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Manuskript Wie Weltmeister wachsen - Deutschlandradio Kultur

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Nachspiel am 28.08 2011
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Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Es darf ohne Genehmigung nicht
verwertet werden. Insbesondere darf es nicht ganz oder teilweise oder in Auszügen
abgeschrieben oder in sonstiger Weise vervielfältigt werden. Für Rundfunkzwecke darf das
Manuskript nur mit Genehmigung von Deutschlandradio Kultur benutzt werden.
Wie Weltmeister wachsen
Top-Athleten auf dem Weg nach oben
Autorin: Jantje Hannover
Reportage Schlangen
Die Glocke für die letzte Rund e von Carsten Schlangen, der Titelverteidiger über
1500 Meter, direkt in seinem Schatten Florian Orth, der deutsche Hallenmeister,
ein kleiner Läufer, der aber nicht locker lässt (-) hinten müssen sich drei
verabschieden, vorn der hoch aufgeschossene Mann aus Berlin, mit großen weiten
Schritten, deutscher Meister von 2006, 2007, 2009, 2010 und 2011, Fragezeichen,
jetzt die letzten 90 Meter, jetzt die Entscheidung, Schlangen vorn, in Folge zum
fünften Mal deutscher Meister, Carsten Schlangen
Carsten Schlangen bei der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaft im Juli.
3 O-Ton Schlangen
143 Ich habe sehr spät angefangen, mit 23 ist ja nicht ein Alter, mit dem man in
den Leistungssport geht, die meisten hören mit dem Alter schon auf
4a O-Ton Harting
94 1.55 ich hab auch nicht zuhause gesessen: ich will unbedingt Leichtathlet
werden
Robert Harting, Weltmeister im Diskuswerfen
1O-Ton:
1
94 1.10 Ich bin ein sehr langer, schlaksiger Junge gewesen, das heißt sportlich
total unbeweglich, perspektivlos würde ich das nicht so nennen, man hat vielleicht
nicht so sehr sehen können, ob das was wird,
4b O-Ton:
95 10 aber trotzdem muss man natürlich in dem Alter angestoßen werden, keine
Frage, man ja weiß nicht, was die Welt zu bieten hat,
2 O-Ton Kröger
1 40 Ich bin so mit sieben, zweite Klasse, in den Leichtathletik-Verein eingetreten.
Die Hochspringerin Meike Kröger,
2 35 dann kam an die Schule mein Leichtathletik-Verein wo ich immer noch bin,
die LG Nord, und haben eine Veranstaltung gemacht: Flinke Füße um Kindern (-)
zu zeigen, dass es Spaß machen kann, vielleicht auch ein bisschen zu gucken ob es
Talente gibt. dann haben die eine 30 Meter Lichtschranke aufgebaut, und alle
durften mal durchrennen, wenn man davon begeistert war, wenn man auch eine
gute Zeit vielleicht gelaufen war, dann konnte man zum Training kommen,
Carsten Schlangen, Robert Harting und Meike Kröger. Drei von Tausenden, die
früh angefangen haben, um für die vorderen Plätze in nationalen und
internationalen Wettkämpfen zu trainieren. Drei, die es bis nach oben geschafft
haben, die nun zum Top-Team des Deutschen Leichtathletik-Verbands für die
Olympischen Spiele 2012 zählen. Und die sich trotzdem immer wieder von neuem
bewähren müssen. Selbst der fünfmalige Deutsche Meister im Mittelstreckenlauf,
Carsten Schlangen, musste zittern, ob er nach Daegu, Südkorea fahren kann.
Nur einer brauchte sich keine Sorgen um seine WM-Teilnahme machen:
1 Atmo
Wahnsinn, ein Wahnsinnswurf, 69,43Meter, der Harting, der hat nicht nur eine
große Klappe, der kann auch was
2
Robert Hartings bisher größter Erfolg. Gold bei den Weltmeisterschaften 2009 in
seiner Heimatstadt Berlin. Nach einem spannenden Duell holte er den Titel.
Entspannt zurücklehnen kann er sich trotzdem nicht:
6 O-Ton:
100 1.00 Weltmeister 2009 hört sich so vergangen an, wenn es Weltmeister bleibt,
bin ich zufrieden. Ich will den Titel verteidigen, 70 Meter stehen jetzt langsam an,
das ist die goldene Grenze. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das dieses Jahr noch
fallen wird, ich hab dies Jahr gut trainiert, wird schon klappen
„Deutschland einig Werferland“ heißt es unter Leichtathleten – denn beim Werfen
sahnt das Deutsche Team immer wieder Medaillen ab. Auch beim Springen ist das
Niveau recht hoch. Der Deutsche Leichtathletikverband zählt zu den fünf
erfolgreichsten Verbänden der Welt.
