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1 I lusive Gemeinde oder wie man Illusion realisiert Referat auf dem

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Inklusive Gemeinde oder wie man Illusion realisiert
Referat auf dem Kirchberg
Jahrestagung
der Diakoniepfarrerinnen und Diakoniepfarrer
aus Baden und Württemberg1
Prof. Ralph Kunz, Zürich
1
Für den persönlichen Gebrauch. Dieses Manuskript ist kein [wissenschaftlicher] Aufsatz. Es sind unkorrigierte
u. fehlerhafte Notizen zum Referat das am Montag 7. Oktober 2013 auf dem Kirchberg gehalten wurde.
1
Liebe Schwestern
Man kann schon mit einer ungeschickten Anrede Menschen exkludieren.
Stellen Sie sich vor, ein Referent spricht penetrant nur Frauen an und vergisst
die andere Hälfte des Menschengeschlechts. Das wäre doch gar nicht fein liebe
Brüder, nicht wahr? Aber gesetzt der Fall man findet eine inklusive
Bezeichnung, sagen wir „Geschwister“, wäre das für den Einen oder die Andere
vereinnahmend, anbiedernd, übergriffig. Es wollen sich nicht alle verbrüdern.
Pardon: vergeschwistern. Wo kämen wir da hin? Dann also lieber: „Sehr
verehrte Damen und Herren!“
Aber dann fragt doch einer und die Kinder? Und die Transgeschlechtlichen?
Und die Tiere? Jetzt übertreibe ich es, klar. Aber wir sind ja unter uns. Und wer
sind wir? ChristenInnen? Profis? TheologInnen? Diakoniebeauftragte? Und
wenn ich „wir“ sage, wer sind dann „die andern“, über die wir reden: Klienten,
Objekte unserer Fürsorge, Assistenzbedürftige, Adressaten, Bürgerinnen,
Kunden, Kirchenmitglieder oder am Ende doch Geschwister?
Das war ein Test. Und das Ergebnis lautet: es gibt keine Bezeichnung, die nicht
ein- oder ausgrenzt. Mit anderen Worten – Inklusion ist Illusion. Man meint, es
bewegt sich etwas, schaut auf die Kirche und stellt fest: „Und sie steht doch!“
Man meint, man hätte bei „uns“ so etwas wie Geschwisterlichkeit und es ist
doch nicht anders als draußen vor der Tür. Man könnte meinen, da sei etwas
Neues im Kommen, und es bleibt doch alles beim Alten. Liebe Geschwister,
machen wir uns nichts vor, bleiben wir auf dem Boden und sind wir realistisch:
die inklusive Gemeinde existiert nicht. Sie ist eine Fiktion, eine Einbildung und
Fantasie – eine Illusion.
Was es hingegen gibt, sind Versuche, Fantastisches zu realisieren und
Menschenmögliches zu erspielen. Siehe, es sprosst! Illusion kommt von illudere
– in-ludere. Die Bedeutung von illudere reicht nach Schullexikon von ins Spiel
werfen über sein Spiel treiben bis zu verhöhnen, täuschen und betrügen. Ich
habe mit Absicht diesen Begriff gewählt und nicht Vision. Vision ist euphorisch,
Illusion ist kritisch. Sie hofft, dass etwas ins Spiel kommt, aber rechnet auch mit
Täuschungen. Und ich hoffe, Sie haben es gemerkt: ich wollte kein Spiel mit
ihnen treiben, sondern einen Ausgangspunkt setzen, für das, was jetzt folgt.
1 „Mitenand-Gemeinde“ – Fallbeispiel einer inklusiven Gemeinde in Kleinbasel
Ich möchte mit dem Fallbeispiel einer Gemeinde einsetzen, die ich aus eigener
Anschauung kenne. Der „Mitenand“ in Kleinbasel ist ein Exempel für inklusive
2
Gemeindepraxis, an dem sich die Chancen und Grenzen inklusiver EkklesiaRealisierung zeigen lassen.
2 Inklusionstheoretische Netze – Theologische Figuren: Ich werde in einem
zweiten Schritt etwas zur Theorie der inklusiven Gemeinde sagen und
theologische Figuren ins Spiel bringen, Figuren, die helfen, die Illusion der
Inklusion zu durchschauen.
3 „Himmel über Berlin“ – Fallbeispiel einer demenzfreundlichen Gemeinde in
Berlin: Dann blende ich ein zweites Beispiel ein, um meine Einsichten einem
Elchtest zu unterziehen. Es handelt sich um eine Gemeinde in BerlinCharlottenburg, die seit einigen Jahren versucht, demenzkranke Menschen und
ihre Angehörige am Gemeindeleben zu beteiligen.
4 Illusionäre Inklusion – Realistische Konklusion: Schließlich versuche ich ein
praktisch-theologisches Fazit mit den Leitfragen: Wie können
inklusionsorientierte Prozesse initiiert werden und wie können Gemeinden
inklusive Praxis entwickeln – nicht nur im Blick auf Menschen mit und ohne
Behinderung, sondern auch im Blick auf arme, psychisch kranke und andere
Menschen? Was ist ein theologisch begründetes Verständnis von Inklusion und
wie kann es in die Gemeinde hinein vermittelt werden?
1 „Mitenand-Gemeinde“ – Fallbeispiel einer inklusiven
Gemeinde in Kleinbasel
1.1 Es war einmal eine „normale Gemeinde“
Es war einmal eine normale Gemeinde in Kleinbasel. Sie litt unter demselben
starken Mitgliederschwund der basel-städtischen Kirche, einem Schwund, der
sich in „Kleinistanbul“ doppelt stark auswirkte, weil viele Türken bzw. Kurden in
dieser Ecke Basels wohnten. Im Quartier gab und gibt es entsprechend immer
weniger Schweizer Familien. Ältere Semester und Studierende leben heute hier
– nicht arm, aber auch nicht wohlhabend. Das Basler Kreuzberg beherbergt
auch viele afrikanische Migranten. Die Asylanlaufstelle ist am Rheinhafen.
