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Die Zeit - Literaturbeilage : Wie Menschen gebrochen wurden

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Die Zeit − Literaturbeilage : Wie Menschen gebrochen wurde
Die Zeit, Hamburg, Germany
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DIE ZEIT
51/2004
Wie Menschen gebrochen wurden
Endlich veröffentlicht: Paul Martin Neuraths frühes Zeugnis des NS−Lagerterrors
Von Hans−Martin Lohmann
Die literarischen Parallelen sind verblüffend. Wie sich Gregor Samsa eines Morgens »zu einem ungeheueren
Ungeziefer verwandelt« findet oder wie Josef K. eines Morgens verhaftet wird, »ohne daß er etwas Böses
getan hätte«, so erlebt auch ein junger Mann aus Wien die absurde Situation: »Eines Morgens hämmert die
Gestapo an seine Tür oder kommt an seinen Arbeitsplatz, nimmt ihn ohne weitere Erklärung mit, und bald
darauf findet er sich in einem Konzentrationslager wieder. Warum er dort ist, kann er nur raten.«
Dass Kafkas Werk die moderne Ordnung des Terrors literarisch bis ins Einzelne antizipiert habe, gilt
inzwischen als Gemeinplatz. Kaum irgendwo sonst aber wird dieser Befund präziser bestätigt als in einem
Buch, das erst jetzt, rund sechzig Jahre nach seiner Entstehung, das Licht der Öffentlichkeit erblickt: in Paul
Martin Neuraths Dissertation Die Gesellschaft des Terrors.
Neurath, Jahrgang 1911 und Sohn des Philosophen Otto Neurath, eines der führenden Köpfe des Wiener
Kreises, erlebte seine politische Sozialisation im Milieu des »Roten Wien« der zwanziger und dreißiger Jahre.
Neben dem Jurastudium nahm er an Lehrveranstaltungen in Soziologie, Psychologie, Ökonomie und
Geschichte teil. Als er kurz nach dem »Anschluss« Österreichs ans Deutsche Reich von der Gestapo
festgenommen wurde, hatte er gerade drei Wochen seines Gerichtsjahres hinter sich, das zur
Vervollständigung seiner Ausbildung zum Juristen nötig war.
Am 1. April 1938 kam Neurath mit dem ersten Transport von 150 Österreichern in das KZ Dachau, im
September wurde er mit einer Gruppe anderer Häftlinge ins Lager Buchenwald überstellt Kategorie:
Politischer Jude und im Mai 1939, also noch vor Kriegsausbruch, entlassen, weil er offenbar über ein
Ausreisevisum verfügte. Dass Neurath die brutalen Bedingungen des Lagerlebens überstand, verdankte er
nicht zuletzt seiner Jugendlichkeit und robusten körperlichen Verfassung. Über Schweden gelangte er
schließlich Anfang Juni 1941 in die Vereinigten Staaten, wo er sich an der New Yorker Columbia University
unverzüglich auf das Studienfach Soziologie warf. Dort entstanden in relativ kurzer Zeit die Grundzüge seiner
geplanten Dissertation über seine Erlebnisse und Erfahrungen in Dachau und Buchenwald. Es dauerte bis zum
Jahr 1951, dass Neurath die Schrift als soziologische Dissertation einreichte. Im Druck erschien sie nicht.
