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Das HimmelreicH ist wie … religiöse reDen Über glaube unD toleranz

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Das
Himmelreich
ist
wie
… Religiöse
Reden
Über
Glaube
und Toleranz
Edition St. Matthäus
1
Inhalt
Vorwort
Seite7
Grußwort9
Matthäus 13, 24–30
Markus Dröge1o
Matthäus 13, 31–32Klaus Mertes14
Matthäus 18, 23–34Anba Damian20
Matthäus 25, 1–13
Walter Homolka24
Johannes 12, 24–36
Volker Mihan 30
Matthäus 20, 1–16Ulf-Martin Schmidt46
Matthäus 13, 47–48
Peter Jörgensen52
Matthäus 22, 2–10Kathrin Oxen56
Biografien
62
Impressum
72
Vorwort
Das Himmelreich ist wie … wir wissen es nicht. Bei
besonderen Begegnungen oder berührenden Erfahrungen glauben wir eine Ahnung davon zu bekommen, wie es sein könnte, wenn sich der Himmel auftut, sich das himmlische Jerusalem zeigt. Zeit und
Raum sich verlieren. Hass und Gewalt ­überwunden
sind. Die Gegenwart hingegen tut sich schwer mit
paradiesischen Vorstellungen, die ihren Grund in
biblischen Texten finden. Allenfalls als Spleen zugelassen, sehen sich religiöse Vorstellungen und christlicher Glaube nur allzu schnell dem Verdacht des
Fanatismus und der Intoleranz ausgesetzt. Macht
Glaube intolerant?
Auf dem Weg zum 500. Jubiläum der Reformation
ist das Themenjahr 2013 dem Miteinander von Reformation und Toleranz gewidmet. Mit Blick in die
Vergangenheit ist dies durchaus eine Herausforderung, mit Blick in die Zukunft allerdings bietet es
Platz für eine Toleranz, die den Horizont für die
­Religiosität Anderer weitet und über ein reines Dulden hinausgeht. Die Stiftung St. Matthäus und das
Kultur­büro des Rates der EKD haben im siebenten
Jahr der ­Lutherdekade mit ihrer Predigtreihe dazu
eingeladen, im Lichte biblischer Texte die Grenzen
von Toleranz auszuloten und konfessionelle Verschiedenheiten zu Wort kommen zu lassen. Dabei
haben wir es als ein Geschenk des Himmels empfunden, dass Rabbiner Walter Homolka unserer Einladung gefolgt ist, um im Reigen christlicher Konfessionen aus jüdischer Perspektive Weite und Grenzen
von Toleranz auszuleuchten.
An den Sonntagen zwischen Ostern und Pfingsten
waren Predigerinnen und Prediger verschiedener
Konfessionen eingeladen, mit ihren je eigenen religiösen Prägungen ein Gleichnis Jesu auszulegen. Mit
den Gleichnissen über das Himmelreich aus dem
Matthäus- und Johannes-Evangelium wurde danach
gefragt, wie religiöse Toleranz unter den Bedingungen unserer Gegenwart in einer multireligiösen Stadt
gelebt werden kann.
Wir danken den Predigerinnen und Predigern dafür, in diesen Gottesdiensten ihr ganz persönliches
Verständnis vom Himmelreich in aller Verschiedenund Verbundenheit mit uns geteilt zu haben. Bei allen vielfältigen Vorstellungen des uns Unbekannten
blieb eine Gewissheit: Glaube macht tolerant!
Wir danken allen Autoren, dass sie uns ihre Gedanken
zum Glauben als Beförderer von Toleranz mit ihren
Beiträgen zu diesem Predigtband überlassen haben.
Unser Dank gilt zudem den Musikern, die in den Gottesdiensten mitgewirkt haben, denn nicht nur Sprache und Text sind die Schlüssel zum Paradies, auch
Musik schenkt ihren Hörern eine Ahnung davon.
