibel zu Münsingen, der sie für 37'000
Franken erwarb. Die Liegenschaft enthielt eine „Wohnung, Wirthschaftlokalitäten,
Tanzsaal und Weinkeller, die Kegelbahn mit Cabinet neben dem Garten, eine
jenseits der Strasse stehende Scheune mit Wohnung und Ställen“, einen
Sodbrunnen sowie Wiesen, Äcker und Wald.
Abb. 8 Die erste Fabrikordnung von 1878. Die Pflichten der Arbeiter und Arbeiterinnen werden
umschrieben und die Arbeitszeit zwischen morgens 6 und abends 7 Uhr fixiert.
Die Arbeitsverhältnisse in der Fabrik
Bendicht Schüpbach übernahm die alleinige Verantwortung in der Tuchfabrik und
das Präsidium der Spar- und Leihkasse in unruhiger Zeit. Zwar herrschte
mancherorts Aufbruchstimmung. So stand am Gotthard der Eisenbahntunnel
kurz vor seiner Eröffnung (1882). Aber eine plötzliche Stagnationsperiodexxxiv
machte der Wirtschaft zu schaffen und trieb zahlreiche Arme und auch jugendliche Arbeitskräfte zur Aus- und Abwanderung. In Münsingen kämpfte die noch
junge Spar- und Leihkasse mit ihrer ersten Krise, weil sie Bauernheimwesen aus
Geltstagen (Konkursen) übernehmen musste.xxxv Und im Textilgewerbe zeigte
das erste schweizerische Fabrikgesetz von 1877xxxvi einschneidende Wirkung:
Der Unternehmer konnte plötzlich nicht mehr mit der Arbeiterschaft schalten und
walten, wie ihm beliebte. Angesichts der vielerorts untragbaren Arbeitsverhältnisse in den Fabriken limitierte der Bund die Arbeitszeit auf 11 Stunden pro
Tag. Er verbot die Arbeit für Kinder unter 14 Jahren – in Baumwollspinnereien
der Ostschweiz waren vorher teils Neunjährige bis zu 14 Stunden eingesetzt
worden! Die Nachtarbeit für Frauen wurde verboten und neu haftete der Unternehmer für körperliche Schädigungen, die bei der Arbeit erlitten wurden.
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Wie die Arbeitsverhältnisse damals in der Tuchfabrik Schüpbach waren, lässt
sich leider nicht genau rekonstruieren. Aktenkundig ist allerdings, dass die
Arbeiterin Elisabeth Rottermann-Bürki am 7. Februar 1878 am Reisswolf eine
schwere Handverletzung erlitt. Die Gebrüder Schüpbach berichteten dazu dem
Fabrikinspektor, sie habe „Putzarbeit während dem Lauf der Maschine ohne
Auftrag von Jemand gemacht, so halten wir dafür, man könne nicht uns die
Schuld zuschieben, dass sie verunglückt ist“. Als am 3. September 1878 um
22.30 Uhr die Jungfer Katharina Lüdi auf gleiche Art verunfallte – sechs Wochen
später, als sie zum Unfallgeschehen einvernommen wurde, war sie immer noch
im Inselspital, Zimmer 7 –, wurde der Fabrikinspektor aktiv. Am 6. November hielt
er zuhanden der Direktion des Innern fest, „dass in der That bei verschiedenen
Maschinen Schutzvorrichtungen und Umfriedungen dringend nothwendig sind.
Ich habe das Nöthige angeordnet und zwar so, dass so bald die Herren
Fabrikanten diesen Anordnungen nachgekommen sind, ähnliche Unglücksfälle
wie die vorgekommenen nicht mehr möglich werden können.“xxxvii Ob die
Tuchfabrik Heilungskosten übernehmen musste oder ob die Arbeiterinnen die
Folgen ihrer Verletzung und der daraus resultierenden Teilinvalidität allein zu
tragen hatten, geht aus den Akten nicht hervor. Hingegen ist dokumentiert, dass
am 8. November des gleichen Jahres 1878 die Direktion des Innern beim
Regierungsstatthalter von Konolfingen Strafanzeige gegen die Gebrüder
Schüpbach einreichte, weil in ihrer Fabrik verschiedentlich Nachtarbeit für Frauen
angeordnet wurde und die Arbeitszeit mehr als elf Stunden betrug. Auf diese
Interventionen reagierten die Schüpbachs postwendend mit dem Erlass einer
ersten Fabrikordnung.xxxviii Sie regelten darin die Pflichten der Arbeiter, fixierten
die Arbeitszeiten im Sommer zwischen morgens 6 und abends 7 Uhr (mit
Mittagspause), im Winter zwischen morgens 7 und abends 8 Uhr. Und sie hielten
darin fest: „Den zur Bedienung von einzelnen Maschinen angewiesenen
Arbeitern wird ernstlich anbefohlen, sich dabei der grössten Vorsicht zu
befleissigen und nicht leichtsinnigerweise Leben und Gesundheit aufs Spiel zu
setzen. Die Maschinen dürfen während ihrem Gang unter keinen Umständen
gereinigt werden.“
Die Arbeitssituation in der Münsinger Tuchfabrik scheint, im Vergleich mit
Beanstandungen bei andern Textilunternehmen, dem Üblichen der damaligen
Zeit entsprochen zu haben. Bemerkenswert ist immerhin, dass die gleiche Anna
Elisabeth Gugelmann, die als Zeugin der beiden oben beschriebenen Unfälle
einvernommen worden war, weil sie jeweils am zweiten Reisswolf arbeitete, 1887
ihrerseits verunfallte.xxxix Und noch 1899 musste der Fabrikinspektor rügen, dass
bei Schüpbachs die unter 18-jährigen Arbeitskräfte entgegen der Vorschrift keine
Altersausweiskartenxl hatten.
