close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

1 SWR2 Tandem - Manuskriptdienst Stolpersteine – unzumutbar

EinbettenHerunterladen
2
SWR2 Tandem - Manuskriptdienst
Stolpersteine – unzumutbar?
Wie die Diskussion um die Erinnerung Villingen-Schwenningen spaltet
AutorIn:
Rebekka Braun
Redaktion:
Ralf Kröner
Regie:
Günter Maurer
Sendung:
Donnerstag, 20.02.14 um 10.05 Uhr in SWR2
__________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte der Sendungen SWR2 Tandem auf CD können wir Ihnen zum größten Teil
anbieten.
Bitte wenden Sie sich an den SWR Mitschnittdienst. Die CDs kosten derzeit 12,50 Euro pro
Stück. Bestellmöglichkeiten: 07221/929-26030.
Einfacher und kostenlos können Sie die Sendungen im Internet nachhören und als Podcast
abonnieren:
SWR2 Tandem können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter
www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/tandem.xml
Kennen Sie schon das neue Serviceangebot des Kulturradios SWR2?
Mit der SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des
SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen.
Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen
Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert.
Jetzt anmelden unter 07221/300 200 oder swr2.de
___________________________________________________________________
1
MANUSKRIPT:
Atmo 1 (Straße, stehen lassen unter Sprechertext bis O-Ton 3)
Autorin: Ein kalter Schwarzwaldwind weht uns ins Gesicht. Ludwig Lazzer, seine
Lebensgefährtin Lisa Boulton und ich stehen in der Villinger Gerberstraße.
Ludwig Lazzer trägt einen schicken schwarzen Herrenmantel. Lisa Boulton
hat bequeme Turnschuhe angezogen, ihre lackierten Fingernägel glänzen in
der Sonne. Dass beide über 80 Jahre alt sind, sieht man ihnen nicht an.
Als die beiden Kinder waren, war die Sparkasse gegenüber ein Bunker, und
über dem Edelstein-Laden daneben gingen jüdische Männer und Frauen
beten. Die 81-jährige Lisa Boulton hat besondere Erinnerungen an die
Gerberstraße:
O-Ton1 (Lisa Boulton)
Des war mein Schulweg in die Mädchenschule. Und hier kam dann die
Margarethe dazu. Die war natürlich um einiges größer als ich, weil sie älter
war. Und ich fand des halt ganz toll, dass die sich mit mir unterhalten hat, mit
mir kleinem Knopf, und was die schon alles gewusst hat, sie war ja älter und
ich hab da ganz gerne zugehört und auf einmal war sie nicht mehr da.
Autorin: Margarethe Schwarz war Jüdin. Das wusste Lisa Boulton damals aber
nicht. Das hat sie erst Jahre später erfahren. Eines Tages wartete Lisa
vergeblich auf die Schulfreundin. Und niemand erklärte ihr, wo Margarete
geblieben war.
Lisa Boulton erinnert sich, dass jüdische Bürger in der Kleinstadt Villingen
nicht ungewöhnlich waren. Ihre Eltern gingen z.B. bei ihnen einkaufen. Juden
waren Ladenbesitzer, Viehhändler und Buchhalter. Sie engagierten sich in
der Fasnet und im Fußballverein, ohne dass es jemanden gestört hätte. Auch
Ludwig Lazzer, erinnert sich, dass er als Kind mit dem Begriff „Jude“ gar
nichts anfangen konnte.
O-Ton 2 (Ludwig Lazzer)
Ich war ja ein Kind mit zehn Jahren – zwölf waren wir alt, als der Krieg rum
war – ich weiß nicht, ob ich einen jüdischen Mitschüler hatte – das hat einen
gar nicht so beschäftigt. Nur nachher, im Alter von 16, 17, wo man hätt‘
anfange begreife, welches Unrecht, was passiert war, des war dann ein
Schock.
Autorin: Als Kinder hatten sie nicht mitbekommen, dass der jüdische Betsaal am 9.