Ein kunterbuntes Völkergemisch also mit einem Kirchenvolk, das an
Schwindsucht leidet. 1984 gab es zwar noch eine relativ „intakte“ Gemeinde,
die stark geprägt war von evangelikalen Gruppen. Es war zugleich eine
Personalgemeinde. Man scharte sich um einen frommen Charismatiker. Und als
der ging und der neue Pfarrer kam, kam auch ein anderes Evangelium und es
3
ging nichts mehr. Die Schlüsselpersonen aus der Kerngemeinde wanderten ab.
Die letzten jungen CH-Familien zogen weg.
Was war geschehen? Die Basler Kirche sah sich gezwungen, Geld zu sparen.
Man legte Pfarrämter zusammen. Das war die Weichenstellung. Denn der neue
Pfarrer war auf einmal nicht nur für seine Gemeinde zuständig; er erbte auch
die Prozente des sogenanntes „Ausländerpfarramts“. Das war ursprünglich – in
den 70er Jahren für einige versprengte evangelische Gastarbeiterfamilien aus
Spanien und Italien.
In den 1980er Jahren kamen neue MigrantInnen. Viele galten als sogenannte
Wirtschaftsflüchtlinge. Sie suchten Arbeit und Einkommen. Der Pfarrer und
seine Frau suchten den Kontakt mit der Asylstelle und knüpften Kontakte.
Und sie kamen: die Kurden, die Tamilen und die Afrikaner. In den Gottesdienst
am Sonntagmorgen. Zum Beispiel eine Familie aus Äthiopien. Zaggai mit seiner
Frau und seiner Tochter Jordanos. Jordanos war schwer behindert und im
Rollstuhl. Tesfagabers waren Christen. Sie suchten Anschluss und sie suchten
Hilfe. Und fanden sie in dieser Gemeinde. Oder Pascale. Damals hieß er noch
Dschemal. Ein algerischer Offizier, der in marokanische Gefangenschaft geriet,
gefoltert wurde und über Spanien in die Schweiz geflohen ist. Er ließ sich später
taufen. Oder Ahmed Abdi: ein Eriträer, der in einem Lager aufgewachsen ist.
Oder Süleyman. Ein arabischer Türke aus der Nähe von Antakya. Und mit ihm
eine ganze Handvoll Cousins.
Sie kamen und die anderen – die SchweizerInnen – gingen. Die alte Gemeinde
löste sich auf und eine neue kunterbunte Gemeinschaft entstand. Das war vor
dreißig Jahren. Aus dieser Gemeinde ist der Mitenand enstanden.2
Sie können sich vorstellen, dass diese Unterwanderung durch Migranten, nicht
ohne Nebengeräusche vor sich ging. Es gab böse Artikel in der Lokalzeitung.
Gemeindeglieder beklagten sich, sie fühlen sich fremd in der eigenen Kirche.
Hin und wieder führte die Polizei Razzien durch im Pfarrhaus; es gab auch
einige zwielichtige Figuren, die dort Unterschlupf suchten. Aber trotz aller
2
http://www.rehovot.ch/cms/front_content.php?idcat=57
4
Widrigkeiten und Anfeindungen überlebte die Mitenandgemeinde. Heute wird
sie von der Basler Kirche unterstützt. Es gibt einen Verein, der eine
Lederwerkstatt unterhält und eine multikulturelle offene Kinder- und
Jugendarbeit bezahlt; das Kirchgebäude und Stellenprozente werden von der
Kirche gesponsert. Wichtig ist auch eine Kommunität, die im Quartier lebt. Im
Mitenandhaus wohnt Tham Mang aus Burma mit seiner chinesischen Frau und
Annemarie Senn und Alex aus Senegal, Mechthild aus Deutschland und andere.
Sie leiten die Arbeit heute.3
1.2 Die Inklusion der „Mitenand-Arbeit“
Die Mitenand-Arbeit ist in verschiedener Hinsicht ungewöhnlich und dennoch
geeignet als Fallbeispiel für Inklusion. Ihr Merkmal: sie ist eine Gemeinschaft
der Ungleichen. Sie ist vielfältig. Und das erlaubt Menschen, die nicht ins
Schema passen, anzudocken. Zum Beispiel Heinrich.4 Heinrich ist psychisch
krank. Er kann nicht arbeiten, kann sich nicht ins System eingliedern, gehört
aber auch nicht stationär in eine Klinik. Er lebt von der Fürsorge. Es gibt
Hunderte wie ihn. Im Mitenand hat er eine Heimat gefunden und ist akzeptiert.
Es regt sich niemand auf, wenn er im Gottesdienst aufsteht und seine Ecke
aufsucht. Er ist ein leidenschaftlicher Theaterspieler, der im Eifer des Gefechts
sich auch einmal die Kleider vom Leib gerissen hat – es hat zum Stück gepasst!
– und er ist ein leidlicher Koch.
Was mich der Mitenand lehrt: Inklusion ist kein Programm, sondern Prozess. Es
hat sie niemand verordnet, sie geschieht. Die Gruppe ist groß genug, dass es
nicht eng wird und so übersichtlich, dass niemand untergeht. Es fällt dann auch
einmal auf, dass einer sich nicht mehr duscht. Zum Beispiel Satoshi – ein älterer
japanischer Herr, der nach seiner Scheidung nicht mehr ganz zurecht fand. Zwei
resolute Afrikanerinnen haben ihn überredet, es doch einmal mit Seife und
Wasser zu versuchen. Er ließ es sich gefallen. So geschehen in der
ökumenischen Ferienwoche.
Einmal im Jahr geht man in die Freizeit, mietet ein großes Hotel und füllt es mit
den Mitenandleuten. 250 Menschen, davon 100 Kinder und 30 Nationen. Einige
kommen seit 25 Jahren in diese Woche, die jetzt gerade stattfindet.