2013 wurde des 75. Jahrestages der Novemberpogrome und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 gedacht. Die Stadt Berlin setzte mit
dem aus diesem Anlass ins Leben gerufenen Themenjahr Zerstörte Vielfalt und einer Fülle der in diesem
Rahmen stattfindenden dezentralen Veranstaltungen vielfältige Zeichen des Erinnerns. Die Stiftung
St. Matthäus lud aus diesem Anlass den in Paris
­lebenden Künstler Max Wechsler ein, der 1938 als
dreizehnjähriger Junge vor den Nazis nach Paris flüchten musste, um sein Leben zu retten. Seine Raumin­
stallation SIGNUM in der St. ­Matthäus-Kirche lässt
sich verstehen als Gleichnis auf die Wiederherstellung der Lesbarkeit der Welt. Seine großformatigen
Arbeiten thematisieren seine Auseinandersetzung
mit dem Verlust von Sprache als Verlust von eigener,
aber auch kultureller Identität.
Wir danken Max Wechsler für die Möglichkeit, seine Arbeiten in der St. Matthäus-Kirche und die dort
entstandenen Fotografien in diesem Predigtband
präsentieren zu können. Dem unermüdlichen Brückenbauer André Schmitz sei vielmals für sein Grußwort in dieser Publikation gedankt.
Dr. Petra Bahr
Christhard-Georg Neubert
GruSSwort
Der Mensch ist ein misstrauisches Wesen! Wenn
vom Himmelreich die Rede ist, dann zeigt sich sogleich seine Skepsis. Der Philosoph und Mathe­
matiker Karl Popper etwa meinte: »Die Hybris, die
uns versuchen lässt, das Himmelreich auf Erden zu
verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde
in eine Hölle zu verwandeln.« Dabei zeigen uns die
hier im Band versammelten Predigten über Texte
der Evangelisten Matthäus und Johannes, dass das
Himmelsreich ein Gleichnis darüber ist, wie ungerecht und unfair unsere Welt, unser Alltag sein
kann. Etwa wenn ein König einem Schuldner die
Schulden erlässt, dieser wiederum seinen Schuldner
aber erbarmungslos erpresst. Oder die Geschichte
des Herrn des Weinbergs, der seine Arbeiter gleich
belohnt, egal wie viele Stunden diese gearbeitet
hatten. Die Quintessenz könnte lauten: Die Ersten
werden die Letzten sein.
Die Texte öffnen uns die Augen dafür, dass es für
uns Menschen und unser Zusammenleben gut ist,
unser Handeln an dem Verständnis biblischer Gerechtigkeit auszurichten. Der Mensch ist in seiner
Unvollkommenheit aufgerufen, sich selbst zu überwinden: seine Fehler, seine Vorurteile, seine Intoleranz, und sich nicht durch das Böse der Welt anstiften zu lassen. Das ist eine wichtige Botschaft, gerade
2013, in dem sich zum 75. Mal die Novemberpogrome jähren.
Der 9. November 1938 war der vorläufige Höhepunkt nationalsozialistischer Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung von Jüdinnen und Juden
aus dem gesellschaftlichen Leben. Ihm folgte der
deutsche Überfall auf Polen und der Beginn des
Zweiten Weltkrieges, dem über 60 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Und es kam zur Shoah, dem
größten Massenmord der Weltgeschichte an sechs
Millionen europäischen Juden. Durch Gewalt,
­
Gleichschaltung, vorauseilenden Gehorsam, Wegsehen und viel zu wenig Widerstand wurde diese
Vernichtung möglich. Nicht nur in den Zentren der
Macht, an heute wieder symbolischen Orten, sondern auch vor Ort, im Kiez, also in den Häusern, die
wir heute bewohnen.