November 1938 zerstört wurde. Dass jemand die Tora aus dem Fenster
warf. Dass Margarethes Vater nach Dachau verschleppt wurde. Sie hatten
nicht mitbekommen, dass das Klavier auf dem Margarethe gespielt hatte,
beschlagnahmt und öffentlich versteigert wurde. Aber obwohl sie damals erst
6, 7 Jahre alt waren, fühlen sich Lisa Boulton und Ludwig Lazzer
verantwortlich. Offen geben sie zu, dass ihre Familien nationalsozialistisch
eingestellt waren. Auch deshalb wünschen sie sich, dass vor der
Gerberstraße 33 Stolpersteine verlegt werden.
2
O-Ton 3 (Lisa Boulton)
Ich finde, das ist das Mindeste, was wir tun können, das Allermindeste. Was
wäre da jetzt, wenn da so ein Stein wäre? Wir können uns noch erinnern! Es
soll doch für die sein, die nach uns kommen, dass die sich auch erinnern!
Und das ist doch das Mindeste, was man diesen Menschen im Nachhinein
an Ehre erweisen kann. Ich kann auch inzwischen nicht mehr mit Leuten
diskutieren, die da so negativ eingestellt sind, die sind auch unbelehrbar.
Atmo 2 (Café)
Autorin: Damit meint Lisa Boulton z.B. die Fraktionsvorsitzende der CDU im
Gemeinderat. Renate Breuning stimmte bereits 2004 gegen die Verlegung
der Stolpersteine und im November 2013 lehnte sie den Antrag ein zweites
Mal ab. Ich treffe mich mit ihr in einem Cafe in der Fußgängerzone. Und ich
bin froh, dass sie kommt. Interviewanfragen von auswärtigen Journalisten hat
sie mehrfach abgelehnt. Ich merke ihr schon bei der Begrüßung an, dass die
Stolpersteindiskussion und die deutschlandweite Berichterstattung darüber
sie belasten. Den Beweis liefert sie mir wenig später in einem mitgebrachten
Ordner. Er enthält sämtliche Stellungnahmen zu dem Thema und viele Briefe
und E-Mails, in denen die CDU-Gemeinderätin persönlich beschimpft wird.
Ich lese „Igitt“, „Pfui“, und „Schämen Sie sich nicht?“. Trotz aller Kritik –
Renate Breuning ist und bleibt eine Gegnerin der Stolpersteine.
O-Ton 4 (Renate Breuning)
Meine persönlichen Gründe sind erstens, dass man nicht der Bevölkerung
vorschreiben kann, wo sie zu gedenken haben. Ich bin der Meinung, dass
man die jetzigen Hausbesitzer nicht irgendwo stigmatisieren darf – damit „aha
hier sind ehemalige jüdische Häuser“ und ich bin auch der Meinung dass die
Hausbewohner nicht über die Maßen belastet werden dürfen. Stellen Sie sich
vor, Sie gehen aus ihrem Haus heraus, morgens mittags abends, sie kommen
zurück, jedesmal Ihre Gäste müssen immer über die Steine und müssen sich
dieser Erinnerung stellen.
Autorin: Aber wir müssen das doch alle als Deutsche! Ist diese Zumutung
nicht zumutbar? Wenn man denkt, was diese Leute mitgemacht haben?
Breuning: Gar nichts kann man vergleichen mit dem, was Juden angetan
wurde. Keine Frage. Aber wir sind jetzt so viele Jahre danach. Ich meine wir
haben eine Gedenkkultur in Deutschland. Wir wissen, dass man das nicht
vergessen kann. Aber müssen wir einige wenige so in die Pflicht nehmen? Ihr
müsst euch bei jedem Rein- und Rausgehen daran erinnern!
