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Die Blätter fallen wie von weit,

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Die Blätter fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; sie
fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.
Rainer Maria Rilke
Sterbebegleitung aus logotherapeutisch-phänomenologischer Sicht-über den
Umgang mit todkranken Menschen
„Abschlussarbeit für die Ausbildung in Logotherapie und existenzanalytischer
Beratung und Begleitung“
Februar 2007
Eingereicht von:
Eingereicht bei:
Angenommen am:
Cornelia Köllen
Dr. paed. Christoph Kolbe und Helmut Dorra
27.08.2008 von: Dr. paed. Christoph Kolbe
Zusammenfassung Sterbende sind herausgefordert, sich vom Geistigen her ‚dem Unbegreiflichen’ zu nähern und
sich darauf einzulassen. Es wird dargestellt, wie dieser Weg mit logotherapeutischen Mitteln unterstützt werden
kann. Beispiele aus der Praxis erhellen die Vielfalt der je situativ-und persönlichen Möglichkeit, auch diese letzte
Phase des Lebens selbstverantwortlich sinnvoll zu gestalten.
Schlüsselwörter Phasen der inneren Verarbeitung schwerer Schicksalsschläge-Verwirklichung von Haltungsund
Einstellungswerten-Selbstdistanz und Selbsttranszendenz
Summary People, who are dying, are demanded to approach of the intellectual here, “the inconceivable” – and to
admit itself on that. It is represented how this way can be supported with means of the Logotherapy. Examples out
of the practice shed light on the variety of those always personal possibilities, to form also this last phase of life even
responsible meaningfully.
Key words: Phases of processing of heavy fate blow – realization of bearings – meaning – “Selbstdistanz” and
“Selbsttranszendenz”
Sterbebegleitung aus logotherapeutisch-phänomenologischer Sicht-über den
Umgang mit todkranken Menschen
1. Einführung
2. Wege zum Sinn
2.1 ... wenn "plötzlich und unerwartet" die Lebenseinstellung nicht mehr
trägt
2.1.1
Das wertorientierte Gespräch
2.1.2
Im Schweigen beieinander sein
2.2
... wenn "nichts mehr zu tun und zu ändern" ist
2.2.1
Das Lebenswerk betrachten
2.2.2 Den Blick darüber hinaus wagen
2.3 ... wenn die Situation "unwiderruflich" ist
2.3.1
Halt und Schutz in der Angst
2.3.2 Zeit der Nähe und Wärme inmitten der Traurigkeit
1
Sterben in Würde
2
Falldarstellungen
3
Nachgedanken
1.
Einführung
Der Tod ist ein tiefes Geheimnis. Zwei Dinge können wir aber über ihn sagen: Es ist absolut
gewiss, dass wir sterben werden; und es ist unsicher, wann und wie wir sterben werden.
Die einzige Sicherheit, die wir also haben, ist die Unsicherheit bezüglich unserer
Todesstunde. Das ist unsere Ausrede, um die direkte Auseinandersetzung mit dem Tod
aufzuschieben. Wir sind wie die Kinder, die sich beim Versteckspielen die Augen
zuhalten und glauben, niemand könne sie sehen.
Sogyal Rinpoche
Bereits in meinem Studium der Sonderpädagogik für Kinder mit geistiger-und körperlicher
Behinderung hatte ich das Glück, Viktor Frankls Werk kennenzulernen. Ich kam darauf zurück, als
unser Sohn mit einer cerebralen Schädigung zur Welt kam-und ich erinnerte mich daran, als mir
einige Jahre später ein schwerer Autounfall passierte, den ich mit einer bleibenden Verletzung
überlebte. Frankls Gedankengut hat einen guten Anteil daran, dass ich die beiden Einschnitte in mein
Leben für mich persönlich sinnvoll zu bewältigen vermochte: Aus Anlass der Geburt unseres
behinderten Kindes wechselte ich in den Bereich der Frühförderung von behinderten-und von
Behinderung bedrohter Kinder; und ich empfand es als sinnvoll und sinnerfüllend, mit ganz
jungen-hauptsächlich schwerbehinderten Kindern körperlich-basal zu arbeiten. Mein späterer Unfall
enthielt mir guten Grund, eine Tätigkeit in der Sterbebegleitung zu beginnen; und diese ist mir seit
nunmehr 7 Jahren zutiefst wertvoll. Im Folgenden stelle ich dar, wie ich meine ehrenamtliche Arbeit
im Ambulanten Hospizdienst vor dem Hintergrund meiner Kenntnis in Logotherapeutischer Beratung
und Begleitung gestalte.
Nach Viktor Frankl ist der Wille zum Sinn das den Menschen spezifisch und zentral bewegende
existentielle Moment-und Frankl postuliert dieses menschliche Urverlangen nach Sinn
gewissermaßen als Garanten für persönliches Glück. Denn hierin sei der Mensch nicht angewiesen,
sondern selbstverantwortlich frei in einer Affinität zum Transzendenten. Hier tue sich die spezifisch
menschliche Möglichkeit auf, „herauszutreten“ (s. lat. ex-sistere) aus der Begrenztheit und
Bedingtheit-ja aus der Angst und Verzweiflung einer unwiderruflich hoffnungslosen Situation in den
Bereich des „trotzdem“ Möglichen. Auf dem Niveau geistiger Haltung und Einstellung vermöge er,
wenn zu tun es nichts mehr gäbe, doch noch sich selbst zu überschreiten auf Neues und Höheres-ja
bisher Nichtgekanntes und Ungeahntes hin. Und so kulminiert also Frankls Aussage darin, dass der
Mensch leidensfähig sei-dass jeder Mensch im Zweifelsfall die Möglichkeit und Fähigkeit besitze,
etwas-nämlich sein unerfülltes Wollen, Wünschen, Hoffen und Sehnen-aktiv zu er-leiden. Der
Mensch vermöge so gut „homo patiens“ zu sein, wie er „homo faber“ oder „homo ludens“ ist. Mit
demselben Effekt verkündet Frankl auch „3 Wege zum Sinn“, mithilfe derer es dem Menschen
unter allen erdenklich schlimmen Umständen möglich sei, sich selbst mit den Anderen in Frieden zu
bewahren. Und was er damit meint, ist ja, dass der Mensch sich mit dem, was jeweils gerade ist, nicht
nur auf körperlich-seelischem-, sondern auch auf geistigem Niveau harmonisieren kann-und gemeint
ist ja, dass der Mensch eben das, was gerade ist, nicht nur in seinem Sinne aktiv gestalten-und in
seiner Fülle aktiv erleben kann, sondern eben auch, im Notfall, aktiv geistig zu er-leiden in der Lage
ist... Und jeder Mensch nun, der durch ärztliche Diagnose oder eigenes inneres Wissen akut mit dem
unwiderruflich nahen Sterben und Tod konfrontiert ist, ist auf diesem von Frankl sogenannten dritten
Weg zum Sinn-also auf dem Niveau seiner geistigen Haltung und Einstellung in seiner
Leidensfähigkeit angefragt und existentiell herausgefordert: Es liegt nahe, dass er in seiner
emotionalen Grundgestimmtheit allumfassend verunsichert ist. Und man mag sich vorstellen, dass er
sich so fühlt, als würde ihm in seiner Erfahrung von Halt, Nähe, Wertschätzung und einer Antwort auf
die Frage „wofür denn eigentlich bin ich (jetzt noch) da?“, worauf er bis zum gegenwärtigen Moment
eben gerade noch grundmotivational ausgerichtet war, damit ihm sein Leben gelingt, abrupt Einhalt
geboten. Ist er doch im Begriff, seine gesamte Welt zu verlieren: seine Lieben, seinen Besitz, sein
Haus, seinen Beruf, seinen Körper und seinen Geist-er verliert alles. Sterben lässt sich nicht wirklich
im Voraus denken und planen-es muss letztendlich getan und er-lebt werden-mutig im geistig
„existentiellen Sprung“ in noch nicht Geahntes hinein. Vor dem Hintergrund der
Dimensionalontologie Max Schelers beschreibt und postuliert Frankl die hierzu notwendige Fähigkeit
zu Selbstdistanz und Selbsttranszendenz als spezifisch menschlich. Und wenn das stimmt, kann er
es also, der Mensch: wenn das wahr ist, kann der Mensch sogar in Frieden sterben. Die höchste Form,
"mit einer persönlichen Haltung dem Unheil entgegenzutreten, ist das Aushalten. Menschen sind
imstande, und zeigen es auch vielfältig, dass sie bereit sind, Schmerzen zu dulden, Ängste
auszuhalten, weil sie Gründe dafür haben... sie haben ein "für wen" sie das Leid ertragen wollen. Der
eine will es für seine engsten Angehörigen oder Freunde... Und der andere will es für seinen Gott aus
seinem Glauben heraus. Wieder einer will es, um vor sich selber gerade stehen zu können. Er ist es
sich selber wert, sich von einem Schmerz seine grundsätzliche Haltung zum Leben, zu anderen
Menschen und sich selber nicht nehmen zu lassen." (Längle in: DPA 1994, 504). So sagt es A.
Längle-und ja, in den Begleitungen durfte ich es so auch schon in anrührender Weise erleben.
Begleitung im professionell phänomenologisch-verstehenden Ansatz der Logotherapie hat den
Anspruch, ohne Zeitdruck offen und vorurteilsfrei hinzunehmen und zu verstehen, was sich beim
anderen zeigt und noch zeigen will, um ihm ein Weitergehen in der eigenen selbsterkannten Wahrheit
zu ermöglichen. In der Begleitung sterbender Menschen gilt es, die außerordentliche Lebenssituation,
in der sich dieser Mensch befindet, zu erfassen: Er ist einerseits besonders feinsinnig empfänglich,
aber gleichzeitig durch Schmerzen, Schlaflosigkeit, Medikamente, Angst oder andere
Begleiterscheinungen auch an seiner Belastungsgrenze. Sterbebegleitung ist ohne spezielle
Ausbildung (in der auch und besonders das eigene Sterben Thema wird), fortlaufend spezielles
Fortbildungsangebot und regelmäßigen Erfahrungsaustausch (in dem die eigene Berührtheit und
Verunsicherung aus-und besprochen werden darf) nicht denkbar. Anders als in der konventionellen
Beratungssituation kommt der Begleiter zum Rat-und Hilfesuchenden: zu ihm nach Hause bzw. in die
Institution (Krankenhaus, Pflegeheim, Hospiz), in der er sich eben gerade befindet. Und hier ist er in
der Regel nicht nur mit dem Betroffenen allein, sondern auch mit dessen Angehörigen, Freunden und
mit Ärzten und medizinischem Pflegepersonal mehr oder weniger unmittelbar konfrontiert. Häufig
hat er keine Möglichkeit, sich in einem ruhigen Gespräch erst einmal die Lage erklären zu lassen,
sondern muss spontan erfassen und unter Umständen gleich hineinspringen in eine aktuelle-und
vielleicht auch ganz akute Situation.
Außerdem anders als in der konventionellen Beratungssituation, unterstützt der Begleiter den
sterbenden Menschen zwar zentral, aber nicht nur gesprächsweise psychosozial und spirituellgeistig
ratschaffend, sondern entsprechend den Umständen auch in ganz praktischer Hinsicht. Und
schließlich anders als in konventioneller Beratungssituationssituation gibt es für die einzelne
Sterbebegleitung naturgemäß auch keinen zeitlich planbaren Rahmen.
Nichts zählt im Angesicht unseres nahen Todes mehr, als das innere Wissen um die im Zentrum des
logotherapeutischen Arbeitens stehende Wahrheit, dass letztendlich das Leben uns befragt-und wir
im Zweifelsfall und eigentlich nicht Ansprüche stellen können und fordern. "Erwartungen haben wir
im Grunde alle immer wieder, aber es ist wichtig, Erwartungen auf die Herausforderungen
veränderter Situationen abstimmen zu können... Dieses Ja zu dem, was ist, meint nicht dasselbe wie
eine kritiklose Ergebenheit, es meint auch nicht den Verzicht auf das Eigene. Es meint-viel
bescheidener-erst einmal die Annahme dessen, was ist... Wenn man nun gelten lässt, was ist, lautet
die nächste Frage dann: Was mache ich mit dieser Situation? Wie will ich mit ihr umgehen?" (Kolbe
in: Längle/Sulz 2005, 34f). Wer im alltäglichen Leben bereits sich mit jenem inneren Wissen um den
Herausforderungscharakter des Lebens vertraut gemacht-und es kultiviert hat, der ist, wenn es darauf
ankommt, schon darin geübt, auch und gerade die Situation aktiv zu gestalten, die er nie je wollte, und
die ihn so ängstlich wie traurig und wohl auch wütend macht. Er hat schon eine Ahnung davon, dass
es sich lohnt: Es kommt eine Art von Liebe auf, die friedlich stimmt. Und wer bislang 'davon
gekommen' zu sein scheint, den erreicht es jetzt: Jetzt ist es unaufschiebbar an der Zeit, zu
existieren-nämlich herauszutreten aus dem, was und wie er sein Leben erträumt, um demgegenüber
aufrichtig und demütig Einsicht zu nehmen, wie es denn eigentlich und wirklich ist. Und um dann,
über den wahrhaftigen Umgang mit den eigenen unerfüllbaren Wünschen, einen angenehmen Zustand
von Freiheit und Leichtigkeit zu erlangen. Als Begleiter leben und erleben wir diesen existentiellen
Prozess mit-und mithin ist uns die unschätzbare Möglichkeit geschenkt, unsere eigene Haltung zu
verfeinern.
Was aber mir das Begleiten sterbender Menschen in besonderer Weise wert macht, ist das Erleben,
wie sie immer mehr in ihr eigentliches Wesen gelangen-und darin zunehmend echt und eigentlich
werden. Denn das ist ja im Angesicht des Todes die außerordentliche Gelegenheit: Weil ‚nichts mehr
zu verlieren ist’, dürfen alle Masken und Hüllen fallen. Die Kommunikation ist ganz offen und
rein-eben menschlich. Damit das gelingt, muss ich mit. Und dass allerdings ich mit darf-dass sie ein
Stück ihres Weges vertrauensvoll mich mit sich nehmen, wandelt mein Geben in ein Geschenk an
mich von hohem Wert: Wir sind gemeinsam aufrichtig unterwegs in der Frage nach Leben und
Sterben.
2. Wege zum Sinn
Bei der Sinn-Wahrnehmung handelt es sich um die Entdeckung einer Möglichkeit vor dem
Hintergrund der Wirklichkeit Viktor Frankl
Wenn Krankheit, Sterben und Tod uns allen miteinander nicht so einen riesengroßen Schrecken
einjagen würde, dass wir es immer wieder neu so schnell wie möglich vergessen, wenn wir alles, was
damit zusammenhängt, mehr in unser alltägliches Leben Einzug halten lassen könnten, müsste es
gerade den Ambulanten Hospizdienst, in dem ich mich engagieren, vielleicht gar nicht geben. Aber
wir werden oft gerufen. Ich erlebe es selbst, dass die Menschen schnell abwinken und mich zu ernst
finden, wenn ich bei Gelegenheit davon sprechen mag. Anders schon die Menschen mit chronischen
Erkrankungen und schweren Behinderungen-sie denken öfter an den Tod und suchen das Gespräch
darüber, so sie es denn wagen, einen anderen mit diesem ‚dunklen’ Thema zu ‚belästigen’. Aber falls
wir nicht das zweifelhafte Glück haben, eines tatsächlich plötzlich und unerwarteten Todes durch
Unfall oder akutes Organversagen zu sterben, was ja gar nicht so häufig vorkommt-und jedenfalls in
keinem Fall so oft, wie es heimlich gewünscht wird, dann steht uns doch allen nicht nur ein kurzer
Moment, nein sondern eine ganze Lebensphase bevor, in der wir dem unwiderruflich nahen Tod
bewusst gegenüberstehen. Wie wird das sein? Was werden wir dann tun? Können wir dann noch
etwas tun, oder ist dann ‚alles aus und vorbei’ und ohne Sinn? Der Dalai Lama sagt: „Als Buddhist
sehe ich im Tod einen normalen Prozess. Ich akzeptiere ihn als Realität, der ich so lange ausgesetzt
bin, wie meine irdische Existenz dauert. Da ich weiß, dass ich mich dem Tod nicht entziehen kann,
sehe ich keinen Sinn darin, mich vor ihm zu fürchten. Ich betrachte den Tod eher wie einen
Kleiderwechsel und nicht als endgültigen Schlusspunkt. Doch der Tod ist nicht vorherzusehen: Wir
wissen weder, wann noch wie er uns ereilen wird. Daher ist es klug, sich auf ihn vorzubereiten, bevor
es soweit ist.“ (Dalai Lama. In: Glogowski/Haag 2004)
2.1 ... wenn ‚plötzlich und unerwartet’ die Lebenseinstellung nicht mehr trägt
Da Vergänglichkeit für uns gleichbedeutend ist mit Schmerz, klammern wir uns verzweifelt an
Dinge, obwohl sie sich ständig ändern. Wir haben Angst loszulassen, wir haben Angst, wirklich
zu leben, weil leben lernen, loslassen lernen bedeutet.
