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2012-11-30 Eine trinkende Frau ist wie ein Tier - Deutschlandfunk

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DEUTSCHLANDFUNK
Hintergrund Kultur / Hörspiel
Redaktion: Sabine Küchler
Feature
Eine trinkende Frau ist wie ein Tier, das säuft
Von Gabriele Schmelz
ERZÄHLERIN
ZITAT (Duras)
ZITAT (Autorin)
REGIE: Burkhard Reinartz
Produktion: Mo 13.8. – Do 16.8.2012
Studio: M2 – 09:00-16:20 Uhr
Urheberrechtlicher Hinweis
Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt
und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein
privaten Zwecken genutzt werden.
Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige
Nutzung, die über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz
geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig.
©
- unkorrigiertes Exemplar -
Sendung: Freitag, 30. November 2012, 20:10 – 21:00 Uhr
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ERZÄHLERIN:
Eine betrunkene Frau ist widerwärtig und abstoßend. Eine Frau, so ist noch immer zu hören, sollte lieber die Finger vom Alkohol lassen, denn sie verträgt
nichts und versteht nichts vom Trinken. Nichttrinkende sagen das von den
Frauen - und auch die Trinker. Zieht eine Frau mit ihnen um die Häuser, wird
sie zum Saufkumpan, solange sie nicht zusammenbricht oder ausbricht in
Weinen, in "Hysterie". Denn das Weinen der betrunkenen Frau zeigt an, dass sie
dabei ist durchzudrehen. Das Weinen des betrunkenen Mannes bedeutet, dass er
nun den ganzen Jammer der Welt trägt, oder dass seine Kräfte vorübergehend
erschöpft sind. Eine betrunkene Frau stört erheblich das ästhetische Empfinden
und die Moral, sie ist eine Schlampe. Der betrunkene Mann hat über die Stränge
geschlagen oder ist vom Schicksal gebeutelt. Mit anderen Worten: das Trinken
ist Sache des Mannes.
LINDENMEYER:
Man muß bedenken, für einen Mann ist es auch etwas, womit er angeben kann,
wenn er sich durch den Alkohol und auch durch ein Zuvieltrinken
vorübergehend außerhalb unserer Normen stellt. Man sagt dann, der traut sich
was, ach Gott, da war er aber ziemlich zu, das ist etwas, was auch als ein Akt
der Rebellion oder des der vorübergehenden Auszeit durchaus toleriert ist.
ERZÄHLERIN:
Eine Frau läuft viel mehr Gefahr, im Moment des Rausches als Schlampe zu
gelten.
LINDENMEYER:
Eine Frau läuft viel mehr Gefahr, im Moment des Rausches als Schlampe zu
gelten; sie ist natürlich auch sexuell jetzt in viel größerer Gefahr, wenn sie auf
der einen Seite auch enthemmt ist, gleichzeitig aber auch die Signale von
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Männern nicht mehr ganz so gut interpretieren kann, nicht ganz so vorsichtig ist,
natürlich ab einer gewissen Alkoholmenge auch wehrlos ist, und all das führt zu
ganz anderen Emotionen auch hinterher. Die Frau kann nicht so gut angeben
über ihren Rausch.
ERZÄHLERIN:
sagt Dr. Johannes Lindenmeyer, Leiter der salus-Klinik Lindow im Land
Brandenburg. Die Männer haben sich zu allen Zeiten freimütig über ihr Trinken
geäußert, über die Freuden, die Delirien, den Verfall. Zu allen Zeiten war es eine
Selbstverständlichkeit, dass Männer trinken. Auch Frauen haben schon immer
getrunken, doch erst in den letzten Jahrzehnten fingen sie an, über ihr Trinken
zu reden, darüber zu schreiben. Die französische Schriftstellerin Marguerite
Duras war eine der wenigen und ersten Frauen, die ihren Alkoholismus
öffentlich machten. Ich werde die bekennende Alkoholikerin als „Gewährsfrau“
heranziehen. Viele ihrer Äußerungen waren für mich nicht nachvollziehbar,
andere haben mir eine neue Sicht eröffnet. Auch bei anderen Frauen habe ich
diesen Blick auf den Alkohol nicht vorgefunden. Duras schreibt:
ZITAT DURAS:
Eine trinkende Frau, das ist, wie wenn ein Tier, ein Kind tränke. Der
Alkoholismus wird mit der trinkenden Frau zum Skandalon: eine Alkoholikerin,
das ist selten, das ist schlimm. Da wird die göttliche Natur verletzt. Um mich
herum habe ich dieses Skandalon erkannt. Um die Kraft aufzubringen, ihm
öffentlich zu trotzen, um zum Beispiel zu meiner Zeit nachts allein in eine Bar
zu gehen, mußte man bereits getrunken haben.
LINDENMEYER:
Wir leben in einer gestörten Trinkkultur, das bedeutet, dass es keine klaren
Regeln gibt, wann man trinken darf und wann nicht, wie viel und wie viel nicht.
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Und diese Regeln sagen z.B. für einen Mann, Alkohol tut gut, Alkohol gehört
dazu, und trinke soviel wie dein Nachbar, also wie der, der neben dir ist, halte
dich in deinem Konsum an den, wenn der wenig trinkt, trink auch nicht so viel,
wenn der viel trinkt, dann trink auch eher etwas mehr.
ERZÄHLERIN:
All diese Regeln gelten für Frauen nicht ganz so eindeutig. Das Schwierige für
Frauen ist nur, dass es dafür keine anderen Regeln gibt, es gibt schlicht keine.
LINDENMEYER:
All diese Regeln gelten für Frauen nicht ganz so eindeutig. Das Schwierige für
Frauen ist nur, dass es dafür keine anderen Regeln gibt, es gibt schlicht keine,
und diese unklare Situation, die lässt das Individuum allein mit seinem
Ausprobieren, mit seinem Alkoholkonsum, und das Tragische ist, dass der
Betroffene erst sehr spät systematisch Rückmeldung bekommt. Wenn also eine
Frau in einer peinlichen Weise trinkt, zu viel trinkt, gefährlich trinkt, dann ist es
unwahrscheinlich, dass sofort jemand kommt und sagt, hör mal, das war aber zu
viel und das solltest Du nicht tun, sondern viel wahrscheinlicher ist, dass sie
verachtet wird, dass sie belächelt wird, oder ausgenutzt wird, dass hinter ihr
getuschelt wird, aber dass ihr direkt keine Rückmeldung gegeben wird. Sie
bleibt allein mit ihrem ambivalenten, unglücklichen Gefühl und bekommt keine
soziale Handhabe, wie sie denn eigentlich damit umgehen kann. Das ist das
Tragische in einer gestörten Trinkkultur.
MUSIK:
ERZÄHLERIN:
Was ist das Trinken für die Frauen, wie erleben, wie erleiden sie es?
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ZITAT AUTORIN:
Halb sechs, halb sechs Uhr morgens, es ist ja Sommer und das Licht ist ein
Morgenlicht. Das Glas auf dem kleinen Tisch neben ihr, neben dem Bett, ist
leer. Sie versucht, es in die Hand zu nehmen, der Boden des Glases ist noch ein
wenig feucht. Mit dem rechten Ellenbogen stützt sie sich auf der Bettkante ab.
Er hat schon eine bläuliche Hornhaut vom vielen Aufstützen, sieht aus wie
Elefantenhaut. Wenn sie den Ellenbogen mit den Fingern der linken Hand
berührt, berührt sie ihr ganzes Elend; Zeit, von der nichts geblieben ist als
Verhornung, als ein verhornter Fleck am rechten Ellenbogen, den sie immer
aufstützt, um die Zigarette zu halten, auch Zigarette und Glas, wenn sie
telefoniert und den linken Arm für den Telefonhörer braucht, wenn sie noch
telefonieren kann und wenn sie sich noch traut. Einige dürfen nicht hören, dass
sie getrunken hat; einige schon eher, aber inzwischen auch lieber nicht mehr,
denn wer sie betrunken oder angetrunken hört, hört keine Situation, sondern
einen Zustand. Das ist bekannt inzwischen.
