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1 Panorama Nr. 780 vom 08.05.2014 Hitlers Helfer: Wie - Das Erste

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Panorama Nr. 780 vom 08.05.2014
Hitlers Helfer: Wie Nationalisten die Ukraine weiter spalten
Anmoderation
Anja Reschke:
Der 8. Mai – also heute – Tag der Kapitulation, der Niederlage – so haben ihn die meisten
Deutschen in der Nachkriegszeit bezeichnet. Heute gilt er als Tag der Befreiung. Befreiung
vom Hitlerregime. Befreiung vom Faschismus. Kommt halt auf die Sichtweise an. Je
nachdem auf welcher Seite man steht. Im Prinzip ist es genauso in der Ukraine. Die
Westukraine kämpft gegen die Abspaltung des Ostens, denn das wäre eine Niederlage für
sie. Die Ostukrainer kämpfen für die Befreiung vom Faschismus, so sehen sie die
Regierung in Kiew. Zweifelsohne war es Putin, der den aktuellen Konflikt um die Ostukraine
angeheizt hat. Aber wie bei jedem Streit geht es nicht nur um den aktuellen Anlass. Die
Geschichte spielt immer eine Rolle. Und die hat in der Ukraine zu gehörigen Teilen auch
mit Hitlerdeutschland zu tun. John Götz, Johannes Edelhoff und Johannes Jolmes.
Pro-russische Separatisten stürmen die Staatsanwaltschaft von Donezk. Die ukrainischen
Polizisten werden zusammengeschlagen, grenzenloser Hass. Dieser Hass kann das Land
spalten. Denn er hat eine lange Geschichte – seit Adolf Hitler. In Erinnerung vieler stand die
Ostukraine auf der einen Seite, der Westen auf der anderen. Nichts macht das deutlicher
als das große Vorbild im Westen in Kiew: Stepan Bandera – sein Bild prangt nahe der
großen Bühne auf dem Maidan. Im Osten hassen viele ihn als Nazi-Kollaborateur. Im
Westen erinnert man lieber den anderen Teil seines Wirkens: er kämpfte für die
ukrainische Unabhängigkeit.
Auf dem Maidan einte die Protestierer immer wieder eine Parole aus der Bandera-Zeit:
„Ehre der Ukraine – Ehre den Helden.“
Stepan Bandera – ein radikaler Nationalist. Die Ukraine den Ukrainern, so sein Credo.
Kampf gegen Juden, Polen und Russen. Dafür verbündete er sich mit Hitler.
O-Ton
Per Anders Rudling,
Historiker Universität Lund/Schweden:
„Nach meiner Bewertung und der der meisten Forscher kann man Bandera und seine
Bewegung durchaus als faschistisch bezeichnen, stark beteiligt am Holocaust.“
Lemberg, Westukraine. Hier hat man Bandera sogar Denkmäler gebaut. Sie erinnern an
seinen Kampf für eine unabhängige Ukraine, der Holocaust wird nicht erwähnt.
Bandera ist hier populär: Auf Bierkrügen, Bildern, T-Shirts. Lemberg die Banderastadt – so
wirbt man hier. Kritik am Nationalhelden – auch in der neuen Regierung gilt das als
russische Propaganda. Das Thema habe in Zeiten des Krieges zu ruhen.
1
O-Ton
Serhiy Kvit,
Bildungsminister Ukraine, parteilos:
„Ich denke, dass Bandera als Symbol des ukrainischen Freiheitskampfs gelten kann. Aber
das muss man strikt trennen von der aktuellen politischen Krise in der Ukraine und dem
Einfluss der russischen Propagandamaschinerie.“
Banderas Nazi-Connection nur Putin-Propaganda? Stepan Bandera war Anführer der
Ukrainischen Nationalisten.
Juni 1941 Lemberg: Hitlers Soldaten erobern die Stadt. Sie werden von Banderas Truppen
freudig empfangen. Denn beide haben erst mal das gleiche Ziel: die Juden zu vertreiben.
Ukrainische Nationalisten und Deutsche stürzen sich gemeinsam auf die Juden – am Ende
ermorden sie Tausende.
O-Ton
Per Anders Rudling,
Historiker, Universität Lund/Schweden:
„Sie haben sich der Vernichtung von nationalen Minderheiten verschrieben. Die
Organisation hat im April einen Plan geschrieben. Das war quasi eine Blaupause für den
Massenmord an den Juden. Die Idee: Je mehr Juden beim Einmarsch der Deutschen
getötet werden, desto besser.“
Projektunterricht vor wenigen Tagen in einer zehnten Klasse in Lemberg. Thema hier:
Banderas Kampf gegen die Sowjets und für die ukrainische Unabhängigkeit.
O-Ton
Vasulina Lubow Benko,
Lehrerin in Lemberg:
„Stepan Bandera ist ein Nationalheld der Ukraine.“
Die Schüler haben sogar einen originalgetreuen Unterschlupf von Banderas
Unabhängigkeitskämpfern nachgebaut.