In diesen Ferienwochen erlebt und erfährt man auch die Grenzen der
gemischtethnischen Gemeinschaft. Vor allem an den Abenden. Wer sitzt mit
wem? Die Afrikaner mit den Afrikanern, die Türken mit den Türken, die
Äthiopier – unsere größte Gruppe – mit den Äthiopiern. Es ist sehr
anstrengend, sich nicht in seiner Sprache zu unterhalten, es ist manchmal
3
Sie finden einen Bericht zur Mitenand-Arbeit in der Zeitschrift Praktische Theologie.
http://www.fachzeitschriften-religion.de/praktische-theologie/2013/01 Die Lektüre der Ausgabe ist auch
hinsichtlich anderer vorgestellten Gemeinden zu empfehlen.
4
Bias verfremdet.
5
schwierig auszuhalten, dass das Gegenüber kein Geld, keine gültigen Papiere
und vor allem keine Zukunft hat. Inklusion ist kräfteraubend.
Aber dann gibt es diese Lichtblicke – wenn im Gottesdienst der Jesuit und der
reformierte Pfarrer gemeinsam Eucharistie leiten, die Afrikaner zum Fest
trommeln und die Schweizer Kindergärtnerin dazu Alphorn bläst und die
äthiopischen Frauen einen Tanz vorführen – in ihren Trachten und mit
unvergleichlichen Zuckungen.
1.3 Der Gottesdienst und das Sonntagszimmer
Der Alltag der Mitenandgemeinde ist der Sonntag. Es sind nicht 250, die sich
versammeln. Es sind weniger, vielleicht 100, die in Kleinbasel leben und am
Sonntagabend zum Gottesdienst in die Matthäuskirche kommen. Am
Freitagabend „Fellowship“ im Mitenandhaus’ an der Markgräflerstrasse 79 wird
der Gottesdienst vorbereitet. Ein biblischer Text wird von einer internationalen
Theatergruppe gespielt. Wichtig auch: Es gibt ein Essen nach dem Gottesdienst
im Gemeindezentrum. Geleitet wird der Mitenand-Gottesdienst von einem
ökumenischen Team aus Laien und Theologen. Am 1. Sonntag im Monat mit
Abendmahl oder Eucharistie. Benedict Schubert schreibt: „Die „Mitenand“Arbeit in Basel sucht Wege, wie so gemeinsam gefeiert werden kann, dass die
sprachlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Grenzen ihre trennende Kraft
verlieren. Was in den anderen Teilen der Arbeit gelebt wird, soll im
Gottesdienst exemplarisch sichtbar werden: wer da ist, bleibt nicht Zuschauer,
sondern alle sollen das einbringen können, was sie zu bieten haben.“5
Seit rund einem Jahr hat die Mitenandarbeit ein neues Fenster. Eine
großartige Idee. So heißt es auf der Webpage: „Jeden Sonntag steht die
Matthäuskirche durchgehend allen offen, die - kürzer oder länger Gemeinschaft, Gespräche, Essen und Trinken, Gebete und aktives Mitgestalten
erleben möchten. Von Jung bis Alt - alle sind eingeladen und herzlich
willkommen. Schau vorbei!“6
Eine Öffnung ins Quartier und niederschwellige TreffpunktIdee also: denn am Sonntag ist das Bedürfnis bzw. die Not am größten.
Doch der offene Sonntag hat eine Schattenseite. Das Angebot hat sich bei
Randständigen als attraktive Alternative zum Bahnhof herumgesprochen. Das
Programm interessiert mäßig – gesucht wird Wärme und Essen. Für einige der
treuen afrikanischen und türkischen Mitenandgänger ist das ein Ärgernis. Sie
fühlen sich gestört in Ihrer Andacht; sie wollen keine sakrale Gassenküche. Und
die geräuschvollen Essmanieren einiger Gäste sind nicht sehr appetitanregend.
5
6
PrTh 2013/1, 22.
http://www.rehovot.ch/cms/front_content.php?idcat=76&idart=122
6
Vor allem aber sehen sie sich nun in einer Gesellschaft mit den Leuten, mit
denen sie nichts zu tun haben wollen. Einige suchen sie sich einen neuen Ort.
2 Inklusionstheoretische Netze und Theologische Figuren
2.1 Einleitend
Das ist die Mitenandarbeit. Ich habe Ihnen bewusst kein „best practice“Beispiel vorgesetzt. Ich finde übrigens schon die Nomenklatur der
Qualitätsfabrikanten etwas schräg. Es gibt in der Beziehungsarbeit keine
„Klassenbesten“. Aus Superlativen lernt man nichts. Sie frustrieren. Ich glaube
auch nicht, dass wir aus dem Bei-spiel lernen, wie man Inklusion macht.
Inklusive Praxis ist ein Wagnis. Sie bringt sich ins Spiel. Dann spielen sich
Lernerfahrungen ein.
Was aber für jede Gemeindepraxis gilt: man kann immer einiges „besser“
planen, vorbereiten, bereitstellen oder gedanklich präparieren. So verstanden
helfen Praxisbeispiele, Konzepte zu verfeinern und umgekehrt verstehe ich
Theorien als Netze, um die Gemeindewirklichkeit einzufangen.
Ich sage das vorweg, um den Theorieteil einzuleiten und indirekt ein wenig für
das Handbuch zu werben, das Ulf Liedke und ich herausgegeben haben. Von Ulf
Liedke habe ich gelernt, was ich jetzt referiere und wenn Sie es gründlicher
möchten, empfehle ich die Lektüre des Buches und/oder seines Aufsatzes, der
dem, was folgt, zugrunde liefgt. 7
2.2 Drei unterschiedliche Theoriestränge
Inklusion ist ein Schlagwort, ein Reiz- und Zauberwort geworden. Dahinter
stehen aber ganz unterschiedliche Theorien. Eine Klärung ist nötig. An den
Veröffentlichungen der letzten Jahre lässt sich ablesen, dass es mit Blick auf
das Inklusionsverständnis noch erhebliche Divergenzen gibt. Daher erscheint es
mir sinnvoll, die Theoriestränge auseinander zu flechten.