ERZÄHLERIN:
Das Leben einer Frau am Ende ihrer Trinkerinnenkarriere, meines. Als ich
gerade 53 Jahre alt geworden war, wurde ich von Freunden ins Krankenhaus
gebracht. Mit einer Polyneuropathie in den Beinen saß ich erst einmal im
Rollstuhl. Zwei Monate lang war ich in der salus-Klinik, ich erholte mich, es ist
vorbei. Über das Trinken habe ich aus der Distanz der 3. Person geschrieben,
Überlegungen zum Trinken, über die Zeit danach und über den Verfall. In der
Zeit des Verfalls war ein Tag wie der andere, eine Endlosschleife:
ZITAT AUTORIN:
Zitternd versucht sie, das leere Glas zwischen die Lippen zu bringen, mit Hilfe
der anderen Hand. So viel Aufwand für so ein kleines Glas. Sie wackelt mit dem
Kopf nach hinten, bis der Rand des Glases auf ihrer Nase aufliegt, und saugt. Sie
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starrt schielend ins Glas. Die zwei, drei Tropfen rühren sich nicht, es sind auch
keine Tropfen mehr, nur kleine Rückstände, kleine Schnapsmembranen. Es
hätten Tropfen sein sollen. Die Trockenheit tut weh. Auf dem Teppich steht eine
Flasche. Sie wird beinahe lebendig, greift nach der Flasche, die auch leer ist,
aber eine leere Flasche ist nicht so leer wie ein leeres Glas. Sie beugt den Kopf
ganz nach hinten, setzt die Flasche an bis sie fast senkrecht über ihr balanciert
und wartet. Nach einer Weile fühlt sie Schärfe auf ihren Lippen, das war’s. Jetzt
beugt sie sich ganz weit vor, um unter das Bett sehen zu können, aber da ist
nichts mehr, keine Flasche, die sie vergessen hat.
MUSIK
LINDENMEYER:
Anfangs, zu Beginn, wenn jemand anfängt zu trinken, da sind die
Geschlechtunterschiede sehr groß. Natürlich, wenn sich etwas in Richtung Sucht
entwickelt, dann nähert sich das sowieso immer mehr an und ab einem gewissen
Stadium einer Abhängigkeit ist es dann schon sehr ähnlich. Wenn mal
Entzugserscheinungen eingetreten sind, dann ist es egal, ob ein Mann zittert
oder eine Frau zittert.
ERZÄHLERIN:
Ist es das? In diesem Zustand, so wie ich ihn erfahren habe, kann es jedenfalls
kaum Spielraum geben für Unterschiede, individuelle, geschlechtsspezifische.
ZITAT AUTORIN:
Wann macht der Zeitungsladen auf, um sechs oder um sieben? Noch einmal
nimmt sie die Flasche an den Hals und schluckt das durstig leere Schlucken der
Süchtigen. Bier ist auch keins mehr da, es schmeckt ihr schon lange nicht mehr,
ihr Magen dreht sich um beim Bier. Wein? Wein trinkt sie meist nur mit
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anderen, und da sie schon lange nicht mehr mit anderen trinkt, ist auch kein
Wein in der Wohnung.
Wenigstens muss sie nach der Visitenkarte des Tabakladens nicht lange suchen.
Sie ruft an und fragt, ob schon geöffnet sei. Gut, sie kommt gleich. Als sie mit
diesen Anrufen am frühen Morgen anfing, legte sie den Hörer auf, ohne sich zu
melden; wenn sie die Stimme des Tabakhändlers hörte, wusste sie ja, dass er da
ist. Später war es ihr egal, sie meldete sich, mit Namen, und ließ sich versichern,
dass wirklich schon geöffnet sei. Die Vorstellung, noch vor dem Laden warten
zu müssen..., das konnte sie nicht mehr.
LINDENMEYER:
Stellen sie sich die Situation vor im Supermarkt und ein Mann kauft drei
Flaschen Whisky und stellen Sie sich die Situation vor, eine Frau kauft drei
Flaschen Whisky. Schon das ist für sie eine größere Hürde. Wenn sie nicht
erklären kann, dass sie das für ihren Mann kauft, ist sie schon in einer ganz
anderen Situation als er.
ZITAT AUTORIN:
Der Tabakladen war geöffnet, aber jetzt musste sie noch hinkommen. Ihr wurde
noch elender bei der Vorstellung, was jetzt auf sie zukam, aber sie hatte keine
Wahl. Hätte sie Tränen gehabt, sie hätte geweint. Mühsam zog sie sich an, kroch
durch die Wohnung, rutschte die Treppen hinunter. Der kurze Weg über den Hof
hatte für sie die Dimension, die er für ein Kleinkind haben mag: er war
unendlich weit – nur hatte sie nicht die Unbekümmertheit des Kleinkindes, das
einfach drauflosläuft. Dann war sie auf der Straße. Niemand kam an ihr vorbei,
niemand konnte sie sehen. Es war ihr nicht egal, ob sie gesehen wurde oder
nicht, aber erleichtert war sie auch nicht. Erleichterung wäre eine viel zu
anstrengende Regung gewesen. Sie fühlte nichts, nicht einmal Pein. Es gab nur
die Zeit, unterteilt in Schritte. Die Anstrengung war ungeheuer, doch sie war so
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dumpf bedürftig, ihr Wille war so fixiert darauf, an den Schnaps zu kommen,
dass sie es schaffte, mit leerem Kopf.
ERZÄHLERIN:
Der Tabakladen. Einkauf. Der Weg zurück mit schwerer, flaschenbeladener
Tasche. Wieder in der Wohnung.
AUTORIN ZITAT:
Endlich. Die Tasche musste sie nun nicht mehr bewegen, sie konnte aber nicht
aufstehen. Also nahm sie eine Schnapsflasche und die Flasche mit dem
Orangensaft und rollte sie auf dem Teppichboden zum Schlafzimmer, legte sie
dort aufs Bett. Mühsam schaffte sie es, mit ihrem Oberkörper auf das Bett zu
kommen, holte die Beine nach und robbte zu dem kleinen Tisch auf der anderen
Seite des Bettes. Auf dem Tisch stand das leere Glas. Zitternd, nun auch vor
Anstrengung, nahm sie die beiden Flaschen und mischte den Schnaps mit dem
Orangensaft. Nach dem ersten Schluck zündete sie eine Zigarette an, sie war
angekommen, trank weiter. Trank und rauchte.
MUSIK:
LINDENMEYER:
Es gibt diesen sogenannten Teleskopeffekt. Das bedeutet, dass der Körper einer
Frau sich schneller an den Alkohol gewöhnen kann, in der Richtung, dass
schneller z.B. körperliche Entzugserscheinungen auftreten können.
ERZÄHLERIN:
Es ist zusätzlich so, dass der Körper einer Frau im Schnitt eher geschädigt wird,
schneller geschädigt wird durch den Alkohol.
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LINDENMEYER:
Es ist zusätzlich so, dass der Körper einer Frau im Schnitt eher geschädigt wird,
schneller geschädigt wird durch den Alkohol, dass also die negativen
Konsequenzen früher auftreten, und dadurch die ganze
Abhängigkeitsentwicklung im Vergleich zu Männern verdichtet wird, auf einen
kürzeren Zeitraum verdichtet wird. Dazu kommt, dass die Scham größer ist, und
dadurch der soziale Rückzug auch schneller eintritt, dadurch die sozialen
Auswirkungen einer Suchtentwicklung auch dramatischer und heftiger auftreten.