Um an dieses Ereignis zu erinnern, fand das Berli­
ner Themenjahr 2013 Zerstörte Vielfalt statt. Was
­damals für jeden erkennbar war, sollte im Stadtraum wieder sichtbar gemacht werden. Dauerhaft
durch ­Gedenkorte oder die bekannten Stolpersteine, mit denen an die Deportierten und Ermordeten vor ­ihren letzten Wohnsitzen erinnert wird.
Vieles, was im Rahmen des Themenjahres entstanden ist, wird erhalten bleiben, weitergeführt, mahnen. Neue, beziehungsweise erweiterte Gedenkorte
und historische Markierungen werden ebenso wie
der in diesem Jahr verlegte fünftausendste Berliner
Stolperstein auch künftig die Berliner Geschichtslandschaft bereichern: Berlin ehrt damit den großen
Beitrag, den jüdische Bürgerinnen und Bürger zur
Kultur und Entwicklung unserer Stadt in der Vergangenheit geleistet haben und hält ihn für kommende Generationen wach.
Bringt uns das Gedenken dem Himmelreich auf
Erden näher? Das glaube ich nicht. Aber es ist ein
wichtiger Schritt auf dem Weg zur Toleranz gegenüber den heute wieder bei uns lebenden Juden und
vor allem auch zur Akzeptanz der eigenen dunklen
Geschichte.
Das Himmelreich, von dem uns die folgenden Texte berichten, ist dagegen von einer übergeordneten
Qualität, deren Logik uns Menschen manchmal
verschlossen bleibt. Sollen wir das verstehen? Wir
können und wir müssen es versuchen: Durch Erinnerung an das eigene und das Schicksal der anderen,
und den Willen, das Leben – wo es bedroht ist – zu
schützen und zu fördern.
André Schmitz
Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten
des Landes Berlin
Matthäus 13, 31–32
vom senfkorn
31 Ein anderes Gleichnis legte er ihnen
vor und sprach: Das Himmelreich gleicht
einem Senfkorn, das ein Mensch nahm
und auf seinen Acker säte; 32 das ist das
kleinste unter allen Samenkörnern; wenn
es aber gewachsen ist, so ist es größer als
alle Kräuter und wird ein Baum, sodass die
Vögel unter dem Himmel kommen und
wohnen in seinen Zweigen.
16
Predigt vom 07. o4. 2o13
Klaus Mertes
Liebe Gemeinde,
es ist für mich ein Geschenk, als Jesuit in einer evangelischen Kirche im Rahmen der Vorbereitung auf
das Reformationsjubiläum hier in Berlin sprechen
zu dürfen – und eine Gelegenheit zurückzublicken,
bevor ich einen ökumenisch-jesuitischen Ausblick
wage.
Immer wieder wird behauptet, der Jesuitenorden sei gegründet worden, um die Reformation in
Deutschland zu bekämpfen. Diese Behauptung ist
bis heute von evangelischer wie katholischer Seite
her internalisiert. Selbst in der ersten Jesuitengeneration gibt es Stimmen, die die Gründung des Jesuitenordens als Werk der göttlichen Vorsehung interpretierten, um die Reformation zu bekämpfen.
Jeronimo Nadal, einer der führenden Jesuiten der
ersten Generation, fing schon früh an, diese Idee im
Orden zu verbreiten.
Dabei beginnt die Geschichte des Ordens nicht in
Deutschland, sondern 1521 auf einem Krankenbett
in einem kleinen Schlösschen in Loyola nahe Pamplona. Ignatius von Loyola ließ sich in dieser sechsmonatigen Krankheits- und Genesungszeit auf einen inneren Prozess ein, an dessen Ende der Vorsatz
stand, wie Franziskus und Dominikus zu leben, dabei »den Seelen zu helfen« – also seelsorglich tätig
zu sein – und dies in der Nähe Jesu, also in Jerusalem
zu realisieren. Jerusalem war sein Lebensprojekt.