Inklusion und Exklusion werden seit mehr als drei Jahrzehnten in drei sehr
unterschiedlichen Theoriezusammenhängen diskutiert: 1. der Systemtheorie,
2. der Soziologie sozialer Ungleichheit und 3. dem Diskurs um Behinderung und
gesellschaftliche Vielfalt. Diese drei Stränge lassen sich nicht bruchlos
zusammenführen.
7
Das hier Referierte ist weitgehend übernommen von einem überarbeiteten Vortrag von Ulf Liedke im Rahmen der Tagung
„Inklusion?! Aktuelle Forschungsperspektiven der Praktischen Theologie“, die von der Theologischen Fakultät der
Universität Zürich veranstaltet worden ist und vom 6.-8. September 2013 auf dem Monte Verita in Ascona stattgefunden hat.
7
„Der systemtheoretische Inklusionsbegriff bezieht sich darauf, wie in einer
funktional differenzierten Gesellschaft Personen durch soziale Systeme
kommunikativ adressiert werden. Inklusion und Exklusion werden daher als
kommunikative Operationen charakterisiert, die als korrespondierende
Elemente für jede soziale Ordnungsbildung konstitutiv sind. Sie sind sozusagen
ungetrennt und unvermischt. Insbesondere Organisationen fungieren als
„Exklusionsmaschinen“, da sie Zugehörigkeiten, Funktionen und Kompetenzen
selektiv zuweisen. Dagegen besitzen die ausdifferenzierten gesellschaftlichen
Funktionssysteme eine „Tendenz zur Vollinklusion von Bevölkerungen“, da alle
Personen einer Gesellschaft in die Systeme von Recht, Wirtschaft oder Politik
eingeschlossen sind. Selbst Menschen in prekären sozialen Lebensverhältnissen
– z.B. Arbeitslose – gelten als inkludiert, weil sie als solche behandelt und
insofern in Interaktionen als relevant adressiert werden.
Warum ist das relevant?
Einfach gesagt: die systemtheoretische Perspektive beschreibt Ausschluss und
Einschluss als sich gegenseitig bedingende Mechanismen gesellschaftlicher
Formation. Wenn ich es Nicht-Akademikern erkläre: Inklusion und Exklusion
funktionieren wie ein Reißverschluss. Exklusion ist so gesehen nichts Böses.
Rentner sind nicht mehr im Arbeitsprozess oder wer zur Kirche austritt, ist kein
Mitglied mehr.
Eine völlig andere Bedeutung haben Inklusion und Exklusion dagegen in der
Soziologie sozialer Ungleichheit. Hier geht es darum, „den Rissen und
Verwerfungen nachzugehen, die soziale Einbindung in Frage stellen“ und
„neuartige soziale Ungleichheiten zu erkennen. Inklusion und Exklusion sind
hier keine korrespondierenden, sondern kontradiktorische Begriffe. Exklusion
wird als gesellschaftlicher Ausschluss bestimmt. Inklusion bedeutet
demgegenüber gesellschaftliche Partizipation. Sie umfasst die Modi eines
menschenrechtlich charakterisierten Bürgerstatus, der Einbindung sowie die
Teilhabe an sozialen Nahbeziehungen (vgl. Kronauer 2010, 32) bedeutet.
Mit Blick auf exkludierte Menschen ist Inklusion ein Programm. Es geht darum,
die Ungleichheit zu bekämpfen und den Zugang zum gesellschaftlichen Leben
zu ermöglichen. Im Unterschied zum deskriptiven ist dieser Inklusionsbegriff
normativ.
Neben diese beiden Theoriezusammenhänge ist mittlerweile ein dritter
Inklusionsbegriff getreten, der aus dem Diskurs um Behinderung und
gesellschaftliche Vielfalt hervorgegangen ist. Seine Wurzeln liegen in der
Empowerment-Bewegung behinderter Menschen in den USA, die sich
„Selbstbestimmung, rechtliche Gleichheit und Anerkennung … als Bürger“ zum
Ziel gesetzt hat. Aus dieser Bewegung ist die Forderung nach umfassender
gesellschaftlicher Inklusion hervorgegangen. Die UN-Behindertenrechtskonvention spricht von „full and effective participation and inclusion in
8
society“(Art. 3 c). Im Unterschied zur Integration, die sich auf die Eingliederung
von Minderheiten in die Mehrheitsgesellschaft richtet, „wendet sich Inklusion
der Heterogenität von Gruppierungen und der Vielfalt von Personen zu“ und
„vertritt die Vision der Diversität. Es geht weniger darum, dass alle gleich sind,
als um das Recht anders zu sein. Deshalb ist Inklusion auch nicht nur auf
Menschen mit und ohne Behinderung bezogen, sondern zielt auf das
„Miteinander unterschiedlichster Mehr- und Minderheiten“. Im
Bildungsbereich verbindet sich dieses Inklusionsverständnis mit einer
‚Pädagogik der Vielfalt‘, in der zwischen Gleichheit und Verschiedenheit eine
dynamische Balance angestrebt wird.“
2.3 Die kritische Funktion der Theorie
Das längere Zitat bzw. der Ausflug in die Theorie(n) dient in erster Linie dazu,
den Inklusionsbegriff zu klären und ein Hauptmissverständnis zu verhindern.
Pointiert – mit Liedke – ausgedrückt: Die normative Aufladung des deskriptiven
systemtheoretischen Inklusionsbegriffs führt in die Irre. Die sogenannte
„Vollinklusion“ ist normativ verstanden ein ideologisches Konstrukt.
Ich spitze zu: Vollinklusion ist nicht nur unrealistisch, sie ist auch tendenziell
totalitär. Eine Gesellschaft, die eine totale Vergemeinschaftung anstrebt, wird
zum Gefängnis.
Andererseits wäre eine Gesellschaft, die Ein- und Ausschluss aus
Kommunikationszusammenhängen als „naturgegeben“ hinnimmt, unkritisch,
kalt und unmenschlich. Die postulierte Vollinklusion ist ideologisches Trugbild.