ERZÄHLERIN:
Wie es angefangen hat… Ich trank Cola mit Cognac oder Wein, auf Feten oder
bei den ersten Rendezvous. Ich trank ganz gern, aber in Maßen – bis ich die
Trinker traf. Anfangs wollte ich nicht trinken bis zum Exzess, ich wollte nicht
die ganze Nacht in der Kneipe verbringen und litt, wenn der Freund nicht
aufhören konnte mit dem Trinken. Irgendwann wollte ich nicht mehr ausharren
und beim Trinken zuschauen. Ich bin lieber gegangen, obwohl es schwer
auszuhalten war, plötzlich allein zu sein, die Stallwärme zu verlassen, die dort
war in der Kneipe neben dem Freund. Marguerite Duras:
ZITAT DURAS:
Ich habe zu trinken begonnen auf Festen, auf politischen Versammlungen, zuerst
Wein, dann Whisky. Und dann habe ich… jemanden kennengelernt, der den Alkohol wirklich liebte, der jeden Tag trank, aber in Maßen. Ich habe ihn sehr
schnell überrundet. Kaum habe ich zu trinken begonnen, bin ich Alkoholikerin
geworden. Ich habe sofort wie eine Alkoholikerin getrunken. Ich habe alle hinter
mir gelassen.
LINDENMEYER:
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Tatsächlich, da Männer ja sehr viel häufiger trinken, und auch häufiger
regelmäßig trinken als Frauen, bedeutet das, dass die Wahrscheinlichkeit, dass
eine Frau durch ihren Partner sich einen regelmäßigen Alkoholkonsum
angewöhnt, rein statistisch sehr viel höher ist, als dass ein Mann durch seine
Partnerin zu einem regelmäßigen Alkoholkonsum gebracht wird. Das Vertrackte
ist, dass natürlich, da Alkohol enthemmt, da er, in kleinen Mengen getrunken,
soziale Kontakte, das Miteinanderreden, die sexuelle Kontaktanbahnung ja
objektiv erleichtert, das zunächst von beiden Seiten sehr positiv gesehen wird
und angenehm gesehen wird.
ERZÄHLERIN:
Irgendwann konnte auch ich nicht mehr aufhören, wollte reden, mich leicht
fühlen, mußte weitertrinken, die Nacht hindurch, und wieder eine Nacht….
ZITAT AUTORIN:
Mit dem Bier lässt sich die Unbehaglichkeit wegspülen, die sie zwischen sich
und den anderen fühlt; eine Unbehaglichkeit, die schwerer auszuhalten ist als die
einsame Langeweile. Sie ist dann nicht bei sich und auch nicht bei den anderen.
Für alle peinliche Leere, die sie empfindet, fühlt sie sich verantwortlich. Sie
kann die Situation nicht einfach in sich aufnehmen, beobachten; sie will sie
ändern, indem sie flieht - und fängt an zu schlucken, ganz bewußt, der Alkohol
soll ihre Wahrnehmung trüben, alles soll harmonisch sein. Gleichzeitig entfernt
sie sich von den anderen, mit jedem Schluck, mit jeder Bemerkung, die sie nun
wagt…Sie verlässt den Partner, mit dem sie eben noch in komplizierter bleierner
Leere saß, er wird Teil der Spirale, die sich in ihrem Hirn nun dreht. Trinkt er
auch, und natürlich tut er das, sonst säßen sie nicht beisammen, dann trinken sie
sich beide aus der schwierigen Situation hinein in das Einvernehmen mit den
Bieren und in eine Welle von Verstehen. Sie werfen sich die Bälle zu, die
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Witzchen, die Klugheiten – bis sie nur noch vor sich hin monologisieren, aber
geeint sind im Alkoholdunst.
MUSIK
LINDENMEYER:
Männer können fast nie beschreiben, wie sie unter Alkohol sind. Diesbezüglich
haben Männer starke Hornhaut auf ihren Synapsen. Solange sie nicht total
besoffen waren, haben sie häufig das Gefühl, völlig unverändert gewesen zu
sein, unbeeindruckt durch den Alkohol gewesen zu sein.
ERZÄHLERIN:
Sie sind erstaunt, was man ihnen erzählt, wie ein, zwei Gläser sie schon
verändert haben. Da ist bei Frauen viel mehr Selbstbeobachtungsgabe
vorhanden.
LINDENMEYER:
Sie sind erstaunt, was man ihnen erzählt, wie ein, zwei Gläser sie schon
verändert haben. Da ist bei Frauen viel mehr Selbstbeobachtungsgabe
vorhanden. Frauen würden viel feiner abstimmen und sagen: ja, schon mit
wenigen Schlucken fange ich an, mich zu verändern. Aber ihre Berichte über
den Rausch sind natürlich jetzt auch wieder von diesen sehr starken und noch
stärker ausgeprägten Schamgefühlen beeinträchtigt. Das bedeutet, es gibt da
auch eine sehr große Neigung, das dann irgendwie unter dem: ich kann mich
nicht mehr erinnern, da hatte ich einen Blackout, zu löschen. Es gibt aber auch
die Tendenz im Sinne einer kathartischen Arbeit, dann sich selber als extrem
negativ im Rausch darzustellen, so dass die positiven Anteile des Rausches, die
vielleicht ja auch gesucht worden waren, die Motive darstellen können, auch gar
nicht mehr präsent sind.
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ZITAT AUTORIN:
Der Alkohol ist ein Beschleuniger, scheint ein Allheilmittel zu sein gegen ihre
Ungeduld. Sie ist ungeduldig, weil sie, wenn sie nüchtern ist, nichts ergreifen
und festhalten kann. Ihre Ungeduld ist eine nie ankommende Suche; ist ihre
Gier, alles zu wollen und das Gefühl zu haben, nichts zu bekommen – weil sie
nicht weiß, was etwas ist. In ihrer Ungeduld will sie das Leben aussaugen,
getrieben von diesem hypochondrischen, weinerlichen Gefühl, diesem
Jammergefühl der ständig Zukurzgekommenen. Auf augenblickliche
Befriedigung drängend, muß sie sich mit einer augenblicklichen, kurzen und oft
jämmerlichen Erfüllung begnügen.
LINDENMEYER:
Sie…
ERZÄHLERIN:
…die Frauen
LINDENMEYER:
Sie benutzen den Alkohol gezielter, sie denken sich etwas dabei, sie beobachten
sich genauer und dadurch fällt es ihnen und anderen auch viel früher auf, dass
das nicht eine reine Geschmackssache ist, sondern dass es hier um Wirkung
geht.
ERZÄHLERIN:
Das es hier um die Substanz geht, und die Auswirkung der Substanz auf das
Gehirn, das heißt auf Gefühle, auf das Erleben.
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LINDENMEYER:
Das es hier um die Substanz geht, und die Auswirkung der Substanz auf das
Gehirn, das heißt auf Gefühle, auf das Erleben. Es ist also zu einem viel
früheren Zeitpunkt ein bewusster Akt der Selbstmanipulation und nicht so
primär eingebettet in Sozialem.
ZITAT DURAS:
Es fehlt einem ein Gott. Diese Leere, die man eines Tages als Heranwachsender
entdeckt, läßt sich durch nichts verdrängen. Der Alkohol ist erschaffen worden,
damit man die Leere des Universums ertragen kann, die Bewegung der Planeten,
ihre unerschütterliche Rotation im Raum, ihre stille Gleichgültigkeit am Ort
unseres Schmerzes. Der Mensch, der trinkt, ist ein interplanetarischer Mensch.
