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Luise und László, Issaka und Ruth – das sind Menschen wie du und

EinbettenHerunterladen
© Veers
L
uise und László, Issaka und Ruth
– das sind Menschen wie du und
ich. Sie leben in Süd und Nord, in Ost
und West. Sie arbeiten auf Feldern, als
Köchin, als Gemeindevorsteher, sind
promoviert oder gar nicht in die Schule gegangen. Berühmt sind sie nicht,
aber sie haben Großes geleistet! Kinder haben sie großgezogen, Felder bestellt, sich für den Frieden eingesetzt
– im Großen wie im Kleinen. Jeder auf
seine Art.
S
ie haben sich Gedanken gemacht,
was uns zusammenhält, was wichtig ist im Leben. Sie schauen zurück
und nach vorn. Und sie erzählen uns:
Wir müssen ihnen nur zuhören, um
zu verstehen, welche Schätze sie uns
mitgeben können.
D
as Projekt Global Generation
möchte älteren Menschen eine
Stimme geben. Was können wir von
ihnen lernen? Wir vergleichen ihre
Biografien in Europa und Afrika. Ihre
Erfahrungen und ihre Antworten auf
gesellschaftliche Veränderungen sind
unterschiedlich. Aber sie ähneln sich
auch: Konflikt und Versöhnung, die
Wende, das Ende der Apartheid, verschiedene Gesellschaftssysteme, das
Aufbrechen von Familienstrukturen.
Wie bleibt man sich und den eigenen
Werten treu in einer Welt, die sich so
schnell verändert?
D
iese Menschen zeigen uns, wie
sie sich engagieren für andere,
für die Gemeinschaft. Und wie sie ihre
Welt gestalten.
Deutschland
Barbara Beuchel, 73
Erinnerung an Mann und Kind
Barbara, das geliebte Kind
© Privat
» Liebesfähig – das sind
wir heute kaum noch.«
© Bärbel Maessen
I
ch war das geliebte Kind und hatte viele
und zu liebenswerten Menschen zu erzie-
Freiheiten: Es gab eine Scheune, Werk-
hen kam dabei viel zu kurz.
nd dann mein zweiter Mann, der todgeweihte Beuchel, 84 Jahre alt. Ich
weiß noch: Brahms „Requiem“ in unserer
stätten, ein Bienenhaus, Ställe, Gärten.
S
päter saß ich alleine da mit meinem
geliebten Kreuzkirche, wir Hand in Hand.
Kind ohne Examen in der Tasche. Das
So was von innig, das war ein Stück Glück-
war schlimm. Der ständige Machtkampf
seligkeit. Meine Seele hatte einen Hafen
mit dem Mann. Dabei ist das Kind auf der
gefunden. Neun Monate währte es, so lan-
Strecke geblieben. Auswandern wollte er:
ge wie ein Kind gedeiht. Nach ihm wird es
indern ein heiles Zuhause geben – das
Anderthalb Jahre hat er gesessen, Elektro-
niemanden mehr geben. Ich halte mich da-
war in der DDR anders. Die Frau muss-
schocks, das alles. Schließlich haben sie
ran. Das war die Geschichte.
Das alles stand uns Kindern zur Verfügung.
Trotz schwerer Zeiten war die Fürsorge
meiner Eltern und Großeltern eine Kraftquelle, aus der ich noch heute schöpfe.
K
U
© Privat
te ja „emanzipiert“ sein! Kinder behüten
ihn ausgebürgert.
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Deutschland
Bernd Schumacher, 68
Andenken an die Mutter
Hund Siuna
© Susanne Gärtner
© Susanne Gärtner
» Vielleicht ist meine Motivation, in den
Himmel zu kommen? Ich weiß es nicht.
Es macht halt auch Spaß. «
M
eine Großmutter war Kriegerwitwe,
sehr bestimmend und zielstrebig.