Atmo 2 (Café) wieder einblenden
Autorin: Ein paar Leute im Cafe sehen sich nach uns um – offensichtlich hören sie
unserem Gespräch interessiert zu. Renate Breuning ist eine leidenschaftliche
Politikerin. Im Gemeinderat ist sie für ihre klaren Statements bekannt und
dafür, dass sie eine Überzeugung niemals über Bord wirft. Und auch bei der
Stolperstein-Debatte verlässt sie sich darauf, dass sie die Haltung, die sie vor
Jahren eingenommen hat, jetzt nicht revidieren muss.
3
O-Ton 5 (Renate Breuning)
Mich hat vor allen Dingen empört, dass diejenigen, die die Sache jetzt wieder
angeleiert haben, oder ins Gespräch gebracht haben, dass die nicht bereit
sind, einen demokratisch gefassten Gemeinderatsbeschluss zu akzeptieren.
Die können anderer Meinung sein. Die können auch sagen, ich sitze auf dem
falschen Dampfer. Aber dass sie einfach nicht akzeptieren wollen, dass die
Mehrheit des Gemeinderats so entschieden hat, das finde ich empörend.
Atmo 2 (Café) wieder einblenden
Autorin: Wie viele Villinger so denken wie sie, ist schwer zu sagen. Wenn das
Mikrofon ausgeschaltet ist, gibt es mehr Zustimmung für Renate Breunings
Meinung als in einer Umfrage bei offenem Mikrofon oder vor laufender
Kamera. Die Gemeinderäte, die „Nein“ zu den Stolpersteinen gesagt haben,
sehen sich deshalb auch als Vertreter der stillen Gegner und vor allem als
Anwälte der Hausbesitzer, die ihrer Meinung nach, unter öffentlichen Druck
geraten würden. Eine Frage scheint mir dabei aber entscheidend.
O-Ton 6 (Renate Breuning)
Autorin: Haben Sie denn mal mit Hausbewohnern gesprochen, die betroffen
wären, sagen die, „ja das wäre für uns eine Belastung“?
Breuning: Ich habe nicht neu mit Hausbewohnern gesprochen. Aber es ist ja
bekannt, dass hier in der Gerberstraße, wo der Betsaal war, die Leute
damals – Ende der 60er Jahren – sollte da eine Gedenktafel angebracht
werden, und die haben das abgelehnt. Ich weiß, dass 2004 ein Hausbesitzer
damals gesagt hat, nein, er sei dagegen.
Autorin: Doch wie denken die Hausbewohner zum Beispiel in der Gerberstraße 33 –
dort wo das jüdische Mädchen Margarethe Schwarz lebte und wo sich der
Betsaal befand? Nach dem Gespräch mit Renate Breuning gehe ich noch
einmal dorthin. Alle Fenster im Haus Nr. 33 sind dunkel – nur unten im
Edelstein-Laden brennt noch Licht. Der Ladenbesitzer trägt einen grauen
Strickpullover und hat einen Pferdeschwanz. Kurz vor Ladenschluss hält er
mir freundlich die Tür auf und ich darf ihn fragen, wie er und seine Frau die
jüdische Vergangenheit dieses Hauses empfinden.
O-Ton 7
Ne Belastung ist es nicht, es ist ein Teil der Geschichte. Es ist nicht so, dass
man sich tag-täglich das immer wieder ins Bewusstsein holen muss. [Ehefrau]
Wir wissen, dass sie hier gelebt haben, und wir kennen auch deren
Geschichte und wir sind auch der Meinung, dass man die Geschichte
durchaus ehren muss.
Autorin: Das Paar müsste täglich über die Steine gehen, die an die Familie Schwarz
erinnern, wenn sie denn verlegt würden. Bisher habe sie aber noch niemand
danach gefragt.
O-Ton 8
Das mag sicherlich sein, dass es den ein oder anderen Kunden stört – aber
ich denk', das sind Dinge, damit muss man einfach leben. Es gibt sicherlich
andere Bauten vielleicht oder Einrichtungen, wo sich der ein oder andere
4
auch definitiv dran stört. Sei es, was die Architektur angeht oder vielleicht die
Farbe. Also das sind bestimmt merkwürdige Kriterien, wenn jemand sagt, da
ist ein Stolperstein, da möchte ich jetzt nicht einziehen. Das kann ich so nicht
nachvollziehen.