Er bewegt sich in einem interplanetarischen Raum. Dort lauert er. Der Alkohol
tröstet über nichts hinweg, er füllt die psychischen Räume des Individuums nicht
aus, er ersetzt nur das Fehlen Gottes. Er tröstet den Menschen nicht. Im
Gegenteil, der Alkohol bestärkt den Menschen in seinem Wahnsinn, versetzt ihn
in erhabene Regionen, wo er Herr seines Schicksals ist. Kein menschliches
Wesen, keine Frau, kein Gedicht, keine Musik, keine Literatur, kein Gemälde
kann den Alkohol in seiner Funktion, die er für den Menschen hat, ersetzen: ihm
die Illusion einer großen Schöpfung zu geben. Er ist da, um diese zu ersetzen.
Und er tut es für einen ganzen Teil der Menschheit, der an Gott hätte glauben
sollen und nicht mehr glaubt.
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Marguerite Duras ist so etwas wie die „grande dame“ unter den Trinkerinnen.
Sie war kompromißlos, schamlos nach den Konventionen ihrer Zeit. Sie wurde
weltberühmt mit dem Film „Hiroshima mon amour“ und mit „Der Liebhaber“,
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dem Roman, in dem sie ihre frühe Liebeserfahrung in Indochina beschreibt.
1914 wird sie in Vietnam, damals Indochina, als Tochter eines Lehrerehepaars
geboren. Mit 17 Jahren geht sie nach Frankreich. Sie studiert Mathematik, Jura
und Politikwissenschaft. 1940 schließt sie sich der Résistance an, zusammen mit
ihrem Ehemann Robert Anthelme. 1944 wird er von der Gestapo verhaftet und
ins KZ Dachau gebracht. Im selben Jahr tritt Marguerite Duras in die
kommunistische Partei ein. In nächtelangen Diskussionen wird die Welt, im
Alkoholrausch, neu entworfen. Sie arbeitet unermüdlich. Bis zu ihrem Tod
verfasste sie über 60 Bücher, 19 Filme gibt es von ihr, bei denen sie manchmal
auch Regie führte.
Auch wenn sie in hohem Ton über den Alkohol geschrieben hat, heroisiert hat
sie ihren Suff nicht. Kein Hemingway-Gehabe, kein Bukowski-Krakeelen. Die
trinkenden Schriftsteller haben die Pein und die Qualen nicht verschwiegen,
aber sie umgeben sich auch im Trinkerelend mit der Aura des Besonderen. Das
Trinken des Mannes: ein charismatischer Defekt, so jammervoll das Leben auch
verlaufen mag. Marguerite Duras ergründet das Trinken unaufgeregt, mit allem
Für und Wider, wobei sie nicht ausdrücklich zwischen dem Trinken der Männer
und dem der Frauen unterscheidet:
DURAS:
Der Alkohol ist steril. Die Worte, die der Mensch in der Nacht seiner Trunkenheit sagt, verflüchtigen sich mit dieser, sobald es tagt. Die Trunkenheit erzeugt
nichts, sie dringt nicht in die Worte ein, sie trübt den Verstand, macht ihn matt.
Ich habe alkoholisiert gesprochen. Die Illusion ist total: Was Sie sagen, hat noch
nie jemand gesagt. Doch der Alkohol schafft nichts von Dauer. Das ist Luft. Wie
die Worte. Ich habe alkoholisiert geschrieben, ich besaß die Fähigkeit, die
Trunkenheit in Schach zu halten, zweifellos aus Abscheu vor dem Suff. Ich
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trank nie, um betrunken zu werden. Ich trank die ganze Zeit und war nie
betrunken. Ich war zurückgezogen, unerreichbar, doch nie betrunken.
ERZÄHLERIN:
Sie trank ständig und will nie betrunken gewesen sein?
LINDENMEYER:
Wenn jetzt Duras sagt, sie war nie betrunken, dann kann das sein. Es ist
möglich, weil es nicht allen Alkoholikern um den Rausch geht, und weil auch
nicht alle die Kontrolle in der Hinsicht über ihr Trinken verlieren, dass wenn sie
ein bisschen trinken, dass sie dann nicht aufhören können. Wie gesagt, das
Trinkverhalten von Abhängigen ist so unterschiedlich, es ist alles möglich.
ERZÄHLERIN:
Genauso gut möglich ist aber natürlich auch, dass es sich bei ihr um ein auch
nicht seltenes Phänomen handelt, wie gesagt, dass man sich das schönredet.
LINDENMEYER:
Genauso gut möglich ist aber natürlich auch, dass es sich bei ihr um ein auch
nicht seltenes Phänomen handelt, wie gesagt, dass man sich das schönredet. Und
so wie Hemingway ganz lange davon überzeugt war, dass er den Alkohol
braucht, um schreiben zu können, und nur dann schreiben konnte, und dann
besser schreiben konnte, so könnte es auch bei ihr sein, dass sie sozusagen eine
Fiktion, oder eine Utopie aufrechterhält, und sich an die klammert, dass sie das
noch so und so unter Kontrolle hat. Also beides ist gleichermaßen möglich.
MUSIK
ERZÄHLERIN:
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Marguerite Duras:
ZITAT DURAS:
Der Alkohol macht reden. Das ist Geistigkeit bis zum Irrsinn der Logik, das ist
Vernunft, die bis zum Überschnappen zu verstehen versucht, wie es zu dieser
Gesellschaft, zu diesem Reich der Ungerechtigkeit gekommen ist, und die dabei
immer in die gleiche Verzweiflung gerät. Wenn man zuviel getrunken hat, kehrt
man an den Anfang des infernalischen Lebenskreislaufs zurück. Man spricht
vom Glück, man sagt, es sei unmöglich, aber man weiß, was dieses Wort bedeutet.
ZITAT AUTORIN:
„Ein Schritt vor, zwei Schritt zurück“. Trinker sind konservativ, beharrend,
müssen es sein, was auch immer sie von sich geben an vielleicht Neuem, an
verrückten Ideen, die nie zuvor gedacht wurden, von denen sie selbst auch
überrascht sind, und die sie am nächsten Morgen vergessen haben. Die meiste
Zeit ihres Lebens verbringen sie mit dem Trinken und ihrem Wiederaufbau –
und einer beharrlichen Sehnsucht. Sie sind exzentrisch Sehnsüchtige. An nichts
haben sie genug und in ihrem Sehen sind sie irgendwann nur einer Möglichkeit
der Suche verfallen, sie sind süchtig geworden und haben – vielleicht vergessen, dass sie sich sehnen. Denn auch das Trinken wird irgendwann einmal
zum banalen Alltag.
LINDENMEYER:
Der Übergang ist generell schleichend und es ist immer so, dass man im
Nachhinein sagt, das hätte ich eigentlich schon viel früher wissen müssen. Aber
wenn man in der Gegenwart lebt, dann gibt es häufig kein so prägnantes,
dramatisches Ereignis, das einen zwingen würde zu erkennen, da stimmt
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irgendwas nicht mehr, sondern es ist eine ganz schleichende Entwicklung, die so
über Kleinigkeiten erstmal anfängt.
ZITAT AUTORIN:
Sie spürt, wie sie ihre Sehnsucht verschachert an das Bier, an kleine
Explosionen: lächerliche, pathetische, aggressive, überschwängliche,
weinerliche. Ihre Sehnsucht, die auch eine Sehnsucht ist nach Zwiesprache, ist
zum widerstandslosen Monolog verkommen. Die Außenwelt ist nur noch eine
verschwommene Bühne; die anderen sind gerade noch brauchbar als Statisten in
ihren trunkenen Inszenierungen.
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Trinken sei bei Frauen, sagt Dr. Lindenmeyer, „ein bewusster Akt der
Selbstmanipulation und nicht so primär eingebettet in Sozialem. Marguerite
Duras trank, um schreiben zu können, um einzutauchen in eine andere Sphäre,
in eine andere Wirklichkeit.