Sie hat sich durchgesetzt und Sachen voll-
I
ch bin zufrieden. Ich kann sagen: Jawohl,
im Großen und Ganzen hast du es so ge-
L
© Susanne Gärtner
ebenslanges Lernen ist mir wichtig. Aktiv sein. Aber auch Faulheit! Das gebe
macht, wie du es eigentlich machen woll-
ich offen zu. Ich habe auch Freiräume, mei-
endet. Sie hat ihr eigenes Haus gebaut. Von
test, und bist deiner Linie treu geblieben.
ne Freizeit. Und der soziale Bereich? Okay,
ihr habe ich Sparsamkeit gelernt. Finanziel-
Und wenn ich dir sage, ich unterstütze dich,
ja, man kann ja ab und zu mal etwas Sozia-
le Sicherheit war immer wichtig. Man muss
dann kannst du dich zu 99 Prozent darauf
les für andere Menschen tun.
immer etwas haben. Wirtschaftlich bin ich
verlassen. Das finde ich gut, wie ich es ma-
heute natürlich gut abgesichert. Das ist
che.
klar. Bei mir war das immer ein ansteigender Wohlstand.
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Burkina Faso
Christène Bamara, 51
Mit ihren Kolleginnen
in der Küche
Es gibt Hirsebrei
© Corinna Götting
© Corinna Götting
» Heute steht die Welt
auf dem Kopf. «
W
ir Kinder haben gearbeitet, im Busch
und auf dem Feld, Zeit zum Träumen
hatten wir nicht. Wir wollten essen.
V
D
ie Mädchen von heute wollen alle auf
die Schule, die wollen jetzt Minister
werden! Ich bin stolz, dass ich allen mei-
W
© Corinna Götting
as ich mache, wenn ich alt bin, weiß
ich nicht. Mein Knie tut schon jetzt
weh. Gott wird helfen. Ich wünsche mir,
nen Kindern eine Schulbildung ermögli-
dass auch meine Kinder helfen und dass
on meinen Großeltern habe ich ge-
chen konnte. Ich selbst koche in einer Kü-
sie mir zuhören. Sie sollen ein gutes Leben
lernt, das Land zu bestellen. Ich war
che für benachteiligte Mädchen.
haben. Auch ohne mich.
nicht auf der Schule. Wir Mädchen wollten
einen guten Mann und viele Kinder. Meine
Eltern brachten mir bei, dass ich meinem
Mann und seiner Familie gehorchen muss.
I
ch mache mir Sorgen: Die jungen Leute sind
nicht so wie früher, das Fernsehen macht
alles kaputt. Die Männer haben ständig neue
Mädchen und behandeln sie schlecht.
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Österreich
Doris Stippler, 55
Doris mit ihrer Tochter
Doris im Kindergartenalter
© Privat
© Bärbel Maessen
» Herzensbildung, Geradlinigkeit, Verlässlichkeit
und Engagement sind Grundlagen für
meinen Platz in der Gesellschaft.«
I
n meiner Kindheit gab es für berufstätige Eltern die Möglichkeit, dass die Kin-
E
s wäre für mich nie in Frage gekommen,
mein Kind in einen Ganztagskinder-
© Privat
I
ch möchte nicht beurteilen, was richtig
oder falsch ist. Aber ich freue mich, wenn
garten oder in eine Ganztagsschule zu ge-
Kinder ihre Kreativität ausleben dürfen
daran anschließend im Mehrzwecksaal Mit-
ben. Heute werden diese Einrichtungen all-
und einfach Kinder sein dürfen und wenn
tagsruhe hielten. Oh, was waren mir diese
gemein gefordert. Für Alleinerziehende ist
Jugendliche sich einbringen, mitreden und
Mittagessen und Ruhezeiten verhasst. Wie
es vielfach eine Notwendigkeit, aber auch
mitentscheiden dürfen. Ich selbst bin sehr
viele Tränen habe ich vergossen. Ich wäre
intakte Familien wollen vermehrt ihre Kin-
dankbar für meine Tochter, die sich zu ei-
viel lieber zu meiner Mama nach Hause ge-
der ganztags betreut haben.
ner selbstständigen und engagierten jun-
der im Kindergarten zu Mittag aßen und
gangen. Kinder berufstätiger Mütter waren
ge Frau entwickelt hat.
damals Schlüsselkinder und Außenseiter.