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Abb. 9 Musterbuch für die Wollstoffe, um 1890.
Schüpbach-Tuch im Direktverkauf
Ein Zeichen des offensichtlich harten Konkurrenzkampfes unter den Tuchfabrikanten ist ein Prospekt der Schüpbach’schen Fabrik, mit welchem sie um
1890 eine neue Verkaufsstrategie ankündigte: „Die Tuchfabrik Münsingen, schon
seit mehr als 50 Jahren bekannt für Lieferung von bewährten Stoffen für die
Landbevölkerung, hat sich in jüngster Zeit entschlossen, ihre Tücher direkt an die
Konsumenten abzugeben. Somit bietet sich die Gelegenheit, dauerhafte und
tadellos hergestellte Kleiderstoffe direkt vom Erstellungsort zu entsprechend
niedrigen Preisen zu beziehen.“xli „Die Tuchfabrik Münsingen fabriziert Bernerhalblein und Halbtücher sowie ganzwollene Loden und Guttücher sowohl für
Männer als für Frauen und sind ihre Stoffe, wenn auch mehr einfacher und
währschafter Art, durchwegs so hergestellt, dass diese für Sonntags- wie auch
als praktische Werktagskleider dienen können. Die Tuchfabrik Münsingen verarbeitet ihre Tücher von der Rohwolle bis zum fertigen Stück in eigenem, mit
neueren Maschinen eingerichteten Betrieb. Zur Verwendung kommt meistens
Württemberger Schafwolle, bekannt als stärkste Wollsorte, die auch zur Herstellung der schweizerischen Militärtücher benutzt wird. Vielerorts werden mehr
feine, im Ausland hergestellte Stoffe getragen, wer aber im Freien bei jeder
Witterung sich bewegen muss, oder zu Hause eine Beschäftigung hat, bei der die
Kleider nicht geschont werden können, wird einem guten Halblein-, Halbtuch
oder Lodenkleid den Vorzug geben.“ So warb die Tuchfabrik Schüpbach und
offerierte allen Interessierten, sofort eine Auswahl von mehr als 100 Mustern
verschiedener Stoffarten franko zu liefern. Eine Rückantwortkarte, die mit 2 Cts.
frankiert werden musste, war dem Prospekt angehängt.
Nicht überall kam diese Direktvermarktung gut an. Die Tuchfabrik Steinbach in
Belp schrieb jedenfalls 1895 im „Schweizer Handels-Courier“, sie vermeide „mehr
und mehr jeden Direktverkauf, (...) in der berechtigten Hoffnung“, das schweize_______________________________________________________________________________
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Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
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rische Publikum werde nicht minderwertige ausländische Ware kaufen, sondern
von seinen Lieferanten „Schweizerfabrikat verlangen und so die eigenen
Fabriken und Industrien lebensfähig erhalten“.xlii
Im Schlussbericht der Industrie- und Gewerbeausstellung Thun 1899, wo
Schüpbachs für ihre ausgestellten Produkte eine Goldmedaille bekamen, wird die
damalige Konkurrenzsituation in der Textilindustrie drastisch beschrieben: „Leider
ist die gesamte Geschäftslage der Branche infolge der grossen, billigen Konkurrenz des Auslandes und der stetig zunehmenden Einfuhr von fertigen Konfektionsstoffen bei durchaus mangelhaftem Zollschutz eine sehr ungünstige geworden. Infolge der riesigen Preissteigerung der Wolle arbeitet die gesamte Wollwarenindustrie heute ohne jeden Nutzen, denn es war bis jetzt unmöglich, die
Preise des fertigen Fabrikats der Steigerung des Rohmaterials entsprechend zu
erhöhen.“
Abb. 10 An der kantonalen Industrie- und Gewerbeausstellung 1899 in Thun wird das SchüpbachTuch mit dieser Goldmedaille ausgezeichnet. (Bilder: FL)
Bendichts Finanzlage
Auffallend ist, dass nach dem Kauf bzw. Rückkauf von Tuchfabrik, Walkeareal
und Krämerhaus Bendicht Schüpbach nur noch ausnahmsweise als Käufer,
sondern meistens als Verkäuferxliii von Liegenschaften in Erscheinung trat.