Es liegt eine tragische Komik In unserem krampfhaften Festhalten: Es ist nicht nur vergeblich,
sondern es beschert uns genau den Schmerz, den wir um jeden Preis vermeiden wollten.
Sogyal Rinpoche
„Da Tod wirklich eine Realität ist,“, sagt Verena Kast, „geht es in unserem Leben immer auch um
Trennung, um Abschiednehmen... Wenn wir das nicht tun, dann bleiben wir an der Vergangenheit
hängen, was bedeutet, dass wir uns vor der Zukunft verschließen, dass wir nicht mehr wirklich
weiterleben. Deshalb müssen wir lernen, ins Leben hineinzusterben und mit dieser Art von Sterben
umzugehen.“ (Kast 2006, 84). In ihrem Werk ‚Trauern’ stellt sie ausführlich und eindringlich dar, wie
wichtig es ist, in Verlustsituationen bewusst Abschied zu nehmen und sich dem „fortschreitenden
Trauerprozess-vom Nicht-wahrhabens-wollen bis in die Phase des neuen Selbst-und Weltbezugs
hinein-mutig und geduldig zu stellen. Denn sonst „bleibt der Trauerprozess ´stecken´, die Möglichkeit
zu depressiven Reaktionen ist gegeben. Diese sind umso pathologischer, je stärker die
Verlusterlebnisse und die damit verbundenen Aggressionen schon immer verdrängt wurden, je mehr
unbearbeitete Konflikte vorliegen, je weniger ein Ich in der Lage ist, Konflikte auszutragen.“ (Kast
1987, 38) Also, sozusagen ‚lösungsorientiertes’ Abschiednehmen-sich bewusst verabschieden, um da
heraus anders und neu weiter zu leben-rechtes Trauern als Prozess, in welchem aller Verlust
allmählich Schritt für Schritt zu realisieren und zu akzeptieren ist, damit man sich im Verlusterleben
„nicht versitzt“ (Kast 1987, 37), sondern sich neu zu orientieren-und neu zu beginnen vermag. So ist
es vielerorts in der Fachliteratur beschrieben für den Fall, dass wir Geliebtes und Gewohntes aus
unserem Lebensumfeld verlieren. Und es mag uns ja auch gelingen, dies nachzuvollziehen und selbst
zu versuchen, wenn wir vielleicht auch an uns bekannte Menschen denken, die eben solchen
Neuanfang geschafft haben. Was aber es bedeuten mag, wenn jemand „unerwartet plötzlich“ sich
selbst in eigener Person und ganz konkret mit allem Hab und Gut und vollständig mit seinem Leben
gefährdet sieht und über ein neues anderes besseres Sein abgesehen von diesem einen nicht wirklich
etwas weiß-das klingt hier noch nicht wirklich an. Diese Situation ist in ihrer Endgültigkeit einzigartig
und einmalig im Leben-und eben deshalb von noch anderer Qualität. Sie fühlt sich wohl noch anders
an: Von einem Moment zum anderen wirklich aller bisher geltenden Sinn-und Wertmöglichkeit
unwiderruflich beraubt, ist dem Betroffenen der Boden unter den Füßen entrissen-nichts gilt ihm
mehr; er ist erschreckt, entsetzt und blockiert. Er gerät in einen Schockzustand. Auf die Botschaft,
irreversibel bösartig erkrankt zu sein, reagiert er zunächst mit: “Ich doch nicht! Das ist doch gar nicht
möglich! Es muss eine Verwechslung sein! Es kann nicht sein!“ Und dies-so die Sterbebegleiterin
und Sterbeforscherin Elisabeth KüblerRoss-„besonders dann, wenn er unvermittelt und zu früh durch
jemanden informiert wird, der ihn und seine Aufnahmebereitschaft nicht wirklich kennt, oder ‚es
schnell hinter sich haben’ will.“ (Kübler-Ross 1973, 16) Es bedarf also eines sehr hohen Maßes an
Feinfühligkeit und Geduld seitens des Begleiters, in diesem höchst fragilen Moment der
Anfangsphase des Sterbemüssens mit dem Betroffenen überhaupt in wertfühlende und wertorientierte
Kommunikation zu treten. Er als Begleiter mag ja für sich selbst mit Hermann Hesse aufrichtig darauf
hoffen, dass „vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung“ entgegensendet (Hesse
1990, 187), aber es steht ihm nicht zu-und es wäre ganz sinnlos, dergleichen in dieser
außerordentlichen Situation in die Waagschale zu werfen. Die Tatsache allerdings, selbst nicht
unmittelbar betroffen zu sein-sie ist, so meine ich, seine Möglichkeit, sich immerhin in seinem
Wissen zu halten-und nicht mit dem anderen zu leiden, sondern zu ihm und seiner Situation hin zu
spüren und ihn zu verstehen: Dieser Mensch, der mir gegenüber ist, muss-ja und sei es, dass es ihm
gerade eben erstmalig bewusst wird-jetzt muss er jedenfalls unwiderruflich „der Frage nach dem Sinn
des Lebens eine kopernikanische Wendung geben: Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen
stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten
– das Leben zu verantworten hat.“ (Frankl 2001, 141). Und es kommt ja nicht wirklich „unerwartet“,
dass wir Abschied nehmen müssen. Wir mögen wohl ängstlich und auch ein bisschen bequem sein, es
uns bewusst zu machen, aber wir haben seit jeher ein inneres Wissen darum, dass alle Lebewesen und
auch wir selbst sterblich sind-und wir praktizieren es längst unbewusst und ganz natürlich von selbst:
Wir leben seit jeher und längst abschiedlich im stetigen Wechsel der Zeiten, inmitten von
Geborenwerden und Sterben unseres Mitmenschen und inmitten allen Gelingens und Scheiterns
unseres Lebenswerkes und unserer zwischenmenschlichen Beziehungen. Und wenn wir es wagen, uns
bewusst darauf einzulassen und zu schauen und uns zu erinnern, haben wir längst eine inneres
Wissen-ja leiblich gespürte Erfahrung davon, wie kostbar das Leben im Angesicht seiner Endlichkeit
sich anzufühlen vermag: Die letzte Blüte, die der Rosenstrauch vor dem langen, grauen Winter
schenkt-das letzte Winken des Freundes, der auf große Reise geht-der letzte Schluck guten Weines im
Glas... -wir erleben es in einzigartiger Qualität. Das Wissen um die Endlichkeit der Dinge, der
Situationen-und auch und gerade unseres eigenen Lebens sensibilisiert unser Spüren und macht es
tief und weit für die Kostbarkeit des gegenwärtigen Moments. „Die Werte verändern sich“, sagt die
Psychologin und Sterbebegleiterin Daniela Tausch-Flammer, „die kurzen Augenblicke des Seins, des
Glücks bekommen mehr Bedeutung...“ (Tausch-Flammer/Bickel 2000, 46). Und wenn wir es wagen,
uns bewusst darauf einzulassen und zu schauen und uns zu erinnern, haben wir auch längst ein inneres
Wissen-ja leibliche Erfahrung davon, dass wir uns selbst manchmal ganz unvermittelt in Hingabe an
solch kostbare letzte Momente-und aber auch einfach in Hingabe an irgendeine beliebig
selbstgewählte Tätigkeit des Alltags vollständig vergessen können; und dies, um erst im Nachherein
zu bemerken, wie friedlich und glücklich wir eben gerade gewesen sind. Bei diesem unwillkürlichen
Loslassen und Sich-selbstvergessen handelt es sich um jenen von Viktor Frankl beschriebenen
„existentiellen Sprung“ in den Bereich ungeahnter Friedlichkeit und ungeahnten Glücklichseins. Wir
können ihn nicht willentlich tun, sondern er ergibt sich in aufrichtiger Hingabe an den derzeitigen
Moment und die augenblicklich für wert-und sinnvoll erachtete Tätigkeit; und zwar unabhängig
davon, wie schlimm die Umstände gerade sind. Dieses Phänomen mag einen Energieschub
bedeuten, der uns neu mit Kraft und Hoffnung erfüllt; aber vielleicht wird durch ihn sogar auch eine
Art von Stau in uns gelöst-und etwas vom ursprünglichen Wissen über das Leben freigesetzt, so dass
wir innerlich bereichert und gewisser weitergehen.
2.1.1 Das wertorientierte Gespräch Wenn wir als Sterbebegleiter heraushören und spüren,
dass der Sterbende beginnt, in dieser Frage von „Abschied und Neubeginn“ um Sinn zu ringen, sehen
wir uns herausgefordert, ihm die uns Menschen vorbehaltene Möglichkeit ans Herz zu legen, einer
jeweiligen Situation-wie schlimm sie auch sei-mit den von Viktor Frankl so häufig gebrauchten
Worten „trotzdem und gerade deshalb“ einen persönlich konkreten Sinn abzuringen. Vor dem
Hintergrund unserer eigenen Einstellung, dass es für uns Menschen immer wieder neu notwendig-und
aber auch grenzenlos möglich ist, „ins Leben hinein zu sterben“ (Kast 2006,84), werden wir im
wertorientierten Gespräch versuchen, sein existentielles Grundbedürfnis nach Sinn freizulegen, „um
ihn dann sich selbst entscheiden zu lassen wofür: für die Erfüllung welchen konkreten Sinnes und für
die Verwirklichung welcher persönlichen Werte?“ (Frankl 1989, 153). Wir werden ihn ermutigen,
genau zu schauen und wahrzunehmen: „Wir sterben ja nicht nur einmal im Leben, erleiden nicht nur
den körperlichen Tod. Wir sterben viele Male. Jeder Verlust im Leben ist ein Sterben, jede Krise,
jedes Loslassen, jedes Abschiednehmen von Menschen, Plänen, Wünschen, Ideen.“ ( Flammer E: Wir
sterben ja nicht nur einmal In: Tausch-Flammer/ Bickel. 1999, 80). Wir werden ihn fragen, ob er sich,
wie wir selbst, solcher Abschiedsmomente zu erinnern weiß, in denen ihm das Leben mit einem Mal
sehr kostbar und intensiv wurde-und auch, ob er sie kennt, diese Momente im Leben, in denen man
alles um sich herum vergisst und darin ganz friedvoll ist. Und eigentlich fragen wir ihn so ganz
existentiell und sokratisch herausfordernd: Willst du trotzdem Ja zum Leben sagen? Willst du auch in
dieser Situation Dein Leben bestehen? Willst du es? Wie willst du es machen? Was ist dir jetzt gerade
und trotz alledem wert und wichtig, zu tun? Weißt du von anderen, die in ähnlicher Situation waren,
wie Du-und ‚es geschafft’ haben? ... Und wir werden, so wie er mag und kann, mit ihm gemeinsam
erkunden, was ihm selbst hier und jetzt, in der Situation-und eben gerade, weil nicht mehr ‚alle Zeit
der Welt’ bleibtwertvoll und wichtig ist, praktisch und konkret vorzusorgen, zu erledigen, zu Ende zu
bringen, zu klären oder zu erleben. Wir werden ihn danach fragen, was es ist, das ihm eben noch und
gerade ‚am Herzen liegt’; und wir werden ihm helfen, es zu verwirklichen. Wir werden also
versuchen, ihn mit-und hineinzunehmen in den Versuch, sich gehabter Sinnerfahrungen zu erinnern
und dann seinen Blick zu öffnen für das, was ihm eben gerade erst jetzt, angesichts der
offensichtlichen Begrenztheit seines Lebens, wahrhaft wertvoll erscheinen kann. Und natürlich haben
wir damit zu rechnen, dass er uns seine Angst, Wut, Verzweiflung und alles Sinnlosigkeitsgefühl
entgegenwirft, denn er will ja, wie wir selbst, nur leben. Diese existentiellen Gefühle, wenn sie sich
einstellen, bedürfen also unseres aufrichtigen Verstehens-und dass wir ihnen Raum geben (vgl. Kap.
2.3).
In den Begegnungen mit Sterbenden, die gar nicht (mehr) sprechen mögen oder können, sind wir in
noch stärkerem Maße auf uns selbst angewiesen, aufmerksam zu erfassen, was sie wohl brauchen
und gerne (noch einmal) tun oder erleben würden. Es ist Kommunikation ohne Worte-mimisch,
gestisch und über die Augen, in der das phänomenologische Prinzip vorurteilsfreier Zuwendung, um
zu verstehen und gelten zu lassen, was der andere meint, so gut auf dem Prüfstein steht, wie das von
den Buddhisten als ‚Methode’ gelehrte Mitgefühl: „Ich höre, obwohl ich schweigen muss und nun
auch schweigen will. Halte meine Hand! Ich will es mit der Hand sagen, wisch mir den Schweiß von
der Stirn! Streich die Decke glatt. Bleib bei mir. Wir sind miteinander verbunden. Das ist das
Sakrament des Sterbebeistandes. Wenn nur noch die Zeichen sprechen können..., so lass sie
sprechen...“ ( Hampe J Ch: Ratschläge eines Sterbenden. In: Andreas Ebert/Peter Godzig 1993, 102)
Es gibt ja außerdem neben dem wertorientierten Gespräch auch noch andere Möglichkeiten, dem
Sterbenden eine persönliche Bezogenheit auf Sinn und Wert wieder erfahrbar zu machen. Ich
persönlich verwende gerne leichte Entspannungs-und Kontemplationstechniken, literarische
Gleichnisse und Lyrik oder ruhige Musik. Aber jede Art sinnlich/körperlicherästhetischer-schöngeistiger oder natürlich spiritueller Anregung mag geeignet sein, je nachdem, wie
es für die einzelne Persönlichkeit in ihrer speziellen Situation eben stimmt, geht, passt, gewollt und
möglich ist (s. hierzu besonders Kap. 3.4). Denn es geht ja darum, den Menschen in seiner
unbewussten Tiefe zu erreichen, von wo aus er intuitiv
„Seinsollendes“ und „Mögliches“ (Viktor Frankl 1998, 77) erfasst-ihn hier neu zu berühren und
wieder neu berührbar zu machen. Viktor Frankl würde an dieser Stelle von Gewissen sprechen:
„Denn das Gewissen ist ja, wenn Sie so wollen, das in die menschliche Seele ‚eingebaute’
Sinn-Organ, das die Funktion hat, der jeder Situation innewohnenden, in ihr ‚schlummernden’
Sinnmöglichkeit gewahr zu werden.“ (Frankl 1998, 286)
2.1.2 Beieinandersein im Schweigen Die Möglichkeit, in vorsätzlicher geistiger Haltung und
Einstellung gemeinsam miteinander zu schweigen, wenn und weil „das eine, was Not tut“ rational
nicht mehr zu erkennen, sondern nurmehr intuitiv erfahrbar wird-das ist es, was Sterbebegleitung im
besonderen ausmacht und kennzeichnet. Denn genau besehen liegt sie in ihrer Außerordentlichkeit
und Existentialität von Anbeginn außerhalb der Grenze legitimer beraterischer Intervention.