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Senegal
Fatou Gueye Diallo, 57
Bei der Arbeit
Fatou als kleines Mädchen
© Julia Ziegler
» Mein Traum ist eine Casamance, in der
© Julia Ziegler
wir Frauen uns zusammentun, um uns
gemeinsam für den Frieden einzusetzen.«
I
© Julia Ziegler
n der Not stand mir mein Vater immer zur
hen bildeten Frauen eigentlich immer eine
erst ausruhen können, wenn wir Frauen
Seite. Seine Art, ein Problem zu betrach-
Schutzmauer zwischen den Fronten. Aber
nicht mehr nur an die eigene Familie den-
ten, hat mir immer wieder geholfen, eine
damals haben sie gar nicht reagiert! Wa-
ken, sondern für die gesamte Gemeinschaft
andere Perspektive einzunehmen. Jetzt,
ren die Frauen selbst verwickelt oder ha-
Sorge tragen.
da ich meine Eltern verloren habe, fehlt
ben sie gar nicht erkannt, wie schlimm das
mir dieser Austausch sehr. Manchmal ge-
war?
rate ich deshalb sogar in Schwierigkeiten.
Heute bin ich selbst die moralische Unterstützung meiner Kinder.
I
H
I
ch möchte meinen Enkeln erzählen können, dass wir Frauen voneinander ge-
eute sorge ich dafür, dass Frauen Ein-
lernt und eine starke Bewegung gegründet
nahmequellen haben, damit sie selbst-
haben, die wie eine Welle die Casamance
ständig sind und die Bildung ihrer Kinder
erfasst, und einen dauerhaften Frieden er-
ch frage mich, wo die Frauen im Casa-
unterstützen können. Ich freue mich auf
reicht.
mance-Konflikt waren? Kulturell gese-
meinen Ruhestand, aber ich werde mich
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Ungarn
Irén Borbála Elekes
Irén und ihre
jüngere Schwester
Irén und Schwester 1955
© Privat
© Bärbel Maessen
» Immer neu zu beginnen, ist keine gute Lösung.
Wenn die Älteren ihre Erfahrungen anbieten,
sollte man gut zuhören. «
I
ch bin bei meiner Großmutter aufgewachsen. Sie erzog uns und pflegte den
Garten. Mit ihren 70 Jahren sah sie das
I
ch habe drei Töchter großgezogen und
war auch beruflich erfolgreich. Ich bin
stolz, dass ich nie meine Prinzipien verletzt
F
© Privat
rüher waren Beziehungen lebendiger
und zuverlässiger als heute. Sie waren
einfach da, obwohl es nicht so viele
Leben anders als die anderen Eltern. Sie war
habe: Ich lerne und arbeite mein Leben
Kommunikationsmöglichkeiten gab. Selbst
uns keine Sonntagsoma, sie war streng und
lang. Meinen Kindern gegenüber konnte
auf das Telefon haben wir viele Jahre
konsequent. Sie maß das Gewicht unserer
ich meine Liebe besser äußern, als meine
gewartet. Handy, Internet – das sind auch
Pflichten und brachte uns bei, uns selbst
Großmutter es konnte. Durch mein Studium
Tendenzen einer Verfremdung. Ich wünsche
viel abzuverlangen.
habe ich die Hoffnung, eine menschlichere
mir, dass die Jungen Fragen stellen lernen:
Welt schaffen zu können.
„Warum ist die Welt, wie sie ist? Wer hat sie
so gemacht? Wie sonst könnte sie sein?“
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Burkina Faso
Issaka Maiga, 72
Ehefrau und Enkelkinder
Die jungen Menschen sollen
sich zusammentun
© Corinna Götting
© Corinna Götting
» Wenn sich die Menschen
wieder zuhören, wird die
Welt besser sein. «
M
© Corinna Götting
ein Vater hat gesagt, wenn ich das
habe ich drei Frauen und 14 Kinder. Keines
ernährt. Ich konnte alle zur Schule schicken.
Dorf verlasse und in die Stadt gehe,
unserer Kinder kennt die Traditionen und
Aber jetzt sind sie alle arbeitslos. Ich bitte
Sprache der Fulbe.
Gott, dass sie Arbeit finden.