Wahrscheinlich musste er sich damit finanzielle Entlastung verschaffen, zumal
auch die Fabrik Investitionen in die technische Erneuerung erforderte.xliv So
verkaufte er 1892 an Burkhard Fischer eine Scheune samt Hausplatz und Garten
an der Tägertschistrasse. 1895 gab er das Ochsengut, das er 1878 an sich gezogen hatte, an Peter Schär weiter, wie weiter oben ausgeführt. 1896 erwarb
Schlossermeister Friedrich Stucki von Bendicht Schüpbach das Terrain für seine
Schlosserei an der Thunstrasse. 1902 verkaufte Bendicht Schüpbach der Sparund Leihkasse, deren Verwaltungsratspräsident er war, das Land für den Bau
eines neuen Bankgebäudes an der Thunstrasse. Bemerkenswert ist, dass der
Verwaltungsrat der Spar- und Leihkasse seinem Präsidenten die Bedingung
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Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
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stellte, aus dem Verkaufserlös eine Teil-Rückzahlung auf seinem Bankkredit und
für ein weiteres Darlehen zu machenxlv. Offensichtlich wirkte das Gremium darauf
hin, dass Schüpbach seine hohen Schulden wenigstens etwas reduzierte. 1906
veräusserte Schüpbach dem Baumeister Johann Thomixlvi Bauland in der Dorfmatte.
Abb. 11 Der Tuchfabrikant und Gemeindepräsident mit seiner Familie. Von links: Bendicht
Schüpbach (1842–1909), Tochter Rosa (1872–1924), Sohn Johann Bendicht (1870–1945),
Ehefrau Karolina Schüpbach (1848–1921). Sitzend Sohn Ernst (1878–1948). Bild um 1895. (SMM)
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Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
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Ein spezielles Tauschgeschäft
Einen Liegenschaftshandel der ganz besonderen Art wickelte Bendicht
Schüpbach, der von 1895 bis 1903 wieder Gemeindepräsident von Münsingen
war, mit Briefträger Friedrich Rolli ab: Schüpbach tauschte 1902 seine Walkebesitzung gegen Rollis Liegenschaft an der Schulhausgasse (Wohnhaus mit 15
Aren Land), wobei Schüpbach dem Rolli noch 7555 Franken schuldig wurde,
aber den grössten Teil der Zahlung auf 1904 terminieren konnte. Keine acht
Monate später verkaufte Schüpbach die Liegenschaft an der Schulhausgasse mit
Gewinn weiterxlvii. Hingegen geriet Rolli, der mit der Walke auch erhebliche
Schulden übernommen hatte, in Zahlungsschwierigkeiten. Warum, ist nicht
ersichtlich. Vielleicht, weil er mit seinem Projekt, bei der Walke die erste Badanstaltxlviii von Münsingen zu errichten, keinen Erfolg hatte? Ganz ungewöhnlich
war aber, dass der Gemeinderat extra eine Kommission einsetzte, um Friedrich
Rolli zu helfen, ein Abkommen mit seinen Gläubigern zu finden. Dank ihr konnte
Rolli die Walkebesitzung – mit Verlust zwar – dem Kanton abtreten und die
Gläubiger verzichteten auf ihre nicht gedeckten Restforderungen. Der Gemeinderat begründete den aussergewöhnlichen Kommissionseinsatzxlix damit, dass Rolli
seine bürgerliche Ehrenfähigkeit und damit auch seine Stelle als Briefträger
verlöre, wenn er Konkurs mache. Vielleicht spielte jedoch das schlechte
Gewissen der Behörde mit: War es ihr nicht wohl, dass der inzwischen zurückgetretene Gemeindepräsident und gewiefte Geschäftsmann Bendicht Schüpbach
einen einfachen Bürger über den Tisch gezogen und in finanzielle Bedrängnis
gebracht hatte?