„Die Möglichkeit des geistig Seienden, ‚bei’ anderem Seienden zu ‚sein’, ist ein ursprüngliches
Vermögen, ist das Wesen geistigen Seins, geistiger Wirklichkeit... Dieses Bei-Sein von geistig
Seiendem bei anderem geistig Seienden, dieses Bei-Sein zwischen je einem geistig Seienden, nennen
wir nun Beieinander-Sein... Du sagen können zu jemandem-und darüber hinaus auch ja sagen
können zu ihm; mit anderen Worten: einen Menschen in seinem Wesen, seinem Sosein, in seiner
Einmaligkeit und Einzigartigkeit erfassen, aber eben nicht nur in seinem Wesen und Sosein, sondern
auch in seinem Wert, in seinem Seinsollen, und das heißt ja, ihn bejahen...“ (Frankl 1998, 74ff) „Wie
können wir nun mit einem Menschen kommunizieren, der verwirrt ist oder nicht reagiert? ... in der
Stille zuhören und versuchen, intuitiv zu erfassen was der andere erlebt und braucht. Coleman Barks
hat ein Gedicht des Sufi-Mystikers Rumi übersetzt, in dem ein Richter drei Söhnen eine Frage stellt,
um zu entscheiden, welcher von ihnen das Vermögen des Vaters erben soll: ‚Wenn du jemanden nicht
dazu bringen kannst, etwas zu sagen, wie kannst du seine verborgene Natur erkennen? Und der dritte
Sohn antwortet: ‚Schweigend will ich vor ihm sitzen und eine Leiter aus Geduld errichten, und wenn
in seiner Gegenwart eine Sprache jenseits von Freude und jenseits von Gram aus meiner Brust zu
strömen beginnt, dann weiß ich, dass seine Seele so tief und strahlend ist wie der Stern Canopus, der
über dem Jemen aufgeht. Und wenn dann ein kraftvoller Erguss von Worten aus mir zu strömen
beginnt, dann erkenne ich ihn an dem, was ich sage und wie ich es sage, denn es hat sich ein Fenster
zwischen uns geöffnet, das die Nachtluft unserer Wesen vermischt." ( Longaker 2001, 224f)
“Schweigen ist nicht nur ein passives Nichtreden, eine innere Haltung der Sammlung und darin ein
Kampf gegen Fehlhaltungen, sondern auch ein positives Tun, ein Akt des Loslassens. Schweigen als
aktives Tun besteht nicht darin, dass wir nicht mehr reden und denken, sondern dass wir unsere
Gedanken und unser Reden immer wieder loslassen... Wenn es aber gelingt, mich wirklich
loszulassen und nicht länger an dem erbaulichen Bild festzuhalten, das sich die anderen von mir
machen sollten, dann mache ich mir keine Gedanken mehr..., um mich ganz Gott zu überlassen. Um
dieses Loslassen geht es letztlich im Schweigen... Ziel des Schweigens ist es, uns für Gott offener zu
machen, so dass in unsere Lebensvollzüge, in unser Denken und Tun Gottes Geist einströmen könnte.
Nicht wir mit unserer egoistischen Enge bestimmen unser Leben, sondern Gottes Geist selbst, dem
wir uns schweigend überlassen und anvertrauen.“ ( Grün A: Schweigen. In: Andreas Ebert und Peter
Godzik 1993, 119) Worum es hier geht, ist jener Moment, in welchem der Mensch unabdingbar
herausgefordert ist, seine Fähigkeit, sich selbst zu transzendieren, in reinster Form zu
vollziehen-nämlich herauszutreten aus der unbeschreibbaren Not, das Ende des eigenen Lebens
unwiderruflich einsehen zu müssen. Dieser Moment vollzieht sich im Geistigen-er ist im höchsten
Maße intim/persönlich und er entzieht sich eigentlich und letztendlich aller Worte. Aber da ist eben
jene besondere Möglichkeit des Beieinanderseins im Schweigen, in der wir ihm nicht zu nahe zu
treten brauchen.
Ich meine, Frau K. gab von diesem Moment ein Zeichen, als sie an einem der letzten Tage
ihres Lebens mit großer Entschiedenheit veranlasste, die Bilder ihrer lebenden Verwandten
von ihrem Nachttisch zu entfernen-und nur die der bereits verstorbenen sollten ihr zum
Ansehen-uns als Signal-weiter bleiben. Jedenfalls sprach sie von da an auch nicht mehr.
2.2 ...wenn „nichts mehr zu tun und zu ändern“ ist
Im Moment des Todes Kommt es auf zwei Dinge an: Wie wir unser Leben gelebt haben und
wie der Zustand unseres Geistes in diesem Moment ist. Sogyal Rinpoche
Es ist ein geeignetes konkretes anschauliches Bild, das Ursula Tirier in ihrem Buch „Wenn alles
sinnlos erscheint“ (Tirier 2003, 55) vorschlägt, um die geistige Fähigkeit zur Einstellungsänderung zu
erklären. Wenn eine undurchdringliche Mauer vor uns ist, können wir immer wieder und weiter
sinnlos dagegen anlaufen und uns verletzen, oder aber auch uns umdrehen mit dem Rücken dazu-und
was wir dann sehen und betrachten können, ist unser Lebenswerk in seiner ganzen Fülle. Und wenn
eine undurchdringliche Mauer vor uns ist, können wir immer wieder und weiter sinnlos dagegen
anlaufen und uns verletzen, oder aber auch uns eine Leiter daran stellen, um einen Blick auf das zu
wagen, was dahinter liegt-und was wir dann sehen und betrachten können, ist Gott/die Welt/das
Du/der andere Mensch, der weiterlebt über uns hinaus.
2.2.1 Das eigene Lebenswerk betrachten Stellen wir uns also mit dem Sterbenden
gemeinsam mit dem Rücken zur undurchdringlichen Wand-und betrachten sein Lebenswerk.
Befragen wir ihn nach seinem-und über sein gelebtes Leben. Vielleicht mag er uns Bilder zeigen.
Viele Fragen tauchen auf: Wie war mein Leben? Was war mir wichtig? Welche Menschen waren mir
wichtig? Was war das Schönste? In diesem Schauen gewinnen wir selbst Kontur und erkennen uns in
dem, wie wir sind und geworden sind. In dieser Betrachtung können wir unser Leben annehmen-und
leichter sagen: Ja, das war ich.
Als Sterbebegleiter, die wir selbst über das Sterben nachdenken und damit beschäftigt sind, wissen
wir dass: „guter Abschied nicht möglich ist, ohne alles Übersehene, Vermiedene, und Versäumte
noch einmal zu sichten und aufzuräumen.“ (Canacakis1990, 59). So gehört an diese Stelle unbedingt
die Frage nach ‚Unerledigtem’, das noch zu Ende gebracht werden will; und da tut sich vieles auf, bei
dem wir helfen-oder Hilfe vermitteln können. Es ist im Rahmen aller persönlichen und situativen
Grenzen und Möglichkeiten durchaus noch etwas zu tun, wenn ‚nichts mehr zu tun und zu ändern ist’.
Wie auch Frankl sagt: „ „Wie oft hält man uns nicht vor, dass der Tod den Sinn des ganzen Lebens in
Frage stelle. Dass alles letzten Endes sinnlos sei, weil der Tod es schließlich vernichten müsse. Kann
nun der Tod der Sinnhaftigkeit des Lebens wirklich Abbruch tun? Im Gegenteil. Denn was geschähe,
wenn unser Leben nicht endlich in der Zeit, sondern zeitlich unbegrenzt wäre? Wären wir unsterblich,
dann könnten wir mit Recht jede Handlung ins Unendliche aufschieben, es käme nie darauf an, sie
eben jetzt zu tun, sie könnte ebenso gut auch erst morgen oder übermorgen oder in einem Jahr oder in
zehn Jahren getan werden. So aber, angesichts des Todes als unübersteigbarer Grenze unserer Zukunft
und Begrenzung unserer Möglichkeiten, stehen wir unter dem Zwang, unsere Lebenszeit auszunutzen,
und die einmaligen Gelegenheiten... nicht ungenutzt vorübergehen zu lassen.“ (Frankl 1982, 83)
2.2.2
Den Blick darüber hinaus wagen Es gibt das alte Wort ‚das Zeitliche segnen’. Jörg
Zink hat darüber nachgedacht: „Das ist ein wunderbares Wort. Wir reden davon, der Regen ‚segne’
die Erde, oder von einer Frau, sie sei ‚gesegneten Leibes’. Segen ist eine Kraft, die Erde fruchtbar
macht oder einen Menschen... Im übertragenen Sinn ist segnen ein Bejahen und Fördern des Lebens.
Und so ‚segnet’ der Sterbende sein vergangenes Leben, die Welt und alle Menschen, die ihm nahe
stehen. Er gibt seine Lebenskraft, seine Liebe weiter an die Lebenden, die er liebt... Segen hinterlässt
derjenige, der zu Lebzeiten regelt, was an Zeitlichem noch zu regeln ist. Segen hinterlässt derjenige,
der allen, die ihm nahe stehen, zuletzt bestätigt, dass er sie bejaht, ihnen ihr Weiterleben gönnt. Das
Zeitliche segnen heißt: das eigene Leben in Frieden abschließen, heißt aber noch mehr: das
weitergehende Leben der anderen bejahen und gutheißen...“ ( Zink 1985, 12f) Vertreter der
buddhistischen Weltanschauung meinen dasselbe, wenn sie die Haltung des Mitgefühls (mit in
spezieller Praxis für das eigene Sterben) als die einzigartige Methode lehren, sich über die jeweilige
Situation hinaus-wie schlimm sie auch sei-in Frieden und Liebe zu bewahren: „For a person who does
not have a specific religion like Buddhism, we can advice them to think, „may everybody be happy,
may all living being please somehow be freed from their misery.“ (Kirti Tsenshab Rinpoche 1990, in:
Mandala Sept/Okt 1997, 34) Und dass Viktor Frankl wohl darum gewusst hat, verrät sein
unermüdlicher Appell ‚...trotzdem Ja zum Leben sagen’-und wie er im gleichnamigen Werk seinen
Überlebens„Trick“ beschreibt, sich in geistigem Bemühen über seine an sich hoffnungslose und
qualvolle Situation als KZ-Häftling zu erheben auf die ersehnte Zukunft hin: „... und ich spreche;
spreche und halte einen Vortrag über die Psychologie des Konzentrationslagers...“ (Frankl 1982, 121).
Dass der „Trick“ ihm gelang, lag darin begründet, dass er vom Geistigen her ein ‚weg vom Ich – hin
zum Du/zur Welt’ vollzog. Dieser „Trick“ mag immer gelingen in der am Ende mitfühlenden Absicht,
anderen Menschen das eigene Leiden-und dass und wie man es bewältigt bzw. bewältigt hat,
mitzuteilen, damit es denen zugute kommt. So erhält das eigene Leiden einen Sinn.
2.3 ...wenn die Situation „unwiderruflich“ ist
Ein sterbender Mensch muss zuallererst Liebe spüren; diese Liebe muss frei sein von jeglicher
Erwartung, so bedingungslos wie irgend möglich. Dazu braucht es keinerlei Expertenwissen.
Seien sie einfach natürlich, seien Sie Sie selbst, ein wahrer Freund, eine wahre Freundin, und
der Sterbende wird zweifellos spüren, dass sie wirklich bei ihm sind...
Sogyal Rinpoche
In jeder Situation, in der unmissverständlich und unwiderruflich nichts mehr zu tun und zu ändern ist,
als das persönliche Wünschen und Wollen der Herausforderung des Lebens selbst preiszugeben,
entstehen über anfänglichen Schock hinaus Gefühle der Angst, Verzweiflung und Wut-und diese
starken existentiellen Gefühle mögen auch vorübergehend das existentielle Grundbedürfnis nach Sinn
zuschütten. Es ist eine normale und gewissermaßen gesunde Reaktion. Wir müssen uns allerdings
daran machen und dürfen nicht aufgeben und uns auch nicht darin verlieren, wieder freizuschaufeln,
was uns unzerstörbar innewohnt und am Leben hält: dieser unerschöpfliche Wille, jeden-und sei es
eben jenen letzten Moment unseres Lebens einen sinnvollen sein und werden zu lassen. Eines der
bedeutendsten Phasemodelle zur Veranschaulichung der inneren Verarbeitung lebensbedrohlicher
Erkrankungen und schwerer Behinderungen ist das Spiralenmodell der Sozialwissenschaftlerin,
Theologin und Religionspädagogin Erika Schuchardt (Schuchardt 2006). Ihrer Erfahrung und
wissenschaftlichen Forschungserkenntnis entsprechend verläuft der Weg der Krisenverarbeitung „als
Lernprozess“ spiralförmig aufsteigend in acht Phasenbeginnend im „Ungewissen“, über
„Gewissheit“, „Aggression“, „Verhandlung“ „Depression“-und aber dann kulminierend nicht, wie
herkömmlich dargestellt, in der „Annahme“ des Unbegreiflichen, sondern erst in auf qualitativ
höherem Niveau wiedererlangter „Aktivität“ und „Solidarität“. Was hier für die beiden letzten
Stufen des Lernprozesses Krisenverarbeitung beschrieben wird, ist, dass durch „die bewusste
Erfahrung der Grenze“-also durch die schrittweise Annahme der realen Lebenssituation neue Kräfte
frei werden, und so sich neue Wege im Umgang mit der eigenen Lebenssituation eröffnen können.
Und: „Werden vom Leiden Betroffene in den beschriebenen Phasen angemessen begleitet, erwächst
in ihnen irgendwann der Wunsch, selbst in der Gesellschaft verantwortlich zu handeln.“ (Schuchardt
2006, 44f). Den Weg aus der Krise als Lernprozess bis möglicherweise in eine solidarische Haltung
hinein aufzufassen-das entspricht dem Franklschen Appell, der Mensch könne und möge sich, wenn
er dazu herausgefordert würde, seiner uneingeschränkten Fähigkeit zu Selbstdistanz und
Selbsttranszendenz bedienen. Was also der Mensch, der im Sterben liegt, von uns Begleitern braucht,
ist, dass wir ihm im Bewusstsein seiner konkreten körperlichen-und aber vor allen Dingen auch
seelischen Not und Gefühlsverwirrung helfen, sich trotz allem und gerade jetzt durch alle schlimmen
Gefühle hindurch immer wieder und weiter und qualitativ neu in einem existentiellen Grundgefühl
des Gehalten-, Geborgen-und Gewürdigtseins zu bewahren. Es liegt auf der Hand, dass wir dem
Sterbenden in seiner Angewiesenheit spontan und akut praktisch helfen-besonders was die
körperliche Versorgung anbetrifft, aber auch etwa durch die Vermittlung von geeigneten Fachärzten,
Pflegepersonal und Pflegeeinrichtungen-durch die Erledigung dringender unaufschiebbarer
Haushaltsdinge-durch die Beantragung von Pflegeeinstufung-und Geld oder durch die gemeinsame
Erstellung testamentarischer Vorsorge (Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht). Aber ihn zu
erinnern-bzw. das Wiederauflebenlassen seiner eigenen Unerschöpflichkeit auch und gerade in dieser
äußersten und letzten Krise seines Lebens ist das Eigentliche der Sterbebegleitung. Allerdings ist es
schwere Arbeit mitten durch all die schlimmen Gefühle hindurch, zu der die Psychotherapeutin Doris
Wolf betroffene Menschen in ihrem als praktisch anwendbare Lebenshilfe geeignetem Buch
ermuntert: „...es hängt an Ihnen. Sie haben nicht die Fähigkeit, den Tod ungeschehen zu machen. Sie
haben nicht die Wahl, keine Trauer zu haben. Aber Sie haben die Fähigkeit in sich, Abschied zu
nehmen und Neues zu beginnen. Sie haben die Fähigkeit, die Situation so anzunehmen, wie sie ist.
Sie haben die Fähigkeit, klagende, hadernde, sehnsüchtige, angstmachende Gedanken loszulassen und
ihren Blick langsam auf die Zukunft zu lenken...“ (Wolf 2005, 75)
2.3.1 Halt und Schutz gegen die Angst Das am stärksten hervortretende Gefühl im
Angesicht des nahen Todes ist Angst. Und natürlich haben wir im Angesicht des Todes Angst. Das
existentielle Grundbedürfnis nach Halt, Schutz und Raum erfährt ja schwerste Erschütterung. Wie
denn sollten wir es passiv angehen lassen, dass das, was sich uns bis zum gegenwärtigen Moment als
haltgebend und sicher bewährte, nun mit einem Mal als brüchig und nichtig erweist-und dass wir alles
verlieren, was uns wert und wichtig ist-und dass wir mit dem uns Eigenen keine Stimme mehr
haben...? Vielmehr geraten wir innerlich wie äußerlich in Bewegung. "Der Sinn der Angst ist die
'Aktivierung', die Alarmierung als Lebensschutz vor einer Gefahr, die zur Mobilisierung der Kräfte
führt. Angst warnt immer dort, wo Haltgebendes nachzulassen droht und damit der 'Seinskontakt'
schwinden könnte, dieses Eingebettetsein im Sein, in das, was der Fall ist, das den Boden bildet für
die Dynamik des Lebendigen..." (Längle in Längle/Sulz 2005, 98) Wenn unsere Angst stark wird,
haben wir die Möglichkeit, uns zu entschließen und zu entscheiden, ‚mehr’ zu sein als unsere Angst.