O-Ton
Dmutro,
Schüler:
„Das ist eine Kriegsecke, hier ist eine Gasmaske, da sind Granaten, das ist eine Tasche, in
der Munition war. Und das ist eine Mütze, und da eine Jacke, und das ist eine
Maschinenpistole.“
O-Ton
Sergij,
Schüler:
„Es wäre wünschenswert, dass die Leute seinen Taten nacheifern und auch solche
Patrioten wie Bandera wären.“
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O-Ton
„Dmutro,
Schüler:
„Man soll ein echter Ukrainer sein, so wie unsere Vorfahren es waren, so wie seine
Soldaten, wie Bandera selbst.“
Bandera hier ein Vorbild – ohne Fehl und Tadel. Schon als wir eine Nachfrage zu seiner
Zusammenarbeit mit Hitler stellen, geht die Lehrerin dazwischen – Bandera sei immer
gegen eine Kooperation mit Hitler gewesen.
O-Ton
Vasulina Lubow Benko,
Lehrerin in Lemberg:
„Bandera hat gesagt, dass Hitler es nie zulassen würde, dass die Ukraine unabhängig wird.
Hitler hat befohlen, alle zu erschießen und Bandera wurde ins KZ Sachsenhausen gebracht
und blieb dort bis 1944.“
Tatsächlich kam Bandera zeitweise ins KZ Sachsenhausen. Denn seine Männer hatten eine
freie Ukraine ausgerufen – das war den Nazis dann doch zu viel.
Bandera kam nicht in eine normale Baracke, sondern in den Zellenbau für Sonderhäftlinge
– die Nazis hielten ihn weiterhin für nützlich.
O-Ton
Prof. Günter Morsch,
Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen:
„Es gibt zwei Orte, an denen Bandera möglicherweise gewesen ist. Entweder war er in
diesem Teil, der noch erhalten ist, die Familienzellen - oder aber in den Zellen 50, 51 und
52, die hintereinander liegen. Allerdings waren die Zwischenwände herausgenommen
worden, so dass man, - naja für ein Gefängnis – ‚bequemer‘ untergebracht war.“
In so einer Zelle war er. Unüblicher war, aus einem KZ wieder freigelassen zu werden.
Bandera gelang das 1944, weil er mit den Nazis vereinbarte, erneut gegen die Sowjets zu
kämpfen.
O-Ton
Prof. Günter Morsch,
Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen:
„Er hat mit den Nationalsozialisten verhandelt und man kam zum Ergebnis, dass er ein
ukrainisches Nationalkomitee gründet im November 1944 und danach militärisch
bewaffnet an der Seite der Nationalsozialisten gegen die Rote Armee zieht.“
Am Ende des Krieges gab es sogar eine ukrainische SS-Division, der in Lemberg von
Neonazis bis heute gedacht wird. Wie hier im April 2014. Der Gelbe Löwe hier, das Wappen
der sogenannten SS Galizien – die von Deutschen kommandiert wurde.
Am Rande der Demonstration treffen wir einen Politiker der hier größten Partei. Ein
Aufmarsch zu Ehren der SS - für ihn offenbar das normalste Welt.
3
O-Ton
Jewhen Bilinski,
Stadtrat Lemberg (Swoboda):
„Ich freue mich, dass es das Kamerateam des Norddeutschen Rundfunks interessiert,
wenn viele Menschen mit Trachten durch die Straßen von Lemberg ziehen. Als ich in
München auf dem Oktoberfest war, habe ich tausende Leute in Trachten gesehen, die Bier
getrunken haben. Das freut mich ja auch!“
Stolz auf die Vergangenheit. Auf Schuldgefühle stößt man in der Westukraine selten. Auch
nicht im bestbesuchten Restaurant der Stadt: „Krievka – Der Bunker“.
O-Ton
„Die Losung?“
„Ehre der Ukraine.“
„Bist du Russe?“
„Nein!“
Das Motto: Sich fühlen wie ein Freiheitskämpfer im Zweiten Weltkrieg. Heroische Posen
inklusive. Klar ist: Der Feind steht im Osten.
O-Ton
Roman Kuchuda,
Restaurant “Der Bunker“:
„Das ist der Schießstand. Man kann ein Gewehr nehmen und auf Stalin oder Lenin oder
Beria schießen. Das sind die Anführer der Sowjetunion gewesen, die unser Land besetzt
haben.“
Klingt wie ein Partyspaß, aber einigen ist es hier ernst: die Besatzer aus Russland müsse
man genauso bekämpfen wie damals.
O-Ton
Roman Kuchuda,
Restaurant “Der Bunker“:
„Es ist jetzt an der Zeit, ein Gewehr zu nehmen, an die Front zu ziehen und für unsere
Unabhängigkeit zu kämpfen. Das macht einem zwar Angst, aber wir müssen es jetzt tun,
denn wir wollen die Unabhängigkeit jetzt.“
O-Ton
Per Anders Rudling,
Historiker, Universität Lund/Schweden:
„Im Westen feiern sie Bandera nicht für die Verstrickungen in den Holocaust. Sie erinnern
sich ausschließlich daran, dass er Stalin bekämpft hat. In der Ost-Ukraine gibt es die vielen
Stalin-Statuen. Dort denken sie bei Stalin nicht an die Hungersnöte, nicht an den Terror, sie
erinnern sich nur an den Großen Sieg und seinen Kampf gegen den Faschismus.“
Bandera, Hitler, Stalin – West gegen Ost – für alle ist jetzt Zeit, aus der Geschichte zu lernen.
4
Autoren: Johannes Edelhoff, Johannes Jolmes, Andrej Reisin, Jan Liebold, John Goetz
Kamera: Martin Bandow, Tim Scherret,
Schnitt: Alexandra Karaoulis
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Seele and Geist
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