Autorin: Die einzigen Hausbesitzer, die sich in der öffentlichen Diskussion zu Wort
gemeldet haben, sind Monika und Ulrich Merkle. Ihnen gehört ein Haus in
der Rietstraße 43.
O-Ton 9 (Merkle)
Wir als Familie Merkle haben uns klar für diese Aktion entschieden. // Wir
haben ja noch Kontakte mit der Familie Schwab bis zum heutigen Tag und
warum soll man denn nicht an die erinnern, die eigentlich hier gewohnt
hätten, wenn das mit dem Nationalsozialismus nicht gewesen wäre? Warum
denn nicht? Und diese Stolpersteine find ich eine gute Form. Also für mich,
sind die ne gute Form.
Autorin: Bis 1940 lebte die jüdische Familie Schwab in der Rietstraße 43.
Monika und Ulrich Merkle würden die Steine gerne verlegen lassen. Wie ihre
Mieter darüber denken, wissen sie allerdings nicht, noch haben sie sich nicht
getraut zu fragen. Das Thema scheint doch heikel zu sein, merke ich.
Atmo 4 Fußgängerzone (am Riettor) unter Text einblenden
Autorin: Das Haus in der Rietstraße 43 liegt in der Innenstadt von Villingen. Es ist
mir schon beim Stadtrundgang aufgefallen, den ich mit Lisa Boulton und
Ludwig Lazzer unternommen habe.
Es ist ein historisches Gebäude und grenzt an die Stadtmauer und den
Rietturm.
O-Ton 10 (Lisa Boulton)
Also ich bin als sechsjähriges Mädchen mal diese Stufen hier hoch vom
Turm. Und da hat mich die Polizei runtergeholt und da hab ich den Hintern
versohlt gekriegt. Aber ich hab halt gemeint, des wär‘ toll, dass ich da jetzt
rauf geh‘.
Autorin: Während Lisa Boulton als unbekümmertes Kind auf der gefährlichen
Turmstiege herumturnte, zitterte Familie Schwab vor der Deportation. Sie
wohnte nur wenige Meter entfernt. Zwei Familienmitglieder waren bereits für
einige Wochen in Dachau inhaftiert gewesen – ein Teil der Familie bereitete
die Flucht nach Palästina vor. Doch nicht alle wanderten rechtzeitig aus.
Heinrich, Martha und Sally Schwab wurden ins Konzentrationslager nach
Gurs in Südfrankreich verschleppt. Später wurden sie nach Riga deportiert
und dort ermordet. Dass der Abtransport aus Villingen im Jahr 1940 ganz
öffentlich geschah und dass die Bevölkerung ihn nicht verhindert hat, ist Lisa
Boulton heute noch unbegreiflich.
74 Jahre später wollen viele Bürger öffentlich machen, dass in ihrer Stadt
großes Unrecht geschehen ist. Die Stolpersteinbefürworter haben sich von
der ablehnenden Haltung des Gemeinderats nicht entmutigen lassen. Ganz
im Gegenteil. Sie treffen sich jetzt regelmäßig zum sogenannten Runden
5
Tisch. Es gibt eine wöchentliche Mahnwache, eine Internetseite,
möglicherweise bald einen Verein. Und vielleicht auch einen neuen Anlauf für
die Stolpersteine.
Atmo 5 [Runder Tisch]
Herr Banse – Zwei Dinge, ich würde gerne über das Vorgehen nachdenken,
ob wir uns nicht einteilen, mal mit den Hausbesitzern zu sprechen. Mit der
Absicht, die zu überreden um mit uns einen neuen Antrag an die Stadt zu
stellen….[Blenden aber weiter laufen lassen].