Anders sieht es beim Laufen aus, wo die Starter aus Kenia und Äthiopien den Ton
angeben.
7 O-Ton:
145 1.20 das Ziel für dieses Jahr ist eben, soweit wie möglich an die absolute
Weltspitze ranzukommen,
sagt Carsten Schlangen
das heißt unter Umständen mal eine 3.32 zu laufen, die jetzt auch seit Jahren nicht
mehr gelaufen wurde in Deutschland, das heißt mit etwas Glück vielleicht eine
Finalteilnahme bei der WM, wenn man bei olympischen Spielen dann im nächsten
Jahr vielleicht mal gut aussehen will, vielleicht mal in die Reichweite einer
Medaille kommen will, dann muss man zumindest mal ein WM Finale gelaufen
sein, sonst hat man da eigentlich keine Chance.
Die Hochspringerin Meike Kröger fährt in diesem Jahr nicht nach Daegu. Sie ist an
3
der geforderten Norm von 1, 95 Meter gescheitert. Dabei ist sie schon viel höher
gesprungen – es hat ihr bloß nicht viel genützt. Häufig entscheidet auch das Glück
darüber, wer eine Medaille gewinnt, erklärt Meikes Trainer Jan-Gerrit Keil:
8 O-Ton:
194 1.30 Meike Kröger zum Beispiel ist zwei Meter gesprungen, was eine absolute
Weltklasseleistung ist, aber eben bei deutschen Heimmeisterschaften, und hatte
dann das Pech, dass mit Ariane Friedrich noch eine Weltklasse-Athletin am Start
war, die sie dann sogar noch besiegt hat mit 2,02m. Das hat es bei nationalen
Meisterschaften noch in keinem Land der Welt vorher gegeben, dass man mit 2
Metern nicht gewinnt.
Jetzt nehmen wir als Vergleich die Schwedin Emma Green, oder die Schwedin
Ebba Jungmark, die haben Silber beziehungsweise Bronzemedaillen bei (-)
Europameisterschaften und auch Weltmeisterschaften gewonnen, mussten dafür
aber nicht 2 Meter springen (-) es geht auch darum, irgendwann das Glück zu
haben und die Leistungsentwicklung so zu steuern und von Verletzung verschont
zu bleiben, dass man diese Leistung dann zum Zeitpunkt x dort abliefert. Nur
wenige Athleten (-) haben das Potential, öfter im Jahr 2 Meter springen zu können,
(-), den meisten Athleten auf der Welt wird das 5-6 in ihrem Leben gelingen, und
dann müssen sie hoffen, dass eines davon bei einem Höhepunkt gelingt.
Dieses Glück blieb Meike Kröger bisher versagt. Die 25jährige hat Anfang des
Jahres ihr Architektur-Studium erfolgreich abgeschlossen und ist dafür beim
Training etwas kürzer getreten. Bisher ist es ihr nicht wieder gelungen, an das
Leistungs-Niveau anzuknüpfen, mit dem sie zweimal Zweite bei Deutschen
Meisterschaften wurde.
Auch Top-Athleten müssen mit Niederlagen klarkommen. Der Trainer von Meike
Kröger, Jan-Gerrit Keil, mag die Bezeichnung: Top-Athlet nicht. Passender findet
er den Begriff „Top-Talent“:
9 O-Ton:
191 20 Der Talentbegriff ist in der Leichtathletik sehr vielseitig definiert. Da
4
gehören zum Beispiel körperbauliche Merkmale dazu. Also im Hochsprung zum
Beispiel ist eine gewisse Körpergröße nicht schlecht, (-) im Diskus ist eine
Armspannweite nötig, (-) dann kommen physische Parameter dazu, Kraft
Schnelligkeit, Beweglichkeit spielt eine Rolle, Koordination, Bewegungsintelligenz,
wie schnell lernt ein Athlet, und letztlich auch psychische Komponenten: wie kann
er sich im Wettkampf darstellen, wie kann er das Erlernte umsetzen, wenn ein
Athlet das alles erstmal mitbringt, dann hat er die Möglichkeit, in die Weltklasse
vorzustoßen und ein Topathlet zu werden, sag ich mal. Top heißt ja on Top, auf der
Spitze des Berges, der Maßstab ist ja immer das Welt- oder das europäische
Niveau
3 Atmo Sporthalle
108, Ball, Kindergeschrei
Wer einen Berg erklimmen will, muss erst einmal unten losgehen. So wie die 30
Dritt- und Viertklässer, die gerade durch eine Turnhalle des Berliner Schul- und
Leistungssportzentrums toben. Das Zentrum ist eine von insgesamt 39 Eliteschulen
des Sports in Deutschland. Die Kinder hier sind zwischen acht und zehn Jahre alt:
10 O-Ton:
2.30 Macht mal den Kreis ein bisschen größer, läuft weiter
Die Grundschul- und Sportlehrerin Sabine Wittkopf mischt sich unter ihre
Zöglinge:
11 O-Ton:
Ihr macht immer so, als ob ihr was ganz Komisches in der Hand habt, bleibt doch
mal ganz locker!
