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WOLFGANG BENZ
Geschichte als prägendes Element
I.
Die Bundesrepublik Deutschland wie ihr Parallelstaat DDR definierten sich bis zu ihrer
Vereinigung von den Entstehungsbedingungen her. Der Weststaat verstand sich als allein
legitimer Nachfolgestaat des Deutschen Reiches, legitimiert durch die Demokratisierung
seiner Gesellschaft unter westalliiertem Einfluss, legitimiert durch eine demokratische
Verfassung und durch demokratische Wahl der politischen Repräsentation. Darauf
gründete sich auch der Anspruch, deutsche Belange allein gültig zu vertreten gegenüber
anderen Nationen - ein Anspruch, der mit Hilfe der Hallstein-Doktrin eineinhalb
Jahrzehnte lang gegen die DDR durchgesetzt wurde - und darauf gründete sich die
beanspruchte Vormundschaft der Bundesrepublik über die Bevölkerung der DDR, die der
Lockung des Wohlstands den unmittelbaren Erhalt der Staatsbürgerschaft der
Bundesrepublik nach der "Republikflucht" aus der DDR als attraktive und wirksame
Prämie zufügte.1 Der Oststaat gründete seine Entstehung (als Reaktion auf die
Bundesrepublik) auf den Anspruch, die Lehre aus der Geschichte durch radikale
Erneuerung, d.h. Umgestaltung von Staat und Gesellschaft nach einem anderen, einem
"besseren" sozialistischen Demokratiemodell zu ziehen.2
Das Provisoriumskonzept der Bundesrepublik, wenngleich bald nicht mehr ernst
genommen, stabilisierte den Antagonismus zwischen Oststaat und Weststaat und setzte
die DDR unter zusätzlichen Legitimationsdruck. Die Bundesrepublik hatte mit ihren
ökonomischen Möglichkeiten einen weiteren Anspruch im Kampf um die Legitimation
durch die Schuldenregelung des Deutschen Reiches3 und mit den Abkommen zur
Wiedergutmachung4 des Unrechts am jüdischen Volk erwarb die Bundesrepublik sehr
frühzeitig internationale Reputation, die zwangsläufig die DDR ins Hintertreffen brachte.
Agiert wurden die Gegensätze durch Schuldzuweisungen: Westdeutschland wurde, den
eigenen Fortschritt in der DDR bestätigend, als Hort der Reaktion gebrandmarkt, als Fort-
1
Vgl. Wolfgang Benz: Die Gründung der Bundesrepublik. Von der Bizone zum souveränen Staat,
München 19995; Gerhard A. Ritter: Über Deutschland. Die Bundesrepublik in der deutschen Geschichte,
München 1998; Kurt Sontheimer: So war Deutschland nie. Anmerkungen zur politischen Kultur der
Bundesrepublik, München 1999, Manfred Görtemaker: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von
der Gründung bis zur Gegenwart, München 1999; Wolfgang Benz (Hrsg.): Die Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland, 4 Bde., Frankfurt a.M. 1989.
2
Dietrich Staruz: Die Gründung der DAR. Von der sowjetischen Besatzungsherrschaft zum sozialistischen
Staat, München 1995(3) Hermann Weber: Geschichte der DDR, München 1986, aktualisierte und
erweiterte Neuausgabe 1999; Hermann Weber (Hrsg.): DDR. Dokumente zur Geschichte der Deutschen
Demokratischen Republik 1945-1985, München 1987(3) Ulrich Mählert: Kleine Geschichte der DDR,
München 1999.
3
Hermann J. Abs: Entscheidungen 1949-1953. Die Entstehung des Londoner Schuldenabkommens, Mainz
1991; Christoph Buchheim: Das Londoner Schuldenabkommen, in: Ludolf Herbst (Hrsg.):
Westdeutschland 1945-1955. Unterwerfung, Kontrolle, Integration, München 1986, S. 219-229.
4
Vgl. Constantin Goschler: Wiedergutmachung. Die Bundesrepublik und die Verfolgten des
Nationalsozialismus, 1945-1954, München 1992; Rudolf Huhn: Die Wiedergutmachungsverhandlungen in
Wassenaar, in: Ludolf Herbst/Constantin Goschler (Hrsg.): Wiedergutmachung in der Bundesrepublik
Deutschland, München 1989, S. 139-160.
23
setzung des NS-Regimes mit imperialistischem, revanchistischem und militaristischem
Staatsziel. Als dessen Inkarnation galt Adenauers Staatssekretär Globke, der nicht als der
opportunistische konservative Karrierebeamte wahrgenommen wurde, der er tatsächlich
gewesen war, sondern als fanatischer Nationalsozialist. In diese Rolle versuchte die
DDR-Propaganda auch den 1959 ins Amt gewählten Bundespräsidenten Heinrich Lübke
zu drängen, gegen den als "KZ-Baumeister" eine Kampagne inszeniert wurde. Nach
Möglichkeit wurde gegen jeden Würdenträger der Bundesrepublik Munition aus dem
Arsenal nationalsozialistischer Vergangenheit benützt. Das traf den umstrittenen ersten
Vertriebenenminister Theodor Oberländer ebenso wie später den Bundespräsidenten
Carstens, das erste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik, das der NSDAP angehört hatte.
Für die DDR, die als Klientelstaat der Sowjetunion entstanden war, sind solche
Legitimierungsfeldzüge notwendig gewesen, weil sich der Arbeiter- und Bauernstaat als
von Grund auf antifaschistisches Gemeinwesen präsentieren musste, in dem - im
Gegensatz zur kapitalistischen Bonner Republik - die richtigen Lehren aus
nationalsozialistischer Vergangenheit gezogen waren, gipfelnd nach einer "demokratischantifaschistischen Umwälzung" im Ziel der sozialistischen Gesellschaft. Die gemeinsame
Vergangenheit beider deutscher Nachkriegsstaaten vergrößerte die Schwierigkeiten, die
sie miteinander hatten, denn die Legitimierungsstrategien unter Rückgriff auf historische
Traditionen dienten der gegenseitigen Ausgrenzung.