Wir haben die Möglichkeit, sie uns vorzunehmen und anzusehen und in ihrer Konkretheit kennen-und
verstehen zu lernen, anstatt uns ihr hilflos auszuliefern: In welchen Situationen habe ich Angst?
Wovor? Und was passiert? In unserem Inneren verbirgt sich ja durchaus ein verständlicher Grund für
unsere Angst: wir sehen, wie sie dem gut dient, was wir ‚unbedingt’ vermeiden wollen-aber wenn wir
weiter schauen, erkennen wir sie auch als ein gewissermaßen falsch programmiertes Signal unseres
Körpers, mit dem wir uns gleichermaßen selbst behindern in dem, was wir eigentlich wünschen bzw.
was eigentlich notwendig und wahr zu tun wäre. Also liegt doch eine Chance in dem Versuch einer
veränderten Sicht-bzw. Verhaltensweise für die Situation, in der die Angst ‚immer’ kommt: Auf
welche meiner wohlüberlegten Wünsche und Absichten und auf welche entsprechend wohlüberlegt
abgewogenen Möglichkeiten, sie in die Tat umzusetzen, könnte ich mich ‚das nächste Mal’ in besagter
kritischer Situation vorsätzlich alternativ konzentrieren? Und sei es, dass ich beabsichtige‚
wenigstens’ ruhig zu bleiben in besagter Situation-wie fange ich es an; welche einfachen
Möglichkeiten der Spontanentspannung gibt es, dass ich mich, wenn es darauf ankommt, darauf
konzentrieren kann? Solange es sich nicht um reale Angst im Angesicht von tatsächlicher
Lebensgefahr handelt, können wir derart versuchen, gut vorbereitet dennoch in die Situation
hineinzugehen, um uns nicht selbst zu hindern an dem, was wir eigentlich wollen und wünschen für
unser persönlich sinnerfülltes Leben. Es ist ja nicht nur die Angst vor dem Sterben selbst, die den
Alltag eines lebensbedrohlich erkrankten Menschen belastet: Da ist Angst, ‚es’ den anderen zu sagen
und überhaupt ‚darüber’ zu sprechen-Angst, von Partnern, Verwandten, Freunden und vor allem auch
von Ärzten und ärztlichem Pflegepersonal nicht mehr ernst genommen zu werden-Angst, in eine
Pflegeeinrichtung abgeschoben zu werden-Angst vor Schmerz oder Angst, durch
chemotherapeutische Behandlung alle Haare zu verlieren. Und überall hier gilt es, für den speziellen
Fall die beste aller ‚möglichen Möglichkeiten’ gemeinsam miteinander abzuwägen und auszuwählen.
Frau S. als Friseurmeisterin fürchtete sich verständlicherweise in besonderem Maße davor, in
der anstehenden Chemotherapie ihr Haar verlieren zu müssen. Deshalb erzählte ich ihr von
anderen Patientinnen, die in gleicher Situation sich dafür entschieden hatten, dem
Befürchteten ein Stück weit den Wind aus dem Segel zu nehmen, indem sie sich schon vorher
eine Kurzhaarfrisur schneiden ließen. Es war eine schlimme Situation in der sehr schlimmen
Lage für Frau S.-aber dadurch, dass sie etwas davon selbst in die Hand nehmen konnte, wurde
es „ein wenig erträglicher“, wie sie selbst später einräumte. Aus dem eigenen Haar wurde nach
ihren Anweisungen eine Perücke ‚für später’ hergestellt.
Aber selbst wenn nun im Angesicht des Todes, Angst zu überborden droht, weil wir tatsächlich bei
allem guten Abwägen kompromisslos nichts von dem haben-und behalten können, was wir brauchen,
gewohnt sind, lieben und ersehnen, können wir das Befürchtete dennoch ‚dereflektieren’. Es mag so
sein, dass unser Leben, unsere Lebensqualität und unser persönliches Glück, uns tatsächlich nicht
mehr guter ausreichender Grund sein kann, unsere Angst in die Hand zu nehmen, weil ja eben genau
das absehbar nicht mehr gilt. Aber abgesehen davon, dass es im Moment der Feststellung noch gilt
und wir also eventuell Unerledigtes doch noch-und einfach weiter zu Ende bringen können-es geht
auch hier weiter: Zwar ist hier, und das ist entscheidend, die Hyperreflexion-dieses Zuviel an Absicht
und Aufmerksamkeit auf das Befürchtete nicht neurotisch bedingt wie wir es von der neurotischen
Erwartungsangst her kennen, sondern sie ist vielmehr auf existentiellem Niveau sinnlos, denn der
Verlust steht ja wirklich und unwiderruflich an-und zwar können wir unsere Angst nicht im Abwägen
anderer, besserer-und auf die beste aller Möglichkeiten für uns selbst hin bearbeiten, aber wir
können über uns selbst hinaus einen Blick wagen auf das Du/die Welt um uns herum und uns vom
Geistigen her durch sie wertspürend und mitfühlend berühren lassen. „Durch die Dereflexion lerne
ich, an meiner Angst vorbeizuleben. Es genügt im allgemeinen jedoch nicht, sich nur einfach
abzulenken, sich nicht zu beobachten; zu rasch landet man dann wieder in der Egozentriertheit des
neurotischen Menschen. Man muss weg von sich selbst, auf ein Ziel hin leben, für eine Aufgabe, eine
Sache, eine geliebte Person da sein, das heißt auf einen Wert hin, einen Sinn ausgerichtet sein. Frankl
spricht hier von der Selbsttranszendenz. Selbsttranszendenz aber bedeutet, über sich hinausreichen,
hinaus geordnet zu sein, auf eine Aufgabe hin, die es mit Sinn zu erfüllen gilt. Wenn es gelingt, das
Leben mit einer Aufgabe, mit Sinn zu erfüllen, werde ich mich selbst vergessen. Vergesse ich mich
aber selbst, werde ich meine Ängste vergessen, an ihnen vorbeileben. Frankl spricht davon, dass die
Angst einer Inaktivitätsatrophie anheim fiele. Dies ist das therapeutische Ziel, das wir mit der
Dereflexion erreichen.“ (Kozdera 1987, 22f). Selbst im Angesicht des Todes können wir einen
Menschen herauslocken aus seiner Angst. Denn die Fähigkeit, vom Geistigen her sich selbst in der
Situation mit den anderen zu betrachten und anders, besser bzw. ganz neu-nämlich über das eigene
Wünschen und Bedürfen hinaus weiter zu gehen, die ist grundsätzlich und ohne jede Beschränkung
vorhanden. Und sie lässt sich unter achtsamer Berücksichtigung aller situativen und persönlichen
Möglichkeiten und Grenzen so gut durch sensibles Nachfragen initiieren wie durch aufmerksames
Hinhören unterstützen.
Eine Lehrerin gab sich in voller Bewusstheit ihrer irreversiblen schweren Krebserkrankung
bis zum letzten Tag-und längst bettlägerig der Fertigstellung ihres Unterrichtprojektes „Tod
und Sterben“ hin. Ursprünglich hatte sie gehofft, es mit ihren Schülern noch selbst
durchführen zu können, aber als sich abzeichnete, dass ihr persönlich das nicht mehr möglich
sein würde, war ihr das kein Grund, aufzugeben-es gelang ihr, sich innerlich auf die
veränderte Situation einzustellen, und sie verhandelte mit Kolleginnen. Da ist durchaus Angst
gewesen, aber indem-und je mehr sie die Arbeit an ‚ihrem’ Thema ihren Schülern zu widmen
wünschte, desto glaubwürdiger schien sie sich selbst darüber zu ‚vergessen’. Ein Netz von
Menschen entstand um sie herum, die alle ihr Mut machten gegen die Angst, sinnlos und
einsam im Nichtgewollten, Nichtgeahnten, Unbegreiflichen zu landen: Mut, anderen
mitzuteilen-und mit anderen zu teilen, was sie selbst am eigenen Leib über Leben, Sterben und
Tod erlebte. Und sie ist über ihrer fast vollendeten Arbeit-und mitten darin nahezu ‚nebenbei’
eingeschlafen.
Herr A., den ich seit einem halben Jahr begleite, leistet-über mitunter qualvolle Schmerzen und
depressive Einschübe hinweg-etwas ganz ähnliches, indem er in geradezu professioneller Weise
eine sehr persönliche Web-Site gestaltet. Als ich gerufen wurde, ging es ihm allerdings gerade so
schlecht, dass er ernsthaft in Erwägung zog und plante, seiner „sinnlosen Qual“ ein Ende zu
setzen: Seit vielen Jahren in der Wohnung „eingesperrt“ mit Schmerzen trotz medikamentöser
Einstellung-mit immer wieder neuen schweren Infekten-mit immer wieder notwendig
werdenden-und jedes Mal lebensbedrohlichen operativen Eingriffen-und nun neuerdings auch
noch mit eskalierenden Partnerproblemen in Angst, verlassen zu werden. Herr A. wirkte
zermürbt und hoffnungslos-und er war zu jener Zeit auch außerordentlich wütend und böse auf
‚Gott und die Welt’. Es wäre ihm als Krankenpfleger mit einem ‚Berg’ an Medikamenten im
Hause wohl ein leichtes gewesen, sich aus dieser schlimmen Situation durch Selbsttötung
herauszunehmen. Deshalb erschrak ich-konnte aber gleichzeitig realisieren, dass er mir-indem
er mich nicht nur einweihte in seine Todesgedanken, sondern auch konkret fragte und bat, ob
ich ihm helfen könne beim Suizid-die Chance gab, mit ihm zu ringen: „Ich weiß nicht, ob ich
damit leben könnte, jemanden beim Selbstmord geholfen zu haben-ich habe nämlich eine
bestimmte Einstellung dazu-wollen/können Sie die hören?/ Was, wenn doch nun ich hier bin mit
einem aufrichtigen Interesse an ihrem Leben-wollen/können Sie mir nicht weiter davon
erzählen?/ Was, wenn in Kürze ein Medikament auf den Markt käme, das Ihre Situation
zumindest erleichtern würde?/ Was, wenn sich herausstellte, dass Ihre Partnerprobleme lösbar
sind-wir könnten erst einmal schauen?/ Wäre es eine Möglichkeit, Ihre Patientenverfügung
noch einmal neu klar und präzise daraufhin zu formulieren, was Sie im Falle eines erneut
notwendig werdenden Eingriffes wünschen und was für Sie keinesfalls in Frage kommt?...“. In
und um diese Fragen haben wir einzeln und nacheinander gerungen und schwer gearbeitet. Es
tut mir kein Moment davon leid, denn Herr A. lebt; und es geht ihm derzeit so gut, wie es
keiner seiner behandelnden Ärzte für möglich gehalten hat. Der Grundstein für dieses geistige
Arbeiten in personaler Distanz zu sich selbst in der eigenen ausweglos erscheinenden Situation
war gelegt, als Herr A. sich auf folgenden impulsgebenden Gedanken von mir einlassen
konnte: „Was, wenn wir Menschen in unserem Leben bestimmte Aufgaben zu erledigen
haben-und was, wenn unser Versuch, uns diesen Anforderungen zu entziehen, nur bedeutet,
dass wir sie weiter ‚mitschleppen’ in ein weiteres neues Leben, das wir jetzt nur noch nicht
ahnen? Wie tauglich könnte Ihnen in ihrer Situation die Alternative erscheinen, die Menschen
in buddhistischer Weltanschauung für solche Situation sehen und probieren-nämlich in
Mitgefühl und Solidarität mit anderen, die ebenfalls und ähnlich schwer betroffen sind, das
Unabänderliche zu erleiden?“ In diesem Moment ist Herr A. ‚herausgesprungen’ aus der
hoffnungslosen Enge seiner schlimmen Situation! Wir kamen auf seine Web-Site zu sprechen,
die er ja schon seit mehreren Jahren gestaltete-über die es aber vor allen Dingen mit seinem
Lebenspartner in letzter Zeit zu schweren Auseinandersetzungen gekommen war, weil jener
sich durch die Preisgabe allzu intimer Daten verletzt gefühlt hatte; enttäuscht und wütend
hatte Herr A. „alles gelöscht“. Wir sprachen über die besondere Rücksichtnahme, die es
erfordert, in einem so öffentlichen Forum wie dem Internet eben nicht nur über sich selbst,
sondern auch über andere-ohne deren Einverständnis-etwas Persönliches zu offenbaren. Ich
gestand ihm in diesem Zusammenhang auch meine eigene hohe Empfindlichkeit und bat für
mich selbst darum, als seine Hospizbegleiterin an diesem Ort nicht weiter benannt zu
werden-aber ich ermunterte ihn gleichermaßen, die alte Arbeit, die ihm doch immer viel Freude
bereitetet hatte, wieder aufzunehmen: jetzt neu und bewusst in der Absicht, auf diese Weise
Kontakt aufzunehmen zu anderen Menschen in ähnlich schwerer Lage, um sich mit denen zu
solidarisieren und von denen zu lernen. Indem er sich nun seither wieder mitteilt und mit
anderen teilt, wie er es-nicht nur aufgrund seines fundierten krankenpflegerischen Wissens,
sondern auch in geistig sich erhebender Haltung-immer neu und weiter schafft, zu leben, hat er
ein wertvolles ‚wozu’ für sein Leben gewonnen. Seine Zeit ist mit dieser Arbeit erfüllter und
ausgefüllter denn je-ich merke es daran, dass er gegenwärtig nicht mehr so dringend und
angewiesen auf meine Besuche und Anrufe wartet wie zu Beginn unserer Beziehung; und es
entlastet mich.
Überdies stehen wohl auch gute Möglichkeiten der palliativmedizinischen Versorgung zur
Verfügung, die es sich ja zur Aufgabe macht, primär schmerz-und auch angstmildernd zu wirken.
Aber auch hier will ja eine Entscheidung in verantwortlicher Abwägung aller Möglichkeiten und
Grenzen der jeweiligen Situation erst einmal getroffen sein.
Bei Frau S. kam die palliativmedizinische Möglichkeit in für mich unvergesslicher-und
sicherlich besonderer Weise zum Einsatz. Frau S. litt in ihrer letzten Lebensphase an massiven
Angstattacken, die sich für alle, die mit ihr zu tun hatten, nur sehr schwer bzw. gar nicht
abgrenzen ließen von Symptomen ihrer unheilbaren und weit fortgeschrittenen
Lungenerkrankung: schwere Atemnot, Blaufärbung des Gesichtes, Zittern, kalter Schweiß.