Die Kinder sollen die flotte Übergabe eines Staffelstabs üben
12 O-Ton:
1.40 Oh, was ist denn dit? So, der Stab kommt, Handwechsel, 3.10 genau, jawoll,
5
so ist richtig, super
Mehr als 11.000 junge Talente fördert der Deutsche Olympische Sportbund derzeit
in seinen Eliteschulen. Beim Wintersport stammen inzwischen mehr als die Hälfte
der deutschen Olympia-Teilnehmer aus diesen Schulen, bei den Olympischen
Spielen in Peking und Athen war es jeder Dritte. Drei dieser Talentschmieden gibt
es zur Zeit allein in Berlin.
4 Atmo
108 Achtung, Paulinchen, nein, zwei Runden laufen, erst dann Stab übergeben,
5 Atmo
Pfiff 4.00, laufen, schreien
Die Kinder, die hier um die Wette rennen, bereiten sich auf eine Karriere als
Eiskunstläufer und Turner vor. Sören gehört zu den Turnern. Er weiß schon mit
neun Jahren, was er mal werden will:
13 O-Ton:
121 3.40 Weltmeister, es ist zwar ein schwerer Weg, aber ich hoffe ich komm
soweit, weil ich den Ehrgeiz dazu habe und mein Bestes immer gebe,
1.45 Man muss eine gute Körperhaltung haben,
Auch die neunjährige Eiskunstläuferin Celine will es nach oben schaffen
14 O-Ton:
Man darf sich auch nicht schämen, wenn man vor irgendwelchen Leuten was
macht, zum Beispiel tanzen, man muss sich auch freuen über welche Sachen, wenn
man sich wehtut nicht gleich rumweinen oder so was
Damit die Weltmeister von morgen nicht die Bodenhaftung verlieren, gehört auch
der ganz normale Sportunterricht in den Stundenplan, erklärt Sabine Wittkopf.
15 O-Ton:
6
110 10 Wir müssen Umgang mit dem Ball, mit dem Handball, dem Tennisball üben
(-) weil das zum allgemeinen Leben dazugehört, weil das auch im Rahmenplan
verlangt wird. Die Kinder sind alles Einzelkämpfer, Einzelsportarten, die haben
dann ganz anders Ehrgeizempfinden, da fehlt manchmal der Mannschaftsgeist, den
entwickeln wir mehr als in normalen Schulen, indem wir ganz viel Spiele mit den
Kindern machen, um diesen Mannschaftsgeist zu fördern.
Im Sportforum in Berlin-Weißensee können zwölf Erstklässler als Eiskunstläufer
starten, ganz überwiegend Mädchen – die meisten davon haben schon zuvor die
Kita der Sportschule besucht. In der dritten Klasse folgen dann die Turner. Die
komplexen Bewegungsabläufe in diesen eher künstlerischen Sportarten lassen sich
nur erlernen, wenn man sehr früh startet. Alle Kinder, die aufgenommen werden,
haben ein Ausscheidungsverfahren durchlaufen, bei dem sie vom Landestrainer
begutachtet werden. Ein Eliteschüler hat es von Anfang an nicht leicht, finden
Sammy, Lisa und Diana, 7 Jahre alt:
16 O-Ton:
118 1.00 am Mittwoch ist es auch schwer, weil wir heute wieder 10 Minuten rennen
beim Schulsport, (-) weil wir 3 mal Sport machen, einmal hier, einmal beim Eis,
und einmal Ballett, am Dienstag ist besonders schwer, weil wir immer zum Ballett
gehen sollen und dann haben wir noch Prüfungen, Wettkämpfe, Prüfung, das ist
richtig schwer,
Ich hab am Mittwoch immer 4 Sportarten, denn ich mache noch Fußball
17 O-Ton Wittkopf:
103 Die Kinder wissen, dass sie bestimmte Leistungen bringen müssen
, sie haben dann auch Kaderüberprüfungen (-) im Eiskunstlaufen, sie müssen
bestimmte Elemente, bestimmte Sprünge auf dem Eis können, (-) bestimmte
Wettkämpfe.