Goethes 200. Geburtstag 1949 war noch ein Ereignis, das in Ost und West gefeiert wurde,
die Rückkehr Thomas Manns nach Europa mit staatsbesuchähnlichen Auftritten in
Frankfurt am Main und Weimar konnte ebenfalls noch als Gemeinsamkeit gesehen
werden. Aber dann trennten sich die Wege im Rückgriff auf die Traditionen. Für die
westliche Demokratie wurde die Paulskirche als Sinnbild bürgerlicher Demokratie in
Anspruch genommen, in das Geschichtsbild der DDR passte der Bauernkrieg besser.
Thomas Münzer bekam im Osten historisch orientierende Funktion, im Westen galten
Politiker der Weimarer Republik wie Walter Rathenau und vor allem Gustav Stresemann
als demokratische Leitfiguren, auch der katholisch-konservative Kanzler Brüning wurde
in Überschätzung seiner demokratischen Tugenden (welche Illusionen seine Memoiren
dann zerstörten) als Staatsmann verehrt.5
Der "Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" spielte in der
sowjetischen Besatzungszone und dann als Massenorganisation in der DDR eine zentrale
Rolle bei der Festlegung der Leitlinien für den Umgang mit Geschichte. Das
Gründungsmanifest vom Juli 1945 hatte die Überwindung der NS-Ideologie, die
"Wiederentdeckung und Förderung der freiheitlichen, humanistischen wahrhaft
nationalen Traditionen unseres Volkes" (ferner die "Einbeziehung der geistigen
Errungenschaften anderer Völker") als Ziele festgeschrieben. Antifaschistische
Aufklärung bildete über die Gründerzeit hinaus eine wesentliche Aufgabe des
Kulturbunds.6
Die DDR wurde aber vor allem auf die vorbildlichen Errungenschaften der Sowjetunion
fixiert und für die politische Kultur des Arbeiter- und Bauernstaats wurde die Geschichte
der kommunistischen Partei exklusiv ideologisiert. War für die Bundesrepublik der
konservative Widerstand gegen Hitler mit der Apotheose der Verschwörer des 20. Juli
das zentrale Ereignis unter NS-Herrschaft mit Vorbildcharakter, so orientierte die DDR
ihr Geschichtsbild ausschließlich auf den antifaschistischen Widerstand der in der KPD
organisierten Arbeiterklasse.
5
Vgl. Heinrich Brüning: Memoiren 1918-1934, Stuttgart 1970.
Magdalena Heider: Politik - Kultur - Kulturbund. Zur Gründungs- und Frühgeschichte des Kulturbundes
zur demokratischen Erneuerung Deutschland 1945-1954 in der SBZ/DDR, Köln 1993.
6
24
Waren für Westen die bürgerlichen Studenten der "Weißen Rose" Symbolfiguren für ein
besseres Deutschland, auf dessen Tradition man sich berief, so hatte im Osten die
proletarisch kommunistische Herben Baum-Gruppe ikonenhafte Bedeutung in der
Geschichtskultur der DDR. Gehörte die Lektüre des Tagebuchs der Anne Frank in der
Bundesrepublik rum allgemeinen Bildungserlebnis, so waren in der DDR Männer des
Widerstands wie Anton Saefkow (der als Kommunist im Westen ignoriert wurde)
omnipräsent im öffentlichen Diskurs. Im westlichen Nachkriegsdeutschland begann die
intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus mit den Mitteln der
Geschichtswissenschaft parallel zu den Schilderungen der Verfolgung durch ehemalige
KZ-Häftlinge und zu den Beschreibungen des Terrorapparates durch dessen Opfer. Eugen
Kogons "SS-Staat", aus einem Bericht über die Zustände in Buchenwald für die
Amerikaner hervorgegangen und 1947 erstmals als Buch erschienen7, wurde zur
Inkunabel positivistischer Darstellung des nationalsozialistischen Terrors in KZ. Die
Dokumentation der medizinischen Verbrechen, die Gegenstand des Nürnberger
Ärzteprozesses waren, fand erst unter dem Titel "Das Diktat der Menschenverachtung",
dann als "Wissenschaft ohne Menschlichkeit" weite Verbreitung bis zum heutigen Tag.8
II.
Friedrich Meinecke, der Nestor der deutschen Historiker, leitete, fast 84 jährig, 194(1 die
Rückkehr der Geschichtswissenschaft zu humanen Positionen9 - im Sinne der Abkehr
vorn liebedienerischen Antisemitismus, Chauvinismus und Nationalsozialismus-ein mit
seinem Buch "Die deutsche Katastrophe"10, in dem er nach Erklärungen suchte für den
deutschen Sündenfall des Dritten Reiches: "Die deutsche Geschichte ist reich an schwer
lösbaren Rätseln und an unglücklichen Wendungen. Aber dies uns heute gestellte Rätsel
und die beute erlebte Katastrophe übersteigt für unser Empfinden alle früheren Schicksale
dieser Art"11.
7
Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager Berlin-Tempelhuf 1947, .seit
dem zahlreiche Neuauflagen. Der Bericht für das Intelligence Team der Psychological Warfare Division
wurde im Mai 1945 fertiggestellt, vgl, Der Buchenwald-Report. Bericht über das Konzentrationslager
Buchenwald bei Weimar, hrsg. von David A. Hackett, München 1996.
8
Das Diktat der Menschenverachtung. Eine Dokumentation von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke,
Heidelberg 1947; Alexander Mitscherfch/Fred Mielke: Wissenschaft ohne Menschlichkeit. Medizinische
und Eugenische Irrrwege unter Diktatur, Bürokratie und Krieg, Heidelberg 1949. Die Ausgabe des
Abschlussberichts der von den westdeutschen Ärztekammern zum Nürnberger Ärzteprozess entsandten
Kommission erschien auf Beschluss des 51. Deutschen Ärztetags im Oktober 1948 in Stuttgart, die erste
Auflage von 10000 Exemplaren ging ausschließlich an Ärzte. Das Buch erfuhr zahlreiche Neuauflagen,
auch als Taschenbuch, zuletzt unter dem Titel "Medizin ohne Menschlichkeit".
9
Vgl. Karen Schönwälder. Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus,
Frankfurt/New York 1992; Schulin (Hrsg.): Deutsche Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Wettkrieg
(1945-1965), München 1989.
10
Friedrich Meinecke: Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen, Wiesbaden 1946.