Wasser und Strom
Bendicht Schüpbach hatte ein gutes Auge für zukunftsgerichtete Entwicklungen
der Zeit. Er erkannte, dass eine Gemeinde von der Grösse und der Standortgunst Münsingens sich nur entwickeln konnte, wenn sie den Schritt zu einer
öffentlichen Wasserversorgung wagen und auch die neu aufkommende
Elektrizität ihren Gewerbebetrieben nutzbar machen würde. Seit 1891 kaufte
Schüpbach – wo immer sich eine Gelegenheit bot – Wasserrechte zusammenl,
fast immer gemeinsam mit dem (wechselnden) Besitzer der Mühle. „In der
Absicht, dem Tägertschi-Münsingen-Bach die bisherigen Wasserzuflüsse zu
erhalten und so weit möglich zu mehren“, sicherten sich der Tuchfabrikant und
der Müller, die das Wasser des Dorfbaches nutzten, bei Grundeigentümern in
Gysenstein, Tägertschi, Aemligen und Häutligen Wasserrechte. Es ging allerdings wohl nie allein um die Wasserführung des Dorfbachs. Schon 1890 kauften
die beiden beispielsweise ein Waldstück im Lochenberg bei Ursellen, machten
Wassergrabungen und verkauften zwei Jahre später die Hälfte der erschlossenen Wassermenge von 220 Minutenlitern dem Staate Bern „zu handen der neuen
Irrenanstalt“ Münsingen, während der Wald ohne Wasserrechte einem Gutsbesitzer in Tonisbach (Konolfingen) weiterveräussert wurdeli. 1897 gelang es
Bendicht Schüpbach, der seit 1895 wieder Gemeindepräsident war, zusammen
mit dem Müller Friedrich Strahm im Toppwald ob Niederhünigen Wasserrechte
von zwölf Grundbesitzern zu sichernlii. Diesmal machte der Staat Bern als dritter
Partner mit, als dessen Bevollmächtigter gleich Bendicht Schüpbach handelte. Es
waren genau diese Toppwald-Wasserrechte, die ein Jahr später Schüpbach,
Strahm und der Staat der Gemeinde Münsingen verkauften. Denn in Münsingen
war unter dem Präsidium von Bendicht Schüpbach eine Kommission an der
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Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
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Arbeit, die eine öffentliche Wasserversorgung plante. Das Projekt, das sie dem
Gemeinderat vorlegte und das am 7. November 1898 die Gemeindeversammlung unter dem Präsidium von Bendicht Schüpbach einstimmig und ohne Diskussion guthiessliii, war das grösste, das die Gemeinde bisher anpackte: Rund
150'000 Franken kostete die lange Wasserzuleitung samt Reservoir und
Hydrantenanlage, was ungefähr dem siebenfachen jährlichen Steuerertrag
entsprach.
Nur einen Monat später legte die Kommission für Kraft und Licht, die ebenfalls
von Gemeindepräsident Bendicht Schüpbach präsidiert wurde, ihr Projekt für den
Anschluss Münsingens an die Stromleitung vom Kanderwerk nach Bern vor und
für den Bau einer gemeindeeigenen Stromversorgung. Dieses 50'000 Franken
teure Vorhaben wurde an der Gemeindeversammlung vom 9. Dezember ebenfalls einstimmig gutgeheissenliv. Bendicht Schüpbach hatte alles bestens aufgegleist und Projekte vorangetrieben, die langfristig für die Gemeinde von grösster
Bedeutung waren und obendrein dem Tuchfabrikanten sofortigen persönlichen
Nutzen brachten. Anzumerken bleibt, dass die am weitesten entfernten Quellnutzungen, die eine für Private untragbar teure Zuleitung erforderten, der
Gemeinde verkauft wurden, während Schüpbach und Strahm die näherliegenden
Wasserrechte für sich behielten.
Abb. 12 Nicht nur seine Liegenschaften, auch die Maschinen, Werkzeuge und Einrichtungen der Fabrik muss Bendicht Schüpbach in einem Schadlosakt 1906 der Sparund Leihkasse verpfänden. (Bild FL)
Der (un)freiwillige Rücktritt
Die Jahrhundertwende brachte Münsingen – wie dem ganzen Land – eine
wirtschaftliche Blüte: 1895 war die „kantonale Irrenanstalt“ mit 500 Patientenbetten und vielen Arbeitsplätzen eröffnet worden, was in der Gemeinde einen
Wachstumsschub auslöste. Die Neubauten der Buchdruckerei (1891), von Bank
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Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
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und Post (1902) schmückten die Hauptstrasse, die Infrastruktur war mit der
neuen Wasser- und Stromversorgung auf dem neuesten Stand. Da trat Bendicht
Schüpbach Ende 1903 als Gemeindepräsident zurück. Der Vizepräsident
widmete dem Scheidenden „warme Worte der Anerkennung und Dankbarkeit“lv
und die Gemeindeversammlung ehrte ihn durch Erheben von den Sitzen. Ein
Rücktritt auf dem Höhepunkt der Karriere, schien es, nach mehr als 30-jährigem
Wirken im Gemeinderat.
Allerdings: Für Eingeweihte war es wohl eher ein Rückzug im letzten Moment,
solang er ehrenvoll noch möglich war. Denn Bendicht Schüpbachs Finanzlage
wurde immer prekärer. Wahrscheinlich warf der Fabrikbetrieb kaum Gewinn ab
oder war sogar defizitär, wie aus den Ausführungen zur Industrie- und Gewerbeausstellung in Thun von 1899 hervorgeht (siehe oben). Zudem hatte Bendicht
Schüpbach nicht nur seine vielen Liegenschaften hoch mit Fremdkapital belastet,
sondern bei der Spar- und Leihkasse waren noch Kredite von 73'000 Franken
offen, für die Bürgen mithafteten, die inzwischen teilweise verstorben waren.lvi Da
verlangte die Bank von ihrem Verwaltungsratspräsidenten einen so genannten
„Schadlosakt“lvii: Nicht nur die Liegenschaften, auch ihre Einrichtungen sollten als
Sicherheit dienen. Jede Maschine, jedes Werkzeug der Fabrik, jeder Gegenstand
bis zum hintersten Stuhl wurde aufgelistet und verpfändet zugunsten der Bank.