Der erste Aufenthalt von Ignatius in Jerusalem fand
ein schnelles Ende; er scheiterte am Befremden der
dortigen kirchlichen Oberen über diese seltsame
Gestalt aus Spanien, so dass er in sein Heimatland
zurückkehren musste. Mit der Einsicht, es sei besser
für ihn und für alle Beteiligten, wenn er zunächst
studiere, um seine mystischen Einsichten anschlussfähig zu machen an den theologischen Diskurs seiner Zeit. Doch in all den Studienjahren verlor er
das Ziel Jerusalem nicht aus den Augen, wie die Gelübde von Montmartre von 1537 zeigen. Nur für den
Fall, dass das Projekt scheitern sollte, wolle man sich
der Sendung des Papstes unterstellen, gewissermaßen als Notlösung, als Plan B. Die Überfahrt nach
Jerusalem kam trotz langen Wartens nicht zustande
– wegen der Seekriege mit der Türkei –, so dass sich
die kleine Gruppe um Ignatius 1539 definitiv Plan B
zuwandte und nach Rom ging. Der Papst nahm die
Bitte um Sendung an und begann, die ersten Gefährten in alle Gegenden der Welt zu senden. Um
zu verhindern, dass sich die Gruppe ganz zerstreut,
beschlossen sie, die Gesellschaft Jesu zu gründen.
Was immer man also über die Gründung des Jesu­
itenordens im Verhältnis zur Reformation in
Deutschland sagen mag, so ist doch eines sicher:
Die Blicke von Ignatius und Luther begegneten sich
zu Lebzeiten nicht, sie kreuzten sich nur. Während
der eine spätestens seit 1517 mit festem Blick auf
Rom schaute, blickte der andere von 1521 bis 1540
fest nach Jerusalem. Zu einer ersten bewussten Begegnung zwischen Jesuiten und Reformation kam
es erst, als der Jesuit Peter Faber 1541 nach Deutschland kam. Die Erschütterung über die dortigen Zustände ist dann allerdings mit Händen zu greifen,
wenn man die Texte der ersten Jesuiten in Deutschland liest. Sie betrifft die Verhältnisse in den katholischen Gebieten, denn in die Gebiete der Reformation drangen die Jesuiten erst gar nicht vor. Petrus
Canisius, der erste deutschsprachige Jesuit – der
seinen Weg in den Orden übrigens der Begegnung
mit Peter Faber 1541 in Mainz verdankt – schreibt:
»Allgemein gesprochen möchte ich sagen, dass man
unter den Deutschen vergeblich nach praktischem
Interesse an der Religion sucht. Der Gottesdienst der
Katholiken ist so ziemlich auf das Halten einer ohne
alle Begeisterung vorgetragenen Predigt an Festtagen
beschränkt. Was vom Fasten in der Fastenzeit übrig
geblieben ist, ist bloß der Name. Denn niemand fastet. Ob und wie selten besucht ein Mann die heilige
Messe oder bekundet durch irgendein äußeres Zeichen, dass er noch Freude hat am alten Glauben! Die
Lage ist danach, einem, der sie ernstlich erwägt, das
Herz still stehen zu lassen.«
Kein Zweifel, die Jesuiten gingen von der Prämisse
aus, dass die Reformation heterodox war. Sie lebten
in dem von der Patristik geprägten Begriff der Katholizität, nach dem »kath’ hólon secundum totum«
bedeutet, »ausgebreitet über die ganze Welt«.
»Schismata«, Abspaltungen galten demgegenüber
als lokale Phänomene; in diesem Falle »deutsch«
– und waren deswegen nicht mehr »katholisch«.
Es war für die Jesuiten unvorstellbar, auf Grund einer Differenz in der Interpretation der Rechtfertigungslehre oder auf Grund der Empörung über den
Zustand der Kirche in einem bestimmten Land aus
der Gemeinschaft der über den ganzen Erdkreis
verbreiteten »katholischen« Kirche auszusteigen.