E
I
werden meine Kinder nicht die Tradition
der Fulbe kennen lernen, unsere Ethnie
wird verschwinden. Also bin ich bis zum
Tod meiner Eltern bei ihnen geblieben. Ich
igentlich wollte ich Lehrer werden, aber
das ging nicht. Ich habe nur gearbeitet,
ch wünsche mir, dass die jungen Menschen sich zusammentun. Dass sie wieder
um zu essen. Heute lese ich in den Moscheen
gemeinsam auf den Dörfern leben. Als Ge-
Ouagadougou gearbeitet. Als ich etwas Geld
den Koran. Ich bin glücklich, dass ich mit dem
meinschaft werden sie Kräfte sammeln, Gott
zusammen hatte, habe ich geheiratet. Heute
Koran arbeiten darf und er meine Kinder
wird sie speisen. Das Glück wird siegen.
habe dann als Bauarbeiter in der Hauptstadt
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Senegal
Julien Bassène Dimasse, 72
Mit Ehefrau im Garten
Julien in jungen Jahren
© Julia Ziegler
© Julia Ziegler
» Selbst im tiefen Schlaf
höre ich das Wort Frieden
und werde sofort hellwach. «
A
ls unser Dorfchef schon sehr alt war,
brauchte er einen Nachfolger. Als
D
amals
wurden
Unschuldige
sind. Man tötet oder vergewaltigt keine
getötet. Unsere Kinder haben alles
Frau! Heute haben die Männer nicht mehr
Aber
viele
© Privat
einziger Intellektueller im Dorf fühlte
miterlebt.
unseren
Enkelkindern
den gleichen Respekt vor den Frauen. Der
ich mich dazu verpflichtet. Aber weder
werden wir niemals erzählen können, was
Krieg ist Schuld daran. Während des Krieges
mein Großvater noch mein Vater waren
wir alles mitgemacht haben! Man muss
fanden nicht die wichtigen Zeremonien
Dorfchefs, das hatte keine Tradition in
ihnen stattdessen sagen, dass man niemals,
statt, in denen wir unsere kulturellen Werte
unserer Familie. Dazu kam der Casamance-
niemals aber auch gar niemals für den Krieg
vermitteln. Die Kinder sind anders als wir.
Konflikt: Mehrfach wurde ich verhaftet,
sein darf.
zutiefst gedemütigt und bin nur knapp dem
Tod entkommen. Nie werde ich zulassen,
dass mein Sohn Dorfchef wird!
I
ch habe noch gelernt, dass Frauen heilig
sind, vor allem, wenn sie schwanger
V
ielleicht, vielleicht werden unsere
alten Bräuche wieder zurückkommen.
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Österreich
Karl Resetaritz, 73
Brotzeit auf dem Berg
Karl ist gelernter Tischler
© Privat
© Bärbel Maessen
» Zeit und Raum verändern sich.
Beständig sind nur Werte, die sich
an der Schöpfung orientieren.«
M
ein Vater war im Krieg. Meine Mutter
bekam Arbeit auf einem Bauernhof
F
rüher besaßen wir nur so viel, wie wir
unbedingt zum Leben brauchten. Wir
H
© Privat
eute hat sich das Konsumieren durchgesetzt. Man meint, alles sei käuflich.
in Mauthausen, so zogen wir in die direkte
mussten immer fleißig und erfinderisch
Das steht aber der inneren Zufriedenheit
Nachbarschaft des KZ. Das, was wir dort sa-
sein. Aber alleine waren wir dabei nie. Wir
im Wege. Was ich den jungen Leuten sagen
hen, machte uns Kinder sprachlos. Und wir
waren aufeinander angewiesen, die Ver-
möchte ist: Habt ein Ziel und haltet Maß.
mussten schweigen. Mein Vater kam dann
bundenheit mit Familie und Dorf war spür-
Die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit
1947 aus der Gefangenschaft zurück, und
bar. Mir hat das immer gut gefallen.
lohnt sich! Für den Frieden mit sich selbst
wir konnten in unsere Heimat zurückkeh-
und mit anderen.
ren. Was ich in meiner Kindheit gesehen
habe, lässt mich bis heute nicht los. Diese
Zeit möchte ich nie wieder erleben!
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Deutschland
Katharina Juhl, 63
Abschied von der Arbeit
Schulkind Katharina
© Privat
© Bärbel Maessen
» Ich wünsche mir eine Welt, in der sich jeder Mensch
fragen kann: Wofür lohnt es sich, morgens um sechs
aufzustehen und sich so richtig reinzuschmeißen?