Im Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert liest man Neuraths Arbeit eine Mischung aus
persönlicher Erinnerung und wissenschaftlicher Beobachtung natürlich in erster Linie als historisches
Dokument. Noch während des Krieges entstanden, gehört sie neben den Erfahrungsberichten von Bruno
Bettelheim (Individual and mass behavior in extreme situations, 1943), Viktor Frankl (Ein Psychologe erlebt
das Konzentrationslager, 1946), Eugen Kogon (Der SS−Staat, 1946) und Benedikt Kautsky (Teufel und
Verdammte, 1946) zu den frühesten Zeugnissen über das NS−Lageruniversum. Allerdings wurde das
öffentliche Interesse an der Aufklärung über die Realitäten des Lagersystems sehr bald durch zwei Faktoren
gedämpft: Zum einen okkupierten die unmittelbar nach Kriegsende veröffentlichten schockierenden Fotos von
Verbrennungsöfen und Leichenbergen ermordeter KZ−Häftlinge die Erinnerungen der Zeitgenossen und
drängten nüchterne »Sachberichte« wie die Kogons und Frankls in den Hintergrund. Zum andern sorgte die
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Konstellation des Kalten Krieges dafür, dass das öffentliche Interesse an den Lagern bald erlahmte und sich
anderen Themen zuwandte. Man braucht nur an die immensen Schwierigkeiten zu erinnern, die Raul Hilbergs
Forschungen und der Publikation seines bahnbrechenden Werkes The Destruction of European Jews (1961, in
der Bundesrepublik erst 1982) entgegenstanden.
Als Objekt von Misshandlung jederzeit verfügbar
Neuraths Innenansichten von Dachau und Buchenwald noch vor Kriegsbeginn entwerfen ein anderes Bild der
Lager als jene Berichte, die auf Erfahrungen in den später eingerichteten Vernichtungslagern zurückgehen,
etwa die von Primo Levi und Jean Améry. Zwar beschreibt auch Neurath detailliert all die Demütigungen und
Leiden, denen er und seine Mithäftlinge ausgesetzt waren. Aber die zweifellos grausamen Umstände lassen
sich doch nicht mit denen vergleichen, die ab 1941/42 in den Vernichtungsstätten herrschten.
Gleichwohl lässt sich bei den nicht zu verwischenden Unterschieden ein Faden aufweisen, der sich in allen
NS−Lagertypen wiederfindet. Es ist die Kontinuität einer ganz bestimmten Ordnung des Terrors (so der Titel
der systematischen Untersuchung von Wolfgang Sofsky aus dem Jahre 1993), die der Nationalsozialismus als
absolutes Machtsystem etablierte. Zu dieser Ordnung gehörten die Brechung der individuellen Persönlichkeit,
die totale Kontrolle von Raum und Zeit, strikte soziale Hierarchisierung und Klassifikation, schließlich das
Diktat der Arbeit, seis als produktive, seis als sinnlose Verrichtung bis hin zur »Vernichtung durch Arbeit«,
sowie die jederzeitige Verfügbarkeit des Häftlings als Objekt von Misshandlung und Mord »gut
durchorganisierte Routine«, notiert Neurath.
Wie in die Welt der Erzählungen Franz Kafkas verschlagen
Die Präzision von Kafkas literarischer Fantasie bewährt sich durchaus. Etwa wenn Neurath schreibt, es sei
zwar ein Grund für Prügel, wenn man als Krimineller ins Lager komme. Aber wenn man nicht wisse, warum
man ins Lager geschickt wurde, sei das genauso ein Grund für Misshandlungen. »Die Schuld ist immer
zweifellos«, sagt der Offizier in Kafkas Erzählung In der Strafkolonie über den Sträfling.
Paul Martin Neurath, der am 3. September 2001 starb, war einer der frühesten Chronisten des
NS−Lagerterrors, der es nicht dabei beließ, seine persönlichen Erfahrungen zu berichten, sondern darüber
hinaus den Anspruch erhob, dem System, der sozialen Struktur des Konzentrationslagers auf den Grund zu
gehen und dessen eigentümliche »Ordnung« mit wissenschaftlichen Mitteln zu fassen. Vieles von dem, was in
der Gesellschaft des Terrors an frühen Erkenntnissen und Einsichten niedergelegt ist, hat auch heute noch
Bestand.
Die Gesellschaft des TerrorsPolitisches Buch Innenansichten der Konzentrationslager Dachau und
Buchenwald; aus dem Englischen von Hella Beister; hrsg. von Christian Fleck und Nico StehrPaul Martin
NeurathBuchSuhrkamp Verlag2004Frankfurt a. M. 200429,80461
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