Wir sehen das heute differenzierter, weil das Zweite
Vatikanische Konzil einen neuen Blick auf die »getrennten Schwestern und Brüder« ermöglicht hat,
die wir bis dahin zusammen mit den Jesuiten der
ersten Generationen »Häretiker« titulierten. Die
Geschichte ist ja weitergegangen.
Doch auch die ersten Jesuiten sahen, dass die Ursachen für die Reformation nicht bloß bei den Reformatoren, sondern vor allem in der Kirche selbst
lagen. Diego Lainez, der Ignatius 1556 in der Leitung des Jesuitenordens folgte, predigte 1557 in
Rom, nachdem dort sieben deutsche Soldaten gestrandet waren, offensichtlich Lutheraner. Zuerst
verurteilte er sogar einen »gerechten Krieg« wegen des großen Unglücks, das dieser vor allem bei
Frauen und Kindern anrichtete. Anschließend bat
er um Almosen für die deutschen Soldaten, die aus
einer Nation stammten, die »von unseren Sünden
skandalisiert wurden«. Weiter: »Ich bin kein Lutheraner, aber ich bin der Überzeugung, dass wir für
diese Wirren Anlass gegeben haben durch unseren
Pomp, unsere Wollust, Habsucht, Simonie und dadurch, dass wir die Güter der Kirche für uns selbst
missbraucht haben. Was sollten wir jetzt tun? Wir
können heute wieder herstellen, was wir umgestoßen
und zerstört haben – aber wie sollen wir es tun? Meiner Meinung nach können wir es nicht mit schönen
Worten allein machen oder mit Konferenzen oder
mit ähnlichen Dingen, wenn sie nicht begleitet werden von Taten. Denn es waren Taten eines schlechten
Lebens, mit denen wir Schlechtes angerichtet haben.
Krankheiten werden durch ihr Gegenmittel geheilt.
Deswegen können wir ein gutes Leben führen. Wir
können ein gutes Beispiel geben und damit beginnen,
indem wir diesen Soldaten Almosen geben, so dass sie
Rom getröstet verlassen und Gott preisen für das Erbauliche, dass sie hier empfangen haben.«
»Krankheiten werden durch ihr Gegenmittel geheilt« – das war die Analyse der ersten Jesuitengeneration. Spaltung wird nicht dadurch überwunden, dass man Forderungen an andere stellt,
sondern dadurch, dass man sich selbst verändert. In
diesem Sinne verstanden sich die Jesuiten durchaus
auch als Reformer. Die Reformation war für sie eine
Reak­tion auf die Sünden der Kirche. Gewiss, die antireformatorische Polemik auch der Jesuiten sparte
nicht mit moralisierender Polemik gegen Protestanten. Aber der Ansatz bleibt richtig: Das Kernproblem der Kirche ist ein Problem der Praxis und muss
deswegen vor allem durch Erneuerung der Praxis
gelöst werden. Heute würde man vermutlich vom
»Glaubwürdigkeitsproblem« sprechen. Auch dieses kann nur durch Veränderung der Praxis gelöst
werden, nicht durch Apologetik, Beschwörungen
und Rückzug in die richtige Theorie.