Wider besseres Wissen-und eben doch nicht sicher genug-riefen die Angehörigen auf ihr Flehen
hin immer wieder den Notarzt, welcher natürlich in die Klinik überwies, die außer einer Gabe
von Beruhigungsmitteln aber ‚nichts mehr tun’ konnte. Die Situation eskalierte, als die
verschiedenen Krankenhäuser, in denen Frau S. mittlerweile bekannt war, nicht mehr bereit
waren, sie aufzunehmen-und ‚es’ zu Hause alleine nicht mehr ging. In dieser Zeit lernten wir
uns kennen-und ich versuchte zunächst, die Situation dadurch zu stabilisieren, dass wir-die
Tochter, deren Freund, eine Freundin und ich-einen Besucherplan erstellten: Jeden Tag zu
festgelegter Stunde sollte eine Vertrauensperson bei ihr sein. Wir beide beschäftigten uns dann
intensiv mit der Erstellung einer Patientenverfügung-auch dies ist ja ein Stück Halt und Schutz
inmitten aller Angst vor dem nicht gewollten Unbegreiflichen-und wir wurden darüber sehr
vertraut miteinander. Sie vertraute mir vieles aus ihrem Leben an-viele Härten und
Enttäuschungen von Kindheit an, über die sie wohl zum ersten Mal überhaupt zu sprechen
wagte. Einen Menschen, dem in der Schicksalhaftigkeit der Ereignisse Zurückgenommenheit
und Selbstbeherrschung zur zweiten Natur werden musste, derart weinen zu sehen, wie sie es
mitunter tat, berührte mich; es waren sehr aufrichtige Momente. Jedes Mal, wenn ich kam,
brachte ich ihr einen kurzen Text mit-sie sammelte alle bis zum Schluss in einem extra dafür
angeschafften Ordner: „Das lese ich heute abend im Bett, obwohl ich früher gar nicht gelesen
habe-aber es tut gut...“, sagte sie oft; Und manchmal hatte sie auch eine Frage dazu. Aber Frau
S. war eben aufgrund ihrer vielen unaufgearbeiteten schweren Enttäuschungen im Leben auch
eine eigensinnige und wenig kompromissbereite Frau geworden, die allen voran ihrer Tochter,
aber auch den Ärzten und allem Pflegepersonal mit ihrer Sturheit-ja und auch ‚ungerechten’
Wut das Leben schwer machte. Als sich ihre körperlich/seelischen Zusammenbrüche derart
häuften, dass eine stationäre Unterbringung unumgänglich wurde und wir mühsam in jeder
Hinsicht eine Übersiedlung-immerhin in ein Hospiz ‚erarbeitet’ hatten, lief sie mit ihrer
Überlebensstrategie, allen widrigen Umständen blind zu trotzen, zur Höchstform auf: „Hier
wollen ja alle, dass ich sterbe“, meinte sie und strafte das gesamte Personal so gut mit
Verachtung, wie sie mit ihrer Tochter um viele Dinge aus der Vergangenheit stritt. Mich weihte
sie in ihren geheimen Plan ein, das Haus so bald wie möglich wieder zu verlassen, um zu Hause
mit Hilfe einer privat bezahlten Pflegerin „noch einmal von vorn anzufangen“. Ja, das meinte
sie, die vom Tod bereits deutlich gezeichnete Frau, wirklich ernst; und ich sollte ihr dabei
helfen. Ich fasste ihren Wunsch ein Stück weit auch als Resultat unserer Gespräche über
ihr/das Leben auf und glaubte, zu verstehen, was sie meinte. Mich überkam ein großes
Mitgefühl-und es fiel mir also nicht schwer, ihr in einem wohl zweistündigen Ringen mein
aufrichtiges Verstehen rückzumelden und die Situation wenigstens ‚offen’ zu halten: „Im
Moment geht das aber nicht...“. So oft es möglich war, verließen wir mit Rollstuhl und
Sauerstoffgerät das „Gefängnis“, um die Freiheit kleiner Spaziergänge-manchmal sogar einen
Kaffee oder ein Glas Wein zu genießen. Mit Blick auf die wirklich riskante Sauerstoffsituation,
die jeden Moment entgleisen konnte-das wussten wir alle, und die Mitarbeiter des Hospizes
waren im Hintergrund sozusagen bereit-war ich selbst recht angespannt, aber Frau R. konnte
hier draußen in so beeindruckendem Maße entspannter lachen und weinen und reden, dass es
mir das wert war. Als nun diese Art friedlichen Erleidens aber nicht mehr möglich war,
entschied Frau R. eines Tages in einem nahezu gewalttätig anmutendem Kraftakt, ihre
Situation selbst in die Hand zu nehmen: Wenn nun schon sterben-so wollte doch sie den
Zeitpunkt wenigstens bestimmen-nämlich ‚jetzt’: Sie befahl alle Angehörigen auf einen
bestimmten Zeitpunkt zu sich ans Bett, um sich zu verabschieden-und sie verabschiedete sich
wirklich und ernsthaft unter Tränen von jedem einzelnen. Allerdings nicht von mir... So waren
wir nun alleine noch beisammen-die Situation war zum Zerreißen gespannt-und als Frau R. in
ihrem verzweifelten Jammern auch zu hyperventilieren begann, hörte ich mich sie fragen, ob es
ihr denn vielleicht lieber sei, „’den Rest’ nicht mehr so ganz bei Bewusstsein mitzuerleben?“
Das wollte sie. Ein Arzt sprach mit ihr, soviel es ihre Panik noch zuließ-er besprach mit ihr, sie
in einen leichten künstlichen Schlaf zu versetzen und allerdings zwischendurch nachzufragen,
ob es ‚gut’ so sei für sie, damit sie nicht mehr weiter so leiden müsse.
In den zwei Tagen, die
sie noch gelebt hat, wollte Frau S. nicht mehr wach werden. Ihre Tochter und ich haben
abwechselnd an ihrem Bett gesessen. Wir haben den Raum geschmückt, eine Kerze für sie
brennen lassen und ihr Frieden gewünscht auf ihrem Weg.
Es kann auch sein, dass der Sterbende auf seinem Weg einen Moment erfährt, in denen er mit seinem
Sterben einverstanden ist: Mag es an der langen mühsamen Zeit der Erkrankung liegen mit all den
quälenden Schmerzen, oder auch wirklich an einem Gefühl ausreichend gelebten, abgerundeten
Lebens, dass er spürt: Es ist genug-ich will jetzt weiter; ich bin jetzt bereit, zu schauen, was kommen
mag.
Als ich Frau M. kennenlernte, die schon seit längerer Zeit ohne Angehörige und Freunde in
einem Seniorenheim lebte, war sie ‚bereit’, zu sterben. Sie hatte dennoch um den Besuch
gebeten-wie ich glaube, weniger aus Angst vor dem Tod, als um in ‚guter’ Weise Abschied zu
nehmen, was eines zugewandten und gewährenden Gegenübers eben bedarf. Wenn ich es
richtig erfasst habe, war da jene unausgesprochene Bitte: „Ich würde gerne länger leben, doch
ich bin des Kämpfens müde. Bitte, mach mir das nicht zum Vorwurf und verlange nicht von
mir weiterzukämpfen, wenn ich keine Kraft mehr habe. Ich brauche jetzt deinen Segen und
dass du mich und alles, was mit mir geschieht, akzeptierst. Sage mir, dass ich sterben darf... mit
deinen besten Wünschen und allem Mut, den du in diesem Moment aufbringen kannst.“
(Longaker Ch: Die Bedürfnisse von Menschen kurz vor ihrem Tod. In: Longaker Ch 2001,
43ff). Frau M. hat mir ein wenig aus ihrem Leben erzählt-danach, was schön darin gewesen ist,
habe ich sie gefragt-aber die überwiegende Zeit, die ich an ihrem Bett saß, haben wir
geschwiegen und uns ab und zu angelächelt. Als ich zum dritten Mal zu ihr kam, war ihr Blick
in die Höhe gerichtet, wie wenn sie durch alles Gemäuer hindurchschauen könne auf etwas, was
nur ihr allein sich offenbarte. Sie sprach auch zu ihrem Gegenüber-das war nicht für mich
bestimmt. Aber zu mir gewandt deutete sie fortwährend wieder und weiter mit beiden Armen
in jene Richtung-die ausladende Bewegung mit geöffneten Handflächen nach oben muss sie sehr
angestrengt haben. Weil ich ihre Anstrengung zu spüren glaubte, entschied ich mich für den
Abschied und sagte es ihr: „Ich sehe, dass sie auf dem Heimweg sind und wünsche Ihnen von
Herzen eine gute Reise an Ihr Ziel! Wenn ich morgen wieder nach Ihnen schauen werde, sind
Sie vielleicht schon gegangen-ich werde Ihnen dann nochmals eine gute Reise wünschen und
mich freuen, dass Sie weitergehen auf Ihrem Weg.“ Am nächsten Morgen wurde sie mit der
Rose gefunden-so wie ich sie ihr in die Hand gelegt hatte.
2.3.2 Zeit der Nähe und Wärme inmitten der Traurigkeit Im Verlauf des
Sterbeprozesses muss der Mensch, neben großer Angst, auch einen tiefgreifenden Mangel seines
existentiellen Grundbedürfnisses nach Nähe, Wärme und Geborgenheit erleben. Er beginnt
natürlicherweise in stärkster Form zu trauern-und wir sind da, ihn auf diesem ebenso schweren wie
wertvollen Weg zu begleiten. „Grundsätzlich ist die Trauerreaktion eine Fähigkeit, die mit uns
geboren wird. Sofort nach der Geburt tritt sie in Erscheinung als das bekannte Verhalten des
Neugeborenen: Weinen, schreien, protestieren, klagen usw. Diese Fähigkeit bleibt uns erhalten bis zu
unserem Tod. Wenn wir unser tägliches Leben einmal in Ruhe betrachten, so werden wir sehr schnell
entdecken, dass dieses Leben von Anfang an voller Abschiede, Trennungen und Verluste ist. Die erste
schmerzhafte Trennung ist der Verlust des paradiesischen Aufenthaltes im Bauch der Mutter, und die
letzte, vielleicht schwerste, ist die Trennung von der Welt und den Menschen, wenn man stirbt.
Merkwürdigerweise sind also beides, Anfang und Ende, Trauersituationen... aber die Weisheit der
Natur hat gut gesorgt und uns vorprogrammiert, das heißt, mit geeigneten Reaktionen ausgestattet, so
dass wir ein Leben lang fähig sein könnten, Trennungen und Abschiede aller Art, unter allen
möglichen Umständen und Bedingungen mit der entsprechenden Trauerantwort gesund zu
überstehen.“ (Canacakis 1990, 23f) Abschiede-Trennungen und Verluste zu bewältigen, um wieder
neu, anders und besser weiter gehen zu können, ist also eine Frage der geistigen Haltung und inneren
Einstellung. Die Herausforderung lautet: Traurig sein in der Bereitschaft und dem Mut, den
unwiderruflichen Verlust aktiv zu erleiden-und zwar dies einschließlich aller darin anklingenden,
schon früher erlittenen Entbehrungen. Nur solche Art der aktiven mutigen Trauer ermöglicht einen
friedlichen Abschied mit freiem Blick auf neu Mögliches hin. Aktive Trauer ist Arbeit und braucht
genügend Zeit und einen sicheren Raum; und dann einen vertrauenswürdigen Begleiter, der sie
bestätigt und bezeugt und im Zweifelsfall, wenn es schwer wird, mit hält und aushält. Ich weiß, es ist
schwer, wenn ich als Begleiter mein Gegenüber auffordere, im Wechsel der gegensätzlichen
Empfindungen zu schauen auf alles Bedrückende und Unangenehme-und gleichermaßen das Gute
und Schöne auch zu erinnern, das sein Leben erfüllt. Was sich auftut, ist vielleicht viel Wut, Neid,
Verbitterung, Enttäuschung, Scham, Schuld-und aber gleichermaßen auch Gutes, Schönes, Zärtliches,
Gefühl, und vielleicht Reue und Wunsch und Möglichkeit der Wiedergutmachung und des
Verzeihens. Wenn ich den sterbenskranken Menschen danach frage, was ‚schlimm’ war in seinem
Leben-und was auch ‚gut’ und vielleicht ‚das beste’ darin gewesen ist, geschieht dies nicht nur aus
Interesse an seiner Biographie, sondern ich versuche, mit ihm gemeinsam biographisch zu arbeiten im
hoffnungsvollen Gerichtetsein, Frieden zu finden über dem, was das eigene Leben ist und gewesen
ist. Mir persönlich nahe ist A. Längles Beschreibung des Trauerprozesses. Vor dem Hintergrund des
anschaulichen Bildes einer Wunde, die gereinigt sein muss, ehe eine Naht gesetzt-und schließlich
genäht werden kann, betont er die Wesentlichkeit des "Weinens". Ja, das Weinen als Voraussetzung
für ein wahrhaftiges-im Sinne der Trauerbewältigung notwendiges Selbstmitleid, aus dem
Selbstfürsorge erwächst. Mithin kann auf existentiellem Niveau die "Beziehung zum verlorenen Wert
verinnerlicht" werden-und erst dann steht der "Aufnahme weiterer Beziehung zu neuen Werten"
nichts mehr entgegen. (Längle 2002, 13ff). Und wozu Längle Mut macht: "Keine Angst vor der
Trauer haben. Trauern ist ein wunderbarer, intimer Prozess, in welchem das Leben sich wieder
einstellt. Die Trauer als heilsam und wohltuend kennen, als Quell des Lebens, als
wachstumsfördernd." (Längle 2002,17)
Das wertvollste, womit wir als Begleiter dem sterbenskranken Menschen in seiner Trauer und
Verzweiflung helfen können, ist, wie ich meine, dass wir ihm Zeiten der Nähe und Wärme schenken,
in denen er sein gelebtes Leben noch einmal abwägend überdenken-und vom Unerledigten darin
vielleicht sogar noch etwas erledigen kann, damit ein Abschied in Gelassenheit möglich wird. In
dieser Zeit wird er wohl weinen und sich zunächst einmal erkennen in seiner ganzen Ärmlichkeit-aber
dies nur, um sich auf sich selbst zu besinnen, und auf sein gelebtes Leben, und darauf, was ihm
vielleicht noch möglich ist, zu vollenden. Die situativen und persönlichen Möglichkeiten, in dieser
Weise abschiedlich das eigene Lebenswerk zu betrachten, sind im Einzelfall sehr unterschiedlich. Ich
weiß von Menschen, die es sich sehr wünschen, aller schwerer Abschied möge ihnen etwa durch
einen unerwarteten Herztod erspart bleiben, aber andere bezeugen auch in beeindruckender Weise,
welch eine Chance besteht, das eigene Leben bis zum letzten Augenblick zu erfüllen-und gar noch in
der letzten Lebensphase ein sinnerfülltes Leben in Mitgefühl für andere und alle
Menschen zu verwirklichen.
In einer der Phasen, in der Herr A. gedanklich sehr konkret die Möglichkeit eines Suizides
erwog, intervenierte ich sehr direkt und konkret in Hinblick auf die momentan bestehende
Irritation in seiner Partnerschaft: Wollte er wirklich sterben, ohne zumindest versucht zu
haben, hier eine Klärung zu erreichen? Nein, „so ungeklärt und unversucht“ wollte er seine
Partnerschaft „eigentlich nicht“ lassen. Und mittlerweile-und derzeit ist alles unbegründete
Misstrauen und alle Wut, die herausgearbeitet und besprochen wurde, wie verflogen; und er
ist in sogar sehr hohem Maße um das Wohl seines Partners besorgt.
Es ist aber auch eine wichtige Information für alle vom Sterbeprozess betroffenen Menschen, dass
depressive Verstimmungen bei lebensbedrohlichen Erkrankungen auch körperlich bedingt sein
können-nämlich als Auswirkung von Chemotherapie, Bestrahlung, Operation, mangelnder Bewegung
und Mangelernährung. Dieses körperlich bedingte Erschöpfungssyndrom ist in der Medizin unter dem
Namen Fatigue bekannt. In solchen Momenten steht für die Patienten weniger die im Angesicht des
Todes notwendige Haltungsänderung im Vordergrund, als dass es gilt, einen schöpferischen Umgang
mit dem körperlichen Unwohlsein zu finden. Sie sollten Nahrungsergänzung, Bewegungsangebote
und psychotherapeutische Unterstützung erhalten.
Frau S., die es sich von Kindesbeinen an zur Gewohnheit gemacht hatte, keine Schwäche zu
zeigen-und bisher mit Erfolg stark geblieben war in jeder ihrer Partnerschaften und im
selbstständigen Beruf, zeigte sich, als ich sie kennenlernte, ratlos und sehr verzweifelt über ihre
plötzlich andauernde Müdigkeit und Lustlosigkeit und dass sie „gar nicht mehr in die Gänge“
kam. Wohl sah ich gleich bei meinem ersten Besuch Anzeichen schwerer unbewältigter
Trauer-etwa in der Art, wie sie müde abwinkte bei der Frage nach Partnerschaft, oder wie sie
peinlich berührt und fadenscheinig die Hundertschaft von leeren Weinflaschen auf dem Balkon
zu erklären versuchte, aber ich spürte in der Art, wie sie mich empfing und bewirtete, zunächst
auch deutlich ihr Signal: ‚Zwing mich nicht, mich schwach zu zeigen!’ Deshalb erzählte ich ihr
zunächst vom Erschöpfungssyndrom Fatigue, das für ihre Krankheitssituation sicherlich auch
zutreffend war-und wir sahen uns gemeinsam den Patienteninformationsfilm ‚Wendepunkt
Krebs-anders leben mit Fatigue’ an (Hrsg. Ortho Biotech. Division of Jansson-Cilag Gmbh). Ich
halte diesen Film in seiner sensibel informativen Art, wie er nicht nur Ärzte, sondern auch
betroffene Patienten zu Wort kommen lässt, für sehr geeignet. Und Frau S. zeigte sich auch
wirklich berührt-sie konnte da heraus beginnen, über alle Schwere und die Schwierigkeiten
ihres Lebens zu sprechen.