Die Lehrerin Sabine Wittkopf findet nicht, dass die Kinder in der Schule
überfordert werden:
7
18 O-Ton:
Den Leistungsdruck machen eigentlich die Eltern. Klar die Trainer verlangen von
ihren Kindern schon, aber sie schätzen das ganz realistisch ein. Sehr ehrgeizig
sind die Eltern, und oft auch viel zu ehrgeizig, die dann ihre Kinder unter Druck
setzen, weil sie unbedingt wollen, dass ihre Kinder das erreichen, wo sie ihre
Kinder einfach falsch einschätzen, dass sie das gar nicht schaffen können.
Ehrgeizige Eltern sind für eine sportliche Karriere nicht unbedingt förderlich.
Wenn sie zu hohe Erwartungen in ihre Kinder setzen, erlahmen deren sportliche
Ambitionen manchmal schon früh.
19 O-Ton Wittkopf:
103 1.00 Manchmal (-) sind wir der Seelentröster, die Kinder wieder aufzubauen,
weil Mutti auch noch gesagt hat: das war alles schlecht, was du gemacht hast, aber
das ist von Familie zu Familie unterschiedlich
Die Eltern von Mittelstreckler Carsten Schlangen waren keine Sportler. Sie haben
ihren Sohn nicht mit übertriebenem Ehrgeiz belästigt:
20 O-Ton
149 1.20 Gott sei Dank nicht , das hab ich bei vielen befreundeten Leichtathleten
gesehen, dass wenn die Eltern mehr wollten als man selber, war das meistens nicht
so ganz schön, weil man sich dann immer für schlechte Leistungen bei seinen
Eltern rechtfertigen muss, das musste ich eigentlich nie, das war ganz entspannt.
21 O-Ton Harting:
94 1.00 Die Interessen waren natürlich klar, dass sie das ausprobieren wie ich
mich sportlich anstelle
Die Eltern von Robert Harting waren Kugelstoßer.
22 O-Ton:
1.35 Sie kommen aus dem Leistungssport, viele ihrer Trainer sind immer noch im
8
Leistungssport gewesen in Cottbus, so dass die Frage entstand, wollte ihr den nicht
mal zu uns schicken?
95 Meine Eltern haben mir die Sache immer später dann auch freigelassen, das hat
mir Spaß gemacht, das haben sie gesehen, das war die Hauptsache für sie
Da lag es nahe, den sportlich begabten Jungen auf die Cottbusser Eliteschule des
Sports zu schicken. 13 Jahre war Robert damals
23 O-Ton:
95 55 Dann musste man sich mit einer guten Leistung, guter Trainingsgruppe
profilieren und zeigen, dass man dort auf der Sportschule überhaupt die
Möglichkeit bekommt zu lernen, (-) dass neben der schulischen Ausbildung auch
eine sportliche ermöglicht wird. Das ist ja nicht so, dass man da keine Schule
macht und nur Sport, so ist es nicht, das ist einfach nur eine Fördermaßnahme, (-)
Du hast Unterricht, normal wie alle anderen, hast natürlich aber 3-4 Freiblöcke in
der Woche, wo du das Training reinschieben kannst. Sonst ist alles das Gleiche.
Später besuchte Robert das Internat des Berliner Schul- und
Leistungssportzentrums, das damals noch Werner-Seelenbinder-Schule hieß und
machte dort Abitur. Das Leistungssportzentrum arbeitet in den ersten sechs
Schuljahren einzügig, bietet also für die Eiskunstläufer und Turner nur jeweils eine
Klasse für jeden Jahrgang an. Für die meisten Schüler beginnt der Unterricht in der
Spezialschule genau wie für Robert erst ab der siebten Klasse, mit 12 oder 13
Jahren.