Zu sagen, dass niemand aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden kann,
hingegen schlicht zynisch. Sie können in diesen Extremvarianten unschwer die
politische Gerechtigkeitsdebatte und dahinter das sozialistische und liberale
Gesellschaftsmodell wieder erkennen.
Ich halte mich deshalb mit Liedke an den dritten Inklusionsdiskurs. In ihm
stehen Personengruppen mit Marginalisierungserfahrungen im Mittelpunkt.
Inklusion thematisiert die Interaktion der verschiedenen Mehr- und
Minderheiten. Es geht um die Anerkennung von Heterogenität unter Wahrung
der Teilhabe an den gesellschaftlichen Kommunikationsformen, der Gewährung
von Rechten und dem Abbau von Diskriminierung.
Auch hier ist im Hintergrund eine gesellschaftliche Debatte zu erkennen: die
idealisierte Multikulturalität auf der einen und die autoritär verordnete
Leitkultur auf der anderen Seite sind die Pole.
2.4 Theologische Figuren
Aber das sind die großen Zusammenhänge und wir geraten in luftige Höhen.
Kommen wir zurück auf den Boden. Die inklusive Gemeinde ist weder
9
Luftschloss noch religiöser Sonderbezirk. Es geht auch in ihr um das
Zusammenleben unterschiedlicher Mehr- und Minderheiten. Nun gibt es auf
der Ebene theoretischer Konzepte wie Community Care, Supported Living und
Enabling Community Anschlussmöglichkeiten zur Gemeindetheorie. Ich
verzichte an dieser Stelle auf weiteres Theoretisieren und möchte theologische
Figuren einspielen.
Ich rede bewusst von Figuren. Ich könnte auch Metapher, Geschichte oder
Gleichnis sagen. Denn das, was und ein theologischer Zugang eröffnet, ist
zunächst bildhaft fassbar. In der Gemeinde findet die imaginative Aufladung
der Inklusion als identitätsstiftender Prozess statt. Inklusion ist Praxis der
Interaktion der Verschiedenen. So ist es kein Zufall, bildet der Gottesdienst –
im wörtlichen Sinn – das gemeinschaftliche Zentrum der „Mitenand“Gemeinde.
Die Gemeinschaft, die entsteht, lebt aus dem Bildspeicher der Bibel. Sie sieht,
wie Jesus die Exkludierten in die Mitte holt; sie hört, wie Jesus heute türkisch
spricht und seine Jüngerinnen äthiopisch, französisch und schweizerdeutsch –
und sich doch verstehen.
Sie machen Inklusion, indem sie an einem Tisch essen und Gastrecht im
Gotteshaus finden. Inklusion in der Gemeinde ist ein identitätsstiftender
Prozess auf einem transkulturellen gemeinsamen Boden. Das ist keine leere
Luft. Da sind Geschichten der Mütter und Väter. Sie bringen ein Geschehen ins
Spiel – wörtlich als Theater, das man nicht auf Vorrat horten kann, sondern
gewagt und verkörpert werden muss. Diejenigen, die sich darauf einlassen, sind
nicht Objekte einer Hilfehandlung, sondern Subjekte, die sich selbst einbringen.
Sie kommunizieren und interagieren untereinander.
Es ist kein Zufall, wird in dieser Gemeinde der Bibeltext gespielt. Das Spiel ist
nicht nur ein Mittel der Verständigung. Es ist auch eine Möglichkeit der der
Partizipation. Alle dürfen mitspielen. Und es ist allen bewusst, dass die Stücke
eine fantastische Realität zeigen, die den Alltag kontrastiert. Ahmed wird
ausgeschafft, Pascale muss in die psychiatrische Klinik, Sylvia lebt im
Frauenhaus und Kemal ist arbeitslos.
Wenn ich auf die Mitenandgemeinde schaue, erkenne ich in ihr Figuren, die mir
aus dem biblischen Bilderbuch bekannt sind:
 das pfingstliche Kauderwelsch
 eine Gemeinschaft von Wandernden
 ein zentrisches Prinzip – d.h. eine Identität, die nicht auf
Abgrenzung beruht, sondern aus einer gemeinsamen Mitte
entsteht
10
2.5 Bounded, fuzzy und centered set
Sie kennen die Figuren. Ich muss weder Pfingsten noch die communio viatorum
erklären. Wir sind unter uns. Ich will aber den letzten Punkt etwas ausführen.
Das zentrische Prinzip ist in meinen Augen ein geeigneter Schlüssel zum
theologischen Verständnis der Inklusion. Ich beziehe mich auf einen
Anthropologischen Ansatz von Paul Hiebert, Professor am Fuller Seminary,
Pasadena. Er schreibt: „…a centered set is created by defining a center or
reference point and the relationship of things to that center. Things related to
the center belong to the set, and those not related to the center do not.“8
Der Witz dieser Definition erschließt sich, wenn man die anderen „Sets”
dagegen hält. Es gibt ein bounded set und ein fuzzy set. Das Bounded Set ist
das Prinzip des Ein- und Ausgrenzens. Man gehört dazu oder nicht dazu, man
ist draußen oder drinnen. Das Fuzzy Set ist unklar, offen und verwischt. Man
weiß nicht, wer wohin gehört, wo etwas aufhört oder wen man hören soll.
Nichtorte sind sozial undefiniert. In Hongkong picknicken die indonesischen
Hausangestellten am Sonntag in Bahnhöfen – sitzen zu hunderten am Boden,
essen Reis und spielen Karten. In Indien sind Straßen fuzzy – es ist nicht klar,
wo der Rand ist und es ist nicht definiert, wo die Autos nicht fahren dürfen –
mit unter Umständen desaströsen Folgen für Fußgänger.
Unsere Gemeinden haben klare Grenzen. Es sind Pferche. Wer zahlt, ist in der
Organisation, wer das Sagen hat, ist im Zentrum. Die Kerngemeinde gruppiert
sich um die Mitte – in der Regel die Mitarbeiter. Und das kann auch desaströse
Folgen haben, für die, die draußen bleiben.