«
I
D
© Privat
amals habe ich nach Lust und Laune
schungen mitgemacht und muss mich jetzt
studiert, ohne darüber nachzudenken,
fragen, wie ich die Augen so verschließen
tel Beziehung ist nicht so geworden, wie
ob ich das später mal verkaufen kann. Heu-
konnte. Das hatte vielleicht damit zu tun,
ich es mir gewünscht habe, aber ich habe
te gibt es diesen Zwang zur Selbstvermark-
dass wir im Westen mit all diesen alten Na-
gute Freunde, hatte eine tolle Arbeit und
tung. Man begreift sich selbst als Ware, die
zis aufgewachsen sind; in der Schule und
bin gesund. Ich bin zur richtigen Zeit auf
man präsentieren muss.
überall. Was bleibt, wenn die ganzen Uto-
ch bin glücklich, wie sich alles in meinem Leben gefügt hat. Das ganze Kapi-
pien platzen? Ein bisschen Gewerkschafts-
die richtigen Themen und Menschen getroffen. Das ist nicht nur Zufall, man muss
auch die Hand aufhalten, wenn man etwas
angeboten bekommt.
F
rüher gehörte ich zu denen, die hofften,
arbeit, ein Wohnprojekt und ein kleiner
dass in der DDR das bessere Deutsch-
Verein, der sich um Patientenrechte küm-
land entsteht. Ich habe all diese Enttäu-
mert.
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Südafrika
LangalaseMbo Mkhize, 63
Der Chief
Unterwegs mit seinen
Enkelkindern
© Val Adamson
© Val Adamson
» Ich sage Ihnen:
Nichts geht über Respekt! «
E
s hat sich viel verändert. Früher kam
das Essen vom Feld. Wir hatten gutes
Land, viel Regen und viele Rinder. Wir ha-
W
ir können aber nicht in der Vergangenheit leben und müssen nach Vor-
ne schauen.
ben niemals Dünger verwendet, und die
Menschen waren gesund. Alle wurden satt.
Heute hungern die Menschen, sie sind häufiger krank. Alles hängt vom Geld ab. Hast
du keins, hast du auch kein Essen.
J
© Val Adamson
etzt ist Frieden: Menschen, die sich früher gar nicht verstanden, lächeln sich
jetzt auf der Straße an. Ich weiß nicht, wie
ich es beschreiben soll …
I
ch erinnere mich auch an die Apartheid,
und die Erinnerung schmerzt sehr: Den
Unterschied zwischen Gut und Böse kannte
H
eute bin ich Chief. Ich begegne meinen Leuten mit Respekt und sie mir.
man nicht mehr. Wir wurden von den
Ich wünsche mir, dass die Zulu-Tradition
weißen Chefs verprügelt, egal, ob wir gut
wieder eine größere Rolle spielt, dass die
oder schlecht gearbeitet haben. Das war
Kinder Respekt vor den Alten lernen und
Sklaverei.
auch vor dem Land, auf dem sie leben.
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Ungarn
László Kygióssy, 63
Beim 90. Geburtstag
von Lászlós Mutter
László früher –
das Lächeln wie heute
© Privat
» Arbeit ist Leben.
© Bärbel Maessen
Ohne Arbeit sind wir verloren,
das Leben wird leer. «
D
en grenzenlosen Tatendrang habe ich
von meinen Großeltern. Ich arbeite als
Stadtführer in Budapest. Ich liebe meine
M
ir ist es wichtig, systemisch zu denken. Alles hängt mit allem zusammen.
A
© Privat
ber heute kann man unbegrenzt reisen! Wenn ich die Grenze überschrei-
Wir müssen uns von Anfang an über die
te, krampft sich mein Magen nicht mehr
Arbeit – darüber bin ich glücklich. Mit der
Konsequenzen unseres Handelns bewusst
zusammen. Man muss noch nicht mal mehr
Zeit wurde die Arbeit wie ein Spielzeug in
sein. Für mich ist Umweltschutz ganz wich-
anhalten.
meiner Hand. Die Arbeit ist mein Hobby,
tig. Früher war es besser: Zum Beispiel ha-
und mein Hobby ist meine Arbeit.
ben Parkwächter die Anlagen gepflegt und
Jugendliche zur Ordnung gerufen.