Zum Beispiel für Leichtathleten, Fußballer und Kampfsportler, erklärt der
Sportkoordinator Tom Goericke vom Schul- und Leistungssportzentrum Berlin:
24 O-Ton:
125 Wenn die Schüler hier herkommen, sind sie in der Regel schon auf dem Weg
einer leistungssportlichen Karriere. (-) Die machen in der Regel schon in Vereinen
Sport, sind idealerweise dann schon den Sichtungsmaßnahmen der Verbände
9
aufgefallen, und durchlaufen dann einen Sichtungsprozess, das heißt es gibt ein
Team, bestehend aus den Landestrainern und den Trainern hier vor Ort an der
Schule, dass die so zu zentralen Terminen alle Kandidaten, die ihnen geeignet
erscheinen, bestimmten sportmotorischen Tests aussetzen, gucken, was haben die
für ein Sozialverhalten, verschaffen sich einen allgemeinen Überblick über die
Persönlichkeit und am Ende werden die dann ausgewählt.
Trotzdem kann niemand wissen, wer einmal zu den ganz Großen zählt. Von 11.000
Kandidaten lässt sich der Traum, Weltmeister zu werden oder eine OlympiaGoldmedaille zu gewinnen, nur für einen kleinen Prozentsatz verwirklichen.
Auch Tests helfen dabei nur wenig, findet Hochsprung-Trainer Jan-Gerrit Keil:
25 O-Ton:
192 30 Es zeigt sich in der Forschung zum Talentbegriff, dass solche
Entwicklungsverläufe immer wieder diskontinuierlich sind. Wir haben einen Athlet
wie Carsten Schlangen, der an keiner einzigen Jugendmeisterschaft teilgenommen
hat, der gar nicht das Niveau gehabt hätte, um dort gut zu sein. (-) Der hat es dann
trotzdem bis zur Silbermedaille bei Europameisterschaften über die Mittelstrecke
gebracht. (-)
1.25 Ich war bei den U18 Weltmeisterschaften in Lille, da haben wir viele - in
Anführungszeichen - Talente gesehen, Jacko Gill, ein Kugelstoßer aus Neuseeland
hat da den Weltrekord auf 24,30 m mit der 5 kg Kugel gestoßen, da hat er mit über
vier Metern Vorsprung gewonnen. Aber es ist nicht klar, dass er der kommende
Weltmeister im Kugelstoßen sein wird.
Es ist wie mit der Testung von Hochbegabung und Intelligenz. Da findet man hohe
Varianzen im Vorschulalter, das nivelliert sich aber dann im Laufe des Lebens
meistens, und nicht immer ist ein Entwicklungsvorsprung im frühen Kindesalter
auch ein Vorsprung, der erhalten bleibt.
26 O-Ton Kröger:
10 20 Ich bin froh, dass ich auf einer normalen Schule war, nicht das
Sportschulleben durchgemacht habe,
10
Meike Kröger findet, dass die Eliteschule nicht der Königsweg zum Olymp des
Sports ist:
27 O-Ton:
weil ich glaube, dass die Gefahr besteht, dass man zu früh zu viel macht, dass man
verheizt wird, dass man schon in frühem Alter mehrmals am Tag trainiert, mehrere
Einheiten in der Woche, dann natürlich mit 14, 15 extreme Leistungssteigerungen
hat, die man sonst vielleicht nicht hat, dann aber auch früh austrainiert ist. Viele
Schüler aus den Eliteschulen verlieren die Motivation, wenn die Schule vorbei ist.
(-) Ich war eine Zeitlang die Älteste in meiner Trainingsgruppe, weil viele nach
dem Abitur aufhören,
Auch Meike Kröger hat schon das eine oder andere Motivations-Tief durchlitten.
Mit 15 Jahren hätte sie fast ihre Karriere an den Nagel gehängt, als sie nach einem
Schienbeinkopfbruch über ein Jahr aussetzen musste. Beinahe jeder Athlet hat
irgendwann mit Verletzungen oder Krankheiten zu kämpfen. Davon kann auch
Robert Harting ein Lied singen. Einmal ist er bei einer Jugendmeisterschaft
umgeknickt und konnte wegen eines Bänderrisses nicht starten, ein anderes Mal
war es eine schwere Handverletzung. Das ist dann die Aufgabe des Trainers, den
geschwächten Kampfgeist des Athleten wieder aufzubauen:
28 O-Ton:
87 20 Ja, der war besser gewesen
6 Atmo 97 40, 92
An der Werferanlage am Berliner Schul- und Leistungssportzentrum. Wolfgang
Kurt ist der ehemalige Jugendtrainer von Robert Harting, heute vertritt er seinen
aktuellen Trainer Werner Goldmann.