11
Ebenda, S. 5.
25
Ein anderer Historiker, eine Generation jünger und aktiver am Geschehen der dunklen
Jahre beteiligt, Gerhard Ritter, veröffentlichte 1949 ein Buch "Europa und die deutsche
Frage"12, in dem er die besseren Traditionen deutscher Vergangenheit beschwor und die
totalitäre Diktatur Hitlers als neues. in Deutschland erst nach dem Ersten Weltkrieg
mögliches und ebenso überraschendes Phänomen wie der italienische Faschismus und der
russische Bolschewismus erklärte. Ritter, der nach dem 20. Juli 1944 als Mitwisser
verhaftet war, bezog auch den Widerstand der konservativen, bürokratischen,
militärischen Eliten gegen den Nationalsozialismus in sein Plädoyer ein. Im Mittelpunkt
der Argumentation stand dieser Widerstand in einem dritten Buch. Hans Rothfels als Jude
vom Königsberger Lehrstuhl vertrieben, hatte 1948 in Chicago eine erste Fassung seiner
Schrift "Der deutsche Widerstand" veröffentlicht, mit der er, aus dem Exil an die
Universität Tübingen berufen, eine Tradition der deutschen Zeitgeschichtsforschung und
der politischen Legitimation der Bundesrepublik Deutschland begründete, nämlich die
Herausarbeitung des beroischen Widerstandes gegen Hitler, verkörpert durch die Männer
des 20. Juli13.
Die Aufarbeitung der Vergangenheit im institutionellen Rahmen karr Ende 1945 in
München ins Gespräch. Der Ort war nicht zufällig gewählt: In der ehemaligen
"Hauptstadt der Bewegung" befanden sieh Archiv und Bibliothek der NSDAP, die in das
"Institut zur Erforschung der nationalsozialistischen Politik" eingebracht werden sollten.
Diskutiert wurde lange und auf vielen Ebenen, wer das Institut tragen sollte, ob es mehr
pädagogischen oder wissenschaftlichen Zielen dienen sollte. Die akademische
Historikerzunft übte Zurückhaltung, die Finanzierung blieb bescheiden und lange Zeit
ungewiss, als das Institut für Zeitgeschichte, wie es seit 1952 heißt, im Mai 1949 in
München die Arbeit aufnahm.14 Neben der Universität war damit immerhin eine
Institution, getragen ab 1950 vom Bund und den Ländern, etabliert, deren Aufgabe es
ausschließlich war, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus öffentlich und
wissenschaftlich zu führen. Trotz des Renommees, das die Wissenschaftler im Laufe der
50er Jahre errangen - durch Veröffentlichungen, als Gutachter vor Gericht, als Vermittler
politischer Bildung - blieb die Institutsgründung doch auch ein Akt der Delegation,
milder die notwendige Beschäftigung mit dem leidigen Gegenstand auf wenige Experten
verwiesen wurde mit der erwünschten Entlastungsfunktion für die Mehrheit, die das
Thema in guten Händen wußte und sieh davon abwenden konnte. Das galt auch lange
Zeit für die Geschichtswissenschaft an den Universitäten.
III.
Länger dauerte die Einrichtung von Gedenkstätten an den Orten der Verfolgung. Die
ehemaligen KZ wurden zunächst für viele Zwecke genutzt. In Dachau wurden 1945/46
Prozesse unter amerikanischer Gerichtshoheit u.a. gegen KZ-Personal geführt, das
Gelände diente als Entlassungsstation für deutsche Kriegsgefangene und als
Flüchtlingslager, bis Mitte der 60er Jahre die Gedenkstätte gegründet wurde. Im
Hamburger KZ Neuengamne wurde in aller Unschuld eine Justizvollzugsanstalt für
12
Gerhard Ritter. Europa und die deutsche Frage. Betrachtungen über die geschichtliche Eigenart des
deutschen Staatsdenkens, München 1949.
13
Hans Rothfels: Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung, Krefeld 1949, zahlreiche
Neuauflagen.
14
Hellmuth Auerbach: Die Gründung des Instituts für Zeitgeschichte, in: Vierleljahrshefte für
Zeitgeschichte 18 (1970), S. 529-554; Wolfgang Benz: Wissenschaft oder Alibi? Die Etablierung der
Zeitgeschichte, in: Wissenschaft im geteilten Deutschland. Restauration oder Neubeginn nach 19459, hrsg.
vom Walter Pehle und Peter Sillem. Frankfurt a. M. 1992, S. 11-25.
26
Jugendliche etabliert; die Spuren kleinerer Lager verschwanden (und mit ihnen für viele
die Erinnerung daran) rasch und gründlich. Das war übrigens keine für die
Bundesrepublik charakteristische Erscheinung, für die DDR gilt dasselbe. Auch dort sind
die "Nationalen Mahn- und Gedenkstätten" Buchenwald und Sachsenhausen erst in den
60er Jahren eingerichtet wurden, nachdem die Konzentrationslager zunächst als
"Speziallager" in Diensten der Sowjetischen Militäradministration bzw. des sowjetischen
Geheimdienstes NKWD zur Internierung und Verfolgung ehemaliger Nationalsozialisten
und anderer politisch Unerwünschter fungiert hatten.15
Im Gefolge der Bewegung der Geschichtswerkstätten und auf Grund lokaler Initiativen
begaben sich seit den 70er Jahren, beeinflusst von der Studentenrevolution von 1968,
aber stärker noch von medialen Anstößen (die Serie "Holocaust" lief 1978 erstmals im
deutschen Fernsehen) Engagierte der nachgeborenen Generation auf Spurensuche am
Heimatort. Den Beifall der Honoratioren fand das kaum, die Älteren neigten eher dazu,
(das Aufdecken und Konkretisieren nationalsozialistischer Verfolgungsorte als
Nestbeschmutzung zu charakterisieren und abzulehnen.
IV.