DURAS:
Es gibt nichts Wahres im Realen, nichts.
ERZÄHLERIN:
Für mich waren diese beiden Wirklichkeiten, die nüchterne und die trunkene,
auch in ihren Abstufungen, von Anfang an problematisch:
ZITAT AUTORIN:
Der Alkohol hebt den Schleier, der sie umgibt, wenn sie nüchtern ist, und der
alles im Nebel hält. Ist sie umnebelt, bekommt alles scharfe Konturen. Aus
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flüchtigen Impressionen werden Ereignisse. Was sich ihr sonst zu entziehen
scheint, ist zum Greifen nahe. Ihr nüchterner Schritt ist gezielt, ihr nüchterner
Blick flackernd, desorientiert, den Impressionen hilflos ausgeliefert. Mit
schwankendem, trunkenem Schritt sortiert sie mühelos ihre Rauschwirklichkeit.
Schließlich senkt der Schleier sich wieder, sie ernüchtert. Was hätte sie auch auf
die Dauer mit dieser herbeigetrunkenen Wirklichkeit anfangen sollen. Weder die
Emphase könnte sie immer aushalten, noch das unbehagliche Gefühl, dass diese
Wirklichkeit auch nicht wirklich ist. So wandert sie zwischen den Welten,
überschreitet immer wieder die Grenze von hier nach da, von da nach hier – oft
am Rande ihrer Kräfte.
MUSIK
DURAS:
Der Alkohol bringt die Einsamkeit zum Schwingen und führt dazu, daß man sie
schließlich allem andern vorzieht.
LINDENMEYER:
Es ist ja nicht so, dass eine Alkoholabhängigkeit eine einzige
Aneinanderreihung von Negativem wäre und das Positive immer nur
notwendigerweise Illusion war. Manchmal ist es Illusion, manchmal ist es eine
Schutzbehauptung.
ERZÄHLERIN:
Aber natürlich hatte das Trinken doch sein Gutes, sonst würde das doch kein
Mensch machen. Und sonst würde er auch nicht so verzweifelt daran hängen.
LINDENMEYER:
Aber natürlich hatte das Trinken doch sein Gutes, sonst würde das doch kein
Mensch machen. Und sonst würde er auch nicht so verzweifelt daran hängen. Es
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ist nicht nur, dass das biologisch am Schluß immer Entzugserscheinung ist,
sondern natürlich hat Alkohol eine Möglichkeit, die wir ohne den Stoff nicht
haben. Und das zu leugnen, wird der Sache nicht gerecht.
Dadurch dass Alkohol als Allererstes unser Großhirn dämpft, unser rationales
Handeln, unsere Vernunft, befreit er uns natürlich auch von Zwängen, lässt
vielleicht jemand etwas niederschreiben, eine Formulierung wählen, die er
nüchtern nie gewagt hätte, sofort durchgestrichen hätte. Von daher kann auch
ein kreatives Potential im Alkohol sein, oder im Rausch, oder in der Einnahme
von Substanzen. Das gesagt habend, muß man natürlich immer auch gleich
sagen: und gleichzeitig enthält es ein Risiko, ein sehr großes Risiko. Es geht mir
nicht darum, das zu verharmlosen, aber es geht mir darum, schon beide Seiten
anzuerkennen.
DURAS:
Trinken heißt nicht zwangsläufig, sterben wollen, nein. Doch kann man nicht
trinken, ohne daran zu denken, daß man sich umbringt. Mit dem Alkohol leben,
heißt mit dem Tod in Reichweite leben. Was einen — wenn man süchtig nach
Trunkenheit ist — hindert, sich umzubringen, ist der Gedanke, daß man, einmal
tot, nicht mehr trinken wird.
ZITAT AUTORIN:
Zerstören, was nicht auszuhalten ist. Kaputtmachen, was zu viel wert ist, als
dass sie nüchtern fähig wäre, gelassen damit umzugehen. In einer Situation, die
sie schwer erträgt, regrediert sie. Sie säuft sich weg aus der Verantwortung für
sich selbst und für die anderen. Sie wird infantil, erlaubt sich alles, mutet
anderen alles zu - sie kann ja nichts dafür, denn sie ist besoffen. Später dann
schluckt sie die Demütigungen, die sie sich selbst bereitet hat, als
unvermeidbare Begleiterscheinung hinunter. Sie angelt nach ihren auseinander
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gespülten Teilen, nach dem, was zu ihr gehört und was sie im Suff durch die
Gegend geschleudert hat. Sie sammelt für den nächsten Verfall.
Sie bangt um ihr Leben, wenn sie sich an den Rand ihrer Kräfte gesoffen hat,
doch Verfall und Tod gehen immer wieder im Bierglas unter, für die kurze Zeit
einer kurzen Reise, denn am nächsten Morgen sitzen die beiden an ihrer
Bettkante. Mit der Zeit stellt sich da ein unangenehm vertrauliches Verhältnis
ein. Aus ihrer Angst wird ein ängstliches Lauern - auf das, was die unbequemen
Partner wohl noch zu sagen haben
ERZÄHLERIN:
Marguerite Duras hat mehrere Zusammenbrüche, aber sie trinkt weiter, „bis zur
Zirrhose, bis zum Bluterbrechen“. Sie versucht, mit dem Trinken aufzuhören,
verzichtet auf „das kleine Whiskyfest nach jedem zu Ende geschriebenen
Kapitel“. Eine Weile lang trinkt sie Säfte, Unmengen. Das geht, viel schwerer ist
es, wenn sie die Abende mit Freunden verbringt. Nüchtern könne man nicht
albern, das ginge nur auf dem Papier. Sie wird rückfällig. Sie trinkt bis zum
nächsten Entzug und zum nächsten Rückfall. Das Schreiben leidet darunter
nicht. 1988 fällt sie monatelang ins Koma. Mit 72 verliebt sie sich. Yann Andréa
Steiner, ein viel jüngeren Schwuler und Bewunderer ihres Werks, wird von nun
an in ihrer Nähe sein. Sie trinken zusammen, schreiben zusammen, dann pflegt
er sie. Er bleibt bei ihr bis zu ihrem Tod. Schreiben und Trinken – oder Sterben;
sie hatte wohl keine Alternative.
ZITAT DURAS:
Das ist sehr schön. Sehr, sehr schön. Man stirbt daran, trotzdem ist es sehr
schön...
MUSIK:
2
21
ERZÄHLERIN:
Marguerite Duras unterstützte in den 70er Jahren die feministische Bewegung.
In ihren Romanen sind es vor allem die Frauen, die trinken. Damit wollte sie
provozieren, denn das Trinken der Frauen wurde als dämonisch, unheimlich
empfunden.
LINDENMEYER:
Man hätte sich nicht vorstellen können, vor 20 Jahren, dass es eine Bierwerbung
z.B. mit Frauen gibt, also auf der Frauen z.B. abgebildet sind. Das ist heute
natürlich ganz anders. Das Trinken von Frauen in der Öffentlichkeit war früher
viel mehr tabuisiert als heute und natürlich auch durch die Veränderungen der
beruflichen Situation von Frauen hat sich ihr Trinkverhalten dem von Männern
angenähert, gerade dann, wenn sie beruflich viel mit Männern zu tun hat.
ERZÄHLERIN:
Weibliche Führungskräfte haben natürlich ein ganz anderes Rollenverständnis
und damit auch einen ganz anderen Tagesablauf, Tagestruktur, als das früher
gewesen ist.