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Österreich
Luise Rupert, 64
Picknick mit der Familie
Luise war schon früher
kontaktfreudig
© Privat
© Bärbel Maessen
» Das Wort ‚Bescheidenheit‘ hat heute keinen guten
Klang. Aber sich zu bescheiden auf einfachere
Dinge, kann das Leben glücklicher machen.
«
F
© Privat
rüher war es insgesamt einfacher.
Mutter von drei fast erwachsenen Kindern
lernt, was Armut bedeutet. Diese weltwei-
Man hat sich leichter orientieren kön-
noch Erwachsenenbildnerin geworden bin
te Ungerechtigkeit bedrückt mich sehr. Ich
nen. Heute ist die Vielfalt so groß, dass es
und somit eine ähnliche Funktion ausüben
wünsche mir von den jungen Menschen,
schwierig ist, seinen Weg zu finden.
kann, darüber bin ich glücklich. Es macht
dass sie aus unseren Fehlern lernen: Man
mir sehr viel Freude und bereichert mein
kann nicht immer noch mehr und noch grö-
arum ich nicht Lehrerin geworden
Leben, mit Frauen auch aus anderen Län-
ßer werden! Sie sollen lernen, dass man
bin, wie ich eigentlich wollte? Als
dern und Kulturen in Kontakt zu kommen!
trotzdem ein gutes Leben haben kann,
W
junges Mädchen habe ich mir das einfach
nicht zugetraut. Niemand hat mir Mut gemacht oder mich unterstützt. Dass ich als
auch ohne ein immer besseres Auto oder
M
it meinem Mann war ich ein halbes
ein größeres Haus.
Jahr in Indien. Wir haben kennen ge-
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Guinea/Deutschland
Oumar Diallo, 57
Oumars Söhne und Töchter
Oumar, 10 Jahre alt
© Privat
» Dasein für den anderen,
etwas zu verschenken – das ist
das größte Gut. «
F
© Privat
© Privat
S
chon als Kinder haben wir gelernt, an
rüher in Guinea war das bei uns so: Ein
gebracht worden. Dann fiel die Mauer. Wer
Stück Fleisch lag auf dem Tisch. Mein
war jetzt zuständig? Niemand. Wir haben
Bruder sagte: „Das ist für dich.“ Und ich
davon gehört und sie zu uns geholt. Wir
sagte: „Nein, das ist für dich!“ Dann ist das
wohnten im vierten Stock ohne Fahrstuhl
was ich hier mache, habe ich von meinem
Stück liegen geblieben.
und haben sie getragen. Das war einfach so.
Vater gelernt. Ich möchte Verantwortung
I
D
uns selbst zu glauben: Heute bin ich
Leiter des Afrika-Hauses in Berlin. Alles,
übernehmen und etwas schenken. Ich
ch habe zwei Töchter und zwei Söhne. Mit
der Wende kam noch eine Pflegetochter
ass ich heute hier lebe, habe ich auch
wünsche mir, dass alle Afrikaner einen
meiner Großmutter zu verdanken. Sie
Platz in dieser Stadt bekommen.
hinzu. Sie war als 16-Jährige mit einer
war eine so schöne Frau, dass ein Franzose
Schussverletzung von Guinea in die DDR
sie geheiratet hat.
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Südafrika
Ruth Lindiwe Mseleku, 59
Ruth mit ihren Kindern
Vor ihrem Haus aus Stein
© Val Adamson
© Val Adamson
» Ich vermisse meinen Mann sehr. Wenn ich mein
Bett mache, lege ich zwei Kissen hin. Manchmal
vergesse ich, dass er nicht mehr da ist.
«
M
orgens, bevor wir Kinder zur Schule
gingen, kochten wir Mais und Bohnen.
D
iese Liebe konnte ich auch meinen
Kindern weitergeben: Als ihr Vater
S
© Val Adamson
chon als ich klein war, sind wir um vier
Uhr morgens aufgestanden, um im Gar-
Als wir dann aus der Schule kamen, aßen
starb, habe ich sie nicht verstoßen. Nun bin
wir, und es wurde viel getanzt. Am Abend
ich Vater und Mutter gleichzeitig. Ich habe
heute mache ich das noch ganz genauso.
brannten viele Feuer. Es war schön damals!
sechs Kinder – einige von anderen Müttern,
Ich bin es gewohnt, sehr hart zu arbeiten.