Nimmt man die Reden des Staatsoberhaupts am Jahresende als Indikator für
Geschichtsbewusstsein und politische Kultur des ersten Jahrzehnts der Bundesrepublik,
so stößt man auf einen erstaunlichen Mangel an Reflexion über die prägenden
historischen Elemente des jungen Staates. Theodor Heuss, der wortmächtige liberale
Literat im Amt des Präsidenten, bemühte sich um die Reanimation bürgerlicher
Tugenden, um die Wiederherstellung von nationaler Würde und Ansehen, von
demokratischem Bewusstsein und appellierte dazu gerne an das geschichtliche Erbe der
Nation, aber den Nationalsozialismus und seine Folgen thematisierte er in seinen
Jahresrückblicken kaum.16
Stärker als die Nachfolger bilanzierte er im Jahrzehnt seiner Amtsführung - was nahe lag
- jeweils die Fortschritte des Wiederaufbaus. Möglicherweise spürte er den Auftrag des
Historikers, der er ja auch war, jedenfalls kann man seine Neujahrsreden auch als eine Art
Geschichte der Bundesrepublik lesen: 1949 gilt seine Sarge den Kriegsgefangenen, 1951
apostrophiert er die "Ohne-mich-Bewegung"17, 1952 konstatiert er, man sei aus dem
ärgsten Dreck heraus, 1953 spielen Flüchtlingslager, Russlandheimkehrer, natürlich der
Arbeiteraufstand des 17. Juni in Ostberlin eine große Rolle, aber auch die Erleichterung
des Demokraten, dass die zweiten Bundestagswahlen das Parlament von Radikalen und
Extremisten gereinigt haben.
15
) Ulrike Puvogel, Martin Stankowski (Bearb.): Gedenkställen für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine
Dokumentation, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bitdung, Bd. I, Bonn 1995. Diesem Band, der
den Bestand auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik dokumentiert, soll ein Bund über die Gedenkstätten
in den neuen Ländern folgen.
16
Die Ansprachen des Staatsoberhauptes im Rundfunk (ab 1964 auch im Fernsehen) zum Jahreswechsel
(ab 1970 zu Weihnachten) sind im Wortlaut abgedruckt im Bulletin des Presse- und Informationsamtes der
Bundesregierung.
17
In der mit dem Koreakrieg ausbrechenden öffentlichen Debatte über die Wiederbewaffnung formierten
sich die Gegner eines westdeutschen Militärbeitrags unter der Parole "ohne mich" Sie beriefen sich auf die
Erfahrung des nationalsozialistischen Militarismus.
27
Die Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich rückt Heuss 1954 in den
Mittelpunkt, als Kristallisationskern nennt er Albert Schweizer, den Urwalddoktor,
Theologen, Bachbiographen und Organisten, der als Elsässer beiden Nationen gehöre.
Silvester 1956 setzt sieh Heuss, mit einem besonders feierlichen Schlussakzent, mit der
"Demolierung Stalins,', dem Ungarnaufstand, der Suezkrise, der Rückkehr des Saarlands
in den deutschen Staatsverband auseinander; er verbindet die Forderung nach der
deutschen Wiedervereinigung mit der Feststellung, sie müsse in eine europäische
Regelung eingebettet werden.
Im folgenden Jahr, 1957, begründet Heuss die Notwendigkeit der Wehrpflicht. wundert
sich über die Hysterie, die der sowjetische Weltraumsatellit "Sputnik" im Westen
ausgelöst hat, erklärt das Nahostproblem aus der "Nachbarschaftsreibung noch junger
Staatsschöpfungen", ohne Israel namentlich zu erwähnen, geht mit der Fesstellung, das
sei "für eine Neujahrsansprache Ireilich ein zu diffiziles Kapitel", zu anderen Themen
über, äußert Grimm über die Regierung in Pankow, wird grundsätzlich als er die gute alte
Geheimdiplomatie mit der das Triestproblem gelöst und die Berlin-Blockade beendigt
wurden, der neuen Öffentlichkeit des zwischenstaatlichen Gesprächs gegenüberstellt.
1958, in seiner letzten Neujahrsrede, ist. von den wachsenden Kohlenhalden und dem
neuen konkurrierenden Energieträger Heizöl die Rede, es geht um die Konvertierbarkeit
der Währungen, urn den gemeinsamen Markt. um Jas immerwährende Berlin-Problem,
das durch Chnischtschows Ultimatum wieder in ein bedrohliches Stadium geriet, um die
Massenflucht aus der DDR. Heuss blickt auf seine Staatsbesuche in den LISA und
Großbritannien zurück, tadelt die Presse für überzogene Kommentare anlässlich
vorgefallener Taktlosigkeiten.
Im Lauf der Jahre hat sieh eine Art Formenkanon der Reden entwickelt, bestimmte
Punkte kommen immer wieder vor, Probleme der wirtschaftlichen und sozialen
Entwicklung - 1953 lehnt Heuss in diesem Zusammenbang den überheblichen Begriff des
"deutschen Wunders" entschieden ab-ebenso der Zustand der Demokratie gegenüber
Bedrohungen des Radikalismus, insbesondere durch rechtsextreme Agitatoren.
Höhepunkte auf kulturellem oder technischem Gebiet, aber auch Katastrophen sind in die
Jahresrückblicke eingeflochten, wie 1952 die Ankündigung des Fernsehens oder 1957 der
Untergang des Segelschiffs Pamir.
Pflicht des Staatsoberhauptes ist es, prominente Verstorbene des abgelaufenen Jahres zu
würdigen. 1952 ist es Kanzler Adenauers Gegenspieler Kurt Schimmeltet, der
Neugründer und Führer der SPD, 1953 Emst Reuter, Westberlins legendärer
Bürgermeister, 1955 sind es Albert Einstein und Thomas Mann sowie die beiden Politiker
der Weimarer Republik Otto Geßler und Otto Braun (bei deren Würdigung sieh die
Zeitgebundenheit. des Weimarer Politikers Heuss zeig), 1958 der Gelehrte Alfred Weber,
der Historiker Walter Goetz, der Schriftsteller Walter von Molo, der Gewerkschafter
Walter Freitag. Man bat den Eindruck, als stünden ihm die Gelehrten, Literaten, Musiker
näher als die Politiker, sie sind jedenfalls mit. größerer Warme geschildert. Erstaunlich ist
der Überschwang, mit dem des Dirigenten und Komponisten Wilhelm Furtwängler 1954
gedacht wird: Die Trauer "wunde für Ungezählte zum einfachen Dank, dass er ihnen in
Stunden der Entrückung die Lebenserhöhung in das Ewige schenkte".18 Das sprach
Heuss, der sieh geweigert hatte, die Festspiele in Bayreuth für Adolf Hitlers
Lieblingskomponisten zu besuchen und der das gerne stolz betonte, ohne zu erwähnen,
dass Furtwängler sich von den Nationalsozialisten hatte verfügbar machen lassen, dass er
sich als Aushängeschild des Dritten Reiches missbrauchen ließ.