Die finanziellen Probleme Bendicht Schüpbachs müssen dann ruchbar geworden
sein. Als er sich an der Hauptversammlung der Spar- und Leihkasse am 19.
August 1906 zur periodischen Wiederwahl stellte, gaben ihm nur 37 von 59
Aktionären die Stimme – ein Dämpfer für den prominenten Mann, denn die zwei
anderen zur Wiederwahl stehenden Verwaltungsratsmitglieder erreichten 55 bzw.
45 Stimmenlviii. Dem Stimmungsumschwung trug Schüpbach an der nächsten
Verwaltungsratsitzung der Bank zumindest teilweise Rechnung: Er verzichtete
aufs erneute Verwaltungsratspräsidium, blieb aber im Verwaltungsrat.
Abb. 13 Bendicht Schüpbach (fünfter von rechts, sitzend) macht 45 Jahre bei den Schützen mit und
tritt ihnen Land für den Scheibenstand ab. (Bild Sammlung Müller)
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Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
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Der Nachruf
Als Bendicht Schüpbach am 9. Mai 1909 im 67. Altersjahr einem Herzleiden
erlag, begleitete „ein ungewöhnlich langer Zug von Verwandten, Freunden und
Bekannten (...) den mit Kränzen reich geschmückten Sarg zum Grabe. In der
Kirche sang ihm der Männerchor Münsingen, dessen langjähriges eifriges
Mitglied der Verstorbene gewesen, zum Abschied.“lix Im Nachruf wurde sein
Wirken als vielbeschäftigter, weithin bekannter Tuchfabrikant gewürdigt. „Die
Aufgabe war keine leichte bei der grossen Konkurrenz, wie sie die Umwälzungen
auf diesem Gebiet brachten. Aber Schüpbach hat sich durchgearbeitet mit aller
Energie und bewundernswürdiger Ausdauer. Er war ein treuer Arbeitgeber und
stand stets in freundlichem Verhältnis zu seinen Arbeitern.“ Auch seine grosse
Arbeit als Gemeindepräsident, die er „unter schwierigsten Verhältnissen geleistet“ habe, bleibe unvergessen. Und im Nachruf vernehmen wir auch, wo
Schüpbach ausser bei der Spar- und Leihkasse sonst noch aktiv war: Er gehörte
der Krankenhausdirektion an, „war langjähriges Mitglied in der Sekundarschulkommission und dieser Schule ein treuer Freund in Zeiten von Anfechtung und
Hindernissen“, er machte 45 Jahre bei den Schützen mit und „pflegte die
Schiesskunst als trefflicher Schütze bis in die letzte Zeit, begeistert für das hohe
Ziel, dem diese Kunst sich widmen soll, dem Wohl des Landes“.
Das traurige Erbe
Kaum waren die schönen Abschiedsworte in der Kirche verhallt, stand Bendichts
Witwe, Karolina Schüpbach-Schüpbach, vor unlösbaren Problemen: Das nach
seinem Tod erhobene amtliche Güterverzeichnis zeigte, dass Bendicht
Schüpbach überschuldet war. Seinen Vermögenswerten von 192'269 Franken
standen 268'971 Franken Schulden gegenüber. Ein solches Erbe konnte die
Witwe nicht antreten. Sie stellte das Gesuch, das Erbe auszuschlagen. Allerdings
war sie auch willens, ihrem verstorbenen Ehemann „die Schmach eines gerichtlichen Liquidationsverfahrens“ zu ersparen und ein Nachlassverfahrenlx durchzuführen, aber nur unter der Voraussetzung, dass ihr die Hälfte des eingebrachten
Weiberguts in der Höhe von 14'000 Franken rein verbleibe, denn sie müsse ja
weiterhin „für ihren einten, nicht vollständig erwerbsfähigen Sohn Ernst sorgen“.
Die acht Bürgen des Tuchfabrikanten, darunter der Sohn Bendicht Johann
Schüpbach und der Schwiegersohn Hans Lehmann-Schüpbach, sowie die Vormundschaftsbehörde namens von Ernst Schüpbach akzeptierten diese Bedingungen. Und auch das nötige Quorum der Gläubiger, denen eine 40-prozentige
Nachlassdividende in Aussicht gestellt wurde, stimmte zu.
So konnte Witwe Karolina Schüpbach das traurige Erbe ihres Mannes ohne
Konkurs liquidierenlxi. Die Fabrikbesitzung im Mühlegraben wurde für 74'250
Franken an den Berner Textilunternehmer Josef Adrian Schild verkauft, der
später noch kleinere Beträge für übernommenes Material bezahlte. Das
Krämerhaus im Dorfzentrum übernahm in einer freiwilligen Steigerung für 44'036
Franken der Bäckermeister Friedrich Schafroth. Elf verschiedene landwirtschaftliche Grundstücke gingen in der gleichen freiwilligen Steigerung vom
26. Februar 1910 für insgesamt 40'639 Franken an unterschiedliche Käufer. Und
für die Versteigerung der Beweglichkeiten, also des Hausrats von den Betten bis
zu Kommoden, Stühlen und dem Koch- und Küchengeschirr, der landwirtschaftlichen Geräte von der Sense bis zum Mistwagen, zur Chaise und dem Berner_______________________________________________________________________________
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Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
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wägeli, des Ladenmobiliars und der Vorräte sowie des Viehs mussten gar zwei
Termine angesetzt werdenlxii angesichts des Umfangs der Fahrhabe. Welche
Summen die Bürgen schliesslich an diese Liquidation leisten mussten und wie
viel die Gläubiger verloren, ist nicht bekannt.