7 Atmo 92
29 O-Ton:
11
87 (Fortsetzung) Noch länger, von unten immer ansetzen,
Robert Harting beugt in dem nach vorne offenen Drahtkäfig das rechte Knie,
federt, schleudert den Diskus auf das freie Feld. Konzentrisch angelegte weiße
Linien markieren die Distanzen von 40, 60 und 80 Metern am Boden.
30 O-Ton:
88 1.20 der Wind macht’s, nech? Hast’s gestriffen?
Robert Harting, der mit 69,43 Metern vor zwei Jahren Weltmeister wurde, schafft
heute nur knapp über 60 Meter. Wütend stampft der Erfolgsverwöhnte auf den
Betonboden. Kein Kommentar von Trainer Wolfgang Kurt. Er muss seinen Zögling
bei Laune halten und kommt lieber gleich wieder zur Sache:
31 O-Ton:
91 Im Vergleich wolltest du Druck machen, stimmt’s? Dann hängst du dich rein,
dann ist der Beginn nicht so richtig von der rechten Seite
93 50 Das passiert immer wieder, da müssen die Athleten durch, da müssen sie mit
umgehen können, man ist ja nicht ständig in Form. Das ist ja immer wieder ein neu
herantasten an eine Leistung, das muss ja immer wieder aufgebaut werden, um es
im Wettkampf neu abrufen zu können.
8 Atmo 92 45, 1.50
Beim Training im Sportforum müssen der Weltmeister und sein Trainer die
gelandeten Diskusscheiben selbst wieder einsammeln. Mit gesenktem Blick ziehen
sie über den festen Sandboden, analysieren fachmännisch, wo genau die Scheibe
gelandet ist, die nach dem Aufprall weiter rollt oder springt. Robert Harting wirkt
heute sehr missmutig:
32 O-Ton:
94 Der ZweiKilo Diskus, früh am Morgen, da muss man auch ein bisschen
schneller sein von der Beinentwicklung, wenn die zu langsam ist, wir reden von
12
zwei drei Zehnteln, dann landet der Wurf fünf Meter kürzer – das ist eigentlich eine
Sache, die Menschen von außen gar nicht verstehen.
Wie eine Wurfweite zustande kommt, mag das Geheimnis des Athleten bleiben. Im
Ergebnis aber sehen die Zuschauer durchaus, wie weit der Diskus geflogen ist.
1 Atmo
Jawoll, ein Wahnsinnswurf… (WM 2009)
Den Schlüssel zum Erfolg sieht der 26jährige Robert Harting in einer geschickten
Kombination aus einem guten Training und der richtigen mentalen Einstellung:
33 O-Ton
97 Man braucht die Erfahrung von außen, das heißt: erfahrene Trainer, man
braucht die Förderung. Man muss natürlich irgendwo fühlen, dass es das Richtige
für einen ist, (-) dass man das schafft, ich pack das, vielleicht nicht morgen, nicht
übermorgen, aber in zwei Jahren bin ich dann da, darauf grundlegend basiert
natürlich Ehrgeiz, keine Frage, und Zwang. Das heißt, du musst komplett ein
anderes Leben führen als jeder andere in deinem Alter, das musst du halt können.
Wer Weltmeister sein will, muss leiden:
33 O-Ton (2.Hälfte)
40 Ich geh im Sommer nicht mit baden, ich kann nicht mit in die Disco gehen jedes
Mal, (-) du bist quasi in einem Zuchtprogramm, sag ich mal, du bist nur auf die
Disziplin geeicht, nur auf den Moment, dass du irgendwann Weltmeister bist oder
Olympiasieger. Wenn ich mit meiner Freundin spazieren gehe, kann ich am
nächsten Tag nicht werfen, weil mir alles wehtut, weil so langsame Bewegungen
was ganz anderes sind, als was ich trainiere…
Klar hat das Leben als Spitzensportler trotz allem auch eine Menge Vorzüge, sagt
Robert Harting. Zum Beispiel den, dass man in der Welt herumkommt. Er will sich
daher nicht beklagen:
13
34 O-Ton:
1.10 Ein Formel 1 Auto fährt auch nicht durch die Sahara, so in etwa kann man
sich das vorstellen, das wird nur für die Rennstrecke gebaut, so ist das, nichts
anderes
9 Atmo Formel 1
11 Atmo 139 4.10/ 140 geht über in hecheln, 55, 56
Ebenfalls für die Rennstrecke gebaut zu sein scheint Carsten Schlangen. Gerade
trainiert er gemeinsam mit einem jüngeren Läufer auf der Tartanbahn im Stadion
Rehberge in Berlin Wedding.