Doch es kann gerade im Land der Reformation,
zumal in Berlin, ein Jesuit in einer evangelischen
Kirche nicht sprechen, ohne zu erwähnen, dass die
Geschichte weitergegangen ist: Am 23. Januar 1945
wurde der Protestant Helmuth James von Moltke in
Berlin-Plötzensee hingerichtet. Ihm folgte am 2. Februar 1945 der Jesuitenpater Alfred Delp. Die Asche
der Leichen wurde auf die Rieselfelder Berlins verstreut. Heute wird ihrer in der katholischen Kirche
Maria Regina Martyrum und in der evangelischen
Plötzensee-Kirche in der Nähe der Hinrichtungsstätte gedacht. Die beiden Kirchen sind verbunden
durch einen gemeinsamen Glockenturm. Der Blick
auf das 16. Jahrhundert zurück soll das nicht ausblenden. Mein persönlicher Traum ist, dass das Jubiläumsjahr 2017 das Thema Widerstand und Ökumene in Deutschland in den Mittelpunkt rückt, weil
hier eine theologisch relevante Einheit gewachsen
ist, nach einem Wort von Johannes Paul II: »Der
Ökumenismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten. Die Gemeinschaft der
Heiligen spricht mit lauterer Stimme als die Urheber
17
18
Predigt vom 07. o4. 2o13
Klaus Mertes
der Spannung.« Für die katholische Kirche bedeutet das, endgültig Abschied zu nehmen von einem
Einheitsverständnis, das die Rückkehr in den status quo ante 1517 fordert, und sich nach vorne hin
auszurichten: Anerkennen, was an sichtbarer Kircheneinheit in Jahrhunderten gewirkt worden ist;
davon ausgehend auf die Anerkennung theologisch
relevanter Kirchlichkeit zuzugehen, bis hin zur gemeinsamem Feier des Abendmahles, statt sie auf
den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben.
Ich habe formuliert: »… gewirkt worden ist.« Der
Widerstand von Katholiken und Protestanten führte zur Überwindung trennender konfessioneller
und gesellschaftlicher Schranken; dies ist die Frucht
des Widerstandes. Der Katholik Philipp von Boeselager formulierte in seinem letzten Interview auf
die abschließende Frage: »Haben Sie noch etwas auf
dem Herzen?« folgendermaßen: »Ich hoffe, ich habe
das klar gemacht. Ich bin als Nicht-Preuße, Anti-Protestant groß geworden und als Anti-Franzose. Meine
Preußenfeindlichkeit hat sich durch Tresckow, Kleist,
Oertzen, Schulze-Büttner und diese Kerle gelegt. Ich
habe dann die richtigen Preußen kennen gelernt. Und
besonders die protestantische Kirche, mit denen wir
verfeindet waren, schätzen gelernt, und ich behaupte
immer, die Ökumene hatte ihren Ursprung im KZ
und im Widerstand.« Es ist wichtig, die Reihenfolge des letzten Satzes
zu betrachten: Nicht die ökumenische Gesinnung
führte in den Widerstand, sondern der Widerstand
brachte die Ökumene hervor. Für Moltke war diese Zusammenführung der Konfessionen nicht nur
ein von Menschen gemachtes religionspolitisches
Ereignis, sondern ein konkretes Wirken des Geistes Gottes in der Geschichte. Nach seinem Prozess vor dem Volksgerichtshof schrieb er an seine Frau: »Und dann wird dein Wirt (»Wirt« ist
die übliche Selbstbezeichnung Moltkes in den
Briefen an seine Frau) ausersehen, als Protestant
vor allem wegen seiner Freundschaft mit Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurch steht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht
als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher –
das ist alles ausdrücklich in der Hauptverhandlung
ausgeschlossen –, sondern als Christ und als gar nichts
anderes … Zu welch einer gewaltigen Aufgabe ist Dein
Wirt ausersehen gewesen: All die viele Arbeit, die der
Herrgott mit ihm gehabt hat, die unendlichen Umwege, die verschrobenen Zickzackkurven, die finden
plötzlich in einer Stunde am 10. Januar 1945 ihre Erklärung. Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der
verborgen war.«
Vom Ende her entschlüsselt sich der Sinn des Ganzen. Moltke, Delp und Gerstenmaier hatten anderes im Sinn, als sie am 9. Januar 1945 dem Volksgerichtshof vorgeführt wurden. Mehrere Monate lang
hatten sie sich im Tegeler Gefängnis auf ihre Verteidigung vorbereitet. Am Abend zuvor wurden ihnen
die Anklageschriften überreicht. Sie lautete generell
auf Hoch- und Landesverrat. Gegnerschaft gegen
den Nationalsozialismus sowie »Defätismus« wurden ihnen nachgewiesen und zur Last gelegt. Der
Vorwurf der Beteiligung am Attentat vom 20. Juli
1944 wurde nicht erhoben. Moltke war seit Januar 1944 in Haft und konnte allein schon deswegen nicht direkt mit dem Attentatsversuch in Verbindung gebracht werden. Er hatte sich zudem im
Gegensatz zu den militärischen und bürgerlichen
Widerstands­kreisen immer gegen einen Anschlag
gestellt; erst müsse Deutschland vollkommen besiegt werden, dann könne etwas Neues entstehen.