Abb. 14 Eines
der Inserate,
die im Winter
1910 zu den
Steigerungen
einladen, in
denen das Hab
und Gut des
Bendicht
Schüpbach den
Meistbietenden
zufällt.
Das Ende
Nach dem leidvollen Abgang des einstigen Münsinger Dorfkönigs Bendicht
Schüpbach verschwand der Name Schüpbach weitgehend aus dem öffentlichen
Leben der Gemeinde. Bendicht Johann Schüpbach, der 36-jährige Sohn des
Tuchfabrikbesitzers, holte am 10. März 1910 seine Schriften auf der Einwohnergemeindelxiii ab und ging mit seiner Frau und den damals fünf acht- bis 14jährigen Kindern nach Sumiswald, wo er eine kleine Tuchfabrik mieten konnte.
Ob es jene seines Onkels Friedrich war, der schon 1869 bei der Erbteilung von
Elisabeth Schüpbach-Bernhard, der Frau Davids, als „Fabrikant angesessen zu
Grünen bei Sumiswald“lxiv aufgeführt worden war, entzieht sich unserer Kenntnis.
Aus Platzmangel verlegte er seine Fabrik 1920 nach Langnaulxv. Anfang der
1940er-Jahre übernahm sein Sohn Arthur Wilhelm Schüpbach den Betrieb, der
während des Zweiten Weltkriegs wegen der Produktion von Militärstoffen guten
Gewinn abwarf, 1970 angesichts der billiger produzierenden ausländischen
Konkurrenz aber eingestellt werden musste.
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Begleitheft zur Sonderausstellung 2012/2013 des Museums Schloss Münsingen
Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
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Abb. 15 Die Tuchfabrik von Bendicht Schüpbachs Nachfahren in Langnau, 1947.
Den alten Glanz der Schüpbachs verkörperte in Münsingen einzig noch
Bendichts und Karolinas Tochter Rosa (1872–1924), die sich 1897 mit Hans
Lehmann, dem Ökonomen des Landwirtschaftsbetriebs der Psychiatrischen
Klinik, verheiratet hatte. Sie habe es verstanden, mit „ihrer liebevollen, feinfühlenden Art hier und dort den Bann eines kranken, verschlossenen Menschen
zu brechen“lxvi als Hausmutter und Verantwortliche für die Kolonie, wo psychisch
kranke Frauen unter ihrer Anleitung zur Arbeit im Landwirtschaftsbetrieb der
„Irrenanstalt“ antraten. Im Nachruf auf die Verstorbene heisst es, von nah und
fern seien „Hunderte herbeigeeilt und folgten dem mit Blumenflor geschmückten
Sarg“.
In der Münsinger Tuchfabrik im Mühletal, wo 1906 noch Spinnmaschinen surrten,
Webstühle ratterten, Tuchwalke und Färberei in Betrieb warenlxvii, wurde nach der
Übernahme durch Schild bald einmal nur noch die Wollwäscherei weiter betrieben und in der Färberei einzig noch das Blau für den Stoff der Postuniformen
appliziert. Selbst als Lastwagen schon längst zum allgemeinen Strassenbild
gehörten, sah man noch den alten und etwas verkommenen Fuhrmann von
Schild, wie er wöchentlich mehrmals mit seinem Pferdegespann Wollballen von
Münsingen ins Werk Bern der Schild AG transportiertelxviii. 1964 gab die Firma
Schild den Standort Münsingen auf. Seither ist die Beleuchtungstechnik-Firma
Frauchiger AG in der ehemaligen Tuchfabrik untergebracht.
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Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
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Abb. 16,17 Blick ins Innere der ehemaligen
Tuchfabrik im Mühlegraben im Jahr 2012.
Abb. 18 Der unten abgebildete Hochkamin
wurde 1995 von Luftschutztruppen aus
Sicherheitsgründen gesprengt.
(Bilder: FL und W. Bärtschi)
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Begleitheft zur Sonderausstellung 2012/2013 des Museums Schloss Münsingen
Abb. 19 Der Familien-Stammbaum: Die Nachkommen des „Rössli“-Wirts aus Heistrich, David Schüpbach (17641825), und seiner Frau Anna geb. Schüttel. Von ihren zehn Kindern zogen
die drei Söhne David, Bendicht und Jakob 1829 nach Münsingen und gründeten die Tuchfabrik im Mühletal. (Personenstand bis 1950.) Privatarchiv der Familie Schüpbach.
Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
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Anmerkungen
HAM = Historisches Archiv der Gemeinde Münsingen
STAB = Staatsarchiv Bern
GB = Grundbuch
i
Angabe im 1961 erstellten Stammbau von Ing. agr. Karl Schüpbach, Münsingen.