LINDENMEYER:
Weibliche Führungskräfte haben natürlich ein ganz anderes Rollenverständnis
und damit auch einen ganz anderen Tagesablauf, Tagestruktur, als das früher
gewesen ist. Von daher gibt es heute einen sichtbareren Alkoholkonsum von
Frauen, der bei berufstätigen Frauen auch im Stil her sich ein bißchen dem
männlichen Trinkstil angenähert hat. Und dadurch ist das Trinken von Frauen
zu Zwecken der Geselligkeit als soziales Schmiermittel, das hat etwas
zugenommen. Gleichgeblieben, unverändert gleichgeblieben, ist das Trinken als
wie ein Medikament, um Gefühle gezielt zu beeinflussen, und das machen
Frauen deutlich bewusster als Männer.
2
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ERZÄHLERIN:
Zunächst waren da die 68erinnen. Sie tranken öffentlich, die
Selbstverwirklichungstrinkerinnen, die politischen Trinkerinnen („Saufen gegen
den Kapitalismus“), die hedonistischen Trinkerinnen, die sich auch
gesellschaftskritisch verstanden, indem sie gegen ihr spießbürgerliches
Elternhaus antranken. Das Trinken sollte ein selbstbewusstes, selbstbestimmtes,
ein befreites Trinken sein.
LINDENMEYER:
Tatsächlich ist Trinken auch eine Machtdemonstration. Trinken ist ja auch die
Demonstration: ich laß mir das nicht verbieten, ich laß nicht über mich
bestimmen, und ihr könnt lange die Nase rümpfen bei so etwas, ich mach das
trotzdem, weil es mir gefällt. Und so ähnlich wie andere Demonstrationen der
Freiheit und der Unabhängigkeit mit dem noch besonderen Anteil, dass eben der
Alkohol tatsächlich dann den Menschen beeinflusst und verändert, und die
Umwelt, ob es ihr gefällt oder nicht, sich damit auseinanderzusetzen hat. Die
Unterhaltungen ändern sich dadurch, die Partnerschaft ändert sich dadurch.
ERZÄHLERIN:
Und das Machtmotiv ist ein sehr wichtiges Motiv beim Trinken, und es ist sehr
vielen Betroffenen nicht bewusst. Bewußt ist ihnen: ich trinke, damit es mir
besser geht, aber dass Trinken häufig auch eine Frage der Verschiebung der
Machtverhältnisse ist, eine Demonstration der Unabhängigkeit, der
Selbstbestimmung.
LINDENMEYER:
Und das Machtmotiv ist ein sehr wichtiges Motiv beim Trinken, und es ist sehr
vielen Betroffenen nicht bewusst. Bewußt ist ihnen: ich trinke, damit es mir
besser geht, aber dass Trinken häufig auch eine Frage der Verschiebung der
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Machtverhältnisse ist, eine Demonstration der Unabhängigkeit, der
Selbstbestimmung. Und in der Zeit, von der sie reden, hatten ja auch Drogen
häufig genau diesen Anteil der Rebellion, das sich bewusst gegen das
Establishment-Setzen, und unbeeindruckt zu sein, und Scham und familiäre
Verzweiflung von anderen eher als bürgerliche Fesseln hinter sich zu lassen.
ERZÄHLERIN:
Anders als beispielsweise die Absinthtrinkerinnen im 19.Jahrhundert – sie waren
die ersten, die in der Öffentlichkeit trinken konnten, mal abgesehen vom
„Milieu“, ohne gegen die sozialen Konventionen zu verstoßen, Absinth konnte
ja auch als eine Art Likör angesehen werden -, anders als die
Absinthtrinkerinnen die auf den Gemälden Picassos oder van Goghs traurig, wie
auf einer einsamen Insel am Bistrotisch saßen, tauchte die 68erin ein ins pralle
Leben, trank sich von Euphorie zu Euphorie, auch von Mann zu Mann, im
selbstbewussten Emanzipationsfuror.
LINDENMEYER:
Sie finden natürlich Patientinnen, die einen abhängigen Beziehungsstil pflegen,
und die den Mangel an Bedürfnisbefriedigung, den sie durch diese
Unterordnung an die Bedürfnisse von anderen erleben, dann eben kompensieren
mit dem Alkohol, und dann geht es um Befreiung, um Selbstbestimmung und
um eigene Identität finden.
ERZÄHLERIN:
Tatsächlich war das mit den Männern eher traurig. So, zum Beispiel, kann es
sein in der Kneipe, mit dem Alkohol und mit den Männern:
ZITAT AUTORIN:
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24
Sie trinkt sich weg von ihrem Körper und von der Sinnlichkeit. Die streichelnde
Hand am Kneipentisch oder am Tresen hat nur noch Symbol- oder
Demonstrationscharakter; das Streicheln geht nicht unter die Haut, unter der
Haut ist der Alkohol. Andererseits begünstigt der Suff mit den wachsenden
Scheuklappen auch eine unverhältnismäßige Fixierung auf plötzlich
auftauchende Objekte einer kalten Begierde. Ein Augenpaar erscheint ihr,
stumpf angepeilt, strahlender als die Sonne. Mit trunkener Ungeduld und
Dreistigkeit pirscht sie sich an das Augenpaar heran, sie will wissen, ob sie es
haben kann. In einer klareren Ecke ihres Hirns wundert sie sich, dass das
Augenpaar sich nicht betreten von ihr abwendet. Wenn es das tut, dann widmet
sie sich wieder der Kneipenallgemeinheit. Der Schmerz ist ein eitler, kurzer.
Wendet es sich nicht von ihr ab, dann kann es noch beobachten, wie sie langsam
weicher wird. Sie hat sich verausgabt, ist müde geworden. Es drängt sie nach
hause, ins Bett, möglichst mit dem Augenpaar Sie ist bedürftig geworden, und
sie hat eine hohle Freude an der Trophäe dieser versoffenen Nacht.
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Ich war eine Trinkerin der 68er Generation. Meine Schamschwelle war relativ
niedrig, ich genierte mich nicht in der Öffentlichkeit. Ich genoß die Nächte, die
Gespräche und die Albernheiten in den Kneipen. Doch allmählich, als abhängige
Alkoholikerin war von den Euphorien, von den angenehmen Stunden nichts
geblieben.
ZITAT AUTORIN:
Sie glaubt, das Leben habe ihr nichts mehr zu bieten; dabei weiß sie, dass sie
sich nichts mehr bietet, immer weniger. Indem sie Unmengen an Flüssigkeit in
sich hineinschüttet, leert sie sich aus. Von den Exaltiertheiten, den
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25
Weltumarmungsgelüsten und Weltverachtungen - von dem ganzen Pathos
bleibt nicht viel mehr übrig als eine große Wüste mit grauem Staub. Den muß
sie dann wieder anfeuchten, dann blubbert und bläht und lebt es sich wieder.
Beim Jahre währenden, ständigen Wechsel dieser Gezeiten hat sich allmählich,
für sie unmerklich zunächst, der Rhythmus verschoben. Die Trauer ist größer
geworden, so sehnt sie häufiger und dringlicher die Flut herbei, wohl wissend,
dass die Überspülung den Schlick hinterlässt, der dann zu jenem grauen,
unansehnlichen Staub wird.
LINDENMEYER:
Es ist schwer, eine Alkoholabhängigkeit zu erkennen. Es ist nicht so schwer zu
erkennen, ob ein Alkoholkonsum risikoarm oder riskant ist. Das kann man an
der Menge festmachen.
ERZÄHLERIN:
Wenn eine Frau mehr als ein Glas, wobei natürlich ein Bierglas größer ist als ein
Schnapsglas, also mehr als ein Glas bei einer Trinkgelegenheit zu sich nimmt,
dann verlässt sie den Korridor des risikoarmen Konsums.