Möglicherweise hielt Heuss die Zeit noch nicht für reif, auch die dunklen Seiten anzusprechen, jedenfalls war auch er von der schamhaften Berührungsangst bürgerlicher Hon18
Bulletin, 4. 1.1955, Nr. I, S. 1
28
orität nicht frei, die das Klima der Zeit prägte und das kollektive Schweigen der
Benennung des unangenehmen historischen und konkreten Sachverhalts vorzog. So ist
nie von Juden die Rede, auch nicht 1952, als die immerhin beträchtliche Anstrengung der
Bundesregierung zur materiellen Wiedergutmachung des Völkermords an den Juden
Vertragsform gefunden hatte. Lediglich in einem Nebensatz wird der "Israelvertrag"
erwähnt. 1955, als Heuss des Todes von Albert Einstein gedenkt und an den 100.
Todestag Heinrich Heines erinnert. scheut der Bundespräsident sich, den Hörern zu
sagen, dass diese Männer luden waren und deshalb in Deutschland angefeindet und ins
Exil getrieben worden sind.
Zeitgebunden ist auch die Sprache des Pathetikers in der sich Formulierungen wie
"volkhafter Geschichtsauftrag" finden und zeitgebunden der Patriotismus des deutschen
Bildungsbürgers, der als Demokrat und Liberaler frei von eigener Schuld und
Verstrickung ist, daraus die Kraft schöpfend, ganz arglos von der deutschen Teilung zu
sprechen, die von den grollen Mächten in Kriegspsychose" beschlossen und vollzogen
worden sei, oder die kurzschlüssigen Entscheidungen von Teheran und Jalta zu tadeln,
ohne offensichtlich die (der Antihitlerkoalition zugrunde liegenden Realitäten richtig zur
Kenntnis genommen zu haben.
V.
Bundespräsident. I Heuss war in seiner bildungsbürgerlichen Zurückhaltung gegenüber
der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen typisch für die westdeutsche
Gesellschaft. Mit der ungeliebten Prozedur der Entnazifizierung, mit den als
"Umerziehung" nachträglich geschmähten Bemühungen vor allem der Amerikaner,
bewusstseinsbildend zu wirken, war am Ende der Besatzungszeit das leidige Thema mit
der ominösen Umschreibung "Vergangenheitsbewältigung" zu den Akten gelegt
worden.19
Der grolle Schrecken kam deshalb am Weihnachtstag des Jahres 1959 über die
Bundesrepublik. Die Kölner Synagoge war mit antisemitischen Parolen und
Hakenkreuzen besudelt worden. Die beiden Täter, 23 und 25 Jahre alt, wurden schnell
gefasst und bald verurteilt. Die Publizität, die das Ereignis fand, führte zu einer Welle von
ähnlichen Schmierereien in der ganzen Republik und weit über deren Grenzen hinaus, die
sich erst Ende Januar 1960 verlief, als die Angelegenheit für die Medien keine Nachricht
mehr war. Bis zum 20. Januar hatten die Ereignisse Aktualitätswert gehabt, durch die
Schlagzeilen der Weltpresse, die die Initialzündung der Weihnachtsnacht bis Ende
Dezember ausgelöst hatte, durch den Beginn des Strafprozesses gegen die beiden Täter
(am 5. Januar 1960), durch Demonstrationen (am B. Januar), durch eine Ansprache des
Bundeskanzlers im Deutschen Ferngehen (15. Januar 1960) und durch eine Erklärung des
Bundestagsvizepräsidenten (20. Januar 1960).
Der allen Demoskopen geläufige Eskalationsprozess (Initialereignis - Publizität - vielfach
verstärkte Nachahmung - allgemeine Aufregung) war in Gang gekommen. Aber die
Weihnachtsnacht 1959 und ihre Folgen hatten besondere Qualität, sie zogen
entsprechende Wirkungen im Ausland und Reaktionen amtlicher Stellen nach sich:
Prozessbeginn gegen die Täter innerhalb von vierzehn Tagen nach der Tat,
kultusministerielle Erlasse zur systematischen Belehrung in allen Schulen (ab 13. Januar
19
Dazu umfassend Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NSVergangenheit, München 1996; s.a. Werner Bergmann/Rainer Erb/Albert Lichtblau (Hrsg.): Schwieriges
Erbe. Der Umgang mit Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der
Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt/New York 1995; s.a. Jürgen Danyel (Hrsg.): Die geteilte
Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin
1995.
29
1960) und politische Erklärungsversuche in Gestalt eines "Weißbuchs", das die
Bundesregierung im Frühjahr 1960 veröffentlichte.20 In diesem Weißbuch wurde auch der
Verdacht kultiviert. die Hintermänner der antisemitischen und neonazistischen Umtriebe
säßen in der DDR respektive der Sowjetischen Besatzungszone, wie man damals amtlich
noch lieber sagte.
Die unterschwelligen politischen Beweggründe - NS-Vergangenheit, Missgunst gegen
Empfänger von Wiedergutmachungsleistungen, antidemokratische fremdenfeindliche
Einstellung usw. - waren ebenso nachweisbar und durch Beispiele zu belegen wie die
rechtsextreme Gesinnung von 17 Tätern, denen vielfach entsprechende organisatorische
Bindungen (wie den beiden Kölner Initialtätern, die der rechtsextremen "Deutschen
Reichspartei" angehörten) nachgewiesen werden konnten. Wie aber bewies die
Bundesregierung den inhaltsschweren Vorwort: "Einige der Taten dieser Gruppen wurden
durch kommunistische Täter begangen".21 Mit nicht weniger als drei Beispielen und zwar
folgenden: Zwei von drei Männern, die am 19. Januar 1960 in Lehrte Hakenkreuze, SSRunen und die Parole "Juden raus" geschmiert hatten, waren einmal Mitglieder der FDJ
gewesen und hatten 1951 die.. kommunistischen Weltjugendfestspiele in Berlin besucht.