2.3.3 Sterben in Würde Im Verlauf der inneren Verarbeitung von lebensbedrohlicher
Erkrankung und Behinderung sind Gefühle der Aggression und Wut so gut ein gewissermaßen
gesundes Durchgangsgefühl wie Angst oder Depression. „... Zorn, Groll, Wut, Neid. Dahinter steht
die Frage: ‚Warum denn gerade ich?’... Wir müssen lernen, unserem Patienten zuzuhören und
manchmal auch unbegründeten Ärger hinzunehmen, weil wir wissen, dass es ihn erleichtert, den Groll
einmal auszusprechen, dass es ihm hilft, die letzten Stunden seines Lebens gelassener hinzunehmen.“
(Kübler-Ross 1973, 26ff) . Die anhaltend starken Schmerzen-die Angewiesenheit auf fremde
Hilfe-das Reduziertsein auf Wohnung, Krankenzimmer oder Bett-das Sichanfassenlassenmüssen von
Menschen, denen man es in gesundem Zustand nicht zugestanden hätte oder der Gedanke an all die
verpassten Möglichkeiten-das macht wütend; und die Wut mag ja immerhin eine Art von Energie zu
erzeugen, wo kein Leben mehr zu sein scheint. Als Begleiter werte ich den Zorn, den der Betroffene
zeigt, als verständlichen Ausdruck seines in Frage gestellten Lebenswillens, aber ich bin es ihm-wie
schlimm auch immer die Situation eben gerade ist-gleichermaßen schuldig, ihn in der Weise als
eigenständige Person ernst zu nehmen, dass ich ihn nicht vollständig aus seiner Selbstverantwortung
für die Gestaltung seiner gelingenden Beziehung zur Welt entlasse. Es wäre falsches rührseliges
Mitleiden, das ihn in seiner personalen Möglichkeit unterschätzte und degradierte, würde ich ihm die
Frage nicht zumuten, ob er weiß, wie er mich/andere verletzt-und warum eigentlich er ‚so’ mit
mir/mit den anderen umgeht. Wenn die Situation es erlaubt, schlage ich ihm des weiteren vor, sich in
seiner Wut leiblich zu spüren-in der ihr entsprechenden körperlichen Befindlichkeit mit schnellem,
flachen und unregelmäßigem Herzschlag und Atem-in den ihr entsprechenden düsteren Gedanken und
Gefühlen und in der Versuchung, gegen andere loszuschlagen und ihnen zu schaden. Und wenn er
wahrzunehmen vermag, dass der Zorn wohl da ist als ein Stück Leben, aber sich ihm hinzugeben
wiederum auch wenig Gutes bringt, suchen wir nach einer neuen Art des Umgangs damit. Man
könnte sich in seinem starken Gefühl sehr ernst nehmen, aber gleichermaßen es mit
fürsorglich-kritischem Blick beobachten-wie man es macht bei einem kleinen Kind vielleicht. Man
könnte sich fragen, was für ein ernstzunehmendes Bedürfnis sich dahinter verbirgt. Und man könnte
am Ende sich fragen: Was also will und kann denn ich selbst hier und jetzt in dieser Situation noch
tun?
Frau H. war unwiderruflich an Darmkrebs erkrankt-und die Metastasen am Rückenmark
waren, wie es bekannt ist, schmerztherapeutisch nur sehr schwer zu behandeln. Sie litt also
große Schmerzen-und musste über zwei lange Jahre hinweg zwischenzeitlich immer wieder neu
mit allen Kunstgriffen der Anästhesie so stark sediert werden, dass sie auf Zeit kaum mehr
ansprechbar war. Ich habe sie nie anders erlebt-und ich vermute, es ist während ihrer gesamten
Ehe nie anders gewesen-als dass sie ihren Mann für sich sprechen-und in all ihren persönlichen
Angelegenheiten auch entscheiden ließ. Wir alle um sie herum hatten gemeinsam denselben
Eindruck, dass er in seinem großen Misstrauen gegenüber allen Fremden, das wohl zu seiner
Persönlichkeit gehörte, sehr darauf bedacht war, uns nicht mit ihr alleine zu lassen. Und wenn
es doch einmal gelang, ohne ihn mit ihr im Raum zu sein, blieb sie dabei, ihm alle wesentliche
Entscheidung zu überlassen-hielt gewissermaßen zu ihm in seiner mitunter grob unhöflichen
und jähzornigen Art und gestand mir nur ein einziges Mal und wie nebenbei, dass es ihr Sorge
bereite, ihn ‚einfach so’ allein zurück zu lassen. Aber ich war hellhörig: Wir alle erlebten ja
Herrn H. in seinem jugendlich-pubertär wirkenden Beleidigt-und Wütend-Sein; und wir alle
bekamen es ja zu spüren: Er war zornig und böse, dass ihm „mit der Liebe seines Lebens“ nach
seiner Pensionierung „nur noch drei kurze Jahre“ gegönnt sein sollten; er fand es „ungerecht“.
Und so schimpfte er am Bett seiner schwerstkranken Frau über ihren Kopf hinweg laut und
kindlich auf Gott-erklärte jeden Arzt für unfähig, der seiner Frau keine Aussicht auf Heilung
prognostizierte-beleidigte alle Pflegekräfte und bemäkelte jeden ihrer Handgriffe, ohne dabei
wenigstens in der Lautstärke auf ‚die Liebe seines Lebens’ Rücksicht zu nehmen. Es war
faszinierend zu beobachten, wie gewohnt er es war-und wie es ihm auch jetzt gelang, von
niemandem Einhalt geboten zu bekommen, weil alle versuchten, mit ‚Rücksicht auf seine arme
Frau’ freundlich zu bleiben. Aber diese Rücksicht nutzte ihr ja nicht, sondern sie schien
vielmehr ihr vergleichsweise langes und qualvolles Siechtum, welches auch die Ärzte ratlos
machte, sinnlos zu verlängern. Es lag auf der Hand, dass Frau H. umso weniger sich einlassen
mochte und konnte auf ihr Sterben, als da jener zornige kleine Junge war, der wütend mit dem
Fuß aufstampfte und schrie: ‚Nein! Du gehst noch nicht! Du bleibst noch hier!’ Bei der
nächsten sich bietenden Gelegenheit setzte ich sozusagen alles auf eine Karte und konfrontierte
ihn in ihrer Gegenwart. Es war am Hochzeitstag beider, als ich zur Tür hereintrat mit den
Blumen, die ich in seinem Auftrag besorgt hatte, und er demonstrativ den Fernseher
einschaltete und auf den Bildschirm starrte, um mich absichtlich nicht zu begrüßen. Da sagte
ich ihm, dass ich seine Enttäuschung, Trauer und Wut gerade an einem Tag wie diesem wohl
erahnen könne, dass ich aber gewissermaßen stellvertretend für alle anderen und seine Frau
nicht länger bereit sei, seine unbeherrschten Gefühle sinnlos auszuhalten. Ich teilte ihm mit,
dass ich mich bis auf weiteres verabschieden werde, um auf seinen eventuellen Anruf zu warten,
in dem er mir seinen neuen Entschluss mitteilt, mit uns allen gemeinsam in reifer Weise
Verantwortung zu übernehmen für die schwere Situation-und zu Gunsten seiner Frau. Am
selben Abend rief Herr H. mich an-und wir konnten von da an besser gemeinsam überlegen
und kooperieren. Frau H. ist zwei Wochen darauf verstorben. Herr H. war bei ihr, fasste ihre
Hand ohne festzuhalten-und zum ersten Mal habe ich ihn weinen sehn.
Natürlich-im Umgang mit lebensbedrohlich erkrankten und sterbenden Menschen sind wir selbst als
Begleiter und Angehörige angefragt in unserer wertschätzenden Haltung gegenüber einem
Menschen, der dieses eine letzte Mal herausgefordert ist, Abschied zu nehmen. Er will ja auch jetzt
in dieser Situation nicht anders als sonst im Leben wieder und weiter Achtung und Respekt erfahren
dürfen: „Ich möchte, dass du mich als vollwertigen Menschen betrachtest und mich nicht auf eine
Krankheit oder eine Tragödie reduzierst. Man muss mich nicht mit Vorsicht behandeln, als wäre ich
aus Glas. Betrachte mich nicht mit Bedauern, sondern mit all deiner Liebe und deinem Mitgefühl.
Auch wenn ich den Tod vor Augen haben mag – noch bin ich lebendig. Ich möchte, dass man mich
wie einen lebendigen Menschen behandelt und mich am Leben teilhaben lässt. Denke nicht, dass du
nicht völlig offen zu mir sein kannst. Sag mir ruhig, wenn ich dir das Leben schwer mache oder
wenn du Angst hast oder traurig bist.“ ( Longaker Ch: Die Bedürfnisse eines Sterbenden. In:
Christine Longaker 2001, 43) ) Es ist leicht verständlich und auch anrührend zu erleben, wie nahe
Angehörige sterbenskranker Menschen geneigt sind, sich in deren Versorgung und Pflege bis an die
Grenze ihrer Belastungsfähigkeit zu bemühen. Aber es ist ‚zu viel’ und bedarf der Intervention, wenn
sie dabei ihn selbst unmerklich übersehen und überhören in dem, was er selber jetzt spürt, wünscht
und braucht. Vielleicht ist er schon viel mehr als sie für sich selbst zu erfassen und zu verkraften
vermögen dabei, sich einzufügen in das, was er unwiderruflich muss-und so machen sie es ihm sehr
schwer. Wenn man als Begleiter in eine solche Situation hineinkommt, merkt man es daran, dass
man auf ‚zwei Hochzeiten’ tanzt: Der Sterbende selbst ist still in sich, und man gönnt ihm spontan
mitfühlende und friedliche Nähe in seiner leisen Arbeit des Loslassens. Sein Angehöriger aber, der
verlangt viel mehr und lauter als er selbst nach Halt und Schutz und Hilfe in der Situation des
drohenden Verlustes. Er ist, wie Herr H. im oben geschilderten Beispiel (vgl. Kap. 2.2.3 ), gefangen
in seinem eigenen Schmerz und hält den anderen sinnlos fest und zieht und zerrt an ihm, der doch
längst von anderswoher abgezogen wird; und er meint, er tut das aus Liebe. Eine Auflösung finde ich
in dem Versuch, den/die Angehörigen mit hineinzunehmen in meine Art und Haltung dem
Sterbenden gegenüber-in dem Versuch also, dass wir gemeinsam uns Mühe geben, ihn ‚gehen zu
lassen’, weil er doch ‚gehen muss’ und wir es ihm also nicht ‚schwerer ’ machen sollten, als es ist..
Was darüber hinaus nicht möglich ist, liegt im symbiotischen Bindungsverhalten des Paares
begründet-und nicht mehr in meiner Hand. Ich gehe dann davon aus, dass die beiden einander seit
langer Zeit schon so kennen und gewohnt sind und verstehen: der Tod ist für sie mehr eine
gewaltsame Trennung ohne Abschied; und eine Deutung steht mir weiters nicht zu.
Herr R. erlitt seinen schnell wachsenden Hirntumor mit rasch zunehmender geistiger
Eintrübung in berührender Ergebenheit und Stille. Da seine zunehmende geistige Verwirrtheit
der ununterbrochenen Beaufsichtigung bedurfte, war er in einem Pflegeheim untergebracht.
Seine Frau pflegte ihn hier über alle Maßen aufopferungsvoll-bei genauem Hinsehen jedoch
sprach sie nicht nur dem gesamten Pflegepersonal die Kompetenz ab, es vielleicht wenigstens
einigermaßen auch zu können, sondern sie fragte nicht einmal ihn selbst, was er brauchte und
wollte-sie wusste es ohne ihn besser. Die Art, wie sie ihn aus dem Tiefschlaf weckte-kämmte,
säuberte, windelte, „fütterte“ oder verlagerte, wirkte unmotiviert unvermittelt grob und
unsensibel. Es dauerte lange, ehe Frau R. mir so viel Vertrauen schenken konnte, dass ich sie
wenigstens für kurze Zeit einmal am Bett ihres Mannes ablösen durfte. Und es dauerte noch
länger, ehe sie sich darauf einlassen konnte, wenigstens für kurze Zeit einmal mit mir das
Krankenzimmer zu verlassen, um unter vier Augen miteinander zu sprechen. Letzteres
erschien mir allerdings besonders notwendig, weil ich sah, wie es Herrn R. belastete, dass seine
Frau zu klagen und zu jammern begann über ihr Schicksal und ihre unabsehbare Zukunft ohne
ihn, sobald ich nur zur Tür hereintrat: Herr R. verdrehte dann die Augen, um sie in
resigniertem Aufstöhnen zu verschließen, verspannte sich am gesamten Körper-und manchmal
sagte er auch etwas in der Art: „Jetzt geht das wieder los...!“ Ich erlebte Frau R. auffällig
anspruchsvoll in der Haltung: Ja aber das kann doch einfach gar nicht sein...! Es war nicht nur
ihre laute Stimme, in der sie ihre verletzten Gefühle zum Ausdruck brachte, sondern vor allen
Dingen auch der für die Situation unverhältnismäßig hohe Anspruch auf persönliche
Zuwendung, der auf mich übertrieben wirkte-ja mich ärgerlich machte. Und es war eben ihr
Zorn, der sich von ihr unbemerkt auf mich übertrug. „Wir müssen es gemeinsam schaffen, es
ihm nicht unnötig schwer zu machen, weil er ja nicht freiwillig geht, sondern gehen muss..., und
dann danach gemeinsam sehen-bzw. vornehmlich außerhalb des Zimmers gemeinsam schauen,
wie Sie später alleine zurechtkommen werden können. Schritt für Schritt!“das sagte ich ihr.
Ja, Schritt für Schritt gemeinsam-das wurde unser Motto, das ich ihr anbot, und mit dem ich sie
so gut es eben möglich war, in der akuten Situation zu halten versuchte. Ich ‚verlangte’ also von
ihr, ihre außerordentlich starken-auf mich deutlich histrionisch gefärbt wirkenden Gefühle
für den Moment so gut es ging aus dem Krankenzimmer herauszuhalten-und es gelang ihr, sich
darauf einlassen, weil ich ihr offenbar glaubwürdig gleichzeitig meine Hilfe für jetzt und später
zusagte. Im entscheidenden Moment des Todes verließ Frau R. fluchtartig den Raum; und es
war in Ordnung so-wie ich vermute, auch für ihren Mann. Wir hatten in seiner Gegenwart
abgesprochen, dass sie es gegebenenfalls so tun würde, und er hatte genickt; und ihr genügte es,
mich noch bei ihm-und ihn also nicht allein zu wissen. Ich habe Frau R., wie zugesagt, noch eine
lange Zeit in ihrer Trauer weiter begleitet, die wohl vor dem Hintergrund einer schon
bestehenden histrionischen Grundbefindlichkeit sich in der Verarbeitungsphase des Leugnens
und des Zornes verfangen musste. Indem ich mich ihr alleine zuwenden konnte, konnten wir
herausarbeiten, dass sie seit ihrer Kindheit auch an panikartigen Angstzuständen litt, die seit
jeher behandlungsbedürftig gewesen wären. Ihr Mann hatte sie scheinbar die gesamte Ehe
hindurch darin gehalten. Es muss sehr schwer gewesen sein für beide. Ich empfahl Frau R. über
unsere Gespräche hinaus eine ärztliche Psychotherapie.
Herr A., dem in seiner Situation genügend Zeit-und aber auch persönliche Möglichkeit zur
Verfügung steht, sorgt für den Erhalt seiner Würde bis zum letzten Moment in ungewöhnlich
starkem Maße selbstverantwortlich vor: Nicht nur ist er mit einem außerordentlich gesunden
Selbstbewusstsein ausgestattet, welches ihm gestattet, allem Pflegepersonal gegenüber
deutlich-mitunter sogar eher ein wenig zu forsch seine Bedürfnisse zu vertreten, sondern er hat
auch bei allem Vorbehalt vorgeplant, wer im letzten Augenblick bei ihm sein möge, wie die
Trauerfeier ablaufen soll-und sogar eine Grabstelle gibt es schon. Es ist sein Naturell, aber auch
eine mich persönlich jedenfalls sehr berührende Art von Tapferkeit, die er zunehmend
‚erlernt’, dass wir alle um ihn herum eigentlich gar nicht erst uns bemühen müssen, ihn in
seiner tatsächlich beeindruckenden Einzigartigkeit und Einmaligkeit zu achten. Ich habe genug
Wissen, um ihn aus vollem Herzen und mit guten Wünschen gehen zu lassen, wenn es einmal so
weit ist, aber mein Herz wird auch aufrichtig schwer sein über den Verlust. Wir lernen ja so
viel mit-und aneinander.