LINDENMEYER:
Wenn eine Frau mehr als ein Glas, wobei natürlich ein Bierglas größer ist als ein
Schnapsglas, also mehr als ein Glas bei einer Trinkgelegenheit zu sich nimmt,
dann verlässt sie den Korridor des risikoarmen Konsums. Riskanter Konsum
heißt noch nicht die große Katastrophe, aber sie sollte wissen: ich begebe mich
jetzt ins Risikoland. Jedes weitere Glas erhöht mein Risiko. Und wenn ich das
regelmäßiger mache, noch mal, Und wenn ich das zu den falschen
Gelegenheiten mache, noch mal. Bei Männern ist es so, dass es um zwei Gläser
geht. Also man kann risikoarm und riskant relativ gut definieren, aber wann sich
2
26
das in Richtung einer Abhängigkeit entwickelt, ist wirklich ein sehr
schleichender Prozeß, der schwer zu erkennen ist.
DURAS:
Zuerst habe ich Whisky getrunken, Calvados, das, was ich fade Spirituosen
nenne, Bier, Eisenkrautlikör von Velay — das Schlimmste für die Leber, wie es
heißt. Schließlich habe ich begonnen, Wein zu trinken, und habe nie damit
aufgehört… Begonnen habe ich damit, am Abend zu trinken, dann habe ich am
Mittag getrunken, dann am Morgen, dann habe ich angefangen, in der Nacht zu
trinken. Einmal pro Nacht, dann alle zwei Stunden.
LINDENMEYER:
Die Kriterien, die da aufgestellt worden sind, die zeigen dann gleich wieder,
dass das nicht ganz so einfach ist, aber wenn man es ganz grob zusammenfassen
will, dann kann man sagen, dass jemand abhängig ist, wenn er nicht mehr
aufhören kann mit seinem Alkoholkonsum, ohne dass unangenehme Zustände
eintreten, z.B. körperliche Entzugserscheinungen, aber auch Unruhe,
Gereiztheiten oder so etwas, weil sein Gehirn dann so sich an den Alkohol
gewöhnt hat, dass, wenn der plötzlich weggelassen wird, ein nicht haltbarer
Zustand entsteht.
ERZÄHLERIN:
Seit elf Jahren trinke ich nicht mehr. Ich kehrte zurück in ein normales Leben,
ein Leben mit all den Problemen, die ich immer hatte, die ich nun aber wieder
klar sehen konnte.
LINDENMEYER:
Die Rückkehr ist unterschiedlich. Natürlich müssen Frauen in einem selteneren
Fall soziale Selbstversorgungskompetenzen lernen, weil sie das in der Regel
2
27
immer schon selber gemacht haben, während manche Männern versorgt worden
sind, als Abhängige entweder von ihren Partnerinnen oder von ihren Eltern, von
daher in einem sehr abhängigen, sehr unreifen Zustand sind. Das ist bei Frauen
tatsächlich deutlich seltener.
ERZÄHLERIN:
Aber natürlich spielt die Einsamkeit eine große Rolle, denn die Partner haben
sich in einem viel häufigeren Ausmaß von einer Alkoholikerin getrennt und
zurückgezogen, als das bei einem männlichen Alkoholiker der Fall ist. Also
häufig kehren sie in die Einsamkeit zurück und haben erstmal keine Kontakte
mehr.
LINDENMEYER:
Aber natürlich spielt die Einsamkeit eine große Rolle, denn die Partner haben
sich in einem viel häufigeren Ausmaß von einer Alkoholikerin getrennt und
zurückgezogen, als das bei einem männlichen Alkoholiker der Fall ist. Also
häufig kehren sie in die Einsamkeit zurück und haben erstmal keine Kontakte
mehr. Tragischerweise ist es auch so, dass die Selbsthilfegruppen dominiert
werden von männlichen Alkoholabhängigen. Es gibt dort selten reine
Frauengruppen, und auch dort spielt die weibliche Perspektive der Sucht und die
spezifischen Probleme, die damit verbunden sind, eben häufig nur eine
untergeordnete Rolle.
ERZÄHLERIN:
Ich hatte Glück gehabt, mit dem Menschen um mich herum, mit meiner sozialen
Situation; ich fand allmählich wieder in die Arbeit zurück, und dennoch:
ZITAT AUTORIN:
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28
Es ist unmöglich, mehr als drei bis vier Tassen Kaffee mit Milch und Zucker zu
trinken. Trotz Selters zwischendurch verklebt der Mund, das Herz rast. Nur
Selters? Das geht nicht, Selters hat überhaut keine Aura. Deshalb hat sie immer
verdünnten kalten Kaffee bei sich, in einer kleinen Plastikflasche. Mehr oder
weniger verschämt, das hängt vom Lokal ab und von der Situation, gießt sie
ihren kalten Kaffee aus der Plastikflasche in die Tasse. Der Inhalt der Tasse
sieht nun nicht mehr milchig aus, sondern bräunlich-wässrig, undefinierbar. Ob
die Bedienung das sieht? Egal.
Sie geht, hält es nicht mehr aus in dem Lokal. Sie will es auch nicht mehr
aushalten. Geschehen ist nichts, nichts Besonderes. Sie hat geredet und
zugehört; die anderen beobachtet und sich selbst. Sie hat versucht, Neigungen
und Abneigungen, Aufrichtigkeiten und Verlogenheiten wahrzunehmen. Sie hat
auf die Feinheiten geachtet, die ihr immer entgangen waren, wenn sie selber
trank und die Scheuklappen immer enger wurden. Ihre Aufmerksamkeit hat sie
angestrengt, nur das Lachen, das für den Augenblick alle miteinander verbindet,
war entspannend – das Lachen, das ja auch ein bisschen besoffen machen kann.
Das Lachen, die kleine Euphorie, glättet Unebenheiten, wie der Alkohol.
Anspannung, kleine Euphorien, auch Stallwärme – sie fühlt sich strapaziert und
unruhig und müde. Sie geht.
MUSIK
ZITAT AUTORIN:
Sie geht, wenn am Tisch, mit dem Alkohol, eine Dynamik entsteht, der sie nicht
mehr folgen kann. Was – Du willst schon gehen? Schon ist gut. Sie wissen
nicht, mit ihrem Glas vor sich und dem Alkohol in sich, wie lang zwei nüchterne
Stunden sind, in Echtzeit. Das Trinken hebt die Echtzeit auf, vom ersten Schluck
an – obwohl: sind nicht gerade die Trinkenden in der Echtzeit, nur in der
2
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erlebten Zeit, in der Gegenwart eben. Sie dagegen ist nicht richtig vorhanden, in
ihren Gedanken schon wieder zuhause, auf ihren Abgang sinnend, einen
möglichst eleganten, leichten, heiteren Abgang. Ihren Groll, ihre Traurigkeit,
ihre Einsamkeit in diesem Augenblick, soll keiner sehen. So wichtig ist er auch
nicht, er geht vorbei, so wichtig sind alle diese Augenblicke nicht, sie machen
nicht ihr Leben aus. Auf dem Nachhauseweg sagt sie sich, dass sie die Nächte in
den Kneipen kennt und dass sie nichts versäumt. Das stimmt natürlich und das
stimmt natürlich auch nicht. Sie kehrt nicht um.