Der dritte "Kommunist", ein 27-jähriger, der am 19. Januar 1960 in einer Wirtschaft in
Ahlen antisemitische Äußerungen getan hatte, war vor seiner Flucht aus der DDR
Volkspolizist und Funktionär der FDJ gewesen.
Als Hauptargumente des "Nachweises" kommunistischer Täterschaft dienten einzelne
Propagandatorheiten der DDR-Publizistik, etwa des Kalibers, dass die antisemitischen
Ausschreitungen vom Bonner Amt für Psychologische Kriegsführung" im Rahmeneiner
verordneten "Nationalen Welle" verübt worden seien. Konkrete Anhaltspunkte, die über
die Beweiskraft der Tatsache, dass auch die beiden Kölner Initialtäter Vergnügungsreisen
nach Ostberlin und Leipzig unternommen hatten, hinausgingen, konnten nicht angeboten
werden. Für die Instrumentalisierung von Geschichtserfahrung bzw. von historischen
Konnotationen im politischen Kampf des Kalten Krieges ist der Kölner Skandal mit
seinen Folgen ein bemerkenswerter Beleg.22
VI.
Als Folge des Kölner Ereignisses begann in der BRD aber auch eine neue
Sensibilisierung gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit, die ab Mitte der
60er Jahre von Vertretern der jungen Generation (insbesondere Studenten) aufgenommen
wurde. Der Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961) und Strafverfahren in der
Bundesrepublik gegen NS-Verbrecher (Auschwitz-Prozess in Frankfurt a.M., TrehlinkaProzess in Düsseldorf u.a.) trugen dazu bei, dass das Thema wieder öffentlich wurde. Die
Kölner Hakenkreuzschmierereien und ihre Folgetaten hatten aber auch deutlich gemacht,
wie weit die beiden deutschen Staaten voneinander entfernt waren, wie sehr die
gemeinsame Vorgeschichte in Anspruch genommen wurde, um die Gegenseite zu treffen.
Unerlässliche Folge der Vergangenheit war die Notwendigkeit der Verfolgung
nationalsozialistischer Verbrechen. Sie kam in der Bundesrepublik schwerer in Gang,
weil man lange und gerne daran glauben wollte, dass die unter viel Publizität unmittelbar
20
Die antisemitischen und nazistischen Vorfälle. Weißbuch und Erklärung der Bundesregierung, Bonn
1960.
21
Weißbuch, S.41.
22
Vgl. Werner Bergmann: Antisemitismus in öffentlichen Konflikten. Kollektives Lernen in der politischen
Kultur der Bundesrepublik 1949-1989, Frankfurt/New York 1997, S.235-250.
30
nach Kriegsende einsetzenden Prozesse unter alliierter Gerichtshoheit das Problem im
Wesentlichen erledigt hätten. Die Mehrheit neigte auch mehr dem amnestierenden
Schlussstrich zu; die Alternative zur Durcharbeitung der Vergangenheit sei Verjährung
ohne Trauerarbeit, man warte auf das Aussterben der Täter, Mittäter und Mitläufer.
schrieb Margarethe Mitscherlich 197923. In diesem Jahr beschäftigte sich der Deutsche
Bundestag abschließend mit der juristischen Verjährung der nationalsozialistischen
Verbrechen. Das Problem hatte die Parlamentarier insgesamt viermal bewegt und es
bleibt bemerkenswert, wie zu den Debatten von 1960, 1965, 1969 und 11)79 gemeinsame
Grundüberzeugungen quer, durch die Fraktionen artikuliert wurden. Der Bundesminister
der Justiz Ewald Buchei (FDP) plädierte im März 1965 gegen eine Änderung der
Verjährungsfristen, aber er stellte deshalb die moralische Obligation zur
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht in Frage.24) Er wusste sich mit Theodor
Heuss einig in der Ablehnung des Begriffs Kollektivschuld, aber er erinnerte an des
ersten Bundespräsidenten Bekenntnis zur kollektiven Scham und empfahl diene Haltung
als die richtige. Der Sozialdemokrat Adolf Amdt benannte eindrucksvoll die persönlichen
Anteile eines Jeden am gemeinsamen Erbe, auch im Bekenntnis, er wisse sich selbst. mit.
in der Schuld.25 Auch der CSU-Abgeordnete Richard Jäger, gewiss kein Mann des linken
Flügels, engagierte sich ausdrücklich gegen Versuche zur Schuldabwälzung oder
Aufrechnung von Untaten: "Für das zumindest in der Quantität Schlimmste, was im
Dritten Reich verbrochen worden ist, die Millionen Judenmorde, gibt es doch gar keine
Instanz und gibt es überhaupt keine Möglichkeit, aufzurechnen; denn vom jüdischen Volk
ist doch - das muss ausgesprochen werden - ein irgendwie geartetes Verbrechen an
unserem Volk nicht begangen worden"26
Als sich 1969 der Bundestag abermals mit der Materie beschäftigte, waren die
Konstellationen unverändert. Der sozialdemokratische Justizminister Ehmke sagte, bei
der Verjährungsdiskussion gehe es auch darum, dem Deutschen Volk zu helfen, sich von
seelischer Not und Verklemmung zu befreien.27 Der konservative CDU-Abgeordnete
Süsterhenn erklärte, dass es für ein Volk unerträglich sei, mit erkannten, überführten, für
voll verantwortlich erklärten Massenmördern auf rechtsgleicher Basis innerhalb des
freiheitlichen demokratischen Rechtsstaates zusammenzuleben.28
Auch zehn Jahre später, in der Verjährungsdebatte von 1979, wurde ähnlich argumentiert.