Die beiden drehen zur Höchstgeschwindigkeit auf, dann verlangsamt
Trainingskamerad Sebastian Dennis das Tempo, Carsten dreht noch eine weitere
Runde. Nach der Anstrengung traben die beiden jetzt entspannt plaudernd zurück,
35 O-Ton:
138 1.25 Nicht einschlafen beim zurückgehen, Atmo läuft weiter
Roland Wolf, Professor für Sportmedizin, ist Carstens Trainer. Für die nächsten
Runden brauchen die Athleten Spikes, Carsten und Sebastian lassen sich beim
Anziehen der Laufschuhe ordentlich Zeit, unterhalten sich und lachen, wie ihr
Trainer kritisch bemerkt:
36 O-Ton Wolf:
138 2.10 Viel zu fröhlich, viel zu frisch – 2.00 nachher wird ihnen das Reden schon
noch vergehen - ein bisschen werden sie schon noch außer Atem kommen
3.45 Na ja, Training soll ja nicht nur Quälerei sein, sondern auch ein bisschen
Spaß machen, bisschen Unterhaltung gehört schon dazu,
37 O-Ton Schlangen:
153 1.20 Als ich diesen Entschluss gefasst hatte, das Ganze ein bisschen
professioneller zu machen, da bin ich zur LG Nord Berlin gewechselt, zur
14
Trainingsgruppe von Professor Doktor Roland Wolf,
Carsten Schlangen schwört auf seinen Trainer:
38 O-Ton:
Herr Wolf versteht außerordentlich viel vom Training im Mittelstreckenbereich, (-)
seitdem habe ich mich wirklich sehr gut entwickelt. Es ist nicht ganz einfach für die
Mittelstrecke zu trainieren, (-) bei 1500 Metern ist das Training sehr, sehr
vielfältig, man muss einerseits schnell sein, man muss aber auch Ausdauerfähigkeit
haben, das alles richtig zu steuern und im richtigen Moment aufzubauen ist nicht
ganz so einfach.
39 O-Ton Wolf:
140 3.55 kleinen Moment Pause, dann machst du ganz locker, drei Runden traben
Rasen, (-) eine Runde sehr ruhig, zweite Runde zügiger
okay
Das Training auf Tartanbahn und Rasen geht weiter, die jungen Männer – jetzt mit
Spikes an den Füßen - warten auf weitere Anweisungen:
40 O-Ton:
Ihr könnt noch ne Runde traben, gehen, wie auch immer, das wäre die letzte
Belastung heute,
Die Zeit ist knapp und auch das Wetter spielt nicht richtig mit – über Mittag hat es
geregnet, der Rasen im Stadion ist nass. Carsten Schlangen studiert neben dem
Training Architektur, sein Terminplan ist randvoll. Trotzdem ist er seit 2006 jedes
Jahr deutscher Meister über 1.500 Meter geworden – außer 2008, da hatte er sich
den Magen verdorben. Der Spätzünder Schlangen hat mit 23 Jahren einen
kometenhaften Aufstieg hingelegt. Heute ist er 31 Jahre alt:
41 O-Ton:
145 55 Erfolg heißt für mich immer das Erreichen persönlicher Ziele. (-) Als ich
15
angefangen habe, hab ich gesagt: ich wäre froh, wenn ich einmal unter den
schnellsten Fünf in Deutschland wäre, das habe ich im ersten Jahr erreicht, dann
muss man sich halt neue Ziele setzen.
Carsten Schlangen setzt sich Ziele, die realistisch sind. Er weiß, dass seine
Chancen bei der WM in Südkorea begrenzt sind und erwartet nicht den
Weltmeistertitel auf der Mittelstrecke:
42 O-Ton:
148 Wenn man hart trainiert hat und weiß, dass man alles gegeben hat und dann
besiegt einen jemand, dann ist es eigentlich nicht so schlimm, weil man weiß: okay,
du hast alles dafür getan. Schlimmer ist es eigentlich, wenn man weiß, vielleicht
hättest du doch das besser trainieren können (-) oder dir mehr Ruhe gönnen
können und verliert dann ein Rennen, dann ist das schon eine andere Geschichte
148, 45 Niederlagen müssen einen mehr anspornen als Erfolge, das ist bei mir
ausgeprägt der Fall. Bei mir ist es so, dass ein Erfolg nach zwei Tagen vergessen
ist, während eine Niederlage ein paar Wochen nachwirkt und mich motiviert regt
mich auf, stimuliert mich, das muss man sich erhalten: okay, das ist jetzt nicht so
gut gelaufen, da muss ich mich verbessern.