Autorin: Pfarrer Banse hat das Wort ergriffen. Hier im kleinen Kreis der Befürworter
denken sie schon bis zum nächsten Herbst. Eventuell könnte dann wieder
ein Antrag an den Gemeinderat gestellt werden. Neun Befürworter haben
sich zum Runden Tisch im Münsterzentrum zusammengefunden. Darunter
ein evangelischer Pfarrer, ein katholischer Pastoralreferent, ein SPDGemeinderat, ein Lehrer und ein emeritierter Professor. Der Runde Tisch
wirkt auf mich wie ein konspiratives Treffen. Und in der Tat haben die neun
einige – noch geheime – Ideen, wie sie die Stolpersteine doch noch in die
Stadt bringen können. Die Gemeinderäte der CDU und der Freien Wähler
müssen sich auf einiges gefasst machen, denke ich, und Pfarrer Banse
bestätigt das:
O-Ton 11 (Pfarrer Banse)
Ich werde mich mit Sicherheit weiter dafür einsetzten, weil ich denke, das ist
eine wichtige Sache. Es gibt im Jüdischen ein Sprichwort, das heißt,
„Erinnerung ist Zukunft“. Und ich denke, wir tun uns für die Zukunft unserer
Stadt nichts Gutes, wenn wir weiter verdrängen und nicht wahrhaben wollen.
Autorin: Es scheint ganz so, als hätte die Ablehnung der Stolpersteine im
Gemeinderat das Engagement der Befürworter verstärkt und bewirkt, dass
sie sich noch stärker einmischen. Die Gegner reagierten zunächst mit
Missachtung:
O-Ton 12 (Pfarrer Banse)
Also, ich finds schon schwierig, dass Gemeinderäte aus der Fraktion, die das
Christlich im Namen hat, nicht hören, wenn die fünf sozusagen leitenden
Stadtpfarrer einen Vorschlag machen. Das heißt nicht, dass alles was von
Pfarrern kommt, automatisch genehmigt werden muss. Aber ich glaube man
muss es hören und abwägen. Und das habe ich so in der Fraktion leider
nicht erlebt.
Autorin: Allerdings müssen jetzt die Befürworter auf einen Gegenvorschlag der
CDU- Fraktion reagieren. Renate Breuning macht sich für ein Mahnmal in der
Stadt stark, auf das die Namen aller jüdischen Opfer eingraviert werden. Der
Antrag dafür ist bereits gestellt. Ein Mahnmal, das möglicherweise nur
kommt, weil die Gemeinderäte keine Stolpersteine haben wollten?
Mindestens 20.000 Euro sind dafür veranschlagt. Die Stolpersteine hätten
die Stadt keinen Cent gekostet, weil jeder Stein von privaten Paten finanziert
worden wäre. Über diese Ironie kann auch Oberbürgermeister Kubon lachen,
als er mich im Rathaus empfängt. Bei der besagten Gemeinderatsitzung war
ihm allerdings nicht zum Lachen zumute, denn er selbst hatte für die
6
Stolpersteine gestimmt. Trotzdem will er als Stadtoberhaupt jetzt die Wogen
glätten.
O-Ton 13 (OB Rupert Kubon)
Ich bin Oberbürgermeister für die Stadt, und ich bin Oberbürgermeister für
alle Bürgerinnen und Bürger. Und deswegen ist es mir schon ein Anliegen zu
sehen, in welcher Weise man hier zu einer Befriedung kommt. Ich habe,
obwohl ich ganz klar zu meiner Position stehe, auch das große Interesse und
Bedürfnis diejenigen, die die Stolpersteine abgelehnt haben, diese irgendwie
ins Boot zu holen.
Autorin: Doch wie das gelingen kann, weiß Rupert Kubon nicht. Er denkt dabei in
einem Zeitraum von Monaten und Jahren. Zeit, in der die Stadt VillingenSchwenningen voraussichtlich weiter in der öffentlichen Kritik stehen wird.
Bundesweit ist die negative Resonanz groß. Die Taz titelte spöttisch: „Wir
können alles außer Erinnern“, und auch Rupert Kubon hat unangenehme
Briefe bekommen.