Der CDU-Abgeordnete Gradl bekannte sieh von der Oppositionsbank aus zur
Staatsräson: "Wer von uns könnte den Wunsch nicht verstehen, es sollte endlich Schluss
sein damit, das Schreckliche immer wieder wachzurufen, zumal doch eine ganze
Generation nachgewachsen ist, die persönlich überhaupt nichts mit. den Verbrechen zu
tun hat! Wer heute nicht älter als 50 bis 55 Jahre ist, kann persönlich gar nicht an den
Verbrechen beteiligt gewesen sein. Aber wir alle, ob jung oder alt, können nicht aus der
Geschichte unseres Volkes aussteigen."29 Bundeskanzler Helmut Schmidt forderte die
Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich als geradezu verfassungsmäßige Pflicht. Die
freiheitliche
demokratische
Grundordnung
der
Republik
23
Margarethe Mitscherlich-Nielsen: Die Notwendigkeit zu trauern, in: Psyche 33 (1979), S. 981-991.
Ewald Bucher (FDP): Bundestag 10. März 1965, Sen. Ber., S. 8535.
25
Adolf Amdt (SPD): ebenda, S. 8552
26
Richard Jäger (CSU): Bundestag, 25. März 1965, Sten. Ber., S. 8766.
27
Horst Ehmke (SPD): Bundestag, 11. Juni 1969, Sten. Ben, S. 13056.
28
Adolf Süsterhenn (CDU): Bundestag, 26. Juni 1969, Sen. Ber., S. 13556.
29
Johann Baptist Gradl (CDU): Bundestag, 29. März 1979, Sten. Ber. S. 11564.
24
31
werde von einer sehr breiten Mehrheit der Bürger getragen und die Deutschen hätten aus
den Jahren der totalitären Herrschaft und des Krieges Lehren gezogen, aber gleichwohl
könne die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit nicht
beendet werden: "Die Grundwerte unserer Verfassung müssen - auch vor (lern
Hintergrund dieser Vergangenheit - immer wieder, immer wieder neu mit Lehen erfüllt
und immer wieder neu gegen neue Bedrohungen gestärkt werden.30
VII.
Der Vorwurf, die Bundesrepublik der Adenauer-Ara sei ein Restaurationsregime
gewesen31, nährte sich zum Einen aus ihren personellen Kontinuitäten zur Vor-Hitlerzeit:
die Macht- und Funktionseliten des Weststaats orientierten sieh an den ihnen geläufigen
Normen der Weimarer Republik. also an bürgerlich-liberalen, konservativen und
sozialdemokratischen Traditionen. Zum Anderen (auch dies hatte eine lange
Vorgeschichte) war die Abwehr der sozialistischen Positionen, die in der DDR exklusiv
als fortschrittlich propagiert waren, konstitutiv für das Staatsbewusstsein im Westen. Der
in der Propaganda des Kalten Krieges alltäglich ausgetragene Antagonismus der beiden
Systeme instrumentalisierte den Vorwurf reaktionärer faschistischer Militanz in
westlicher Richtung und illegitimer Unterwerfung unter undemokratische, doktrinäre
Herrschaft sowjetkommunistischer Observanz in östlicher Richtung.
Ein Restaurationsregime war die BRD der 50er und 60er Jahre, trotz aller Verkrustung
und trotz ihrer mangelnden Elastizität und Aufgeschlossenheit gegenüber
Modernisierungsideen jedoch zweifellos nicht. "Wiederaufbau", die magische Formel der
ersten Nachkriegsjahrzehnte im Westen, bedeutete nicht nur Rekonstruktion, sondern
auch Verbesserung des - allerdings- institutionell, materiell und ideell Bewährten. Die
Anstrengungen zur Restitution von Rechtsstaatlichkeit, parlamentarischer Demokratie,
Föderalismus und zur Etablierung des Systems der sozialen Marktwirtschaft im Westen
waren keine Restaurationsakte, dafür stand nicht zuletzt die Bereitschaft der Gründer,
gravierende Mängel des Weimarer Demokratiemodells zu vermeiden; das wurde in den
Verfassungsberatungen 1949/49 ernst genommen und erfolgreich praktiziert in
Regelungen wie dem konstruktiven Misstrauensvotum, in der Definition der Rotte des
Staatsoberhaupts und der Parteien.
Die Formierung der bürgerlichen Parteien als Sammlungsbewegungen unter Abkehr von
den alten konfessionellen und teilweise auch ideologischen Festlegungen bedeutete
ebenfalls einen Neubeginn, der nicht unterschätzt werden darf, wem man die Rotte der
nicht wiederkehrenden reaktionären Deutschnationalen Volkspartei, der evangelischen
Mittelstandsparteien, des katholischen Zentrums und der Bayerischen Volkspartei, der
untereinander konkurrierenden rechts- und linksliberalen DVP und DDP und die daraus
resultierende
Mehrheitsunfähigkeit
bedenkt.
Die
Neustrukturierung
der
Gewerkschaftsbewegung, die innovative, den Besatzungsmächten zu dankende
Organisation des Rundfunkwesens in öffentlich-rechtlich verfassten demokratisch und
pluralistisch kontrollierten Institutionen und die ebenfalls alliierter Initiative und
Kontrolle geschuldete Demokratisierung der Presse (die nicht nur die Beseitigung
nationalsozialistischer uniformer Strukturen, sondern auch die Überwindung von
30
Helmut Schmidt (SPD): Bundestag, 29. März 1979, Sten. Ber., S. 11580.
Eine wichtige Rolle für die Restaurationsdebatte in der Bundesrepublik spielten diese beiden Bücher:
Eberhard Schmidt: Die verhinderte Neuordnung 1945-1952. Zur Auseinandersetzung um die
Demokratisierung der Wirtschaft in den westlichen Besatzungszonen und in der Bundesrepublik
Deutschland, Frankfurt am Main 1970; Determinanten der westdeutschen Restauration 1945-1949
(Autorenkollektiv E.-U. Huster, G. Kraiker, B. Scherer, F. K. Schlotmann, Welteke), Frankfurt am Main
1972.
31
32
Defiziten der Weimarer Zeit im Sinne eines demokratischen Pluralismus bedeutete) sind
weitere wesentliche Momente des Neuanfangs.32
Ihnen stehen freilich gescheiterte Reformprojekte wie die strukturelle und
organisatorische Neuordnung des öffentlichen Dienstes (beabsichtigt war die
Abschaffung des Berufsbeamtentums mit seinen Privilegien, Eingangsvoraussetzungen
und Karrieregarantien) oder eine grundstürzende Änderung des Bildungssystems
gegenüber.33
VIII.
