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1 / 2 Verehrte Gäste, Ich weiß wie schwierig es ist, sich dem Thema

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Verehrte Gäste,
Ich weiß wie schwierig es ist, sich dem Thema Reichspogromnacht, Shoah, Holocaust
anzunähern. Zuletzt hat Zentralratspräsident Dr. Graumann gefordert, das Gedenken nicht in Ritualen
erstarren zu lassen, sondern kreativ zu sein, zu experimentieren. (Herr Dr. Schairer hat eingangs
darauf hingewiesen, dass diesmal ein anderer Rahmen versucht wird und ich finde das sehr positiv.)
Und Dr. Graumann hat Recht: Die jungen Menschen haben doch ganz anderes zu tun, als in die
Vergangenheit zu schauen! … das geht den nicht-jüdischen genauso wie unseren Jugendlichen. Wer
erwartungsvoll nach vorne blickt, weil für ihn das Leben doch erst begonnen hat … der schaut nun
mal ungern zurück in diesen wohl tiefsten Abgrund der Menschheitsgeschichte.
Es entspricht jüdischer Tradition, der Toten zu gedenken, damit ihre Namen nicht vergessen sind.
So laden wir heute Abend, 18.00 Uhr, zum traditionellen Gedenken bei uns in die Synagoge ein, die
Toten, die Gedemütigten, die Entrechteten zu ehren, für die in der Nacht vom 9. auf den 10.
November ihre eine Welt zusammenbrach.
Es war wie in einem Horrorfilm: Erst ist die Welt ganz friedlich. Dann ziehen dunkle Wolken auf
und dann geht es nur noch abwärts ins Grauen … so arg groß ist der Unterschied nicht, zu dem,
was Juden, Sinti, Roma und all die anderen verfolgten Gruppen erlitten: 1933 Berufsverbote.
Diskriminierung. Man arrangierte sich. Hörte einfach weg, wenn gehetzt wurde. Verhaftungen? –
Noch kein Massenphänomen. Wer einen Hinweis erhielt, der floh. So wie der Stuttgarter Dr. Fred
Uhlmann, der seinen Häschern zuvorkam und sich nach Paris absetzte. Seine Biografie „Making of
an Englishman“ erschien leider erst sehr spät auf Deutsch, aber beschreibt diese Phase sehr
eindrücklich.
Dann der Schock der Reichspogromnacht. Gebrandschatzte Synagogen, zerstörter Besitz – erste
Morde. Am Folgetag: Eine Inhaftierungswelle. Sämtliche Männer unter 65 werden deportiert ins KZAußenlager Welzheim oder ins KZ Dachau. Zumeist für Monate. In den Zeitungen erscheinen
ganzseitige Anzeigen mit den Konterfeis dieser Männer – versehen mit höhnischen Kommentaren.
Jüdische Kinder durften nicht mehr die öffentlichen Schulen besuchen. Blanke Panik. Wer es sich
leisten konnte … wer ein Visum erhielt … der floh. Dann das Ausreiseverbot im Oktober 41. Am 1.
Dezember 41 die ersten Deportationszüge. Im Osten wartete der Tod. Ghettos. Todesmärsche.
Erschießungskommandos. Vernichtungslager.
Voller Abscheu schauen wir dem Treiben der Mörderbanden des sogenannten Islamischen Staats
zu. Doch haben die Menschen auch solch einen Abscheu vor jenen, die allein 6 Millionen Menschen
ermordeten, weil sie jüdisch waren? Die Millionen Familien kaltherzig auseinander rissen? Die neun
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von zehn jüdischen Kindern in Europa ermordeten – schätzungsweise anderthalb Millionen Kinder …
einfach so?
Haben die Menschen solch einen Abscheu vor den Nazis wie sie ihn vor den Mörderbanden des
IS haben? – Ich zweifle.
Wie viele „Schlussstriche“ wurden in diesen 76 Jahren nicht schon gezogen? – Und wie viele
Schlussstriche mussten wieder „einkassiert“ werden, da die schmerzhafte Erinnerung an das
grausame Geschehen während der Nazi-Herrschaft – für uns jüdische Deutsche wie für die große
Mehrheit der nicht-jüdischen Deutschen! – doch so wichtig, ja entscheidend für unsere Gegenwart
und unsere Zukunft ist … für das Selbstverständnis dieser Gesellschaft und dieses Landes.
Entscheidend !, sind doch Grundgesetz und die Länderverfassungen, seine Eliten und die große
Mehrheit seiner demokratisch gesinnten Bürger vom Willen durchdrungen, einen abermaligen Fall ins
Bodenlose zu verhindern, bereits deren Anfängen zu wehren.
Und dies ist der Fokus, den die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit einnimmt
und bei der man dankenswerter Weise auch seit Jahren versucht, die muslimische Seite verstärkt
einzubinden. Gegründet, um der Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden
zu dienen, ist ihr Angebot „an alle Menschen guten Willens“ gerichtet, die danach trachten, „Vorurteile
und Missverständnisse zwischen Menschen verschiedener rassischer, nationaler und religiöser
Herkunft zu beseitigen [… und] die Zusammenarbeit im Geiste gegenseitiger Achtung und
gemeinsamer bürgerlicher Verantwortung zu fördern“.
Welches Datum wäre besser geeignet, um wach zu rütteln, als dieses Datum?
Dieses Datum, an dem die Welt der jüdischen Menschen zusammenbrach und sich in einen
einzigen Horror verwandelte, dem nur D I E jenigen entkommen konnten, denen die Flucht
rechtzeitig gelang oder nach unermesslichem Leid später nicht verstanden, warum ausgerechnet
S I E es waren, die überlebt hatten.
Dr. Schairer hat vorhin zu Recht gesagt, dass sich junge Menschen heute nicht mehr vorstellen
können, was es heißt, unter einer Diktatur zu leben. Wir alle sollten daran denken, das keine einzige
Freiheit, kein Recht ohne Kampf errungen wurde. Unsere Freiheit und unsere Rechte sind keine
Selbstverständlichkeit – wir sollten ständig daran denken.
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Seele and Geist
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