Deswegen hatte er im »Kreisauer Kreis« Freunde
mit dem Ziel gesammelt, sich Gedanken über die
gesellschaftliche Ordnung nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands zu
machen. Doch für Freisler bestand unausgesprochen ein innerer Zusammenhang zwischen dem Attentat und dem Gedankengut des Kreisauer Kreises.
Das zeigte sich dann auch im Laufe des ­Prozesses.
Moltkes Verteidigungsstrategie lief darauf hinaus,
alle Kontakte mit dem »Goerdeler-Kreis« so darzustellen, dass ihm eine Mitwisserschaft mit den Attentatsplänen nicht nachgewiesen werden konnte.
Im Unterschied zu den stalinistischen Schauprozessen ging es den Nationalsozialisten bei ihren Prozessen gegen die Widerstandskämpfer auch sehr
darum, den Schein des Rechts zu wahren. So spitzte sich die Situation zwischen Freisler und Moltke
emotional zu, als einzelne Anklagepunkte ins Leere liefen; Moltke wies darauf hin, dass seine Besprechung mit Goerdeler der Polizei und Gestapo
bekannt war. Da »bekam Freisler Tobsuchtsanfall
Nummer eins … Er hieb auf den Tisch, lief rot an wie
seine Robe und tobte: ›So etwas verbitte ich mir, so etwas höre ich mir gar nicht an.‹ Da ich ohne­hin wusste, was rauskam, war mir das alles ganz gleich: Ich sah
ihm eisig in die Augen, was er offenbar nicht schätzte,
und plötzlich konnte ich nicht umhin zu lächeln.«
Es ist eine Situation, die sich zu meditieren lohnt.
Der »eisige Blick« erinnert an die großen geistlichen Konfrontationen der Weltgeschichte, etwa
wenn der Prophet Elija vor König Ahab tritt:
»Hast du mich gefunden, mein Feind?« fragt Ahab
(1. ­Könige 21, 20). Das Lächeln Moltkes gemahnt an
die souveräne Reaktion Christi auf den Machtanspruch von Pilatus: »Du hättest keine Macht über
mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.«
( Johannes 19, 11) Die Machtverhältnisse zwischen
Ankläger und Angeklagtem drehen sich. Moltke
beschreibt diesen entscheidenden Augenblick in
seinem Brief an Freya so: »Ich weiß nicht, ob die
Umsitzenden das alles mitbekommen haben, denn es
war eine Art Dialog – ein geistiger zwischen Freisler
und mir, denn Worte konnte ich nicht viele machen
–, bei dem wir uns beide durch und durch erkannten.