O-Ton 14 (OB Rupert Kubon)
Ich kriege eine Reihe von Zuschriften, wo Bürger aus der Bundesrepublik,
mir schreiben: „Ich war in ihrer Stadt, die Stadt ist sehr schön, aber ich
komme jetzt nicht mehr wegen der Stolpersteine.“ Das sind vielleicht jetzt
zehn Briefe. Aber man weiß ja auch, bevor jemand so einen Brief schreibt, so
eine Wirkung natürlich auch bei vielen anderen hinterlassen wird, die keinen
solchen Brief geschrieben haben. Ich bedaure dies sehr, denn aus meiner
Sicht, sind wir durchaus eine Stadt, die sich sehr intensiv mit diesem Thema
auseinandersetzt. (Stimme bleibt leicht oben)
Autorin: Hier hake ich ein. Ist es denn nicht reichlich spät, wenn die Stadt 75 Jahre
nach der Pogromnacht über ein Mahnmal bzw. über eine geeignete Form der
Erinnerung diskutiert?
O-Ton 15 (OB Rupert Kubon)
Es ist beispielsweise so, dass ja auch jährlich anlässlich der
Reichspogromnacht Menschen, die erinnern wollen, zu der Gedenktafel in
die Gerberstraße kommen. Die Zahl ist in jedem Jahr ungefähr
gleichgeblieben.
Autorin: Die Gedenktafel wurde 1978 über einem Brunnen angebracht. Auf ihr steht:
„In dieser Straße befand sich bis zum 09.11.1938 der Betsaal der jüdischen
Gemeinde Villingen, der in der „Kristallnacht“ zerstört wurde. Diese Tafel soll
der jüdischen Mitbürger gedenken, die in der Zeit der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft verfolgt, vertrieben oder getötet wurden.“ Diese
Gedenktafel ist einem Einzelkämpfer zu verdanken. Der aus Berlin
stammende Rudolf Janke kämpfte zwei Jahrzehnte für die schlichte Form der
Erinnerung. Auch ein Gedenkstein am Bahnhof, der an die Deportation der
jüdischen Bevölkerung im Jahr 1940 erinnert, ist nicht das Ergebnis einer
Initiative der Stadt, sondern wurde von der katholischen Jugend aufgestellt.
Für mich sind das Indizien, dass sich der Stadtrat von VillingenSchwenningen nicht mit dem Thema auseinandersetzten will. Doch Rupert
Kubon nimmt seine Gemeinderäte in Schutz. Und differenziert.
7
O-Ton 16 (OB Rupert Kubon)
Es gibt sicherlich eine Reihe von Personen, die das abgelehnt haben, weil es
dort durchaus den Wunsch gibt, sich nicht unbedingt erinnern zu wollen.
Unter dem Gesichtspunkt: Jetzt muss mal Schluss sein. Zitat. Dies gibt’s bei
einigen. Aber das sind nicht alle.
Autorin: Die anderen würden der Erinnerungsarbeit zwar offen gegenüberstehen,
glaubt der Oberbürgermeister, möchten sich aber keine bestimmte Form von
außen vorschreiben lassen. Die Befürworter der Stolpersteine haben daran
Zweifel, z.B. Michael Irion. Ich habe mich mit ihm in seinem Wohnhaus in
Mönchweiler verabredet, einer Nachbargemeinde von VillingenSchwenningen. Vom unbekannten Logistikarbeiter ist er innerhalb weniger
Wochen zu einer bekannten Stadtfigur geworden. Der Grund war ein
Leserbrief im Südkurier.
O-Ton 17 (Michael Irion)
Ich denke Worte und Leserbriefe sind hier genug geschrieben worden und
leider haben diese 18 Gemeinderäte nicht kapiert, was sie mit ihrer
Abstimmung verursacht haben. Ich schlage deshalb am Sonntagabend 19:00
Uhr eine stille Demonstration vor dem Rathaus Villingen mit Kerzen vor.