Unsere Gemeinden sind abgegrenzt, ausgegrenzt und begrenzt. Es sind
soziologisch gesehen geschlossene Gesellschaften und hochschwellige InGruppen. Deshalb ist es nur logisch, [wenn auch nicht theo-logisch], dass
Gemeindeaufbaukonzepte über weite Strecken konzentrisch angelegt sind. Wir
versuchen Menschen in die Mitte zu holen, aber de-finieren die Mitte als
Betrieb, als Kerngemeinschaft der Aktiven.
Das konzentrische ist nicht mit dem zentrischen Prinzip zu verwechseln.
Die Pointe des centered set: es ist eine geistliche Dynamik, die nach innen
zieht. In der gegenwärtigen Debatte um Missiologie wird das zentrische Prinzip
so ausgelegt. Es geht nicht darum, Menschen einzugemeinden, sondern Räume
zu öffnen, die ihnen Zugänge erschließen oder Anschlussstellen zu definieren,
die Partizipation erlauben.
8
Paul Hiebert,
11
Ich habe behauptet, das zentrische Prinzip ist mit guten theologischen Gründen
inklusiv. Auch hier will ich mich mit Stichworten begnügen, weil wir unter uns
sind und sie im Handbuch die systematisch-theologische Verortungen
nachlesen können:
 Christus ist das Haupt der Gemeinde – Jesus ist exzentrischer Messias,
der die verlorenen sammelt und der Heiland, sie zu sich ruft.
 Die Gemeinde als Christi Leib existierend ist eine Gemeinschaft, in der
die Schwachen mittragen – und nicht nur ertragen werden.
 Die Trinität liefert die Grammatik der Figuren geselligen Gottheit, die
unter sich Gemeinschaft ist und sich völlig verausgabt, um mit dem
Menschen Gemeinschaft zu haben.
2.6 Theoretische Kreuzung
Vielleicht ist auch das Theologische einigen von Ihnen etwas zu luftig
geworden.- Lassen wir die Theologoumena. Kommen wir auf den Boden und
halten das Beobachtete ins theoretisch-theologische Fadenkreuz.
Man ahnt es und sieht es an Gemeinden wie Mitenand: die Gemeinschaft der
Vielen stößt an ihre Grenzen. Menschen sind bounded set. Sie sind
Grenzwesen. Weil sie im Unterschied zu Pflanzen keine Wurzeln haben, stoßen
sie ständig auf andere kommunizierende Systeme. Mit Helmut Plessner gesagt:
sie sind in ihrer „Positionalität“ offen und damit auch verwundbar.9 Sie legen
sich fest, indem sie sich abgrenzen, weil sie im Unterschied zu Engeln, nicht
fliegen können. Wir können nicht anders. Und werden nie anders
funktionieren. Das bringt jede Gemeinschaft an ihre Grenzen. Auch die
communio sanctorum.
Klar. Die christliche Gemeinde proklamiert Christus als zentrische Dynamik und
vereinigende Mitte. Aber dann reklamiert die andere Religion oder Ideologie
ihren Grund und Boden. Machen Sie den Test: Gibt es eine christlich definiert
und identifizierte Inklusion, die nicht vereinnahmend, nicht eingemeindend
9
Helmut Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie
(hgg. von G. Dux, O. Marquard, E. Ströker (Hg.), Gesammelte Schriften Bd. 4. Frankfurt 1928/2003.
12
und eingrenzend ist? Können wir im Ernst behaupten, alle Menschen werden
Brüder, wenn wir IHN als Mittelpunkt bezeugen? Und kann man – einmal
abgesehen von den Schwestern – im Ernst von einer Inklusion des dritten Typs
reden – also der partizipativen und diversen Gemeinschaft – wenn in der Mitte
Christus exklusiv gefeiert wird?
Verstehen Sie mich richtig. Ich sage nicht, dass wir IHN durch ein Prinzip
ersetzen sollen oder statt auf den Glauben auf eine offene Spiritualität setzen.
Dann hätten wir handkehrum ein Gespenst statt den Geist.
An diese Grenzen stößt auch die Mitenandgemeinde. Sie ist christlich. Sie ist
nicht missionarisch. Es wird niemand umgekehrt. Die meisten bleiben, was sie
schon vorher waren. Fuzzy oriented. Ahmed sagt es schön. Isa gut, Mohammed
gut. Viel Denken Kopf kaputt.“ Aber manchmal bekehrt sich einer. Zum Beispiel
Dschemal, der heute Pascale heißt. Bevor ich Gefahr laufe, dass Sie mir
zurufen: Inklusion gut, Exklusion gut – viel denken, Kopf kaputt, komme ich
zum dritten Teil – ab in den Himmel über Berlin.
3 Himmel über Berlin – Beispiel einer demenzfreundlichen
Gemeinde in Berlin
3.1 Geschichte und Kontext
Es war einmal eine Gemeinde in Berlin, die war ganz normal bis einige
bemerkten, dass auch Menschen mit Demenz dazugehören. So könnte der
Anfang der Geschichte lauten, die nicht von einem Wunder, aber von einer
Rettung erzählt. Das lässt sich am Beispiel der Luther-Gemeinde in BerlinSchöneberg illustrieren.
Als Ulrich KRATZSCH vor der Jahrtausendwende seine Ämter in der
Gemeindeleitung aufgenommen hat, war die Auflösung dieser
Kirchengemeinde bereits beschlossene Sache. Aus finanziellen Gründen und
wegen des Rückgangs der Gemeindemitglieder hat man sich zu diesem Schritt
entschlossen. KRATZSCH gründete daraufhin das „Geistliche Zentrum für
Menschen mit Demenz und deren Angehörige“.