Von der ganzen Bande hat nur Freisler mich erkannt,
und von der ganzen Bande ist er auch der Einzige, der
weiß, warum er mich umbringen muss.«
An dieser Stelle gelangt das verdeckte geistliche Geschehen ans Tageslicht: Die ökumenischen Kontakte Moltkes werden zum neuen Anklagepunkt. Freisler sagt über den Kreisauer Kreis: »Wer war denn
da? Ein Jesuitenpater! Ausgerechnet ein Jesuitenpater! Ein protestantischer Geistlicher. … Kein einziger Nationalsozialist! … Ein Jesuitenpater, und ausgerechnet mit dem besprechen Sie Fragen des zivilen
Widerstandes! Und einen Jesuitenprovinzial kennen
Sie auch, … einer der höchsten Beamten von Deutschlands gefährlichen Feinden …«
Diese Entwicklung der Anklage überraschte auch
Moltke. Doch er empfand sie als Geschenk des
Himmels: »Letzten Ende entspricht diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet dem inneren Sachverhalt und zeigt, dass Freisler eben doch ein guter politischer Richter ist. Das hat den ungeheuren Vorteil, dass
wir nun für etwas umgebracht werden, was wir a. gemacht haben, und was b. sich lohnt … Wir sind nach
dieser Verhandlung aus dem Goerdeler-Mist raus, wir
sind aus jeder praktischen Handlung raus, wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben …
Dass ich als Märtyrer für den Heiligen Ignatius von
Loyola sterbe – und darauf kommt es letztlich hinaus, denn alles andere war daneben nebensächlich –,
ist wahrlich ein Witz, und ich zittere schon vor dem
väterlichen Zorn von Papi, der doch so antikatholisch
war. Das andere wird er billigen, aber das? ... Das
Dramatische an der Verhandlung war letzten Ende
Folgendes: In der Verhandlung erwiesen sich alle konkreten Vorwürfe als unhaltbar, und sie wurden auch
fallen gelassen. Nichts davon blieb. Sondern das, wovor das dritte Reich solche Angst hatte … ist letzten
Ende nur folgendes: ein Privatmann, nämlich dein
Wirt, von dem feststeht, dass er mit zwei Geistlichen
beider Konfessionen, mit einem Jesuitenprovinzial
und mit einigen Bischöfen, ohne die Absicht, irgendetwas Konkretes zu tun, und das ist festgestellt, Dinge
besprochen hat, die zur ausschließlichen Zuständigkeit des Führers gehören.« Hellhörig hört Moltke –
um es in biblischer Sprache zu sagen – das Christusbekenntnis des unterlegenen Satan: »Freisler sagte
zu mir in einer seiner Tiraden: Nur in einem sind das
Christentum und wir gleich: Wir fordern den ganzen
Menschen.«
Es ist eine geistliche Frage, ob die katholischen und
protestantischen Nachfahren in Deutschland diese explizite ökumenische Einheit als Grund für das
Martyrium bloß als Tatsache hinnehmen, oder ob
sie das Ereignis als das ansehen, was es für Moltke,
Delp und viele andere bedeutete: Ein Wirken Gottes in der Geschichte. So gesehen gibt es im Land
der Reformation seit dem 10. Januar 1945 eine von
Gott gewirkte Einheit der Christen, hinter die
Christen nicht mehr zurückkehren können.
19
36
Amen.
61
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Natio­nalbibliothek.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar: http://dnb.d-nb.de
Herausgeber Kulturbüro des Rates der Evan­ge­lischen Kirche in Deutschland (EKD)
Dr. Petra Bahr, Kulturbeauftragte des Rates der EKD
Stiftung St. Matthäus, Kulturstiftung der
Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO)
Christhard-Georg ­Neubert, Direktor der Stiftung St. Matthäus und Kunst­beauftragter der EKBO
Redaktion
Klaus-Martin ­Bresgott, Angelika Beer und Anne-Catherine Jüdes
Etc. pp., Berlin – Ralf Klöden
Druck Fata Morgana, Berlin
Auflage 3oo Stück
Gestal­tung Wir danken Christine Fleurent herzlich für die Bereitstellung der Fotos (Max Wechsler).
Fotos der Ensembles: Frank Heckel und Andreas Schoelzel (Lilienfelder Cantorei Berlin).
Signum. Signaturen – Bildgedächtnis ist ein Ausstellungsprojekt in Kooperation mit der Galerie KunstBüroBerlin (www.kunstbueroberlin.de).
© 2o13 Kulturbüro des Rates der EKD, Stiftung St. Matthäus
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Nutzung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts ist ohne schriftliche Einwilligung
der Herausgeber und Autoren unzulässig.
Printed in Germany
ISBN 978-3-944007-02-1
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Seele and Geist
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