Sodass die Außenwelt wahrnimmt, dass die Einwohner sich mit dieser
Abstimmung nicht einverstanden fühlen. Bis Sonntag, Michael Irion….
Pause. Das war mein allererster Leserbrief, den ich geschrieben habe in
meinem Leben.
Autorin: Michael Irions Augen funkeln. Mir scheint, der Aufruf zur Mahnwache war
eine ganz persönliche Mutprobe des 53-Jährigen. Weil seine Frau an diesem
Tag krank war, fuhr er alleine in Richtung Villingen. Und rechnete damit, dass
niemand kommen würde.
O-Ton 18 (Michale Irion / Autorin):
Sie haben sich dann ganz alleine auf den Platz gestellt? Was hatten Sie
denn da für ein Gefühl? Ich fuhr mit meinem Auto rein kurz vor sieben und
habe dann schon ein zwei Paare gesehen, die mit Kerzen reinliefen. Und
mein erster Gedanke, vielleicht wird’s doch was. Denn ich hatte nicht damit
gerechnet, dass so eine große Anzahl von Bürgern einfinden werden.
Autorin: Rund 50 Villinger waren gekommen, mittlerweile sind es über hundert, die
jeden Sonntag an der Mahnwache teilnehmen. Michael Irion ist zum
Organisator geworden, meistens spielen Musiker oder es singt ein Chor. Und
es gibt eine Schweigeminute. Trotzdem macht sich Irion keine Illusionen über
die Zustimmung zu der Aktion.
O-Ton 19 (Michale Irion)
Also meine persönliche Meinung ist, dass es in Villingen genau so weiter
geht, wie es jetzt ist, leider. Das ist meine persönliche Einschätzung. Ich hoff‘
nur, dass vermehrt junge Menschen sich für den Gemeinderat aufstellen
lassen, die weltoffener sind, den Villingen braucht auch für eine Politik eine
Weltoffenheit. Die Ablehnung wirft ein schlechtes Licht auf unsere Stadt.
8
Autorin: Zustimmung oder gar Ermutigung von Freunden und Bekannten hat
Michael Irion so gut wie nicht bekommen. Die meisten würden sich nicht
dafür interessieren. Und trotzdem sind einen Tag später wieder über hundert
Menschen zur Mahnwache auf den Platz vor dem Villinger Rathaus
gekommen. Es regnet und stürmt.
Atmo 6 (Platz/ Glocken)
Autorin: Heute spricht der Stadtrat Heinz Lörcher. Er kennt das Schicksal der
Villinger Juden wie kein Zweiter. Schon vor Jahren trug er die
Lebensgeschichte der Vertriebenen und Ermordeten zusammen. Die
Lebensgeschichte der Familie Haberer kann er ohne Manuskript vortragen.
O-Ton 21 (Heinz Lörcher)
Ich möchte Ihnen heute die Familie Haberer vorstellen – Berthold Haberer
war ausgebildet als kaufmännischer Angestellter. Er arbeitete beim
Finanzamt in Villingen. Nur wenige sind Beamte geworden, viele Stellen
waren ihnen versagt.[Ausblenden]
Sprecherin (über O-Ton Lörcher): Viele Hände, die eine Kerze halten, zittern vor
Kälte. Gemeinderäte der CDU und der Freien Wähler sind erwartungsgemäß
nicht gekommen. Heinz Lörcher berichtet, dass Berthold Haberer und seine
Frau Georgine im KZ ermordet wurden. Ihren Sohn Josef hatten sie noch
rechtzeitig nach England schicken können. Doch für den achtjährigen Josef
war das damals keine Rettung, sondern eine schmerzhafte Trennung.
O-Ton 22 (Heinz Lörcher)
Josef Haberer war ja 2009 in Villingen. Als er damals in Villingen war, hat er
berichtet aus seinem Leben. Und hat auch gesagt, dass er über das
Schicksal und die Trennung von seinen Eltern nie weggekommen ist. 20
Jahre lang hat er Alpträume gehabt. Er hat nie das Gefühl verloren, dass er
verlassen wurde. Das Gefühl ist ihm sein Leben lang geblieben. (Pause)
Irion: Im Gedanken an die Familie Haberer legen wir bitte eine
Gedenkminute ein.