Die Arbeitsgruppe hat neue Aktivität in die Gemeinde gebracht und die
Gemeinde neu belebt. In der Zwischenzeit musste zwar aus Spargründen die
zur Kirchengemeinde gehörende Luther-Kirche an die American Church Berlin
verkauft werden. Die Mitglieder feiern seither ihre Gottesdienste im großen
Saal des Luther- Kirchengemeindehauses, wo auch Veranstaltungen des
„Geistlichen Zentrums“ – wie zum Beispiel das Alzheimer-Tanzcafé oder der
Alzheimer-Salon – stattfinden. Tatsächlich ist mit dem „Geistlichen Zentrum“
auch eine Spezialisierung der Kirchengemeinde auf die Thematik „Demenz und
Spiritualität“ einhergegangen. Eine Spezialisierung hat aber auch in anderen
13
evangelischen Kirchengemeinden desselben Kirchenkreises stattgefunden.
Zum Beispiel betreibt die die Philippus-Nathanael-Kirchengemeinde in BerlinSchöneberg seit Jahren einen sogenannten „Diakonieladen“. Bei diesem
Projekt werden Bedürftige nicht nur mit Lebensmitteln eingedeckt, sondern
auch diakonisch betreut.
Das ist alles ist nachzulesen in einer Studienarbeit von Christian Zöbeli (MA
Theol), der in Berlin Feldforschung getrieben hat. Sie finden die Arbeit auf der
Homepage des Zentrums für Kirchenentwicklung.10 Es lohnt sich auch, die
Homepage des Geistlichen Zentrums zu besuchen.11
4 Illusionären Inklusion - realistische Konklusion
4.1 Entdiakonisierung und Entgrenzung der Wahrnehmung
Ich komme zum Ende meines Vortrages, aber nicht zu hieb- und stichfesten
Schlussfolgerungen, was zu tun ist. Ich hoffe, es sei auch nicht alles „fuzzy“,
was ich zur Inklusion konkludiere, sondern ein Zentrum erkennbar.
Mein Kollege Ulf Liedke spricht in seinen Beiträgen von der „Entdiakonisierung
der Wahrnehmung“. Es geht nicht um noch perfektere Assistenz und um noch
bessere Integration; es geht nicht um Hilfe an Randständigen und um die
Verlängerung des Mitleids für Zukurzgekommenen. Natürlich muss auch vor
10
http://www.theologie.uzh.ch/faecher/praktisch/kirchenentwicklung/projects/Diskussionsbeitraege.html
11
http://www.glaube-und-demenz.de/gottesdienste.html Das amerikanische Projekt, auf das ich hingewiesen
habe: http://www.foxvalleymemory.org/index.html
14
einem schiefen Bild der Diakonie gewarnt werden: aber die Provokation der
„Entdiakonisierung“ soll auf das Leitmotiv aufmerksam machen, das sich nicht
in der Hilfe erschöpft. Es geht um die heilige Vielfalt der Menschheitsfamilie.
Ich habe das Leitthema aufgenommen und in eine etwas andere Richtung
gezogen mit dem missiologischen Prinzip des Centered Set. Es geht um nichts
weniger als um die „Entgrenzung der Wahrnehmung“ der Gemeinde, weil es in
Christus keine Exkludierten gibt. Und wer Ohren hat zu hören, hört ein wenig
„Systemtheorie“ in dieser grenzwertigen Aussage. Wenn wir nämlich
schnurstracks die Vollinklusion zur Sache der Gemeinde erklären, überspringen
wir die Realität der kulturellen Bindung. Das wiederum ist kein Grund, die
Illusion aufzugeben, dass in Christus weder Jude noch Grieche noch Senegalese
noch Basler ist.
Der gemeinsame identitätsstiftende Boden ist aber kein System, sondern
Gottes Liebe, von der bezeugt wird, dass weder Hohes noch Tiefes noch Engel
noch Mächte trennen; und es ist dann von einer Kraft die Rede, die aus einer
Quelle kommt, die wir nicht fassen können, weil wir begrenzte Wesen sind. Sie
heißt Liebe und sie glaubt alles und hofft alles und duldet alles.
Ich habe versucht, mit der Logik des Centered Set zu argumentieren, dass es in
Christus keine Exkludierten gibt. Und wer Ohren hat zu hören, hört ein wenig
„Systemtheorie“ in dieser grenzwertigen Aussage. Es ist aber nicht irgendein
System, sondern die Liebe Gottes, von der bezeugt wird, dass in Christus weder
Hohes noch Tiefes noch Engel noch Mächte uns von ihr trennen. Und es ist von
einer Kraft die Rede, die aus einer Quelle kommt, die wir nicht fassen können,
weil wir begrenzte Wesen sind. Liebe glaubt alles und hofft alles und duldet
alles. (1. Kor. 13)
4.2 Die Kehrseite
Die Kehrseite ist das Gericht, das wir durch unsere ausgrenzende
Lebenssicherungs- und Erhaltungsstrategie über uns kommen lassen. So
interpretiere ich das Gleichnis vom Großen Gastmahl. Das Bild/Gleichnis
erzählt die Geschichte von Menschen, die sich abwenden wollen. Wir würden
uns selbst betrügen, wenn wir meinen, die Gemeinde Jesu sei etwas, das bei
allen Begeisterung auslöst. Aber es ist nicht an uns, andere zu richten. Letztlich
ist die verweigerte Diversität – das unter sich bleiben wollen – eine Form von
Selbstexklusion, die schon Strafe ist. Man verpasst das Fest.12
12
Ralph Kunz, Inklusiver Gottesdienst in: PTh
15
Das Bild „Gastmahl“ des Schweizer Künstlers Willy
Fries (1907-1980) ist gemalt nach dem II. Weltkrieg
und verarbeitet die Schrecken des Naziterrors (Fries
hat die KZ besucht) und die
Mitschuld der Schweiz, die ihre Grenzen
geschlossen hat.