Eine im Wortsinne restaurative Tendenz der Adenauerzeit ist allerdings unverkennbar.
Der architektonische Wiederaufbau der westdeutschen Städte geschah überwiegend im
Geist eines Historismus, der sieh (nach einer Phase der Behelfsbauten) auf die
Wiederherstellung des Zerstörten oder ganz Untergegangenen konzentrierte. Eine
Inkunabel war die Wiedererrichtung des ursprünglich gotischen Goethehauses in
Frankfurt am Main zum 200. Geburtstag des Dichters im Jahre 1949, es folgten die
Repliken der mittelalterlichen Rathäuser und Dome, die Restaurierung der Ruinen in
Stuttgart und Würzburg, München und Köln, Lübeck und Hamburg, Nürnberg und
Bremen, zu Schlössern und Kirchen, alten Bürgerhäusern und Stadttürmen in neuer
Pracht, die die zerstörte frühere Herrlichkeit oft übertraf. Die historisierende Idee der
Rekonstruktion verband sich mit der - unausgesprochenen - Sehnsucht nach der
Wiederherstellung einer heilen Welt, nach sinnfälligem öffentlichen Ausdruck der
Überwindung von Zerstörung und Untergang und damit nach einer Art Wiedereinsetzung
in den vorigen Bewusstseinsstand. Mit den Rekonstruktionen waren ja auch Anstöße zur
Erinnerung beseitigt.
Nur in wenigen Fällen wie beim Wiederaufbau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in
Westberlin wurde die Herausforderung angenommen, die Spuren des Untergangs sichtbar
zu halten und in einen nicht historisierenden Neubau einzubeziehen. Zweifellos entsprach
der Wiederaufbau der Westdeutschen Städte in den 50er Jahren und teilweise darüber
hinaus dem Wunsch der Bürger nach Wiederherstellung des Alten, die verbreiteten
Reserven gegenüber nichtgegenständlichen Werken der Bildenden Kunst im öffentlichen
Raum - sie kamen etwa in Bürgerprotesten gegen die. Plastiken von Henry Moore zum
Ausdruck oder in spießigen Anfeindungen gegenüber ungewohnten Ausdrucksformen
künstlerischen Gestaltung. Die klassische Moderne von Picasso bis zum Bauhaus wurde
freilich in der Bundesrepublik rezipiert und bald als Stil bildend empfunden.
32
Vgl. Wolfgang Benz: Erzwungenes Ideal oder zweitbeste Lösung? Intentionen und Wirkungen der
Gründung des deutschen Weststaates, in: Ludolf Herbst (Hrsg.): Westdeutschland 1945-1955, München
1986, S. 135-146.
33
Kurt Garner: Schlussfolgerungen aus der Vergangenheit? Die Auseinandersetzungen um die Zukunft des
deutschen Berufsbeamtentums nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in: Hans-Erich Volkmann (Hrsg.):
Ende des "Dritten Reiches" - Ende des Zweiten Weltkrieges. Eine perspektivische Rückschau, München
1995, S. 607-674; Karl-Heinz Füssl: Bildung und Erziehung, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Deutschland unter
alliierter Besatzung 1945-1949155, Berlin 1999, S. 99-105.
33
IX.
In der DDR war radikalerer Neubeginn verordnet, der sich auch im Bildersturm gegen
Relikte der feudalen Zeit manifestierte. Die Sprengung der Ruinen des Berliner Schlosses
war ein Zeichen; die Beseitigung von Herrensitzen, der Aufbau Dresdens gegen die
historische Architektur hatten Symbolcharakter, dem freilich pragmatische Überlegungen
überall entgegenstanden. So diente Görings monströses Luftfahrtministerium ohne
weiteres der Deutschen Wirtschaftskommission in der Zeit der sowjetischen Besatzung
als Domizil und beherbergte dann als "Haus der Ministerien" zentrale Instanzen der DDR.
Monumente des Bauwillens der sozialistischen Gesellschaft aus den 50er und 60er Jahren
wie die damalige Stalinallee in Berlin, die Architektur von Eisenhüttenstadt, die
Kulturhäuser überall im Land, das Ensemble der FDJ-Hochschule am Bogensee nördlich
von Berlin (auf dem Gelände von Goebbels' Landhaus errichtet und dieses einbeziehend)
folgten den Vorbildern sowjetischer Baukunst und enthielten gleichzeitig Elemente der
ähnlich
monumentalen
faschistisch-nationalsozialistischen
Herrschaftsund
Unterwerfungsarchitektur. Als allgegenwärtiges unwillkommenes Memento prägen die
sowjetischen Soldatenfriedhöfe und die Ehrenmale der Roten Armee unübersehbar die
historische Topographie der DDR, entstanden als Siglen der Gründungsgeschichte nach
dem Zweiten Weltkrieg, wahrgenommen aber vor allem als Zeichen von Fremdherrschaft
und Niederlage. Kunst und Architektur wurden in den Dienst des Aufbruchs zur neuen
Gesellschaft der DDR gestellt, angesichts des dominierenden sowjetischen Vorbilds
bedeutete dies freilich Erstarrung in den ideologisch festgelegten Ausdrucksformen des
Stalinismus und des sozialistischen Realismus und hinsichtlich Architektur und Städtebau
bedeutete es auch das Diktat des Mangels und der jeder Ästhetik fernen Rationalisierung
des Wohnungsbaus.
Mit der Vereinigung (und den damit gegebenen materiellen Möglichkeiten) holte der
Historismus der frühen Bundesrepublik die DDR schließlich ein.34 Wesentliche Signale
sind der Beschluss zum Wiederaufbau der im Februar 1945 vollkommen zerstörten
Frauenkirche in Dresden, deren Trümmer jahrzehntelang als Mahnmal am Boden gelegen
hatten und die noch anhaltende Diskussion um die Rekonstruktion des Berliner Schlosses.
34
Vgl. Wolfgang Benz: Öffentliche Erinnerung. Anmerkungen zur deutschen Geschichtskultur, in: Von der
Aufgabe der Freiheit. Politische Verantwortung und bürgerliche Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert.
Festschrift für Hans Mommsen, hrsg. von Christian Jansen, Lutz Niethammer, Bernd Weisbrod, Berlin
1995, S. 699-705.
34
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Seele and Geist
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