Atmo 7 (Auflösung Mahnwache)
Autorin: Nach der Gedenkminute leert sich der Platz in Sekundenschnelle – die
ganze Mahnwache hat keine viertel Stunde gedauert. Michael Irion wirkt sehr
entspannt. Doch es gibt eigentlich keine guten Neuigkeiten. Auf der
Facebookseite der „Initiative VS für Stolpersteine“ hat sich ein Kritiker
geäußert.
O-Ton 23 (Michael Irion)
In Facebook habe ich gestern gelesen, dass ein Gegner der Stolpersteine
schreibt, wenn er durch Villingen läuft, will er seinem Kind nicht zumuten,
dass er über Stolpersteine stolpert und ihn fragt wieso und warum. Das ist
die ganze Argumentation. Und des Weiteren steht noch drin: Am liebsten
würde ich dem Initiator Michael Irion eine auf die Fresse hauen. / Autorin:
Aber Ihnen macht das gar nichts aus? // Nein, am Anfang hatte ich Angst vor
9
der braunen Bewegung in Villingen-Schwenningen, momentan sehe ich das
relativ locker.
Autorin: Lisa Boulton und Ludwig Lazzer sind nicht zur Mahnwache gekommen. Das
lange Stehen in der Kälte wäre für sie zu beschwerlich. Aber dass sie für die
Stolpersteine sind, darf ruhig jeder wissen.
O-Ton 24: (Lisa Boulton/ Lu Lazzer))
Ich kann‘s nicht glauben, dass mans aufgibt. (Lu) Also ich glaub auch. Doch.
Vielleicht nicht so schnell. Aber in absehbarer Zeit…
Atmo 8 (Fußgängerzone)
Autorin: Ludwig Lazzer, genannt Lu, zieht seine schwarze Schildmütze etwas tiefer
ins Gesicht und hängt sich bei seiner Frau unter. Lisa Boulton hat lange Zeit
in Amerika gelebt, bevor sie wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ist. Zu
dieser Heimat gehört ihrer Meinung nach auch die Erinnerung an die
jüdischen Mitbürger von Villingen. Die Stolpersteine würden sie wenigstens
symbolisch zurückbringen.
O-Ton 25 (Lisa Boulton)
Es war ja auch mal von denen die Heimat hier und das würde erinnern. Die
haben hier zuerst einmal als Kind als Erwachsener, egal als was, Heimat
gehabt, wo sie vertrieben worden sind. Und das wäre die Erinnerung. Zum
Beispiel jetzt unsere Kinder, können dann ihren Kindern sagen, gucke mal da
hat mal eine jüdische Familie gewohnt, wo damals vertrieben worden sind,
mitten in der Stadt. Also, ich find, das ist doch wirklich das allerwenigste was
wir machen können.
Autorin: Vor der Gerberstraße 33, vor der Lisa Boulton früher auf ihre Schulfreundin
wartete, würden vier Stolpersteine liegen. Aber keiner würde den Namen
Margarethe Schwarz tragen. Denn Margarethe hat den Holocaust überlebt.
Ihre Eltern hatten sie rechtzeitig mit ihren zwei Geschwistern in die Schweiz
bringen können. Erst nach dem Krieg erfuhr Margarethe, dass sie ihre Eltern,
ihre Tante und ihre Großmutter nie wieder sehen würde. Sie waren aus
Villingen verschleppt und in Vernichtungslagern ermordet worden.
Margarethe und ihre Geschwister wanderten schließlich nach Israel aus.
Eine Einladung nach Villingen lehnten sie 2009 ab – die Erinnerung an ihre
Heimatstadt sei für sie zu schmerzhaft.
10
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
5
Dateigröße
158 KB
Tags
1/--Seiten
melden