Es wäre eine Illusion, wenn wir meinen, mit dieser Liebe hantieren zu können,
als ob sie uns zur Verfügung stünde. Das tut sie nicht, aber das soll uns nicht
davon abhalten, uns – mit unseren Macken, Kanten und Hirnrissen – ihr zur
Verfügung stellen und unseren Leib ins Spiel bringen lassen, um das
Menschenmögliche zu tun. Nicht am alle zu umarmen, weil niemand von uns
zum Heiland geboren ist, aber um andern die Türe zu öffnen, die uns umarmen
möchten. Das ist ein vernünftiger Gottesdienst. Das ist die Erneuerung des
Sinns.
Wer Ohren hat zu hören, liebe Geschwister, hört die Predigt.
Das ist auf einer konzeptionellen Ebene gesagt, eine Konsequenz des
zentrischen Prinzips. Es braucht die Verkündigung – auch die des Gesetzes.
Aber so oder so eine, die bildhaft ist und die Imagination des
Menschenmöglichen erlaubt. Das ist nicht hinreichend, aber es genügt. Es
braucht den Gottesdienst. Weil Gott mehr als das Menschenmögliche
versprochen hat.
4.3 Lebenswelt und Inklusion
Wenn Inklusion ein Schlagwort ist, wird Lebenswelt jetzt mein Stichwort. Damit
ist die Herausforderung beim Namen genannt und Attribute wie behindert,
arm, dement oder marginalisiert vermieden. Denn mit diesen Begriffen ist ein
Gefälle vorausgesetzt, die Höhenangst und Schwindel – oben wie unten –
auslöst.
Inklusion ist die Illusion, dass eine Gemeinschaft der Diversen entsteht. Das
Gegenstück dazu ist die Lebensweltprofilierung – die Herausforderung der
heutigen Gemeinde, dass Menschen aus kirchenfernen Milieus für das
Gemeindeleben gewonnen und beteiligt werden können. Auch in dieser
Hinsicht haben wir es mit einer Illusion zu tun.
Ich sehe die Gemeinde deshalb als Ellipse mit zwei Polen. Die Spannung ist
lebenswichtig. Weder können wir alle eingemeinden noch jedem seine Nische
bieten. Wir sollen in der Spannung bleiben und die Balance suchen. Die Illusion
der Inklusion entlarvt die Hybris der exklusiven Fantasie, wir könnten oder
müssten für alle Lebenswelten eine Sondergemeinde bauen – wenn
16
möglich mit Hilfe der Diakonie! Und die Erinnerung an den Stil, Sprache und
Geschmack der Lebenswelten warnt vor dem Missverständnis der
Eintopfgemeinde.
Für die konkrete Gemeindearbeit heißt das, dass wir sowohl Grenzziehungen
als auch Grenzüberschreitungen zulassen müssen. Das gilt für die Gemeinde als
Ganzes wie für ihre Gruppen. Es kann zu neuen Gemeindeformen führen, es
muss auch in der Ortsgemeinde passieren. Es heißt Bergen und Öffnen. Das ist
keine Alternative, sondern ein Gebot der Weisheit.
Aber das alles bliebe graue Theorie, wenn wir nicht nachhaltig und hartnäckig
versuchen, in unseren „Pferchen“ neue Zugänge zu erschließen. Wenn ich recht
sehe, ist die Kirche heute stärker gefordert, lebensweltliche Grenzen zu
überwinden und hinauszugehen. Nicht nur zu den arrivierten Steuerzahlern,
auch zu denen, für die es in einer Sinusstudie gar keine Kategorien gibt, weil wir
„sie“ aus unseren Lebenswelten ausgeschlossen haben. Sie sollen nicht zu uns
kommen, damit sie, die armen Teufel auch ein wenig von unserm Glück
bekommen. Glücklich sind wir, wenn wir merken, dass auch die Prekären
unsere Schwestern und Brüder sind.
4.3 Eccentricity and Embrace
Ich möchte schließen mit einem Modell. Es ist das Modell der Begegnung, das
auf den ersten Blick recht simpel erscheint und auf ein zweites Hinschauen eine
komplexe Tiefenstruktur bereit hält, stammt aus der diakonischen Theologie
von Miroslav Volf mit dem Titel „Eccentricity and Embrace, Identity, Otherness
and Reconciliation“.
Volf spricht nicht von Inklusion, sondern von Umarmung. Das Bild hilft, die
Grundbewegung der Inklusion neu zu sehen. Volf beschreibt sie als
viergestuften Prozess der Umarmung. Erstens Arme auf und warten, bis
zweitens der Andere bereit ist, die Einladung anzunehmen, drittens die
Umarmung als Geste der Liebe und viertens das Loslassen als Ausdruck des
Respekts für die Andersheit des Anderen.
Das ist das Wagnis der Diakonie. Sie wagt, dass der Andere nein sagt, die
Umarmung nicht erwidert oder sie annimmt und dann wieder geht. Theologie
der inklusiven Gemeinde sagt nicht, wie wir das umsetzen können. Sie macht
aufmerksam, dass an anderen Orten Menschen leben und das Wunder
geschehen kann, dass sie „wir“ sagen. Sie sagt, wo wir hingehen könnten. Aber
wir müssen selber gehen. Mit Kurt Marti gesagt:
wo chiemte mer hi
wenn alli seite
wo chiemte mer hi
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und niemer giengti
für einisch z'luege
wohi dass me chiem
we me - zu de angere - gieng
Könnte es sein, dass Christenmenschen dazu gerufen sind, „einisch z’luege,
wohi dass me chiem we me zu de angere gieng?“
Leseempfehlung
Hier vier Titel, die im Handbuch nicht erwähnt sind. Es sind – nicht zufällig –
drei amerikanische/englische Titel. Und es sind keine Artikel, sondern Bücher,
die man bei amazon bestellen kann.
MCFADDEN, Susan/John, Dementia, Friendship, and Flourishing Communities,
Baltimore 2011.
HIEBERT Paul, Anthropological reflections on missiological issues, Grand Rapids
1994.
SWINTON, John, Living in the Memories of God. A practical Theology of
Dementia, Love and the Presence of God among Us, Grand Rapids 2012.
VOLF, Miroslav, Exclusion and embrace : a theological exploration of identity,
otherness, and reconciliation, Nashville 1996.
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