Der zweckrationalisierte Klinik-bzw. Altenpflegeheimalltag ist bekanntermaßen in besonderer Weise
geeignet, sterbenskranke Menschen in ihrer Würde zu übersehen. Sie sind zu leise, ihre Hand zu
heben und zu rufen: Halt! Habt ihr mich wohl vergessen? Kann jemand mir etwas zu trinken bringen?
Kann jemand mir-und sei es: noch einmal-erklären, wie es um mich steht? Könnt ihr aufhören, meine
Angelegenheiten über mich hinweg zu entscheiden? Könnt ihr mit mir reden? Kann für einen Moment
einer bei mir sitzen und vielleicht meine Hand halten in meiner Angst? Hier bedürfen die Kranken
unserer praktischen Unterstützung-dass wir bzw. die Angehörigen möglichst häufig bei ihnen sind
und mit ihnen sprechen, um gegebenenfalls für sie einzutreten und zu vermitteln. Und die Erstellung
einer Patientenverfügung, in der vorsorglich Art und Umfang der im Ernstfall erwünschten
ärztlich-medizinischen bzw. pflegerisch-seelsorgerlichen Behandlung und Betreuung dargelegt
werden kann, dient ja ganz ausdrücklich der Wahrung persönlicher Autonomie und Würde in der
letzten Lebensphase. Wir können dabei helfen, das Thema Krankheit und Sterben-persönliche
Erfahrungen mit schwerer lebensbedrohlicher Erkrankung, Sterben und Tod-persönliche
ethisch/moralische Grundsätze zu Sterben und Tod-persönliche Vorstellungen zum eigenen Sterben
im eigenen Bewusstsein beizeiten zuzulassen, um so auch die letzte Lebensphase weniger
unvorbereitet und vielmehr frei und selbstverantwortlich sinnvoll gestalten zu können.
Als Herr A. in der ersten Phase unserer Begegnung in äußerster Erschöpfung und
Hoffnungslosigkeit angesichts seiner langandauernden schweren und sehr komplexen
Erkrankung Suizid in Erwägung zog, gehörte zu den sichernden Maßnahmen, die wir
gemeinsam vollzogen, auch eine Neu-und Umformulierung seiner Patientenverfügung, die er
Jahre zuvor schon einmal erstellt hatte. Es war ein sehr existentieller Moment in dem wir es
taten-es war im Krankenhausflur, unmittelbar vor einem kleinen, eigentlich harmlosen
operativen Eingriff, der für ihn in seiner schlechten Allgemeinverfassung aber durchaus riskant
war. Her A. hatte nämlich in den Tagen zuvor bei genauem Hinhören zwei Gefühle zum
Ausdruck gebracht: „Es ist mir egal, wenn ich nicht mehr aufwache-ich will ja gar nicht
mehr...“; und: „Die sollen mich ‚anständig’ behandeln!“ Und so hatte ich von der Gelegenheit
Gebrauch gemacht, die er mir gegeben hatte, ‚unser’ Augenmerk in dieser Situation auf die
seine Persönlichkeit deutlich kennzeichnende hohe Verletzbarkeit im Anspruch auf Achtung
und Respekt zu legen; und ich hatte ihn bestärkt in seinem Recht und seiner Möglichkeit,
seine Behandlungsund Betreuungsansprüche noch einmal neu-und auch präziser als bisher zu
formulieren. In dieser Weise zur Lebendigkeit herausgefordert, fand er nun buchstäblich im
letzten Moment tatsächlich wieder ein Stück weit mehr in sein ‚Wollen’-und vielleicht kann
man auch sagen, er erinnerte sich seiner Würde.
Es mag auch sein, dass ein Mensch von seinen persönlichen und situativen Möglichkeiten her gar
nicht in der Lage ist, sich in seinem Sterben-in welcher Weise auch immer emotional zu positionieren.
Er scheint in den oben geschilderten phasischen Verlauf der Krisenverarbeitung (vgl. Kap. 2.3)-sei es
nun erschüttert, wütend, verhandelnd oder eben auch traurig-resigniert zum Suizid bereit, überhaupt
nicht einzutreten, wie als ob er selbst damit nichts zu tun hätte. Er scheint einfach zu verkümmern.
Wenn Angehörige oder Pflegekräfte in solchen Umständen um Hilfe rufen, spüre ich die
Herausforderung, in Achtung und Respekt vor dem Leben selbst neben dem anderen herzugehen, um
ihm-wie immer seine Hintergründe sein mögen-ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Einmal habe
ich in einem solchen Fall ganz besonderes erlebt:
Der Lebenspartner einer Frau mit ‚austherapiertem’ schnell wachsendem Hirntumor ruft um
Hilfe-mit dieser Information ging ich in die erste Begegnung mit Frau E. Die Situation, in die
ich geriet, als ich die Wohnung betrat, war so erschreckend wie unwürdig: Frau E., in ihrer
Zierlichkeit sehr abgemagert und ausgesprochen ungepflegt, saß zusammengekrümmt in einem
Sessel und reagierte auf meine Begrüßung ohne aufzublicken mit einer knappen Andeutung von
Bejahung. Gleichzeitig steigerte sich ein unhöflicher, ebenfalls sehr ungepflegter Mann in einen
unbeherrschten Zornesausbruch bei dem Versuch, mir zu erklären, dass er „mit der Frau
fertig“ sei. Er sei nicht und unter keinen Umständen weiter bereit, sie in seiner Wohnung leben
zu lassen. Nichts ginge mehr. Er habe sie nie leiden können-sie müsse „raus“. Dass es sich nicht
um eine reine Überlastungsreaktion durch die damals bereits bestehende
Versorgungsbedürftigkeit von Frau E. handelte-sie zeigte phasenweise schon leichte
Verwirrtheitszustände-war schnell geklärt: Dieser Mann schrie es mir ins Gesicht: er wollte
und werde seine Lebenspartnerin niemals wieder sehen. Glücklicherweise gelang es mir,
innerhalb kürzester Zeit für Frau E. einen Platz in einer Sozialstation mit Hospizcharakter zu
organisieren. In der ersten Zeit war sie sehr unruhig und fühlte sich eingesperrt-und so wie es
noch möglich war, verließen wir das Haus, um in naher Umgebung kleine Einkäufe für ihren
persönlichen Bedarf zu machen, oder vielleicht ein Eis zu essen. Für diese kleinen ‚Ausflüge’-sie
waren aufgrund der zunehmenden hirnorganisch bedingten Gleichgewichtsproblematik nicht
eben mühelos, aber wir konnten mitunter tatsächlich darüber lachen-war mir Frau E. sehr
dankbar-und sie wurde sehr anhänglich und begann, sich zu öffnen. In der darauf folgenden
Zeit erzählte sie mir, wie es ihr eben jeweils gerade möglich war, aus ihrem ruhe-und rastlosen
Leben voller Härten und Enttäuschungen. Es gab da zwei geschiedene Ehemänner, mehrere
Lebenspartner und zwei Töchter-und auffällig darin und dabei: keiner von denen wollte mehr
etwas mit ihr zu tun haben. Sie vermochte nicht zu sagen, warum-sie wusste es nicht; und ich
kann meinen Eindruck nur als solchen stehen lassen, dass sie es in ihrem Leben niemals
bewältigt hat, ihre sozialen Beziehungen in vernünftiger und guter Weise zu gestalten. „Ich war
immer auf der Flucht“, hat sie einmal gesagt, aber das zu reflektieren, blieb uns weder Zeit,
noch Möglichkeit. Natürlich versuchte ich, Kontakt zu ihren jugendlichen Töchtern zu
vermitteln-sie wollte es am Schluss, wollte sich verabschieden-aber jene hatten sich längst aus
der Not heraus von ihrer Mutter losgesagt und fanden keine Kraft, sie in ihrem elenden
Zustand noch einmal wiederzusehen. Was ich von den Töchtern zu verstehen glaubte, ist sehr
traurig-und es ließe sich vielleicht so andeuten: Wir können uns nicht von ihr verabschieden,
denn sie hat uns nie begrüßt. Und all die Männer ihres Lebens, die galten eh nicht mehr. Und so
waren wir beide also allein miteinander gegen Ende ihres Lebens. Manchmal erzählte sie ein
bisschen-und immer öfter schwiegen wir. Ich brachte ihr eine bestimmte ruhige und klare
Flötenmusik mit, die sie auch in meiner Abwesenheit täglich hörte. Ihre Todesstunde war
aufgrund körperlicher Anzeichen absehbar, sodass wir in der bekannten Flötenmusik
schweigend beisammen sein konnten, als es soweit war. Was sich im Moment von Frau E.s Tod
ereignete, gehört in den Bereich des Unaussprechlichen-ich will davon nur sagen: Im Moment
des Todes entspannte sich ihr verlebtes und gequältes Gesicht in einen ungekannt friedlichen
Ausdruck und-es erstrahlte. Ich war sehr berührt und blieb noch lange sitzen. Vielleicht hat
Frau E. über allem nicht zu Ende Gebrachten eine Art des Friedens gefunden.
3. Falldarstellungen
Begleiten hat eine viel tiefere Bedeutung und bezieht sich auf das Wohl und Wehe des ganzen
Menschen. Begleitung umfasst alle Versuche, dem anderen als Menschen nahe zu sein, dessen
eigene Möglichkeiten zu wecken und zu verstärken. Begleitung bedeutet nicht, die Probleme für
den anderen zu lösen und seine Last für ihn zu tragen, sondern ihn so zu unterstützen, dass er
sein eigenes Leben und seinen eigenen Tod sterben kann
Paul Sporken
Frau K.
Frau K. war unwiderruflich an Gebärmutterhalskrebs erkrankt-und es befanden sich Metastasen im
gesamten Unterleib. Ihre Begleitung fand zunächst bei ihr zu Hausezwischenzeitlich im
Krankenhaus-und in den letzten Lebenstagen in einem Hospiz statt; sie dauerte ein knappes Jahr. Frau
K. war 82 Jahre alt. Sie war eine sehr gepflegte Frau, die auch krank und bettlägerig viel Wert auf ihre
äußere Erscheinung legte-und der man tatsächlich ihr Alter nicht ansah. Beeindruckend war bis zum
letzten Augenblick ihre geistige Präsenz-und wie sie ihre Krankheitssituation jederzeit
selbstverantwortlich in der Hand behielt. Aus vielen Gesprächen mit ihr ging hervor, dass sie in ihrer
Ehe nicht glücklich gewesen war, weil der Ehemann ihr von der Hochzeit an nicht treu gewesen war.
Als ihr Mann gut 20 Jahre vor ihr starb, begann sie an anderem Ort noch einmal neu und besser allein
zu leben. Der Tod ihres 17-jährigen Enkels-und der Tod eines ihrer Söhne wenige Jahre später, lag
jedoch bis zum Ende wie ein Schatten über ihr. Und diese beiden Menschen waren es auch-neben
ihrer Mutter, die es ihr in der Todesstunde ermöglichten, sich mit jener berührenden Geste der
verzweifelten Entschiedenheit in das Unvermeidliche und bis eben dahin Nichtgewollte zu fügen.
Denn das war Inhalt und Essenz ihrer Begleitung: Sie fühlte und fand sich zu jung zum Sterben. Sie
wollte es nicht, und sie vermochte es nicht einsehen, als es soweit war-fand es „ungerecht“. „Warum
gerade ich...?“, so hat sie immer gefragt-und dann aber in personaler Entschiedenheit bejahend über
sich und ihr Leben hinausgeblickt auf die geliebten Menschen hin, die es schon vor ihr ‚geschafft’
hatten...
Frau S
Frau S. litt an einem inoperablen Lungenkarzinom mit Metastasen. Mehrmals musste wegen akuter
Atemnot notfallmäßig interveniert werden und eine Einweisung ins Krankenhaus erfolgen. Neben
Schmerzen in der Brust klagte Frau S. im Sinne des Fatigue-Syndroms über tiefe Erschöpfung,
Kraftlosigkeit und Müdigkeit. Ihre Begleitung fand bei ihr zu Hause, in verschiedenen Kliniken-und
für die letzten Lebenswochen in einem Hospiz statt; sie erstreckte sich über etwa Jahr. Frau S. war 56
Jahre alt-Friseurmeisterin in Selbstständigkeit-zweimal geschieden mit einer Tochter und einer
Enkeltochter. Durch die Erkrankung hindurch wirkte eine stattliche Erscheinung, die eine gewisse
Autorität ausstrahlte. Äußerlich jedoch erschien sie in gewissem Maße vernachlässigt; und neben der
Erkrankung sah man ihr einen übermäßigen Alkohol-und Nikotinkonsum an. Sie benötigte permanent
Sauerstoff, rauchte und trank dabei aber gleichzeitig weiter. Selbst in den letzten Lebenstagen im
Hospiz-als sie geistig schon nicht mehr vollständig präsent war, verlangte sie nach ‚ihrer Zigarette’,
und wir sahen keinen Sinn darin, diese ihr zu verwehren, weil sie sich darüber unverhältnismäßig
erregt hätte; wir halfen ihr beim Rauchen.
Im Gespräch mit Frau S. hatte ich den Eindruck, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der es sich
zur Aufgabe macht, stärker zu sein als das Leben mit all seinen Härten und Enttäuschungen. Sie tat es
um den Preis, dafür im zwischenmenschlichen Umgang als durchaus schwierig zu gelten-sie wusste
es und nahm es in Kauf; und ich befand sie dafür als tapfer und fühlte mich ihr nah. Nun aber in
‚unserer Situation’ war es schwierig damit: Wir haben gemeinsam häufiger für einzelne Momente
ihrem Tod konkret ins Auge blicken können, aber darin verweilen wollte und konnte sie nicht-das war
ihr dann in all ihrer immer schwerer werdenden Atemnot und in all dem enttäuschten Lebensgefühl
des Eingesperrt-und Gehindertseins einfach zu viel und zu schwer. Immer wieder geriet sie darüber in
eine Art des Verhandelns, in dem sie die Bedingungen-und da eben letztendlich den Zeitpunkt-selbst
zu bestimmen suchte. Am Ende hat sie sich über gut ärztlich-medizinisch überwachte Versorgung
helfen lassen können in der existentiellen Angst, ohnmächtig und hilflos im Nichts zu versinken.
Herr A
Herr A. ist 39 Jahre alt-von Beruf Krankenpfleger und seit 7 Jahren mit einem Mann verheiratet. Er
ist ein körperbetonter Mensch-gern verweist er auf Fotos von früher, auf denen er mit gut
durchtrainiertem muskulösen Körper zu sehen ist; Und trotz seiner extremen Abgemagertheit wirkt er
noch erstaunlich ansehnlich und sehr gepflegt. Seit 9 Jahren ist er an Darmkrebs (mit künstlichem
Darmausgang)-und seit 17 Jahren an Aids (jetzt im sogenannten „Vollbild“) erkrankt. Im
Zusammenhang mit diesen beiden Erkrankungen hat er schon vielmals gegen alle ärztliche Prognose
lebensgefährliche Operationen und Infektionen überlebt. Vor etwa einem Jahr war seine
Gesamtsituation derart ‚aussichtslos, dass er in ein Hospiz aufgenommen wurde-und aber da sich
wieder erholte; es war für ihn und seinen Lebenspartner ein traumatisches Erlebnis. Kurz darauf
wurde ich gerufen wegen der seelischen Krise, in der er sich verständlicherweise befand. . Ich weiß
inzwischen von vielen unerhört schmerzhafte Ereignissen, die er bereits als Kind erleben musste-und
überlebt hat. Er hat eine gewisse Übung darin-und das ist gut, denn er ist ja weiter gefordert. Schon
manch eine kritische Situation haben wir mittlerweile zusammen durchlebt. Es handelt sich dabei
nicht nur um akute körperliche Notlagen, sondern immer wieder zwischendurch schlägt es ihn zurück
in alte, wieder lebendig werdende Wut, die er nur leider unkontrolliert wahllos an falscher Stelle
projiziert; und wir müssen also mitunter bis in juristische Belange hinein klären, klarstellen und
wieder gut machen, was eben möglich ist. Ich bin fortlaufend auf Nichtalltägliches gefasst. Aber wir
können gut miteinander arbeiten-wir lassen uns aufeinander ein und es ist ein Vertrauensverhältnis
entstanden. Ich gehe gerne neben ihm her-lerne selbst und freue mich, dass ich ihm wahrscheinlich
ein wenig helfen kann. Derzeit ist Herr A. zu Hause. Es geht ihm den Umständen entsprechend recht
gut. Wenn es geht, will er zu Hause sterben.