Einladung zum Essen mit Alkohol. Die Gastgeber sind keine Trinker, keine
Alkoholiker. Sie trinken abends einen Wein, nach getaner Arbeit oder
überhaupt. Und sie trinken Wein zum Essen, nach dem Essen vielleicht noch
einen Schnaps oder zwei. Danach einen Espresso. Sie sind heiterer geworden im
Laufe des Abends, mit dem Wein, vielleicht auch beschwipst. Sie wiederholen
sich. Der Abend wird länger als gedacht und beabsichtigt. Aber sie sind sich
gleich geblieben. Mit den Alkoholikern ist es anders; mit ihnen ist sie nicht mehr
gerne zusammen. Inzwischen sind es ältere Leute, wie sie, und die trinken nicht
mehr ständig, alkoholkrank sind sie nicht, sie sind nicht in der Spirale von
Trinken, Schlafen, Zittern, Weitertrinken. Aber mit dem ersten Glas verändern
sie sich; mit dem ersten Glas schon kündigt sich eine andere Person an. Eine
Person die ihren Sehnsüchten und Ängsten freien Lauf lässt, sie hätschelt,
schwärmerisch wird, pathetisch, sich einlullt in eine herbeigetrunkene Welt
voller bedeutungsvoller Zeichen, in der sie der Mittelpunkt ist. Sie und die
trinkende Person sind nun nicht mehr zu zweit, sie sind zu dritt. Für mich
inzwischen einer zu viel.
LINDENMEYER:
Das ist ein wichtiges Phänomen, dass, je stärker eine Sucht fortschreitet, umso
stärker und gewichtiger wird die Substanz, das Suchtmittel und das kann in
2
30
Partnerschaften die Rolle einer dritten Person einnehmen. Die Nichttrinkenden
merken, dass da noch jemand am Tisch sitzt, nämlich König Alkohol, der
unerbittlich dann Regie führt und der von daher Macht darstellt.
ZITAT AUTORIN:
Sie missioniert nicht; das glaubt sie jedenfalls. Überheblich ist sie schon,
manchmal. Mit der Überheblichkeit schützt sie sich – nicht vor dem Trinken, die
Anwandlungen hat sie nicht. Sie schützt sich vor dem Wissen, dass sie vor dem
Zweifel nicht mehr flüchten kann in die Eindeutigkeit, die der Trunk ermöglicht;
dass sie nicht mehr in diese Überschwänglichkeit geraten wird, in die man nur
mit dem Alkohol gerät. Was die anderen äußern, wenn sie getrunken haben,
nimmt sie nicht mehr ernst. Natürlich erinnert sie sich an die heftigen
betrunkenen Gespräche, in die sie verwickelt war, gerade an die große
Ernsthaftigkeit und sie weiß ganz genau, dass damals nicht nur Unsinn geredet
wurde – ihr halbes Leben lang hat sie ja nicht nur Unsinn geredet! Trotzdem,
jetzt erscheint ihr das besoffene Gerede nur noch als Schwachsinn. Im Wein
liegt Wahrheit – die Trinker glauben das…
MUSIK:
LINDENMEYER:
Jetzt fragt sich natürlich jeder Betroffene, wie konnte das kommen, denn er
schämt sich, er weiß selber, daß das, er hat sich da selber immer mehr entfernt
von dem, wie er eigentlich selber sein möchte, und hat vergeblich dagegen
gekämpft und jetzt braucht es eine Ursache, eine Ursache, die auch Entlastung
bringt und die Verständnis für sich selbst bringt und die natürlich auch helfen
soll, dagegen anzugehen. Und da muß man heute fairerweise sagen, es gibt nicht
diese eine Ursache, die man bei allen finden könnte. Wenn man das mit einem
Satz beantworten wollte, jemand, einem oder einer Betroffenen, muß man nur
3
31
sagen: da mußte viel zusammenkommen, und das nützt natürlich niemand so
richtig.
ERZÄHLERIN:
Eine Suchtentwicklung ist eine schleichende Veränderung des Gehirns, Wenn
man es lokalisieren wollte, dann ist es im Gehirn.
LINDENMEYER:
Eine Suchtentwicklung ist eine schleichende Veränderung des Gehirns, Wenn
man es lokalisieren wollte, dann ist es im Gehirn. Die sitzt nicht in der Seele, sie
sitzt nicht im Magen oder so etwas, die Sucht sitzt im Gehirn, und sie kann eben
entstehen bei Suchtstoffen.
DURAS:
Ein alkoholischer Körper funktioniert wie eine Zentrale, wie ein Komplex von
verschiedenen Räumen, die durch die Person als Ganzes miteinander verbunden
sind. Zuerst wird das Hirn erfaßt. Das Denken. Das Glück des Daseins zunächst,
dann der Körper. Er wird überwältigt, allmählich durchtränkt, und davongetragen - das ist das Wort: davongetragen. Nach einer bestimmten Zeit hat man die
Wahl: entweder bis zur Bewußtlosigkeit, bis zum Identitätsverlust trinken oder
es bei den Anfängen des Glücks bewenden lassen. Gewissermaßen täglich
sterben, oder weiterleben.
ZITAT AUTORIN:
Die Ausgebrannten
Geblieben ist
Kummerstarre
Biografiegerinnsel.
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Geblieben ist
eine verpichelte Seele
Gescharre mit den Füßen
während die Zigarette
die geblieben ist
zwischen den hungrigen Zügen
in der noch zitternden Hand
glüht.
Die Kraft ist verplempert
im Immergleichen.
Geblieben ist Untröstlichkeit.
Geblieben ist
Vertrocknete Gier im Blick.
LINDENMEYER:
Es hilft dann sehr vielen Patienten, …
ERZÄHLERIN:
…Dr.Lindenmeyer spricht hier von Frauen und Männern,
LINDENMEYER:
.. dass wir heute ein bisschen mehr über die Funktionsweise unseres Gehirns
wissen, über die Neurobiologie und Neurophysiologie, über Neurotransmitter
und so etwas. Es hilft, weil es eine Metapher dafür liefert, dass wir nicht immer
Herr im Haus sind und nicht alles gewollt gemacht haben, dass der Wille
vorübergehend auch einmal ausgeschaltet sein kann, dass das sogar sehr viel
häufiger der Fall ist, als wir uns das eingestehen wollen.
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ERZÄHLERIN:
Wir sind in mancher Hinsicht Automaten. Wir sind in mancher Hinsicht nicht
sehr viel eleganter als Tiere.
LINDENMEYER:
Wir sind in mancher Hinsicht Automaten. Wir sind in mancher Hinsicht nicht
sehr viel eleganter als Tiere, und das ist etwas, was natürlich einerseits kränkend
ist, aber andererseits für einen Abhängigen auch sehr entlastend sein kann, weil
damit nicht mehr so komplizierte Erklärungszusammenhänge herangezogen
werden müssen, warum habe ich das eigentlich gemacht. Nur: alle brauchen eine
subjektive Erklärung. Niemand kann damit leben: das war eben so, und da muß
jeder seinen Weg finden, und manche hin zu spirituellen Themen, zu religiösen
Themen, zu philosophischen Themen. Und für machen ist es leichter zu
akzeptieren zu sagen: da war das raptailbrain in mir, also der Teil in mir, der
mich eben gemein macht mit anderen Kreaturen. Da gibt es Automatismen, und
die habe ich eben auch.
AUTORIN:
Trinker sind Sehnsüchtige, exzentrisch Sehnsüchtige, dachte sie als sie noch
trank. Stimmt das? Ist sie in diesem Sinne noch immer eine Trinkerin? In milden
Sommernächten hält sie die Sehnsucht kaum aus; es ist eine quälende
Sehnsucht, eine erotische, alles durchdringende, keine sexuelle. Sie läuft durch
die Straßen in der milden Sommernacht und weiß mit einem Mal: ein Glas jetzt,
ein Glas Alkohol und die Sehnsucht wäre kanalisiert, würde begrenzt durch den
alkoholischen Rahmen und betäubt. Alle, jedenfalls die meisten, betäuben sich
in den Straßencafés, an denen sie vorbeigeht. Trinken – das ist vielleicht die
Flucht vor der Sehnsucht, die so schwer zu ertragen und doch so intensiv ist.
Sie ist Leben – das der Alkohol tötet….
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MUSIK
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Seele and Geist
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