Da ist ein internationaler Wettkampf wie in Daegu, Südkorea, genau das Richtige
für Carsten Schlangen. Denn hier sind hintere Plätze für Läufer aus Europa eher die
Regel.
Jeder Athlet muss lernen, mit Niederlagen umzugehen. Idealerweise stimulieren sie
den Ehrgeiz und Kampfgeist eines Sportlers. Ohne Erfolge und Spaß geht aber gar
nichts, findet Meike Kröger:
43 O-Ton:
12 20 Zum großen Teil sind das Erfolge, weil die Spaß machen und man sich
dadurch neu motivieren kann. Natürlich ist es das sportliche Umfeld, meine
Trainingsgruppe, mein Trainer, worauf ich mich freue jeden Tag hinzugehen. Das
kann man aus dem Sport auch auf anderes übertragen, dass man nicht aufgibt, (-)
16
ich glaube mittlerweile, dass das eine Lebenseinstellung ist, (-) , ich könnte mir
nicht vorstellen, nur den Sport zu machen und im sonstigen Alltag nur zu chillen,
wenn man insgesamt nicht die Einstellung hat, dass man was schaffen will, dann
klappt es auch im Sport nicht.
Obwohl sie diese Einstellung grundsätzlich hat, braucht auch Meike manchmal
zusätzliche Unterstützung von außen:
44 O-Ton:
11 1.10 Ich hätte vor drei Jahren fast aufgehört, dann hätte ich nie meine
Leistungsgrenze kennen gelernt, dann braucht man Menschen, (-) die zu einem
stehen, denen man vertrauen kann, die einen motivieren, da bin ich sehr froh, dass
ich meinen Trainer hab und damals hatte,
45 O-Ton Trainer:
198 10 Am Anfang hat sie hier bei uns Schülertraining gemacht, dann ist sie später
zu mir gewechselt,
erzählt Meikes Trainer Jan-Gerrit Keil
46 O-Ton:
Da wollte sie gar nicht hin, weil das Training eher als autoritär und freudlos
verrufen war, da lacht sie heute auch drüber, (-)
als ich dann mal zu ihr gegangen bin und gesagt habe: sie könnte dieses und jenes
erreichen, wenn sie dieses und jenes tut, (-) das war ihr, zu formell, das hat ihr
nicht gefallen,
47 O-Ton Meike:
Ich würde sagen, dass ich ohne meinen Trainer nicht unbedingt noch dabei wäre,
da bin ich ganz froh, dass er mich motiviert hat.
Viele Trainer begleiten ihre Schützlinge wie Jan-Gerrit Keil über viele Jahre.
Während er anfangs wie eine Art Klassenlehrer aufpassen muss, dass die
Jugendlichen beim Trainingslager nicht ausbüxen oder mit Alkoholexzessen über
die Stränge schlagen, wandelt er sich im Laufe der Jahre eher zu einem Berater auf
17
Augenhöhe:
48 O-Ton:
198 1.50 Weil man den Athleten dann nicht mehr davon überzeugen muss, dass es
gut ist, wenn man abends früher ins Bett geht und vorm Wettkampf ausgeschlafen
ist und sich gut ernährt, die Rolle des Aufpasser tritt mehr in den Hintergrund und
der Athlet wird auf ein höheres Kompetenzniveau gehoben, weil er sich ja auch
selber mehr mit den Techniken beschäftigt und dann auch mehr mitdiskutieren
kann, dann wird es am Ende auch ein Fachgespräch, was von einer gewissen
Streitkultur getragen ist,
das wird am Schluss ein gegenseitiges Ringen um die höchste Leistung.
12 Atmo Jubel im Stadion
Seit gestern ist das Ringen um die höchste Leistung in Daegu in Südkorea eröffnet.
Während Robert Harting seinen Weltmeistertitel im Diskuswerfen um jeden Preis
verteidigen will, wäre für Carsten Schlangen schon die Teilnahme am Finale über
1500 Meter ein großer Erfolg.
18
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Seele and Geist
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