Ich habe meinen Eltern viel zu verdanken.
die gestorben sind. Wieder heiraten wollte
Sie haben auf mich aufgepasst, ich wusste,
ich nicht, aus Respekt. Meine Kinder wären
mich zu benehmen, und habe Respekt ge-
aufgebracht gewesen, hätten sie mich mit
lernt.
einem anderen Mann gesehen.
ten zu arbeiten. Ich kenne es nicht anders,
F
rüher waren wir sehr arm. Heute haben
wir ein wunderschönes Haus aus Stein
– und das habe ich ohne Mann geschafft!
Schade, dass mein Mann das nicht mehr erleben darf.
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Haiti/Deutschland
Wilfrid Edouard, 71
Kinder präsentieren
ihre Drachen
Wilfrid fährt noch häufig
nach Haiti
© Privat
© Julia Wiebecke
» Ein Drachenfest für
traumatisierte Kinder in
Haiti – das war erfolgreich. «
M
© Julia Wiebecke
N
eine Großeltern waren Bauern. Mei-
Schulbildung und das Studium zu bezah-
ne Großmutter konnte weder lesen
len. Sie erinnerte mich immer daran, dass
noch schreiben, aber sie war sich über die
sie mir keine andere Erbschaft hinterlas-
Drachenfest für 150 traumatisierte Kin-
Bedeutung von Bildung sehr bewusst. Des-
sen kann als Bildung. Auch ich habe das
der organisiert. Die Kinder sollten etwas
halb schickte sie meine Mutter zur Schule.
meinem Sohn mitgegeben.
Kreatives machen, sich gegenseitig helfen,
S
S
ach dem großen Erdbeben in Haiti
habe ich in meiner Heimatstadt ein
mal lachen und Spaß haben. Das hat mich
echs Monate vor meiner Geburt starb
mein Vater bei einem Unfall. Weil ich
ohne Vater aufgewachsen bin, musste meine Mutter sehr hart arbeiten, um mir meine
eitdem ich im (Un-)Ruhestand bin, ar-
glücklich gemacht.
beite ich als Mediator in Schulen. Ich
zeige den Kindern, wie sie Konflikte ohne
Gewalt lösen können.
Lebenslinien. Menschen in Afrika und Europa
Projektpartner von
BOCS Foundation, Ungarn
BOCS arbeitet seit 1975 zu Globalem Lernen, Gerechtigkeit, Frieden, Umweltschutz,
internationaler Entwicklung, Menschenrechten/Frauenrechten und Familienplanung auf
lokaler, nationaler und internationaler Ebene.
www.bocs.eu
Brücke/Most-Stiftung, Deutschland
Die Brücke/Most-Stiftung trägt seit 1997 zur Kooperation zwischen Deutschland und den
ostmitteleuropäischen Ländern bei. Kulturelle Veranstaltungen, Bildungsangebote und
Publikationen fördern die interkulturelle Verständigung.
www.bruecke-most-stiftung.de
Südwind, Österreich
Südwind setzt sich seit über 30 Jahren für eine nachhaltige globale Entwicklung,
Menschenrechte und faire Arbeitsbedingungen ein. Mit Aktionen, Kampagnen und
Bildungsarbeit engagiert sich Südwind für eine gerechtere Welt.
www.suedwind.at
Weltfriedensdienst e.V., Deutschland
Der Weltfriedensdienst ist eine friedens- und entwicklungspolitische Organisation mit über
50 Jahren Erfahrung. Der WFD unterstützt Basisinitiativen in Afrika, Lateinamerika und im
Nahen Osten und stößt mit seiner Bildungsarbeit auch im Norden Entwicklungsprozesse an.
www.wfd.de
Global Generation wurde als Projekt der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“
ausgezeichnet.
Diese Ausstellung wurde mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union, des
Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und des
Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) erstellt.
Für den Inhalt der Ausstellung ist allein der Weltfriedensdienst e. V. verantwortlich; er gibt
unter keinen Umständen die Position der Europäischen Union wieder.
Grafik: Nikola Schiekel, Tobias Schmid / Redaktion: Katrin Miketta, Wera Tritschler (WFD)
www.global-generation.org
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Seele and Geist
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