Teilungsvertrag zwischen den Kindern der verstorbenen Anna Schüpbach-Schüttel, Archiv Museum
Münsingen.
iii
GB 20 Münsingen, Seite 328.
iv
Werder Ernst: Die Entwicklung des Gewerbes im Amt Konolfingen, Sonderdurck aus dem „Archiv des
Historischen Vereins des Kantons Bern“, Bd. XLVI, Heft 2 1962, Seite 428 ff.
v
GB 11 Münsingen, Seite 322.
vi
Das Gründungsjahr geben Werder und die Ortsgeschichte Münsingen, Seite 401, mit 1832 an. Gemäss GB
Münsingen 24, Seite 247, kaufen David, Bendicht und Jakob Schüpbach aber erst am 1. Hornung 1834 vom
Seiler Hans Maurer ein Heimwesen im Mühlegraben. Auch Jakob Lüdi nennt 1834 (SMM Inv.-Nr. 10571,
Gewerbe, Seite 28) als Gründungsjahr.
vii
GB 24 Münsingen, Seite 211
viii
Ortsgeschichte Münsingen, Seite 401.
ix
GB 26 Münsingen, Seite 346, und GB Münsingen 28, Seite 257, Lagerbuch STAB Bez. Konolfingen B 1018
Nr. 715 vom 1. Christmonat 1942.
x
Ortsgeschichte Münsingen, Seite 401
xi
Werder, Seite 428.
xii
Historisches Lexikon der Schweiz, http:www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D16530.php
xiii
Bodmer, Walter, 1960, Die Entwicklung der schweizerischen Textilwirtschaft, Seiten 315, 386.
xiv
GB 30 Münsingen, Seite 618, und GB 32, Seite 473.
xv
HAM Gemeinderatsprotokoll Nr. 8, 1846-1853, Seite 158.
xvi
Ortsgeschichte Münsingen Seiten 314-315.
xvii
HAM Gemeinderatsprotokolle Bd. 8, Seiten 250 und 251.
xviii
GB 34 Münsingen, Seite 449, GB 31, Seite 37.
xix
GB 40 Münsingen 40, Seiten 82, 86 und 100.
xx
GB 48 Münsingen, Seite 216.
xxi
Umrechnungsfaktor 50 gemäss Ausführungen zur Währungsumrechnung von Rolf Holenstein in
„Ochsenbein. Erfinder der modernen Schweiz“, 2009, Seite 514.
xxii
GB 52 Münsingen, Abtretungteilung Seiten 46–87.
xxiii
GB 52 Münsingen, Seiten 46–87, Abtretungsteilung zwischen Elisabeth Schüpbach und ihren Kindern.
xxiv
GB 37 Münsingen, Seite 655, Kauf des Gasthofs Ochsen. GB 53 Münsingen, Seite 45, Abtretung des
Ochsens an Sohn Gottlieb Depping. GB 58 Münsingen, Seite 610: Teilung der Erben Depping.
xxv
Gründungsbericht und erste Protokolle der Spar- und Leihkasse 1870, Archiv SLM.
xxvi
HAM Gemeinderatsprotokolle Bd. 8, Seite 51.
xxvii
GB 59 Münsingen, Seite 549.
xxviii
GB 59 Münsingen, Seite 612.
xxix
HAM Gemeinderatsprotokolle Bd 12, Seite 157.
xxx
Protokollband 1 der Spar- und Leihkasse, 15. Mai 1881, Archiv SLM.
xxxi
GB 63 Münsingen, Seite 77, Auskaufbeile Fabrikliegenschaft. GB Münsingen 62, Seite 486, Kaufbeile
Dorfgut und Walke.
xxxii
Alphabethisches Verzeichnis der steuerpflichtigen Grundeigenthümer der Einwohnergemeinde Münsingen,
errichtet Juli 1886, HAM Teil 1.
xxxiii
GB 62 Münsingen, Seite 442, Steigerungskaufbeile Klösterli-Besitzung.
xxxiv
Pfister Christian, Geschichte des Kantons Bern seit 1798, Seiten 254 und 255.
xxxv
Ortsgeschichte Münsingen, Seite 405.
xxxvi
Historisches Lexikon der Schweiz, Arbeiterschutz, Kinderarbeit, Fabrikgesetze http:/hls-dhsdss.ch/textes/d/D16583.php und ...D13909.php und ...D13804.php.
xxxvii
STAB BB IV 2969, Fabrikwesen 1878-1882, Akten von Fabrikunfällen.
xxxviii
Fabrikordnung der Wollenspinnerei und Tuchfabrik Schüpbach vom 22. November 1878, Archiv Museum
Münsingen.
xxxix
HAM Gemeinderatsprotokoll Nr. 13, Seite 207, 2. März 1887.
xl
STAB, BB IV 2924, Geschäftskontrolle Fabrikgesetz, Nr. 7906.
xli
Nationalbibliothek VBE 8163.