Frau M
Frau M. hatte Bronchialkrebs und litt an Altersdemenz und Schwerhörigkeit. Sie hatte keine
Angehörigen mehr-nur einen amtlichen Betreuer-und lag allein in einem Seniorenheim mit der
üblichen personellen Unterbesetzung. Ich habe sie fünf mal besucht. Frau M. war 67 Jahre alt.
Schmerzen schien sie nicht zu leiden-und sie mag wohl das Gefühl gehabt haben, ihr Leben sei nun
genug gelebt. Wenn ich ihre wenigen Worte und vielen eindrücklichen Gebärden richtig verstanden
habe, hat sie einfach nur sehr auf den Tod gewartet-ohne Angst.
Frau H
Frau H. hatte Darmkrebs mit Metastasen am gesamten Rückenmark. Ihre Schmerzen wurden mit
verschiedenartigen Opiaten behandelt, aber sie hat dennoch sehr gelitten. Sie war wie ihr Mann 66
Jahre alt und hatte in einem großen Unternehmen als Verwaltungsangestellte gearbeitet, während ihr
Mann Hausmeister einer Schule gewesen war. Wie im Text dargestellt (vgl. Kap. 2.3.3 ) war Herr H.
derjenige, der die Situation in ihrem gesamten Verlauf-und nicht nur mit Worten beherrschte. Aber sie
schien das so zu kennen und nicht kritisch zu hinterfragen. Beide erzählten mit Stolz immer wieder,
sie seien in ihren über 40 Ehejahren nur zwei Nächte voneinander getrennt gewesen. Und wenn wir
miteinander allein waren, schwiegen wir, oder sie erinnerte sich lächelnd an schöne Erlebnisse mit
ihmunschöne habe es nicht gegeben. Sorgen habe es schon gegeben in ihrem Leben, aber nie mit ihm.
Im ganzen schien sie eher still. Auffällig für uns Außenstehende war nur, dass Frau H. in ihrer
sterbenskranken Situation rein physisch so vergleichsweise lange durchhielt-dass sie die überdauernd
hohe Gabe von verschiedenartigsten schwersten Schmerzmitteln so vergleichsweise lange überlebte.
Die Ärzte fanden es ganz ungewöhnlich. Und da war ja nun dieses eine Gespräch, in welchem Frau H.
auf mein Nachfragen hin eingestand, dass sie ihn doch ‚nicht einfach allein lassen’ könne, aber für
jegliche Auseinandersetzung damit und darüber schien sie mir rein körperlich zu schwach. Ihr Mann
war es, der mit seinem kindlich-trotzig wirkenden Verhalten die Möglichkeit bot, in die Symbiose
hinein zu intervenieren. Die Begleitung fand anfänglich zu Hause-und später in einem Hospiz statt;
sie dauerte zwei Jahre.
Herr R
Herr R. hatte einen inoperablen Hirntumor, der innerhalb von 7 Monaten zum Tode führte. Er war 57
Jahre alt und mit seiner 55-jährigen Frau seit 30 Jahren verheiratet. Die beiden hatten keine Kinder,
aber einen sehr geliebten kleinen Hund. Er war Chefkoch eines renommierten Hotels gewesen-seine
Frau ist ganztägig kaufmännische Angestellte bei einer Krankenkasse. Ich lernte Herrn R. in der
liebenswerten, gut-und gleichmütigen Art und mit dem wohltuenden Humor kennen, für den er wohl
sein Leben lang bekannt gewesen war. Alle mochten ihn-auch besonders die Kinder, den kleinen stark
beleibten Koch. Schwerfällig und täppisch konnte er zunächst auch noch laufen und am Tisch sitzen,
war aber-durchbrochen von bewußtseinsmäßig hellwachen Momenten, in denen wir kleine kurze
Unterhaltungen zu seiner Situation führen konnten-bereits deutlich desorientiert zur eigenen Person,
zur gegenwärtigen Situation, zum Ort und auch zeitlich. Er war deshalb in einem Pflegeheim
untergebracht. Bereits in den folgenden zwei Wochen wurde er aber zunehmend somnolent und damit
bettlägerig. Soweit ersichtlich, blieb Herr R. bis zu seinem Tod innerlich ruhig und unaufgeregt-bis
auf jene Ausnahmen, in denen er sich durch die Erregtheit seiner Frau deutlich genervt zeigte-und
deutlich signalisierend Blickkontakt mit mir aufnahm. Da wir vornehmlich zu zweit an seinem Bett
saßen, versuchte ich in seinem Interesse immer neu so gut die Aufmerksamkeit seiner Frau von ihrer
eigenen Klage weg auf seine Ruhe hin zu lenken, wie ich andererseits versuchte, sie von einem
übermäßig nervösem an ihm Herumhantieren abzuhalten. Ich glaube, dass er erfasst hat, weshalb wir
mitunter ‚nach draußen’ gingen. Die Begleitung von Herrn R. dauerte 7 Monate
Frau E
Die 39-jährige Frau E. hatte einen schnell wachsenden nicht operablen Hirntumor. Nicht nur im
Zusammenhang mit ihrer Erkrankung, sondern auch, weil sie außerordentlich ungepflegt und
vernachlässigt war, wirkte sie wesentlich älter-und außerdem verlebt. Von Beruf war sie
Kinderpflegerin, hat aber, wenn ich sie richtig verstanden habe, nicht gearbeitet. Sie war nach zwei
gescheiterten Ehen mit mehreren Lebenspartnern liiert gewesen und hatte zwei Töchter im Alter von
17 und 21 Jahren, die sich aber eindeutig und ausdrücklich weigerten, mit ihr in Kontakt zu treten.
Auch sonst wollte niemand mit ihr zu tun haben-sie habe sich durchweg zu anmaßend, unverschämt
und gleichgültig verhalten. Ich fand sie in einem sozial problematischen Umfeld vor-und erfuhr im
Miteinander mit ihr, dass sie ihre Kindheit und Jugend in ebensolchem problematischen Umfeld zu
bestehen hatte. Die aufrichtige Einfachheit, in der sie mir davon erzählte, brachte sie mir innerlich
näher: Offenbar hatte sie nie lernen können, ihre sozialen Beziehungen auch nur einigermaßen
sinnvoll zufriedenstellend zu leben-und nun irrte sie, wenig sympathisch im ersten Eindruck und
hilflos angewiesen aufgrund der zunehmenden geistigen Beeinträchtigung dem Tod entgegen. Es hat
wohl niemand von den Verwandten und Bekannten sein können, der sich ihr für diesen einen letzten
Moment im Leben in Achtung und Respekt vor dem Menschsein an sich-und in Mitgefühl zuwendet,
ganz unabhängig davon, was immer da vorgefallen sein mag. Ich aber, als Außenstehende, hatte
keinen Grund, es nicht zu tun. Die Begleitung fand in einer Sozialstation über 7 Monate statt.
4.
Nachgedanken
Wenn ein Mensch echte Tröstung erfahren hat, ist er mit dem Geistigen oder Spirituellen in
Berührung gekommen. Das Erlebnis der Tröstung ist im tiefsten Sinne eine mystische Erfahrung,
Dieses Erlebnis ereignet sich über ein Medium, einen Kanal: einen Menschen, ein Kunstwerk, die
Natur oder ein anderes Element. Sie waren Träger oder Vermittler einer Qualität, eben der
besonderen Qualität, die Heilung und Tröstung bringt. Das Eigentliche aber, das verwandelt und
heilt, ist der Geist, das Geistige, der Heilige Geist, das Ewige, Göttliche. Es ist diese Kraft, die
schöpferische Kraft, die es vermag, Dunkel zu erhellen, Schweres aufzuheben, Mutlosigkeit in
Hoffnung zu verwandeln.
Daniela Tausch-Flammer
In der Begleitung eines Menschen, der sterben muss, steht weniger der therapeutische Versuch im
Vordergrund, zu erhellen, mit welchen unbemerkt und unabsichtlich inadäquaten Verhaltensmustern
er eventuell seinem persönlichen Frieden selbst im Wege steht. Mehr gilt hier die logotherapeutische
Absicht, ihn darin zu unterstützen, vom spezifisch menschlichen Herausgefordertsein-der
Selbstverantwortung und der Freiheit Gebrauch zu machen, sich selbst in seinem eigenen gesamten
Lebenszusammenhang in den Blick zu nehmen, um sich auch und gerade in dieser äußersten
Grenzsituation seiner Existenz subjektiv-persönlich wertabwägend für eine bestimmte
Handlungsmöglichkeit zu entscheiden. Und dabei ist es in Wahrheit nicht das Loslassen und
Abschiednehmen, sondern-ich will es am Ende so deutlich sagen-die Liebe, die sich ihren Weg bahnt
durch alle Trauer über das verlorene Gewohnte, Vertraute, Geliebte, Erhoffte und Ersehnte. Sie, die
Liebe ist es, die Klärung und Versöhnung mit dem Verlorenen sucht, um so auch kommendes Neues
wieder sinn-ja liebevoll zu gestalten. Wir können diese Liebe mit dem Anderen so wenig besprechen,
wie sie ihm anraten. Wie Rilke dichtet: "...Statt in die Kissen, weine hinauf. Hier, an dem weinenden
schon, an dem endenden Antlitz, um sich greifend, beginnt der hinreißende Weltraum..." (Rilke 1976,
50). Und wie auch Frankl sagt: "Den Satz von Ludwig Wittgenstein... -wovon man nicht sprechen
kann, davon muss man schweigen-können wir... auch aus dem Agnostischen ins Theistische
übersetzen – von dem man nicht sprechen kann, zu dem muss man beten.“ (Frankl 1977, 97). Diese
Liebe, derer der Andere bedarf, um letztendlich Abschied nehmen zu können, kann sich ihm nur
dadurch vermitteln, dass wir selbst um sie wissen, während wir mit ihm gemeinsam die ihm eigenen
Ressourcen aufspüren, den Blick vom Gewesenen auf neu Kommendes hin zu wenden. Ein 'guter
Begleiter' kennt also die Transzendenz als Möglichkeit, sonst müsste er ja bald auf der Strecke
bleiben. Und sein geeignetes Handwerkszeug mag, so meine ich, mit gutem Recht die Logotherapie
Viktor Frankls sein. "Frankl stellt Religion respektive Religiosität nicht in Frage, er thematisiert
vielmehr ihren Stellenwert in menschlichen Suchen nach dem Sinn des Lebens. Als Psychologe weiß
er um die Grenzen seiner Zuständigkeit, ohne den Verweis auf Transzendenz auszuklammern."
(Kolbe 1986, 263). Ja, die Logotherapie stellt die geistige "Stellung des Menschen im Kosmos" (vgl.
Max Scheler 1928, Die Stellung des Menschen im Kosmos) heraus-und aber lässt ihm dabei in
sensibler phänomenologischen Haltung jederzeit den Vortritt hinsichtlich seiner
subjektiv-persönlichen Antwort auf die jeweilige Herausforderung seines einmaligen und
einzigartigen Lebens. So kann sich Begleitung, durchweg anspruchsvoll an sich selbst, in Achtung
vor der Würde des Menschen vollziehen Für mich persönlich hat sich aus dem Leben heraus ein mich
berührendes und bereicherndes Mit-und Ineinander von Frankls Logotherapie und dem
buddhistischen Weg des Nicht-Leidens ergeben-auch und gerade in Hinblick auf die Möglichkeit,
Sterbende zu begleiten. Die Nähe der beiden Versuche zueinander, den Menschen auf seine
Möglichkeit hin zu begleiten, im Zweifelsfall über alles zu Erleidende seinen eigenen persönlichen
inneren Frieden erlangen zu können, ließe sich sicherlich detailliert beschreiben-das wäre ein eigenes
interessantes Thema. Jedenfalls erscheint es mir nicht nur sinnvoll, sondern ich freue mich und bin
dankbar, in dieser Weise mit Sterbenden auf dem Weg sein zu dürfen.
Dass schließlich vieles ungesagt geblieben ist in meinem Versuch, über die Begleitung sterbender
Menschen zu sprechen, liegt in der Natur der Sache: ein guter Teil davon vollzieht sich tatsächlich in
besonderer Weise unmittelbar, spontan, natürlich-in einer Art des intimen Beieinanderseins, das so
wenig absehbar ist, wie hernach auch würdige Wort der Beschreibung dafür fehlen. Es ist am Ende
dieses „Ja“ und „... trotzdem Ja zum Leben“, das in einem bestimmten Moment-hoffentlich-sich
vermittelt. Und ich möchte also eher nicht zu viel gesagt haben.
Literaturliste
Canacakis J (1990) Ich begleite dich durch deine Trauer. Stuttgart: Kreuz Frankl V (1998)
Logotherapie und Existenzanalyse. Weinheim: Beltz Frankl V (1982) Ärztliche Seelsorge. Frankfurt:
Fischer Frankl V (2004) ...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das
Konzentrationslager. München: Frankl V (1964) Logotherapie und Religion. In: Das Leiden am
sinnlosen Leben. Psychotherapie für heute. Freiburg, Basel, Wien: Herder Flammer E (1989) Wir
sterben ja nicht nur einmal. In: Tausch-Fammer D/Bickel L (1999) Ich möchte dich begleiten.
Freiburg, Basel, Wien: Herder Glogowski D/Haag A (2004). Buddhistische Ansichten. München:
Bruckmann Kast V (1987) Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses. Stuttgart: Kreuz
Kast V (2006) Zeit der Trauer. Stuttgart: Kreuz Kübler-Ross E (1973) Interviews mit Sterbenden.
Stuttgart: Kreuz Kodzera E (1986) Logotherapeutische Behandlung der Angst. In: Tagungsberichte
der GLE 1, 22f Kolbe C (1986) Heilung oder Hindernis. Stuttgart: Kreuz Kolbe C (2005) Sinn und
Glück. In: Längle S/Sulz M (Hg) (2004) Das eigene Leben. Wien:GLE-Verlag Längle A (1994) Zur
Bewältigung von Angst und Schmerz bei schwerer Krankheit. In: DPA 48, 708 (1994) Längle A
(2002) Lehrbuch der Existenzanalyse (3). Wien: GLE-Verlag Längle A (?) Lehrbuch zu den
klinischen Bildern im Verständnis der Existenzanalyse. In: Längle S/Sulz M (Hg) (2004) Das eigene
Leben. Wien:GLE-Verlag Longaker C (2001) Dem Tod begegnen und Hoffnung finden. Die
emotionale und spirituelle Begleitung Sterbender. München, Zürich: Pieper Ortho Biotech (Hrsg):
Wendepunkt Krebs-anders leben mit Fatigue. Ein Patienten-Informationsfilm Rilke RM (1976)
Überfließende Himmel. In: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Leipzig:Insel Rinpoche S (1999)
Den Tod verstehen. Bern, München, Wien: O.W. Barth Scheler M (1928 ) Die Stellung des Menschen
im Kosmos. Bonn:Bouvier Schuchardt E (2006) Warum gerade ich...? Leben lernen in Krisen.
Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht (überarb. und erw. Aufl.) Schmatz F (1986)
Sterbendenbegleitung (Referatskizze). In: Tagungsberichte der GLE 2, 96 Tausch-Flammer D/Bickel
L (2000) Jeder Tag ist kostbar. Endlichkeit erfahren-intensiver leben. Freiburg, Basel, Wien: Herder
Wolf D (2005) Einen geliebten Menschen verlieren. Vom schmerzlichen Umgang mit der Trauer.
Mannheim: PAL Verlagsgesellschaft mbH Tirier U (2003) Wenn alles sinnlos erscheint.
Logotherapie in der Begleitung lebensbedrohlich erkrankter Menschen. Gütersloh: Gütersloher
Verlagshaus Zink J 1985): Trauer hat heilende Kraft. Stuttgart: Kreuz
Noch bist du da
wirf deine Angst in die Luft
bald ist deine Zeit um bald wächst der Himmel unter dem Gras fallen deine Träume
ins Nirgends
noch duftet die Nelke singt die Drossel noch darfst du lieben Worte verschenken
noch bist du da
sei was du bist gib was du hast
Rose Ausländer
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