xlii
Nationalbibliothek VBE 6819, Separatdruck aus dem „Vorwärts“, Jahrbuch des „Schweizer Handels-Courier“
pro 1895.
xliii
GB 73 Münsingen, Seite 11, Landverkauf an Fischer. GB 75, Seite 371 Verkauf Ochsengut. GB 76, Seite 360
Verkauf an Stucki. GB 83, Seite 591, Landverkauf an Spar- und Leihkasse.
xliv
Lagerbücher STAB Bez. Konolfingen B, 1019, Seite 24, und Bez. Konolfingen B, 1057, Seite 131.
xlv
Protokoll des Verwaltungsrats SLM vom 27. Juli 1902, SLM-Archiv.
xlvi
GB 89 Münsingen, Seite 21.
xlvii
GB 84 Münsingen, Seite 121 Tausch mit Rolli. GB 85, Seite 63, Verkauf Rollimatte.
xlviii
HAM Gemeinderatsprotokoll Bd XVII, Seite 25, 3. Nov. 1903.
ii
_______________________________________________________________________________
26
Begleitheft zur Sonderausstellung 2012/2013 des Museums Schloss Münsingen
Familie Schüpbach: Wie drei Brüder und ihre Nachfahren die Gemeinde Münsingen aufmischten
________________________________________________________________________
xlix
HAM 3. Teil, 635, Archivschachtel Liquidation Rolli, Einladungsschreiben an Gläubiger und Protokoll der
Versammlung vom 31. Juli 1907.
l
GB 72 Münsingen, Seite 550. GB 73, Seiten 68, 105, 107, 109, 116. GB 75, Seite 528.
li
GB 71 Münsingen, Seite 312. GB 73, Seiten 66 und 68.
lii
GB 78 Münsingen, Seiten 325ff.
liii
Bericht und Antrag der Kommission für Wasserversorgung vom 26. Oktober 1898, Archiv infowerke
Münsingen. Protokoll der Gemeindeversammlung vom 7. November 1898, Band XV, Seite 440.
liv
Bericht und Antrag der Kommission für Licht und Kraft vom 29. November 1898, Archiv infowerke Münsingen.
Protokoll der Gemeindeversammlung vom 5. Dezember 1898, Bd. XV, Seite 450.
lv
HAM Gemeinderatsprotokolle Bd. XVII, Seite 42.
lvi
Protokollband II der Spar- und Leihkasse, Seite 306, Archiv SLM.
lvii
HAM, 3. Teil, 635, Archivschachtel Schadlosakt für Bendicht Schüpbach vom 20. März 1906 zugunsten der
Spar- und Leihkasse.
lviii
Protokollband II Spar- und Leihkasse, Seiten 347 und 350, Archiv SLM.
lix
Nachruf in den Emmentaler Nachrichten vom 15. Mai 1909, Seite 3.
lx
HAM, 3. Teil 635, Übereinkunft der Karolina Schüpbach-Schüpbach mit ihren Bürgen vom 13. September
1909 und Aufruf an die Gläubiger vom 21. August 1909.
lxi
GB I Münsingen, Seiten 217, 445, und 453. GB II, Seiten 109, 115, 121, 129,135, 141, 149, 155, 161, 167.
lxii
HAM 3. Teil, 635, Liquidation Schüpbach, Steigerungspublikation für 14. und 19. März 1910.
lxiii
HAM Wohnsitzregister der Gemeinde Münsingen, Band V, Seite 54.
lxiv
GB 52, Seiten 46–87.
lxv
Historisches Lexikon der Schweiz, www.hld-dhs-dss.ch/textes/d/D29720.php, und mündliche Auskunft vom
22. März 2012 von Neffe Heinz Schüpbach, Thun.
lxvi
Emmentaler Nachrichten vom 24. September 1924.
lxvii
HAM 3. Teil, 635, Verzeichnis der Maschinen und Werkzeuge der Tuchfabrik vom 20. März 1906, als
Bestandteil des Schadlosaktes.
lxviii
Mündliche Auskunft vom 11. April 2012 von Heinz Frauchiger, Jahrgang 1944, der in der Nachbarschaft der
Tuchfabrik aufwuchs und heute Besitzer des Areals ist.
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Begleitheft zur Sonderausstellung 2012/2013 des Museums Schloss Münsingen
27
Publikationen zur Ausstellung 2012/2013
Heft Nr. 1: Begleitheft zur Sonderausstellung
Heft Nr. 2: Familie Bühlmann – vom Wasserrad zur Dampflok
Heft Nr. 3: Familie Feldmann – Bauern und Metzger
Heft Nr. 4: Familie Grossglauser: „nid grad gross vo Gstalt, schwarzhaarig,
gschyd u sensibel, wi alli vo der Sippe“
Sonderausstellung
Vom 19. Oktober 2012
bis 14. April 2013
Öffnungszeiten
Sonntag 14-17 Uhr
Freitag 18-20 Uhr
Führungen
Jeden Freitag um 18 Uhr öffentliche
Führung (kostenlos)
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Kategorie
Seele and Geist
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